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Ein Inter view mit kritik & praxis – radikale linke frankfur t

» Wir wollen unseren identitären Politikstil überwinden «


Ein Inter view mit kritik & praxis – radikale linke frankfur t

» Wir wollen unseren identitären Politikstil überwinden «

Zur Person Lisa und Mark sind bei kritik & praxis in Frankfurt organisiert, einer der größten radikalen linken Gruppen im RheinMain-Gebiet, die sich 2003 gegründet hat. Die Gruppe ist außerdem Teil des bundesweit aktiven …umsGanze!–Bündnisses und international bei Beyond Europe organisiert.


Ihr als kritik & praxis habt einen längeren internen Diskussionsprozess hinter euch. Was hat euch dazu bewegt und um welche Themen ging es dabei?

Vorwort „Inzwischen arbeiten wir seit drei Jahren als Kritik und Praxis — und nicht mehr als autonome Antifa [f] — an der Überwindung der herrschenden Verhältnisse. Hinter der Umbenennung stand der Anspruch, Form und Inhalt linksradikaler Politik auf Höhe der Zeit neu zu bestimmen. In den daran anschließenden Debatten drehte sich viel um die Frage, wie und mit wem wir in Zukunft Politik machen wollen. Rauskommen sollte dabei unter anderem ein Strategiepapier mit dem wir unsere Überlegungen einem breiteren Publikum zur Debatte stellen. Nun ist aber ein Selbstinterview entstanden, in dem wir versuchen, unseren derzeitigen Diskussionsstand über strategische Überlegungen, inhaltliche Schwerpunktsetzungen sowie Handlungsoptionen zu erläutern. Diese Form scheint uns aus zwei Gründen angemessener: Erstens befinden wir uns in einer historisch offenen Situation, der eine in Stein gemeißelte Bestimmung des Standpunktes nicht angemessen ist. Zweitens sind wir in einem — für uns — neues Ausmaß annehmenden stetigen Austauschprozess mit internationalen Genoss*innen, in dem wir viel lernen und der zu einem Hinterfragen eingeübter Politikformen geführt hat. Die Form des Interviews scheint uns genau diese neue Charakteristik unserer Politik und ihre dialogische Gestalt am ehesten widerzuspiegeln. Trotz der vielleicht in einigen Teilen fragmentarischen Überlegungen begreifen wir das Papier als Absichtserklärung für unsere politische Haltung in jetzigen und zukünftigen Kämpfen. Wir hoffen, dass wir einen Beitrag zum Suchprozess, in dem sich die (radikale) Linke befindet, beitragen und laden alle herzlichst dazu ein, uns mit Kritik und Diskussion dabei zu begleiten.“

Lisa: Wir sehen den mehrmonatigen Prozess als unseren Beitrag zur momentanen Suchbewegung der radikalen Linken nach einer geeigneten Strategie. Wir haben uns die Frage gestellt, wo wir uns mittlerweile verorten: in Bezug auf die soziale und ökonomische Krise sowie das politische Krisenmanagement in Europa, in Bezug auf die Existenzkrisen der Menschen, die vor dem islamistischen Terror, Vertreibung und Tod fliehen und in Bezug auf die ‚deutsche Krisenreaktion’ der Konservativen und Rechten. Kein Konzept von Politik und Organisierung kann für immer in Stein gemeißelt sein und deshalb ist auch die Aktualisierung unserer eigenen Strategie fortlaufend notwendig. Warum ist Krise ein solch relevanter Bezugspunkt für eure politische Arbeit? Mark: Grundsätzlich ist es uns bei dem ganzen Gerede über Krise wichtig, nicht in die Falle des Krisendiskurses der bürgerlichen Öffentlichkeit zu tappen. Damit meinen wir, dass es falsch ist, so zu tun, als wäre die sogenannte Finanzkrise wie ein Naturereignis von außen über uns hereingebrochen. Die Finanzkrise wurde geregelt und die sogenannte Flüchtlingskrise wird derzeit noch bearbeitet. Das sind zwei verschiedene Punkte, jedoch sind sie beide ein Ausdruck von kapitalistischer Verfehlung. Der Kapitalismus erzeugt permanent Widersprüche, die innerhalb dieses Systems immer nur vorübergehend bearbeitet werden können. Leider gibt es immer noch viele Linke, die ihre Vision nicht aus der Zukunft, sondern aus der Vergangenheit schöpfen. Vor allem in Teilen der großen

Kritik und Praxis - radikale Linke [f]rankfurt im Frühjahr 2017 02


offensichtlicher und gleichzeitig die Mechanismen von Verblendung, Verleugnung und Entfremdung weniger wirkungsvoll. In Deutschland hat sich das zum Beispiel daran gezeigt, dass es wieder möglich war, das Wort Kapitalismus als Bezeichnung für die heutige Produktionsweise zu verwenden. In einer solchen historischen Situation sind die gesellschaftlichen Verhältnisse weniger stabil und es öffnet sich ein Raum für verschiedene gesellschaftliche Akteur*innen, um ihr jeweiliges Projekt durchzusetzen. So betrachtet, war die Krise für uns ein zentraler Einschnitt, weil sich dadurch auch für uns ein Vakuum öffnete, das wir zum Beispiel mit den Krisenprotesten besetzen wollten. Wird ein Zustand erst mal zur Krise erklärt, erfordert er notwendige, weil Not wendende Maßnahmen. Der Zeitpunkt für politische Handlungen ist also nicht nur günstig, sondern es wird auch nach diesen verlangt. Auch die radikale Linke ist somit als politische Akteurin angesprochen. Wir verstehen Krise damit als praktisches Möglichkeitsfenster. Die gesellschaftlichen Mobilisierungen in Griechenland und Spanien haben doch beeindruckend gezeigt, dass es auch in Europa wieder möglich ist, über den Kapitalismus hinaus zu denken. Daher sehen wir es als notwendig an, nicht länger Politik von der Seitenlinie als Kritiker*innen zu betreiben, sondern dieses Möglichkeitsfenster strategisch zu nutzen.

