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Nr. 93 (1/2010)

Der Apfel

Zeitschrift des Ă–sterreichischen Frauenforums Feministische Theologie

Spiel haben


In eigener Sache

Editorial Spiel haben „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frau’n und Männer, bloße Spieler.“ Dieses Zitat - es ist von Shakespeare (1600) - steht in dieser ersten Ausgabe des Apfels im zehnten Jahr des 2. Jahrtausends zur Debatte. Manchen ist wohl derzeit gar nicht zum Spielen, sie haben genug der zahlreichen Lebens-Bühnen. Andere entdecken vielleicht mehr und mehr ihre spielerischen Begabungen und Möglichkeiten, den Herausforderungen des Lebens spielerisch(er) zu begegnen. Je nach Lebenssituation und alltäglichem Tun werden Spiel und Spielen eine unterschiedliche Bedeutung haben. Nehmen wir jedoch die Spielräume in unserem Alltag in den Blick, ermöglichen wir Gestaltungsraum, Raum für Neues und Unbekanntes. Je nach unseren Aufgaben und Pflichten, un-

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seren Rollen und Funktionen erleben wir mehr oder weniger Spielräume Oftmals ist der Raum winzig und kaum wahrnehmbar, aber wird er genützt, können sich in wenigen Augenblicken sogar Macht- und Kräfteverhältnisse komplett verändern und neue Wirklichkeiten entstehen. Andrea Pfandl-Waidgasser eröffnet den thematischen Reigen in diesem Apfel mit einem Aufruf: Never stop playing! Sigrid Kickingereder geht der Frage nach dem Spielen als Grund-bedürfnis des Menschen auf den Grund. Maria Elisabeth Aigner, der wir auch im Portrait von Christina Gasser, widmet sich der Bedeutung von Körper und Rollen sowie Szenen in ihren beiden Arbeitsfeldern: der Universität und der Bibliodrama- bzw. Bibliologarbeit. Birgit Schmidt hat Kriterien zum Spiel überlegt und entfaltet diese anhand ihrer Erfahrungen mit Playing Arts. Gisela Matthiae erzählt von einer Clownwoche und vermittelt der Leserin Anregendes für ihre persönlichen und beruflichen Spielräume. Martina Schmidhuber fokussiert die feministische Sprache

In eigener Sache

und ermöglicht die Auseinandersetzung mit dem Begriff des Sprachspiels von Ludwig Wittgenstein. Und schließlich fragt Andrea Mayer-Edoloeyi nach Mitspieler/-innen im Social Web. Die Mail aus der Fremde führt uns diesmal nach Syrien und der Bericht von Martha Heizer zur nächsten Frauensynode nach Leipzig. Dankbar erinnern wir an die Wegbereiterinnen und Begleiterinnen Mary Daly und Johanna Dohnal. Ihr irdischer Weg ist beendet. Mögen sie in Freude und Frieden ruhen und ihr Geist mit uns bleiben! Von ihnen ermutigt und durch sie bestärkt gehen wir weiter. Der Apfel schließt mit vielfältigen Nachrichten vom Verein und wir freuen uns über Ihr/euer Kommen zur Vollversammlung in Linz!

Eine anregende, lustvolle Lektüre wünscht für das Redaktionsteam, Anita Schwantner

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Thema

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Never stop playing!

Ich „habe Spiel“. Nein, damit meine ich nicht nur meinen inzwischen schier unermüdlichen Spieldrang und auch nicht das Exklusivrecht etwas zu besitzen, was zuletzt zutiefst flüchtig und vergänglich ist. Wäre ich eine artikulierende Schublade, käme der Satz schon eindeutiger an: Ich

neue Möglichkeitsräume oder überraschende Spielvarianten erwirken. Das bewahrt mich vermutlich auch davor, das Spiel in Abgrenzung zu fast allen anderen Lebensbereichen zu sehen, wie es letztlich auch im therapeutischen Spiel (Psychodrama), im Heiligen Spiel (Liturgie)

In welcher Haltung gestalte ich meinen Alltag? Welche Überzeugungen bestimmen mein Handeln und Denken? Für Andrea Pfandl-Waidgasser wird verantwortetes, christlich-ethisches Entscheiden in einer spielerischen Grundhaltung realisierbar. Sie erläutert deren Bedingungen und existenzielle Kraft. habe Spiel. Vorerst meint das ein rein mechanisches „Spiel“, wodurch die Schiebebewegung ohne allzu große Reibungsenergie oder Verkanten überhaupt möglich wird. Das Material braucht also „Spiel“, um zu funktionieren, einen Zwischenraum, der Bewegung zulässt. 1 Nehme ich diese Bedeutung nun metaphorisch für alltägliches Leben, so geht es bei diesem Spiel um jenen schöpferischen Freiraum, der viele Selbstverständlichkeiten und Notwendigkeiten in Fluss bringt. Wenn ich so gesehen „Spiel habe“, dann nehme ich in vielen Lebensvollzügen eine spielerische Grundhaltung ein und kann im Idealfall

