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Zur체ck in die Steinzeit Wie viel Energiewende vertr채gt Deutschland?

Dokumentation zur Alternativen Energiekonferenz aus der Veranstaltungsreihe FORTSCHRITTSOFFENSIVE der FDP-Fraktion im S채chsischen Landtag am 1. Dezember 2012 in Dresden


Inhalt Vorwort Holger Zastrow über die Alternative Energiekonferenz

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Einleitung Zurück in die Steinzeit – Wieviel Energiewende verträgt Deutschland?

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Vorträge Holger Krahmer MdEP And the winner is: Gas und Kohle – Energieversorgung zwischen grüner Planwirtschaft und ökonomischer Realität

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Prof. Dr.-Ing. habil. Antonio Hurtado 2011 in Deutschland – Was bedeutet Kernenergieausstieg?

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Daniel Wetzel Zur Zukunftsfähigkeit des Erneuerbare-Energien-Gesetzes: Warum die Energiewende jetzt einen Systemwechsel braucht

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Dr. Philip Plickert Club of Rome – Die Propheten des Untergangs

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Jan Fleischhauer Die Energiewende als Glaubensfrage

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Impressionen Alternative Energiekonferenz 2012

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Impressum

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Vorwort Holger Zastrow über die Alternative Energiekonferenz

Wir haben uns mit der Veranstaltungsreihe Fortschrittsoffensive vorgenommen, Dinge, die unsere Gesellschaft bewegen, auch von der anderen Seite zu beleuchten. Wir wollen Fachleuten, Wissenschaftlern, Publizisten und Politikern das Wort geben, die dem gesellschaftlichen Zeitgeist nicht einfach nur hinterherlaufen, sondern die sich dem Mainstream entgegenstellen. Denn wir erhoffen uns natürlich von so einer Veranstaltung neue Denkanstöße und Impulse auch für die tagespolitische Arbeit der Landtagsfraktion. Dass das nicht jedem passt, konnte man im Vorfeld unserer Alternativen Energiekonferenz sehen. In der Zeitung „Dresdner Neueste Nachrichten“ fand sich eine Anzeige. Darin stand „Mit Holger Zastrow, FDP, am 1. Dezember 2012 zurück in die Steinzeit“ als Replik auf unsere Veranstaltung. Platziert hatte die Annonce der VEE Sachsen e.V. Das ist ein lupenreiner Lobbyverein für erneuerbare Energien. Vor allem Planer und Investoren von Windkraftanlagen versammeln sich dort. Präsident ist übrigens ein Politiker der Grünen, Ex-MdB und Stadtrat in Dresden, der auch geschäftlich mit dem Bau von Windrädern zu tun hat. Vielleicht ist es diese Melange aus Klientelpolitik und eigenem geschäftlichem Interesse, die die Grünen in Dresden immer wieder antreibt, sogar den Bau von Windkraftanlagen im Dresdner Stadtgebiet zu fordern … Es ist wie immer: Wenn es sich für die grüne Klientel rechnet, ob für Investoren in Windparks oder die Nutzer von Steuersparmodellen, ist den Grünen der Natur- und Landschaftsschutz egal. Was diese Anzeige aber eigentlich beweist: Verbände wie der VEE haben Geld. Anders als die Bürgerinitiativen, die dagegen kämpfen, dass keine weiteren Windkrafträder vor ihrer Haustür aufgestellt werden. Anhand der Annonce spürt man auch diese Unruhe, die immer dann die Lobbyisten der regenerativen Energien erfasst, sobald jemand den vermeintlichen gesellschaftlichen Konsens in Frage stellt. Dann wird mobilgemacht, dann wird in die Kasse gegriffen und dann wird aus allen Rohren zurückgeschossen. Dabei kann man den aufgeregten Lobbyisten eigentlich beruhigen: Wir tun doch gar nichts, wir wollen doch nur reden, und wenigstens das sollte uns heute hier erlaubt sein.

Holger Zastrow MdL Vorsitzender der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag und der FDP Sachsen, Dresden

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Vorwort Holger Zastrow über die Alternative Energiekonferenz

Im Frühsommer 2012 haben wir zu unserer ersten Veranstaltung im Rahmen der Fortschrittsoffensive, zur Alternativen Klimakonferenz, eingeladen. Ein Wagnis, denn wir wussten nicht, welche Resonanz wir erzielen könnten. Der Erfolg hat uns schließlich alle überrascht. Bei der Klimakonferenz konnten wir 240 Gäste begrüßen, bei der Energiekonferenz kamen bereits über 300 Teilnehmer ins Dresdner Congress Center. Ein großer Erfolg und eine echte Ermutigung weiterzumachen. Die Resonanz auf unsere Fortschrittsoffensive zeigt, dass es auch andere gibt, die berechtigte Zweifel an dem haben, was momentan in Europa und in Deutschland mit dem Atomausstieg, dem Glühlampenverbot, mit Umweltzonen oder der Verspargelung unserer Kulturlandschaft passiert. Vor allem aber haben wir über die Energiewende gesprochen. Ein Projekt, dem gerade die sächsischen Liberalen von Anfang an sehr kritisch gegenüberstehen und bei dem wir mehr und mehr feststellen, dass der ganzen Hysterie endlich Vernunft, Sachverstand und die Prinzipien der Marktwirtschaft entgegengesetzt werden müssen. Die Energiewende war überstürzt, und sie war, so wie sie gemacht ist, nicht durchdacht genug. Das, was in Fukushima passiert ist, hat mit den Verhältnissen bei uns nichts zu tun. Deutschland hat sich ohne Not auf einen energiepolitischen Blindflug begeben und sich innerhalb Europas energiepolitisch isoliert. Die Folgen werden jetzt deutlich: Rasant steigende Energiepreise und eine nachhaltige Schwächung unseres Industriestandortes. Das mag für den einen oder anderen Wohlstandsgrünen kein Problem sein. Aber für viele Bürger sind 20 Euro mehr im Monat auf der Stromrechnung eine durchaus relevante Größenordnung. Der Strompreis ist deshalb auch eine soziale Frage, über die man nicht einfach hinweggehen kann. Nicht wenige schwingen sich in der Debatte zur moralischen Instanz auf – aus allzu offensichtlichen Gründen. Denn aus der Angst vor der Kernkraft und um den angeblich menschenverursachten Klimawandel lässt sich ordentlich Kapital schlagen – in Form von guten Geschäften und guten Wählerstimmen. Dafür ignoriert man dann schon mal Fakten und wissenschaftliche Erkenntnisse. Denen, die nicht dem Ökodogma huldigen, die kritisch sind und hinterfragen, fehle es nur am richtigen Bewusstsein, heißt es oft aus dieser Ecke. Damit sind wir nicht mehr weit vom totalitären Meinungsmonopol in der DDR entfernt. Erinnern Sie sich? Hier hieß es auch, wer gegen den Sozialismus sei, sei gegen den Frieden, und es fehle ihm am Klassenstandpunkt und am revolutionären Bewusstsein. Es geht aber nicht nur ums Geld. Immer mehr Windparks mit immer größeren Windkraftanlagen im ganzen Land verschandeln unserer Kulturlandschaft. Dabei hat beispielsweise Sachsen mit seinen Braunkohletagebauen bereits große und für alle sichtbare Opfer für die Energieversorgung Deutschlands erbracht. Nachdem einige Narben gerade erst zu


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heilen beginnen, wehren sich viele Bürger jetzt – völlig zu Recht – gegen eine Verspargelung unserer Heimat mit Windrädern. Und deren Zubau hat auch dramatische Folgen für die Stabilität unserer Stromnetze. Denn immer häufiger drohen den Netzen Überlastungen durch viel zu viel Windstrom, den keiner braucht. Auch weil aktuell keine effektiven Speichertechnologien für den erzeugten Windstrom zur Verfügung stehen, muss der weitere Windkraftzubau gestoppt werden. Und wir sind nicht allein auf der Welt. In keinem anderen Land teilt man die hysterische Begeisterung für den deutschen Großversuch „Energiewende“, sondern schüttelt ungläubig den Kopf über die Operation am offenen Herzen einer Industrienation. Ein Blick zu unseren direkten Nachbarn reicht schon. Die damalige US-amerikanische AußenIn keinem anderen Land teilt man ministerin Hillary Clinton war erst im Dedie hysterische Begeisterung für den zember 2012 in Prag. Grund: Es gibt zwei deutschen Großversuch ‚EnergieKonsortien – ein amerikanisches und ein wende‘, sondern schüttelt ungläubig russisches – die sich um den Bau zweier den Kopf über die Operation am ofneuer Meiler im Kernkraftwerk Temelin fenen Herzen einer Industrienation. bewarben. Die Tschechen haben, motiviert auch durch den Atomausstieg der Deutschen, entschieden, in Zukunft mehr auf Atomenergie zu setzen. In Europa gibt es aktuell fast 200 Kernkraftwerke – mit steigender Tendenz –, und Deutschland steigt aus dieser Technologie aus? Obwohl deutsche Kernsicherheitstechnik – die TU Dresden ist da ganz vorn dabei – Weltspitze ist und unsere Kernkraftwerke als die sichersten der Welt gelten? Übrigens ist Temelin nicht einmal 250 Kilometer Luftlinie von Dresden entfernt … Fazit: Je mehr man in das Thema Energiepolitik einsteigt, umso mehr Fragen stellen sich. Wir haben uns deshalb im Rahmen unserer Fortschrittsoffensive angesehene Wissenschaftler, profunde Kenner der Materie und Experten zu einer Alternativen Energiekonferenz eingeladen und sie um ihre Meinung gebeten. Ich bedanke mich bei allen Rednern und Referenten dafür ganz herzlich, dass sie uns ihre Vorträge für diese Broschüre zur Verfügung gestellt haben.

Holger Zastrow Vorsitzender der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag

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Einleitung Zurück in die Steinzeit – Wie viel Energiewende verträgt Deutschland? „Ich würde meine Studenten nach Hause schicken und ihnen empfehlen, noch mal über die Wahl ihres Studienganges nachzudenken, wenn sie mir ein solch undurchdachtes Experiment wie die Energiewende als Konzept anbieten würden“, das sagt Prof. Dr. Antonio Hurtado, Direktor des Institutes für Energietechnik der TU Dresden. Der gebürtige Spanier war einer der Referenten der Alternativen Energiekonferenz am 1. Dezember in Dresden. Die Veranstaltung mit über 300 Besuchern ist Teil der „Fortschrittsoffensive“ der FDP-Landtagsfraktion. Nach der Alternativen Klimakonferenz im Sommer stand dabei diesmal die Energiepolitik in Deutschland im Mittelpunkt. Eröffnet wurde die Konferenz unter dem Titel „Zurück in die Steinzeit – Wie viel Energiewende verträgt Deutschland?“ von FDP-Landes- und Fraktionschef Holger Zastrow. Die politische Entscheidung zur „Energiewende“ sei nicht aus Vernunft und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern aus parteipolitischem Kalkül getroffen worden. Er forderte dazu auf, in der Energiedebatte zu Vernunft und Maß zurückzukehren. Was man derzeit stattdessen erlebe, sei nichts anderes als ein energiepolitischer Blindflug. Nach der politischen Einschätzung durch Holger Zastrow war es TU-Professor Antonio Hurtado dann vorbehalten, die „Energiewende“ nach streng wissenschaftlichen Maßstäben zu bewerten. Die sei physikalisch unmöglich, auch wenn die Politik es wolle. „Wir halten die Hand vors Gesicht in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden“, fasste Hurtado sein Urteil zusammen. Sachsens FDP-Europaabgeordneter Holger Krahmer machte klar, dass der aktuelle Trend zu den fossilen Brennstoffen gehe. So würden etwa die USA in absehbarer Zeit unabhängig von Erdöl und Erdgas aus dem Nahen Osten sein. „Deutschland dagegen hat inzwischen die höchsten Industriestrompreise weltweit – eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit.“ Daniel Wetzel, Journalist und Energieexperte der WELT-Zeitungsgruppe, machte deutlich, dass die Zukunftsfähigkeit des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) auch in Hintergrundkreisen in Berlin sowohl von Experten als auch Verbänden kritisch gesehen wird. Denn sonst setze man die industrielle Basis unserer Volkswirtschaft wie bei einer gigantischen Wette aufs Spiel. Dr. Philip Plickert, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nahm sich den „wissenschaftlich angekündigten Weltuntergang“ des „Club of Rome“ und dessen neueste Vorhersagen vor. Genauso wenig wie das für 1990 angekündigte Ende des Erdölzeitalters eingetroffen ist, werde der nun für 2050 vorhergesagte „Weltuntergang“ passieren. Spiegelredakteur und Bestseller-Autor Jan Fleischhauer wies launig nach, dass der Umweltglaube eine Ersatzreligion ist. Der „Ökologismus“ habe alle Merkmale – Belohnungs- und


