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film dienst Das Magazin für Kino und Filmkultur € 4,50 | www.fi www.filmdienst.de lmdienst.de 66. Jahrgang | 24. Oktober 2013

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Von „Die eiserne Lady“ bis „Der Butler“:

KINO DER MASKEN

sCHausPieLer sCHLÜPFen in Die rOLLen VOn PrOMinenten Karriere in faszinierenden Bildern:

INGRID BERGMAN

ein LuXus-BiLDBanD aLs VisueLLe BiOGraFie

in im K

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im Joachól Kr

HInTeR kLosTeRMaUeRn „Die Nonne“ nach dem Romanklassiker von Denis Diderot kommt erneut auf die Leinwand. Wie schon so oft blickt das Kino in eine fremde Welt und stößt auf einen Mikrokosmos voller unvertrauter, herausfordernder Strukturen.

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Filmdienst 22 | 2013 alle Filme im tV vom 26.10. bis 8.11. Das extraheft 44 Seiten Extra-Heft: Alle Filme 80.000 Film-Kriti k e n u n t e r w w w. f i lmdienst.d

im TV

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Durst 27.10. arte

Ständige Beilage

FILM

IM TV

sO Finster Die naCHt 31.10. WDR

Akteure 20

Dank Maskenbild in „Die eiserne Lady“ verwandelt: Meryl Streep als Margaret Thatcher

wo kommen wir her, wo wollen wir hin? „Dicke Mädchen“-Regisseur Axel Ranisch hat mit seinem neuen Film „Ich fühl mich Disco“ nachgelegt. Ein Gespräch über Low Budget, Körperideale und gute Laune. Von Margret Köhler

La Vie en rOse 8.11. 3sat

26.10.–8.11.2013

OnDine - Das MÄDCHen aus DeM Meer 5.11. WDR

I Killed My Mother Coming of Age-Erstling von Xavier Dolan Benny‘s Video Michael Hanekes verstörende Entfremdungs-Fabel Im Winter ein Jahr Melodram um familiäre Trauerbewältigung

[26.10. einsFestiVAl] [30.10. ARte] [2.11. BAYeRn 3]

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Im Winter ein Jahr 2.11. Bayern 3

Als Thomas Buddenbrook stand er einer verfallenden Familie vor: Mark Waschke in Heinrich Breloers Verfilmung von Thomas Manns Jahrhundertroman „Die Buddenbrooks“.

teuflisch Gut

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mas Que nada - die kunst der maskerade Wo hört der Darsteller auf, wo fängt die Promi-Persönlichkeit an? Eine Analyse der Hybridformen, die bei der Verschmelzung von Star-Persona mit medial bekannter Figur entstehen. Von Rüdiger Suchsland + Hinweise auf vier „Masken“-Filme

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dvd-perlen Mit „Ehe im Schatten“ und „Der weite Weg“ drehten Kurt Maetzig und Alfred Radok kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Dramen über den NS-Terror. Von Ralf Schenk

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nonnenGeflÜster Bis heute interessiert sich das Kino für die Figur der Nonne und deren Leben im Mikrokosmos des Klosters. Ein Blick hinter die Mauern der Filmgeschichte. Von Roland Mörchen + Schauspielerinnen in Nonnentracht

... ist Mark Waschke, der erst spät von der Theaterbühne auf die Leinwand sprang. Ein neues Porträt aus der „Spielwütig“-Reihe. Von Alexandra Wach

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dieses lächeln... „Ein Leben in Bildern“ erzählt ein opulent großformatiger Bildband, der eine Wiederbegegnung mit Ingrid Bergman ermöglicht.

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das Beste zweier welten Auch wenn er das Theater liebte, bewies Patrice Chéreau mit Filmen wie „Intimacy“ seine Qualitäten als KinoRegisseur, der die Grenzen seiner Metiers verwischte. Von Michael Kohler

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in memoriam Nachrufe auf den kubanischen Regisseur Daniel Díaz Torres und den ItaloWestern-Darsteller Giuliano Gemma.

