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www.film-dienst.de · 65. Jahrgang · 25. Oktober 2012 · 4,50 Euro · 22/2012

DAS FILMMAGAZIN

Alle Kinofilme vom 25.10. und 1.11. Alle Filme im Fernsehen 50 Jahre „Viennale“ Markus Imboden Niko von Glasow

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Cottbus: „Osteuropa der Religionen“


„Das Geheimnis hinter der Tür“ von Fritz Lang 6

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aus hollywood Reiches Angebot Hollywood im Herbst Von Franz Everschor interview Gegen das Schweigen Markus Imboden über „Der Verdingbub“ Von Margret Köhler festival Frei von Hierarchien Loblieb auf 50 Jahre „Viennale“ Von Sven von Reden

ALLE NEUEN KINOFILME VOM 25.10. UND 1.11.2012

geschichte Im Reich der Zeichen Die „Viennale“-Retro zu Fritz Lang

kino Chronist des Todes Der Filmemacher Manuel Mozos Von Josef Nagel

Alles wird gut 33 Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät (3D) 32

porträt Der „Heimatforscher“ Edgar Reitz wird 80 Von Michael Hanisch

Bollywood – Die größte Liebesgeschichte aller Zeiten 49 Canakkale Cocoklari 46

dokumentarfilm Gesungene Gewalt Peter Ohlendorf über „Blut muss fließen“ Von Alejandra Falcone

Cannibal Diner 43 Carlitos großer Traum 35 Detlef – 60 Jahre schwul 45 Der deutsche Freund 37 Heino Jaeger – Look before you kuck 42

festival Spielen, bevor alles kaputt ist 60. Filmfestival San Sebastiàn Von Wolfgang Hamdorf

Die Hochzeit unserer dicksten Freundin 39 Hotel Transsilvanien 30

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interview Die Verletzlichkeit des Menschen Niko von Glasow über „Alles wird gut“ Von Wolfgang Hamdorf

Keep the Lights on 36 Die Kinder vom Napf 38 Leon und die magischen Worte 41 Lore 48

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ausland Wo ist mein Platz? Die Filmreihe „Osteuropa der Religionen“ Von Bernd Buder

Oh Boy 44 Opération Libertad (kino schweiz) 50 Die Ökonomie des Glücks 30 Omamamia 34

magazin personen neu im kino kino schweiz neu auf dvd impressum literatur

Niko 2 – Kleines Rentier, großer Held 46 Policeman 52 Robot & Frank 40 Sag, dass du mich liebst 40 Short Order – Das Leben ist ein Buffet 54 Die Stooges – Drei Vollpfosten drehen ab 53

NEU AUF DVD 56 Love Birds 56 Das Versteck

Uzun Hikaya 44 Der Verdingbub 51

INHALT 22/2012

Vielleicht lieber morgen 42 Voices of Transition 29


INTERVIEW

Gegen das Schweigen GESPRÄCH MIT MARKUS IMBODEN ÜBER „DER VERDINGBUB“ n seinem Heimatfilm „Der Verdingbub“ (Kritik in fd 22/11, vgl. auch S. 51) greift Markus Imboden das dunkle Kapitel der Verdingkinder in der Schweiz auf: Waisen und Halbwaisen, die von Pflegeeltern bis in die 1950er-Jahre als billige Arbeitskräfte wie Sklaven gehalten, misshandelt und oft missbraucht wurden.

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die Zuschauer oft empört – nicht über den Film, sondern über die Ereignisse. Interessanterweise ziehen die Leute den Bogen zur Gegenwart, zum Sozialwesen von heute. Viele bemängeln, dass Behörden immer noch Frauen Kinder wegnehmen. Und die „Verdingkinder“ sind erleichtert, dass der Film ihnen eine Plattform gibt.

derwertig behandeln soll. Tatsachen dürfen wir nicht einfach in die Historienecke stellen. Eine Gesellschaft, die sich gegen Veränderung und alles Fremde wehrt, dabei auf das Althergebrachte pocht, darf sich nicht wundern, wenn die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft unter die Räder kommen. Damals wie heute.

Sind die Verdingkinder ein Tabuthema in der Schweiz, über das man nicht reden will?

Hatten Sie bei den Recherchen Kontakt zu Verdingkindern?

Sie haben im Emmental an Originalschauplätzen gedreht. Wie geht man da mit dem Thema um?

Imboden: Ich glaube eher, man dachte nicht mehr daran. Da spielt die Psychologie des Verdrängens eine große Rolle. Die Betroffenen sprechen nicht darüber, weil sie sich oft selbst die Schuld geben an dem, was mit ihnen passiert ist. Bei vergewaltigten Frauen kann man ein ähnliches Phänomen betrachten: Eigentlich ein Drama, aber sobald die Geschichten dann publik werden, können diese Menschen über ihre schlimmen Erfahrungen reden. Das Thema war präsent, es gab Berichte und Geschichten früherer Verdingkinder, aber der Film hat dann alles in die Öffentlichkeit geschwemmt.