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Katastrophenglauben und das gemeinsame Bekehrungserleben „Energiewende“. Deshalb seien die Ökologismusgläubigen auch unzugänglich für rationale Argumente. Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok machte schließlich im Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur der Wirtschaftswoche, Henning Krumrey, deutlich, dass das Erneuerbare Energiegesetz (EEG) noch vor der Bundestagswahl reformiert werden muss. Die Widerstände seien aber groß, denn „den Protagonisten der Erneuerbaren Energien geht es nicht um die Erneuerbaren Energien, sondern um die Beibehaltung eines profitablen Wirtschaftsmodells.“

Teilnehmer der Konferenz:

• Holger Krahmer MdEP, ALDE-Fraktion, umweltpolitischer Sprecher der FDP im Europäischen Parlament • Prof. Dr.-Ing. habil. Antonio Hurtado, Direktor des Institutes für Energietechnik der TU Dresden • Daniel Wetzel, Wirtschaftsredakteur und Energieexperte der Welt-Gruppe, Berlin • Dr. Philip Plickert, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung • Jan Fleischhauer, SPIEGEL-Kolumnist und Bestsellerautor • Holger Zastrow MdL, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag und der FDP Sachsen • Sven Morlok MdL, FDP, Sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr • Moderation: Henning Krumrey, stellv. Chefredakteur WirtschaftsWoche

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Holger Krahmer MdEP Gas und Kohle – Energieversorgung zwischen grüner Planwirtschaft und ökonomischer Realität Als Mitorganisator dieser Veranstaltung freue ich mich natürlich, genauso wie Holger Zastrow, über das größer werdende Interesse an dieser Veranstaltungsreihe. Ich habe das Gefühl, dass wir zwar hier und da gegen den Mainstream bürsten, aber dass es offensichtlich eine große öffentliche Meinung gibt, die dem ganzen Mainstream doch kritisch gegenübersteht und die von relevanten politischen Parteien überhaupt nicht repräsentiert wird. Deswegen glaube ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber wo stehen wir eigentlich? Wir leben in einer Zeit, in der sich die Energienachfrage auf der ganzen Welt in einem dynamischen, dramatischen Ausmaß entwickelt. Internationale Energieagenturen haben in einem Szenario von 1975 bis 2035 (Abb. 1) dargestellt, dass wir derzeit eine Verdreifachung des weltweiten Energiebedarfs verzeichnen. Gleichzeitig fallen die alten Industrieländer bezüglich der Energienachfrage zurück. Das wesentliche Wachstum der Energienachfrage kommt aus Asien, dessen Energiebedarf sich mit Indien verdreifacht hat. Hier stellt sich die Frage, wie dieser gewaltige Energiebedarf gestillt wird und welche Technologien zur Energiegewinnung eingesetzt werden?

Anteil an der weltweiten Energienachfrage 6.030 Mtoe

12.380 Mtoe

16.730 Mtoe

Mrd. Tonnen Öl-Äquivalent

100 %

80 %

60 %

40 %

Rest der Nicht-OECD-Staaten Mittlerer Osten Indien China

20 %

0

OECD

1975

2010

2035

Abb. 1: Anteil an der weiltweiten Energienachfrage (Quelle: Internationale Energie-Agentur (IEA))


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Beginnen wir mit der Kernkraft: Es ist nichts Neues, wenn ein Land sich dazu entscheidet, aus einer Technologie auszusteigen. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Rest der Welt dem folgt. Darauf muss man gar nicht weiter intensiver eingehen. Möglicherweise sind die Zahlen auch vielen bekannt. Allein in China, Russland und Indien sind 45 Kernkraftwerke im Bau. In Planung sind noch viel mehr – auch in Europa. Man braucht gar nicht so sehr auf die internationale Perspektive schauen, um zu erkennen, dass die Kernkraft alles andere als ein Auslaufmodell ist. Wir haben in Europa derzeit mehrere Reaktoren im Bau. Davon einer in Frankreich, zwei in der Ukraine, zwei in der Slowakei und einer in Finnland. Es sind zwei Reaktoren in Planung. Das heißt, wir werden uns mit dem Energieträger Kernkraft in Zukunft auseinandersetzen müssen. Eine Renaissance der Kernkraft, sofern es sie überhaupt gegeben hat, steht definitiv nicht bevor. Wir hatten in den 50er Jahren eine große Euphorie; vergleichbar mit der erneuerbaren EnergieEuphorie von heute. Der große Konsens zwischen CDU und SPD in Deutschland, genauer gesagt zwischen Konrad Adenauer und Willy Brandt, dass wir im Jahr 2000 überwiegend den deutschen Strom aus Kernkraft erzielen werden, ist nicht eingetreten. Der weltweite Anteil der Kernkraft an der Stromerzeugung ist nie über einen Anteil von 20 bis 30 Prozent hinausgegangen – natürlich mit sehr starken regionalen Unterschieden. Der Grund dafür ist ganz einfach: Es gibt Energieträger, die billiger und preiswerter zu haben sind und die natürlich in Konkurrenz zur Kernkraft stehen: die Kohle. Was wir derzeit erleben, ist das goldene Zeitalter der Kohle. Und wir sind mittendrin! Es gibt auch überhaupt keinen Anlass anzunehmen, dass das in absehbarer Zeit zu Ende ist. Der gewaltige Energiebedarf in Asien wird vor allem gestillt durch Kohlekraftwerke. Allein China hat in den Jahren 2007 bis 2012 etwa 500 neue Kohlekraftwerke errichtet. Der Grund: Kohle war, ist und bleibt der preiswerteste Energieträger. Es hat mit der Öffnung Chinas durch Deng Xiaoping in den 80er Jahren einen signifikanten Anstieg des Kohleverbrauchs in den letzten 20 Jahren gegeben. Bis dahin gab es eine eher gleichbleibende Verteilung des Kohle-

Holger Krahmer MdEP Umweltpolitischer Sprecher der FDP im Europäischen Parlament, Leipzig

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Holger Krahmer MdEP Gas und Kohle – Energieversorgung zwischen grüner Planwirtschaft und ökonomischer Realität verbrauches. Irgendwann in den letzten 20 bis 30 Jahren kam der große Ausreißer eines gewaltigen Anstieges des Kohleverbrauches in Asien. Während 1980 der asiatische Kohleverbrauch bei 24 Prozent des Weltkohleverbrauchs lag, werden heute nahezu 2 ⁄3 davon verbraucht. Und das zeigt sehr deutlich, dass wir alles andere als auf dem Weg in eine Welt der erneuerbaren Energien sind. Zwar fällt Europa durch den Abbruch der alten osteuropäischen Industrie beim Kohleverbrauch zurück, dennoch ist der Verbrauch immens hoch. Der nächste Energieträger ist Gas: Auf der Welt spielt sich derzeit eine fossile Revolution ab, an die vor fünf oder sechs Jahren noch keiner geglaubt hat. Der Grund: Wir entdecken nach wie vor Vorkommen von Gas und Öl die mit dem technischen Fortschritt wirtschaftlich explorierbar werden. Die Rede ist von Schiefergas. Als ich 2004 ins Europäische Parlament gewählt wurde, war einer meiner ersten Lobbytermine mit ExxonMobil. Ich erinnere mich sehr gut an das Gespräch im Herbst 2004, als die großen Energieszenarien diskutiert wurden, wo damals in einem Nebensatz der ExxonMobil-Vertreter zu mir sagte: „Herr Krahmer, die Welt ist voller Gas, aber es befindet sich in unkonventionellen Lagerstätten die wahrscheinlich dauerhaft nicht wirtschaftlich erschließbar sind.“ Es ist eine internationale Story, die in den USA begonnen hat. In den letzten fünf Jahren ist in den USA etwas passiert, womit Barack Obama selber nicht gerechnet hätte. Nämlich eine fossile Revolution auf dem amerikanischen Gasmarkt. Die Amerikaner verfügen über Gasreserven, die sie noch in diesem Jahrzehnt in die Situation bringen werden, unabhängig von Energieimporten zu sein. Beim Öl entwickeln sich ähnliche Dinge z.B. bei Schieferöl und Ölsande. Das Potenzial ist noch nicht so ganz klar, aber wir erleben hier tatsächlich eine Revolutionierung der Energiewelt. Diese Geschichte wird die gesamte Energiewelt und ihre Lieferbeziehungen einmal vom Kopf auf die Füße und wieder auf den Kopf stellen. Nehmen wir den geostrategischen Aspekt, der dahinter steht. Die Amerikaner bauen Militärbasen im Nahen Osten zum Schutz des dort vorhandenen Öls und Gases. Es wird der Moment eintreten, in dem die Amerikaner das Interesse daran verlieren, dort Militärbasen zu unterhalten, weil sie es schlicht und einfach nicht mehr brauchen. Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf andere Energieträger. Bei einem Preisvergleich wird die kuriose Situation deutlich, dass der Gaspreis in den USA ein Viertel dessen beträgt, was Gas im Nahen Osten kostet. Eine historisch einmalige Situation, die dem widerspricht, was in früheren Lehrbüchern zu lesen war. Es hat aber auch Einfluss auf andere Energieträger. Kohle war, ist und bleibt der mit deutlichem Abstand preiswerteste Energieträger. Und die Gewinnung von Schiefergas wird Einfluss haben auf die Entwicklung des Kohlepreises. Ich habe vor kurzem ein bilaterales Gespräch mit dem US-Botschafter bei der Europäischen


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Union geführt, der mit einem Augenzwinkern sagte: „Herr Krahmer, wir haben in den USA so viel Gas, wir werden in absehbarer Zeit unsere Kohle nicht mehr brauchen, wir können die nach Europa exportieren.“ Das ist ein Szenario, das auch in anderen Regionen der Welt absehbar ist. Das vor Ort zur Verfügung stehende Gas, welches umweltfreundlicher zu verbrennen und mit weniger CO2 sowie weniger Schadstoffen versehen ist, wird dazu führen, dass Kohlekraftwerke abgeschaltet und Gaskraftwerke eingeschaltet werden. Wenn wir so weitermachen und nur auf erneuerbare Energien setzen, muss Europa aufpassen, dass es nicht zum Kohleabladeplatz der Welt wird. Der ökonomische Kostenvorteil dieser fossilen Energieträger wird auf die anderen Energieträger so groß sein, dass der Siegeszug gar nicht mehr aufzuhalten ist. Europa und Deutschland sind nicht mehr die Größten, da China immer wichtiger wird. Im Vergleich Deutschlands zum Rest der Welt findet man kaum ein Land, in dem Industriestrompreise so teuer sind wie bei uns. (Abb. 2) Daher sollten wir uns nicht mit Belgien und Bulgarien vergleichen, sondern eher mit den USA, deren Industriestrompreise halb so hoch sind wie in Deutschland. Kein Wunder also, dass sich die energieintensiven Industrien darüber Gedanken machen, ob sie in Deutschland überhaupt wettbewerbsfähig produzieren können.

