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NR. 32, 30. MAI 2014

DEUTSCHE AUSGABE

Fédération Internationale de Football Association – Seit 1904

SÃO PAULO WIE DER FUSSBALL NACH BRASILIEN KAM BLATTER 64. FIFA-KONGRESS IST WEGWEISEND KLOSE JAGD AUF DEN WM-TORREKORD Vorfreude auf das Fussballfest

BRASILIEN W W W.FIFA.COM/ THEWEEKLY


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S epp Blatter Der FIFA-Präsident spricht über den 64. FIFA-­ Kongress und hält fest: “Er vereint alle 209 Mitgliederverbände und bildet die demokratische Basis. Das Ereignis wird auch ohne Wahlen und ohne WM-Vergabe wegweisend sein.”

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Z ehn Minuten im Amt Leroy Rosenior hält einen legendären Rekord: Er wurde als Trainer von Torquay United nach zehn Minuten wieder entlassen. Der Engländer über den Wendepunkt in seinem Leben.

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Nord- und Mittelamerika 35 Mitglieder www.concacaf.com

Noch 13 Tage Die WM ist in greifbarer Nähe. Am 12. Juni eröffnet Gastgeber Brasilien gegen Kroatien die zwanzigste Ausgabe des grössten Sportanlasses der Welt. Wir blicken nochmals zurück auf die glorreiche Geschichte des brasilianischen Fussballs und erklären, weshalb der sechste Titel für das Land so wichtig ist.

Südamerika 10 Mitglieder www.conmebol.com

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Ecuador Nationalcoach ­Reinaldo Rueda prophezeit den ­Europäern eine ­schwierige WM.

G ünter Netzer 48 Gruppenspiele werden an der WM ausge­ tragen. Unser Kolumnist erklärt, warum Sie die Partie Italien – England im brasilianischen Dschungel nicht verpassen dürfen.

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São Paulo In der Wirtschafts­ metropole liegen die Anfänge des brasilianischen Fussballs.

Brasilien Unser Titelbild zeigt den Strand ­Ipanema in Rio de Janeiro. Entstanden ist die Aufnahme am Abend des 9. Januar 2014.

WM-Gruppen A–C

Yasuyoshi Chiba / AFP

Gruppe A The-FIFA-Weekly-App The FIFA Weekly, das Magazin der FIFA, erscheint jeden Freitag neu und in fünf Sprachen und ist auch auf Ihrem Tablet verfügbar.

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Gruppe B

Gruppe C

Brasilien

Spanien

Kolumbien

Kroatien

Niederlande

Griechenland

Mexiko

Chile

Elfenbeinküste

Kamerun

Australien

Japan


D I E WO C H E I M W E LT F U S S B A L L

Europa 54 Mitglieder www.uefa.com

Afrika 54 Mitglieder www.cafonline.com

Asien 46 Mitglieder www.the-afc.com

Ozeanien 11 Mitglieder www.oceaniafootball.com

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Japan “Samurai Blue” setzt in der WM-­ Vorbereitung auf ein sehr hartes Trainingsprogramm.

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Miroslav Klose Bricht der Deutsche den Rekord von Ronaldo? Noch zwei Treffer fehlen Klose für die alleinige Führung der ewigen WM-Torschützenliste.

WM-Gruppen D–H

imago, Getty Images (3)

Gruppe D

Gruppe E

Gruppe F

Gruppe G

Gruppe H

Uruguay

Schweiz

Argentinien

Deutschland

Belgien

Costa Rica

Ecuador

Bosnien-Herzegowina

Por tugal

Algerien

England

Frankreich

Iran

Ghana

Russland

Italien

Honduras

Nigeria

USA

Korea

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UNCOVERED

Die Vorfreude wächst

Adrenalinschub Selten leiden und feiern Fussballfans so wie bei einer Weltmeisterschaft.

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Klammer / Keystone / Laif

icht einmal zwei Wochen trennen uns noch vom Auftakt der Fussball-WM 2014 in ­Brasilien. Der Gastgeber will nach seinem sechsten WM-Titel greifen – und dabei das Trauma kurieren, das Uruguay den Brasilianern an der WM 1950 zugefügt hat. Damals verpasste die Seleção den WM-Triumph nur knapp, wie unser Autor Thomas Renggli schildert. Für die folgenden besten Jahre des brasilianischen Teams zeichnet Pelé mitverantwortlich. Sein Vater weinte 1950, als der grosse Erfolg wider Erwarten ausblieb. “Am 13. Juli 2014 möchte ich nicht weinen”, sagt Pelé heute und hofft, dass seine Farben siegreich aus dem WM-Finale hervorgehen werden.

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er deutsche Goalgetter Miroslav Klose ­bereitet sich auf seine vierte WM-Teilnahme vor. Der disziplinierte und naturverbundene Profi von Lazio Rom wird bald 36 Jahre alt. Er sagt: “Ich denke, dass es mein letztes Turnier sein wird.” Mit seinen 14 WM-Treffern allerdings liegt er nur einen hinter der Marke

von Ronaldo. Er könnte in Brasilien der neue Allzeit-WM-Torschützenkönig werden. Franco Nicolussi hat ihn in Rom besucht.

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as geschieht in den Camps der WM-Teams? Und wo bereiten sich die Mannschaften auf das vierwöchige Turnier vor? Unsere Mitarbeiter Sven Goldmann und Jordi Punti erzählen Geschichten rund um das japanische beziehungsweise das spanische Teamlager.

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m 10. und 11. Juni findet in Saõ Paolo der 64.  FIFA-Kongress statt. FIFA-Präsident Blatter bezeichnet die diesjährige Tagung als wegweisend. Denn es gelte, “die Beschlüsse umzusetzen, die uns der Kongress vergangenes Jahr auf Mauritius erteilt hat.” Im Zentrum stehen “der Reformprozess, aber auch andere Themen, die unverändert aktuell sind: Rassismus, Spielmanipulationen und Sicherheitsfragen rund um den Fussball.” Å Perikles Monioudis T H E F I FA W E E K LY

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Š David Alan Harvey/Magnum Photos 6

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SEHNSUCHT MARACANÃ Viva Brasil! Nach 64 Jahren kehrt die WM-Endrunde ins Land der unbegrenzten fussballerischen Möglich­keiten zurück. Die Vorfreunde und die Erwartungen sind weltmeisterlich gross.

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Thomas Renggli

uckerhut, Copacabana, Ipanema: In Brasilien tragen Schönheit und Ästhetik viele Namen. Eleganz, Leichtigkeit und Spielfreude ­gehören zum Volksgut – das Joga Bonito als Lebenseinstellung. Die grösste nationale Sehnsucht ­konzentriert sich in den nächsten anderthalb Monaten vor allem auf einen Ort – auf das Maracanã-Stadion im gleichnamigen Stadtteil von Rio de Janeiro, der Bühne des WM-Endspiels, Schauplatz des finalen Kapitels einer Geschichte, die in kollektivem Freudentaumel und gelb-grün-blauem Konfetti­regen münden soll: Karneval im Juli. Die Bedeutung des Fussballs in Brasilien übersteigt die allgemeine Vorstellungskraft. Das Spiel prägt die Kultur und Identität des ­Landes, ist so stark im öffentlichen Leben und Denken verankert wie kaum an einem anderen 8

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Ort der Erde: “Brasilien ist Fussball – und Fussball ist Brasilien”, sagt FIFA-Präsident Blatter. Die brasilianische Schriftstellerin Betty Milan schreibt im Buch “Brasil, o País do Futebol”: “Der Fussball ist in Brasilien nicht nur Sport. Er ist ein artistisches Spiel, die Kunst des Dribbelns, das Austricksen des Gegners mit maliziösen Finten. Im Verlauf einer Partie kann es passieren, dass Brasilianer das Toreschiessen vergessen, überzeugt, dass Erfolg ohne Spass ein Widerspruch in sich selbst ist.” Die Schockstarre von 1950 Für die Seleção und ihre Fans bleibt zu hoffen, dass diese literarische Einschätzung eine Fehl­ interpretation bleibt. Denn alles andere als der Gewinn des WM-Titels wäre für Brasilien die Neuauflage einer nationalen Tragödie – die ­Reprise der als Maracanaço in die Geschichte eingegangenen Niederlage gegen Uruguay im entscheidenden Spiel der WM 1950 in Rio. Das ganze Land erwartete damals den Titelgewinn. Ein Unentschieden hätte Brasilien genügt. Doch

der Uruguayer Alcides Ghiggia zerstörte die ­Party. Er traf in der 79. Minute vor 200 000 ­Zuschauern zum spielentscheidenden 2:1. Glaubt man den Zeitzeugen, war es, als hätte jemand an einer Silvesterfeier exakt um Mitternacht den Stecker aller elektronischen Anlagen herausgezogen, den Champagner weggespült und die ­Gäste zum Ausfüllen der Steuererklärung genötigt. Brasilien, das Land der unbegrenzten fussballerischen Möglichkeiten, stürzte in eine Schockstarre. Dabei war das Drehbuch bis ins letzte Detail geschrieben. Kurz vor dem entscheidenden ­Treffer verliess FIFA-Präsident Jules Rimet die Ehrenloge, stieg ins Stadioninnere, um nach dem Schlusspfiff den Brasilianern den Pokal zu übergeben. In seinem Buch “Die wunderbare Geschichte des Weltpokals” schrieb Rimet: “Als ich für die Pokalübergabe auf den Platz kam, herrschte im Stadion eine Totenstille. Plötzlich gab es keine Ehrengarde mehr, keine Nationalhymne, keine Ansprache, keine glanzvolle Siegesfeier. Ich fand mich allein inmitten der

Allsport/Getty Images

Finale 1970 Pelé fällt Torhüter Ado nach dem 4:1 gegen Italien in die Arme.


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WM-Highlights 19 Endrunden, 8 Titelgewinner. Die Geschichte der Weltmeisterschaften produzierte Dramen, Wunder und Helden – aber auch skurrile Geschichten. Eine Tour d’Horizon durch 80 WM-Jahre und über vier Kontinente – von Uruguay bis Südafrika.

1930

Uruguay Dank einem 4:2 gegen Argentinien kann sich Uruguay als erster Weltmeister feiern lassen. Bei der Eingangskontrolle werden 1600 Revolver beschlagnahmt.

1934

Aufwärmen 2013 Neymar unter den gestrengen Blicken von Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari (hinten links) während des Konföderationen-Pokals.

Italien Uruguay nimmt als Revanche für das europäische Desinteresse an der WM 1930 nicht teil. Auch England boykottiert die WM. Italien feiert den ersten Titelgewinn.

1938

“Brasilianer sind überzeugt, dass Erfolg ohne Spass ein Widerspruch in sich selbst ist.” imago, Getty Images (2)

Betty Milan

Volksmenge, von allen Seiten bedrängt, mit dem Pokal in meinen Händen, ohne zu wissen, was ich tun sollte. Ich hielt nach dem uruguayischen Kapitän Ausschau, und überreichte ihm − fast im Geheimen − den Pokal und streckte ihm die

Hand hin, ohne ein Wort sagen zu können.” Luiz Felipe Scolari, der aktuelle brasilianische Nationaltrainer, gewinnt dem Scheitern von damals rückblickend auch etwas Positives ab: “Das Team von 1950 hat eine Tür aufgestossen und uns auf einen Weg gebracht, der uns fünf Weltmeistertitel einbrachte. Das ist die Sichtweise, die ich an die aktuellen Nationalspieler über das Turnier von 1950 weitergebe.” Vollendete Spielkunst Pelés Durch die “aufgestossene Tür” trat acht Jahre später ein 17-jähriger Jüngling auf die Weltbühne des Fussballs: Edson Arantes do Nascimento – Pelé. Zu Beginn des Turniers setzte Trainer Vicente Feola den Youngster auf die Ersatzbank und überliess die Bühne den bewährten Kräften: Gilmar, Djalma Santos, Didi, Garrincha. Erst im abschliessenden Vorrundenspiel gegen die S ­ owjetunion erhielt Pelé seine Chance. Es war der Beginn eines beeindruckenden Steigerungslaufs durchs Turnier. Pelé verzauberte das ­P ublikum mit techni-

Frankreich Das Turnier steht im Schatten der politischen Entwicklung. Grossdeutschland scheitert in den Achtelfinals an der Schweiz. Italien gewinnt in den von Mussolini verordneten schwarzen Trikots.

1950 Brasilien Die Seleção stürmt an der HeimWM in Richtung Titel – und stolpert im entscheidenden Moment über Uruguay. Nach dem Maracanaço führen die Brasilianer ihre weissen Trikots der Altkleidersammlung zu.