Imboden: Erst bei den Dreharbeiten. Als Filmemacher muss ich mich schützen und möchte gewisse Informationen vorher nicht haben, um nicht zu stark beeinflusst zu sein. Ich muss erst einmal mit einer Geschichten und dem Film umgehen. Für mich handelt „Der Verdingbub“ weniger von der Vergangenheit als von unserer Zeit, über das lange Schweigen und darüber, dass man wie die Hauptfigur seinen Traum verfolgen und seine Leidenschaft leben soll. Dann kann man auch weg, aus der Situation, in der man gefangen ist.

Imboden: Wir stießen auf positive wie negative Resonanz. Einige befürchteten, das ganze schöne Emmental würde denunziert und den Schwarzen Peter bekommen. In den Gesprächen konnten wir diese Vorbehalte zerstreuen. Viele Bewohner arbeiteten sogar als Statisten mit. Früher galt Familie als Hüterin von Glück und Moral, es herrschte Zucht und Ordnung auf den Höfen. Kinder wurden ihrer Kindheit beraubt. Die Liberalisierung hat vor den Dörfern nicht Halt gemacht, 99 Prozent der Bevölkerung dort findet die Thematisierung des Unrechts richtig und sagt selbstbewusst: „Wir sind nicht mehr so.“

Wie waren die Reaktionen?

Imboden: Sehr offen und direkt. Nach der Vorstellung zeigen sich

Gibt es eine Moral in Ihrem Film?

Imboden: Das weiß ich nicht. Zum Filmemachen gehört eine Haltung. Hier heißt sie, dass man Kinder achten und nicht als min-

es mir vor, vielleicht wegen meiner Vertrautheit mit der Thematik. Als Auslöser betrachte ich die Geschichte meines Vaters. Er stammte zwar nicht aus ärmlichen Verhältnissen, war aber Waisenkind und wuchs bei seinen Großeltern auf. Er hat mir bei langen Spaziergängen viel erzählt. Wie dem Verdingbub fehlte ihm Liebe, das familiäre Gefühl des Geborgenseins. Das hat er dann meiner Schwester und mir gegeben. Mich faszinierte die Chance, ein Drama zu realisieren, das sich wie eine griechische Tragödie entwickelt. Obgleich die Bauernfamilie die ihr anvertrauten Kinder ausnutzt, halten Sie sich mit einer Verurteilung zurück.

Imboden: Ein Kinofilm muss Möglichkeiten eröffnen, sich selbst ein Bild zu machen. Der Bauer Bösiger ist eine arme Sau, ein Säufer, dessen Weg direkt in den Abgrund führt, aber er ist ein Mann voller Sehnsucht und Liebe. Die Bäuerin versteckt sich in ihrem Unglück hinter großer Härte. Beide leiden unter der Unfähigkeit, sich zu artikulieren. Manchmal sind Menschen Opfer der Umstände, aus denen sie nicht herauskommen.

Wie kam das Projekt zu Ihnen?

Imboden: Der Produzent schlug

Sie überraschen mit einem versöhnlichen Ende. Das könnte man auch als zu harmonisch empfinden.

Imboden: Für mich musste das sein. Dieser Junge sollte eine Zukunft haben, einen Beruf. Die Musik verleiht ihm Kraft zum Überleben. In ihr liegt alles, was ihn ausmacht, alles was er erlebt hat, die ganze furchtbare Vergangenheit. Das ist das Wesen von Musik, vom Blues und vom Tango. Tango symbolisiert Schmerz, die Grundlage seiner Geschichte. Insofern sagt der Film auch etwas über Musik aus. Das Gespräch führte Margret Köhler. film-dienst 22/2012

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PORTRÄT

Der „Heimatforscher“ AUTORENFILMER EDGAR REITZ WIRD 80

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eimat“ revisited, 28 Jahre nach der Erstsendung. Edgar Reitz gab dem Filmtitel die Ergänzung „Eine deutsche Chronik in elf Teilen“. Was ist von den damaligen Eindrücken geblieben? Immer noch bewegt die ebenso liebevolle wie genaue Beobachtung der Menschen, wie sie miteinander umgehen, wie sie sich in Zeitläufte ein- und anpassen oder gar versuchen, sich auf ihre Art zu widersetzen. „Mäandernd“ – das bevorzugte Adverb, das damals in vielen Rezensionen immer wieder auftauchte, fällt einem auch heute ein. „Heimat“ revisited, das ist auch ein nostalgischer Blick in eine „goldene“ Fernsehvergangenheit: eine Vergangenheit vor dem „Sündenfall“ des Privatfernsehens. Man griff damals schnell und gern zu Superlativen, und „Ereignis“ war noch die bescheidenste Vokabel im Zusammenhang mit „Heimat“. Das Wort „Revolution“ gar tauchte in fast jeder zweiten Besprechung auf. Heute drängen sich jedoch ganz andere, möglicherweise absurde Vergleiche auf, die mäandernde „Heimat“ im Vergleich zur mäandernden US-Serie „Mad Men“ etwa. Wie gehen Menschen miteinander um, wie haben sich die Verhält-