Schweden 72% Kanada 49% USA 48%

Finnland 59%

Rumänien 67 %

Niederlande 93 %

Bulgarien 108%

Großbritannien 89% Belgien 101 %

Indien 83 %

Spanien 76%

Türkei 74%

China 75 %

Südkorea 61 %

Malaysia 63%

Indonesien 76%

Brasilien 69%

Ungarn 91%

Frankreich 78% Argentinien 67%

Russland 48 %

Polen 92 %

Norwegen 72%

Schweiz 82 %

Österreich 74% Italien 78%

Abb. 2: Industriestrompreise als Index auf Basis Deutschland = 100 % (Quelle: Verband der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK)VIK)

Australien 78 %

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Holger Krahmer MdEP Gas und Kohle – Energieversorgung zwischen grüner Planwirtschaft und ökonomischer Realität Der Energiemix wird auf lange absehbare Zeit immer grüner. Doch die fossilen Energieträger, respektive Kohle und Gas, werden der wesentliche Bestandteil der Energieerzeugung bleiben. Der Grund ist ganz einfach: Es sind die preiswertesten Energieträger und es ist genug davon da. Es ist sogar so, dass diese alle paar Jahre immer wieder aufkommende Debatte vom Ende der fossilen Zeitalter Peak Oil, in diesen Tagen einmal mehr widerlegt wird. Es ist Es könnte also sein, dass die vielen erdeshalb ganz klar absehbar, dass neuerbaren Energiestrategien, die wir in wahrscheinlich Kohle und Gas die Europa und Deutschland vorantreiben, von vorn herein an der ökonomischen Re- wesentliche Basis der Energieträger der Energiewirtschaft bleiben wird. alität vorbei geplant und von der Realität Gesellschaften und Staaten, die überholt werden. Es ist möglicherweise hier allerhöchste Zeit, einen Kurswechsel überwiegend auf erneuerbare Enervorzunehmen. Es ist kein Plädoyer gegen gieträger setzen, befinden sich möglicherweise auf dem Holzweg. An erneuerbare Energien, sondern es ist ein der Wahrheit, dass erneuerbare EnPlädoyer für wirtschaftliche Vernunft. ergieträger erstens nicht zuverlässig und zweitens viel zu teuren Strom liefern, wird man nicht vorbei kommen. Politik kann die Physik nicht überwinden. Nebenbei bemerkt auch nicht, wenn man Physiker und Bundeskanzler in einer Person vereint. Es könnte also sein, dass die vielen erneuerbaren Energiestrategien, die wir in Europa und Deutschland vorantreiben, von vornherein an der ökonomischen Realität vorbei geplant und von der Realität überholt werden. Es ist möglicherweise hier allerhöchste Zeit, einen Kurswechsel vorzunehmen. Es ist kein Plädoyer gegen erneuerbare Energien, sondern es ist ein Plädoyer für wirtschaftliche Vernunft. Ganz am Ende des Tages setzt sich durch, was sich rechnet. Auch wenn der Politik das nicht passt. Im Hinblick auf die deutsche Debatte ist es keine einfache Zeit für aufrechte Politiker, denn die deutsche Energiedebatte ist, wie kaum ein anderes Politikfeld, durchsetzt von ideologischen Phrasen und von Argumenten, die auf falschen Informationen basieren. Der Bundesumweltminister beklagt sich darüber, dass die EEG-Umlage bei manchen Energieversorgern viel höher ist, als das die dramatisch gesunkenen Strompreise an den Energiebörsen zeigen. Diese Aussage, es kommt aus dem Handelsblatt, grenzt an Volksverdummung. Die Börsenpreise für Strom sind keine sinnvolle Kalkulationsgrundlage für die Lieferpreise für den Endkunden. Der Grund ist ganz einfach: Strom kann man eben nicht produzieren und auf Lager stellen wie ein Stück Butter oder ein Auto, sondern er muss


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produziert werden wenn er gebraucht wird. Die einzig funktionierende Speichermöglichkeit die wir haben, sind Pumpspeicherwerke. Alle anderen Speicherideen befinden sich im Forschungs- und Versuchsstadium. Und sie können nicht Bestandteil der jetzt in Deutschland ausgerufenen Energiewende werden. Börsenstrompreise steigen oder fallen in Deutschland immer dann, wenn zu wenig oder zu viel Ökostrom anliegt, wenn mehr Strom gebraucht wird, als gerade produziert wird oder umgekehrt, wenn mehr Strom produziert wird, als gerade verbraucht werden kann. Und das ist die Krux der deutschen Energiewende. Es passiert sehr oft, dass Windräder und Solaranlagen Strom produzieren, aber gleichzeitig die Menge der Verbraucher nicht da ist, und wir dann den überschüssigen Strom nach Tschechien und Polen ableiten und deren Netzstabilität gefährden. Es gibt aber auf der anderen Seite auch einen Gewinner im Süden Deutschlands, nämlich Österreich. Österreich besitzt von der Topographie her sehr viele Pumpspeicherwerke. Dort ist die Folge dessen, wenn zu viel Ökostrom eingespeist wird, dass an der Börse negative Preise für den zu viel produzierten Strom erzielt werden. Das heißt, die Netzbetreiber müssen dem Abnehmer Geld bezahlen, damit sie den Strom abnehmen, und das freut natürlich österreichische Pumpspeicherwerkbetreiber, die dann den deutschen Ökostrom samt Vergütung nehmen, um ihn dann bei der nächsten Stromlücke in Deutschland ein zweites Mal zu verkaufen. Bei einer solchen Energiepolitik muss man sich ernsthaft fragen, ob dies sinnvoll ist. Die Halbwertszeiten politischer Aussagen von relevanten Politikern – in dem Fall ist es sogar die Bundeskanzlerin – werden immer kürzer. In einem Zitat aus der Regierungserklärung vom Juni 2011 verspricht uns die Kanzlerin, dass die EEG-Umlage langfristig nicht mehr als 3,5 Cent pro Kilowattstunde betragen wird und anschließend sogar sinkt. Die Realität sieht schon 2013 anders aus. Denn dann beträgt die EEG-Umlage 5,27 Cent pro Kilowattstunde. Dies bedeutet eine Steigerung von 50 Prozent. Man kann natürlich sagen, Juni 2011 bis heute ist nicht langfristig. Aber auch unter langfristigen Perspektiven beruhen diese Kalkulationen für die Förderung der erneuerbaren Energie auf krassen Fehleinschätzungen. Wir werden wohl 2013 das erste Mal erleben, dass die 20 Milliarden Euro-Grenze bei der Förderung der erneuerbaren Energien überschritten wird. Das ist die Summe, die auf die Stromrechnung der deutschen Haushalte umgelegt wird. Die Lösung des Dilemmas ist der Binnenmarkt. Diese Debatte ist nicht ganz neu. Wir haben vor sechs Jahren in Brüssel schon einmal in der EU-Kommission eine Debatte begonnen, den Energiebinnenmarkt zu öffnen. Sie ist damals recht schnell abgebrochen worden, weil die Mitgliedsstaaten ihre nationalen Interessen, wie sie das üblicherweise tun, über europäische Interessen stellen. Auch aus dem deutschen Bundesumweltministerium kam ganz

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Holger Krahmer MdEP Gas und Kohle – Energieversorgung zwischen grüner Planwirtschaft und ökonomischer Realität schnell ein Nein zur Schaffung eines Energiebinnenmarktes. Der Grund: Man hat sich das EEG (Erneuerbare-Energie-Gesetz) angeschaut und sehr schnell festgestellt, dass es nicht europatauglich ist. Im Grunde genommen ist es ja sogar die nationalistischste Politik, die man sich vorstellen kann. Denn das EEG beruht auf dem Prinzip „Deutsches Geld für deutschen Ökostrom.“ Dieses Prinzip nach Europa zu öffnen funktioniert nicht. Denn ganz sicher wird Frankreich nicht freiwillig deutschen Ökostrom auf Basis der EEG Vergütungen kaufen. Das wird nicht gelingen. Deswegen ist möglicherweise jetzt ein neues Momentum da, tatsächlich darüber nachzudenken, einen Binnenmarkt zu öffnen. Das kann aber nicht nach dem Modell des EEG erfolgen, wo man technologiebezogene Preise ins Gesetz schreibt. Auf diese wird man sich auf europäischer Ebene niemals verständigen. Aufgrund der unterschiedlichen Lebensverhältnisse kann man nicht dieselbe Einspeisevergütung in Portugal und Spanien zahlen wie in Deutschland. Als Liberaler darf man durchaus die Frage stellen: Ist es überhaupt sinnvoll, eine Technologie zu fördern, die nicht marktreif ist? Wenn man sie fördert, ist es besser, ein Mengenmodell oder auch Quotenmodell zu wählen. Dort wird der prozentuale Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien vorgeschrieben und dem Markt überlassen, mit welchen Technologien das passiert. Das bringt zwei Vorteile. Der erste Vorteil ist: Es kommen die effizientesten Energieträger zum Zuge, die relativ nah an der Wirtschaftlichkeitsgrenze sind und möglicherweise die, die gar nicht wirtschaftlich sind, überhaupt nicht. Wir werden dann mit Sicherheit in Deutschland keinen weiteren Ausbau der Photovoltaik erleben, da diese am weitesten weg ist von Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen. Der zweite Vorteil einer Europäisierung wäre, dass die erneuerbaren Energieträger dann dort zum Zuge kommen, wo die geographischen Verhältnisse und Witterungsbedingungen die besten sind. Das heißt, es wird im Norden eher Windräder geben und im Süden eher Photovoltaik. Deshalb sollte es eine wichtige politische Forderung sein, die Öffnung des Binnenmarktes zu fordern. Man sollte an der Stelle aber nicht die Illusionen hegen, dass dies für den ganzen Energiebinnenmarkt klappen kann. Auch dort wird es weiterhin Nationalismen und nationale Interessen geben, die stark im Vordergrund stehen. Frankreich wird niemals seine Atomstrategie aufgeben. Deswegen muss man sich darüber im Klaren sein: Wer in Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, gleichzeitig in einen Energiebinnenmarkt einsteigt, der vollzieht einen Wiedereinstieg in die Atomenergie. Das ist eine Sache, der man sich bewusst sein muss. Es ist schwierig, in diese ideologische, emotionale und auf falschen Argumenten aufgebaute Debatte Rationalität hereinzubringen. Ich glaube, dass es uns gut zu Gesicht steht, auf die Widersprüchlichkeit der Zielsetzung aufmerksam zu machen. Und auch einen Auf-


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ruf zu Rationalität in der Debatte zu machen. Es funktioniert nicht, CO2 zu mindern, Kernkraft abzuschalten, Probleme mit dem Bau neuer fossiler Kraftwerke zu haben, alles auf die Karte der Erneuerbaren zu setzen und dann noch zu sagen: Wir müssen an die Stromkosten unserer Industrie und der Bürger denken. Das ist die Quadratur des Kreises die nicht funktioniert. Das ist inzwischen aber die deutsche Energiepolitik. Ich denke, dass es höchste Zeit ist, an der Stelle marktwirtschaftliche Vernunft walten zu lassen. Denn die Energiezukunft wird aller Voraussicht nach viel fossiler sein, als das manche grüne Träume heute aufzeigen.

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Prof. Dr.-Ing. habil. Antonio Hurtado 2011 in Deutschland – Was bedeutet Kernenergieausstieg? Eine Wende der bisherigen Energiestrategie, sozusagen eine Energiewende, soll die Wende bringen und für Deutschland bis 2050 eine umweltfreundliche, sichere und wettbewerbsfähige Energieversorgung gewährleisten. Und wenngleich nicht erkennbar ist, ob bald, künftig oder gar nicht eine neue Wende einzuleiten erforderlich sein wird, ist es richtig und wichtig, dass dabei insbesondere alternative und regenerative Energietechnologien weiterentwickelt werden und diese Technologien auf diesem Wege ihre Potenziale zur Energieversorgung unter Beweis stellen können. Bis 2022 soll in Deutschland der letzte Kernreaktor abgeschaltet werden. Es heißt: „Damit soll der Ausstieg aus der Kernkraft vollzogen werden“. Ohnehin wäre es sinnvoll, von einem Ausstieg aus der Kernenergienutzung zu sprechen, denn für alle Anlagen sind die Phasen des Nachbetriebs und des Rückbaus bis zur grünen Wiese zu berücksichtigen. Und angenommen, wir würden in Deutschland Strom aus den Kernkraftwerken unserer Nachbarstaaten beziehen, was wir ja heute in erheblichem Maße tun: Kann dann wirklich von einem Ausstieg der Kernkraft Deutschlands die Rede sein? Nach dem Bundestags-Wahlsieg der schwarz-gelben Koalition im Herbst 2009 wurde der Ruf nach einer ganzheitlichen Energiestrategie immer lauter. Nach einer Strategie, die ökologische, ökonomische, ressourcenschonende sowie sozialverträgliche Aspekte berücksichtigt und darüber hinaus elementarer Bestandteil eines europäischen Gesamtgebildes ist. So, wie auch die deutsche Bundesregierung in der Eurokrise und in der Lösung des Griechenland-Problems agiert: als integraler Bestandteil Europas und unter Beachtung von Die in Deutschland unmittelbar nach dem Interessen möglichst aller EUReaktorunfall in Fukushima geführte poStaaten. litische und öffentliche Diskussion sowie

die Berichterstattung in den Medien haben in vielen europäischen Ländern und auch weltweit für Aufsehen gesorgt.