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usw. geschieht. In den genannten Formen stellt sich zudem die Frage nach dem/der SpielleiterIn und nach der Definitionshoheit: Wer entscheidet über das Spielfeld, worin die Spielregeln bestehen und was das Spiel ausmacht. Bei einer spielerischen Grundhaltung geht es aber vielmehr um ein Denken in Alternativen, ein Sich-Bewegen neben der Spur, ein Ausloten des eigenen Handlungsreservoirs - also um ein aktives und bewusstes dahin Zurückgehen, „wo man noch nie war.“2 Manche nennen es Selbstermächtigung. Auf jeden Fall aber geht es um eine klare Absage an ein unreflektiertes Übernehmen von

second hand-Gedanken, ein bewusstes „Einwohnen“ in die je eigene Subjekthaftigkeit und eine kritische Hinterfragung überbrachter, kollektiver Strukturen, die wesentlich individuelle Spielbedingungen begrenzen. Dieses Spiel scheint unberechenbar, durchsetzt mit willkürlichen Handlungen („mit jemandem sein Spiel treiben“), subversiv in Bezug auf Reglementierungen und dann aber auch souverän im Umgang mit der eigenen schöpferischen Freiheit. Erst unter solchen Spielbedingungen scheint mir ein verantwortetes, christlich-ethisches Entscheiden überhaupt erst realisierbar, auch wenn es die Abgründigkeit unsolidarischer Spielergriffenheit und Empfindungsschwäche für ein gutes Leben aller im hot spot des eigenen Vergnügens beinhaltet. Eine spielerische Grundhaltung ist aber auch wesentlich geprägt von Neugier und Großzügigkeit, die andere ins Spiel locken kann, sich aufs Spiel setzt und nicht auf eine überzogene Selbstgerechtigkeit und Fehlerlosigkeit pocht, die ungeahnte Themen hebt und ins Spiel bringt, die also ein „Noch-Nicht“ experimentierend erspielt, erschließt. Meine Erfahrung zeigt auch, dass ich mir spielend Kompetenzen aneigne, weil sie zu inneren Notwendigkeiten wer-

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Thema

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Die Kunst spielend zu leben

Die Spielräume in meinem Leben erkunden, die großen und die ganz kleinen. Fixe Vorstellungen über Bord werfen und mich erwartungsvoll und hoffnungsfroh auf das Spielfeld des Heiligen Geistes begeben. Der heißen Spur folgen, mich einlassen und sein lassen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt. Mich ins Spiel bringen, mich aufs Spiel setzen, denn nur so lässt sich das Leben gewinnen. (Birgit Schmidt)

nierbarkeit, darum ein Ort (auch) des Grotesken, der Fratzen, der Ungeheuer und des Ungeheuren- bis zu den Grenzen, dass auch an den letzten Bildschichten so gekratzt wird, dass Menschen noch einmal in den Bereich hinter den Bildern kommen, in Bereiche der Gestaltlosigkeit, so dass es wirklich entweder hoch meditativ oder sehr ungemütlich, oder beides zugleich wird.“2

Wie definiere ich Spiel und spielen? Wie ernst ist meine derzeitige Lebenslage? Wie offen bin ich für ruach, den Heiligen Geist? Birgit Schmidt lässt die Leserin teilhaben an ihrem Prozess mit Playing Arts. Vor nicht ganz einem Jahr habe ich mich entschieden, in diesem Schuljahr ein Bildungskarenzjahr zu nehmen, um neue Spielräume in meinem Leben zu eröffnen. Es war ein Geschenk zum 40. Geburtstag und hat mich mit großer Freude, aber auch mit Angst erfüllt. In Anlehnung an Marcel Martin könnte ich das im Nachhinein so deuten, dass ich mich für ein großes Übergangsritual entschieden habe. Ich wollte mir Zeit nehmen, Altes loszulassen und in den Raum des Dazwischen des „between and betwixt“ zu treten, von dem wir nicht wissen, welche Verwandlungen er bringen wird, und wie wir aus ihm hervorgehen. Für diesen Prozess habe ich mich zum Playing Arts Langzeitprogramm mit Christoph Riemer 10

in Gelnhausen angemeldet. Und auch der Aufbruch zum 1. Modul hat mich noch einmal die Ambivalenz spüren lassen, zwischen Vorfreude auf Spiel und Lebendigkeit und der bangen Frage: „Auf was lasse ich mich da ein?“ Martin gibt darauf folgende Antwort: „Das ,between and betwixt’, der Spielort von Playing Arts ist, wenn man diesem Ansatz1 folgt, der Bereich, wo das Alte vergangen und das Neue noch nicht hervorgetreten ist. Es ist der Ort des ,Stirb und Werde’, genau mitten dazwischen, der Ort des Geburts- und des Todesschreis. Es ist der Ort, wo noch nichts und nichts mehr wirklich, dafür aber alles - wirklich alles! - möglich ist, ein Ort der Auflösung, aber auch der freien anarchischen Rekombi-

