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Zur »Wiederkehr« des Nationalismus

Das »Zeitalter des Nationalismus« Das 19. Jahrhundert wird bis heute als »Zeitalter des Nationalismus« geführt – und das obwohl dieser Begriff erst an seinem Ende populär wurde. [3] Nationalgefühle, nationalistische Vorurteile und nationalpolitische Bewegungen gab es massenhaft, doch erst um 1900 wurde all das – in affirmativer wie in kritischer Absicht – in jenem »-ismus« zusammengefasst, den wir heute noch verhandeln. Anlass für diese Begriffsbildung war aber nicht nur die sich in den vorangegangenen hundert Jahren in der gesamten europäischen und westlichen Welt vollziehende Verwandlung dynastisch-ständischer in zumindest tendenziell demokratisch-nationalstaatliche Formen der politischen Gemeinschaft. Vielmehr war es – wie heute – auch im späten 19. Jahrhundert eine eigentlich gegenläufige Tendenz, die die Nation nicht mehr nur als eine natürliche Lebensform der modernen Völker und Gesellschaften, sondern als ideologisches Programm, als einen aktiv zu schützenden Wert oder gar als eine überhaupt erst in der Zukunft wahrhaft herzustellende Einheit erscheinen ließ. Denn die sich mühsam herausgebildete »nationale« Ordnung Europas war am Ende des 19. Jahrhunderts schon längst überformt, entstellt und herausgefordert durch eine sich im Namen des Imperialismus so gewaltvoll wie effektiv vollziehende Form der Globalisierung.

Die Nation war anfänglich nichts Anderes als ein Teil der Menschheit, der sich eine gemeinsame staatlich-politische Ordnung gibt.

40 /// FAZIT JÄNNER 2019

Es ist eine historisch illegitime Verkürzung, den Imperialismus der damaligen Zeit schlicht als eine Art wild gewordenen Nationalismus zu verstehen. Zwischen dem nationalen Anspruch auf partikulare Besonderheit gegenüber Anderen und dem imperialen Anspruch auf globale Einverleibung alles Anderen liegt ein so grundlegender Widerspruch, dass er zeitgenössisch nur durch die Einführung einer weiteren Zugehörigkeitskategorie versöhnt werden konnte: den Rassenbegriff. [4] Denn er hatte den Vorteil, die Nation statt in festen Grenzen als etwas zu denken, das vom Lokal-Familiären bis zum Globalen dehnbar war und dessen Erhalt und Größe von biopolitischen Praktiken der Reinhaltung und der Bekämpfung des Fremden abhing. In diesem Kontext entstand der Nationalismus-Begriff als Name einer Ideologie, die mit dem hergebrachten Anspruch auf nationale Selbstbestimmung schon kaum mehr etwas zu tun hatte und sie durch Programme der nationalen Selbsterhaltung und Selbstverbesserung ablöste. Auch dort wo eine gemeinsame nationale Vergangenheit verherrlicht wurde, wie etwa im nationalen Denkmalskult der Jahrhundertwende, wurde nicht historisch erinnert, sondern ein mythischer Ursprung erfunden, um zu seiner praktischen Wiederherstellung noch radikaler aufrufen zu können. Wie wir heute – und nicht zum ersten Mal – von der »Wiederkehr des Nationalismus« sprechen, ging der Nationalismus des 19. Jahrhunderts immer schon von einer Rückund Wiederkehr der Nation und des Nationalen aus. Nicht nur die bloße Überhöhung der eigenen Nation und die Anfeindung Anderer zeichnete ihn aus, sondern ebenso die Idee, zu einer idealen, ursprünglich einmal existenten, dann aber verlorenen Einheit und Gemeinschaftlichkeit zurückzukehren beziehungsweise diese um jeden Preis wiederherzustellen. Von der nationalen Mythisierung des Arminius in Deutschland oder des Vercingetorix in Frankreich um 1800 bis zum heutigen identitären und rechtspopulistischen Aufruf, das eigene Land und die ursprüngliche Heimat zurückzuerobern, finden sich in allen Nationalismen Verweise auf eine solche mythische Ursprünglichkeit. Dieses Ursprungsdenken erklärt sich aus dem historischen Entstehungszusammenhang der modernen Nationalidee, die selbst aber mit solchen Ursprüngen und fernen Idealzuständen nichts zu tun hatte. Denn nüchtern betrachtet, entstand die Idee der Nation genau dort, wo im 18. und 19. Jahrhundert staatliche Herrschaft immer weniger über das Ständische und immer stärker über das Prinzip der Volkssouveränität legitimiert wurde, was die Frage aufwarf, wer zu den Trägern dieser neuen Legitimitätsquelle gehören sollte. Hier ging es um die Ablösung und Überwindung hergebrachter Zugehörigkeiten und um die Etablierung einer neuen, rationalen und politischen Willensgemeinschaft, nicht um Wiederherstellung eines Ursprungszustands. Die Nation war anfänglich nichts Anderes als ein Teil der Menschheit, der sich eine gemeinsame staatlich-politische Ordnung gibt. Sie war Ausdruck der partikularen Konkretisierung jener universalen und demokratischen Werte, die die Aufklärung formuliert hatte. Doch um die neue politische Gemeinschaft zu begründen und gegen restaurative Kräfte durchzusetzen, wurde eine mythische Ursprungs- und Herkunftsgeschichte erfunden. Den Deutschen dienten die Germanen, den Franzosen die Gallier, den Engländern die Angelsachsen und den US-Amerikanern die

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Jänner 2019

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