Die von allen heiß ersehnte Energiestrategie ließ bis zum Herbst 2010 auf sich warten. Die Landtagswahlen in NordrheinWestfalen im Frühjahr 2010 waren der Grund dafür. Die Bestätigung des schwarz-gelben Bündnisses in Düsseldorf sollte bei den Plänen zur zukünftigen Nutzung der Kernenergie in Deutschland für den notwendigen Rückenwind sorgen. Stattdessen kam es in Nordrhein-Westfalen zur rot-grünen Koalition, danach zur gefühlten sehr raschen Erarbeitung eines Energiekonzeptes seitens der Bundesregierung sowie zu einer Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke von durchschnittlich 12 Jahren. Da die Bewertungsgrundlage


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für diese Entscheidung unklar war, wurde damals ein Komplott zwischen der Bundesregierung und den großen Energieversorgern vermutet. Als wenige Tage danach auch noch Nebenabreden zum Vertrag mit den EVUs publiziert werden mussten, waren das Kommunikations- und Reputationschaos perfekt. Der Unfall im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi vom 11. März 2011 hat nach dem schweren Unfall von 1979 in Three Mile Island und der nuklearen Katastrophe von 1986 in Tschernobyl eine weltweit neue Debatte hinsichtlich der friedlichen Nutzung der Kernenergie entfacht. Erneut wird die Frage diskutiert, inwieweit kerntechnische Anlagen beherrschbar sind, so dass Reaktorunfälle, verbunden mit einer massiven Freisetzung von Radioaktivität, ausgeschlossen werden können. Das Seebeben mit der Magnitude von 9,0 mit dem Epizentrum ca. 160 km nordöstlich von Fukushima im Pazifik, löste eine Reaktorschnellabschaltung (RESA) aus. Die Anlage reagierte danach bestimmungsgemäß, und mit Hilfe der Dieselaggregate konnte zunächst eine gesicherte Kernkühlung gewährleistet werden. Eine Stunde später traf der Tsunami mit einer Wellenhöhe von ca. 14 m die Reaktoranlage und sorgte bei einer großräumigen Zerstörung der Infrastruktur für einen Ausfall der Kühlwasserpumpen sowie der Notkühl-Dieselgeneratoren. Ausgehend von einer auslegungsbestimmenden Höhe der Tsunamiwelle von 5,7 m als Referenzgröße wird deutlich, dass die in Fukushima erreichte Wellenhöhe deutlich die Auslegungsannahmen übertraf. Die Frage, welche Erkenntnisse und Erfahrungswerte beim japanischen Betreiber TEPCO sowie bei den japanischen Sicherheits- und Genehmigungsbehörden aus bisherigen Tsunamis vorliegen und wie zusätzliche Investitionen zur Ertüchtigung der Kernreaktoren in Fukushima zu einer Erhöhung der Anlagensicherheit respektive zu einer nennenswerten Reduktion des Ausfallrisikos hätten beitragen können, ist eindeutig zu ergründen. Es gilt, Lehren zu ziehen und eindeutige Handlungsempfehlungen für die Reaktorsicherheit abzuleiten, welche künftig in Japan und weltweit Anwendung finden müssen.

Prof. Dr.-Ing. habil. Antonio Hurtado Professur für Wasserstoff- und Kernenergietechnik, Direktor des Institutes für Energietechnik, TU Dresden

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Prof. Dr.-Ing. habil. Antonio Hurtado 2011 in Deutschland – Was bedeutet Kernenergieausstieg? Die in Deutschland unmittelbar nach dem Reaktorunfall in Fukushima geführte politische und öffentliche Diskussion sowie die Berichterstattung in den Medien haben in vielen europäischen Ländern und auch weltweit für Aufsehen gesorgt. Erneut waren die Deutschen so sehr mit der Debatte um die möglichen Auswirkungen und Konsequenzen des Unfalls auf Deutschland beschäftigt, dass man gerade in den ersten Tagen den Eindruck gewinnen konnte, die Katastrophe in Japan, verbunden mit dem Tod von vielen Tausenden Menschen, könne ausschließlich auf den Reaktorunfall reduziert werden. Weshalb wurde nicht eine sachliche Bewertung und Analyse des Reaktorunfalls abgewartet? Am 14. März 2011 wurde ein dreimonatiges Moratorium beschlossen; kurz danach stand fest, dass, ungeachtet des Berichtes der Reaktorsicherheitskommission, acht Anlagen nicht wieder ans Netz gehen würden. Die in Deutschland angestrebte Energiewende stellt eine enorme Kraftanstrengung dar. Sie bedarf neuer Konzepte und integrierter Lösungen in allen Bereichen der Energietechnik und der Energiewirtschaft: Von der Bereitstellung, der Verteilung und Speicherung, bis hin zur effizienten, umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Energienutzung – natürlich auch bei den erneuerbaren Energien. Im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus der Kernenergienutzung bis 2022 gilt es, anspruchsvolle Aufgaben zu lösen, deren Komplexität gegenwärtig noch nicht in ausreichendem Maße bekannt ist. Der kerntechnische Kompetenzerhalt ist Voraussetzung zur verantwortungsbewussten gesellschaftlichen Vorsorge. Diese Prämisse hat nach den Ereignissen in Fukushima deutlich an Gültigkeit gewonnen, und die dadurch angestoßene Sicherheitsdebatte hat die weltweite Bedeutung von Wissenschaft und Forschung auf diesem Gebiet zusätzlich untermauert. Für Deutschland bedeutet dies: • Der sichere Weiterbetrieb der Kernkraftwerke bis 2022 ist stets auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik zu gewährleisten. • Eine exzellente Ausbildung des Personals für den Betrieb, Rückbau, Entsorgung und Endlagerung radioaktiver Abfälle ist sicherzustellen. • Die künftige Mitwirkung deutscher Lehr- und Forschungseinrichtungen im Rahmen von internationalen Projekten ist unerlässlich. Die qualifizierte Beendigung der Kernenergienutzung in Deutschland, die sichere Behandlung/Endlagerung radioaktiver Abfälle, die kompetente Bewertung der kerntechnischen Einrichtungen um Deutschland herum, die Glaubwürdigkeit und Mitwirkung in internationalen Gremien und die Gestaltung internationaler kerntechnischer Regelwerke erfordert,


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dass in Deutschland kerntechnische Exzellenz erhalten bleibt. Dazu sind klare Perspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu definieren. Nur durch die Bereitstellung hochqualifizierter Fachkräfte kann Deutschland international dazu beitragen, kerntechnische Sicherheitsregime aufzubauen und zu überwachen und somit einen wichtigen Beitrag für die Einhaltung hoher Sicherheitsstandards zu leisten. Die derzeitige Entwicklung zeigt, Die derzeitige Entwicklung zeigt, dass dass viele europäische Staaten viele europäische Staaten ihre Kernkraftihre Kernkraftwerkskapazitäten werkskapazitäten weiter nutzen oder sogar weiter nutzen oder sogar erweierweitern werden. Aus diesem Grund ist tern werden. Aus diesem Grund es erforderlich, dass Deutschland auch ist es erforderlich, dass Deutschzukünftig einen wesentlichen Einfluss auf land auch zukünftig einen wedie Formulierung von Sicherheitszielen sentlichen Einfluss auf die Forund Inhalten internationaler Forschungsmulierung von Sicherheitszielen und Entwicklungsprogramme behält. und Inhalten internationaler Forschungs- und Entwicklungsprogramme behält. Die hierfür notwendigen wissenschaftlichen Grundlagen können von den akademischen Einrichtungen in enger Zusammenarbeit mit den nationalen Forschungszentren und mit Unterstützung der Industrie und der Behörden gelegt werden. Zu den bereits bestehenden Studiengängen werden additive Lehrveranstaltungen erforderlich werden, die sich in internationaler Kooperation mit Fragen der Endlagerung sowie der Abtrennung und Umwandlung („Partioning“ und „Transmutation“) von Minoren Actiniden befassen. Darüber hinaus ist eine kompetente und international respektierte wissenschaftlich-technische Expertise zur nuklearen Sicherheitsforschung erforderlich. Dabei sollte sich die deutsche kerntechnische Forschung stärker noch als bisher interdisziplinären Fragestellungen öffnen, zum Beispiel solchen der Katastrophen- und Risikoforschung oder der internationalen Sicherheits- und Proliferationspolitik. Mit dem Ausstieg aus der Kernenergienutzung gibt Deutschland seine nichtverbreitungspolitische Schlüsselstellung auf und beraubt sich der Fähigkeit, den gewichtigen Status als zivile Nuklearmacht gegenüber Kernwaffenstaaten und Nichtkernwaffenstaaten im Sinne des Weltfriedens zu handeln. Die in Jahrzehnten von verschiedenen Bundesregierungen entwickelte und gelebte Philosophie „Einbindung durch Kooperation“ wird gegenstandslos. In den vergangenen Dekaden war Deutschland oftmals Vorbild bei der Erforschung, Entwicklung und Umsetzung von Technologien zur Sicherstellung einer umweltfreundlichen

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Prof. Dr.-Ing. habil. Antonio Hurtado 2011 in Deutschland – Was bedeutet Kernenergieausstieg? und wettbewerbsfähigen Energieversorgung. Wie sonst hätte dieses Land so lange so erfolgreich gerade energieintensive Produkte exportieren können? Sicher haben sehr viele andere Aspekte eine Rolle gespielt. Unter anderem war stets wichtig, dass sich die Bereiche Wissenschaft und Forschung frei entfalten konnten. Ergebnisse, Erkenntnisse und Methodenkompetenz, die hier generiert wurden, dienten als Basis für politische Konzeptionen. Das Ausklammern, etwa der Kernenergie als Beispiel, wird daher zu einer geistigen Verarmung unserer Gesellschaft führen, welche im Falle der Kernenergie unter anderem den Verlust der Einflussmöglichkeiten Deutschlands zur Nichtweiterverbreitung radioaktiven Materials zur Folge hätte.


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Daniel Wetzel Warum die Energie-wende jetzt einen Systemwechsel braucht Um einschätzen zu können, ob wir die Energiewende mit unverändertem Instrumentenkasten fortsetzen sollten, ob wir mit leichten Kurskorrekturen auskommen oder aber besser einen vollständigen Systemwechsel anstreben sollten, müssen wir uns noch mal daran erinnern, welche Ziele mit der massiven Subventionierung von Ökostrom überhaupt erreicht werden sollten. Einen Überblick darüber zu gewinnen ist nicht ganz einfach, weil es einen ganzen Strauß von Begründungen recht unterschiedlicher Qualität gibt. Das macht die Diskussion so schwierig: Wann immer eines der Ziele der Energiewende zum Beispiel von wissenschaftlicher Seite infrage gestellt wird, wird der Einspruch beiseite geschoben und behauptet, es gehe ja um ganz etwas anderes. Diejenigen, die ideologisch, politisch oder wirtschaftlich von der Energiewende profitieren, nehmen es sich, wie sie’s gerade brauchen. Ein Beispiel gefällig? Ursprünglich galt die Hauptsorge der Ökostrom-Lobbyisten dem Klimaschutz. Erneuerbare Energien sollten helfen, die Klimaveränderung zu stoppen. Wer zahlte dafür nicht gern etwas mehr? Nachdem prominente Wissenschaftler dann aber festgestellt hatten, dass unter dem Dach des europäischen Emissionshandelssystems durch die Subventionierung von Ökostrom keine einzige Tonne CO2 zusätzlich eingespart wird, wurde das Subventionssystem nicht infrage gestellt. Die Argumentationslinie wurde ganz einfach durch eine andere ersetzt. Zeitweise wurde etwa das industriepolitische Ziel nach vorne gespielt: Die Subventionierung von Ökostrom lasse neue Industrien und damit Arbeitsplätze entstehen. Auch dieses Argument wurde dann allerdings bald von der Wissenschaft kassiert: Ökonomen konnten etwa anhand des Niedergangs der deutschen Solarindustrie belegen, dass Subventionen den Innovationsdruck mindern und dem Aufbau einer wirklich wettbewerbsfähigen Industrie eher im Wege stehen. Wirtschaftswissenschaftler zeigten auch, dass die Subventionierung von Ökostrom-Unternehmen an ande-