Neue Filme auf DVD/Blu-ray 4

Fotos: Camino (Cover); S. 4/5: Warner Home; Concorde; FD-Archiv; Salzgeber; Camino; Constantin; EYZ

Benny’s Video 30.10. arte

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Kino

I Killed My Mother 26.10. EinsFestival

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Film-Kunst

Neue Filme + alle starttermine

Brisant, aBer unentdeckt Facettenreich, engagiert und aufwühlend, besitzen Filme aus Osteuropa hierzulande aber selten den Stellenwert, der ihnen zusteht. Ein aktueller Streifzug. Von Bernd Buder + Osteuropa-Filme im Kino & auf DVD + Ralf Schenk über das Schicksal einer Nonne in Pawlikowskis „Ida“

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maGische momente

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African Safari 3D [10.10.] Alphabet [31.10.] Am Ende der Milchstraße [24.10.] Der blaue Tiger [31.10.] DramaConsult [24.10.] Draußen ist Sommer [24.10.] Exit Marrakech [24.10.] Frau Ella [17.10.] Freakonomics [24.10.] Ich fühl mich Disco [31.10.] Inside Wikileaks [31.10.] Jackass: Bad Grandpa [24.10.] Kaiserschmarrn [31.10.]

Drei Filme über die Welt der Binär-Codes, Bilanzen und noten: das enthüllungsdrama „inside Wikileaks“, das Doku-FictionHybrid „DramaConsult“ über deutsch-nigerianische Geschäftspartnerschaften und „ich fühl mich Disco“, eine Liebe zu den tönen.

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s. inside wikileaks

Mit „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ hat Rainer Werner Fassbinder einen eindringlichen Krimi geschaffen, der fast schon als „Weiß“-Film gilt. Von Rainer Gansera

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s. dramaconsult

KinotiPP der katholischen Filmkritik

s. 34 die nonne [31.10.] Drama von Guillaume Nicloux

John-Travolta-Pose in Axel Ranischs „Ich fühl mich Disco“

40 King Ping - Tippen Tappen Tödchen [31.10.] 44 Meine keine Familie [24.10.] 44 Orchester im Exil [31.10.] 40 Out in Ost-Berlin [31.10.] 46 Runner Runner [17.10.] 40 Silent Youth [17.10.] 46 Spanish Trash Film Triple Feature [31.10.] 44 Sputnik [24.10.] 42 Tanja - Life in Movement [31.10.] 46 Der Teufelsgeiger [31.10.] 43 The Human Scale [31.10.] 46 Vive la France [31.10.]

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s. ich fÜhl mich disco

ruBriken Editorial Inhalt Magazin E-Mail aus Hollywood Im Kino mit ... Vorschau Impressum

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realität

Hollywood-Korrespondent Franz Everschor über nonfiktionale Stoffe, die dem Eskapismus-Trend des Kinosommers folgen (S. 27)

Kritiken und Anregungen?

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kino

Masken & Kino

Mas que nada Die Kunst Der MasKeraDe

Schauspieler schlüpfen immer wieder gern in die Haut von prominenten Persönlichkeiten: Mehr denn je wird die Schauspielkunst so auch zu einer Kunst der Maske. Doch noch unter der dicksten Maske lugt immer noch der Schauspieler hervor, unter der Mimesis die Aura. Von Rüdiger Suchsland

Meryl streep schlüpfte für „Die eiserne Lady“ (2011) in die rolle von Margaret thatcher; Michael Douglas strahlt in „Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ als der berühmte Pianist und Las-Vegas-entertainer; Daniel Brühl nimmt die Haltung von rennfahrer niki Lauda ein („rush“)