DGB-Gewerkschaften und der Linkspartei gibt es eine Sehnsucht nach dem nationalstaatlich geregelten und ‚gezähmten’ Kapitalismus, der angeblich von dem bösen ‚transnationalen Kapital’ kaputt gemacht wurde. Im Unterschied zu dieser gängigen Analyse ist unser politischer Fluchtpunkt ein anderer. Das Beharren auf der grundlegenden Widersprüchlichkeit des Kapitalismus bewahrt uns vor einer solchen Verklärung. Der Finanzkapitalismus ist vor dem Hintergrund einer strukturellen Wachstumskrise des Fordismus entstanden und dahin gibt es kein Zurück. Zum anderen sind wir davon überzeugt, dass die fordistische Regulationsweise mit spezifischen Ausschlüssen und Herrschaftsverhältnissen einherging wie bspw. der Trennung der Produktions- und Reproduktionsarbeit nach Geschlechtern. Das lässt die Sehnsucht nach der Vergangenheit auch politisch mehr als fragwürdig erscheinen. Lisa: Dass der Kapitalismus strukturell soziale Missstände hervorbringt, die je nach Auswirkung als Krise bezeichnet und wahrgenommen werden, ist spätestens seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, sprich der 2008 beginnenden Finanzkrise, sogar im Bewusstsein der bürgerlichen Öffentlichkeit angekommen. Der Begriff der Krise erscheint dabei allerdings als Ausnahme von einer angenommen geltenden Normalität. In unserer Analyse meint Krise im Kapitalismus hingegen, wie Mark schon erklärt hat, nicht nur die schlechte Abweichung vom Normalzustand, der vermeintlich besser und damit allein schon schützenwert war. Eine Krise zeichnet sich dadurch aus, dass die Regulation der gesellschaftlichen Widersprüche nicht mehr so funktioniert wie vorher und damit zusammenhängend auch die zuvor herrschenden Deutungsmuster nicht mehr ausreichen, um die Welt zu erklären. Die Widersprüche werden

Also könnte man sich als Linke über diese Krisen freuen? Mark: Naja. Gleichzeitig ist und war die gesellschaftliche Krise auch eine Krise der Linken. Die Krise ist ja kein Glücksspiel für die Linke in Europa, nach dem Motto: vielleicht gewinnen wir, vielleicht verlieren wir. Entscheidend ist doch, das haben wir im Diskussionsprozess festgestellt, die ganz eigene Krisenerfahrung 03


Konzepten weder praktisch noch theoretisch eine Antwort haben. Gegenwärtig zeigt sich das wahrscheinlich am drastischsten an der sogenannten Flüchtlingskrise, die in Wahrheit eine Krise des europäischen Migrationsregimes ist. Die hier ankommenden Geflüchteten lassen das lang verdrängte schlechte Gewissen, dass der relative Wohlstand hierzulande mit der (auch) von hier ausgehenden Verwüstung der Ränder des wirtschaftlichen Zentrums gekauft ist, zum stechenden Kopfschmerz werden. Es ist unübersehbar, dass linke Politik Fragen von Verteilung des Reichtums weniger denn je im nationalen oder europäischen, sondern nur im globalen Maßstab beantworten kann. Aber wir tun uns schwer damit, diese Herausforderung ernsthaft praktisch anzunehmen. Insofern verorten wir uns selbst als Teil eines linken Suchprozesses, der ergebnisoffen ist. Geleitet sind wir dabei von der Überzeugung, dass die Rechte weiter von dem Vakuum profitieren wird, wenn die Linke es nicht schafft, praktische Antworten zu finden.

der Menschen. Man könnte sagen, bedeutend ist (natürlich nicht nur) diese eigene Begegnung mit dem kapitalistischen System. Es ist eben für den Einzelnen von besonderer Bedeutung für sein Verständnis von Gesellschaft, wenn — wie in Spanien — die Menschen aus ihren Wohnungen geschmissen werden oder — wie in Griechenland — mehrere Monate kein Gehalt ausgezahlt wird oder die staatliche Gesundheitsversorgung völlig zusammenbricht. Dann organisierst du dich mit anderen in deiner Umgebung, die gleiches Leid teilen. Gerne wurde neben dem Syriza-Hype vergessen, dass in Griechenland auf die soziale Frage auch bei den faschistischen Kräften der Golden Dawn-Bewegung Antworten gesucht wurden. Die Linke in Griechenland hat bis zum Aufstieg von Syriza nur Abwehrkämpfe geführt und mit ihrem Erfolg dann die Möglichkeit eines alternativen Projekts aufgezeigt. Die

Würdet ihr also sagen, dass der Erfolg der Rechten eine Schwäche der Linken ist? Lisa: Ganz allgemein stimmt es natürlich zu sagen, dass ein Erfolg der Rechten immer auch Ausdruck einer Schwäche der Linken ist. Aber wir müssen aufpassen, dass wir die Komplexität kapitalistischer Gesellschaften und die sich daraus ergebenden Abhängigkeiten und Möglichkeiten nicht in Fragen von richtiger oder falscher linker Strategie auflösen. Da der Erfolg des nationalen Standortes auf dem Weltmarkt tatsächlich klassenübergreifend von Bedeutung ist, sind beispielsweise nationalistische und rechte Krisenlösungen eher naheliegend. Sie können leichter an diese Überzeugungen anknüpfen als eine linke Auffassung, die die Menschen dazu zwingt, mit ihren

politischen Entscheidungen der Menschen und politische, (parlamentarische) Strukturen, die nach oder mit einer Krise ihre Form wandeln, hängen natürlich auch mit der jeweiligen Stärke der Linken bzw. mit der politisch-historischen Kultur in diesen Ländern zusammen. In unserer politischen Arbeit sind wir mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen konfrontiert, auf die wir mit unseren alten Ideen und 04