Daniel Wetzel Wirtschaftsredakteur und Energieexperte der Welt-Gruppe, Berlin

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Daniel Wetzel Warum die Energie-wende jetzt einen Systemwechsel braucht rer Stelle der Volkswirtschaft zu Arbeitsplatzverlusten führt, etwa weil die direkten und indirekten Kosten der Subventionierung von unwirtschaftlichen Technologien der Bevölkerung Kaufkraft entziehen. Der Netto-Effekt der EEG-Subventionen auf den Arbeitsmarkt ist deshalb nahe Null. Klimaschutz, Arbeitsmarkt und Industriepolitik taugen also schlecht als Begründung für Subventionen von über 20 Milliarden Euro pro Jahr. Allerdings haben die berechtigen Zweifel der Wissenschaft nicht dazu geführt, das Subventionssystem zu beenden oder wenigstens in seinen Ausmaßen zu begrenzen. Lieber sucht man weiter nach neuen Rechtfertigungen. Zum Beispiel sollte es dann das wichtigste Ziel des Ausbaus erneuerbarer Energien sein, Atomstrom zu ersetzen. Dieses Ziel steht freilich diametral den Interessen des Klimaschutzes entgegen: Weil mit den Atomkraftwerken lediglich eine CO2-freie Stromquelle durch eine andere ausgetauscht wird, haben Subventionszusagen von derzeit mehr als 200 Milliarden Euro für Ökostrom bis dato überhaupt nichts zum Klimaschutz beigetragen. Dennoch wird diese Begründung seltsamerweise oft von exakt denselben Personen vorgebracht, die zuvor den Klimaschutz als wichtigstes Motiv für die Ökostrom-Revolution genannt hatten. Man kann da nur von schizoider Persönlichkeitsspaltung sprechen: In dem Moment, in dem die Atom-Angst als Motiv herhalten muss, ist die Panik vor dem Klimawandel vollständig vergessen. Dessen ungeachtet sind die fluktuierenden erneuerbaren Energien denkbar ungeeignet, die Atomkraftwerke als Träger der Grundlast zu ersetzen. Tatsächlich übernehmen ja derzeit eher Braunkohle-Kraftwerke die Aufgabe der AKW. Solange Ökostrom nicht grundlastfähig gespeichert werden kann – was angesichts der nötigen Größenordnungen auch noch als Science-Fiction gelten muss – taugt subventionierter Ökostrom kaum als AtomstromErsatz. Dann muss es eben das Autarkie-Argument sein, und die Unabhängigkeit von Rohstoffimporten. Hiermit hat man nun endlich auch mal Motive gefunden, die eine gewisse Plausibilität auf ihrer Seite haben. Nur: Uneingeschränkt gelten können auch die nicht. Denn das politische Ziel einer nationalen Energie-Autarkie steht der Bildung eines freien europäischen Binnenmarkts für Strom, Gas und andere Brennstoffe direkt entgegen. Wenig lässt sich sagen gegen den Wunsch, unabhängiger zu werden von Energieimporten aus Ländern, die ihre Angebotsmacht gern auch mal zu politischen Zwecken missbrauchen. Förderung von erneuerbaren Energien zu diesem Zweck ist sinnvoll. Fraglich ist nur Maß und Tempo, in dem dies geschieht. Denn fraglich ist allerdings, ob das Ziel der Importabhängigkeit so vordringlich ist, dass man dafür die industrielle Basis der Volkswirtschaft wie in einer gigantischen Wette aufs Spiel setzen sollte. Die bekannten globalen Ölreserven haben sich in den vergangenen Jahren nicht verringert, sondern stetig erhöht. Die Schiefergas-Revolution in den USA und die dortige Erschließung unkonventioneller Öl-


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lagerstätten lässt erst einmal eine Entspannung an den globalen Brennstoffmärkten erwarten. Der vorvergangene Woche veröffentlichte Bericht der Internationalen Energie-Agentur spricht gar von einer Zeitenwende. Das sollte eigentlich den Zeitdruck aus der Energiewende nehmen. Nichts spricht dafür, die Infrastruktur der größten europäischen Volkswirtschaft völlig überhastet, ungeplant und bei willkürlich aufgestellten, engen Fristen komplett auf den Kopf zu stellen, wenn dies gleichzeitig das Risiko verringerter Standortqualitäten, Verlust an Wettbewerbsfähigkeit mit dem der De-Industrialisierung und sozialer Schieflagen kombiniert. Ich bin dafür, dass wir uns mehr Zeit lassen, um es beim ökologischen Umbau der Volkswirtschaft nicht zu einer giNichts spricht dafür, die Infrastruktur der gantischen Fehlallokation knapper größten europäischen Volkswirtschaft Mittel kommen zu lassen, durch die völlig überhastet, ungeplant und bei willder langfristige, nachhaltige Erfolg kürlich aufgestellten, engen Fristen komeines solchen Vorhabens gefährdet plett auf den Kopf zu stellen, wenn dies wird. Denn langfristig kann die vergleichzeitig das Risiko verringerter Standstärkte Nutzung erneuerbarer Enerortqualitäten, Verlust an Wettbewerbsfägien ja durchaus technisch sinnvoll higkeit mit dem der De-Industrialisierung und wirtschaftlich vernünftig werund sozialer Schieflagen kombiniert. den. Einfach weiterhin Kohle aus der zu Erde baggern und unter einen Kessel ins Feuer zu schippen, das ist keine Technologie, die mich persönlich nun stark begeistern kann, wenn Sie mir die persönliche Bemerkung gestatten. Auch habe ich wenig Lust, ewig weiter unter dem Damokles-Schwert der Atomkraft zu leben. Mir geht es bei der Energiewende um Wirtschaftlichkeit, Effizienz, Ausgewogenheit, Versorgungssicherheit. Kann das Erneuerbare-Energien-Gesetz hier jetzt noch punkten? In der Vergangenheit hat sich das Erneuerbare-Energien-Gesetz als effektives Instrument erwiesen, die politischen Ziele bei der Nutzung von Ökostrom zu erreichen. Schon im Jahr 2004 wurde das Ziel formuliert, bis zum Jahr 2010 rund 12,5 Prozent Ökostrom im Netz zu haben. Erreicht wurde das Ziel schon drei Jahre früher, 2007. Auch das Gesamtziel, bis 2020 einen Ökostrom-Anteil von mindestens 35 Prozent zu haben, kann mit dem EEG übererfüllt werden. Allerdings ist der reine Kapazitätsaufwuchs gar nicht mehr das wichtigste Thema und Problem der Energiewende: Vielmehr sind die Risiken und Nebenwirkungen des gesetzlichen Einspeisevorrangs in den Vordergrund getreten: Eine akute Sorge vor einem Netzzusammenbruch und eine völlig aus dem Ruder laufende Kostenentwicklung. Allein die

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Daniel Wetzel Warum die Energie-wende jetzt einen Systemwechsel braucht Zahlungsverpflichtungen an die Produzenten von Solarstrom betragen inzwischen mehr als 110 Milliarden Euro. Eine schier unglaubliche Größenordnung, schaut man sich den Beitrag an, den Solarmodule zur Stromversorgung beitragen: Am Donnerstag dieser Woche produzierten die deutschen Solaranlagen nur gegen Mittag eine Stunde lang knapp über 1000 Megawatt Strom. Dabei sind 30.000 Megawatt Solarmodule installiert. Das bedeutet, dass die teuer bezahlten Module nur zu drei Prozent genutzt wurden, und dies auch nur an drei der 24 Stunden dieses Tages. Denn bereits um 15 Uhr war der Beitrag des Solarstroms auf rund 200 Megawatt und damit unter die Wahrnehmungsschwelle gefallen. Dass sich dieses desaströse Bild in den kommenden Monaten wandelt, ist nicht zu erwarten. Aufgehellt wird es auch nicht durch die Tatsache, dass Solarmodule im Sommer zur Mittagszeit mehr als 50 Prozent des Strombedarfs decken werden. Denn speicherbar ist der Strom nicht, und so führt die temporäre Überproduktion lediglich dazu, dass konventionelle Kraftwerke aus dem Angebot gedrängt und faktisch zur Betriebsaufgabe gezwungen werden, die als Reserve und zur Bedarfsdeckung gerade im Winter eigentlich noch gebraucht werden. Ein misslicher Umstand, den die Bundesregierung durch neue Subventionen, diesmal zugunsten der Kraftwerksbetreiber, zu beheben gedenkt.


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Dr. Philip Plickert Club of Rome – Die Propheten des Untergangs

Vielen Dank für die Einladung heute nach Dresden zu dieser alternativen Klima- und Energie-Konferenz. Es ist wohltuend zu sehen, dass es innerhalb der Regierungsparteien noch kritische Geister gibt, die sich nicht der Hysterie und der „political correctness“ unterwerfen und eigenständig denken. Wer die Zukunft gestalten will, muss die Vergangenheit kennen. Dazu gehört die Geschichte der Umwelt- und Klimaprophezeiungen. Ich möchte etwas über den Club of Rome erzählen, eine seltsame Vereinigung von Wissenschaftlern, Honoratioren, Ex-Managern und Politikern. Bekanntgeworden ist dieser elitäre Herren-Club mit seinem rabenschwarzen Prognosebericht „Die Grenzen des Wachstums“ vor gut vierzig Jahren. Obwohl er sich damals in vielen völlig geirrt hat, genießt er bis heute ein recht hohes Ansehen. Seine neue Prognose mit dem Titel „2052 – eine globale Vorhersage für die kommenden 40 Jahre“, die dieses Jahr herauskam, hat wieder viel ehrfürchtiges Staunen, Schaudern und ernstes Nicken bei denen erzeugt, die sich gerne in Angstszenarien ergehen. Ein scheinbar wissenschaftlich angekündigter Weltuntergang fasziniert die Leute. Lassen Sie mich kurz zurückblicken auf die erste Studie, bevor ich zur generellen Problematik des Club-Denkens komme: Und diese Grundproblematik liegt meines Erachtens nicht in falschen Prognosen, sondern überhaupt im Planungsdenken, einem gefährlichen Flirt mit totalitären Regimen und einem generellen Misstrauen gegen Marktwirtschaft und Demokratie. Zunächst einmal klang die These von den „Grenzen des Wachstums“ völlig plausibel. In dem Buch geht es um die Endlichkeit von materiellen Ressourcen – und diese ist ja ein unbestreitbares Faktum. Der Club hat damals aber die Vorkommen von Metallen und Erdöl stark unterschätzt. In Verbindung mit der damals postulierten Bevölkerungsexplosion sah er die Welt auf eine Katastrophe zurasen. Offenbar lieben Menschen solche Angstvisionen. Buch „Die Grenzen des Wachstums“ hat sich damals mehr als zehn Millionen Mal verkauft. Es wurde in 30 Sprachen übersetzt.

