Page 1

Nr. 89 (1/2009)

Der Apfel

Rundbrief des Ă–sterreichischen Frauenforums Feministische Theologie

Nachhaltigkeit


Thema

Thema

Macht über Mägen: ltigkeit

Nachha

Essen machen statt Knappheit verwalten, Haushalten in einem südmexikanischen Dorf

Martina Kaller-Dietrich schreibt in ihrem Buch „Macht über Mägen“ über ESSEN. Etwas, das wir täglich tun und/oder herstellen- etwas das zu unserem menschlichen Leben dazugehört. Dieses Phänomen untersuchte sie in einem südmexikanischen Dorf, wo sie fünf Jahre mitlebte. Sie sprach mit den Frauen, die für die Herstellung von ESSEN zuständig waren und nahm teil an dem was ESSEN in all seinen Facetten bedeutet.

ist messbar in monetären Größen: zum Beispiel in der Angabe des ProKopf-Einkommens. Diese Art von Entwicklung, die auch als Fortschritt definiert wird, war jedoch nicht möglich ohne der Aneignung nichtkapitalistischer Werte: der Aneignung der Natur im Zuge der Industrialisie-rung, der Aneignung von Arbeitskraft durch die Kolonialisierung und der unsichtbaren reproduktiven Arbeit der Frauen, die bekanntlich nicht Eingang findet in der Darstellung des

Ursula Dullnig thematisiert den Zusammenhang von Essen und Entwicklung anhand eines Werkes von Martina Kraller-Dietrich.

Mit dem Blick aufs Thema Nachhaltigkeit ist ein Thema gleich zu Beginn interessant: Die Entwicklungskritik. Entwicklung, so wie sie meist verstanden wird, zeigt sich in rationalen wirtschaftlichen Veränderungen. Sie

Pro-Kopf-Einkommens. Dass Umwelt zerstört und Armut vergrößert wurden, wird bei diesem Entwicklungsbegriff vernachlässigt. Später im Buch kommt Kaller-Dietrich daher auf einen anderen Ent-

wicklungsbegriff: LinguistikerInnen haben erforscht, dass es in vielen indigenen Sprachen keine Übersetzungen für die Worte Entwicklung und Fortschritt gibt. Bei der Suche nach Entsprechungen wurden Begriffe wie „etwas verwirklichen können, erreichen, Wissen oder Weisheit“ gefunden. Kein fortschreitender Wachstumsprozess sondern ein zyklisches Zeit- und Weltverständnis herrscht hier vor. Dieses führt schließlich auch zu einem zyklischen Entwicklungsverständnis. Martina Die unterschiedlichen Zugänge zuNairz Entwicklung sind auch maßgeblich für die im Weiteren getroffene Unterscheidung von ESSEN und Ernährung. ESSEN hat für Kaller-Dietrich eine ganzheitliche Dimension: es ist leiblich, sozial, emotional und auch spirituell. Dahingegen steht das Wort Ernährung für Nahrungsaufnahme, die verschiedenen Kriterien entsprechen muss um als „richtig und gut“ durchzugehen. Ernährung wird so

Martina Nairz

24

Der Apfel

Der Apfel


Rezensionen Rezensionen universalisiert. Die Richtlinien dafür werden nicht mehr von den jeweiligen Kulturen und Menschen die essen, erfahren und gewusst, sondern von ExpertInnen erforscht und dargelegt. Kaller-Dietrich kritisiert die diagnostische Macht der Ernährung, die uns der Fähigkeit beraubt „den eigenen Nasen“ (S.94) zu trauen. Ökonomische Knappheitsideologien werden erzeugt und suggerieren den Menschen, was sie brauchen. Die Eigenmacht des sich Ernährens geht auf diesem Weg verloren. Menschen leben aber in Gemeinschaften mit örtlichen sowie zeitlichen Horizonten und nicht als unabhängige Wesen, die durch bestimmte Inhaltsstoffe am Leben erhalten werden. Lebensmittel aus denen unser ESSEN besteht, werden von Menschen angepflanzt und zubereitet, sie wachsen und gedeihen unter Sonne und Regen. Die Autorin wirft ihren Blick daher auf die stoffliche, emotionale aber auch die spirituelle Perspektive von ESSEN. So kommt Kaller-Dietrich zu dem Schluss, dass die moderne Macht über Mägen so mächtig gar nicht ist, weil die eigenmächtige Lebenspraxis der Frauen, diese Bemächtigung nicht zulässt! „Macht über Mägen“ ist die Veröffentlichung der Habilitationsschrift von Martina Kaller-Dietrich. Es ist eine spannende Lektüre, die mir neue Blicke auf das Thema Nachhaltigkeit eröffnete. Das Buch ist aber auch eine wissenschaftliche Lektüre die herausfordert: sowohl beim Lesen als auch beim Nachdenken über das was wir täglich tun: nämlich ESSEN! Ursula Dullnig, Theologin, Erwachsenenbildnerin (entwicklungs- und frauenpolitische Themen), Koordinatorin vom WIDE-Netzwerk Österreich. http://www.amazon.de/B%C3%BC cher/s?ie=UTF8&rh=n%3A18660 6%2Cp_27%3AMartina%20KallerDietrich&field-author=Martina%20 Kaller-Dietrich&page=1

