Essay von Lukas Mandl
Österreichs nächste »Goldene Generation« Auszug aus dem Buch »Was Dir zusteht«
er Titel ist gegen Ende der Niederschrift dieses Buches entstanden. Und ich gebe zu, dass er inspiriert wurde durch ein kleines Fanal der jüngeren politischen Geschichte Österreichs: Politische Feinspitze werden sich an ein vielfach affichiertes Plakat eines österreichischen Bundeskanzlers erinnern, der Menschen mit dem Slogan »Hol‘ Dir, was Dir zusteht!« zur Stimmabgabe für sich und seine Partei bewegen wollte. Jahrzehnte nach John F. Kennedys berühmtem Satz »Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann; frage, was Du für Dein Land tun kannst« mutete die ganze Sache nicht nur für mich wie der Versuch einer Umkehr jener Werte, auf denen eine solidarische Gesellschaft beruht, an. – Verteilt werden kann nur, was erwirtschaftet wird. »Das beste Sozialprogramm ist ein Arbeitsplatz«, wie Ronald Reagan gesagt hat. Aber abseits solchen tagespolitischen Geplänkels gilt: Es ist viel mehr, es ist größer und weiter, was jedem Menschen in seiner Einzigartigkeit und Würde zusteht. Es lässt sich nicht erschöpfend auflisten. Die Freiheit – die individuelle genauso wie die gesellschaftliche – gehört zu den Voraussetzungen dafür, dass sich entfalten kann, was kein Staat jemals verordnen könnte; im einzelnen Menschen, durch ihn, und um ihn herum. Die Zeit, in der wir im heutigen Europa leben dürfen, ist eine der Freiheit, mehr als jede zuvor. »Österreich ist frei«, rief Leopold Figl im Wiener Belvedere 1955 aus. Die europäische Integration ist ein Projekt der Freiheit; Österreich ist seit 1995 voll involviert. Es waren goldene Generationen in der Politik, die diese beiden Entscheidungen herbeigeführt haben. Was können wir von ihnen lernen? Freiheit ist immer fragil, immer bedroht. Die Bedrohungen der Freiheit wandeln sich. Die Verteidigung der Freiheit – in Sicherheit – bleibt die zentrale politische Aufgabe. Freiheit braucht immer Verantwortung, sonst verflüchtigt sich beides: Verantwortung und Freiheit. Das erste Viertel dieses Jahrhunderts war von anderen Herausforderungen geprägt, als es für das zweite Viertel zu erwarten ist. Vorschläge dafür, wie wir die anstehenden Herausforderungen in Verantwortung für Österreich und Europa, für Freiheit und Sicherheit, wahrnehmen können, finden sich in diesem Buch. Ein Buch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz? Es mag anachronistisch sein, ein Buch zu veröffentlichen, aus der Zeit gefallen. Der parlamentarische Alltag, der schnelles Denken und Handeln, spontane Entscheidungen und flinkes Springen von einem Thema zum nächsten verlangt, verhält sich komplementär zu den Logiken eines Buches. Die digitale Kommunikation, in der das Internet zwar angeblich nicht vergisst, wo wir Menschen dann aber doch so wenig behalten, wo Gedanken und Gefühle automatisch verschwinden, adaptiert oder gelöscht werden, entzieht sich jenem Korsett, dessen Verschlüsse für immer einhaken in dem Moment, in dem die Druckmaschine anläuft. Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz wirft die Frage auf, warum ein Mensch überhaupt noch einen Text verfassen soll. Schließlich könnte schon eine durchschnittliche KI einen Überblick beispielsweise zu Zielen und Inhalten meiner parlamentarischen Arbeit in einer beliebigen Länge in einer beliebigen Sprache erstellen, in kürzester Zeit, fast kostenlos. Ich selbst habe beim Recherchieren künstliche Intelligenz verwendet. Ich weiß, dass mein wunderbarer Interviewer Johannes Roth auch zur Strukturierung der Fragen KI-Werkzeuge verwendet hat. Ein befreundeter Mönch sagte einmal zu mir: »Der Frage wohnt eine Spannung inne, welche die Antwort nicht mehr hat!« Ich bin Johannes Roth sehr dankbar für die Fragen. Es ist menschliche Kreativität, die zu diesem Buch führt. Und wenn nötig, löcke ich wider den Stachel, wenn ich gerade jetzt in einem Buch festschreibe, für wen und was ich arbeite, wo gegen ich auftrete, was mir Sorgen bereitet, welche Hoffnungen ich hege, und wo ich meinen Beitrag leisten möchte, damit Österreich und Europa im Sinne dieser und kommender Generationen vorankommen. Insofern hat ein solches Buch in dieser Zeit mehr vom »Hier steh‘ ich nun, ich kann nicht anders« nach Martin Luther, denn vom »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern« nach Konrad Adenauer;
Lukas Mandl, österreichischer Abgeordneter im Europäischen Parlament, hat in der »Edition Fazit« ein Buch zu den »Früchten der Freiheit« herausgebracht. Diese seien, »was Dir zusteht«, wie der Titel des Buches sagt. Lesen Sie hier einen exklusiven Vorabdruck.
Foto: Marija Kanizaj
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Mag. Lukas Mandl, geboren 1979 in Wien, ist seit 2017 Mitglied des Europäischen Parlaments, wo er stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses ist und den Ausschüssen für innere Sicherheit, Arbeitsmarkt und Außenpolitik angehört. Zuvor war er von 2008 bis 2017 Abgeordneter zum niederösterreichischen Landtag. lukasmandl.eu FAZIT JUNI 2026 /// 39