Dr. Philip Plickert Wirtschaftsredakteur Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt

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Dr. Philip Plickert Club of Rome – Die Propheten des Untergangs

Scheinbar objektiv war diese Untergangsvision, weil sie auf Computersimulationen basierte. Dennis Meadows vom MIT, damals ein junger Wissenschaftler, hat für rund eine Million Mark, eigentlich ein Sparbudget, die Großprognose in nur fünfzehn Monaten erstellt. Computer galten damals als Wundermaschinen, die unfehlbar seien. Aber natürlich sind sie nur so gut wie das Simulationsmodell, das die Menschen programmieren. Und Meadows Modell war viel zu simpel, zu mechanisch und statisch. Das fiel aber erst viele Jahre später auf. Im Jahr 1973 kam der Ölpreisschock – ausgelöst durch den OPEC-Boykott infolge des YomKippur-Krieges. Innerhalb eines Jahres hat sich der Ölpreis von damals drei Dollar je Barrel auf 12 Dollar vervierfacht. Die Industriestaaten stürzten in Rezessionen. In der Bundesrepublik galten plötzlich an Sonntagen Fahrverbote, die Autobahnen wurden zu Spazierwegen. Obwohl die vom OPEC-Kartell ausgelöste Krise nichts mit inhärenten „Grenzen des Wachstums“ zu tun hatte, lieferte die Entwicklung den scheinbaren Beweis für die Thesen des Club of Rome. Ökologische Katastrophen waren in den siebziger und achtziger Jahren – als die Umweltbewegung aufkam – sehr en vogue. Sie erinnern sich vielleicht noch an das Waldsterben. Dass der deutsche Wald sterbe, hat viele romantische Deutsche in die Arme der gerade entstehenden Grünen getrieben – auch wenn sich die deutschen Eichen bis heute weigern, einfach den Löffel abzugeben. Nach dem Chemie-Unfall im italienischen Ort Seveso schrieb Fritz Varenholdt – den kennen Sie vielleicht heute eher als Klima-Ketzer – das Buch „Seveso ist überall“. Hinter jeder Dass der deutsche Wald sterbe, Ecke lauerten tödliche Chemie-Gefahren. hat viele romantische Deutsche in Es gab damals wie heute eine regelrechte die Arme der gerade entstehenden Lust am Untergang. Glücklicherweise sind Grünen getrieben – auch wenn sich die meisten Prognosen des Club-Berichts die deutschen Eichen bis heute weivon 1972 nicht eingetroffen. Nach dem gern, einfach den Löffel abzugeben. gängigen Szenario wäre schon 1990, also vor zwanzig Jahren das gesamte Erdöl restlos verbraucht, und zwei Jahre später das Erdgas. Beides ist total falsch, weil die Reserven unterschätzt und neue Vorkommen nicht in Betracht gezogen wurden. Einige Metalle hätten noch früher erschöpft sein müssen, Silber sollte etwa 1983 ausgehen, Zinn 1985, Zink 1988, Kupfer 1991. Auch sämtliche Goldvorkommen wären aus der Erde geholt. All das war falsch. Zum einen wurden die Vorkommen unterschätzt, zum anderen die Möglichkeit des Recycling und verbesserte Fördermethoden.


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Was aber viel schlimmer ist: Der Club of Rome hält die Menschheit für dumm, zumindest dümmer als sie ist. Der technische Fortschritt und Innovationen, die zu einer Ressourcensparenderen Produktion führen, wurden krass unterschätzt. Menschen kommen in den Szenarien meist nur als Bedrohung vor, nicht aber als Chance. Wenn es nach Dennis Meadows, dem Hauptautor des Berichts von 1972 ginge, dann dürften Sie alle hier gar nicht im Raum sitzen, ja Sie dürften gar nicht leben. Als Meadows im vergangenen Jahr im Bundestag vor der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ sprach, da hat er noch mal seine These vorgetragen, dass die Erdbevölkerung eigentlich auf zwei bis drei Milliarden Menschen hätte begrenzt werden müssen. Heute sind wir bei sieben Milliarden. Zwei bis drei Milliarden Menschen gab es im frühen zwanzigsten Jahrhundert auf der Welt. Schon die Warner des frühen neunzehnten Jahrhunderts, etwa Thomas Malthus, sagten voraus, dass die Weltbevölkerung die Nahrungsmittelkapazitäten übersteige und unweigerlich in eine Katastrophe steuere. Malthus schrieb: „Beim Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für jedermann.“ Auch Malthus hat den technischen Fortschritt unterschätzt. Die Industrialisierung, die heutige Umweltaktivisten so kritisch sehen, hat die Menschheit erstmals aus der malthusianischen Falle befreit, die mit wiederkehrenden Hungersnöten, Epidemien und Katastrophen das Wachstum brutal begrenzte. Die subtil menschenfeindliche These von Meadows hat im Bundestag niemand aufgeschreckt. Trotz seiner vielen nachweisbaren Fehlprognosen gilt er immer noch als moralisch-wissenschaftliche Autorität. Und das gilt auch jetzt noch, nachdem der neueste Bericht des Club of Rome einen nonchalanten Abgesang auf Demokratie und Marktwirtschaft anstimmt und autoritäre Regime wie China als Vorbild preist. Dieses Frühjahr, zum vierzigsten Jahrestag der „Grenzen des Wachstums“, hat der Club, der von Zürich ins feine Winterthur umgezogen ist, eine neue Großprognose vorgelegt. Der Titel lautet „2052 – eine globale Vorhersage für die nächsten 40 Jahre“. Hauptautor ist der norwegische Ökonom und Zukunftsforscher Jorgen Randers, der als junger Mann schon am ersten Report beteiligt war. Wer im neuen Buch eine kritische Auseinandersetzung mit den früheren Vorhersagen und ihrer Treffgenauigkeit erwartet, wird enttäuscht. Der Club blickt in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit. Er bleibt dabei seiner Mahnerrolle treu und erhebt den Zeigefinger. Nicht mehr die unüberwindlichen Ressourcenhindernisse stehen nun im Mittelpunkt des Analyse, sondern der Klimakollaps. In den siebziger Jahren war die Erderwärmung

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noch kein Thema, allenfalls ein Randthema. Damals gab es durchaus angesehene Wissenschaftler, die eher vor einer drastischen globalen Abkühlung und gar einer neuen Eiszeit warnten. Vielleicht erinnert sich noch jemand an das Titelbild des „Spiegel“, das damals den Kölner Dom inmitten eines Gletschers zeigte. Das ist jetzt, buchstäblich, Schnee von gestern. Das Klimaproblem, ausgelöst durch anthropogene Treibhausgase, soll bis 2052 einen Temperaturanstieg um 2 Grad auslösen, zudem soll der Meeresspiegel um 50 Zentimeter steigen, haben Randers und seine Leute ausgerechnet. Mir erscheint das als eine pseudogenaue Prognose – auch vor dem Hintergrund früherer Fehlvorhersagen. Stutzig gemacht hat mich eine andere Prognose in dem neuen Bericht: Hinsichtlich des Bevölkerungswachstums haben die Forscher eine radikale Prognose-Wende vollzogen. Früher sprachen Horrorvisionen von bis zu 15 Milliarden Menschen, die über die Erde krabbeln und verhungern würden. Nun heißt es, das Bevölkerungswachstum komme bei


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gut 8 Milliarden zum Stillstand. Alle Demographen, mit denen ich gesprochen habe, auch Gerhard Heilig vom UN-Bevölkerungsprogramm, halten das für eine groteske Fehlrechnung. Die Bevölkerung wird auf rund 10 Milliarden oder sogar noch mehr zunehmen. Wenn aber schon ein zentraler Baustein der Zukunftsvision so schief ist, wie soll man dann dem Gesamtbild vertrauen? Das Klima ist ein extrem komplexes System mit vielen Wechselwirkungen. Seriöse Wissenschaftler geben zu, dass sie erst anfangen, die verschiedenen Teilsysteme zu verstehen. Aber immerhin bringen Horrorszenarien öffentliche Aufmerksamkeit und damit politischen Einfluss sowie Spenden und Subventionen für die Klimarettungsindustrie. Nur dieser Effekt nutzt sich ab, wenn die Menschen durch zu häufigen Klima-Alarmismus abgestumpft werden. Die jüngste Studie von Weltbank und Potsdam-Institut, das als Annahme einfach mal 4 Grad Temperaturanstieg setzte, hat kaum noch für größeres Aufsehen gesorgt. Den Kern des Klimaproblems sehen die Club-Forscher im Kurzfristdenken. Und dieses Kurzfristdenken schreiben sie der Marktwirtschaft (dem „Kapitalismus“) und der Demokratie zu. Beide seien unfähig, der Übernutzung von Ressourcen und dem Klimawandel vorzubeugen. Daher laufe die Welt in eine Nachhaltigkeitsfalle. Abhilfe, so steht es im Club-Bericht, können autoritäre Regime schaffen wie China. Die Wissenschaftler des Club of Rome bekommen jedes Mal feuchte Augen, wenn sie an China denken. China dient als Vorbild für vieles, vor allem für die Steuerung von Investitionen und einen planvollen Weg in die Zukunft. Die Diktatur der KP habe bewiesen, dass sie durchgreifen kann. „China wird eine Erfolgsgeschichte sein, weil es fähig ist, zu handeln“, steht im Bericht. China beginnt aber erst seit etwa drei Jahrzehnten, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, seit es sich der Marktwirtschaft öffnet. Und der Ressourcenverbrauch der Chinesen ist immens, die Umweltzerstörung ebenfalls. Wenn sie einen neuen Staudamm bauen, werden eben mal eine Million Menschen zwangsumgesiedelt. Menschenrechte gibt es nicht. Ich meine, der Beitrag von autoritären Unterdrückungsregimes zur Fortentwicklung der Menschheit war eher gering – gemessen an dem, was im Westen die marktwirtschaftlichen Demokratien geleistet haben. Aber das letzte Wort der Geschichte ist für die ClubWissenschaftler noch nicht gesprochen. Sie zeigen unverhohlen Sympathie für „gute Diktaturen“ oder autoritäre Regime, solange diese „vernünftig planen“. Als Dennis Meadows vergangenes Jahr vor der Bundestags-Enquete-Kommission sprach, lobte er Singapur mit den Worten: „Eine Diktatur, aber mit smarten Leuten an der Spitze“.

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Freiheit als Menschenrecht ist für diese Club-Wissenschaftler sekundär oder sogar schädlich. In ihren Augen sind diejenigen Menschen gute Menschen, die wenig Wert auf individuelle Freiheit legen und die eher bereit sind, sich zum Wohle des Kollektivs und zukünftiger Generationen staatlichem Zwang zu unterwerfen. Marktmechanismen spielen in dem Bericht eine Nebenrolle. Die Marktwirtschaft habe die Probleme verschärft. Nun müssen die Staaten oder internationale Organisationen ran, die sich auf wissenschaftliche Experten stützen, um den Plan für die Zukunft zu entwickeln. Es ist erstaunlich, in welch krassem Maße Jorge Randers und seine Ko-Autoren die Möglichkeiten sozialer Planung überschätzen und die Bedeutung marktwirtschaftlicher Koordination verkennen. Statt direkter Eingriffe in Produktion und Konsum, um die Emissionen zu senken, sind marktwirtschaftliche Instrumente in der Klimapolitik denkbar, etwa ein umfassendes Emissionszertifikate-Handelssystem. Man kann die Erdatmosphäre als globales öffentliches Gut sehen. Wenn etwas allen gehört, dann wird es jeder so stark nutzen wie möglich, ohne sich um die negativen externen Effekte für die anderen zu scheren. Fehlende Eigentumsrechte führen zu Misswirtschaft. Ein globales Handelssystem für CO2-Emissionen könnte die Lösung sein, um den Emissionsanstieg auf marktwirtschaftliche Weise zu regulieren (Ich weiß, wie schwierig ein globales Abkommen sein wird). Doch statt marktwirtschaftlich einen Preis für Emissionen zu bestimmen, favorisieren Randers und viele andere Klima-Besorgte ein globale Planwirtschaft. Das ist hoch gefährlich. Die größten sozialen Desaster in der Geschichte sind von Intellektuellen vorbereitet worden, die daran glaubten, dass wissenschaftlich-technokratisch-politische Eliten einen Komplett-Umbau der Zukunft leisten könnten. Der Bericht des Club of Rome pflegt einen Szientismus, den man eigentlich im schon für überwunden hielt. Dass es auch Staatsversagen geben kann, erwähnen die Autoren lediglich in einem lapidaren Satz. Während sie viel von Experten, staatlichen Eingriffen und vorausschauender Planung durch den Staat schreiben, fehlt die Figur des Unternehmers auf den rund 400 Seiten des Berichts völlig. Dass technischer Fortschritt dazu führen kann, dass wir künftig Wachstum mit weniger Ressourcenverbrauch haben, dass technischer Fortschritt zu energie- und emissionssparenden Produktions- und Konsumprozessen führen kann – all das wird in dem Bericht völlig unterbelichtet. Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren kommt nicht vor, stattdessen hört man immer nur den Ruf nach staatlicher Planung, Einschränkung und Dirigismus.


