Fazit 164

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Ausgedacht und ...

Hallo Gustl! Sichrovskys Unwahrheiten Ein Telefonat, das so hätte ablaufen können. Aufgeschrieben von Peter Sichrovsky

Eigentlich ist es ganz schön zu Hause, essen, fernsehen, aus dem Fenster schauen, Leute beobachten, man gewöhnt sich dran, in der Wohnung zu bleiben und mit niemandem zu reden ...

70 /// FAZIT JULI 2020

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allo, Gustl bist das du?« Robert sitzt in einem bunt gestreiften Campingsessel am Balkon im zweiten Stock seiner Wohnung in der Unterhose und einem ärmellosen Unterhemd in der Sonne. Mit der linken Hand drückt er das Mobiltelefon an sein Ohr und rechts zwischen den Fingern rollt er eine Zigarette hin und her. Neben dem Sessel auf dem Boden steht eine halbvolle Bierflasche, daneben ein Aschenbecher mit mehreren Zigarettenstummeln. »Ja, sicher, wer, soll’s sonst sein? Du bist sicher nicht der Franz, wer stellt schon solche blöden Fragen!«, antwortet sein Freund Gustav am Frühstückstisch sitzend vor einer Tasse, auf der »Opa« steht, voll mit Milchkaffee, einem Teller mit einer aufgeschnittenen Semmel, der Buttertasse und einem Glas Marillenmarmelade. »Jetzt mach doch keine Witze, ich bin’s, der Robert!« »No na, natürlich bist du der Robert!« »Also, wie geht’s, Gustl? Bist gesund? Kein Virus?«, fragt Robert. »Bis jetzt nicht, aber du weißt ja, das lauert überall, ich bin halt sehr vorsichtig«, antwortet Gustav. »Ja, vorsichtig sind wir doch eh alle. Aber pass auf«, sagt Robert und seine Stimme wird ernst und etwas lauter, »Unsere Schnapserrunde, du weißt ja, der Karl, der Peppi, du und ich, wir wollen wieder anfangen.« »Seid’s ihr wahnsinnig!« Gustav setzt sich auf und schiebt die Kaffeetasse von sich weg. »Warum wahnsinnig, ist ja wieder alles erlaubt«, entgegnet Robert. »Erlaubt, was heißt das schon? Jeden Tag im Fernsehen redens von der zweiten Welle, die soll noch schlimmer sein als die erste, und du redest von erlaubt«, antwortet Gustav. Er legt das Mobiltelefon auf den Tisch und sucht den Knopf, um auf Lautsprecher umzuschalten. »Robert!« Ruft er laut in sein Telefon. »Hörst du mich noch? Ich hab umgeschalten, bin grad beim Frühstück!« Er beginnt, die eine Hälfte der aufgeschnittenen Semmel mit Butter zu bestreichen. »Ja sicher hör ich dich, brauchst auch gar nicht so schreien«, antwortet Robert und nimmt einen Schluck aus der Bierflasche. Gustav ist fertig mit der Butter und setzt mit der Marmelade fort, die er mit der Spitze des Messers aus dem Glas holt und auf der Semmel verteilt. »Schau, Robert«, sagt Gustav, während er von der Semmel abbeißt. »Es macht ja keinen Spaß, es ist nicht mehr so wie früher. Schon in der Straßenbahn muss ich die blöde Maske tragen. Dann unser Ober, der Bertl, ohne dem seinen Schmäh mag ich gar nicht Karten spielen. Wie soll der mit dem Fetzen im Gesicht mit uns reden? Das ist ka Stimmung, da fehlt etwas.« »Na und, ist doch nur eine Maske, was stört dich die? Drinnen im Lokal können wir sie runter nehmen, und der Ober, na ja, dem seine Witze, ich weiß nicht, wer braucht die? Kommst oder nicht, die ganze Runde geht doch nicht ohne dich?«, fragt Robert. Die Sonne steht hoch am Himmel, scheint direkt auf den Balkon und er hält sich die Hand vor die Augen. »Ich weiß nicht. Gestern war ich zum ersten Mal beim Würstelstand, unserem Würstelstand, und …«, sagt Gustav. »Na schau, hast dich ja doch hinausgewagt«, unterbricht ihn Robert. »Ja, sicher, man steht ja im Freien, der Türk’, der mir die Wurst gibt, muss eine Maske tragen, aber er schiebt sie immer wieder unters Kinn, weil’s ihm zu heiß ist. Und am Rückweg in der Tramway? Ich sag dir, mir ist fast schlecht geworden, der Geruch von der Burenwurst, den ich bei jedem Atem in die Maske blas’ und