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Da steht er,

der Schauspieler, mit feuerrotem Kunststoff über größeren Partien seines Kopfes. Auch der Anzug, den er trägt, ist knallrot, bis auf die dicken Werbebanner, auf denen „Ferrari“ zu lesen ist, und das gelbschwarze Wappen der italienischen Autofirma. Sein Unterkiefer ist leicht zurückgezogen, sodass die Schneidezähne auch dann zu ahnen sind, wenn er nicht spricht. Wenn er es dann tut, ist es ein leicht ätzender, unverkennbar niederösterreichischer Dialekt, der in knappen Sätzen, langsam und doch stoßweise seine schmalen Lippen verlässt. Das muss einfach Niki Lauda sein, denkt man! Es ist aber dann doch Daniel Brühl in einem eindrucksvollen Auftritt in der Rolle der „Formel 1“-Legende in Ron Howards „Rush“. Schauspielkunst, das ist unter anderem die Kunst des Typischen und des Typisierens. Gerade wo sie mit der Nachahmung einer allgemein bekannten, medial präsenten Person verbunden ist, ist es auch die Kunst der Reduktion auf ganz wenige Gesten und Eigenschaften. Es geht um schnelle, eindeutige Wiedererkennbarkeit, um Verschmelzung mit dem Vorbild. Mehr denn je ist Schauspielkunst heute aber auch die Kunst der Maske. Vielleicht liegt es am schieren technischen Fortschritt, der das Handwerk des Maskenbildners zunehmend in eine Gesichtschirurgie zweiter Ordnung verwandelt, in plastisches Design, zusätzlich unterstützt durch die Möglichkeiten der computergrafischen Manipulation von Bildern. Das Kino, das einst als Medium der Wahrhaftigkeit, der „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ (Siegfried Kracauer) antrat, ist dies allein schon längst nicht mehr: Es ist ebenso das Medium ihrer Veränderung, der Vortäuschung einer anderen, zweiten Welt. Vielleicht liegt es auch am „Visual Turn“, an der schieren Menge der Bilder, ihrer Dauerpräsenz, und am qualitativen Bedeutungszuwachs, den man ihnen zuspricht. Dem Publikum, das am Ende zumeist weiß, dass es nicht der Prominente Y ist, sondern der Schauspieler X,

der da als Y auf der Leinwand zu sehen ist, möchte trotzdem das X für ein Y vorgemacht bekommen, und das immer perfekter. Obwohl, zum Beispiel, jeder deutsche Zuschauer weiß, wie Adolf Hitler aussah, und obwohl die allermeisten Besucher von Dani Levys Komödie „Mein Führer“ vermutlich auch eine recht genaue Vorstellung des Komikers Helge Schneider hatten, war dessen Auftritt in der Titelrolle ganz und gar von der Maske und dem (allzu) erkennbaren Streben nach äußerlicher Ähnlichkeit dominiert. So sehr diese äußerlichen Ähnlichkeiten immer verblüffender werden, so sehr gilt, dass es mit ihr allein und der reinen Maske trotzdem nicht getan ist. Erinnern wir uns an Meryl Streeps gefeierten Auftritt in der Rolle der Margaret Thatcher. So sehr sie sich mit Maske und Kostüm dem Vorbild auch annäherte, entstand der Eindruck eines großen Auftritts und der großen Ähnlichkeit mit ihrem Vorbild durch etwas anderes: Es war die Stimme, und es waren die Bewegungsabläufe, durch die Meryl Streep mit der ehemaligen britischen Premierministerin nahezu vollkommen zu verschmelzen schien. Der Auftritt Daniel Brühls als Lauda ist übrigens eher die Ausnahme von der Regel, weil es einen noch Lebenden betrifft und er in das Paradoxon mündet, dass der Dargestellte die Darstellung nun wieder seinerseits im Vorfeld des Filmstarts kommentiert und das geneigte Publikum darüber informiert, inwiefern er sich getroffen fühlt.

aneignungen: Der Spielfilm als imaginäre Home-Story Schon die Maske als solche ist ein höchst doppelsinniges und widersprüchliches Ding, und die ursprüngliche Vorstellung von Maske und Maskerade hat sich stark gewandelt: Von der Antike bis in die frühe Neuzeit waren Masken noch Mittel zur Stilisierung, also des Typisierens, und zeigten als ins Stereotype zugespitzte Ausdrucksformen Temperamente und Gefühlszustände – zum Beispiel Freude, Trauer, Wut,

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Führer-Masken in deutschen Kinofilmen Tobias Moretti spaziert in „Speer und er“ (1); Helge Schneider badet in „Mein Führer“ (2); Bruno Ganz sieht in „Der Untergang“ zu gut aus (3); Martin Wuttke überdreht in „Inglourious Basterds“ (4).