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All das ist nicht nur politisch zweifelhaft, sondern auch ökonomisch blind. Entgegen den düsteren Vorhersagen des Club of Rome von 1972 hat sich die Welt seitdem in vielerlei Hinsicht zum Besseren verwandelt. Hunderte Millionen Menschen in den Schwellenländern haben sich aus der Der technische Fortschritt und die Armut befreit. Noch nie lebten so viele Erfindungsgabe der Menschen ermögMenschen in relativem Wohlstand wie lichen es, mit Knappheiten umzugeheute. Die durchschnittliche Lebenserhen. Ich persönlich habe keine allzu wartung ist seit den 70er Jahren nach großen Zweifel, dass die Menschheit UN-Angaben um etwa zehn Jahre gestieauch mit neuen Herausforderungen gen. Die Kindersterblichkeit ist um fast auf kreative Weise umgehen kann und zwei Drittel gesunken. Der technische sich neuen klimatischen und ökonoFortschritt und die Erfindungsgabe der mischen Bedingungen anpassen kann. Menschen ermöglichen es, mit Knappheiten umzugehen. Ich persönlich habe keine allzu großen Zweifel, dass die Menschheit auch mit neuen Herausforderungen auf kreative Weise umgehen kann und sich neuen klimatischen und ökonomischen Bedingungen anpassen kann. Das alles will der Club aber nicht. Er predigt Verzicht auf Wachstum, eine neue Genügsamkeit. Stagnation hält er für unausweichlich, weil er die Kraft der Marktwirtschaft verkennt. Im Inneren scheint der Bericht eine statische, stagnierende Welt geradezu herbeizusehnen. Aber es gibt noch viel zu viel zu tun. Noch immer leben mehr als eine Milliarde Menschen in totaler Armut. Eine starke künstliche Verteuerung von Ressourcen und Emissionen, wie sie viele Klimaaktivisten fordern, würde gerade diese Menschen existentiell bedrohen. Die eigentliche Fehler des Club of Rome war und ist nicht, dass er mit seinen Prognosen daneben lag. Der derzeitige Co-Präsident Eberhard von Koerber, ein pensionierter Manager, hat dazu vor kurzem gesagt: „Die Autoren des Berichts haben sich vielleicht um 10, um 30 oder 50 Jahre geirrt. Na und?“ Angesichts des Alters von einer Milliarde Jahren der Erde sei das doch letztlich wenig. Er meint, dass der Bericht im Grund doch Recht hatte, wenn auch um einige Jahrzehnte verspätet. Der schwere Irrtum liegt jedoch in der Schlussfolgerung, das extrem komplexe System Erde zentral planen zu wollen. Dafür fehlt uns schlicht das Wissen. Das Wissen, wie die Menschheit mit künftigen Knappheiten umgehen wird, kann niemals zentral generiert werden, weil es erst im Prozess der sozialen Interaktion und des wirtschaftlichen Austauschs entsteht. Der Wettbewerb ist viel stärker als tausend

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Dr. Philip Plickert Club of Rome – Die Propheten des Untergangs

Expertenberichte. Dadurch entstehen neue Entdeckungen und neue Lösungen. Großplanungen scheitern unweigerlich an der inhärenten „Anmaßung von Wissen“ (Hayek). Die „Fähigkeit zu handeln“, die der Club of Rome an autoritären Regimen und Planwirtschaften bewundert, ist durchaus groß. Aber was sie als „großen Sprung nach vorn“ nennen, kann auch fürchterlich daneben gehen. Deshalb nehmen wir uns besser vor den Propheten und den Planern in Acht, die den Weg der Menschheit vorherbestimmen wollen. Diesen Geist der Planungseuphorie, der in den siebziger Jahren besonders stark wehte, sollten wir endgültig hinter uns lassen. Und ebenso sollten wir misstrauisch werden, wenn Angstszenarien als Legitimation dienen für den „Leviathan“, den Staat, um sich auf Kosten der Bürger weiter auszudehnen, immer neue Bürokratie aufzubauen, Steuern zu erhöhen, immer neue Vorgaben, Einschränkungen und Verbote für die Umwelt- oder Klima-Politik zu erlassen. Auch dafür mag Ihre Konferenz sensibilisieren. Ich fasse noch einmal zusammen, was ich über die beiden Hauptstudien des Club of Rome gesagt habe: Der erste Bericht von 1972 hat die Ressourcenvorräte viel zu niedrig angesetzt und die Möglichkeiten durch den technischen Fortschritt weitgehend ausgeblendet. Ohne Zweifel sind die natürlichen Ressourcen knapp, aber sie sind noch bei weitem nicht erschöpft. Der neue Bericht, der in diesem Jahr herausgekommen ist, atmet immer noch den alten Planungsgeist. Er flirtet in erschreckender Weise mit autoritären oder gar diktatorischen Regimes. Es wäre an der Zeit, den freiheitsfeindlichen Zug mancher Forscher und Umwelt- und Klimaaktivisten viel stärker anzuprangern.


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Jan Fleischhauer Die Energiewende als Glaubensfrage

Vor ein paar Wochen rief mich eine junge Frau von Greenpeace Energy an und fragte, ob ich Zeit hätte, bei einer Konferenz zur Energiewende an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Mich hat die Einladung überrascht, muss ich gestehen: Ich bin nicht bekannt als jemand, der den Grünen ideologisch besonders nahe steht. Tatsächlich war ich nach dem Reaktorbrand in Fukushima, soweit ich das sehen kann, der einzige Journalist, der noch ein gutes Wort für die Atomindustrie in Deutschland einlegte. Vermutlich, dachten die Veranstalter, sie sollten bei ihrem Kongress für etwas Aufregung sorgen. Das hat auch ganz funktioniert, kann man sagen. Ich musste nur meine Thesen über den Umweltglauben als Religionsersatz vortragen, und schon stand der Saal Kopf. Es gehe hier nicht um Glauben, sondern um Wissen, wurde mit entgegengehalten. Die meisten Menschen empfinden es offenbar als schwere Beleidigung, wenn man sie in die Nähe einer Erweckungsbewegung rückt, dabei sind die Parallelen unübersehbar. Nehmen Sie die Erlösungshoffnung. Im Zentrum jeder Religion steht die Aussicht auf ein Endreich, in dem die Gottgefälligen ihren gerechten Lohn erhalten. Für den Umweltgläubigen ist dieses Paradies ein Land, in dem nichts mehr raucht und strahlt, in dem die Menschen brav ihr Biobrot kauen und die Kühe glücklich im Schatten der Windräder grasen. Wie bei jeder Religion leben die Gläubigen in Erwartung eines nahenden Weltendes, in diesem Fall eingeleitet durch steigende CO2-Werte, die die Meere über die Ufer treten lassen und den Himmel mit schrecklichen Stürmen verdüstern, Wo in der Bibel die Reiter der Apokalypse auftauchen, droht hier am Tag des Jüngsten Gerichts das atomare Feuer, das alles verschlingen wird Ich glaube es waren die beiden Autoren Maxeiner und Miersch, die zum ersten Mal auf den Glaubenscharakter der ökologischen Welt hinwiesen. Das ewige Leben findet danach in unablässigen Recycling-Schleifen seine Entsprechung und die Buße erfolgt in Form des Dosenpfandes. Wie das kirchliche Abendmahl festigen Lichterkette und Sitzblockade die Gemeinschaft der Gläubigen.

Jan Fleischhauer SPIEGEL-Kolumnist und Bestsellerautor, Berlin

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Und wie in allen Religionen sorgen Nahrungstabus für die Abgrenzung von den unreinen Heiden. „Bio“ ist nichts anderes als „koscher“, eine mentale Hilfestellung zur Festigung des Glaubens im Alltag. Wer Zweifel hat an der religiösen Dimension des modernen Umweltbewusstseins, muss nur einen Jünger des biologischen Glaubens bei der Zubereitung seines Frühstücks beobachten. Richtig vollzogen, nimmt diese rituelle Handlung leicht eine halbe Stunde ein. Das beginnt mit dem Ei, bei dem zu entscheiden ist, ob es aus Bodenhaltung oder Freigehege stammt. Der Saft kann nicht aus irgendwelchen Orangen kommen, sondern nur aus fair gepressten. Bei der Wahl Kaffeebohne ist zu entscheiden, ob sie aus einer kolumbianischen Fraueninitiative kommen soll, oder besser noch aus einer Kooperative Man darf sich nicht davon täuschen lassen, ehemaliger peruanischen Drogenkuriere, die nun in einem mit UNdass die Amtskirche beständig an Zulauf Mitteln geförderten Versuch in die verliert. Die eigentliche Staatsreligion in Kunst des schonenden Röstens einDeutschland ist der Ökologismus. Der geführt werden. Glaube an den Umweltschutz verbindet

alle Schichten und Generationen, diese Kirche ist immer voll.

Tatsächlich hat der grüne Glaube längst das Lager der Randgruppe verlassen. Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass die Amtskirche beständig an Zulauf verliert. Die eigentliche Staatsreligion in Deutschland ist der Ökologismus. Der Glaube an den Umweltschutz verbindet alle Schichten und Generationen, diese Kirche ist immer voll. Kein anderes Volk auf Gottes Erden trennt so hingebungsvoll seinen Müll, spart so fleißig am Wasser und bemüht sich überhaupt so leidenschaftlich, ein ökologisch vorbildliches Leben zu führen. Nur in Deutschland können zwei Libellen bei der Eiablage den Ausbau eines Flughafens und einige Juchtenkäfer im Park den Neubau eines Bahnhofs verzögern. Wenn es um die Rettung der Umwelt geht, lassen wir uns von niemanden etwas vormachen. Oder wie es mein Kollege Alexander Neubacher in seinem Buch „Ökofimmel“ schrieb: „Früher hat Deutschland seinen Nachbarn den Krieg erklärt, heute, wie sie aus der Atomkraft herauskommen.“ Der Ökologismus hat alle Parteien erfasst, hier ist die Trennung von Staat und Kirche prinzipiell aufgehoben. Spätestens seit die Kanzlerin die Union zur Energiewende bekehrte, ist auch das bürgerliche Lager Teil der grünen Missionsbewegung. Aber wie soll es auch


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anders gehen? Der sicherste Weg nach oben in der Politik führt heute nicht mehr über das Finanz- oder Wirtschaftsministerium, sondern über das Amt des Umweltministers. Angela Merkel, Jürgen Trittin oder Sigmar Gabriel – aus allen ist etwas geworden; an Martin Bangemann oder Werner Müller erinnern sich nur noch ein paar Fachredakteure. Gegen den modernen Umweltglauben ist an sich nichts zu sagen, es sei denn, man ist überzeugter Atheist. Auch ich möchte, dass meine Kinder in einer intakten Welt aufwachsen, also bringe ich brav mein Altglas zum Container, wasche meine Joghurtbecher, bevor ich sie zurücktrage, und achte beim Rasieren darauf, dass ich kein Wasser verschwende. Das Problem scheint nur zu sein: Vieles von dem, was wir zur Rettung der Umwelt unternehmen, hilft ihr gar nicht – manches bewirkt sogar das glatte Gegenteil. Wenn man sich daran macht, den Dingen auf den Grund zu gehen, erlebt man seltsame Dinge. Dann erfährt man zum Beispiel, dass der Inhalt unser gut sortierten Wertstofftonnen im Verbrennungsofen des nächsten Zementwerks landet. Man lernt, dass ausgerechnet die Einführung des Dosenpfands der Einwegflasche zu einem unverhofften Siegeszug verholfen hat. Oder dass die Stadtwerke allerorten mit dem C-Schlauch das Wasser in die Kanalisation pumpen müssen, das jetzt fehlt, weil die Leute bei jedem Toilettengang die Spartaste drücken.

