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Essay von Robert Misik

Ein guter Kapitalismus, kann es den geben? assen Sie mich so beginnen: Unser größtes gegenwärtiges Problem, abgesehen von der ökonomischen Misere, in der wir seit Ausbruch der Finanzkrise stecken, ist das Problem der immer stärker wachsenden Ungleichheit. Und dieses Problem ist mit der Finanzkrise verbunden. Wenn man heute Debatten unter den führenden Ökonomen der Gegenwart verfolgt, wird man feststellen, dass es fast ein neues Mantra, fast ein neuer Mainstream geworden ist, die Ungleichheit als das zentrale Problem der Gegenwart anzusehen. Und das ist ja schon für sich gesehen ein recht bemerkenswerter Umstand. Denn bedenken wir, was man uns seit dreißig Jahren eingeredet hat, seit dem Beginn der neoliberalen und neokonservativen Gegenreformation: Dass Gleichheit schlecht ist, weil die Welt doch bunt sei und wir alle unterschiedlich, und dass das ja schön sei so! Gleichheit ist doch kein erstrebenswerter Wert, hat man uns gesagt. Und dass in einer prosperierenden, brummenden Marktwirtschaft eben die einen mehr Erfolg haben und die anderen weniger. Aber wenn wir in diese Ergebnisse, für die der Markt sorgt, eingreifen, dann würden wir die Wohlstandszuwächse reduzieren; dass wir dann vielleicht mehr Gleichheit haben, aber alle auf einem niedrigeren Niveau wären; dass man also, wenn man eine brummende Wirtschaft haben will, Ungleichheit in Kauf nehmen muss. All das hat man uns gesagt. Und jetzt? Jetzt sagen, nicht alle, aber immer mehr, dass die Ungleichheit das zentrale Problem unsere Zeit ist. Joseph Stiglitz, der Wirtschaftsnobelpreisträger, hat im amerikanischen Hochglanzmagazin »Vanity Fair« einen großen Essay geschrieben, in dem er anprangert, dass das reichste 1 Prozent der Amerikaner sich jetzt schon über mehrere Jahrzehnte praktisch den gesamten Wohlstandszuwachs eingesackt hat, und die restlichen 99 Prozent nichts mehr vom wachsenden Kuchen abbekamen, zum Teil sogar immer weniger abbekamen.

Damit gab ein Wirtschaftsnobelpreisträger einer globalen Protestbewegung den Slogan vor: »Wir sind die 99 Prozent.« Paul Krugman, ebenfalls Wirtschaftsnobelpreisträger, stößt seit Jahren in dieses Horn. J. Bradford DeLong, ein einflussreicher US-Ökonom, sieht das ebenso, und plädiert für einen Grenzsteuersatz für Reiche von 70 Prozent. Martin Wolf, Starkolumnist der »Financial Times« – der wahrscheinlich bedeutendste Wirtschaftsjournalist der Welt – plädiert für eine »Totalreform des westlichen Kapitalismus« mit folgenden Eckpunkten: Strenge Regulierung des Finanzsektors, Reduktion der Ungleichheit, höhere Steuern auf Vermögen, geringere auf Arbeit, Kontrolle von Unternehmen, um kriminelles Verhalten im Keim zu ersticken, und statt Schutz der Märkte von der Politik, umgekehrt, Schutz der Politik vor der Wirtschaft, damit sich die Reichen nicht mehr die Regierungen kaufen können. Globale Institutionen, wie die OECD und der Weltwährungsfonds IMF, die ja nicht gerade für ihren antikapitalistischen Geist bekannt sind, haben in einer Reihe von Studien in den vergangenen Jahren darauf hingewiesen, dass in allen entwickelten Marktwirtschaften die Ungleichheit steigt und dass das die entscheidende Quelle der Instabilität ist: So untersuchen Forscher des Internationalen Währungsfonds in ihren jüngsten Arbeiten den Zusammenhang von Ungleichheit und Schuldenkrisen. »Unsere Analyse«, sagt einer der damit befassten Ökonomen, »basiert auf der Idee, dass die reichsten fünf Prozent ihre Einkommen so sehr erhöht haben, dass sie sie unmöglich ausgeben können. Man kann ja nur so und so viele Armani-Anzüge haben. Sie können nicht einmal genügend Unternehmen finden, die ausreichend profitabel sind, so dass sie das viele Geld investieren können. Das einzige, was ihnen bleibt, ist, das Geld über den Bankensektor zu verleihen. Währenddessen kriegen die anderen 95 Prozent einen immer kleineren Teil vom Kuchen. Sie müssen sich verschulden, um ihr Konsumniveau zu halten. Das Geld, das als Kredit von den Reichen zu den restlichen 95 Prozent wandert, türmt die Schuldenlast auf, unter der wir ächzen. Und auch der Staat hat Geld geliehen, um das Konsumniveau der weniger Wohlhabenden stabilisieren zu können.« Auf diese Weise also, sagt der IMF – der IMF ! – sind Vermögenskonzentration und Schuldenkrise miteinander verbunden. […]

Wie wir soziale Gerechtigkeit und eine florierende Wirtschaft unter einen Hut bekommen.

Foto: Viktoria Fahrnleitner

L

Robert Misik ist Journalist und politischer Autor. Für den Standard produziert er seit 2008 einen wöchentlichen Video-Podcast. 2009 veröffentlichte er »Politik der Paranoia«, im selben Jahr erhielt er den Staatspreis für Kulturpublizistik. Sein neustes Buch »Erklär mir die Finanzkrise!« erschien heuer im Picus Verlag. Robert Misik bloggt regelmäßig unter misik.at Fazit November 2013 /// 39

Fazit 97  

November 2013

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