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1 Gelassenheit. War ihr Zweck also vor allem die Reduktion von Individualität, deren Sitz traditionell im Gesicht angenommen wurde, so dienen moderne Masken, Make-up und plastische Veränderungen des Gesichts vor allem zur Steigerung und Herausarbeitung des Individuellen einer Rollenfigur. Warum aber nun die Faszination der Zuschauer für die Darstellung Prominenter? Es ist die Lust an der perfekten Nachahmung – und es ist die Lust am Voyeurismus. Auch die berühmte, durch Medien und Wissenschaft längst „abgedeckte“ Person, soll durch den Auftritt als Hauptfigur eines Kinospielfilms und durch einen prominenten Schauspieler, der sie „verkörpert“, noch einmal anders, nämlich als Individuum und vor allem „als Mensch“ wahrgenommen werden. Es soll ihre den Medien geschuldete Entrücktheit reduziert, sie soll „dem Publikum nahegebracht“ und ihr Charisma veralltäglicht werden – selbst wenn es sich um ein moralischpolitisches Monster wie Hitler handelt, dessen Darstellung durch Bruno Ganz in „Der Untergang“ von Produktion und Werbekampagne offensiv mit der Feststellung vermarktet wurde, hier nun sei endlich „Hitler als Mensch“ zu sehen. Der Spielfilm als imaginäre Home-Story.

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Wenn ein Darsteller sich auf eine solche Rolle einlässt, kommt es zwischen beiden zu widerstreitenden Anziehungsund Abstoßungsbewegungen, die beide Teile nicht unberührt lassen. Drei Fragen stellen sich in so einem Fall: Was macht dies mit der Figur, also mit dem, der dargestellt wird? Was macht es mit dem, der sie darstellt? Und was macht es mit uns, dem Publikum? Die Rede ist zwangsläufig nur von solchen Prominenten, die im Bildgedächtnis des Publikums gut genug verankert sind, so gut, dass es eine deutliche und präzise Vorstellung vom Aussehen des Vorbilds hat. Das können auch Personen längst vergangener Jahrhunderte sein, etwa der britische König Heinrich VIII., der in zahlreichen Gemälden des 16. Jahrhunderts visuell verewigt worden ist. An diese knüpften sämtliche Kinodarstellungen an; von Charles Laughton bis Richard Burton bewegen sie sich in einem relativ eng definierten Bild- und Darstellungsrahmen. Für Heinrichs Tochter, die „Virgin Queen“ Elizabeth I., gilt das weit weniger, was nicht zuletzt daran liegt, dass es von ihr viel weniger Bildmaterial gibt, und diese Vorlagen in sich unpräziser, zudem schlechter im breiten Bildgedächtnis verankert sind. So sieht der Zuschauer viel eher Bette Davis oder Cate Blanchett als Königin Elizabeth. Das eigentliche Problem, aber auch Reiz und Faszination der Aneignung stellt sich naturgemäß vor allem bei modernen Vorbildern, deren sinnliche Erscheinung durch Fotografie, Film und Tonaufnahmen recht präzis festgehalten und ein Vergleich zwischen echt und unecht jederzeit möglich ist. Katja Flint

als Marlene Dietrich („Marlene“) scheiterte zwischen Tingeltangel und Grande Dame vor allem am übergroßen Vorbild. Leonardo DiCaprio als „Aviator“ Howard Hughes hat es leicht, weil man vom Vorbild zu wenig Bilder kennt; von DiCaprio als „J. Edgar“ Hoover in Clint Eastwoods Biopic bleibt unter lauter Maske, die sein Spiel wie plumpes Grimassieren, die Mimik wie Chargieren wirken lässt, nicht viel mehr übrig als ein grotesker Gesamteindruck, unterbrochen von einer tatsächlich sensiblen Sprache der Augen. Ansonsten dominiert die Maskerade. Und sie entwickelt ihren Eigensinn. Der Schauspieler denkt, die Rolle lenkt.

abgrenzungen: Formen der Distanzierung und des Ausweichens Gerade unsympathische, „böse“ und furchtbare Figuren machen die fürs Spiel notwendige Aneignung schwer, und oft ist hier etwas von der Spannung des Schauspielers zwischen Widerwillen und Faszination erkennbar. Bruno Ganz als Hitler sieht insgesamt viel zu gut aus, verglichen mit dem verkniffenen Ausdruck des lichtscheuen Kleinbürgers im Führerbunker; sein Mund ist groß und breit, verglichen mit dem kleinen des Diktators. Doch Ganz verwandelt den Schurken in einen Kranken: Man sieht einen, der zunehmend den Kontakt zur Realität verliert, keinen der fortwährend mordet, und bald schleichen sich Empathie und irgendwann auch Mitleid in die Betrachtung ein. Der Hitler Tobias Morettis (in „Speer und

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Nach seiner Premiere auf der „Berlinale“ kommt „Die Nonne“ nach dem Roman von Denis Diderot nun in die Kinos (Kritik in dieser Ausgabe). Schon immer hat sich das Kino für das Leben hinter Klostermauern interessiert – oft fasziniert, oft auch verständnislos, nicht selten sogar voyeuristisch. Im besten Fall entdeckte es in der Nonne eine zweifelnde Frau auf der Suche nach der richtigen Lebensentscheidung.