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nisse zwischen den Geschlechtern verändert? Zwischen der Großstadt Manhattan in den 1960er-Jahren und dem fiktiven deutschen Dorf Schabbach im Hunsrück mögen Welten liegen. Ganz so absurd wie es scheint, sind derartige Vergleiche aber wohl nicht. Edgar Reitz ist ein Spätentwickler. Er war 52 Jahre alt, als „Heimat“ im Jahr 1984 seine Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig erlebte. Bereits damals war fast vergessen, dass dieser Filmemacher 18 Jahre zuvor schon einmal in Venedig war. 1966 repräsentierte Alexander Kluges Debüt „Abschied von gestern“ auf der Mostra den Jungen Deutschen Film, fotografiert hatte den Film Edgar Reitz. Ein Jahr später erhielt Reitz für sein eigenes Regiedebüt „Mahlzeiten“ am Lido den „Premio Opera Prima“. Danach stand er, einer der Erstunterzeichner des Oberhausener Manifests, in der medialen Aufmerksamkeit für längere Zeit in der zweiten Reihe. Obwohl er weiterhin außerordentlich produktiv war, sich auf vielen Gebieten versuchte, mit neuen Rezeptionsmöglichkeiten des Mediums experimentierte, als Dozent tätig war. Zusammen mit Ula

Stöckl drehte er 1969/70 23 Episoden der Serie „Geschichten vom Kübelkind“, die sich die Gäste seines eigenen Münchner Kneipenkinos (ja, so was gab es damals) selbst auswählen konnten. Auch realisierte Reitz eher konventionelle Spielfilme wie „Cardillac“ (1968), „Die Reise nach Wien“ (1973) und „Der Schneider von Ulm“ (1978), doch aus heutiger Perspektive scheint es eher so, als wenn er all die Jahre, fast zwei Jahrzehnte lang das gewaltige Unternehmen „Heimat“ vorbereitet hätte. Seine ersten 20 Schaffensjahre prägte die Zusammenarbeit mit Alexander Kluge. Sie kannten sich seit ihrer Tätigkeit an der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung. Gleichzeitig setzten sie ihre Partnerschaft auch in der praktischen Filmarbeit fort. Reitz stand an der Kamera und produzierte, mit Kluge zusammen schrieb er an den Büchern. 1973/74 kam die Teamwork an ein Ende. Reitz drehte als Regisseur (u.a. im Hunsrück) den Spielfilm „Die Reise nach Wien“, dessen Drehbuch er mit Kluge schrieb; zusammen mit ihm stellte er ein Jahr später den Filmessay „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“

vor. Offiziell fungierten hier beide als Regisseure, doch gilt der eine nicht nur in der Erinnerung als ein „Kluge-Film“, „Die Reise nach Wien“ als „Reitz-Arbeit“. Angesichts des Essayfilms, der die gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Frankfurter Immobilienszene dokumentierte, wirkt „Die Reise nach Wien“ heute eher schlicht, und Reitz musste wohl erkennen, dass sein Weg zur Eroberung des breiten Kinopublikums in die Irre führte. „Die Reise nach Wien“ war genauso ein Flop wie „Der Schneider von Ulm“. Zwischen diesen beiden Filmen entstand „Stunde Null“ (1976), ein Schlüsselwerk auf dem (imaginären) Weg zu „Heimat“. Für Reitz war es eine sehr ferne Heimat, spielt „Stunde Null“ doch in Möckern, einem Ort wenige Kilometer vor Leipzig, kurz nach Kriegsende, als die Rote Armee die US-amerikanische Besatzung ablöste. Eine Zeit des Umbruchs, der diffusen und unübersichtlichen Verhältnisse, in denen die Menschen sich neu einzurichten versuchten, die vielfältige Möglichkeiten für Geschichten über die Beständigkeit etablierter gesellschaftlicher Strukturen bot. Die Menschen warten zwischen


„Heimat 2“

ihrer ersten und zweiten Befreiung auf einen Neuanfang – und stolpern in eine neue Zeit, die nicht viel anders ist als die alte. Das, was rückblickend tatsächlich eine Zäsur gewesen war (etwa wenn ein braver Schabbacher Bürger in „Heimat“ urplötzlich in Nazi-Uniform durch den Ort stolziert), wird genauso beiläufig erzählt wie der Einzug der Roten Armee mit einer Kuh-Herde an der Spitze. Da wird die leidenschaftliche Anklage einer Frau Unterstab mit Kittelschürze und Kopftuch gegen den ewigen opportunistisch-braven deutschen Beamten mit Aktentasche und Hut, der einst für die Nazis denunzierte und jetzt für ein Antifa-Komitee die Russen begrüßt, zum solitären Höhepunkt. Danach geht alles nahezu nahtlos weiter. Sie passen sich an und versuchen zu überleben – so, wie sie es zuvor immer schon getan haben. Nicht nur in seiner Erzählstruktur weist „Stunde Null“ auf das mäandernde Fernsehunternehmen „Heimat“ hin. Auch hier besetzte Reitz Amateure und Semiprofis, wenig bekannte Schauspieler wie Laien. Im Jahr 1992, vor der Erstausstrahlung von „Die zweite Heimat“, porträtierte Alexander Klu-