alltäglichen Wahrheiten zu brechen. Der Aufwind der Rechten liegt also nicht nur an der falschen Strategie der Linken, sondern auch an den gesellschaftlichen Subjekten, die für linke Deutungen oft weniger empfänglich sind. Deswegen ist es uns auch noch einmal wichtig zu sagen, dass die radikale Linke aufpassen muss, in eigenen Strategiediskussionen diese Ebene nicht zu vergessen. Gegenwärtig sehen wir die Revolution nicht vor der Tür stehen und so weisen wir Tendenzen einiger Genoss*innen zurück, die den Anschein erwecken, als würde die ‚eine richtige Strategie’ die Menschen vom Kapitalismus befreien. Unsere eigene Diskussion sowie die in der gesamten Linken muss auch immer mitdenken, dass unsere Position in der Minderheit ist. Deswegen müssen wir zuallererst an der Verbreiterung dieser Position arbeiten, um wirkmächtiger zu werden. Andernfalls wirkt es wie ein verzweifelter Versuch, ‚nun wirklich alles besser machen zu wollen’.

Radikale Politik setzt aber auf nachhaltige Veränderungen und Strukturen, die nicht immer direkt ersichtlich sind und damit des Öfteren auch ‚unsichtbar’ wirken. Diese nachhaltigen Veränderungen beziehen sich insbesondere auf eine Gesellschaft, die durch jahrhundertelange Unterdrückung und Ausbeutung komplexe Strukturen von Autoritätshörigkeit, Sozialchauvinismus und vielem mehr ausgebildet hat. Diese machen es natürlich um so schwerer, radikale linke Forderungen und Politik öffentlich zu positionieren und hierfür Mitstreiter*innen zu finden. Und das bekommen die Anhänger*innen einer „neuen Rechten“ zur Zeit ja wesentlich besser hin… Lisa: Ja, momentan profitieren vor allem rechte Parteien und Bewegungen von der ökonomischen Krise und der Krise des politischen Systems. Erschreckend 05


Vor allem in Südeuropa konnten wir dagegen in den letzten Jahren beobachten, dass nicht rechte, sondern linke Parteien wie Syriza oder Podemos große Wahlerfolge erzielten. In der Linken gab es deswegen viele und kontroverse Diskussionen zum Verhältnis der außerparlamentarischen Linken zu diesen Parteien. Wie wurde das bei euch diskutiert?

ist vor allem, dass sich der politische Diskurs auf zwei Positionen verengt hat: Auf der einen Seite stehen die etablierten Parteien — in Deutschland allen voran CDU und SPD —, die für ein neoliberales Weiter-So werben - also noch mehr Wettbewerb und Abbau des Sozialstaates. Auf der anderen Seite stehen rechte Parteien und Bewegungen — hierzulande die AfD und Pegida —, die die Ursachen von realen Enttäuschungen und Abwertungserfahrungen auf Migrant*innen, LGBTs und andere Minderheiten übertragen und damit ziemlich erfolgreich sind. Das ist ein weltweites Phänomen und eine enorme Gefahr für die Linke. Gleichzeitig müssen wir uns auch den jeweiligen nationalen Zusammenhang genau anschauen. Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es auch Unterschiede, die in der jeweiligen nationalen Geschichte begründet sind. Die Stärke des Front National im Norden Frankreichs hängt beispielsweise eng mit dem seit den 80er Jahren einsetzenden Rückbau der Industrie und der Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer zusammen. Innerhalb der BRD gibt es zwischen Ost- und Westdeutschland große Unterschiede in Bezug auf die historischen und ökonomischen Entwicklungen, die wiederum Einfluss auf die politische Kultur haben. Und für den Aufstieg der Rechten und die Wahl Trumps in den USA gibt es wieder andere Erklärungen. Um über Gegenstrategien nachzudenken, brauchen wir dieses Wissen um die spezifischen lokalen und nationalen Kontexte.

Mark: Grundsätzlich halten wir daran fest, dass mit dem Staat und parlamentarischer Politik allein keine Umwälzung der herrschenden Verhältnisse zu machen ist. Dennoch würden wir heute unser Verhältnis zu Parteien und parlamentarischer Politik differenzierter sehen als früher. Der Wahlsieg von Syriza und der anschließend ausgetragene Konflikt zwi-

schen der griechischen Regierung und den EU-Institutionen hat gezeigt, dass Parlamente durchaus ein Ort wichtiger gesellschaftlicher Kämpfe sein können und darüber hinaus auch in einem Wechselverhältnis zu gesellschaftlichen Mobilisierungen stehen können. Aber das ist eben immer umkämpft und steht auf der Kippe. Wenn Syriza etwa das klare „oxi“ des Referendums im Sommer 2015 übergeht und die Austeritätspolitik trotzdem fortsetzt, kann von einer „linken Regierung“ keine Rede mehr sein. Und spätestens nach dem No Border-Camp in 06


spürbaren Unterschied macht, ob eine rechte oder zumindest linksliberale Regierung an der Macht ist.