Nonnengeflüster Nonnen-Bilder im Film: Immer wieder blickt das Kino auf die fremde Welt hinter Klostermauern. Von Roland Mörchen

Pauline Etienne in der aktuellen DiderotVerfilmung „Die Nonne“ von Guillaume Nicloux

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Nonnen im Film

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icht jede ist Teil eines „Sister Act“ wie vor gut 20 Jahren Whoopi Goldberg im gleichnamigen Film (1992). Oder eine waghalsige Verkehrsteilnehmerin wie in den trivialen Komödien mit Louis de Funès, deren Übermut so gar nicht zu ihrer ernsten Frömmigkeit zu passen scheint. Oft treten Nonnen im Kino als patente Zeitgenossinnen auf wie die selbstbewusste Oberin in Ralph Nelsons „Lilien auf dem Felde“ (1963), die einen Durchreisenden für ihre Zwecke einzuspannen weiß. Mal sind Nonnen detektivisch unterwegs („Schwester Maria Bonaventura“, 1951), mal werden sie auch nur dekorativ oder spekulativ ins Bild gesetzt. Das spirituelle Selbstverständnis spielt dabei selten eine größere Rolle. In manchen Köpfen reimt sich vielmehr beharrlich „Nun“ auf „Fun“, als gedeihe hinter Klostermauern unerkannt eine promiskuitive Spaßgemeinschaft. Das trifft nicht einmal dann zu, wenn man sexuelle Probleme konstatiert, die der Gruppenpsychologie alles andere als fremd sind. Äußerlich wird der Nonnenschleier zum Zeichen vermeintlicher Geschlechtslosigkeit junger Frauen, die unter der Einheitskleidung gleichwohl Menschen aus Fleisch und Blut sind. Geflüster kann ein Verstoß gegen die Regel des Schweigens sein oder von unterdrückten Lustgefühlen zeugen. Wie komplex die Lage ist, zeigte Norman Jewison in seinem Film „Agnes – Engel im Feuer“ (1985) mit Jane Fonda und Anne Bancroft, in dem sich zwei Weltbilder gegenüberstehen: das aufgeklärte, wonach nur ein Fremder eine Novizin geschwängert haben kann, und das dogmentreue, für das eine unbefleckte Empfängnis keinen Widerspruch zur naturwissenschaftlichen Erklärung der Welt darstellt. Psychologie und Religion widmen sich beide dem Ungreifbaren – die eine dem Unterbewussten und Verdrängten, die andere dem Spirituellen. Wahn und Wirklichkeit verschwimmen, das eigene Weltbild wird zum Maßstab aller Dinge. Egal ob gläubig oder glaubenskritisch: Ideologien bringen nicht bloß recht-

schaffene, sondern auch die schlechtesten Seiten im Menschen hervor. Man kann guten Gewissens boshaft sein und einen Ausverkauf des individuellen Lebensglücks betreiben. Strenge Ordensregeln der Disziplinierung sollen zu einem gottgefälligen Leben erziehen, was mitunter den Widerstandsgeist weckt oder Neurosen gebiert. Im Gegensatz zum weltlichen Getümmel ist das Kloster ein in sich geschlossener Kosmos, ein Refugium oder ein Gefängnis. Im Vergleich mit dem Wechselbad aus innerer Freiheit und Unfreiheit in Robert Bressons Film „Engel der Sünde“ (1943), in dem sich eine Novizin rückhaltlos für die Erlösung einer Mörderin einsetzt und sie zur Schwester in der Gnade macht, provoziert die Eigenwelt der Nonnen in Jerzy Kawalerowicz’