1954 Schweiz Die Fussball-Welt feiert das Wunder von Bern. Das vermeintlich unschlagbare ungarische Team scheitert an Deutschland. Die Mannschaft von Sepp Herberger wahrt im Finale dank den ersten Stollenschuhen das Gleichgewicht. T H E F I FA W E E K LY

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scher Extraklasse und ­beeindruckender Kaltblütigkeit. Im Viertelfinale gegen Wales erzielte er den einzigen Treffer, im Halbfinale gegen Frankreich gelang ihm ein Hattrick, und im Endspiel gegen Gastgeber Schweden inszenierte er seine persönliche Kür. Sein Treffer zum 3:1 war ein Muster an vollendeter ­Spielkunst – 42 Jahre später schaffte es die zirkusreife Einlage in die Liste der schönsten Tore des Jahrhunderts auf Platz 3. Dabei klingt das Meisterstück in Pelés Erinnerung ganz ­ einfach: “Ich stand mit dem Rücken zum Tor, stoppte den Ball mit dem Oberschenkel, hob ihn mir selbst über den Kopf, drehte mich und schoss.” Im Rasundastadion von Stockholm ­verneigten sich sogar die schwedischen ­ Zuschauer vor dem brasilianischen ­Magier. “Mit 17 war alles wie ein Traum. Die Weltmeisterschaft in Schweden war mein ­erster Aufenthalt in Europa überhaupt. Ich spielte mit der Unbeschwertheit eines Newcomers, und alles ging fast wie von selbst”, ­erzählt Pelé. 10

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Gott sei Dank Mit Pelé träumte eine ganze Nation. Und die Welt schaute fasziniert zu, wie der Fussball auf eine neue Ebene gehoben wurde – mit Verspieltheit, Unbekümmertheit und einer ­ Technik, die das Gefühl eines ganzen Landes spiegelte. Das Dribbling ist in Brasilien sozusagen eine Lebenseinstellung, der Aufstand ­gegen die Obrigkeit, die Versinnbildlichung von Kreativität und Inspiration. Und Brasilien ist ein Land von Dribblern, die das Spiel an den weissen Stränden lernen und es mit Eleganz und Leichtigkeit ins Scheinwerferlicht tragen. Mit diesen Qualitäten dominierten die ­Südamerikaner zwischen 1958 und 1970 den Weltfussball. Im Zentrum stand Pelé, der König der Fussballer. Zusammen mit Garrincha, dem Frauenhelden mit den von Geburt an deformierten Beinen, spielte er die Gegner schwindlig. ­Brasilien verlor nie, wenn die beiden zusammen stürmten. Dahinter führte Didi Regie. Im Zentrum aber stand Pelé. Ein Rundfunksprecher

bezeichnete ihn als “übernatürliches W ­ esen” und dankte Gott, dass er diesen ­“Wunder-Kreolen” gerade Brasilien und keiner anderen Nation beschert habe. Als Pelé am 19. November 1969 im Maracanã vor 200 000 Zuschauern sein tausendstes Tor auf Penalty erzielte, schaute die ganze Welt zu. Im Stadion stürmten seine Bewunderer aufs Spielfeld, der Schiedsrichter musste das Spiel unterbrechen, damit Pelé in einem Trikot mit der Nummer 1000 eine Ehrenrunde drehen konnte. Im ­ganzen Land läuteten Kirchenglocken und ­verkündeten das grosse Ereignis. Dass zur ­gleichen Stunde amerikanische Astronauten den Mond betraten, interessierte in Brasilien kaum jemanden. Endgültig zum ersten Superstar des Fussballs wurde Pelé 1970 – als er Brasilien zum dritten Titel führte. “An diesem Turnier habe ich meinen besten Fussball gespielt”, sagt er heute. Die Seleção perfektionierte das Spiel – individuelle Extraklasse verschmolz mit der kollektiven Vollkommenheit. Neben Pelé brillierte ein schmächtiger Stürmer mit grandioser

Bob Thomas/Getty Images

Frustriert und fassungslos 1982 Toninho Cerezo (5) und Oscar (3) werden vom Italiener Paolo Rossi auf dem falschen Fuss erwischt.


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1958 Schweden Pelé betritt das WM-Parkett und führt Brasilien zum ersten Titelgewinn. Sein Traumtor im Finale gegen Schweden ist bis heute Bestandteil jeder WM-Enzyklopädie.

1962 Hoffnungsträger 2014 Thiago Silva nimmt im Länderspiel gegen Frankreich Mass. Entschlossen Neymar (l.) blickt dem Startspiel gegen Kroatien entgegen.

Chile Brasilien zum Zweiten – und der letzte Tanz einer der grössten Mannschaften der Geschichte: Pelé verletzt sich in der Vorrunde.

1966

England Als bisher einziger Spieler erzielt der Engländer Geoff Hurst in einem WM-­Finale drei Tore. Das 3:2 gegen Deutschland (4:2 n.V.) geht als Wembley-Tor in die Geschichte ein. Bereit Dante (r.) ist für die defensive Absicherung zuständig.

1970 Mexiko Das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien (3:4) gilt bis heute als ”Jahrhundertspiel”. Doch am Schluss jubeln auch in Mexiko wieder Brasilien und Pelé.

1974

Getty Images (4), imago

Brasilien musste lernen zu verteidigen. Es war wie ein Verrat an der eigenen Identität. Schusstechnik und unerhörtem Aktionsradius – Tostão. Don Seraphin, Bischof von Belo Horizonte und Radiokommentator, erklärte: “Pelé ist das Genie, er macht alles mit dem Instinkt. Tostão aber ist das Talent, er macht alles mit seiner In-

telligenz.” Im Finale gegen Italien traf Pelé vor 107 000 Zuschauern im Aztekenstadion zum 1:0, Brasilien gewann 4:1. Das war ­Höhepunkt und Ende einer Ära. Der Weg zum fünften Titel Die grossen brasilianischen Ballzauberer traten ab. 1974 scheiterten sie an der orangen Revolution – dem niederländischen Team um Johan Cruyff. Der dritte Platz von 1978 war wie ein Trostpreis. Die Spiellust schien im defensiven Korsett zu ersticken. Nationaltrainer Cláudio Coutinho sagte: “Dribbling ist verlorene Zeit.” 1982 und 1986 kehrte Brasilien unter Telê Santana zum Joga Bonito zurück: fantasievoll, elegant, fliessend. Doch Angriff ist nicht immer die beste Verteidigung. Die europäischen Teams hatten dazugelernt. 1982 stoppte Italien den Rekordweltmeister, vier Jahre später Frankreich. Brasilien erhielt einen schmerzhaften Denkzettel – musste lernen zu verteidigen. Es war wie ein Verrat an der eigenen Identität. Die Globalisierung des Fussballs schlug sich in

Bundesrepublik Deutschland Holland zelebriert den “Fussball total”. Gegen die deutsche Mannschaft bleibt er aber ein un­­ vollendetes Werk. Johan Cruyff muss Franz Beckenbauer zum Titel gratulieren.

1978 Argentinien Eine Endrunde mit Nebengeräuschen: die deutsche Schmach von Cordoba und Fussball im Zeichen der politischen Situation von Argentinien. Holland scheitert im Finale am Gastgeber.

1982 Spanien Der Italiener Rossi zieht den Brasilianern in der Zwischenrunde den Boden unter den Füssen weg. Und im Finale stürmt die Squadra Azzurra gegen Deutschland zum dritten Titel. T H E F I FA W E E K LY

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Und wenn alles anders kommt? Ohne Emotionen, ohne Kalkül: Wenn Wissenschaftler ihre Daten zur WM auswerten, können die Resultate überraschend ausfallen. Brasilien werde den Titel nicht gewinnen.

Ricardo Manuel Santos, Trinity University, San Antonio (USA)

Schliesslich fanden wir heraus, dass in den letzten 40 Jahren nur zweimal eine Mannschaft Weltmeister wurde, iese Studie konzentriert sich auf das die eine der drei Auflagen zuvor gewonnen hatte (Argentinien 1986 und BrasiWM-Endrundenturnier und verfolgt drei Hauptziele. Erstens die lien 2002). Dies kann üblicherweise Entwicklung eines ökonometrischen den Generationszyklen zugeschrieben Modells, das in der Lage ist, die letzten werden, die alle Nationalmannschaften WM-Sieger korrekt zu erklären. Zweidurchlaufen. Eine Generation guter Spieler bestreitet drei oder vier tens wollen wir die Prognosefähigkeit der FIFA-Weltrangliste für die ErmittWM-Endrunden zusammen, anschlies­ send entsteht eine Lücke von ein oder lung des WM-Siegers bewerten. Und drittens wird untersucht, ob ein raffizwei Turnieren mit schwächeren nierter Wettspieler entgegen aller Kadern. Falls unser Modell bestätigt, dass dies ein wichtiger Faktor ist, Wahrscheinlichkeit e ­ inen Gewinn aus dem Markt herausholen kann – oder ­werden Brasilien, Italien und Spanien WM-Orakel Krake Paul brachte es als Fussball-Prophet zu Weltruhm. ökonomisch ausgedrückt: Es wird un(die letzten drei Gewinner) einen schwetersucht, ob der Wettmarkt effizient ist. ren Stand haben. Unsere empirische Analyse ergibt, dass die Austragung des Turniers Wir verwenden ein Logit-Modell, um für jedes Team bei jedem die Wahrscheinlichkeit auf den Titelgewinn erhöhen kann (6 der insge­Turnier die Gewinnwahrscheinlichkeit zu schätzen. Dabei konzentrieren samt 19 Gewinner waren Gastgeber). Die Qualität der Mannschaft ist ein wir uns auf Turniere, die zwischen 1994 und 2010 stattgefunden haben, weiterer offenkundiger Faktor. Wird die FIFA-Weltrangliste verwendet, da die FIFA-Rangliste erst seit 1993 verfügbar ist. Das Modell sagt vier um die Rolle der Teamqualität bei den letzten fünf Turnieren zu quantider letzten fünf Gewinner korrekt vorher. fizieren (die Rangliste ist erst seit 1993 verfügbar), so stellt sich heraus, dass drei der fünf Gewinner auf den ersten zwei Plätzen der WeltrangDeutschland macht das Rennen liste standen. Der dritte Faktor, der berücksichtigt wird, ist das VorhanDa die Fussball-Weltmeisterschaft 2014 in Kürze beginnt, besteht der densein eines Superstars in der Mannschaft (wer erinnert sich nicht an ambitionierte Test für unser Modell darin, ob es den Gewinner korrekt Pelé 1958, Maradona 1986 oder Zidane 1998?). Es stellte sich heraus, dass vorhersagen kann. Unter Verwendung der Team-Statistiken und der Mannschaften, welche die WM gewinnen, durchschnittlich zwei Star­ Koeffizienten aus der Regressionsanalyse wird die Wahrscheinlichkeit spieler in ihren Reihen haben, im Vergleich zu nur 0,5 Stars in den andefür jedes Team ermittelt und eine Rangliste aller Teams erstellt. Wir ren Teams. prognostizieren, dass in Brasilien Deutschland mit einer Wahrscheinlichkeit von 26,6% den Titel gewinnen wird, dicht gefolgt von Argentinien mit einer Wahrscheinlichkeit von 21,8%. Spanien und Brasilien sind Die meisten Weltmeister hatten neue Trainer Zu den weiteren Ergebnissen gehörte, dass der Gewinner zwar immer die nächsten Favoriten, doch die Wahrscheinlichkeiten sinken bereits auf 6% beziehungsweise 5%. über grosse Erfahrung verfügt, es aber unwahrscheinlich ist, dass dies unter den zehn besten Teams ein Unterscheidungsmerkmal darstellt (alle In einem letzten Analyseschritt vergleichen wir die Prognosen unsesind sehr erfahren). Gleichwohl versuchen weniger erfahrene Nationen, res Modells mit den Spitzenreitern der FIFA-Weltrangliste vor Beginn diesen Mangel durch erfahrene Trainer auszugleichen (Bora Milutinovic der letzten fünf WM-Endrunden (Platzierungen im Mai) sowie mit einigen der bekanntesten Wettanbieter im Fussballgeschäft. Wir gelangen mit den USA 1994, mit Nigeria 1998 und mit China 2002; Henri Michel mit Marokko 1998 und mit der Elfenbeinküste 2006). Länder, die den zu dem Ergebnis, dass die FIFA-Rangliste eine schwache Wirkungs­ WM-Pokal gewinnen, haben normalerweise Trainer, die zum ersten Mal variable für den Ausgang des Turniers ist und dass die Mannschaft mit den höchsten Wett-Gewinnchancen die WM häufiger nicht gewinnt als bei einer WM arbeiten (dies war bei 13 der insgesamt 19 Turniere der Fall). gewinnt. Daraus schlussfolgern wir, dass die Leistung des Modells zum Die Entfernung zwischen den teilnehmenden Nationen und dem ­Ausrichterland ist eine weitere Variable, welche die Wahrscheinlichkeit Erstellen einer Prognose der WM-Ergebnisse beiden Alternativen beeinflussen kann. Bei den insgesamt zehn Weltmeisterschaften, die in ­überlegen ist. Europa stattfanden, konnten neunmal europäische Teams den Pokal in Doch Überraschungen sind möglich, und die Zufälligkeit (unerklärte die Höhe stemmen. Bei den neun WM-Endrunden, die ausserhalb Abweichung) kann jedes Forschungsergebnis beeinflussen. Deshalb kann ­Europas über die Bühne gingen, krönte sich hingegen nur einmal ein ich als Portugiese nur wünschen und hoffen, dass Cristiano Ronaldo europäisches Team zum Weltmeister (Spanien 2010 in Südafrika). mein Modell widerlegt … Å 12