Der Apfel

Der Apfel

Buchbesprechung

Frauen loben Gott Das Liederbuch in frauengerechter Sprache Zu den beiden aussagekräftigen Titeln dieses Buches möchte ich sehr gern einen weiteren hinzufügen: „Ein Geschenk- und Werkbuch“. Ja, ich halte das Buch in meinen Händen und denke zuerst an ein Geschenksbuch. Ich staune über die Schönheit der Bilder, die sinnliche bunte Vielfalt der Frauen- und Engelsdarstellungen, die optisch angenehme durchdachte Blattgestaltung. Bei jedem Durchblättern kommen neue Details zum Vorschein. Wenn ich mich den Liedern, um die es ja hier vorrangig geht, zuwende, dann kommt mir das Wort „Werkbuch“ in den Sinn. Wichtige Themen/Kapiteln wie z.B.: Lobpreis & Dank, Liedrufe, Agape, Segenslieder fallen mir auf - wie praktisch, wenn Frau eine (liturgische) Feier gestalten möchte und eben passende Lieder sucht. Das alphabetische Verzeichnis zum Schluss ergänzt die Liedsuche in idealer Weise. Für diejenigen unter uns, die gerne Lieder mit Gitarre begleiten und jene, die darin auch Unterstützung brauchen: alle Lieder sind, bei gleich aussehendem Notenbild, mit einfachen Gitarrenbegleitungsvorschlägen versehen.

Überrascht und erfreut hat mich das Kapitel „Tanzend Kreise ziehen in deinem Heiligtum“. Es macht durch seine Klarheit Mut sich mit (liturgischem) Tanz zu beschäftigen und das Schöne daran zu entdecken. Mich hat dieses Buch ganz und gar angesprochen und begeistert, nicht zuletzt wegen seiner echten frauengerechten Sprache, die durchaus neben den Autorinnen und Musikerinnen auch Platz lässt für männliche Autoren/Musiker, die frauengerecht schreiben. Ich gratuliere der Herausgeberin und der Künstlerin für dieses wunderbare Buch. Möge es bei vielen Frauen und Männern als Geschenk oder als (liturgisches) Werkbuch einen Platz finden! Cécile Billault Brigitte Heinrich (Hg.) Frauen loben Gott Das Liederbuch in frauengerechter Sprache 2008, 160 Seiten, Mit Bildern von Ute Bergh-Johnson. Durchgehend vierfarbig, Pappband ISBN: 9783466368174 Kösel Verlag

25


Kolumne Kolumne

Verein

Feministische Theologin im Portrait

Was ist los...

