Fazit 177

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Große Anführer sind fast immer auch große Künstler im Vereinfachen.

Colin Powell, 1937–2021, Offizier und Politiker

Zweimal Albertina

Fotos: Außenministerium der Vereinigten Staaten, Franz Hubmann/Imagno/Albertina/Schenkung Sammlung Helmut Klewan (2), Museum der Moderne Paris

Modigliani versus Hubmann

Die Wiener Albertina verwöhnt uns gleich mit zwei hervorragenden Ausstellungen, die vom Stoff unterschiedlicher nicht sein könnten, aber durch ihre orts- und zeitnahe Präsentation eine Gesamtbetrachtung verdienen. Amedeo Modiglianis Porträtmalerei aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts steht Franz Hubmanns fotografischen Künstlerportraits aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gegenüber. Wir sind sehr verliebt. Von Michael Petrowitsch

A

medeo Modiglianis Lebenswege nachzuzeichnen ist das eigentliche Narrativ der Megaschau. Ein Lebenskünstler wie aus dem Bilderbuch, der dem Anspruch gemäß mit 35 Jahren den Löffel abgab. Frauen, Alkohol, Drogen und natürlich Armut und Krankheit, gepaart mit diversen Schicksalsschlägen und anderer Pein, was für eine fesche Bilderbuchkünstlerbiografie für die Nachwelt. Als Draufgabe Typhus, Tuberkulose und der Selbstmord der schwangeren Freundin. Netflix könnte diese Ausgeburt an Bohemienismus nicht besser formulieren. Wie gut, dass es eine perfekt funktionierende Albertina gibt, die auch diese Entwicklung aufbereitet und mit den Arbeiten kontextualisiert.

Superstar der Kunstgeschichte Naturgemäß zählt der in Livorno geborene und in Paris tätige Superstar mittlerweile zu den teuersten Künstlern der Kunstgeschichte und naturgemäß freut sich Klaus Albrecht Schröder über diesen Coup, den er vom Modiglianispezialisten Marc Restellini, dem Verfasser und Herausgeber des Werkverzeichnisses, kuratieren ließ. Rund 130 Gemälde und Skulpturen zeichnen einen künstlerischen Werdegang nebst biografischen Aperçus nach. Gelungen ist die didaktische Einführung mit Querver80 /// FAZIT NOVEMBER 2021

Hubmann-Portraits von Andy Warhol und Maria Lassnig

weisen zu Zeitgenossen wie Picasso, der mit seinem Kubismus in den Jahrzehnten danach das Rennen machte, während der früh Verstorbene erst zu späten aber umso gewaltigeren Ehren kam. Vor allem Modiglianis frühe Beschäftigung mit dem Begriff des »Primitivismus«, der heute in Zeiten der marktschreierischen politischen Korrektheit oft bewusst verfälschend eingesetzt wird, ist in den zeitlichen Rahmen der Nullerjahre des 20. Jahrhunderts eingeordnet. Hier trifft etwa ein Frauenkopf aus Stein aus dem kambodschanischen Angkor und eine hölzerne Maske, der Fang aus dem heutigen Gabun, auf zwei von Modigliani aus Sandstein geschlagene Köpfe mit überschlanken Schädeln und Mandelaugen. Merkmale, die uns in den wenige Zeit später entstandenen Porträts wieder begegnen werden und ihn bis zum Lebensende, das sich 2020 zum 100. Mal jährte, beeinflussen. Dass der Picassobezug in der Albertina nur geringfügig dargestellt wird – und marketingtechnisch für Albertinaverhältnisse erstaunlich hintangestellt wird – tut der Schau gut. Und die Besucherzahlen in den ersten Tagen sind gefühlt wohl ansehnlich. Man traut sich wieder ins Museum. Schwarzweißes Wem die Massen im ersten Stock der Albertina zu viel werden, möge sich an-


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