Thessaloniki 2016, als selbstverwaltete Zentren und Unterkünfte für geflüchtete Menschen geräumt wurden, kann eigentlich niemand mehr mit dem Verweis auf ‚strategische Notwendigkeiten’ oder ‚Sachzwänge’ tatsächlich rechte Politik rechtfertigen. Lisa: Die Frage des Scheiterns ist aber immer auch eine Frage des Standpunktes, also abhängig davon, woran wir das Scheitern messen. Wenn man erwartet, dass Syriza im Alleingang die europäische Austeritätspolitik stoppt oder den Kapitalismus abschafft, kann man sich im Nachhinein natürlich leicht hinstellen und sagen: Ihr seid gescheitert. Bei einer solchen Erwartungshaltung ist das Scheitern schon vorprogrammiert, weil angenommen wird, dass die staatliche Politik mit einem Regierungswechsel beliebig gestaltet werden könnte. Ironischerweise kam diese Position vor allem von den radikalsten autonomen Staatskritiker*innen. Wenn man Syriza aber als einen Baustein und das Parlament als eine Ebene gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Machtverhältnisse begreift, kommt man zu einer anderen Einschätzung. Dann muss man doch sagen, dass Syriza es zeitweise geschafft hat, die europäische Austeritätspolitik, die sonst immer als einzig vernünftige Maßnahme verhandelt wurde, zu politisieren. Sie hat damit die dahinterstehenden Interessen und Akteur*innen in der europäischen Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Wir sollten wenigstens so ehrlich sein, uns einzugestehen, dass das weder die außerparlamentarischen Bewegungen, wie Blockupy hierzulande, noch die massiven gesellschaftlichen Mobilisierungen in Südeuropa geschafft haben. Wir denken heute weniger absolut über linke Politik nach, sondern diskutieren Chancen und Risiken von Parteien und Parlament immer konkret am Gegenstand. Wichtig ist uns dabei auch festzuhalten, dass es etwa für Migrant*innen einen wirklich

Früher hattet ihr ein ausdrücklich ideologiekritisches Profil. Jetzt verortet ihr euch mehr in Kämpfen und begreift euch als Teil von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Ist das nicht ein Schritt zurück hinter Positionen und Einsichten, die ihr mal hattet und mit denen ihr andere linke Akteur*innen zu Recht kritisiert habt? Mark: Bis zu dem Aktionstag M31 haben wir vor allem in soziale Kämpfe interveniert, indem wir uns an die Seitenlinie gestellt haben und anderen Akteur*innen und Bewegungen vorgeworfen haben, dass sie sich in ideologischen Denkmustern bewegen. Ideologiekritik geht notwendigerweise mit einer relativen Distanz zu den unmittelbaren Kämpfen einher, weil sie ja gerade kritisiert, dass die meisten Kämpfe gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse nicht grundlegend in Frage stellen. Als wir uns dann im Zuge des durch die Krise geöffneten Möglichkeitsfenster entschlossen hatten, Teil einer gesellschaftlichen Mobilisierung sein zu wollen, also wie unsere Genoss*innen aus Berlin es formuliert haben, den Weg zurück in die Politik zu wagen, ist das ganze ideologiekritische Projekt natürlich in eine Sinnkrise gestürzt. Wir waren auf einmal Teil einer Bewegung, die wir vorher nur kritisiert haben. Ich glaube, dass eine ernsthafte konzeptionelle Neubestimmung unseres politischen Projekts noch aussteht. Lisa: Ich würde dem Vorwurf, wir seien hinter Positionen und Einsichten zurückgefallen, trotzdem widersprechen. Der wesentliche ideologiekritische Punkt, dass viele Kämpfe in den herrschenden Formen des Denkens und institutionellen Strukturen verhandelt werden 07


Aber findet ihr nicht auch, dass gerade die (Post-)Autonome Linke es nicht schafft, nach außen klare Ziele zu definieren?

und nicht zwangsläufig über sich hinaustreiben, bleibt. Geändert hat sich doch vor allem die Art und Weise, wie wir uns selbst in den Kämpfen sehen. Inzwischen sind wir sowohl vor Ort als auch bundesweit und international mehr in Netzwerken und Bündnissen organisiert. Wir denken nicht mehr, dass wir Inhalte vermitteln, indem wir auf einer Demo einen besonders kritischen Text verteilen, sondern, dass wir uns praktisch ins Handgemenge begeben müssen. Wir tragen die Weisheit nicht mehr von außen an die Menschen heran. Stattdessen wollen wir Räume öffnen, in denen praktisch erfahrbar wird, dass es eine Welt jenseits von Staat, Nation und Kapital geben kann. Einer dieser Versuche waren die Campus Werkstätten in Frankfurt, die im Rahmen der Diskussion um die Nutzung des ehemaligen Universitätscampus veranstaltet wurden. Gemeinsam mit anderen Akteur*innen wollten wir einen Prozess der gemeinschaftlichen Aneignung des Campus anstoßen, der zu einem Bruch mit den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen drängt.

Lisa: Wir denken, dass es für die Linke wichtig ist, auch die langfristigen Ziele anschaulich zu machen sowie öffentlich und breit zu diskutieren. Wir sollten in Zukunft öfter über Forderungen und Möglichkeiten der befreiten Gesellschaft reden und diese auch deutlich sichtbar vertreten. Es gibt da einiges, was wir sicher ausschließen können bei unseren Ideen von der Zukunft, anderes, was wir mitdenken wollen. Und wiederum auch vieles, was wir aufgrund unserer sozialen, ethnischen und kulturellen Herkunft vergessen. Gleichzeitig ist klar: Bei all den offenen Fragen gibt es Dinge, die grundsätzliche Bedingungen für eine solche Gesellschaft sind. Dies ist erstens die Auflösung all dessen, was die heutige Gesellschaft am Leben erhält: Staaten, Kapital, Geschlechterordnung, Klassen etc. Der zweite Grundsatz dabei ist die Rahmung, in welcher wir das Projekt antiautoritärer Kommunismus gemeinsam und global umsetzen können: Basisdemokratie, Nachhaltigkeit, Kollektivität, Selbstbestimmung. Dies alles bedeutet heutzutage für uns, dass wir schon jetzt mit den Diskussionen über eine neue Gesellschaftsordnung beginnen wollen. Dabei sind wir uns des Dilemmas bewusst, dass sich diese Entwürfe den Normen und Werten der heutigen Gesellschaft nicht grundsätzlich entziehen werden können. Das kann man auch am Beispiel des technischen Fortschritts deutlich erkennen, der zum einen immer wieder neue, den Arbeitsalltag strukturierende Formen kapitalistischer Herrschaft erfindet, zum anderen aber Möglichkeiten und Chancen für eine befreite Gesellschaft bereitstellt. Wichtig ist auch, diese Ideen in der politischen Praxis mitzudenken. Wir denken, die radikale Linke würde von einem sich

