Fazit 166

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Frauen mit Vergangenheit haben eine Vorliebe für Männer mit Zukunft.

Dame Enid Diana Elizabeth Rigg, Schauspielerin, 1938–2020

Jazzfestival Saalfelden

Jazzliebe in Zeiten der Cholera

An missliebige, aber vorschriftliche Verhaltenskodizes bei Kulturveranstaltungen haben wir uns hierzulande noch immer nicht ganz gewöhnt. Wir leben halt irgendwie damit. Aber wie sieht es eigentlich im benachbarten »Ausland« aus? Ein Blick zu unserem Lieblingsfestival im Salzburger Saalfelden lohnt. Da macht man Beispielhaftes vor! Zur Nachahmung empfohlen! Von Michael Petrowitsch

Fotos: National Broadcasting Company, ManuelTreffer

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er Mensch, so der Grundtenor, ist ein soziales Wesen. Er liebt Zusammenrottungen aller Art und trachtet danach, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Das Eingehen besonders komplexer sozialer Bindungen zeichnet ihn gar aus. Tut er das nicht, gilt er als eigen, unter Umständen gar krank und wird von der Gruppe erst recht abgesondert. Meeresschildkröten etwa sind da anders, die kümmern sich dem Vernehmen nach nicht mal um ihren Nachwuchs. Dafür haben sie einen langen Atem. Einen langen Atem hat auch das im 41. Jahr befindliche internationale Jazzfestival in Saalfelden. Das benannte sich diesjährig einfach um und rief sich »weekender«. Der Output war allerdings umso bemerkenswerter, als gerade aufgrund der virologischen Misslichkeiten ein Viertagesprogramm erwuchs, das staunen machte und nachhaltig freut. Aus den Krisen gestärkt hervorgehen und so … Absichtliche »Themenverfehlungen« im diesjährigen Diskurs, um niederschwellige Breite zu zeigen (Voodoo Jürgens), gaben der erstaunlich jungen (jung an Jahren) österreichischen Jazzszene die Hand. Was für ein patriotischer Glücksfall, diese Pandemie, wie das Abschlusskonzert am Rooftop des Citytowers zeigte. Glücklich auch die Losung zusammenzuhalten und durchzuhalten. 80 /// FAZIT OKTOBER 2020

Einerseits ist es wohl dem faustischen Denken und dem Willen zur Durchsetzung geschuldet; ein anderes ist sicher das gegenseitige wirtschaftliche Vertrauen. Die wohlwollende Subventionsgebung und heuer auch das Gesamtbudget – ca. 400.000 Euro im Jahr 2020 im Vergleich zu 800.000 Euro im Jubiläumsjahr 2019 – wollte man auch nicht verkommen lassen. Dass der McDonald’s Saalfelden mit deutschen und holländischen Urlauberfamilien dermaßen voll ist, dass die Menschen de facto abstandslos übereinanderstehen, und 50 Meter daneben, sowohl das Kunsthaus Nexus und die fantastische Location Buchbinderei Fuchs mit Auflagen wie Security, Registrierung beim Ein- und Auschecken, Abständen, Masken und anderen wohlfeilen Dingen drangsaliert werden und den kreativen Prozess damit einschränken, ist eine kafkaeske Episode, die zu Papier gebracht, Kafkas Werke in den Schatten stellen würde. Wenn es nicht so kostspielig, wohl auf Kosten der Künstlerhonorare, und mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar wäre. Wobei von Seiten der Saalfeldner »Fair pay« großgeschrieben wird. Was anderes jetzt: Der Autor dieser Zeilen hatte ein gut gehütetes Geheimnis, dass er jetzt preisgibt. Er hat sich verliebt. Und zwar in Jesus. Denn ein Highlight ist die Dekanatspfarrkirche der Stadt Saalfelden, die in die Location der dislozierten Veran-

staltungsorte aufgenommen wurde. Gut Ding braucht Weil. Wer hätte sich das vor 40 Jahren wohl gedacht. Der Wunsch nach einer neuen Orgel wird im Entscheidungsprozess der Pfarre marketingtechnisch wohl auch eine Rolle gespielt haben. Das perfekt ausgeleuchtete Kruzifix mit dem gekreuzigten Sohn Gottes von Jakob Adlhart d. J. jedenfalls trägt zum gelungenen Gesamtensemble der Konzerte bei, die Akustik ist ein Ohrenschmaus.

Kunst als Lebensmittel Die Altvordern vor Ort, jene, die die Chose über Jahrzehnte passiv und aktiv begleitet haben, bringen ebenso Licht in die Welt und in so manches Dunkel der Historie. So ist Christian Fuchs mit seiner wunderbaren Buchbinderei zum fixen Aufführungsortsbestandteil des Aufgebots geworden. Für ihn produziert Kunst und Kultur nicht nur im handwerklichen und merkantilen Sinngehalt: »Kunst ist für mich Lebensmittel. Mit 16 hatte ich zum ersten Mal Kontakt zum Festival. Da ich nicht wirklich hineingefunden habe in die populäre Musik, bin ich beim Jazz gelandet. Als Wirtschaftstreibender würde ich sagen, dass das Festival noch nicht ganz dort angekommen ist, wo es hin soll. Ich bezweifle eher, dass es bei der Bevölkerung angekommen ist. Ein notwendiges Übel, damit es überhaupt weiterbestehen konnte, war, dass die Touristiker sich des Festivals an-