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Park Chan-wook Kino

»Stoker« (2013)

wie die Filmemacher der »nouvelle Vague« schrieb der koreaner Park Chan-wook (geb. 1963 in Seoul) einst selbst Texte über das kino. Man sieht seinen Filmen an, dass Park sehr genau um deren zahlreiche Vorgänger in der Filmgeschichte weiß, dabei sind sie alles andere als postmodernes Zitat-kino: hinter Parks cineastischen Genrefilmen offenbaren sich anspielungsreiche, intelligente Studien über Moral. nach seinem hollywoodabstecher »Stoker« setzt er nun in »Die Taschendiebin« auf erlesene Visualität. Von lukas foerster In den frühen 2000er-Jahren war des Öfteren von einer Filmbewegung namens »Asian Extreme« die Rede. Darunter gefasst wurden so unterschiedliche Regisseure wie der Festivalliebling Kim Ki-duk, der Genrekino-Handwerker Takashi Shimizu und der de-facto-Experimentalfilmer Shinya Tsukamoto – Filmemacher also, die bis auf einen gewissen Hang zum blutrünstigen Schockeffekt wenig miteinander gemeinsam haben. Bei Licht betrachtet, war »Asian Extreme« vermutlich in erster Linie eine Kreation des britischen DVD-Labels Tartan, das seine »Tartan Asia Extreme«-Kollektion zu vermarkten versuchte. Dass die Bezeichnung nicht allzu glücklich gewählt war, zeigt sich bereits daran, dass sie nicht einmal auf den Regisseur passt, dessen Filme in mancher Hinsicht das Zentrum der (fragwürdigen) Bewegung darstellten.

unbarmherzige Zufall

Die bricht in die Welt herein

Der Koreaner Park Chan-wook machte nach zwei außerhalb seiner Heimat kaum wahrgenommenen Frühwerken im Jahr 2000 mit dem düsteren Politthriller »Joint Security Area« auf sich aufmerksam. Zwi-

schen 2002 und 2005 entstand dann seine so genannte Rache-Trilogie, die ihn nicht nur zu einem der großen Namen im internationalen Kinobetrieb machte, sondern die auch maßgeblich für den Erfolg mitverantwortlich sein dürfte, den das koreanische Kino allgemein in den letzten zehn Jahren auf internationalen Festivals erlebte. Auf den ersten Blick liegt es tatsächlich nahe, Parks Werk unter dem Aspekt des Extremen zu betrachten. Vor allem die Rache-Filme erzählen nicht einfach nur von Brutalität, sondern noch mehr von der schockartigen Sinnlosigkeit von Gewalt. Insbesondere gilt das für »Old Boy« (2003), den Mittelteil der Trilogie: Da wacht ein Geschäftsmann eines Tages, ohne die leiseste Ahnung zu haben warum, in einer absurden Gefängniszelle auf, in der er dann 15 Jahre lang eingeschlossen bleibt. Und als er schließlich freigelassen wird, stehen ihm die schlimmsten Qualen erst noch bevor. Tatsächlich ist die Gewalt an sich nicht das eigentlich Erschreckende an Parks Filmen. Viel verstörender ist die Art und Weise, in der er wieder und wieder den unbarmherzigen Zufall in die Welt hereinbrechen lässt. Wie eine unaufhaltbare Kraft, die am Ende alles und jeden auslöscht.

Fast noch radikaler als »Old Boy« ist in dieser Hinsicht »Sympathy for Mr. Vengeance«, der erste Teil der Rache-Trilogie: Da setzt die Erkrankung einer jungen Frau einen unheilvollen Mechanismus in Gang, einen regelrechten Strudel der Gewalt, vor dem sich wirklich gar niemand in Sicherheit bringen kann. Und doch macht gerade dieser Film deutlich, dass es ganz und gar nicht sinnvoll ist, Parks Werk auf die blutrünstigen Schockeffekte zu reduzieren, an deren gezieltem Einsatz er freilich durchaus einigen Spaß zu haben scheint. Denn in »Sympathy for Mr. Vengeance« setzt die Gewalt erst relativ spät ein und erscheint bei näherer Betrachtung vor allem wie eine bloße, nachträgliche Veräußerlichung jener inneren Beschädigungen, von denen die Figuren von Anfang an gezeichnet sind. Menschen in sinnlichen und emotionalen

Extremzuständen

Mehr als an blutrünstigen Bildern ist Park an Menschen in sinnlichen und emotionalen Extremzuständen interessiert. Auch seinem exaltierten Stil, der von ungewöhnlichen Kameraperspektiven und rauschhafter Farbdramaturgie bestimmt ist, geht

Filmdienst 01 | 2017

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