ge den Kollegen in der Fernsehdokumentation „Ich schreibe mit meinen Kameras Romane: Edgar Reitz“. Auch zu jener Zeit beharrte Reitz auf dem Prinzip des Autorenfilms: Der Filmemacher erzählt mit der Kamera so wie der Literat, der Autor mit seinen Arbeitsmitteln. Freilich nutzt Reitz fast immer auch das Talent und die Erfahrung anderer Geschichtenerzähler: Die starke Wirkung von „Stunde Null“ und der ersten „Heimat“-Serie beruhte ohne jeden Zweifel auch auf dem Talent des Autors Peter Steinbach; bei „Heimat 3“ über die deutsche Nachwendezeit nutzte Reitz die Erfahrungen von Thomas Brussig, einem Autoren mit DDR-Sozialisation. „Heimat“ erzählt von den Jahren 1919 bis 1968 im Hunsrück; in „Die zweite Heimat“ geht es um die 1960er-Jahre in München. Reitz wuchs im Hunsrück auf und studierte später in München. In seiner Arbeit wendete er sich von Beginn an gegen das so konservative wie restaurative Kino der Adenauer-Zeit, das seine größten Publikumserfolge mit Heimatfilmen erzielte. Das Oberhausener Manifest richtete sich vor allem gegen diese Art von Kino. Dass sich einer seiner Initia-

toren später mit dem Begriff „Heimat“ auseinander setzt, der vorher, in der Nazi-Zeit wie auch nach dem Krieg, missbraucht worden war wie nur wenige Begriffe, gehört zum Wunder dieses Großen des deutschen Kinos: Ein missbrauchter Begriff wurde auf seinen ursprünglich positiven Gehalt zurückgeführt. Ein Vorgang, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Als Reitz 1995 zum 100-jährigen Jubiläum des Kinos „Die Nacht der Regisseure“ drehte, in dem in einem fiktiven Filmmuseum Filmemacher über das Kino diskutierten, kommentierte er: „Film war immer der Sieg der Fantasie über die Wirklichkeit.“ Dem mag die Bezeichnung „Chronik“ seiner drei „Heimat“Serien entgegenstehen. Die Wirklichkeit der Menschen der Hunsrück-Dörfer wie die Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland der 1960er-Jahre in München ist die Basis, die Reitz selbst erlebt sowie später sehr genau studiert und beschrieben hat. Diese umfangreichen Vorstudien und Recherchen wurden teilweise dokumentiert. So ging der ersten „Heimat“ die Dokumentation „Geschichten aus den Hunsrückdörfern“ (1980) voraus. Dass der

Mikrokosmos Hunsrück die Welt spiegelt, dass die Geschichten um die Simons, um Hermännche und Clarissa Welthaltigkeit haben, dass sie auch Menschen in ganz anderen Welten interessieren und bewegen, das ist auch ein Sieg der Fantasie. Edgar Reitz, der hartnäckige deutsche „Heimatforscher“ aus dem Hunsrück, wurde so ein wichtiger Teil des internationalen Kinos. Am 1. November wird er sein 80. Lebensjahr vollenden. Zu diesem Jubiläum macht er uns und wohl auch sich selbst ein Geschenk: Noch einmal will er von den Menschen aus dem Hunsrück erzählen, und noch einmal ist es dem Autorenfilmer gelungen, der deutschen Kino- und Fernsehszene ein aufwändiges Unternehmen „abzutrotzen“. Der vierte Teil seiner „Heimat“ soll eine Art Prolog zu den drei vorliegenden Serien sein. Die Armut der Menschen im Hunsrück trieb Mitte des 19. Jahrhunderts viele in die Emigration nach Südamerika. Von diesen Auswanderern will Reitz erzählen. Man kann davon ausgehen, dass diese Auswanderer auch etwas über die Auswanderer unserer Zeiten zu erzählen haben. Noch ein Heimatfilm mit Welthaltigkeit. Michael Hanisch film-dienst 22/2012

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DIE KRITIKEN SEHENSWERT Alles wird gut Carlitos großer Traum Die Kinder vom Napf Leon und die magischen Worte Lore Policeman Der Verdingbub

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Voices of Transition

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„Leon und die magischen Worte“

DISKUSSIONSWERT Heino Jaeger – Look before you kuck Keep the Lights on Oh Boy Robot & Frank Sag, dass du mich liebst