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­ aktik und Physis nieder. Athletik kam plötzT lich vor Brillanz. Brasilien konnte sich nicht mehr erlauben, brasilianisch zu spielen. Der Triumphzug zum Titelgewinn 1994 mutete wie ein Abgesang auf den Fussball-Samba von Pelé an – und es ist kein Zufall, dass im Finale der verschossene Penalty des Italieners Roberto Baggio als prägendes Ereignis in Erinnerung bleibt. Acht Jahre später wurde die Spiellust wieder belebt – Rivaldo, Ronaldo, Ronaldinho und Roberto Carlos führten der Welt vor ­Augen, dass in Brasilien noch immer die grössten Talente heranwachsen. Unter Felipe Scolari schlug Brasilien im Finale Deutschland 2:0. Ronaldo schenkte dem stolzen Land mit zwei Toren die “Penta”, den fünften Titel. “Am 13. Juli nicht weinen” Zwölf Jahre später soll zu Hause die “Hexa” folgen – und die Schmach von 1950 endlich getilgt werden. Auch für Pelé wäre das ein Stück persönliche Vergangenheitsbewältigung: “Mein Vater weinte nach dem Finale 1950 hemmungslos. Ich – damals neun Jahre alt – verstand gar nichts und fragte ihn, was passiert sei. Er antwortete, Brasilien habe

­gegen Uruguay verloren. Ich möchte am 13. Juli dieses Jahres nicht weinen.” Der sechste Titel ist eine Art Obsession der Brasilianer. Doch kennt Scolari das Erfolgs­ rezept auch zwölf Jahre nach seinem ersten WM-Titel? In seinem Aufgebot hat er Artisten wie Robinho oder Ronaldinho übergangen. Scolari lenkt das brasilianische Genie an ­kurzen Zügeln. Organisation steht über Improvisation, Athletik über Inspiration. Wer die Muskeln des portugiesischen ­Modellathleten Ronaldo sieht, kommt gar nicht auf die Idee, dass die Stars früher am Sandstrand geboren wurden, dass beispielsweise Romário, der Weltmeister von 1994, seine technischen Fähigkeiten beim Fussball-Tennis ­verfeinerte. Wer heute die Copacabana entlangschlendert, sieht bewundernd, dass es hier noch immer Romários und Ronaldos zu geben scheint. Doch von Fachleuten hören wir, dass Spielkunst und Intuition allein an der WM höchstens noch für den Trostpreis reichen. Aber vielleicht belehren uns die Brasilianer in den nächsten Wochen eines Besseren – der Fussballromantiker wünscht sich nichts mehr als das. Å

1986 Mexiko Das Turnier von Maradona – mit dem Solo des Jahrhunderts und der “Hand Gottes” führt er Argentinien zum Titel. In seiner Heimat wird “Dieguito” auf eine Stufe mit Pelé gehoben.

1990 Italien Deutschland lässt den italienischen Traum platzen. Kaiser Franz krönt sich auch als Trainer – Roger Milla tanzt Lambada.

1994 USA Brasilien triumphiert zum vierten Mal. Roberto Baggio setzt den entscheidenden Penalty in den Himmel, und Effenberg zeigt den Stinkefinger.

1998 Frankreich Zinédine Zidane zelebriert die vollendete Fussballkunst. Beckham und England sehen gegen Argentinien Rot.

2002 Korea / Japan Brasilien triumphiert dank Ronaldo, Frankreich schiesst kein Tor, und der deutsche Torhüter OIiver Kahn verbreitet Angst und Schrecken.

2006 Deutschland Der Gastgeber schreibt das Sommermärchen. Italien feiert ein Happy End.

Corbis, imago, Getty Images (2)

2010

Konfettiregen 2014 Flamengo (Leonardo Moura mit dem Pokal) feiert den Triumph in der Campeonato Carioca im Maracanã. Brasilien sehnt sich nach einem erneuten “Wolkenbruch” am 13. Juli.

Südafrika Die afrikanische Premiere setzt ein Zeichen für den Frieden. Und Spanien zelebriert Tiki-Taka in Vollendung. T H E F I FA W E E K LY

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CAMP

Hitzetest und Feriengefühle Thomas Renggli ist Autor bei The FIFA Weekly.

“Rumble in The Jungle” heisst es für England und Italien am 14. Juni im Direktduell in Manaus. Die Trainer Roy Hodgson und Cesare ­Prandelli bereiten ihre Teams mit unkonventionellen Methoden auf den ­Hitzetest vor. Die Italiener simulieren das Tropen­k lima im Verbandszentrum Coverciano in der Toskana bei täglichen Sauna­ besuchen. Die Engländer absolvieren die Trainingseinheiten an der Algarve in ­Portugal in langer Thermounterwäsche. Ebenfalls an der Algarve hat die holländische Delegation Quartier bezogen – im Cascade Resort, einem Fünfsterne-Ferien­ domizil mit angeschlossener Fussball­ akademie. In der Eigenwerbung wird die Unterkunft als “luxuriösestes Hotel der Region” bezeichnet. Auch die deutsche ­Delegation nächtigt in diesen Tagen nicht in einer J­ ugendherberge. 73 Suiten hat der drei­fache Weltmeister im Hotel Andreus im Passeiertal bei Meran bezogen. Neben einem Fussballplatz stehen dem Team von Bundestrainer Joachim Löw ein Golfplatz, eine Reitanlage, fünf Tennisplätze und eine rund 7000 Quadratmeter grosse Gartenlandschaft zur Verfügung. Å

Schweiss und harte Arbeit Verteidiger Hiroki Sakai hat im WM-Vorbereitungscamp wenig Grund zum Lachen.

Japan

Die schweren Tage von Ibusuki Sven Goldmann ist Fussball­ experte beim “Tagesspiegel” in Berlin.

Wer in die Kaserne einrückt, stimmt sich nicht auf einen Urlaubsaufenthalt ein. Sie haben schon geahnt, was da auf sie zukommen möge bei der japanischen Nationalmannschaft, die sich selbst als “Samurai Blue” vermarktet – als in blaue Fussball-Uniformen gewandete Nachkommen eines kriegerischen Adelsgeschlechts. Aber dass es so hart werden würde ... Shinji Kagawa, einer der Stars des Asien-Meisters, sprach nach den ersten Tagen im WM-Vorbereitungsquartier Ibusuki in der Präfektur Kagoshima den Satz: “So harte Einheiten kenne ich noch nicht mal von Manchester United.” Dort verdient er im Alltag der Premier League sein Geld als filigraner Mittelfeldspieler, war zuletzt allerdings nur in Teilzeit beschäftigt. Kagawa, der bei United unter David Moyes nur selten zum Einsatz kam, kann die Einheiten im Samurai-Camp sicherlich ganz gut gebrauchen. Ibusuki liegt im Süden Japans und ist bekannt für seinen schwarzen Sandstrand. Diesen bekommen die Spieler in der WM-Vorbereitung aber eher selten zu sehen. Gotoku Sakai, der Verteidiger vom deutschen Bundesligisten VfB Stuttgart, musste gar einen Tag lang aussetzen. Offiziell wegen Unwohlseins. Doch das harte Trainingsprogramm dürfte daran wohl nicht ganz unschuldig gewesen sein. Japans italienischer Trainer

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Alberto Zaccheroni mag sich nicht nachsagen lassen, es habe an der Fitness gelegen, sollte die WM-Expedition den erhofften Erfolg verfehlen. Der frühere Trainer von Juventus Turin und der AC Milan hat einiges vor mit seiner Mannschaft – es soll endlich einmal mehr sein als nur die Qualifikation für das Achtelfinale. Dort war Japan vor vier Jahren in Südafrika denkbar unglücklich im Elfmeter­schiessen an Paraguay gescheitert. Japan trifft bei der Weltmeisterschaft in Gruppe C auf Griechenland, Kolumbien und die Elfenbeinküste, an den klimatisch eher problematischen Standorten Natal, Cuiabá und Recife. “Dort ist nichts ist so wichtig wie die Ausdauer”, sagt der Stürmer Shinji Okazaki. Auch er steht, wie insgesamt sieben japanische Nationalspieler, in Deutschland unter Vertrag. Mit dem FSV Mainz 05 hat er sich einigermassen überraschend für die Europa League qualifiziert. Ebenfalls überraschend kam die Nominierung von Yoshito Okubo. Der Stürmer des japanischen Profivereins Kawasaki Frontale hatte zuletzt im Februar 2012 für die “Samurai Blue” gespielt und damals auch nur eine Halbzeit im Test gegen Island. Am Wochenende stiessen aus Zaccheronis Heimat noch Keisuke Honda von der AC Milan und Yuto Nagatoma vom Lokalrivalen Inter zur Mannschaft. Ihnen blieb der Grossteil der schweren Tage von Ibusuki erspart. Weiter geht es für die Japaner nun im anschliessenden Trainingslager in Florida. Vielleicht kommen sie dort ein wenig zum Durchatmen. Denn in den USA dürfte Zaccheroni wohl mehr am taktischen Feinschliff arbeiten. Å imago

“Die Ersten werden die Letzten sein”, heisst es in der Bibel. Die Australier hoffen, dass dies auch für de Zeitdauer ihrer WM­-Kampagne zutrifft. Die Socceroos waren die ersten, die in Brasilien ihre Zelte aufschlugen – 16 Tage vor ihrer ersten Partie. Coach Ange Postecoglou will sichergehen, dass seine Spieler genügend Eingewöhnungszeit haben, weder von Klima noch von der Zeitumstellung auf dem falschen Fuss erwischt werden und erst dem “letzten Aufruf” für die Heimreise folgen müssen – nach dem Finale. Vor Lagerkoller fürchtet er sich offenbar nicht.


CAMP

Spanien

Das Problem ist das Trikot mit der Nummer 9 Jordi Punti ist Romanautor und Verfasser zahlreicher Fussball-­ Features in den spanischen Medien.

Vicente del Bosque hat es nicht eilig. Während die meisten Trainer bereits die Spieler bekannt­ gegeben haben, die sie zur WM mitnehmen – mit allen Überraschungen und Enttäuschun­ gen –, hat sich der spanische Nationaltrainer noch immer nicht entschieden. “Wir haben bis zum 2. Juni Zeit, der FIFA die endgültige Liste zu übermitteln. Warum sollten wir es also vorher tun?”, erklärt er mit der für ihn typischen Gelassenheit und räumt ein, dass er im Augenblick noch “begründete Zweifel” habe. Am vergangenen Samstag hat der Trainer in Lissabon das Finale der Champions League zwischen Atlético Madrid und Real Madrid verfolgt; er konnte allerdings nur wenige Schlüsse aus Reals deutlichem 4:1-Sieg nach Verlängerung ziehen. Nur einen der Treffer erzielte ein spanischer Spieler, und zwar Sergio Ramos, der ohnehin ein Stütz­ pfeiler der spanischen Abwehr ist. Das grösste Kopfzerbrechen bereitet Del Bosque jedoch der Einfluss der Stürmer.

und wurde nicht einmal zehn Minuten später wieder ausgewechselt. Die Ungeduld, die er beim Auskurieren seiner Muskelverlet­ zung gezeigt hat, könnte für ihn jetzt das WM-Aus bedeuten.

Position steht Del Bosque jedoch eine lange Reihe von Mittelfeldspielern zur Verfügung, auf die er im Bedarfsfall zurückgreifen kann, von Cazorla über Silva und Iturraspe bis hin zu dem oben erwähnten Cesc Fàbregas.

Bei der von Del Bosque bevorzugten Spiel­ weise stehen die Mittelfeldspieler stark im Vordergrund, während der Stürmer in der Regel eine eher untergeordnete Rolle spielt. Bei mehreren Gelegenheiten hat der Trainer Cesc Fàbregas aufgrund seines guten Zusam­ menspiels mit den Aussenspielern als “fal­ schen Stürmer” aufgeboten. Nach derzeiti­ gem Stand der Dinge ist es am wahr­­schein­lichsten, dass der Angriff derselbe sein wird wie im Finale der WM in Südafrika gegen die Niederlande, wo Pedro, Villa und Torres zum Einsatz kamen. Das wäre sicher keine schlechte Option für die erste Partie der WM, und auch eine Verbeugung vor der Vergangenheit. Tatsache ist allerdings, dass Del Bosque die allmähliche Verjüngung des Spielerstamms plant, der ihm so viele Erfolge gebracht hat. Ein gutes Beispiel dafür ist Xavi, der Taktgeber des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft. Die logische Alternative für den mittlerweile 34-Jährigen wäre wohl Thiago – aufgrund einer Verletzung fällt der Akteur von Bayern München jedoch für die WM aus. Für diese

Bevor er am 2. Juni die endgültige Kaderliste einreichen muss, hat Del Bosque noch eine Möglichkeit, seine Zweifel in Bezug auf die Stürmer zu beseitigen, die er mit nach Brasili­ en nimmt. Am 30. Mai bestreitet Spanien nämlich ein Freundschaftsspiel gegen Bolivi­ en, für das nur drei reine Angreifer nominiert wurden: Pedro, Torres und – grosse Überra­ schung – der junge Deulofeu. Der gerade einmal 20-Jährige hat in der letzten Saison für Everton gespielt und kehrt dieses Jahr in den Kreis des FC Barcelona zurück. “Wir setzen sehr viel Vertrauen in ihn, er könnte eine gute Lösung sein”, so Del Bosque im Vorfeld des ersten Auftritts des Aussenstür­ mers im Trikot der A-Nationalmannschaft. Zwar ist es ganz natürlich, dass Del Bosque Interesse daran hat, einen so auffälligen, kreativen und technisch versierten Spieler in Aktion zu sehen, seine Worte verraten ihn jedoch auch. Denn nach Lösungen sucht man schliesslich nur, wenn es Probleme gibt. Und gerade einmal drei Wochen vor WM-Beginn trägt das Problem in Spanien wohl das Trikot mit der Nummer 9. Å

Sergio Perez / Reuters

Vor fast einem Jahr, im letzten Sommer, mussten die Verantwortlichen des spani­ schen Fussballs miterleben, wie die Mehrheit der herausragenden Torjäger ins Ausland abwanderte, vor allem die Mittelstürmer. Fussballer, die bereits ihre Chance in der Nationalmannschaft gehabt hatten, wie Llorente (Juventus Turin), Negredo (Man­ chester City) oder Soldado (Tottenham Hotspur) taten es Fernando Torres (FC Chel­ sea) gleich. Zwischenzeitlich erlangte der Brasilianer Diego Costa, Torschützenkönig von Atlético Madrid, die spanische Staatsbür­ gerschaft und avancierte dank seines etwas aggressiveren Profils zu einer wertvollen Alternative für Del Bosque. Nun hat der Trainer die Auswahl aus einem ganzen Staraufgebot, allerdings hat es den Anschein, als geniesse im Augenblick keiner der Spieler sein vollstes Vertrauen. Negredo, Soldado und Torres haben in England eine eher durchwachsene Saison mit Höhen und Tiefen hinter sich. Llorente ist bereit für die WM, war allerdings nie erste Wahl. Und wie sieht es mit Diego Costa aus? In den letzten beiden Partien, einschliesslich des Cham­ pions-League-Finales, stand er in der Startelf

Unscharf Vicente del Bosques Vision ist noch nicht klar. T H E F I FA W E E K LY

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C O U N T D O W N B R A S I L I E N 2 0 14 : N O C H 1 3 T A G E

Heimspiel in São Paulo In 13 Tagen wird in São Paulo die WM eröffnet. Die Wirtschafts­ metropole spielt eine bedeutende Rolle in der Geschichte des Landes, denn hier liegen auch die Anfänge des brasilianischen Fussballs.