Mark: Wenn wir uns an der lokalen Recht auf Stadt-Kampagne beteiligen, wollen wir natürlich nicht nur, dass die Menschen in ihren Wohnungen bleiben können, sondern auch, dass sie darüber hinaus ein kritisches Bewusstsein entwickeln und das ganze System in Frage stellen. Diese Spannung zwischen den direkten Zielen, für die die Menschen kämpfen, und einer weitergehenden kritischen Perspektive kann dabei nicht aufgehoben werden. Ganz im Gegenteil müssen wir versuchen, sie produktiv zu nutzen. Wir denken, dass es wichtig ist, sich die darin angelegten Gefahren, etwa die eines autoritären Moments, bewusst zu machen. Das ist besser, als immer so zu tun, als hätten wir Linken kein Programm, mit dem wir an die Kämpfe herantreten können. 09


stetig weiter entwickelnden, kollektiven Entwurf der befreiten Gesellschaft profitieren. Einmal in der Abgrenzung zu bestehenden oder vergangenen Entwürfen, wie der autoritären Sowjetunion, und auf der anderen Seite vom Austausch mit Menschen, die heute schon Basisdemokratie erkämpfen, verteidigen und erproben, wie beispielsweise unsere Genoss*innen in Rojava etc. Wichtig ist dabei dennoch, immer klar zu machen und auch selbst nie zu vergessen, dass diese Ideen, Vorstellungen und Entwürfe niemals dogmatisch werden dürfen oder einem Selbstzweck dienen. Genauso wenig ergeben diese Forderungen einen ‚Endzustand’, sondern können und sollen immer wieder umgeworfen werden, damit eine Welt geschaffen wird, in der es sich für alle zu leben lohnt. Ein tatsächlich antiautoritärer Kommunismus müsste in gewissem Maße alle im Hier und Jetzt formulierten Ideen in der Revolution erneut umgestalten und somit quasi mit den Kämpfen weiterwachsen.

Verwertungszwang und teilen die Sorgen und Ängste der Vereinzelung wie ein großer Teil der Gesellschaft. Da kann es auch motivierend und bestärkend wirken, sein billiges Soli-Bier mit anderen Überzeugungstäter*innen und Genoss*innen in dem nächstgelegenen Autonomen Zentrum zu trinken und über die Missstände der Welt zu philosophieren. Fairerweise muss man aber auch erwähnen, dass neben der Szeneklüngelei staatliche Überwachung und Repression weitere Gründe sind, warum wir oftmals nur bei Großdemonstrationen für die Außenwelt sichtbar waren. Bestenfalls klebten dann vorher noch ein paar Plakate in der Innenstadt. Politik im Handgemenge ist das allerdings nicht. Und um dem kollektiven praktischen Suchprozess hin zum antiautoritären Kommunismus gerecht zu werden, müssen wir ansprechbar und unsere Politik transparent sein. Dafür werden wir vermutlich auch ein starkes Nervenkostüm und zähes Sitzfleisch benötigen. Lisa: Wir versuchen heute, Politik als Teil dieser Gesellschaft zu machen und dabei Leute anzusprechen, die (noch) keine überzeugten Antikapitalist*innen sind. Es liegt ja auch auf der Hand: Um zu merken, dass etwas schiefläuft, braucht man keinen akademischen Abschluss. Allein ein kurzer Blick auf die Zusammensetzung der deutschen radikalen Linken zeigt aber, dass sie von männlichen weißen Mittelschichtsstudis dominiert ist. Wir können also nicht von einem kollektiven Suchprozess sprechen, wenn wir uns mit unserer Politik nur an diese Szene wenden. Das wäre mehr als zynisch. Somit ist also eines unserer mittelfristigen Ziele, eine vielschichtige (radikale) Linke entstehen zu lassen, in der die Menschen gemeinsam in ganz unterschiedlichen Projekten Politik machen und zusammen kämpfen. Nur so ist es möglich, wirkmächtig, vielfältig und anschlussfähig zu sein.

Das klingt als politisches Projekt sehr breit angelegt. Böse gesagt, bewegt ihr euch doch auch nur in der linken Szene. Soll sich das nun ändern? Mark: Ganz generell wollen wir mit allen gemeinsam kämpfen, die Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit den bestehenden Verhältnissen haben und versuchen auch durch Bündnisarbeit ansprechbar zu sein, Hürden abzubauen. Das ist aber immer leichter gesagt als getan. Auch müssen wir so ehrlich zu uns selbst sein und zumindest anerkennen, dass es auch für uns einfacher ist, auf unserer selbstgemachten Szeneinsel zu leben und Politik zu machen; sei es wegen der solidarischen Umgangsformen, der Hilfe beim Suchen einer Wohnung oder des gewissen inhaltlichen Grundverständnisses. Schließlich stehen wir auch alle unter dem kapitalistischen 10


Aber was bedeutet dieser Wechsel hin zur Gesellschaft und raus aus der Szene praktisch?

für Probleme anderer sensibilisiert und hätten die Möglichkeit, unsere Inhalte daran abzugleichen. Andererseits könnten wir unsere Inhalte den anderen zugänglich machen und werden mit unserer Erfahrung und unseren Strukturen aus den Problemen eine kollektive Widerständigkeit entwickeln. Wir kennen uns aus mit politischen Auseinandersetzungen und bemühen uns, unsere inhaltlichen Kompetenzen stetig zu vertiefen. Wir sind gut vernetzt, verfügen damit über verschiedene Kontakte und können beispielsweise dabei helfen, kollektive Selbstsorge zu organisieren. Damit können wir durchaus einiges anbieten. Mit einer solchen Anbindung wäre es möglich, so denken wir, zukünftig noch viel mehr Zwangsräumungen zu verhindern sowie gegen hohe Mieten, das Jobcenter oder aber auch gegen staatliche Repression und Diskriminierung zu kämpfen. Dies ist ein kleiner Beitrag zu kollektivem, widerständigem Leben im städtischen Raum.