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s sollen es tiefgefrorene Erdbeeren aus China gewesen sein, die hierzulande im Herbst 2012 bei tausenden von Schülern zu erheblichen gesundheitlichen Beschwerden geführt haben. Bei solchen Nachrichten dürften sich selbst Konsumenten, die sich bislang um Ernährungszusammenhänge wenig gekümmert haben, fragen, was denn Erdbeeren vom anderen Ende der Welt überhaupt in deutschem Schul-Essen zu suchen haben. Zumal in einer Jahreszeit, in der das Angebot an hiesigem Obst durchaus üppig ist. Gleichzeitig sind solche Meldungen Wasser auf die Mühlen all jener Aktivisten, die seit Jahren vor den Folgen der Globalisierungen warnen und für ein radikales Umdenken in der Nahrungsmittelproduktion plädieren. Ihr Credo: Weg von der industriellen Landwirtschaft, zurück zu kleinteiliger, dezentraler Erzeugung. Die Dokumentation stellt mehrere Protagonisten dieser Bewegung in verschiedenen Ländern vor. In Frankreich ist es ein junger Bauer, der mit seinem Vater über Sinn und Unsinn der Monokultur auf riesigen Flächen im Rahmen der industrialisierten Landwirtschaft diskutiert, in Großbritannien erläutert ein Experte die Vorzüge des Gemüseanbaus zwischen Bäumen, und auf Kuba lässt sich bestaunen, dass etwas wie „Urban Gardening“ in der Praxis funktionieren kann. Immerhin werden in Havanna, so heißt es im Film, 70 Prozent des konsumierten Gemüses in der Stadt selbst oder ihrer unmittelbaren Umgebung erzeugt. Wobei dieses Modell zumindest teilweise aus der Not geboren wurde, die mit der Energieknappheit und Kubas weitgehender Abgeschnittenheit vom Weltmarkt zu tun hat. Was den Briten Rob Hoskins, einen der Gründerväter der „Transition-Town-Bewegung“, dazu aufrufen lässt, bei der Umstellung der Landwirtschaft offensiv von den Armen zu lernen.

Redlicherweise finden sich im Film kaum Protagonisten, die so tun, als ließe sich das weltweite Ernährungsproblem in absehbarer Zeit durch Radieschen-Anbau in den Vorgärten europäischer Reihenhäuser lösen, wie der Autor überhaupt weitgehend ohne moralischen Zeigefinger auskommt. Vielmehr versteht sich die über Fundraising realisierte Produktion als Agitationsfilm, der das eigenhändige Gärtnern mit dem Lustprinzip der SlowFood-Bewegung zu verbinden versucht. Filmisch nimmt sich das Ganze recht bescheiden aus. Wenn da mehrfach ein TGV unvermittelt durch Landschaftstotalen rauscht oder nächtlicher LKW-Verkehr vor einem Großmarkt im Zeitraffer präsentiert wird, erkennt man so etwas wie das Bemühen um visuelle Elemente, letztlich aber bleibt Nils Aguilar, von Haus aus Soziologe und als Filmemacher Autodidakt, zu sehr der Stilistik einer Fernsehreportage verhaftet, um als Dokumentarfilmer überzeugen zu können. Reinhard Lüke KINOSTART 25.10.2012 Voices of Transition Cultures en transition Frankreich/Deutschland 2012 Produktion Milpa Films Produzenten Nils Aguilar Regie und Buch Nils Aguilar Kamera Jerôme Polidor Musik Elischa Kaminer Schnitt Nicolas Servide, Nils Aguilar Länge 65 Min. Verleih Milpa Films

Dokumentation über Aktivisten aus verschiedenen Ländern, die ein radikales Umdenken in der Nahrungsmittelproduktion fordern und versuchen, der industriellen Landwirtschaft andere Formen des Anbaus entgegen zu halten. Der über Fundraising finanzierte Film zeigt thematisch durchaus interessante Ansätze, bleibt stilistisch aber zu simpel, um auch formal zu überzeugen. – Ab 16.

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KINOSTART 25.10.2012

KINO

Oh Boy

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Oh Boy

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s ist einer dieser Tage, und am besten wäre Niko Fischer wohl gleich im Bett geblieben. Als erstes gibt ihm seine Freundin den Laufpass, dann schlägt der Versuch, Geld aus dem Bankautomaten zu ziehen, fehl: Das Konto ist gesperrt. Bislang hatte ihm sein Vater stets 1.000 Euro im Monat überwiesen. Doch Niko, Ende 20, hat sein Jura-Studium bereits vor zwei Jahren an den Nagel gehängt. Was er seitdem gemacht habe, fragt ihn sein Vater (von Ulrich Noethen in einer Mischung aus Arroganz, Gemeinheit und Enttäuschung gespielt) bei einem späteren Treffen. „Ich habe nachgedacht“, so Nikos Antwort. Niko ist ein Slacker, unentschlossen, entscheidungsschwach, nicht phlegmatisch, aber doch einen Tick zu teilnahmslos. Alles lässt er sich gefallen; sich zu wehren, aufzubegehren, das liegt ihm nicht. So streift er ziellos durch Berlin, auf der Suche nach einer normalen Tasse Kaffee. Was nicht so einfach ist angesichts i der riesigen Auswahl und den exorbitanten Preisen in einem dieser modernen Coffeeshops. Fortan begegnet der junge Mann an verschiedenen Orten verschiedenen Menschen. Da ist der neugierige Nachbar, der ihm selbstgemachte Fleischklößchen aufdrängt, der hinterhältige Psychologe, der ihn beim IdiotenTest mit unangemessenen Fragen („Haben Sie Minderwertigkeitskomplexe, weil Sie so klein sind?“) traktiert und prompt