„Im Gegensatz zum weltlichen Getümmel ist das Kloster ein in sich geschlossener Kosmos, ein Refugium oder ein Gefängnis.“ „Mutter Johanna von den Engeln“ (1961) und in Ken Russells „Die Teufel“ (1971) nur Hysterie. Diese hat psychische Ursachen, wird aber als Besessenheit deklariert. Die strenge Lebensform führt nicht zur Erkenntnis des Heiligen, sondern zur peinigenden Offenbarung der persönlichen Verdrängungen. Im vormals gesunden Körper nistet ein ungesunder Geist, der doch bloß der eigene und nicht derjenige des Teufels ist. In den Jahren 1965/66 verfilmte Jacques Rivette den Roman „Die Nonne“ von Denis Diderot, prominent besetzt u.a. mit Anna Karina, Liselotte Pulver, Micheline Presle und Francisco Rabal. Konnte die Presse damals noch fragen, ob eine kirchenkritische Aufklärung in einer säkularisierten Zeit nicht Eulen nach Athen trägt, so lässt sich aus heutiger Sicht das betonen, was eigentlich schon damals galt: dass das Kloster –

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wie bei Jerzy Kawalerowicz – für jedes System steht, das unterdrückt und unfrei macht. Hierarchische Strukturen, durch soziale Unterschiede begünstigte Abhängigkeiten gibt es auch in anderen Milieus, gar nicht zu reden von Demütigungen und Folter, Repression und Freiheitsbeschneidung, um Menschen gefügig zu machen. Dabei mögen sexuelle Perversionen genauso eine Rolle spielen wie antiemanzipatorische Affekte, denen Frauen ausgesetzt sind. Diderots Vorlage gibt all die spekulativen Reize zwar her, aber sowohl Rivettes Adaption als auch die aktuelle Neuverfilmung von Guillaume Nicloux gehören nicht in den Dunstkreis der berüchtigten „Nunsploitation“-Filme. Rivette hatte diesbezügliche Erwartungen eines einschlägigen Publikums seinerzeit schwer enttäuscht – trotz lesbischer Liebe und einer Suzanne, die von Mitschwestern bespuckt und als Satan verschrien wird. Auch Nicloux ist auf zwischenmenschliche Spannungen aus, die unter realitätsblinden äußeren Bedingungen ausgelöst oder verstärkt werden. Suzanne muss sich bei einer Leibesvisitation vor Nonnen bis auf die bloße Haut entkleiden. Doch in ihrer Nacktheit ist sie natürlich und stark, im Gegensatz zu den vermummten Voyeurinnen. Diderot, dessen Roman „La religieuse“ erstmals 1796 in Paris veröffentlicht wurde, verarbeitete einen authentischen Fall und übte Kritik an einer Gesellschaft, die Klöster als Abschiebemaßnahme für junge Frauen betrachtete. Suzanne Simonin soll für die Schuld der Mutter büßen, die sie unehelich geboren hat. Die 16-jährige Tochter wird im Kloster lebendig begraben und ihres freien Willens beraubt. Rivette filmte in seiner Adaption durch eine Gittertür, als Suzanne ihre Gelübde ablegen soll. Sie weigert sich und rebelliert, rennt gegen das Gefängnisgitter an, hinter dem sich die Zeugen eingefunden haben. In einer anderen Szene zieht eine Schwester demonstrativ einen Vorhang vor das Gitter und schneidet Suzanne damit von jeglicher Außenwelt ab. Diderots Roman beschreibt die Klausur auch als eine widernatürliche Lebensform, die nichts

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e- mA i l Von Franz Everschor

A us

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Zurück zur

realität Eskapismus war das Stichwort, dem nahezu alle Filme des zurückliegenden Sommers gehorchten. In den kommenden Monaten kehren nun zahlreiche Kino-Angebote zur Realität zurück, in einigen Fällen sogar zu einer harschen, alles andere als vergnüglichen Realität. Nonfiction ist im Herbstprogramm der amerikanischen Filmtheater Trumpf – auch wenn sie sich hinter Fortsetzungen von „The Hobbit“, „Thor“ und „The Hunger Games“ versteckt. Erstaunlich viele Kinobesucher finden wieder Gefallen an Ausflügen ins tatsächliche Leben. Die großen Studios wagen sich zwar an Themen, die dem wirklichen Leben allzu nahe kommen, nach wie vor kaum heran; doch aus den Hinterhöfen der vielen unabhängigen Produzenten drängen neuerdings immer mehr Nonfiction-Filme auch in die Multiplexe. „The Butler“ und „Fruitvale Station“ haben schon den Anfang gemacht. Nun folgt zum Beispiel Steve McQueens „12 Years a Slave“, die Nacherzählung des Lebens von Solomon Northup, einem Schwarzen, der Mitte