Eine Stadt in Gelb-Grün-Blau São Paulo ist bereit für das Eröffnungsspiel Brasilien gegen Kroatien.

Dominik Petermann

F Rahel Patrasso / Keystone

ussball lebt in São Paulo, er ist immer ­Gesprächsstoff: ob auf der Strasse, beim Friseur oder am Karneval. Jeder hat seinen bevorzugten Klub, ein jeder eine Leidenschaft für das schöne Spiel. Mit einer Metropolregion von fast 8000 km² ist die Stadt der grösste industrielle Ballungsraum Lateinamerikas und gleichzeitig das wichtigste Wirtschafts-, Finanz- und Kulturzentrum des Landes. Vor 120 Jahren nahm hier die Fussballgeschichte Brasiliens ihren Lauf. Von England nach Brasilien 1894 war es, als der in São Paulo geborene Schotte Charles William Miller mit einem Regelbuch, zwei Trikots, einem Paar Fussballschuhe, einer Luftpumpe und zwei Bällen von England in seine Heimat zurückkehrte und verblüfft feststellte, dass “Football” in Brasilien völlig unbekannt war. Der erst 19-Jährige erkannte seine Mission darin, das königliche Spiel zu verbreiten. Im ­E isenbahnwesen tätig, fand Miller die idealen

Bedingungen zur Formung einer Fussballmannschaft vor. Mit Kollegen bildete er das “São Paulo Railway Team” und trug am 14. April 1895 das erste öffentlich dokumentierte Fussball­spiel auf brasilianischem Boden aus. Gegner waren Arbeiter eines ortsansässigen Gasunter­nehmens. Die legendäre Stätte, ­damals Vàrzea do Carmo genannt, ist heutzutage die Park­anlage Dom Pedro II zwischen den Stadtautobahnen von São Paulo. Auf dem staubigen Platz wird heute noch gekickt, seit Kurzem schmücken gar zwei neue Tore das Spielfeld. Miller war auch die treibende Kraft hinter der Einführung der Staatsmeisterschaft von São Paulo, der ersten Fussballliga Brasiliens. In den Reihen des ersten Fussballvereins der Stadt, dem São Paulo Athletic Club (SPAC), gewann er sie in den Jahren 1902, 1903 und 1904. Ein neues Stadion zur WM São Paulo blickt heute auf eine lange Fussballtradition zurück und ist Heimat für einige der erfolgreichsten Klubs: die Corinthians, Palmeiras, der São Paulo FC oder der benachbarte

Santos FC. Das berüchtigtste Stadtderby ist das “Derby Paulista” zwischen den Corinthians und Palmeiras. Letztere wurden 1914 von in São Paulo lebenden Italienern gegründet, und einige seiner frühen Mitglieder waren Überläufer der Corinthians gewesen, die fortan von ihrem alten Verein als Verräter angesehen wurden. Die Atmosphäre zwischen den beiden Klubs gilt als vergiftet und sorgt noch heute für Zündstoff. Die Heimstätte der Corinthians steht ­prominent an der Praça Charles Miller. Trotz der grössten Anhängerschaft in São Paulo war der Klub aber bis anhin der einzige, der über kein Stadion mit ausreichender Kapazität ­verfügte. Dies änderte sich nun dank der WM. In Ita­quera, einer traditionellen Hochburg der Corinthians-Fans im Osten der Stadt, entstand die Arena de São Paulo, wo insgesamt sechs WM-Spiele ausgetragen werden. Å

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DAS INTERVIEW

“Es wird schwierig für die Europäer” Ecuador gehört zu den neuen Grössen im Weltfussball. Nationaltrainer Reinaldo R ­ ueda erklärt, weshalb seine Mannschaft schon Brasilien geschlagen hat und was Südamerikaner von den Deutschen lernen können.

Señor Reinaldo Rueda, alle WM-Turniere auf dem amerikanischen Kontinent endeten mit einem südamerikanischen Sieg. Worauf führen Sie das zurück? Reinaldo Rueda: Erfahrungsgemäss ist die Ausgangslage vor allem für die Europäer in Südamerika schwierig. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: die Reise, das Klima, die Unterkunft. Mit einer optimalen Organisation werden die Verbände diese Einflüsse aber reduzieren und sich in einem von äusseren Einflüssen unabhängigen Umfeld bewegen. So bringen wohl beispielsweise alle WM-Teilnehmer ihre eigenen Köche mit.

Inwiefern kann Eucador vom “Heimbonus” profitieren? Das ist zu relativieren. Denn Brasilien ist ein riesiges Land – mit den unterschiedlichsten klimatischen Einflüssen – fast wie ein eigener Kontinent. Uns erwartet in der Vorrunde in BrasÍlia und Rio de Janeiro eher warmes, in Curitiba dagegen kühleres Wetter. Für die Teams, die im Tropenklima von Manaus spielen müssen, sieht alles wieder ganz anders aus.

Apropos Heimvorteil. Vor allem in der Höhen­ lage von Quito ist Ecuador eine Macht. In der Qualifikation gaben Sie nur beim Unentschieden gegen Argentinien Punkte ab. Wie beeinflusst die Höhenlage Ihre Taktik und Spielweise? Wir versuchen, immer gleich zu spielen: kämpferisch, mutig – erfolgreich. In der Qualifikation haben wir bewiesen, dass wir auch bei grosser Hitze bestehen können. In Venezuela und Uruguay erreichten wir jeweils ein Unentschieden.

In Quito wurde schon Brasilien geschlagen … Wir haben eine sehr impulsive und emotionale Mannschaft. Das macht uns zu Hause sicher noch stärker. Grundsätzlich setze ich auf eine gute Organisation und eine klare Rollenverteilung. Gerade an einem grossen Turnier ist es angesichts des Drucks entscheidend, dass man sich auf ein stabiles Mannschaftsgefüge verlassen kann. 18

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Die Balance zwischen Risiko und Absicherung muss stimmen.

Sie qualifizierten sich 2010 mit Honduras für die WM-Endrunde. Was unterscheidet die damalige Ausgangslage von der heutigen mit Ecuador? Für die Spieler der honduranischen Mannschaft war die WM-Teilnahme damals eine Premiere – das erschwerte die Situation. Routine ist an grossen Turnieren wichtig. Auch in Ecuador haben wir eine neue Generation am Start. Nur fünf Spieler waren schon vor acht Jahren an der Endrunde in Deutschland dabei. Aber in der Qualifikation hat das Team bewiesen, dass es mit den Weltbesten mithalten kann.

Und ausgerechnet Honduras ist ein Vorrundengegner Ihrer Mannschaft … Das ist für mich eine sehr spezielle Situation. Ich war vier Jahre in Honduras tätig und erlebte dort eine sehr schöne Zeit – mit vielen wunderbaren Begegnungen und Erlebnissen. Die Menschen dieses Landes sind mir ans Herz gewachsen. An der WM zählt dies aber nicht mehr. So ist unser Beruf. Und ich werde entsprechend professionell mit dieser Ausgangslage umgehen.

Wie stufen Sie generell Ihre Chancen auf die Achtelfinalqualifikation ein? Gegen die Schweiz, Frankreich und eben Honduras scheint das Ziel nicht unerreichbar … Die Herausforderung ist gross. Frankreich startet als Favorit – mit vielen bekannten Namen und herausragenden Fussballern. Allein die Tatsache, dass es ManchesterCity­-Star Samir Nasri nicht ins Aufgebot geschafft hat, sagt alles über die Qualität der Franzosen. Ich hätte Nasri wohl aufgeboten (lacht). Die Schweiz verfügt über eine spielerisch wie organisatorisch starke Mannschaft. Die souveräne Qualifikation spricht für sich. Und Honduras ist immer ein unbequemer Gegner – mit grosser Zweikampfstärke und der Erfahrung aus dem Turnier in Südafrika.

Die ecuadorianische Liga-Führung scheint nicht sonderlich optimistisch. Die Landesmeisterschaft nimmt ihren Betrieb just am Tage des WM-Finales wieder auf … (Lacht) Das klingt tatsächlich nicht nach einem grossen Vertrauensbeweis. Aber die Spieler kennen ihren Auftrag: sieben Partien in Brasilien zu bestreiten. Ich kann nur hoffen, dass vor dem Finale niemand abreist.

Sie stammen aus Kolumbien – Ihre Ausbildung absolvierten Sie an der Sporthochschule Köln. Was können Südamerikaner von den Deutschen lernen? Ich habe sehr stark von meinen Erfahrungen in Deutschland profitiert – planerisch, taktisch, psychologisch. In dieser Beziehung können wir viel von den Europäern lernen. Doch die Europäer können auch viel von uns lernen. Grundsätzlich werden die Unterschiede aber immer kleiner. Denn schliesslich spielen die meisten Topstars in den europäischen Ligen.

Wer wird Weltmeister? Ich rechne mit einem der Topfavoriten: Kandidat Nummer 1 auf den Titel ist Brasilien. Dahinter kommt für mich Deutschland. Es ist kein Zufall, dass sich an der WM noch nie ein Aussenseiter durchsetzen konnte. Denn die Erfahrung spielt an einem solchen Turnier eine Schlüsselrolle. Mit Reinaldo Rueda sprach Thomas Renggli


Name Reinaldo Rueda Geburtsdatum, Geburtsort 16. April 1957, Cali (Kolumbien) Sven Thomann / Blicksport

Stationen als Trainer Cortuluá, Deportivo Cali, Independiente Medellín, Kolumbien U-20, Kolumbien, Honduras, Ecuador (seit 2010) Weltmeisterschaft 2014 Gruppenspiele: Schweiz (15. Juni), Honduras (20. Juni), Frankreich (25. Juni)

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First Love

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Ort: Recife, Brasilien D at u m : 17. Ju n i 2 0 1 3 Zeit: 21. 37 Uhr

Simon Stacpoole / Offside

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DEBAT T E

Reformen und Erfolge

Passspiel FIFA-Präsident Sepp Blatter will die Beschlüsse des letztjährigen Kongresses (auf Mauritius) umsetzen.