durchfallen lässt; das sind die beiden pedantischen FahrkartenKontrolleure, die für Nikos Erklärungsversuche weder Geduld noch Verständnis aufbringen. Debütant Jan Ole Gerster wirft seinen Protagonisten einen Tag und eine Nacht lang in eine Abfolge episodenhafter Prüfungen, in denen er sich nur unzureichend bewährt; sein Film schaut mal hier-, mal dorthin, planlos, sprunghaft und mäandernd. Das gibt „Oh Boy“ eine ungewohnte Struktur, in der alles möglich scheint, in der alles erlaubt ist. Nicht nur, dass namhafte Schauspieler wie Justus von Dohnányi, Ulrich Noethen und Michael Gwisdek nach prägnanten Kurzauftritten aus dem Film verschwinden, als seien sie zurückgelassen und vergessen worden; auch die einzelnen Episoden unterscheiden sich in Ton und Humor, sind albern oder ironisch, leichtfüßig oder beklemmend, parodistisch oder surreal, mals visueller, perfekt getimter Sketch, mal pointenreicher Dialogwitz. Einmal landet Niko mit einem befreundeten Schauspieler auf einem Film-Set, wo ein aufgeblasener Möchtegern-Tarantino ein pompöses Nazi-Drama inszeniert. Ein anderes Mal begegnen sie einer alten Schulfreundin, die sich, früher gehänselt und ausgeschlossen, mit demonstrativ, aber auch hysterisch vorgetragenem Selbstbewusstsein nichts mehr gefallen lässt. Von der Parodie zur Tragödie ist es da nicht weit – souverän handhabt Gerster den Wechsel der Stimmungen und hat doch ein Werk aus einem Guss inszeniert. Mit dem steten Wechsel der Orte entsteht nicht nur ein schöner, von Bild-Klischees entschlackter Berlin-Film, son-

Schwarz-weiß. Deutschland 2012 Produktion Schiwago Film/arte Chromosom Filmprod./HR/ Produzenten Marcos Kantis Alexander Wadouh Regie und Buch Jan Ole Gerster Kamera Philipp Kirsamer Schnitt Anja Siemens Darsteller Tom Schilling (Niko Fischer), Marc Hosemann (Matze), Friederike Kempter (Julika Hoff mann), Justus von Dohnányi (Karl Speckenbach), Michael Gwisdek (Friedrich), Katharina Schüttler (Elli), Arnd Klawitter (Phillip Rauch), Martin Brambach (Jörg), Andreas Schröders (Psychologe), Ulrich Noethen (Walter Fischer), Frederick Lau (Ronny) Länge 85 Min. FSK ab 12; f Verleih X-Verleih

Ein junger Mann, der längst sein Jura-Studium aufgegeben hat und nun ohne die finanzielle Unterstützung seines Vaters auskommen muss, lässt sich einen Tag und eine Nacht durch Berlin treiben und begegnet dabei an den unterschiedlichsten Orten den unterschiedlichsten Menschen. Episodenhaft strukturierte melancholische Komödie, die mal mit perfekt getimten Sketchen, mal mit pointenreichem Dialogwitz unterhält. In der Hauptrolle souverän gespielt, gewinnt der schwarz-weiß fotografierte, mit kühlem Jazz unterlegte Film eine traumhafte und streng stilisierte Qualität. – Ab 14. dern auch das Porträt einer vielfältigen Metropole, in der unterschiedliche Lebensentwürfe möglich sind. Gerster hat in SchwarzWeiß gedreht und den Film mit einem Jazz-Score unterlegt. Das gibt ihm eine traumhafte, mythisch überhöhte und streng stilisierte Qualität, in der nichts (erst recht keine Farbe) vom Geschehen ablenkt. Möglich, dass Gerster Spuren zur Filmgeschichte auslegen wollte, zu den schwarz-weißen Filmen von Woody Allen oder Jim Jarmusch. Assoziationen, die nicht unbedingt stimmen müssen. Gerster hat eine sehr eigenständige, ungewöhnliche Komödie inszeniert, die keiner Vorbilder bedarf. Michael Ranze