Mark: Wie gesagt muss unsere eigene Organisierung ständig auf den Prüfstand gestellt werden und hieraus neue Praxen entwickelt werden. Eine dieser neuen Praxen wäre für uns angesichts der Probleme, vor denen in einer Stadt wie Frankfurt nahezu alle stehen, die Frage nach (bezahlbarem) Wohnraum und dem Leben in einer Großstadt. So haben wir uns darauf geeinigt, einen Ort fernab der Szenecodes entstehen zu lassen, in dem es möglich ist, sich zu organisieren und auszutauschen. Wir wollen also dieses Jahr (2017) ein Zentrum in Frankfurt errichten, welches als Raum der politischen und nachbarschaftlichen Vernetzung und Organisation dient. Hier wollen wir Angebote für die politische Theorie und Praxis innerhalb der Stadtbevölkerung für alle, die es wollen, zugänglich machen. Wir erhoffen uns dadurch, transparent und ansprechbar zu werden. Wir meinen, dass eine solche Form der Politik und lokalen Arbeit in großen Teilen der (Post)Autonomen Linken verloren gegangen ist. Zumindest in Frankfurt entscheidet viel zu oft die Jugendzeit oder der Freundeskreis, ob Menschen Kontakt zur radikalen Linken bekommen oder nicht. Wenn wir also Orte und Angebote schaffen, welche an den konkreten Problemen von Menschen (im städtischen Raum) orientiert sind, und es ermöglichen, kollektive Antworten zu finden, werden wir mehr Leute erreichen können. Kurz gesagt ist das Gebot der Stunde, öffentlichkeitswirksame Politik mit niedrigschwelligen Möglichkeiten zur Teilhabe zu entwickeln, um eines Tages wirklich vom praktischen und vor allem kollektiven Suchprozess reden zu können.

Das heißt also, die Formel eurer praktischen Arbeit ist nun Offenheit und Transparenz? Lisa: Das klingt einfach, ja. Und klar ist uns auch, dass wir als linksradikale Gruppe quasi viele ‚natürliche Feinde’ haben. Diese bilden dann auch wieder die Grenzen unserer Offenheit. Es sei nun nochmal deutlich gesagt: Wir werden weiterhin konsequent und mit allen Möglichkeiten, die wir haben, gegen Rassist*innen, Antisemit*innen, Nazis und alle anderen Reaktionären vorgehen. Auch der Staat und seine Handlanger sind für uns klare Gegner einer jeden emanzipatorischen Bewegung. Konkret bedeutet diese Formel, dass wir unsere Theorie und Praxis zukünftig am aktuellen Konfliktgeschehen und den Adressat*innen ausrichten und angleichen wollen. Beispielweise werden wir in unserem eben genannten Zentrum

Lisa: Dabei geht es uns um ein wechselseitiges Verhältnis: Einerseits würden wir 11


wechselseitig beeinflussen. Zwar gibt es Momente, die schnellen Handlungsbedarf erfordern, aber generell können wir nicht blind von Demo zu Demo rennen, sondern es bedarf der Reflektion und Auswertung der Praxis, was uns wiederum auf zukünftige Auseinandersetzungen vorbereitet. Es lohnt sich, in diverse Kämpfe zu intervenieren, um die direkte Konfrontation mit dem Staat und einem System, das durch Gewalt zusammengehalten wird, zu suchen. So wollen wir also Konflikte und Brüche erzeugen, damit die Logik der Herrschenden in ihrem Irrsinn und mit ihren Widersprüchen für die Menschen erfahrbar wird. Darüber können wir dann auch unsere antikapitalistischen Inhalte verbreiten. Denn es werden keine Mietpreisbremsen oder sonstige Reformen sein, die die Menschen aus ihrer Knechtschaft befreien.

zu bestimmten Projekten offene Treffen einberufen, um Mitbestimmung und Mitarbeit ganz praktisch zu ermöglichen. Auch das ist nicht einseitig: Wenn wir gut sind, gelingt es uns, durch eine tatsächlich offene und kollektive Arbeit, unsere eigenen Vorurteile, Probleme und die für die studentische Linke typische Arroganz gegenüber anderen Menschen zu reflektieren und abzulegen. So haben wir beispielsweise durch die lokale und kontinuierliche Arbeit bei Blockupy gemeinsam mit anderen Bedingungen geschaffen, in denen Menschen sich in Strukturen einbringen, die vorher nicht organisiert waren und die nun in politischen Zusammenhängen aktiv sind. Ein kleiner, aber nachhaltiger Erfolg der teilweise zähen Arbeit. Und von solchen kleinteiligen Erfolgen kommen wir zu der Auffassung, dass es Sinn macht, sich losgelöst von Szenecodes öffentlichkeitswirksam zu positionieren und zu organisieren.

Heißt das, ihr konzentriert euch zukünftig eher auf kleinteilige und lokale Arbeit? Eure letzten großen Auftritte waren ja eher bundesweit und international ausgerichtet.

Mark: Nur ein kurzer Seitenhieb, da unser Engagement gerade in der radikalen Linken umstritten war. Dies sind reale Schritte hin zur wirkmächtigen Linken, die wir als autonome Splittergruppe oder als Flyer verteilende, das Plenum mit dem letzten Seminar verwechselnde Studi-Linke von der Seitenlinie aus nicht erreicht hätten.