Sarah Steiner und Perikles Monioudis

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m 10. und 11. Juni findet in São Paulo der 64.  FIFA-Kongress statt. Er ist das ­gesetzgebende Organ der FIFA – das Parlament des Weltfussballverbands. Im Geiste einer Demokratie hat ­jeder Verband eine Stimme, unabhängig von seiner Grösse oder Leistungsstärke im Fussball. Die Verbände entscheiden zum ­Beispiel über die Änderung der Statuten und genehmigen die Bilanz sowie den Tätigkeitsbericht der FIFA oder bestimmen die Aufnahme, Suspendierung oder Ausschluss eines Mitglieds. Zudem wählen die Verbände den Präsidenten. Der Kongress hat sich verpflichtet, den Fussball zu fördern und hat dazu zahlreiche, weitreichende Entscheidungen auf den Weg gebracht. Hier eine kleine Auswahl:

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Buenos Aires 2001 Am ausserordentlichen FIFA-Kongress verabschieden die Delegierten der Mitgliedsverbände eine Resolution gegen Rassismus. Damit sollten alle aufgefordert werden, Rassismus im Fussball zu bekämpfen, stärker dagegen vorzugehen und Werte wie Toleranz zu fördern. Zürich 2011 Der Kongress genehmigte in Zürich Vorschläge zu weitreichenden Reformen in der FIFA: ­Namentlich die Ermächtigung des Kongresses (anstelle des Exekutiv-Komitees) zur Vergabe der zukünftigen WM-Endrunde. Zudem wurde die Ethikkommission durch Aufteilung in eine Untersuchungs- und Justizbehörde gestärkt. Eine neue FIFA-Kommission für Corporate ­Governance wurde eingesetzt. Mauritius 2013 2013 konnte man auf umgesetzte Reformen aufbauen. Bereits 2012 wurden die Zuständigkeiten der Audit- und Compliance-Kommission erweitert und die Ethikkommission in zwei Kammern unterteilt. 2013 wurde dann unter anderem das erste weibliche Mitglied ins FIFA-­ Exekutivkomitee berufen. Des Weiteren wurde die neue Resolution gegen Rassismus und Dis-

kriminierung verabschiedet. Sie basiert auf den Grundsätzen Aufklärung, Prävention und Sanktionen. São Paulo 2014 Gespannt schaut die Fussballwelt nun nach Brasilien. Am diesjährigen Kongress sind die Mitgliedsverbände bestrebt, den Reformprozess voranzutreiben. Sie werden über die Punkte Alters- und Amtszeit­beschränkung entscheiden. Auf der Tagesordnung stehen zudem unter anderem folgende Trak­tanden: die Reform des FIFA-Spielervermittlersystems, die Verlängerung der Mandate der ins Exekutivkomitee berufenen weiblichen ­Mitglieder und das Projekt “Football for Health”. Å

Die Weekly-Debatte. Was brennt Ihnen unter den Nägeln? Über welche Themen wollen Sie diskutieren? Ihre Vorschläge an: feedback-theweekly@fifa.org

Jamie McDonald / Getty Images

Der 64. FIFA-Kongress steht vor der Tür. Erklärtes Ziel des Weltfussballverbands ist es, seine Reformprozesse weiterzuführen.


DEBAT T E

PRESIDENTIAL NOTE

The FIFA Weekly fragte auf FIFA.com: Wie lässt sich Rassismus im Fussball bekämpfen? Rassismus ist sehr schwer zu bekämpfen. Der Rassismus ist leider im Wesen des Menschen verankert. Wenn man heranwächst, beginnt man, nach Erklärungen zu suchen und zu verstehen, dass es Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen gibt. Damit fängt alles an. Es gibt nichts, womit man den Rassismus ausrotten könnte, aber wir sollten Toleranz und gegenseitigen Respekt fördern. Das ist die Grundlage für die Bekämpfung des Rassismus. NJLOR17, USA

Wir müssen den Leuten begreiflich machen, dass alle Menschen gleich sind, unabhängig von der Ethnie. Vielleicht ist es eine Möglichkeit, viele Fussballveranstaltungen auf der ganzen Welt durchzuführen, bei denen Menschen unterschiedlicher Ethnien und mit unterschiedlichen Idealen zusammenkommen, um Fussball zu spielen. Wer hat schon etwas gegen ein Spielchen einzuwenden? Frieden durch Fussball! Ponchito_C, USA

Wenn es sich um eine Spielerin oder einen Spieler handelt, sollte es eine Sperre von mindestens zwei Spielen und eine Geld­ strafe für den betreffenden Klub geben. Im Wiederholungsfall sollte der Klub mit dem Zwangsabstieg bestraft werden, um ein deutliches Zeichen zu setzen. Im Falle eines Fans sollte es ein lebenslanges Stadionverbot geben.

Die Veränderung muss im Jugendfussball beginnen. Wir haben in den USA dieses Wochenende bei einem Spiel zwischen 14-Jährigen einen Zwischenfall miterlebt. Man sollte über das Marketing eine positive Botschaft verbreiten, die Konsequenzen müssten aber auch schon für Spieler und Teams auf der Jugendebene spürbar sein. Und die Konsequenzen müssen durchgesetzt werden. Wenn diese Jugendlichen dann erwachsen sind, sollte das Problem behoben sein. Falls die Schuld bei den Fans zu suchen ist, sollten sie aus dem Stadion eskortiert und für den Rest der Saison mit einem Stadionverbot belegt werden. Fans mit Dauerkarten werden nicht bezahlen und auf eine ganze Saison verzichten wollen. Das sollte zumindest dafür sorgen, dass sie den Mund halten und niemanden den ignoranten Vorurteilen aussetzen, die wir wohl niemals ganz ausmerzen können. tammydfw , USA

“Die Veränderung muss im Jugend­ fussball beginnen.”

double_nash, Ghana

Wir könnten eine gemeinsame Hymne einführen, die nach jedem Spiel abgespielt wird und bei der sich jeweils ein Spieler der einen neben einen Spieler der anderen Mannschaft stellt … Wir müssen etwas in ihren Herzen verändern – und Regeln und Vorschriften können das nicht leisten. bassiishaan, Indien

“Eine gemeinsame Hymne nach ­jedem Spiel.”

Mit einem neuen Slogan! “Verschiedene Farben, ein Blut” – Stoppt Rassismus! bshamieh, Senegal

Man kann versuchen, mit den Schuldigen zu reden, um sich ihren Hintergrund anzu­ schauen und herauszufinden, warum sie so empfinden und warum sie Schwarzen gegenüber so feindlich eingestellt sind. Dann kann man versuchen, einen Ausweg aufzuzeigen, statt einfach nur Klubs und Fans zu sanktionieren. Wenn du einem Fan verbietest, sich ein bestimmtes Spiel anzuschauen, wird er einfach zu einem anderen gehen und dasselbe tun. Sei deinen Freunden nah und deinen Feinden noch näher, wie es so schön heisst. Das sollten wir in die Praxis umsetzen. tatekere, Simbabwe

Die Arbeit geht weiter

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ir alle fiebern dem WM-Kickoff entgegen – mit dem ersten Auftritt von Gastgeber ­Brasilien gegen Kroatien. Am Tag zuvor ­findet in São Paulo der 64. FIFA-Kongress statt. Es ist ein wegweisendes Ereignis – obwohl (oder gerade weil) weder Endrunden-Vergaben noch Wahlen traktandiert sind. Denn so bietet sich uns die Möglichkeit, jene Aufträge vorwärtszutreiben und Beschlüsse umzusetzen, die uns der Kongress vergangenes Jahr auf Mauritius erteilt hat. Im Zentrum steht der Reformprozess, aber auch andere Themen, die unverändert aktuell sind: Rassismus, Spielmanipulationen und Sicherheits­fragen rund um den Fussball. Der Kongress bietet dafür die perfekte Plattform. Denn er vereint alle 209 Mitgliederverbände und bildet die demokratische Basis des Fussballs. Jeder Verband besitzt eine Stimme – unabhängig von seiner Grösse oder geografischen Lage – jeder kann seine Lösungsansätze und Sichtweisen, aber auch seine Probleme einbringen – von A wie Anguilla bis Z wie Zimbabwe. Wir alle haben ein gemeinsames Ziel: die Interessen des Fussballs auf jeder Stufe zu wahren und gegen negative Einflüsse zu schützen. Um dies zu erreichen, gilt die gleiche Taktik wie auf dem Fussballplatz: Teamwork, Disziplin, Respekt und Fair Play. Der Kongress vom 11. Juni könnte auch wegweisend dafür sein, wohin die FIFA geht – und wie sie künftig geführt wird. Etwas steht bereits jetzt fest: Die Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen.

Ihr Sepp Blatter T H E F I FA W E E K LY

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MIROSL AV K LOSE

Die letzte Mission Mit zwei weiteren WM-Toren würde sich Miroslav Klose in den Geschichtsbüchern verewigen. Wie von alleine geschähen die Tore, sagt er. Er dürfe nur nicht daran denken. Franco Nicolussi, Rom

Gary Engel

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urz vor der WM auf den Mann zu treffen, der mit den meisten WM-Treffern im Gepäck in Brasilien antritt, kann ein Fehler sein. Tor, Tor und noch ein Tor – so ausschliesslich denkt wohl ein Spieler, der bei drei Weltmeisterschaften 14 Tore ­erzielt hat und in Brasilien den Allzeit-Rekord von Ronaldo (15 WM-Tore), als bestem Torschützen der WM-Geschichte, einstellen kann. Doch Miroslav Klose ist entspannt. Er versteht es, ohne Angst auf den grossen Moment zu warten. “Ich weiss”, sagt er, “dass in meinem Leben als Stürmer alles an den Toren gemessen wird. Da mag es nach aussen so erscheinen, als sei es mir nur wichtig, Tore zu schiessen und

einen prestigeträchtigen Rekord wie den von Ronaldo zu brechen. Doch daran sind eher die Liebhaber von Statistiken interessiert.” Stapelt der Stürmer der deutschen Nationalmannschaft bewusst tief, um den Druck von seinen Schultern zu nehmen? Um die psychologische Komponente – beim Toreschiessen genauso wichtig wie technisches Können – weiss Klose jedenfalls bestens Bescheid: “Ich habe gelernt, nicht alle meine Gedanken um die Tore kreisen zu lassen. Wenn ich nicht daran denke, dann passieren die Tore von alleine. ­A lles was ich tun muss, ist, im richtigen Moment präsent zu sein.” Am Anfang seiner Karriere sei das anders gewesen, da studierte Klose seine Aktionen: “Ich habe mir früher all meine Tore auf Video angesehen. Heute habe ich mehr

Abstand. Immer wieder werde ich gefragt, welches mein schönstes Tor war. Es waren viele schöne dabei. Aber ich kann kein spezielles nennen, weil es jedes Mal unterschiedliche emotionale Hintergründe gab.” Vor der Karriere eine Schreinerlehre Abstand nehmen von dem, was dich gross gemacht hat. Im Fall von Miroslav Klose bedeutet es, die Wichtigkeit der Tore kleinzureden, die ihn zum Ausnahmekönner gemacht haben. 68 Tore hat Klose in 131 Länderspielen im deutschen Team erzielt und damit im vergangenen September den Uralt-Rekord von Gerd Müller eingestellt. Vieles im Leben des Miroslav Klose war ­bereits auf das Toretreffen ausgerichtet, als er T H E F I FA W E E K LY

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Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen mussten. Damals habe ich gelernt, dass es im Leben um mehr geht, als darum, Tore zu schiessen”, sagt Klose, “aber ich habe auch verstanden, dass es mir viel mehr Spass macht, einem Tor hinterher zu jagen. Das hat mich ungemein angespornt, ich habe mich danach sehr angestrengt beim Training in Homburg.” Die Fussballkarriere begann spät, dafür ging es für Klose sofort steil nach oben. 1999 wurde Klose Profi bei Kaiserslautern, 2002 – drei Jahre nach der abgeschlossenen Schreinerlehre – spielte er zum ersten Mal im Trikot des deutschen Nationalteams eine Weltmeisterschaft. Beim Debüt gegen Saudi Arabien traf Klose gleich dreimal. “Diese Tore habe ich besonders ins Herz geschlossen”, sagt er. Rudi

Völler, Jürgen Klinsmann und Joachim Löw werden seine Trainer. Klose wird ein Fussballstar – wenn auch ein untypischer. Zu Hause wird polnisch gesprochen In Rom lebt Klose zurückgezogen mit Frau ­Sylwia und den neun Jahre alten Zwillingssöhnen Luan und Noah. Zuhause wird polnisch gesprochen, die Urlaube verbringt die Familie beim Angeln. Die Söhne eifern dem berühmten Papa schon heute nach und verfolgen seine Spiele vor dem Fernseher. “Luan spielt Sturm, Noah im Mittelfeld”, erzählt Klose. Es waren die Kinder, die Klose auf die Saltos verzichten liessen, die er nach seinen Toren zu vollführen pflegte. “Damit habe ich aufgehört, als mich Noah vor dem Fernseher imitierten wollte und

Stephane Mantey / Presse Sports / freshfocus

im Juni 1978 in Opole in Polen auf die Welt kam. Mutter Barbara war eine wichtige Spielerin der polnischen Handball-Nationalmannschaft, Vater Josef spielte im Sturm von Auxerre in Frankreich. Zwei Torjäger, die neben ihrer Leidenschaft einer normalen Arbeit nachgingen. Von ihnen lernte Miroslav Klose, dass im Leben die Pflicht an erster Stelle steht. “Meine Eltern haben mir erst erlaubt, meinen Traum von der Fussballkarriere zu leben, nachdem ich eine Lehre absolviert hatte”, erzählt Klose. Und so wurde der junge Miroslav erst mal Schreiner und verbrachte die für andere Fussballer entscheidende Zeit von 17 bis 21 Jahren auf Baustellen. In einer Jugendmannschaft hat Klose nie gespielt. “Ich verbrachte meine Lehrjahre täglich mit Menschen, die jeden Tag mit harter


MIROSL AV K LOSE

“In solchen Momenten agiert man ohnehin instinktiv, ohne gross nachzudenken.”