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Uzun Hikaye

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n seinem Roman „Uzun Hikaye“ („Lange Geschichte“) beschreibt der türkische Schriftsteller Mustafa Kutlu das Schicksal eines einfachen Mannes, der auf der Suche nach Gerechtigkeit in Bedrängnis gerät, seinen Kampf für eine bessere Gesellschaft aber nicht aufgibt. Der Fernsehregisseur und -produzent Osman Sinav hat ihn nun als sozialkritisches Rührstück verfilmt. Im Mittelpunkt der Familiensaga, die durch widrige Umstände zum politisch geprägten Schicksal wird, steht ein Vater-Sohn-Gespann: Ali, Sohn eines 1940 aus Bulgarien geflüchteten Ringkämpfers, verliebt sich in Istanbuls Stadtteil Eyüp in Münire, die Tochter eines despotischen Kinobesitzers. Das junge Paar flieht vor der Familie des Patriarchen und begibt sich mit dem gemeinsamen Sohn Mustafa auf eine Rundreise wider Willen durch die Türkei. Immer wieder eckt Ali mit seinem Gerechtigkeitsempfinden an, provoziert machthungrige Bürgermeister, korrupte Beamte und raffsüchtige Geschäftemacher. Die wiederum reagieren mit Zorn, vertreiben Ali, dem der Spitzname „Der Sozialist“ vorauseilt, aus ihren Dörfern und Kleinstädten. Erzählt aus der Perspektive des Sohns Mustafa, beginnt der Film mit der Ankunft der Kleinfamilie im Städtchen Dogançay. Hier findet der eloquente Ali Arbeit als Schreiber beim örtlichen Grundschuldirektor, einem katzbuckelnden Heuchler, mit dem er nach kurzer Zeit in Streit gerät. Da aber auch Ali ein Sturkopf ist, begibt er sich mit einer nächtlichen Racheaktion in Gefahr – was bei seiner schwangeren Frau Münire eine Fehlgeburt mit Todesfolge auslöst. Fortan ziehen Vater und Sohn zu zweit durch das Land. Sinav skizziert Ali als klassischen, also verarmten und schönen Helden aus dem einfachen Volk, der sich gebildet, gerecht und gut rasiert als Mann der Mitte gibt: ein Anwalt der kleinen Leute, aber kein Kommunist, ein Moschee-Gänger, der im Gasthaus auch mal ein Glas Wein trinkt, vor allem aber fürsorglicher Vater ist, was nach Çagan Irmaks „Mein Vater und mein Sohn“ (fd 37 528) inzwischen zum kommerziellen Erfolgskonzept geworden ist. Mit dem Box-OfficeHit des Autorenfilmers Irmak hat Sinavs Film das mütterliche Pflichtopfer und den politischen Hintergrund gemeinsam. In beiden Filmen stirbt die geliebte Mutter und Ehefrau früh und wird, spirituell aufgeladen, zur Metapher ewiger platonischer Liebe, zur ikonenhaften Verkörperung von Sinn und Glauben. In beiden Filmen bekommen es die Väter mit obrigkeitsstaatlichem Mief und polizeilicher und juristischer Willkür zu tun. Doch wäh-


KINO rend sich „Mein Vater und mein Sohn“ zur fesselnden Familientragödie entwickelte, wird „Uzun Hikaye“ zur redundanten Schnulze. Der klebrig-monumentale Soundtrack erhebt das Schicksal zu einem Pathos, das selbst die augenzwinkernd eingeführten Coming-of-AgeLiebeleien des inzwischen pubertierenden Sohns Mustafa nicht herunterbrechen können. Stattdessen werden noch einige weitere Abschiede und Neuanfänge abgedreht, um schließlich in ein fulminantes Finale überzugehen: Am Ende flieht auch Mustafa, wie einst sein Vater, mit seiner Geliebten Ayse vor deren tyrannischem Familienoberhaupt – in diesem Fall einem intriganten Staatsanwalt. Ein Plädoyer für die Selbstbestimmung, deren simpel gestrickte, aber monumental aufgetragene Tragödienklischees den Zuschauer des Öfteren zum Griff zum Taschentuch zwingen – was der humanistischen Botschaft von „Uzun Hikaye“ den geradezu unheimlichen Beigeschmack des Verstaubten verleiht. Bernd Buder

KINOSTART 11.10.2012

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Detlef

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etlef Stoffel ist 60 Jahre – „alt“, wie er selbst findet. „Als Schwuler allemal“, fügt er ein wenig schwermütig hinzu. Die wilden Jahre seien nun mal vorbei, sagt er an einer anderen Stelle dieses Dokumentarfilm. Jetzt folgen dann eben die weniger wilden, was ja nicht weiter schlimm sei. Nur, was er mit denen anfangen solle, wisse er noch nicht so genau. „Detlef“, das wird in solchen Momenten deutlich, betreibt keine Heldenbiografie. Die Filmemacher scheuen sich nicht davor, ihren Protagonisten ratlos zu zeigen, schwach, überfordert oder auch mal gehässig. Etwa, wenn er seine 91-jährige pflegebedürftige Mutter nachäfft, bei der er wohnt, um die er sich kümmert und von der er sich allzu sehr vereinnahmt fühlt. Ja, er habe das Gefühl, sie raube ihm Lebenszeit, gibt er gleich zu Anfang schonungslos offen zu. Was so persönlich, so hautnah und beklemmend beginnt, weitet sich bald zu einer historischen Rückschau auf die Schwulenbewegung in den 1970er-Jahren. Und auch das ist spannend.

Uzun Hikaye Uzun Hikaye Türkei 2012 Produktion Produzenten Regie Buch

Kamera Musik Schnitt Darsteller

Länge FSK Verleih

Sinegraf Suat Kapki Osman Sinav Yigit Güralp, nach dem Roman Roman „Uzun Hikaye“ /„Lange Geschichte“ von Mustafa Kutlu Vedat Özdemir Ulas Özdemir Murat Önal Kenan Imirzalioglu (Ali), Tugçe Kazaz (Minure), Altan Erkekli (Emin Efendi), Güven Kiraç (Tren Sefi), Zafer Algöz (Seref), Cihat Tamer (Schulleiter), Mahir Günsiray (Savci), Mustafa Alabora (Bürgermeister), Cengiz Bozkurt (Hausmeister), Elif Atakan (Feride), Erkan Avci 126 Min. ab 6; f Kinostar (O.m.d.U.)

