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NEUE FILME KRITIKEN sischen Western oder seiner psychologisierenden Nachfolger unterscheiden. Und es sind die oft unglaublich komischen Dialoge, mit denen Taylor Sheridan die Figuren nicht nur von den üblichen Outlaws abrückt, sondern dem ganzen Film einen Ton verleiht, der beständig zwischen Realismus und Ironie balanciert. Das eigentliche Kunststück jedoch, warum die Hintergründigkeit der Story so verblüffend gut funktioniert, ist die Erfindung der Kontrastfigur des alten Texas Rangers, den Jeff Bridges mit lustvoller Profanität und frustrierter Abgeklärtheit zu einem gleichwertigen Antipoden in einer an Gegensätzen reichen Umgebung macht. Franz Everschor BEWERTUNG DER FILMKOMMISSION

Zwei Brüder aus West-Texas wollen durch Banküberfälle an Geld gelangen, um ihre Hypotheken zu bezahlen und den Zugriff der Kreditinstitute auf ihr Land zu verhindern. Der vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Wirtschaftskrise angesiedelte moderne Western verbindet Genreelemente mit einem kritisch-sarkastischen Blick auf die ländlichen USA nach dem Bankencrash 2008. Spannend, ironisch und enthüllend zugleich, wirft der vorzüglich inszenierte und gespielte Film ein scharfes Schlaglicht auf die drohende Relativierung von Gesetz und Moral in einer von Verzweiflung diktierten sozialen Situation. – Sehenswert ab 14.

HELL OR HIGH WATER Scope. USA 2016 Regie: David Mackenzie Darsteller: Jeff Bridges (Marcus Hamilton), Chris Pine (Toby Howard), Ben Foster (Tanner), Gil Birmingham (Alberto Parker), Katy Mixon (Jenny Ann) Länge: 102 Min. | Kinostart: 12.1.2017 Verleih: Paramount | FSK: ab 12; f FD-Kritik: 44 399

Wild Plants Doku-Essay

Ein Hund schlittert auf dem Eis. Hände buddeln in der Erde. Blätter wehen über eine Schneedecke. Ein Baum stürzt um. Pflanzen bahnen sich ihren Weg durch den Asphalt. Verlassene Häuserruinen. Mehr als zehn Minuten vergehen ohne ein gesprochenes Wort. »Wild Plants« funktioniert zunächst als reiner Impressionismus. Nur Bilder und Töne: von Pflanzen, Landschaften, Tieren, aber auch von den Grenzbereichen zwischen Natur und Urbanität; in der Ferne hört man Polizeisirenen, einen Güterzug. Ein »Life in the woods«, wie es der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau propagierte, der im Abspann unter »special appearance« auftaucht, sieht 170 Jahre später eben doch erheblich hybrider aus. Der Filmemacher Nicolas Humbert zeigt verschiedene Menschen, die mit, in und von der Natur leben, die sich als Teil eines größeren Kreislaufs sehen, als Kompost, wenn man so will: »transform« ist das Schlüsselwort. In der Exposition sieht man die Protagonisten, Mitglieder des französisch-helvetischen Landwirtschaftskollektives »Les Jardins de Cocagne«, einen Guerilla-Gärtner aus Zürich, die Betreiber eines urbanen Gartens in Detroit sowie den Lakota Sioux Milo Yellow Hair, schwei-

gend in die Kamera blicken. Dabei handelt es sich weniger um Porträts im klassischen Sinn als vielmehr um »Naturbetrachtungen«: die zerfurchten Gesichter werden mit keiner anderen Haltung als Mohnpflanzen oder ein paar Regenwürmer gezeigt. »Wild Plants« ist deshalb nur bedingt eine Dokumentation. Humbert führt zwar Interviews, aber es gibt keine übergeordnete Frage und schon gar keine auf Dialektik ausgerichtete Betrachtungsweise, die den Film antreiben würde. Wobei »antreiben« eigentlich der falsche Begriff ist. »Wild Plants« ist vielmehr ein Film, der sich treiben lässt. Und er folgt ganz dem Prinzip der Entschleunigung, das einer der Gärtner als Maxime formuliert. In einem Garten mitten in der ausgebluteten Industriestadt gräbt Andrew mit einem Helfer im Kompost. Ob er lieber als Erdbeere oder Pfirsich wieder auf die Welt kommen wolle, fragt Humbert den jungen Mann, und erhält »Nicht speziell« zur Antwort. Maurice Maggi ist »im Pakt« mit Pionierpflanzen, die besondere Anpassungskräfte für die Besiedelung neuer, noch vegetationsfreier Gebiete besitzen. Mitten in der Nacht macht er sich mit Hacke und Plastiksack auf den Weg durch die Stadt, um Samen von Malven und Kürbissen am

Straßenrand und auf Verkehrsinseln auszusäen. Seine Aktionen sieht er als gesellschaftspolitische Arbeit. Er spricht von Widerstand, von Avantgarde, Subkultur und von Gesinnungsgenossen (gemeint sind die Pionierpflanzen). Eine mit Markierungen übersäte Karte von Zürich zeigt, wie sich seine Aktions-Orte zu einem dichten Netz formieren. Milo Yellow Hair, ein Aktivist für die Rechte der diskriminierten Ureinwohner Nordamerikas, sagt: »Unsere Sprache ist aus den Klängen der Natur entstanden.« Die Klänge der mit Zivilisationstönen angereicherten Natur machen die Textur des Films aus. »Wild Plants« ist ein dichtes »sound piece«, komponiert aus Regen, Wind, Verkehrslärm, Vogelgezwitscher und raschelnden Blättern, aus den Geräuschen von Holzhacken und Schritten im Matsch. Esther Buss

BEWERTUNG DER FILMKOMMISSION

Impressionistischer Dokumentarfilm über Menschen, die mit, in und von der Natur leben und sich als Teil eines größeren Kreislaufs verstehen. Bei den Annäherungen an Mitglieder eines Landwirtschaftskollektivs, die Betreiber eines urbanen Gartens, einen Pionierpflanzen-Guerillero sowie einen Lakota-Aktivisten handelt es sich weniger um herkömmliche Porträts als um Naturbetrachtungen. Ohne übergeordnete Fragestellung oder inneren Rechercheauftrag fügt der Film vorrangig Bilder und Töne von Pflanzen, Menschen, Tieren und Landschaften zu dichten Klangkompositionen zusammen. – Ab 14.

Deutschland/Schweiz 2016 Regie: Nicolas Humbert Länge: 113 Min. | Kinostart: 12.1.2017 Verleih: Real Fiction | FSK: ab 0; f FD-Kritik: 44 400

Filmdienst 01 | 2017

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