Name Miroslav Klose Geburtsdatum, Geburtsort 9. Juni 1978, Opole (Polen) Stationen SG Blaubach-Diedelkopf, FC 08 Homburg II, FC 08 Homburg, 1. FC Kaiserslautern Amateure, 1. FC Kaiserslautern, Werder Bremen, FC Bayern München, Lazio Rom Torproduzent Die argentinische Verteidigung ist ausgespielt – ­Miroslav Klose erzielt an der WM 2010 einen weiteren Treffer.

sich dabei verletzte. Ich habe gelernt, dass ich dies nicht weiter vormachen kann, weil sonst zu Hause noch Schlimmeres passiert wäre.” Und wenn er bei der Weltmeisterschaft in Brasilien das Tor erzielen sollte, das ihn mit Ronaldo gleichziehen lassen kann? Wird ­K lose sich dann den Salto verkneifen? “In ­solchen Momenten agiert man ohnehin instinktiv, ohne gross nachzudenken”, sagt Klose und lächelt. Klose spricht leise. Das Gestikulieren seiner italienischen Teamkollegen bei Lazio Rom ist ihm auch nach drei Jahren in der Ewigen Stadt fremd. Sein Blick und seine Stimme verraten wenig Emotion, dafür wilde Entschlossenheit und den unbeugsamen Willen, sein Ziel zu erreichen.

Nationalteam Deutschland 131 Einsätze, 68 Tore Weltmeisterschaft 2014 Gruppenspiele: Portugal (16. Juni), Ghana (21. Juni), USA (26. Juni)

So tritt Miroslav Klose mit 36 Jahren zu s­ einer vierten und letzten Weltmeisterschaft an und hebt zum ersten Mal in diesem langen Gespräch die Stimme, als er sagt: “Deutschland ist reif für den Titel. Wir gehören sicher zum engeren Favoritenkreis und wir wollen den Titel gewinnen. Um die Zukunft des deutschen Fussballs müssen wir uns keine Gedanken machen, wenn ich an die jungen Spieler wie Mesut Özil oder Toni Kroos denke.”

keine einfachen Gegner für Deutschland, aber besiegbare. Klose sieht auch diesen Umstand pragmatisch: “Wir sind Deutschland und unsere Fussballtradition gibt uns vor, immer das Maximale erreichen zu wollen.” Wenn Klose im Team gesetzt ist, könnten schon die drei Gruppenspielen reichen, um den einen Treffer zu erzielen, der ihn mit Ronaldo gleichziehen lassen würde. Alles was er tun muss, ist nicht daran zu denken, dann passieren die Tore ja von alleine. Å

Mit viel Gelassenheit “Ich will den Torschützenrekord”, würde Klose niemals sagen. Dass er gebrochen wird und Klose sich in den Geschichtsbüchern als WM-Torschützenkönig verewigt, ist wahrscheinlich. Portugal, Ghana und die USA sind T H E F I FA W E E K LY

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FREE KICK

Historische WM-Tore

Fussballverrückte Väter Alan Schweingruber

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oni war ein netter Junge. Einzelkind, sechs Jahre alt, mit einem guten Herzen. Er ass am liebsten Honigbrote und mochte Boote. Alle Arten von Booten. Grosse und schnelle, in denen braun gebrannte Frauen und Männer die Meeresbuchten entlangfuhren. Kleine Boote in der Badewanne. Aber auch alte Boote, solche, die es nur in ­Museen zu sehen gab. Toni sei ein richtiger Boot-Typ, meinte sein Onkel. Eines fand Toni hingegen richtig doof: Fussball. Das war insofern kein Problem, als es ja neben der Schule immer reichlich zu tun gab, wenn man als Boot-Typ geboren worden war. Zum Beispiel war Onkel Julian froh um Hilfe, wenn der Lack an seinem Boot abblätterte und ein neuer Anstrich nötig war. Gerne schlenderte Toni auch einfach durch den Hafen und schaute, wie es sich die anderen Bootsliebhaber auf Deck gemütlich gemacht hatten. Tonis Vater aber, der war kein Boot-Typ. Tonis Vater war mit Leib und Seele Fussballfan. Sein Verein kickte irgendwo in der dritten Liga. Nichts Wildes. Die Spiele wurden so gut wie nie am Fernsehen übertragen. Und genau in dieser provinziellen Verbissenheit lag der Ursprung von Tonis Problem: Er musste nämlich alle zwei Wochen mit ins Stadion. Und das lag vierzig Autominuten entfernt. In der Regel trank sein Vater dann noch ein Bier vor dem Spiel oder ass eine Kleinigkeit. So ging der ganze Nachmittag drauf. Dabei wäre es auf dem Boot von Onkel Julian so schön gewesen. Es gab da auch Honigbrote. Und so ging das weiter. Auch an seinem siebten Geburtstag fand Toni unter seinem Kopfkissen ein hellblaues Fussballshirt. Es war das übliche Ritual. Sein Vater schenkte ihm jedes Jahr ein hellblaues Shirt des Drittliga-Klubs in der richtigen Grösse. Toni hatte die

Farben gleich erkannt. Er tat so, als ob er sich freuen würde und streifte es sich vor den Augen seines Vater über. Drei Monate später stieg die Mannschaft mit den hellblauen Trikots aus der dritten Liga ab. Danach reiste Toni mit seinem Vater zu allen Heimspielen in der vierten Liga. An einem warmen Sonntag aber, da blieb Toni zu Hause im Bett liegen. Er fühlte sich ­u nwohl, und sein Vater fuhr alleine ins Stadion. Ausgerechnet zum Spiel gegen den grossen Küstenrivalen. Der Vater trank zu viel an diesem Nachmittag und kehrte euphorisch zurück. Als er dann am Bett seines Sohnes sass und vom Sieg erzählte, sah er die Salzrückstände auf Tonis Armen. “Du warst am Meer, stimmt’s?”, fragte er und Toni nickte zögerlich. “Das ist in Ordnung, Toni. Geh am Wochenende ruhig öfter aufs Boot.” Später, am Küchentisch, sagte Tonis Vater zur Mutter: “Ich habe uns etwas aus dem Stadion mitgebracht.” Sie packte das kleine Geschenk aus und erkannte die Farben sofort. Es waren hellblaue Baby-Socken. Als sie dann begann, über ihren Bauch zu streichen, fragte er: “Wann genau ist der Termin?” Å

Die wöchentliche Kolumne aus der The-FIFA-Weekly-Redaktion

1.

 Lucien Laurent, Frankreich Spiel: Frankreich - Mexiko Tor zum: 1:0 (4:1) Datum: 13. Juli 1930

100.

 A ngelo Schiavio, Italien Spiel: Italien - USA Tor zum: 5:1 (7:1) Datum: 27. Mai 1934

200.

 Harry Andersson, Schweden Spiel: Schweden - Kuba Tor zum: 8:0 (8:0) Datum: 12. Juni 1938

500.

 Bobby Collins, Schottland Spiel: Paraguay - Schottland Tor zum: 3:2 (3:2) Datum: 11. Juni 1958

1 000.

 Rob Rensenbrink, Niederlande Spiel: Schottland - Niederlande Tor zum: 0:1 (3:2) Datum: 11. Juni 1978

1 200.

 Jean-Pierre Papin, Frankreich Spiel: Kanada - Frankreich Tor zum: 0:1 (0:1) Datum: 1. Juni 1986

1 500.

 Claudio Caniggia, Argentinien Spiel: Argentinien - Nigeria Tor zum: 1:1 (2:1) Datum: 25. Juni 1994

1 800.

 Beto, Portugal Spiel: USA - Portugal Tor zum: 3:1 (3:2) Datum: 5. Juni 2002

2 000.

 Marcus Allbäck, Schweden Spiel: Schweden - England Tor zum: 1:1 (2:2) Datum: 20. Juni 2006

2 200.

 rjen Robben, Niederlande A Spiel: Uruguay - Niederlande Tor zum: 2:3 (2:3) Datum: 6. Juli 2010

2 208.

 ndrés Iniesta, Spanien A Spiel: Niederlande - Spanien Tor zum: 0:1 (0:1 n.V.) Datum: 11. Juli 2010

Quelle: FIFA (FIFA World Cup, Milestones & Superlatives, Statistical Kit, 12.05.2014) T H E F I FA W E E K LY

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DER EXPERTE

Für eine WM ohne Doping

Die FIFA wird vor der Weltmeisterschaft in Brasilien alle teilnehmenden Spieler einem unangekündigten Dopingtest unterziehen.

Prof. Jiri Dvorak

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xperten von internationalen Sportver­ bänden, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC), der Welt-Anti-­ DopingAgentur (WADA) sowie Labor­spezialisten sprachen im vergangenen Jahr im Novem­ ber in Zürich über die zukünftige Strategie für einen dopingfreien Sport. Es gab einen ein­ deutigen Konsens darüber, dass der Kampf gegen Doping koordiniert und in Zusammenarbeit mit Sportärzten, Laborspezialisten, Wissenschaftlern und den Sportlern selbst erfolgen muss. Die Ergebnisse wurden in der Mai-Ausgabe der ­ ­renommierten britischen Fachzeitschrift “British Journal of Sports Medicine” unter dem Titel “Neue Anti-Doping-Strategie” veröffentlicht. 30

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Die Geschichte des Dopings Erste Tests auf Medikamenteneinnahmen bei Fussballern (und Sportlern im Allgemeinen) wurden während der WM 1966 in England und später bei den Olympischen Spielen 1968 in ­Mexiko-Stadt durchgeführt. Ursache für die Einführung der Tests waren Todesfälle bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom sowie bei der Tour de France 1967. Die betreffenden Sportler waren gleichzeitig mit der verbotenen ­Einnahme von Stimulanzen wie Amphetami­ nen in Verbindung gebracht worden. Seitdem werden bei den meisten grossen Sportwett­ bewerben Dopingkontrollen durchgeführt. In den 1990er-Jahren erlangten Nahrungs­ ergänzungsmittel enorme Beliebtheit unter den Sportlern. Eine umfassende Analyse

von über 600 Nahrungsergänzungsmitteln er­ gab, dass sage und schreibe 15 Prozent von ihnen verbotene anabole Steroide enthielten. Nach B ­ ekanntwerden dieser alarmierenden Daten lancierte die FIFA eine Aufklärungs­ kampagne, in der Fussballer vor der Verwen­ dung von ­ Nahrungsergänzungsmitteln ­gewarnt wurden, und riet ausdrücklich von deren willkürlichen Einnahme ab. In den 1990er-Jahren wurde auch das ­Blutdoping unter Verwendung von EPO (Eryth­ ropoietin) beziehungsweise durch Bluttransfusi­ onen bekannt. Die FIFA führte daraufhin als erster internationaler Verband bei der WM in Korea/Japan ein Blutprobenverfahren ein. Die Ergebnisse ergaben keinerlei Verdacht auf ­Blutmanipulation.

Nacho Doce / Reuters

Am 1. Januar 2015 tritt der überarbeitete Welt-Anti-Doping-Kodex in Kraft. Nachdem der Kodex letztes Jahr einhellige Zustimmung gefunden hatte, wurde im Home of FIFA ein Treffen zum Kampf gegen Doping im Sport abgehalten. Ziel war es, einen Leitfaden für die Umsetzung der neuen Bestimmungen zu erstellen.


DER EXPERTE

Teure Anti-Doping-Strategie Die FIFA setzt in all ihren Wettbewerben ein sehr striktes System zur Dopingkontrolle ein – von der U-17-Ebene bis zur WM der Stars. Pro Spiel und Team werden jeweils zwei Spieler nach dem Z ­ ufallsprinzip ausgewählt, die sich direkt im Anschluss an die Partie einer Dopingkontrolle unterziehen müssen. Die Anzahl der Spieler kann im Falle eines Dopingverdachts erhöht werden. Seit 2005 verfasst die WADA Jahresberichte zu weltweiten Dopingkontrollen, in denen unter anderem die Gesamtzahl unerwünschter analytischer Befunde genannt wird. Der Prozentsatz der aufgrund des Missbrauchs anaboler Steroide positiv getesteten Fälle beläuft sich im Fussball durchschnittlich auf 0,03 Prozent im Vergleich zu 0,4 Prozent in der Gesamtstatistik der WADA. Das heisst, dass der Missbrauch anaboler Steroide im Fussball zehnmal geringer ist als in anderen Sportarten. Allerdings ist die Umsetzung der aktuellen Anti-Doping-Strategie teuer. Die Kosten eines einzigen Dopingtests werden durchschnittlich auf etwa 1000 US-Dollar veranschlagt. Folglich belaufen sich die Gesamtkosten angesichts von rund 30 000 Tests, die pro Jahr im Weltfussball durchgeführt werden, auf etwa 30 Millionen US-Dollar. Auf der Grundlage dieser Statistik kostet es rund drei Millionen US-Dollar, im Fussball einen Doping-Sünder der Einnahme anaboler Steroide zu überführen. Diese einfache Rechnung belegt die Notwendigkeit, langfristig etwas an der Strategie zu ändern. Prävention durch Auf klärung Die FIFA hat in Zusammenarbeit mit allen ­Konföderationen eine komplexe Aufklärungskampagne eingeführt, die sich insbesondere an junge Fussballer richtet. Dabei wird vor allem betont, dass es kein Medikament gibt, das die Leistung bei einer so komplexen Sportart wie dem Fussball steigern könnte. Vielmehr sind gute Technik, Cleverness, Schnelligkeit im Sprint, Ausdauer, Koordination sowie die richtige mentale Einstellung erforderlich, um r folgreich zu sein. Hinzu kommt noch das ­ ­notwendige Quäntchen Glück vor dem gegnerischen Tor. Auf der anderen Seite ist die Einnahme ­verbotener Substanzen mit dem Risiko verbunden, überführt zu werden. Manchmal bedeutet dies das ­Karriereende. Für den Welt-Anti-Doping-Kodex 2015 wurden die Sperren beim ­ersten Verstoss gegen die Bestimmungen zur Dopingkontrolle von zwei auf vier Jahre heraufgesetzt.