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Unser Umgang mit dem Wasser ist ein gutes Beispiel, wie viel Wahrheit in dem Satz steckt, dass nicht alles, was gut gemeint ist, auch Gutes bewirkt. Deutschland liegt nicht in der Sahelzone, wie man spätestens dann merkt, wenn es wieder wie an Bindfäden schüttet. Dennoch sparen wir auf Teufel komm raus am Trinkwasser. Der Durchschnittsverbrauch ist in Deutschland seit 1990 um zwei volle Eimer am Tag gesunken, das ist eine beachtliche Leistung. Verglichen mit unseren europäischen Nachbarn verbrauchen wir sogar gut 80 Liter am Tag weniger. Leider hat diese Selbstkasteiung kaum einen Effekt auf die Wasserrechnung. Mehr als 80 Prozent der Ausgaben der Wasserwerke entfallen auf Wartung und Instandhaltung der Kanalisation, und der bekommt es gar nicht gut, dass wir immer weniger von oben einleiten. Die Experten sind sich einig, dass es besser wäre, die Deutschen würden wieder mehr statt weniger Wasser verbrauchen. Richtiggehend verhängnisvoll ist die Umstellung auf Biosprit. Der hoch subventionierte Maisanbau hat so um sich gegriffen, dass die Bundesrepublik 2011 zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder Getreide importieren musste, um genug Brot zu backen. Überall auf der Welt haben Konzerne begonnen, Felder und Äcker aufzukaufen. Die Folge lässt sich an den Getreidebörsen sehen, wo die Preise kontinuierlich steigen, was wiederum all diejenigen hart trifft, die so arm sind, dass sie sich schon ein paar Cent mehr fürs Mehl nicht leisten können, also etwa 1,4 Milliarden Menschen. Nicht einmal die Ökobilanz stimmt. Rapsdiesel ist selbst unter zertifizierten Bedingungen, also ohne Brandrodung, 4,5 Prozent schlechter als normaler Diesel, Sojadiesel ist fast zwölf Prozent schlechter und Palmöldiesel sogar etwa 15 Prozent. Ich habe vor ein paar Wochen in einer Kolumne die Frage gestellt, wo eigentlich die Mahnwachen vor der Parteizentrale der Grünen bleiben? Wo sind die Demonstranten, die nach der Ablösung von Jürgen Trittin und Renate Künast rufen und dazu Plakate mit dem Slogan „E 10 tötet“ hochhalten? Es waren schließlich die Grünen, die wie keine andere Partei die Umstellung der Landwirtschaft auf die Energiegewinnung beförderten. „Der Acker wird zum Bohrloch des 21. Jahrhundert“, verkündete Jürgen Trittin im November 2005 auf dem Internationalen Fachkongress für Biokraftstoffe, ein Zitat, an das er sich heute nur noch ungern erinnert. Aber aus irgendeinem Grund bleiben die Grünen von Protest immer verschont. Wenn demonstriert wird, dann immer bei den anderen. Wer nun erwartet, solche Erkenntnisse wären ein Grund innezuhalten in dem rastlosen Bemühen, die Welt noch ökologischer zu gestalten, hat das Wesen religiösen Handelns


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nicht verstanden. Wer von Kind auf lernt, dass vom Wassersparen die Rettung abhängt, kann nicht einfach damit aufhören, nur weil ein paar gottlose Gesellen das Gegenteil behaupten. Gerade die kultische Handlung eröffnet einen Raum, in dem das Wünschen noch hilft. Das nennt man dann magisches Denken. Das Problem aller chiliastischen Bewegungen ist die Terminierung des erwarteten Weltendes, da gilt auch für den Ökologismus. An der Gewissheit, dass der Weltenbrand nah oder jedenfalls unausweichlich ist, hängt die Bußfertigkeit der Pilger. In den frühen siebziger Jahren wurde das Weltende für die Jahrtausendwende erwartet: Im Jahr 2000 sollten alle Ressourcen verbraucht, alle Bäume gestorben und nahezu die gesamte Flora und Fauna ausgerottet sein. Es ist bekanntlich anders gekommen, aber das hindert die Propheten des Weltuntergangs nicht daran, begleitet von einem mächtigen medialen Posaunenchor immer neue düstere Warnungen auszustoßen. Im Augenblick ist das Weltende für das Jahr 2052 angekündigt, wenn die Klimakatastrophe das Leben auf unserem Planeten endgültig so unerträglich gemacht hat, Der Apokalyptiker, der stets mit dem Schlimmsten rechnet, braucht hin und wieder den Beweis, dass er mit seiner Weltsicht richtig liegt. Sonst ergeht es ihm am Ende wie den Zeugen Jehovas, die den Tag des Jüngsten Gerichts schon dreimal verschieben mussten, weil er sich bislang einfach nicht einstellen wollte. Das erklärt nach meiner Überzeugung die panische Verzückung, mit der große Teile der Umweltbewegung auf den Reaktorunfall im japanischen Fukushima reagierten, der uns die Energiewende bescherte. Die ersten Nachrichten waren kaum über die Agenturen gegangen, da meldeten sich schon die ersten Politiker zu Wort, die einer Abschaltung aller deutschen Kraftwerke forderten. Angesichts des Erregungssturms, der das Land befiel, musste man fast den Eindruck gewinnen, mitten in Deutschland habe sich ein Atomkraftwerk in einer Kettenreaktion verabschiedet und nicht 10.000 Kilometer entfernt in einer japanischen Provinz. Wenn man Fukushima als Erweckungserlebnis begreift, versteht man auch, warum die Energiewende mit solcher Entschiedenheit durchgesetzt wurde: Als Ostererlebnis verstanden ist sie eben keine rationale Entscheidung politisch verantwortlicher Akteure, sondern vielmehr eine kollektive spirituelle Bekehrungserfahrung. Deshalb laufen auch alle Hinweise auf die Kosten oder die Folgen für die Energiesicherheit des Landes ins Leere. Politisch gesehen, ist die Angst vor einem dann als schicksalhaft hereinbrechenden Ereignis ein eher unzuverlässiger Ratgeber. Das subjektive Empfinden, etwas sei so gefährlich, dass

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man es besser meide, ist trügerisch. Nur weil man sich vor etwas besonders fürchtet, heißt das nicht, dass es auch besonders zu fürchten wäre. Leider verlieren Statistik und Wahrscheinlichkeit schnell ihre Bedeutung, wenn es um Ängste geht, sie werden sogar mit Bedacht außer Acht gelassen. Anders ist ja nicht zu erklären, dass die meisten Menschen sich bei einer Autofahrt sicherer fühlen als bei einer Flugreise, obwohl das Gegenteil angezeigt wäre. Tritt sie kollektiv auf, kann die Angst auch erschreckend teuer sein. Ich weiß nicht, wer sich hier noch an den Ehec-Ausbruch erinnert, der im Sommer 2011 den Konsum von Tomaten, Gurken und allen artverwandten Salaten zum Erliegen brachte. Gerade waren die Deutschen noch zu Tausenden auf die Straße gegangen, um sich und das Land vor dem Atomtod zu bewahren, und dann kam das Verderben aus dem Frischeregal. Eine Milliarde Euro hat die Ehec-Panik die europäische Agrarwirtschaft am Ende wohl gekostet, wie das „Handelsblatt“ ausgerechnet hat. Wenn die Verbraucher selbst Gurkengläser und eingelegte Tomaten zu entsorgen beginnen, hilft kein Zureden mehr, da ist jedes Argument verloren. Dabei war es in Sprossen von einem Biohof in Niedersachsen, die den tödlichen Erreger in Umlauf brachten, wie man heute weiß. Was die Tödlichkeit angeht, liegt die Ökoindustrie damit weit vorn: Drei tote Arbeiter in Fukushima, 35 Opfer nach dem Outbreak in der norddeutschen Tiefebene. Aber so darf man natürlich nicht rechnen. Die Toten der Atomwirtschaft zählen immer zwanzigfach, damit liegt sie noch vorn. Es hat ein wenig gedauert, bis die Gefühlskultur das Regierungshandwerk erreichte, aber nun ist auch das geschafft. Wer heute noch glaubt, von Politikern erwarten zu dürfen, dass sie in schwierigen Zeiten einen kühlen Kopf bewahren, hat nichts von moderner Stimmungspolitik begriffen, wie der Profi weiß. Natürlich sei die Energiewende der Bundesregierung erklärungsbedürftig, hat der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust nach seinem Ausscheiden aus der Politik eingestanden: „Aber was wollen sie machen, wenn 70 Prozent der Bevölkerung für den Ausstieg sind? Politiker sind keine Helden, sie wollen wiedergewählt werden.“ Früher galt das Regieren nach Gefühlslage als Opportunismus, heute sieht man darin ein Zeichen besonderer Einfühlsamkeit und Bürgernähe. Für die beiden Traditionskirchen ist die grüne Konkurrenz ein Problem, wie sich leicht erkennen lässt. Die evangelische Kirche hat daraus die Konsequenz gezogen, es mit dem Schulterschluss zu versuchen. Alles, was auch die Anhänger der ökologischen Erweckungsbewegung umtreibt, kommt bei ihr ebenfalls zu Sprache. Ich weiß nicht, wie viele von Ihnen auf dem Kirchentag hier in Dresden vorbeigeschaut haben. Wenn ja, dann haben Sie schnell feststellen können, dass von allen Vorfeldorganisationen der Grünen die Evangelische Kirche heute die größte ist. Natürlich wurde gegen den Klimawandel gebetet, gegen


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Atomkraft und zu viel Wachstum. Die zehn größten Unternehmen des Landes wurden aufgefordert, „Verzicht zu üben“ beziehungsweise „Alternativen zum Wirtschaftswachstum zu entwickeln“. An die Bundeskanzlerin richtete sich der dringende Aufruf, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um dem „Recht auf ein Leben ohne Bedrohung durch atomare Strahlen“ zum Durchbruch zu verhelfen. Kein Thema war auf dem Kirchentag so präsent wie die Energiewende, nicht nur bei der „Kirche mit Kindern gegen die Atomkraft“, die sich direkt an die Kanzlerin wandte. Was die grünen Protestler zu Tausenden auf die Straße treibt, muss auch den grünen Protestanten bewegen. So verlangte der Kirchentag den Ausstieg aus der Atomkraft innerhalb der nächsten fünf Jahre, was sich so noch nicht einmal die Ökopartei traut – und, weil man so schön in Schwung war, auch gleich ein Verbot aller neuen Kohlekraftwerke. Es lässt sich einwenden, dass es auf Dauer schwierig sein dürfte, ein Industrieland ganz ohne verlässliche Energiequellen am Laufen zu halten, aber in einer Welt, wo man vor allem dem Gefühl vertraut, sind solche Überlegungen nachrangig. Mit dem Herzen zu denken beziehungsweise mit dem Kopf zu fühlen, wie es schon bei Konstantin Wecker hieß, gilt auf dieser Art von Veranstaltung als besondere Tugend. Der Stolz auf das unbedarfte Denken ist geradezu Signum der Gefühlstheologie: „Präreflektierte Unmittelbarkeit“ sei doch „eigentlich ganz schön“, verkündete Margot Käßmann zum Auftakt der grünen Tage in Dresden, womit sie zweifellos vielen Zuhörern aus dem – ja: Herzen – sprach.

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Impressionen ALternative Energiekonferenz 2012


Impressum FORTSCHRITTSOFFENSIVE Die neue Veranstaltungsreihe der sächsischen FDP-Landtagsfraktion 2. Veranstaltung Alternative Energiekonferenz am 1. Dezember 2012 im Internationalen Congress Center in Dresden Veranstalter und Herausgeber des Tagungsbandes FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag Bernhard-von-Lindenau-Platz 1, 01067 Dresden Tel. 0351/49 34 700, Fax 0351/49 34 730 E-Mail fdp@slt.sachsen.de www.fdp-fraktion-sachsen.de www.fortschrittsoffensive.de Veranstaltung Organisation: Thomas Felsner (verantw.), Lutz Hierschemann, Anne-Kathrin Rothe, Tom Vollmann, Jens Wagner Videodokumentation und -produktion: KATSUITE PICTURES DRESDEN Katrin Thomas, Johannes Hoffmann Tagungsband Redaktion: Michael Deutschmann (V.i.S.d.P.), Andreas Novak, Christian Schulze, Holger Zastrow Fotos: DIGIMAX Studio für Fotografie Thomas Schlegel (Lunzenau), Karl-Ludwig Oberthür (Dresden) Lektorat: Schreibbüro Dresden-Nord Herstellung: Saxedo GmbH Dresden/ Stoba-Druck GmbH Lampertswalde Diese Druckschrift ist eine Information über die parlamentarische Arbeit der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag. Sie darf nicht zur Wahlwerbung verwendet werden.


FDP-Fraktion im S채chsischen Landtag Bernhard-von-Lindenau-Platz 1 D-01067 Dresden Fon: 0351/49 34 700 Fax: 0351/49 34 730 E-Mail: fdp@slt.sachsen.de www.fdp-fraktion-sachsen.de www.fortschrittsoffensive.de

Broschüre Alternative Energiekonferenz  

Dokumentation zur Alternativen Energiekonferenz aus der Veranstaltungsreihe FORTSCHRITTSOFFENSIVE der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag am...

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