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Goliath

die erste Staffel einer spannenden anwaltsserie mit billy bob Thornton US-amerikanische Justizdramen haben viel dazu beigetragen, das für Kontinentaleuropäer eher befremdliche angelsächsische Rechtssystem durchsichtiger zu machen. Da hier Geschworene, nicht Richter über Recht und Gerechtigkeit entscheiden, kommt den Anwälten eine zentrale Rolle zu. Ihre rhetorisch-taktisch hochpolierten Monologe wollen nicht nur die Urteile der Jury beeinflussen, sondern prädestinieren die Advokaten geradezu als Zentrum des filmischen Erzählens. Mit diesem rede- und geltungssüchtigen Berufsstand hat der Produzent David E. Kelley den Großteil seiner Karriere bestritten. Von »L.A. Law« über »Ally McBeal« bis zu »Boston Legal« stammen viele wichtige Anwaltserien von ihm. In seinem jüngsten, für Amazon Prime entwickelten Projekt »Goliath« schlägt Kelley inhaltlich zwar keine neuen Wege ein, wohl aber in der Tonlage. Das vorgeblich juristische Ringen zwischen einem versoffenen Ex-Staranwalt (Billy Bob Thornton) und einer mächtigen Kanzlei wird mit knallharten Bandagen ausgetragen: Verbal werden so ziemlich

alle Register von spitzzügiger Noblesse bis zum derben Slang gezogen, und hinter den Kulissen schrecken die Beteiligten auch vor Erpressung, Nötigung oder Mord nicht zurück. Am District Court in Los Angeles geht es um einen angeblichen Selbstmord, bei dem ein Mitarbeiter eines US-Waffenkonzerns sich mit seinem Boot in die Luft gesprengt haben soll. Die Schwester des Opfers aber ist davon überzeugt, dass der Tote einem illegalen Waffentest zum Opfer fiel. Ihren auf den ersten Blick eher schäbigen Rechtsbeistand Billy McBride, ehedem ein High-Flyer der Branche, ehe er nach einer Fehlentscheidung nur noch im Alkohol Zuflucht fand, hat die Klägerin nur deshalb für den wenig aussichtsreichen Fall interessieren können, weil der von Thornton mit beängstigender Präsenz verkörperte Zyniker mit dem Chef der gegnerischen Kanzlei (William Hurt) noch mehr als eine Rechnung offen hat: Die florierende Law-Society »Cooperman & McBride« wurde von McBride einst mitbegründet, und seine Ex-Frau (Maria Bello) bestimmt dort immer noch die Geschicke.

Damit die recht vertrackt gesponnenen Erzählfäden nicht allzu schnell entworren werden und genügend Raum für Andeutungen, Spekulationen und falsche Spuren bleibt, wird der Law- und Crime-Plot mit Rache- und Eifersuchtsmotiven angereichert und überdies durch ein knappes Dutzend meist gut ausgearbeiteter Nebenfiguren ergänzt, was die acht Episoden der ersten Staffel dramaturgisch fast durchgängig spannend macht. Dazu tragen überraschende Wendungen, extreme Cliffhanger, aber auch die clevere Inszenierung bei, die dem vorzüglichen Darstellerensemble (u.a. Molly Parker, Olivia Thirlby, Tania Raymonde) viel Raum zur schauspielerischen Entfaltung lässt. Das bringt die erste Staffel auch dann noch zum Glänzen, wenn im letzten Drittel erzählerische Routinen durchscheinen oder zunehmend trashige Klischees den Showdown vor Gericht hinauszögern sollen. Visuell bewegen sich die Episoden auf unterschiedlichem Level; die Locations rund um Santa Monica, aber auch in Downtown machen einiges her, der gläserne Tower der Anwaltskanzlei sowieso; doch richtig spektakuläre oder gar visionäre Bilder wie die Gesellschafterversammlung von Cooperman & McBride (in der ersten Episode) oder der Blick in den Recherche-Raum, wo Dutzende akkurat herausgeputzter Assistenten an dem Fall arbeiten, darf man bei einer solchen Produktion eher nicht erwarten. Dafür entschädigen dann McBride und seine kuriose Truppe: Außer auf seine Genialität kann der Advokat nur auf die Hilfe einer übergewichtigen Sekretärin, einer dampfplaudernden Anfängerin und der bildhübschen Teilzeit-Helferin setzen, die ihre Einkünfte durch Prostitution aufbessert. – Ab 16. Josef Lederle

GOliATH uSa 2016 Showrunner: david E. Kelley, Jonathan Shapiro Darsteller: billy bob Thornton, William Hurt, Maria bello, Olivia Thirlby, Tania raymonde, Molly Parker, Nina arianda länge: 432 Min. | fSK: ab 12 Anbieter: amazon Prime fD-Kritik: 44 424

Filmdienst 01 | 2017

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