Franz everschor berichtet für FILMDIENST seit 1990 aus Hollywood

des 19. Jahrhunderts als freier Mann in New York lebte, zwangsweise in den Süden entführt und an einen Plantagenbesitzer in Louisiana verkauft wurde. Der Film basiert auf Northups Memoiren, die nicht ganz zufällig wenige Monate nach Harriet Beecher Stowes „Uncle Toms Cabin“ veröffentlicht wurden. „To be sure“, sagte McQueen, „we were dancing with ghosts“, als er bei den Dreharbeiten zu einer Lynch-Szene die Gräber tatsächlich umgebrachter Sklaven fand. Die Persönlichkeiten und Ereignisse, denen sich die Nonfiction-Filme der nächsten Zeit widmen, sind kaum zu zählen. Zu ihnen gehören Nelson Mandela („Mandela: Long Walk to Freedom“), die Ermordung John F. Kennedys („Parkland“), der Kosmologe Stephen Hawking („Hawking“), WikiLeaksGründer Julian Assange („The Fifth Estate“), Apples Übervater Steve Jobs („Jobs“), der Autor J.D. Salinger („Salinger“), US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld („The Unknown Known“), Radsport-Champion Lance Armstrong („The Armstrong Lie“) und

H o l lY W o o d der Rennfahrer Niki Lauda („Rush“). Die wenigen Beiträge, an denen die Hollywood-Studios beteiligt sind, können natürlich mit der größten Publizität rechnen. Außer dem von Ron Howard inszenierten „Rush“ sind das die Filme „Captain Phillips“ und „The Monuments Men“. George Clooney hat aus Robert M. Edsels Buch „The Monuments Men“, das die Rettung von den Nazis eroberter und konfiszierter Kunstwerke beschreibt, eine Art Reality-Abenteuer gemacht, vollgestopft mit bekannten Stars, aber laut Clooney “relativ nah an den Fakten”. Zum Thriller scheint in „Captain Phillips“ die filmische Aufarbeitung der Entführung eines amerikanischen Frachters durch Piraten zu werden, die sich 2009 vor der Küste von Somalia ereignete. Immerhin hat Paul Greengrass („United 93“) den Film inszeniert, was zu der Vermutung Anlass gibt, dass auch hier die Fakten nicht völlig untergehen. Es sind Randfälle der dramatisierten Nonfiction wie diese, die eigentlich am spannendsten sind – selbst dann noch, wenn die Tatsachen manchmal mit purer Fantasie kollidieren. Mehr Filme als jemals zuvor berufen sich heutzutage auf „wahre Ereignisse“ oder „reale Personen“, um zusätzliches Interesse beim Publikum zu wecken. Dabei sind die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiction immer fließender geworden. Auch Fernseh- und Filmdramaturgie haben sich in diesem Umfeld immer mehr angenähert. Wie etwa der amerikanische Fernsehfilm „Behind the Candelabra“ („Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“, Kritik in FD 20/13) von Steven Soderbergh zeigt, der jetzt außerhalb der USA als Kinofilm vermarktet wird.

∆ Erstaunlich viele Kinobesucher finden wieder Gefallen an Ausflügen ins tatsächliche Leben. √

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im Kino exit marraKech [24.10.]

selbsterfahrung im sand

Klischeehafter Afrika-Trip: ein Familiendrama von Caroline Link

Nach fünf Jahren Abstinenz meldet sich Caroline Link wenig überraschend mit einem VaterSohn-Duell zurück. Wie im Familiendrama „Im Winter ein Jahr“ (2008) taucht sie erneut in die Gefühlswelt sich reibender Sippenmitglieder ein. Die Story um einen pubertierenden Filius, der seinem geschiedenen Erzeuger in den Sommerferien nach Marrakesch folgt, wo dieser als Theaterregisseur an einem Festival teilnimmt und es sich am Pool des Luxushotels gutgehen lässt, wartet nicht gerade mit originellen Wendungen auf. Auch das Leiden der Figuren an einem wie immer gearteten seelischen Defizit hält sich in Grenzen. Und doch soll man glauben, dass diese beiden sich entfremdeten Menschen erst ihre Grenzen erproben müssen, um einander wiederfinden zu können. Dass der Tourismusaspekt des Drehorts mit dem Schlaghammer die Vorhersehbarkeit des Drehbuchs überde-