Lisa: Ich glaube, es ist ein großer Fehler, Großdemonstrationen oder -Veranstaltungen und Alltagskämpfe gegeneinander zu diskutieren. Zunächst einmal sollte uns klar sein, dass wir als (radikale) Linke immer aus einer Minderheitenposition heraus sprechen. Widerstand muss vielfältig sein und transnational organisiert werden; um so mehr, da dies auch auf das Kapital zutrifft. Wir wollen also fortan den Alltag der Widerständigen gemeinschaftlich organisieren und gleichzeitig Tage des Widerstands schaffen. In unseren oft frustrierenden und durch Verwertungszwang, Leistungsdruck und Angst geprägten Leben ist es motivierend und bestärkend, gemeinsam den staatlich vorgegebenen Protestrahmen zu durchbrechen und auf Großevents eine unversöhnliche Kritik auf

Lisa: Genau. Mit der Annahme, dass es keinen bevorzugten Ort der politischen Auseinandersetzung mehr gibt, öffnen sich eben neue Felder. Das mag nun sehr variabel klingen. Es gilt aber weiterhin, dass die Kämpfe, in welche wir intervenieren oder welche wir selbst anstoßen, immer am konkreten Gegenstand entschieden werden müssen. Wir haben über die jahrelange gemeinsame Praxis in der Gruppe so etwas wie eine Schablone mit unseren Mindeststandards entwickelt. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass Theorie und Praxis sich 12


bundesweiter und internationaler Arbeit.

die Straße zu tragen. Dies gibt uns wiederum Mut für unseren Alltag. Tage wie der 18. März 2015, also die Blockupy-Proteste anlässlich der EZB-Eröffnung, sind es, die Menschen politisieren und auch die Linke aus ihrer Versenkung holen. Letztendlich sind sie auch Antriebsmotor für verschiedene lokale Auseinandersetzungen gegen Staat und Kapital. Aber natürlich muss auch hier themen- und anlassbezogen die richtige Form gewählt werden. Nicht jede Großmobilisierung

Mark: Außerdem geht es auch beim Event nicht ausschließlich um den Judgement Day allein. So sehen wir beispielsweise die langfristig angelegte Bündnisarbeit bei Blockupy, neben der Verbindung von Kämpfen, auch als Feld der inhaltlichen Auseinandersetzung. Dies ist auch in der thematischen Umorientierung des Netzwerks deutlich geworden. Bei dem Aktionstag am 2. September 2016 in Berlin hat sich der Protest gegen die inneren und äußeren Grenzen der deutschen und europäischen Abschottungspolitik, gegen deren Fans und die Rechten, denen selbst diese auf Elend und Leichen beruhende Politik nicht rassistisch und autoritär genug ist, gerichtet. Diese Verschiebung der Inhalte werten wir als Erfolg (unter anderem) unserer offenen Politik im Handgemenge. Wir sind der Überzeugung, dass wir durch die Verzahnung der lokalen Arbeit und mit langfristiger Netzwerkarbeit sowie (internationalen) Großevents unserem mittelfristigen Ziel ‚mehr’ zu werden gerecht werden und uns damit auf dem Weg befinden, von einer gesellschaftlichen Linken reden zu können.

erlaubt es, eine gute und wirkmächtige Verbindung zur Arbeit vor Ort zu ziehen. Ist dies der Fall, wäre das dann umgekehrt aber auch noch kein Gradmesser für eine misslungene Aktion. Wiederum eine andere Form ist die NIKA-Kampagne (Nationalismus ist keine Alternative), die wir Anfang des Jahres 2016 mit ins Leben gerufen haben. Hier ist eine von lokalen Bündnissen getragene Plattform entstanden, welche die jeweiligen Abwehrkämpfe vor Ort vernetzt und in einer gemeinsamen Diskussion inhaltlich wie praktisch weiterführt. Damit wird diesen eine langfristige und nachhaltige Perspektive gegeben. Auch hier sind zwei größere Events im Diskussionsprozess entstanden. Solche ‚Mitmach’-Kampagnen und Organisationsformen sind für uns ein schönes Beispiel für die Verzahnung von lokaler,

Was meint ihr denn mit ‚Gesellschaftliche Linke’ und warum ist sie so wichtig für euch? Mark: Wir denken dass die Anliegen für die wir kämpfen einen Großteil der Menschen betreffen. Um die Gesellschaft zu verändern, brauchen wir große, schlagkräftige Strukturen, die in Netzwerken organisiert sind und Menschen mit vielfältigen Hintergründen organisieren. Schaffen wir es also die vielen lokalen Auseinandersetzungen in Einklang mit den großen politischen Events zu setzen und die in der deutschen Linken stark ausgeprägte identitäre Haltung nach außen zu überwinden, dann können wir schon 14


die undogmatisch in einem selbst gesetzten Rahmen Politik macht. Dieses Bild der Selbstverortung ermöglicht es uns, mit ganzer Größe in die Gesellschaft zu wirken, ohne dabei unsere Inhalte zu verwässern. Denn das genau bedeutet es für uns, wenn wir davon reden, über Inhalte und Strategien zu streiten und zu diskutieren.

jetzt sagen: Die (radikale) Linke als Gesamtpaket deckt eine Vielzahl verschiedenster Kämpfe und Auseinandersetzungen ab. Ist also Ums Ganze nur ein Teil der abertausenden politischen Auseinandersetzungen und der kurdische Studierendverband (YXK) ein anderer, so ermöglicht uns dies ein viel breiteres Bild. Daher wollen wir unseren identitären Politikstil überwinden und auch gegenüber den bestehenden Strukturen offener sein, um mit allen Unterschieden Teil einer wirkmächtigen, in der Gesellschaft verankerten und in Theorie und Praxis vielfältigen (internationalen) Bewegung sein. Gesellschaftliche Linke bedeutet dabei genau das: Eine dynamische Bewegung, die viele Perspektiven vereint und die innerhalb der Gesellschaft gegen ihre Fesseln kämpft. Das mag nun widerspruchfrei, einfach und auch ein wenig träumerisch klingen. Keine Sorge. In unserer Vorstellung ist dies nur mit viel Streit, inhaltlichen Konflikten und strategischen Diskussionen, aber auch notwendigen Abgrenzungen möglich.

