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Menschen

Fazitbegegnung Volker Schögler trifft Eduard Hamedl Fotografiert von Heimo Binder

Der Vertrauensmann E

duard Hamedl ist eine Legende. Schon als junger Polizist wurde der heute 68jährige offiziell zum Helden geadelt, als er einen potentiellen Mörder und Selbstmörder aus einem brennenden, explosionsgefährdeten Auto heraus dingfest machte. Noch bekannter wurde er als Verhandlungsführer bei der Geiselnahme in der Karlau 1996 oder als Krisenmanager beim Grubenunglück von Lassing 1998 und beim Seilbahnunglück von Kaprun 2000. Sein Verhandlungsgeschick und Einfühlungsvermögen machten ihn auch zum gefragten Spezialisten für die Verhinderung von Selbstmorden. Aber auch für 15 Jahre zum Landtagsabgeordneten. Allein durch die von ihm vor fünf Jahren gegründete Männernotrufhotline 0800/246247 mit 34 ehrenamtlichen Mitarbeitern wurden 15 Suizidversuche verhindert. »Insgesamt werden es wohl an die einhundert gewesen sein«, steckt Hamedl die letzten Jahrzehnte ab. Der schlanke drahtige Radsportler vermittelt tatsächlich einen unmittelbaren, verläßlichen, einen vertrauenserweckenden Eindruck – ist das Begabung oder läßt sich das erlernen? »Als Kriminalist habe ich wahrscheinlich den sechsten Sinn. Ich verurteile die Tat, aber nicht den Täter. Den Täter zu verstehen ist wichtig für einen guten Polizisten und führt zur Aufklärung des Falls.« Und bei Selbstmördern? »Da ist das erste Wort entscheidend, die Ansprache. Man spricht über etwas ganz anderes und steuert bewußt, das gilt überhaupt für alle Gespräche.« Wohin man denn steuere? »Es gilt das Vertrauensprinzip: Ich möchte das Vertrauen des anderen gewinnen. Jeder Mensch hat ein kleines fiktives Fenster, dort muss man rein. Wenn einmal eine Beziehung aufgebaut ist, fällt es dem anderen schwer, Nein zu sagen.« Und man solle sich im Leben öfter auf das Bauchgefühl verlassen. Von akademischen Theorien hält der von einem burgenländischen Bauerhof stammende Ex-Polizist, Ex-Politiker und nunmehrige Lebens- und Sozialberater nicht viel. »So etwas wie ,Jemanden abholen, wo er steht‘ kann ich nicht mehr hören.«

Die Praxis sieht anders aus, wenn man auf der Dachkante eines Hochhauses mit einem Selbstmörder eine Zigarette raucht und ihn in stundenlangem Gespräch von seinem Vorhaben abbringt. »Ein einziges Mal habe ich körperlich zugreifen müssen und damit das Vertrauen gebrochen. Von dieser Frau bin ich später aber Trauzeuge und Firmpate eines ihrer Kinder geworden.« Es ist wohl diese Praxisorientiertheit und eine gewisse Hemdsärmligkeit, die ihn bei vielen Klienten so beliebt machen. Auch der Erfolg einer Therapie soll ja zu 60 bis 70 Prozent von der Beziehung zum Therapeuten abhängen. Eduard Hamedl ist zugleich ein Beispiel dafür, dass Erfolg das Selbstbewusstsein stärkt. Es sei zwar manchmal knapp gewesen und er habe auch Fehler gemacht, aber Hamedl kann heute behaupten: »Ich haben nie einen Misserfolg gehabt.« Und er vergisst auch nicht, das Glück der Tüchtigen zu erwähnen. Hinter zwei persönlichen Schicksalsschlägen vermutet er Quellen seiner Vorlieben und Begabungen, seines Gespürs und Geschicks zu erkennen. Das war zum einen der frühe Tod seiner Mutter, zum anderen eine Nahtoderfahrung nach einem Traktorunfall mit seinem Vater. Derartige Krisen im weiteren Sinne nicht ausschließlich negativ zu erleben, sondern so zu nutzen, dass daraus Vorteile und Chancen entstehen – das sei gewissermaßen die Kunst. Seiner Begabung zum Netzwerken und seinem Hang zum positiven Stress sind schon viele unterschiedliche Dinge geschuldet. Dazu zählt das »Walkabout« in Kainbach, die erste Drogentherapiestation in der Steiermark, genauso, wie das erfolgreiche Jahr 2018 für den steirischen Landesradsportverband, dessen Präsident er ist. Und wohl auch der Film, der über das erwähnte Geiseldrama in der Karlau und Hamedls zehnstündige Verhandlung vor dem Zugriff durch die Cobra gedreht werden soll. Aber das ist noch ein Geheimnis. n

FAZIT JÄNNER 2019 /// 45

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Fazit 149  

Jänner 2019

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