Franz Stocker

... im Vorstand

Dr. Gertraud Ladner, geboren 1962, ist katholische Moraltheologin, kirchlich engagiert und Mutter zweier kleiner Töchter. Ihr vielfältiger Werdegang zeigt: Leben und Reflexion ergänzen sich im Idealfall. Ergebnis hiervon ist ein achtsamer Umgang mit Mit- und Umwelt und ein nicht-dualistisches Herangehen an Forschungsfragen. Ladners wissenschaftliche Laufbahn ist eng an die Universität Innsbruck gekoppelt: sie studierte an der dortigen Theologischen Fakultät Selbständige Religionspädagogik bis 1991, später Russisch. In ihrer Abschlussarbeit „Feministische und/oder weibliche Ethik?“ ist bereits der Grundstein für ihr feministisch-theologisches Nachdenken gelegt. Noch im selben Jahr tritt sie eine Halbtagsstelle am Institut für Moraltheologie und Gesellschaftslehre (heute: Institut für Systematische Theologie) an, die sie bis dato inne hat. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte umfassen neben grundsätzlichen Fragen der Moral(theologie) und Feministischen Ethik spezielle ethische Auseinandersetzungen zu Umwelt, Beziehungen und Körperlichkeit. Gertraud Ladner, auch Mitglied der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen (ESWTR), verfasste ihre Dissertation bei Prof. Hans Rotter, die unter dem Titel „FrauenKörper in Theologie und Philosophie. Feministisch-Theologische Zugänge“ 2003 im LIT-Verlag erschienen ist. In ihrer Offenheit für verschiedene theoretische Ansätze sucht sie nach einem Der Apfel

Der Apfel

Neudenken des FrauenKörpers. Die Literaturliebhaberin beweist hierbei, wie auch in all ihren anderen schriftlichen Arbeiten, eine besondere Formulierungsgabe und Sorgfalt im Sprachgebrauch. Ihr breites kirchliches Engagement führte Gertraud Ladner in den Vorstand der europäischen Frauensynode (bis 1999), zum Österreichischen Frauenforum Feministische Theologie und in die Diözesane Frauenkommission Innsbruck, die sie seit 2007 leitet. In der kirchenpolitischen Lobbyarbeit setzt sie sich ein für gelebte Spiritualität, Anerkennung und Frauenförderung. Vielen ist Gertraud Ladner durch den gemeinsam mit Brigitte EnznerProbst herausgegebenen FrauenKirchenKalender bekannt. Der ökumenische Impulsgeber spiritueller Art gilt als „Fundgrube für kraftvolle Gebete, ermutigende Segensworte und biografische Texte“. 2009 steht er unter dem Motto „Vom Glücken des Lebens“. Was ein gutes Leben „für Frauen, Männer und Kinder (sic!)“ sein kann wird für all jene spürbar, die Gertraud Ladners Domizil im Tiroler Unterland kennen, ein Eldorado für Naturbegeisterte und Tierliebhaber/innen. Dort lebt sie mit ihrem Mann, dem Ökologen Josef Ascher, und ihren beiden Kindern Hannah und Elisabeth Zita. Christine Gasser, Institut für Sozialethik/Wien, ehem. Diplomandin bei Gertraud Ladner

Wir haben uns im November zu einer Sitzung getroffen und das erste Mal für das Frauenforum überlegt: Unser wichtigster Punkt war dabei einen Termin für die Vollversammlung 2009 zu finden. Sie wird am Nachmittag - von ca. 15 bis 17 Uhr des 27. Juni 2009 in Bad Goisern stattfinden. Eingebettet ist die VV in eine Frauenwanderung „Frauen erobern den Predig(t)stuhl“, zu der wir gemeinsam mit der Frauenkommission der Diözese Linz einladen. Der Predigstuhl ist 1278 m hoch und liegt bei Bad Goisern. Mit seiner Ersteigung wollen wir lustvoll Raum erobern, einander stärken und Mut zusprechen sowie ein Zeichen setzen für die Kraft der Frauen in der Kirche. Soviel einmal zum Vormerken des Termins, das genaue Programm wird im Jahresbrief und im nächsten Apfel vorgestellt. Gerne verteile ich das Programm dann auch per Mail und bitte dafür alle, die dafür Interesse zeigen mir ihre Email-Adresse an baum1@gmx.at zu mailen. Außerdem haben wir noch einen Blick auf die Finanzen geworfen und festgestellt, dass wir halbwegs gut über die Runden kommen. Wir haben einiges zum Apfel überlegt und uns für ein Inserat auf der Planerin entschieden. Gerne schicke ich ihn allen, die diesen Übersichtskalender für 2009 erhalten möchten. Maria Eicher 27