Ihr habt euch viel vorgenommen. Die Erfahrung in der Linken hat aber gezeigt, dass es oft mühselig ist, diese Veränderungen auch wirklich umzusetzen. Wie wollt ihr damit umgehen? Mark: Wir denken auch, dass diese Neuordnung unserer Politik sehr anstrengend werden wird. Außerdem haben wir auch bereits die Erfahrung gemacht, dass insbesondere die kleinteilige lokale Arbeit mit offenen Angeboten sehr ermüdend sein kann. Die Erfolge sind oft erst später zu sehen. Und wenn man wie wir bisher eine an Kampagnen und Großdemonstrationen orientierte Linke war, ist dies teilweise ernüchternd. Insgeheim messen ja alle doch den ‚Erfolg’ an der Zahl der Demonstrierenden oder des Sachschadens. Wir sind uns theoretisch darüber einig, dass wir neue Formen der Politik ausprobieren wollen. Allerdings werden in der Praxis viele weitere Diskussionen geführt und Konflikte ausgetragen werden müssen. Das ist prinzipiell auch richtig so. Es ist mir hier nur noch einmal wichtig zu sagen, dass einiges nicht auf Anhieb funktionieren wird. Anderes vielleicht auch nie. Und sicherlich werden wir das jetzt hier Gesagte in einigen Jahren auch wieder selbst kritisieren, würden Sachen anders ausdrücken oder Dingen widersprechen; eben mit neuen Erfahrungen. Wir verstehen unsere Auseinandersetzung als Teil der in der radikalen Linken sehr präsenten Strategiedebatte. Deswegen

Lisa: So sehen wir es mittlerweile als Problem an, dass ein Teil der (Post-)Autonomen so Politik macht, als stünden sie neben der Gesellschaft. Dies führt dann zu selbstreferentieller und identitärer Politik, die sich nicht an Inhalten, sondern subkulturellen Codes orientiert. Wohingegen eine breite und dynamische Linke, die sich explizit als Teil dieser Gesellschaft versteht, eine Reihe von Vorteilen bringen würde. Diese als Prozess zu verstehende Öffnung und Änderung unserer Strategie ist elementar für unsere zukünftige Politik. Außerdem wissen wir nicht erst seit gestern, dass jeder Riot nur so gut ist, wie die gesellschaftliche Verankerung dahinter. Und genau das ist unsere Aufgabe im Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Ebenen und Akteur*innen linker Praxis. Uns selbst sehen wir hierbei als einen Teil einer Linken, 15


Panzer, der nicht mehr schießen kann, jede misslungene Zwangsräumung, jede verhinderte Abschiebung, jeder kaputte Naziladen, jede Form von kollektivem Widerstand gegen Staat und Kapital usw. ein Erfolg für sich. Sie können linke Positionen oder soziale Missstände öffentlich machen, Menschen politisieren oder einfach ‚nur’ Leben retten. Diese Praxen zu entpolitisieren ist Sache des Staates und der Repressionsbehörden, aber nicht die unsere. Vielmehr kämpfen wir als revolutionäre Linke dafür, diese Praxis alltäglich zu machen. Wir wollen sie organisieren und letztendlich eine Strategie daraus entwickeln, die den jetzigen Zustand der Gesellschaft aufheben kann und wird. Somit sehen wir in all diesen Aktionen zusammen gedacht die Kraft, die strukturelle Gewalt des Systems und der Herrschenden zu durchbrechen. Dabei setzen wir auf den lokalen, bundesweiten und internationalen Zusammenhalt gegen die Vereinzelung im Kapitalismus. Der Weg ist lang, das Ziel ist groß und wir sind weit entfernt. Wir denken aber, dass die aufgezeigten Schritte und Möglichkeiten mitsamt ihrer Widersprüchlichkeit und Komplexität uns diesem Ziel näherbringen können.

wollen wir unsere Gedanken und Ideen gerne öffentlich mit allen, die wollen, diskutieren und in der gemeinsamen Praxis auch erproben. In gewissem Maß können wir uns selbst und auch alle anderen uns an dem hier Gesagten messen. Insofern freuen wir uns auf die nächsten Jahre und hoffen auf eine lebhafte Diskussion über unseren Strategiewandel und auf zahlreiche Besuche in unserem Zentrum in Frankfurt. Bleibt auch etwas so wie es ist? Mark: Unser Herzstück unserer Politik bleibt das …Ums Ganze!-Bündnis. Durch mittlerweile 10 Jahre inhaltliche und praktische Arbeit mit den Genoss*innen sind wir zu einem festen Zusammenhang gewachsen, mit dem es möglich ist, große politische Auseinandersetzung in Bündnissen zu führen und dabei handlungsfähig zu bleiben. Wir erachten dabei den Antinationalismus als unser Markenzeichen und versuchen diesen mit unserem zweiten Herzstück Beyond Europe transnational zu organisieren. Der Austausch mit unseren Genoss*innen europaweit ist elementar für unsere politische Praxis und Theorie, zumal die (radikale Linke) nicht nur in nationalstaatlichen Grenzen organisiert sein sollte. Schließlich ist es die globale Revolution, für welche wir unsere Freizeit opfern. So ist es der Austausch, die gemachten Erfahrungen und die gemeinsame Reflexion darüber, die uns beeinflussen. Lisa: Wir werden weiterhin überall dort aktiv, wo es unserer Meinung nach genügend Anknüpfungspunkte gibt, um zu zeigen, dass Kämpfe in einzelnen Bereichen alleine nicht genügen, um uns vom Kapitalismus zu befreien. Gleichzeitig können genau diese einzelnen Kämpfe die Lebensbedingungen einzelner aber verbessern und sind dadurch berechtigt. Somit ist also jeder abgebrannte 16


» Wir wollen unseren identitären Politikstil überwinden «  

Ein Interview mit kritik & praxis – radikale linke frankfurt.

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