Ein einfacher Mann flieht mit seiner Geliebten vor deren tyrannischem Vater. Das Paar und sein bald darauf geborener Sohn stoßen sich immer wieder an den ungerechten Zuständen in der türkischen Gesellschaft. Als die Frau stirbt, müssen Vater und Sohn allein auskommen. Eine Familiensaga, die ihr gesellschaftskritisches Potenzial durch eine allzu rührselige und klischeebeladene Herangehensweise an den Stoff verspielt. – Ab 14.

Neben Detlef Stoffel, der in Bielefeld Soziologie studierte, eine Schwulen-WG sowie die linke „Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld“ (IHB) gründete, den Dokumentarfilm „Rosa Winkel – Das ist doch schon lange vorbei“ (realisierte und den ursprünglich ausschließlich von Schwulen betriebenen Bioladen „Löwenzahn“ ins Leben rief, kommen einige seiner Weggefährten zu Wort. Etwa der Unterhaltungskünstler Ernst-Johann Reinhardt alias Lilo Wanders oder der Theater-

tausendsassa Corny Littmann. Es sind aber weniger diese fernsehtauglich eng gerahmten Interviews als vielmehr die immer wieder eingestreuten Archivbilder, die „Detlef“ zu einem wertvollen und eindrücklichen Dokument westdeutscher Sozialgeschichte machen. Beispielsweise die Aufnahmen von der abgebrochenen Diskussionsrunde in der Bonner Beethovenhalle 1980, bei der sich politisch radikale und gemäßigte Schwule gegenseitig auspfiffen, beschimpften und teilweise sogar prügelten, was in der Rückschau für viele das Ende der linken Schwulenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland markierte. Der induktive Ansatz des Films, von einzelnen Persönlichkeiten ausgehend, ein zeitgeschichtliches Panorama zu entfalten, erfreut sich im Queer Cinema der letzten Jahre einiger Beliebtheit. „Detlef“ schließt mit diesem Konzept an Filme wie „Unter Männern – Schwul in der DDR“ (fd 41 035) oder „König des Comics – Ralf König“ (fd 40 937) an. Durch den subjektiven Blick zurück wird vieles lebendiger, sinnlicher und authentischer, aber auch anfechtbarer; vor allem aber: Es bleibt ein Ausschnitt. Das Meiste wird nur angerissen, nicht weiterverfolgt. Umgekehrt drohen die Protagonisten in der Zwickmühle von Biografie und Historiografie zerrieben zu werden. Schlimmstenfalls schrumpfen sie zu Funktionsträgern oder Vorzeigeschwulen. Auch in „Detlef“ gibt es solche Szenen, in denen wichtige Aspekte nur angedeutet werden. Einmal sieht man Detlef beispielsweise beim Sex. Die Kamera zeigt alles außer dem Gesicht des Partners. Abgesehen davon, dass eine derart explizite

Darstellung in einem die meiste Zeit über ausgesprochen geduldig und unaufgeregt erzählten Film etwas befremdlich wirkt, hat dieses Bild eine hohe Symbolkraft: Der anonyme Partner bleibt identitätslos, ein im Grunde austauschbarer Körper. Von Liebesbeziehungen ist in „Detlef“ denn auch nur in der Rückschau die Rede. Die Gegenwart wird ausgeklammert. Auch sonst erfährt man kaum etwas über Detlef Stoffels soziales Umfeld jenseits der Bielefelder Wohnung, die er sich mit seiner Mutter teilt. Trotzdem ist er im Film weit mehr als nur ein ehemaliger Schwulenaktivist. Insgesamt gelingt „Detlef“ der Spagat zwischen heute und gestern, Porträt und Sozialgeschichte ganz gut, auch wenn die individuelle Lebensgeschichte fast wie eine Rahmenhandlung an die Ränder des Film gedrängt wird und mehr ein exemplarisches Kapitel der Zeitgeschichte in den Mittelpunkt rückt denn Detlef. Stefan Volk KINOSTART 1.11.2012 Detlef – 60 Jahre schwul Deutschland 2012 Produktion Produzent Regie Buch Kamera Schnitt Länge FSK Verleih

Bonheur Filme Stefan Westerwelle Stefan Westerwelle Stefan Westerwelle, Jan Rothstein Jan Rothstein Jan Rothstein 91 Min. ab 16 (DVD) Pro-fun

Dokumentarfilm über einen 60-jährigen ehemaligen Aktivisten der Schwulenbewegung. Die persönliche Biografie dient als eine Art Rahmenhandlung für einen Rückblick auf die Entwicklung der Schwulenbewegung in den 1970er-Jahren, wobei neben Interviews spannendes Archivmaterial zum Einsatz kommt. Ein stimmig entwickelter, nur gelegentlich unnötig expliziter Film, dem die Balance zwischen Porträt und Sozialgeschichte gut gelingt, auch wenn dabei das Lebensschicksal des Protagonisten eher exemplarisch verhandelt wird. – Ab 16. film-dienst 22/2012

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FILM-DIENST 22/2012