Verein

... in Salzburg Katharinafeier 2009 Arme Frauen, reiche Frauen Von der Option für die Armen zur Realisierung eines guten Lebens für alle Referentin: Drin Michaela Moser, Wien Dienstag, 28. April 2009 19.00 Uhr: Liturgie im Sacellum 19.30 Uhr: Vortrag im HS 101 Mitwoch, 29. April 2009 9.00-12.00 Uhr: Workshops Veranstaltungsort: Katholisch-Theologische Fakultät Salzburg, Universitätsplatz 1 (Sacellum: Eingang Ecke Hofstallgasse) Veranstalterinnen: Katholisch-Theologische Fakultät, TheologInnenzentrum, Katholische Hochschulgemeinde, Evangelische Hochschulgemeinde, Diözesane Frauenkommission, betrifft frauen, Österreichisches Frauenforum Feministische Theologie, Salzburg Ethik Initiative, Frauenbüro der Stadt Salzburg, Büro für Frauenfragen und Chancengleichheit des Landes Salzburg Inhalt des Vortrages: Gängige theologische und ethische Grundannahmen, auch wohlmeinende, wie z.B. im Kontext der befreiungstheologischen „Option für die Armen“, laufen Gefahr, dass von Armut Betroffene auf ihren Mangel an Ressourcen reduziert und auf ihren Status als „Arme“ festgeschrieben werden. „Arm sein“ beschreibt jedoch weniger

Der Apfel

Der Apfel

eine Identität als vielmehr das Verhältnis zwischen jenen, die weniger und jenen die - oft sehr viel - mehr an Ressourcen besitzen. Reflexionen zu Frauenarmut kommen deshalb nicht ohne das Nachdenken über Reichtum und Fülle, Mitte und Ränder, Autonomie und Aufeinander-verwiesen-Sein aus. Die Option „gutes Leben für alle“ stellt menschliche Bedürftigkeit und Verwirklichungschancen ins Zentrum. Die Stärken der Schwachen und das Potential dissidenten Handelns werden sichtbar gemacht. Die Arbeit an einer neuen symbolischen Ordnung wird mit alternativen ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen verbunden (Care-Ökonomie, Subsistenzwirtschaft, bedingungslose Grundeinkommen, u.a.). Workshop 1: Michaela Moser: Ein gutes Leben für alle (HS 104) Im Workshop sollen (Selbst-)reflexion und Diskussion im Hinblick auf eigene und fremde Armuts- und Reichtumserfahrungen sowie Vorstellungen und Definitionen guten Lebens ermöglicht werden und gemeinsam konkrete Handlungsmöglichkeiten als Beiträge zur Realisierung eines guten Lebens für alle entwickelt werden. Workshop 2: Martina Schmidhuber: Warum ist Armut weiblich? (HS 105) Im ersten Teil des Workshops soll

Verein

überlegt werden, warum vor allem Frauen von Armut betroffen sind und wie sie in die Armutsfalle geraten. Im zweiten Teil wollen wir über konkrete, umsetzbare Lösungen nachdenken und diskutieren. Anmeldung für die Workshops bei: Marietta.Heinrich@sbg.ac.at, 0662/ 8044-2500 Informationen zu den Referentinnen: Dr.in Michaela Moser hat in Innsbruck und Nijmegen katholische Theologie und in Wien Public Relations studiert. Ihre Arbeit sieht sie heute an den Schnittpunkten von Lobbying, Forschung, Öffentlichkeits- und Empowermentarbeit verortet. 2007 Dissertation in Philosophie an der University of Wales, Lampeter unter Betreuung von Prof. Mary Grey mit einer feministisch-sozialethischen Arbeit zum Thema „A Good Life for All“. Seit 2003 leitet sie die Öffentlichkeitsarbeit der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen. Seit 2006 Vizepräsidentin des European Anti Poverty Networks. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften, Broschüren und Büchern. Mitglied der Europäischen Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen (ESWTR). Mag.a Martina Schmidhuber: 20032006 Diplomstudium der Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Salzburg. Seit 2007 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am FB Philosophie an der KatholischTheologischen Fakultät in Salzburg. Zurzeit Arbeit an der Dissertation zum Thema „Personale Identität“. Mitglied der Europäischen Gesellschaft für Theologische Forschung von Frauen (ESWTR). Informationen zu den bisherigen Katharinafeiern: http://www.uni-salz burg.at/portal/page?_pageid=224, 789783&_dad=portal&_schema= PORTAL

29

Apfel 89  

Auszüge aus dem Apfel 89

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you