Alle Spieler werden getestet In der Medizin ist es gang und gäbe, gesunde Normalwerte durch die Analyse von Blut- oder Urinproben oder anderer Körpergewebe wie der Haare zu bestimmen. Bei der alltäglichen Untersuchung von Patienten werden diese Parameter regelmässig kontrolliert, und die Ärzte halten nach Abweichungen Ausschau, die auf eine

Es gibt kein Medi­ kament, das einen Torerfolg wahr­ scheinlicher macht. mögliche Krankheit hindeuten könnten. Das­ selbe Prinzip kommt beim biologischen Pass zur Anwendung. Jegliche Abweichung vom “genetischen Fingerabdruck” eines Sportlers kann auf einen potenziellen Missbrauch hinweisen. Andererseits kann eine Abweichung bei ­d iesen über einen langen Zeitraum getätigten Beobachtungen aber auch auf eine Krankheit hindeuten. In diesem Fall wären weitere Untersuchungen erforderlich. Ein beeindruckendes Beispiel ist der Nachweis des humanen Choriongonadotropin – eines Hormons – bei Männern. Dabei handelt es sich um eine Substanz, die zur Leistungssteigerung missbraucht werden kann. Es kann bei jungen Männern aber auch zu ­Hodenkrebs führen. Bei dieser Krebsart kommt es auf die frühzeitige Erkennung und unverzügliche Behandlung an. Das Anti-Doping-Team der FIFA hat einen solchen Fall im Rahmen von ­Routinekontrollen aufgedeckt und den Fussballer unverzüglich in Kenntnis gesetzt, damit er weitere medizinische Untersuchungen und ­Behandlungen in die Wege leiten kann. Die Erstellung eines biologischen Profils ­(gemeinhin auch als biologischer Pass bekannt) erfordert mehrere Blut- und Urinproben, damit Laborspezialisten und Ärzte Vergleichswerte ermitteln können. Derzeit baut die FIFA in ­Zusammenarbeit mit den Konföderationen eine Datenbank auf, um die Profile der Fussballer im Laufe ihrer gesamten Profikarriere überwachen zu können. In Zukunft werden sich auch die

­ ationalen Ligen an diesem Prozess beteiligen. n Die Laborergebnisse werden in einer zentralen Datenbank gespeichert und sind so leicht vergleichbar. Die FIFA hat dieses Verfahren während der Klub-Weltmeisterschaften 2011–2013 sowie beim Konföderationen-Pokal 2013 erstmals angewandt und dabei alle beteiligten Spieler ­getestet. Die WM in Brasilien wird bei der Entwicklung der Zukunftsstrategie als Massstab dienen. Alle beteiligten Spieler müssen sich vor dem Wettbewerb unangekündigten Kontrollen unterziehen. Die Werte werden dann mit den Werten abgeglichen, die bei den Routinetests nach j­ edem Spiel ermittelt werden. Die Datenbank wird ­ausserdem durch die Proben ergänzt, die von der UEFA während der Champions League 2013 und 2014 sowie der EURO 2012 analysiert wurden. Die ersten Ergebnisse dieser möglicherweise effizienteren und kosteneffektiveren Strategie, die zudem einen höheren Abschreckungseffekt hat, sind vielversprechend. Ausserdem kann die FIFA eine positive Einstellung aller Teams zu diesem Verfahren feststellen, wodurch noch einmal untermauert wird, dass es innerhalb der Fussballgemeinde ein breit angelegtes Engagement für einen dopingfreien Sport gibt. Å

Dopingfälle im Fussball 2005

2010

2013

Analysierte Proben gesamt

23 478

30 398

tbc

Positive Fälle gesamt

76 (0,32%)

105 (0.35%)

47 (tbc)

Statistik der echten positiven Fälle im Fussball weltweit. Die Gesamtzahl der von Fussballern entnommenen Proben basiert auf dem Statistikbericht der WADA (2013 noch nicht veröffentlicht).

Prof. Jiri Dvorak ist der medizinische Leiter der FIFA. T H E F I FA W E E K LY

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ZEITSPIEGEL

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White Hart Lane, London, England

Fussballer fotografieren Fussballer: Die Tottenham-Hotspur-Spieler Jimmy Greaves und Mel Hopkins (v.l.) nehmen ihre Teamkameraden in den Sucher.

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Keystone / Getty Images

1962


ZEITSPIEGEL

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Turf Moor, Burnley, England

2014

Imago

Fussballer fotografieren sich selbst: Spieler des FC Burnley schiessen nach dem Aufstieg in die Premier League ein Selfie.

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Š 2014 adidas AG. adidas, the 3-Bars logo and the 3-Stripes mark are registered trademarks of the adidas Group.

get ready for the battle

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DAS FIFA-R ANKING

→ http://de.fifa.com/worldranking/index.html

Rang Team

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 25 25 28 29 30 30 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 42 44 45 46 47 47 49 50 51 52 53 54 55 55 55 58 59 59 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77

Spanien Deutschland Portugal Brasilien Kolumbien Uruguay Argentinien Schweiz Italien Griechenland England Belgien Chile USA Niederlande Frankreich Ukraine Russland Mexiko Kroatien Elfenbeinküste Schottland Dänemark Ägypten Bosnien und Herzegowina Schweden Algerien Ecuador Slowenien Serbien Honduras Rumänien Armenien Costa Rica Panama Tschechische Republik Iran Ghana Türkei Österreich Venezuela Peru Kap Verde Nigeria Ungarn Slowakei Japan Wales Tunesien Kamerun Guinea Finnland Usbekistan Montenegro Republik Korea Norwegen Paraguay Island Mali Australien Burkina Faso Libyen Senegal Jordanien Südafrika Republik Irland Vereinigte Arabische Emirate Bolivien El Salvador Albanien Sierra Leone Polen Bulgarien Trinidad und Tobago Saudiarabien Marokko Haiti

Rang­veränderung Punkte

0 0 0 2 -1 -1 -1 0 0 0

1460 1340 1245 1210 1186 1181 1178 1161 1115 1082

0 0 1 -1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 2 -1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 1 -1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 1 -1 0 0 0 0 0 0 0 1 -1 0 0 0 0 0 0 0 2 0 0 2

1043 1039 1037 1015 967 935 913 903 877 871 830 825 819 798 795 795 795 794 787 759 759 756 750 748 739 731 715 713 711 673 666 665 665 631 623 616 613 613 597 583 580 578 577 555 551 551 551 546 545 545 528 522 511 510 507 504 499 497 488 486 484 479 460 457 455 454 452

Rang

12 / 2013

01 / 2014

02 / 2014

03 / 2014

04 / 2014

05 / 2014

1 -41 -83 -125 -167 -209

78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 106 108 109 110 111 112 113 114 114 116 117 118 119 120 121 122 122 124 125 126 126 128 128 130 131 131 133 134 134 136 137 138 139 140 141 142 143 144

Platz 1  

Aufsteiger des Monats  

Israel Sambia EJR Mazedonien Jamaika Oman Belarus Nordirland Aserbaidschan Uganda Gabun DR Kongo Togo Kuba Botsuana Kongo Estland Angola Katar VR China Benin Simbabwe Moldawien Irak Äthiopien Niger Georgien Litauen Bahrain Kenia Zentralafrikanische Republik Kuwait Lettland Kanada Neuseeland Luxemburg Äquatorial-Guinea Mosambik Libanon Vietnam Sudan Kasachstan Liberia Namibia Tadschikistan Malawi Tansania Guatemala Burundi Dominikanische Republik St. Vincent und die Grenadinen Malta Afghanistan Zypern Suriname Ruanda St. Lucia Gambia Syrien Grenada DVR Korea Neukaledonien Mauretanien Philippinen Lesotho Antigua und Barbuda Thailand Belize

0 -5 0 1 -1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 1 0 0 0 0 0 12 -1 0 0 0 0 9 -1 -6 -2 -2 -2 8 -3 -3 -2 0 -2 13 3 -3 -3 -3 -1

Absteiger des Monats

450 448 443 420 418 404 400 398 395 386 380 374 371 369 367 366 347 338 333 332 327 325 321 319 315 303 293 289 284 284 283 273 272 271 266 261 251 251 242 241 235 234 233 229 227 227 223 215 212 212 204 204 201 197 197 191 190 190 188 175 174 165 161 159 158 156 152

145 146 147 147 149 150 151 152 153 153 155 156 157 158 159 159 161 162 163 164 165 165 167 168 169 170 171 172 173 173 173 176 177 178 179 180 180 182 183 184 184 186 187 188 189 190 191 191 191 194 195 195 197 197 199 200 201 202 202 204 205 206 207 207 207

Malaysia Kirgisistan Singapur Indien Puerto Rico Liechtenstein Guyana Indonesien Malediven St. Kitts und Nevis Aruba Turkmenistan Tahiti Hongkong Pakistan Nepal Barbados Bangladesch Dominica Färöer Tschad Palästina São Tomé und Príncipe Nicaragua Bermuda Chinese Taipei Guam Salomon-Inseln Sri Lanka Laos Myanmar Seychellen Curaçao Swasiland Jemen Mauritius Vanuatu Fidschi Samoa Komoren Guinea-Bissau Bahamas Mongolei Montserrat Madagaskar Kambodscha Brunei Darussalam Osttimor Tonga Amerikanische Jungferninseln Cayman-Inseln Papua-Neuguinea Britische Jungferninseln Amerikanisch-Samoa Andorra Eritrea Südsudan Somalia Macau Dschibuti Cook-Inseln Anguilla Bhutan San Marino Turks- und Caicos-Inseln

-3 1 -2 -2 -2 -1 -1 -1 0 0 0 0 0 0 2 0 1 1 -3 0 4 -1 -1 -1 -1 0 0 0 0 1 1 1 1 1 1 -4 1 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0

T H E F I FA W E E K LY

149 148 144 144 143 139 137 135 124 124 122 119 116 111 102 102 101 98 93 91 88 88 86 84 83 78 77 75 73 73 73 66 65 64 63 55 55 47 45 43 43 40 35 33 32 28 26 26 26 23 21 21 18 18 16 11 10 8 8 6 5 3 0 0 0

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TURNING POINT

“Zuerst glaubte ich an einen Witz” Am 24. Mai 2007 wird Leroy Rosenior Coach bei Torquay United. Zehn ­Minuten später ist er seinen Job ­bereits wieder los – Rekord. Der f­ rühere Goal­ getter berichtet, wie sich die Ereignisse überschlugen.

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T H E F I FA W E E K LY

Vorname, Name Leroy Rosenior Geburtsdatum, Geburtsort 24. August 1964, London (England) Vereine als Spieler Fulham, Queens Park Rangers, West Ham United, Charlton Athletic, Bristol City, Fleet Town, Gloucester City Vereine als Trainer Gloucester City, Merthyr Tydfil, Torquay United, Brentford

mann bringen. Offensiven Fussball spielen lassen. Aufsteigen. Solche Dinge. Gegen 16.40 Uhr, zehn Minuten nach dem Ende der Interviews, ruft mich Mike erneut an. Er sagt, er habe den Klub verkauft. Zuerst glaube ich an einen Witz. Das würde zu Mike passen, wir scherzen oft zusammen. Ich fahre zu ihm, wir trinken Tee, und er versichert mir: Er hat seine Anteile von 51 Prozent abgestossen. Es gibt einen neuen Besitzer, Cris Boyce, und – wie ich erfahre – auch einen neuen Trainer: Paul Buckle. Ich denke: Zehn Minuten im Amt, das muss Rekord sein. Mike entschuldigt sich, aber das muss er nicht. Wir lachen beide über die absurde Situation. Bald bekommen die Journalisten Wind von meinem Blitz-Intermezzo. Der “BBC” gebe ich zu Protokoll: “Ich habe in diesen zehn Minuten hier einen ausgezeichneten Job gemacht.” Ein bisschen Selbstironie muss sein.

Ich würde jederzeit wieder gleich handeln. Es ging darum, einem Freund zu helfen. Wir haben nicht einmal einen Vertrag abgeschlossen, es musste ja schnell gehen. Ich werde heute noch oft auf die Episode angesprochen, aber ich sehe sie nicht negativ. Mich stört es nicht, wie alles gelaufen ist, im Gegenteil: Ich kann darüber lachen und bin mit mir im Reinen. Ich wünschte mir bloss, Torquay wäre mehr Erfolg beschieden. Der erneute Abstieg in die Conference Premier in dieser Saison hat mich ­geschmerzt. Å Aufgezeichnet von Nicola Berger

Persönlichkeiten des Fussballs erzählen von einem wegweisenden Moment in ihrem Leben.