Ohne mir dieser Aussichten wirklich ganz bewusst zu sein, habe ich mich auf den Weg nach Gelnhausen begeben und bin nach zwölfstündiger Zugfahrt mit ziemlichen Kopfschmerzen angekommen, um mich auf das Spiel einzulassen. Was meinen wir aber, wenn wir von Spiel sprechen? Zur Annährung an den Begriff möchte ich zuerst drei Definitionsversuche anbieten und daraus meinen eigenen Spielbegriff anhand konkreter Erfahrungen ableiten. Als erstes lasse ich Christoph Riemer zu Wort kommen, der Bezug nehmend auf Rudolf zur Lippe zu klären versucht, was wir im Playing Arts unter Spiel verstehen: „Das Problem beginnt schon mit dem deutschen Wort SPIEL, das zugleich für sehr Verschiedenes steht. Sei es das Kinderspiel, das Glücksspiel, das so Tun als ob’ - aber auch das Spiel der Musik, der Wellen und Farben. Eine Achse braucht Spiel, um sich bewegen zu können, ebenso eine Schublade. Hier wird Spiel als Zwischenraum verstanden, der Bewegung zulässt im Gegensatz zum Stillstand durch Verkantung. Dem gegenüber gibt es im Englischen bereits fünf Wörter dafür: play, game, match, gamble, performance; im Japanischen mindestens zwanzig Wörter. Um in der BedeuDer Apfel

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Thema

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Das Spielerische im Web 2.0

Klick, Tipp, Klick, Copy - Paste, Klick, Klick - und schon ist es passiert: Ein kommentierter Link ist auf Facebook als Statusmeldung gepostet. Die Finger auf der Tastatur und am Track-pad bewegen sich schnell, selbst mancher Tippfehler kann den Drang zur Mitteilung an Andere kaum bremsen

vorab an der Erfindung neuer Produkte teilhaben lassen und endlich persönlich und authentisch mit ihnen kommunizieren. Das, was Jürgen Habermas in seiner kommunikativen Handlungstheorie als ideale Sprechsituation bezeichnet hat und kontrafaktisch für die intersubjektive Be-

gründung des Wahrheitsanspruchs unterstellt, ist erfüllt, seit es das Web 2.0 gibt.

Wiener_innen twittern #oida. Ja, die Kommunikation verschiebt, erweitert, verändert sich durch das Web 2.0, aber alle Erwartungen, dass daraus ja fast automatisch eine neue, gerechte, gute Welt ent-stehen wird, sind meiner Meinung nach Phantasmen, die mehr mit subtilen Machtmechanismen und Individualisierung in einer postmodernen Gesellschaft zu tun haben als mit der Realität. Privates und Berufliches verfließen im Web 2.0, die flexiblen, ortsunabhängigen, kreativen Webworker_innen sind die Generation Internet, die Macher_innen der Wissensgesellschaft, die „Early Adopters“, die Bobos, die immer die neuesten Gadgets haben und stolz ihre Spielzeuge via Twitpic vorzeigen.

Nein, stopp, Rückschritttaste. So geht das nicht, #fail oder wie die

Machbarkeit und das (fast) in Echtzeit - das ist Web 2.0. Wer Fortschrittskri-

Wie kommuniziere ich am liebsten? Wie wäre es, als „die oder der andere“ durch den Äther zu surfen? Andrea Mayer-Edoloeyi hat sich zwischen „real und second life“ in diesen Apfel eingelinkt.

- denn Tippfehler, Flapsigkeiten, oft Belanglosigkeiten, die in seriösen Texten nichts zu suchen haben, gehören einfach dazu, tragen zur Authentizität bei. Sie gehören zum Web 2.0 dazu, dem Social Web, dem Internet, das nun nicht mehr von einigen wenigen mit Inhalt versorgt wird, sondern für (fast) alle als Inhalte-Produzent_innen zugänglich ist - am Computer und immer mehr am Handy. Nicht mehr der passive Medienkonsum, sondern die aktive Teilnahme prägen das Web 2.0. Das Internet hat sich vom „Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ (frei nach Berthold Brecht) verwandelt. Verbunden mit dem Web 2.0 ist eine neue - immanente - Heilsversprechung: Jede_r kann teilhaben, Demokratie ist nicht mehr eine Sache von Wahlen alle paar Jahre, sondern wandelt sich in eine partizipative Gesellschaftsgestaltung durch alle. Ja, selbst Konzerne haben die Potentiale der kollektiven Wissensproduktion entdeckt und werden noch effizienter, indem sie ihre Kund_innen schon Der Apfel

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Spiel haben Z e it s c h r if t d e s Ö s t e r r e ic h is c h e n F r a u e n f o r u m s F e m in is t is c h e T h e o lo g ie Nr. 93 (1...