cken möchte, macht die Sache nicht besser. Der 17-jährige Ben (Samuel Schneider), der sich, abgeschoben in ein Internat, seit Jahren vernachlässigt fühlt, kann dem hedonistischen Lebensstil seiBeWertunG Der FiLMKOMMissiOn Ein 17-jähriger zuckerkranker Internatsschüler, der in den Ferien widerwillig seinen Vater in Marrakesch besucht, verliebt sich in eine junge Prostituierte und folgt ihr in ihr Bergdorf. Als er nicht wieder auftaucht, macht sich sein Vater entrüstet auf die Suche. Ein Vater-SohnDuell vor folkloristischer Szenerie, das farbenprächtige Landschaftsbilder, aber auch zu viele gängige Klischees als Hintergrund eines routinierten Familiendramas einsetzt. Ein attraktiv fotografierter und gut gespielter, aber eher oberflächlicher Film vor dem Hintergrund der Gegensätze zwischen der westlichen Welt und Nordafrika. – Ab 14.

nes temporären Erziehungsberechtigten Heinrich (Ulrich Tukur) nichts abgewinnen. Er ignoriert trotzig dessen Ratschläge, die früh aufgetauchte Diabetes-Erkrankung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, und erforscht die fremde Stadt auf eigene Faust. In einem Nachtclub begegnet er einer jungen Einheimischen, dem puren Gegenteil einer unterwürfigen Muslimin, die wohl die sich wandelnden Werte in einem Teil der marokkanischen Gesellschaft repräsentieren soll. Aus frisch entbrannter Liebe umwirbt Ben sie mit Geschenken, die er sich beim verhassten Papa ohne dessen Wissen ausgeliehen hat. Wild entschlossen, die Reise zu einem Abenteuer zu küren, folgt er der Marokkanerin in das archaische Bergdorf ihrer Familie und versetzt damit den gleich zweifach beklauten Vater doch noch in Suchbereitschaft. Was während der Rückführung des Verschollenen aus der pittoresken

neue Filme

Steinzeitszenerie folgt, sind eine Menge werbetauglicher Landschaftsbilder und folkloristisch wertvoller Musikeinlagen, mitunter aufgelockert durch eine authentisch wackelnde Kamera, die selbst den Ausflug in die Wüste samt obligatorischer Kamele nicht scheut. „Exit Marrakech“ ist ein beim großen Publikum sich anbiedernder Trip, überladen mit Klischees vom gerüche- und farbintensiven Orient, an dessen befreiendem Ende der eine des Selbsterfahrungs-Duos erwachsen und der andere ein Fünkchen weiser und verantwortungsbewusster erscheint. Denn natürlich kommt sich das viel geprüfte Gespann näher, beim Kiffen auf dem Hoteldach, bei der Wüsten-Safari, deren auf dem Reißbrett erzwungene Strapazen ihr verschüttetes wahres Ich zum gefühligen Liebesgeständnis drängt. Nordafrika als Besserungsanstalt für wohlstandsgeschädigte Europamüde? Angesichts der noch lang nicht ausgestandenen Arabellion und der sich dramatisch häufenden Flüchtlingsströme ein zweifelhaftes Musterbeispiel einer aufs Eskapistischste gelungenen westlichen Projektion. Alexandra Wach

Scope. Deutschland 2013 regie, Buch: Caroline Link Kamera: Bella Halben Musik: Niki Reiser schnitt: Patricia Rommel Darsteller: Ulrich Tukur (Heinrich), Samuel Schneider (Ben), Hafsia Herzi (Karima), Mourad Zaoui (Abdeslam), Josef Bierbichler (Dr. Breuer), Marie-Lou Sellem (Lea), Stefanie Höner (Chris), Clara-Marie Pazzini (Hannah), Sophie Rois Länge: 123 Min. | FsK: ab 6; f Verleih: Studiocanal | start: 24.10.2013 FD-Kritik: 41 979 HANDWERK INHALT DARSTELLER

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