Stu Forster / Getty Images

I

ch sitze zu Hause in Bristol, es ist Frühling, aber das Wetter ist schlecht. Meine letzte Anstellung als Trainer ist schon ein paar Monate her, im November wurde ich in Brentford entlassen. Im Moment bemühe ich mich, als Journalist Fuss zu fassen und tüftle an Kolumnen. Am Nachmittag ruft mich Mike Bateson an. Ich kenne ihn schon lange, er ist der Besitzer von Torquay United, wir ­haben früher zusammengearbeitet. Er erzählt mir, er wolle den Klub verkaufen – nach 17 ­Jahren an der Spitze. Aber er brauche jemanden, um die Zeit zu überbrücken. Einen, der zum Rechten schaut. Der Verein ist gerade in die fünftklassige Conference abgestiegen. Ich sage trotzdem sofort zu. Ich arbeitete schon zwischen 2002 und 2006 als Manager der “Gulls”, der Verein ist mir ans Herz gewachsen. Und Mike tue ich gerne einen Gefallen. Ich freue mich, zurück zu sein, ich habe Freunde in der Stadt. In meiner Ära schafften wir trotz des kleinen Budgets von 900 000 Pfund den Aufstieg in die League One. Ich frage mich, ob wir die alten Erfolge neu aufleben lassen können. Aber mir ist auch bewusst, dass das Abenteuer zu Ende sein wird, sobald Mike einen Käufer findet. Am nächsten Tag fahre ich mit dem Auto von Bristol nach Torquay. Ich habe mit Mike vereinbart, zwei- bis dreimal pro Woche vor Ort zu sein. Die Saison ist gerade zu Ende gegangen, es gibt kein Training zu leiten. Ich verzichte auf ein Hotel, es sind ja nur 100 Meilen. Für den Nachmittag ist eine Pressekonferenz einberufen worden. Die Journalisten fragen mich, was ich erreichen wolle. Na ja, den Klub auf Vorder-


NET ZER WEISS ES!

DAS OBJEK T

Welches Gruppenspiel darf ich auf keinen Fall verpassen? Frage von Melvin Olsson, Göteborg

Stratege Günter Netzer, hier mit 26 Jahren, bevorzugte in der Regel spielerische Einheiten.

Hostmüller / SZ-Photo

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un, es gibt da eine Reihe von Gruppenspielen, die Sie nicht verpassen dürfen. Die Eröffnungspartie Brasilien gegen Kroatien zum Beispiel. Es geht dabei weniger um die Affiche, als um die ­ ­Tatsache, dass mit diesen 90 Minuten ein wundervoller Monat beginnt. Die Atmosphäre des ersten WM-Tages ist faszinierend. Ein spannendes Spiel bereichert den Start natürlich. Ich gehe davon aus, dass Sie diese Partie ohnehin schauen werden, Herr Olsson. Und deshalb habe ich vorsorglich ein zweites Spiel herausgestrichen. Es wird Sie als Europäer um ein paar Stunden Schlaf bringen. Aber es lohnt sich. In der Nacht auf den 15. Juni trifft Italien auf England – um Mitternacht (MEZ). Das Spiel ist schon deshalb interessant, weil es mitten im brasilianischen Dschungel stattfindet. In ­Manaus. Die vielen Stars dort spielen zu sehen – das wird ein Genuss. Das erste Spiel eines langen Turniers hat es in sich. Vieles hängt von einem guten Start ab. Ein Warmlaufen, ein Abtasten wird auch für Italien und England in Manaus notwendig sein. Und trotzdem darf sich keines der beiden

Teams zu passiv verhalten. Die Gruppe ist stark. Gewinnt nämlich Uruguay, der dritte Weltmeister in der Gruppe, ein paar Stunden zuvor gegen Costa Rica, dann stehen die beiden Rivalen schon unter Druck. Die Italiener sind taktisch stark, mit ihnen wird zu rechnen sein. Und die Briten ihrerseits stehen für Tradition und Kampfgeist. Es ist gut möglich, dass sie befreit aufspielen, weil keiner mit ihnen rechnet. Ich erwarte ein grosses Spiel in der Nacht auf den 15. Juni. Å

Perikles Monioudis Die funktionale Ausdifferenzierung in der ­A rbeitswelt ist alt – bestimmt aber viel älter als die Ideen des Henry Ford, der in den 1910er-­ Jahren mit seinen Fliessbändern eine neue Ära in der industriellen Produktion nicht nur von Automobilen begründete. Im Fussball sitzen heute Trainer, Assistenztrainer, Teamarzt und weitere Personen auf der Bank, bereit, im richtigen Moment ­einzugreifen – der Trainer mit Anweisungen und A ­ uswechslungen. Früher aber, als auch der Fussball in seiner funktionalen Ausdifferenzierung noch nicht sehr weit gekommen war, war der Trainer auch darum besorgt, verletzte ­Spieler zu behandeln. Verschlug es einem Spieler den Atem, etwa nach einem Kopfballduell im Strafraum und einem unglücklichen Fall auf den platt-­ gestampften Sand, reichte der Trainer ihm noch auf dem Platz die Flasche mit dem Riechsalz bzw. er liess den Spieler daran schnuppern, damit er bald wieder im Spiel mittun konnte. Heute findet Riechsalz keine Verwendung mehr im modernen Sport, und auch der Trainer hat das Medizinische delegiert. Den Flaschen und der Ledertasche, die sie barg (Prägung: Ramsgate F.C., 3; FIFA-Sammlung), begegnet man auf Fussballplätzen auch nicht mehr – obwohl die Ledertasche an sich ein schmuckes Vintage-Objekt hergeben würde. Den modisch bewussten Trainern José Mourinho oder Pep Guardiola stünde eine ­Ledertasche in der Art der oben abgebildeten ohne Weiteres. Auch wenn Guardiola seine Spieler nicht unbedingt in ein funktional ausdifferenziertes Torproduktionsgefüge zu ­ ­integrieren sucht, sondern von ihnen verlangt, alles gleich gut zu können, nein; alles perfekt zu beherrschen, ja perfekt zu sein. Eine perfekte Tasche würde dazu passen. Zwar kein Spanier, aber der perfekte Spieler schlechthin, der Portugiese Cristiano Ronaldo, liesse sich ja auch gut mit diesem Accessoire denken, nicht wahr? Å

Was wollten Sie schon immer über Fussball wissen? Fragen Sie Günter Netzer: feedback-theweekly@fifa.org T H E F I FA W E E K LY

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EVERY GASP EVERY SCREAM EVERY ROAR EVERY DIVE EVERY BALL E V E RY PAS S EVERY CHANCE EVERY STRIKE E V E R Y B E AU T I F U L D E TA I L SHALL BE SEEN SHALL BE HEARD S H A L L B E FE LT

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FIFA - R ÄT SEL - CUP

The FIFA Weekly Eine Wochenpublikation der Fédération Internationale de Football Association (FIFA)

Wer räumt die WM-Tickets ab, wer spielt im Maracanã und wer wird leider nicht Weltmeister?

Internet: www.fifa.com/theweekly Herausgeberin: FIFA, FIFA-Strasse 20, Postfach, CH-8044 Zürich Tel. +41-(0)43-222 7777 Fax +41-(0)43-222 7878

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Welches Tier ist auf diesem WM-Trikot für 2014 zu sehen?

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Präsident: Joseph S. Blatter Generalsekretär: Jérôme Valcke Direktor Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit: Walter De Gregorio Chefredakteur: Perikles Monioudis Redaktion: Thomas Renggli (Autor), Alan Schweingruber, Sarah Steiner Art Direction: Catharina Clajus

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Bildredaktion: Peggy Knotz

A Kolumbien O Portugal

Produktion: Hans-Peter Frei Layout: Richie Krönert (Leitung), Marianne Bolliger-Crittin, Cornelia Kälin, Mirijam Ziegler

Der Fussballwettbewerb mit mehr als einem Dutzend Nationalmannschaften aus aller Welt wurde in ganz Brasilien ausgetragen. Im Finale im Stadion Maracanã spielte Brasilien gegen …

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Korrektorat: Nena Morf, Kristina Rotach

I Frankreich R Ghana

WM-Tickets für 2014: Die meisten gehen natürlich nach Brasilien. Und wer liegt auf Platz 2 der Ticket-Käufer?

Ständige Mitarbeitende: Sérgio Xavier Filho, Luigi Garlando, Sven Goldmann, Hanspeter Kuenzler, Jordi Punti, David Winner, Roland Zorn Mitarbeit an dieser Ausgabe: Nicola Berger, Lucia Clement (Bild) Prof. Jiri Dvorak, Franco Nicolussi, Markus Nowak, Dominik Petermann, Alissa Rosskopf, Ricardo Manuel Santos, Andreas Wilhelm (Bild) Redaktionssekretariat: Honey Thaljieh Projektmanagement: Bernd Fisa, Christian Schaub

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4

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Schade für die beiden Herren rechts: Denn noch nie wurde der Sieger oder der Zweite der letzten Wahl am Ballon d’Or anschliessend Weltmeister. Nur ein paar Drittplatzierte der Wahl schafften es, gleich darauf Weltmeister zu werden. Wer gehört nicht dazu? D

L

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Übersetzung: Sportstranslations Limited www.sportstranslations.com Druck: Zofinger Tagblatt AG www.ztonline.ch Kontakt: feedback-theweekly@fifa.org Der Nachdruck von Fotos und Artikeln aus The FIFA Weekly, auch auszugsweise, ist nur mit Genehmigung der Redaktion und unter Quellenangabe (The FIFA Weekly, © FIFA 2014) erlaubt. Die Redaktion ist nicht verpflichtet, unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Fotos zu publizieren. Die FIFA und das FIFA-Logo sind eingetragene Warenzeichen. In der Schweiz hergestellt und gedruckt. Ansichten, die in The FIFA Weekly zum Ausdruck gebracht werden, entsprechen nicht unbedingt den Ansichten der FIFA.

Das Lösungswort des Rätsel-Cups aus der Vorwoche lautete: Game (ausführliche Erklärungen auf www.fifa.com/theweekly). Inspiration und Umsetzung: cus

Bitte senden Sie Ihre Lösung bis zum 4. Juni 2014 an die E-Mail-Adresse feedback-theweekly@fifa.org. Die korrekten Lösungen für alle seit dem Ballon d’Or 2013 erschienenen Rätsel nehmen am 11. Juni 2014 an der ­Verlosung von zwei Eintrittskarten für das WM-Finale am 13. Juli 2014 teil. Vor der Einsendung ihrer Antworten müssen die Teilnehmenden die Teilnahmebedingungen des Gewinnspiels sowie die Regeln zur Kenntnis nehmen und akzeptieren, die unter folgendem Link zu finden sind: http://de.fifa.com/mm/document/af-magazine/fifaweekly/02/20/51/99/de_rules_20140417_german.pdf T H E F I FA W E E K LY

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F R A G E N S I E T H E W E E K LY

UMFR AGE DER WOCHE

Welchem Team trauen Sie an der WM eine Überraschung zu?

Welcher Klub stellt am meisten Spieler an der WM? Horst Dreher, Berlin (Deutschland) In den vorläufigen Kadern (mit 30 Spielern) ist der deutsche Doublegewinner Bayern München mit 17 Spielern am stärksten vertreten. Aus der Bundesliga dürfen insgesamt 102 Spieler auf die Teilnahme an der WM hoffen. Das grösste Kontingent stellt die englische Premier League mit 131 Spielern. Aus der italienischen Serie A figurieren 101 Profis auf den Aufgebotslisten, aus der spanischen Primera División 80. Im Gastgeberland Brasilien sind dagegen nur 16 der WM-Kandi­ daten beschäftigt. Die Verbände müssen ihre bereinigten Kader mit 23 Spielern am 2. Juni benennen. (thr)

Belgien, Bosnien-Herzegovina, Chile, Japan, Nigeria, der Schweiz oder einer anderen Nation? Wer kann die Favoriten in Bedrängnis bringen? Ihre Meinung an: feedback-theweekly@fifa.org

ERGEBNIS DER LETZTEN WOCHE Wie schneidet Titelverteidiger Spanien an der WM 2014 ab?

10% Spanien scheitert im Achtelfinale

20% Spanien scheitert im Finale

15% Spanien scheitert im Halbfinale

5+10+401520

5% Spanien scheitert in der Gruppenphase

10% Spanien wird wieder Weltmeister

40% Spanien scheitert im Viertelfinale

Z AHLEN DER WOCHE

Meistertitel hat Crvena Zvezda (im Bild Dragan

136

Pflichtspieltore in den regulären Spielzeiten bedeuten einen neuen Rekord für die Major League Soccer. Aufge-

ghanaische Meistertitel

Saison auf dem Konto

stellt hat ihn Landon

in Folge hat Asante

und ist damit wieder

Donovan. Am Sonntag

Kotoko (im Bild Osei Kofi)

alleiniger Rekordmeister

traf der 32-Jährige

Serbiens. Der Klub, der

beim 4:1 gegen Phila­

früher international als

delphia Union gleich

Roter Stern Belgrad

doppelt und verbesser-

bekannt war, sicherte

te so die bisherige

sich den Titel mit einem

Bestmarke, die er

Spiel in der Hinterhand.

zusammen mit Jeff

Damit endete zugleich

Cunningham inne­

eine für Crvena Zvezda

hatte – im ersten Spiel

bittere sechsjährige

nach der Ankündigung

Erfolgsserie des Stadt­

seiner Nichtberücksich-

rivalen Partisan Belgrad.

tigung für die WM.

Mrdja) nach dieser

3

nun gewonnen. Zwei Spiele vor Saisonende ist der Vorsprung des Tabellenführers uneinholbar. Für die Porcupine Warriors ist es bereits der 24. Meistertitel. Damit bauen sie ihren Vorsprung auf den Erzrivalen Hearts of Oak (19 Meistertitel) in der ewigen Bestenliste weiter aus.

Getty Images (3), imago, zvg

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The FIFA Weekly Ausgabe #32