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Zur Lage #97 Über das viele Gemeinsame, das uns trennt, über prinzipiell wichtige Prinzipien, ein bisschen was über das Autofahren und das Land des Dieselmotors, über die Vorzüge der Doppelmoral und über einen Helikopterausflug. Von Christian Klepej

I

m Grunde ist es ja das Gemeinsame, das uns trennt. Nehmen wir etwa mich und die Linken. Da könnte ein einfaches Gemüt, wie ich es bin, glatt denken, da gibt es überhaupt nichts, was uns, also mich und Linke, verbindet. Dabei ist dem überhaupt nicht so. Wir werden uns ja sicher einig sein, wenn wir an einen Linken denken, noch plakativer vielleicht an einen grünen Linken denken, der weiß, wovon er redet. Immer weiß der das. Und der weiß vor allem ganz genau, wie’s geht. Und jetzt kommt’s, das tu ich auch, da macht mir keiner was vor, wissen wie’s geht, das tue ich ganz genau. Vielleicht, und da kommen wir dann doch schon wieder zum Unterschiedlichen, fühle ich mich nicht ganz so regelmäßig dazu berufen, das dann allen gleich auf die Nase zu binden. Gar nicht jetzt deswegen, weil das unter Umständen präpotent wirken könnte, das machte mir nicht so viel aus. Ach Gott, präpotent ist man heutzutage ja schon, wenn man drei Sätze hintereinander auf Facebook richtig zu schreiben vermag. Nein, es geht mir mehr darum, ich könnte mich ja auch täuschen, mich also irren. Gut, Sie haben Recht, das ist mehr als unwahrscheinlich, jedenfalls kommt das sicher nicht allzu oft vor. Es ist also vor allem deswegen, dass ich nur, weil ich weiß wie’s geht, noch lange nicht alles so

Ach Gott, präpotent ist man heutzutage ja schon, wenn man drei Sätze hintereinander auf Facebook richtig zu schreiben vermag.

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mache, wie’s geht. Ich bin also kein besonders prinzipientreuer Mensch. Prinzipienlos bin ich deswegen noch lange nicht, ich halte mich halt selten an meine eigenen – mir prinzipiell sehr wichtigen – Prinzipien. Und da käme es mir dann doch etwas verwegen vor, von allen anderen, nur weil ich weiß wie’s geht, zu verlangen, alles also – nach meinem Dafürhalten – »richtig« zu machen. Was weiß ich, etwa im Autoverkehr. Natürlich soll man nicht gleich lauthals fluchen und fuchteln, wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer einen – nennen wir es beim Namen – Topfen baut. Ist mir aber schon passiert. Nicht nur einmal. Oder Mülltrennen. Klar, Papier, Kunststoff, Bio- und Restmüll. Ganz klar ist das. Und trotzdem hab ich die Mineralwasserplastikflaschen aus dem Auto auch schon einfach wie frevelhaft in die Restmülltonne fallen lassen. Nicht nur einmal. (Aber keine fünfmal, ich schwöre!) Und jede einzelne dieser Abweichungen vom Pfad der Tugend hatte ihren guten Grund. »Du Punktpunkt fahr weiter!« fällt nicht einfach so aus einem heraus, natürlich hatte man es da gerade besonders eilig und den wichtigsten Termin der Welt rechtzeitig zu erreichen. Zumindest die eigenen Abweichungen haben immer einen guten Grund. Bei den Abweichungen der anderen tut man sich in der Klassifizierung ihrer Dringlich- wie Notwendigkeit dann schon viel schwerer. Aber so ist das Leben, so ist der Mensch. Da sind alle gleich. Aber auf solche banalen Überlegungen legen Linke jetzt nicht so viel Wert. Die wissen eben wie’s geht und daher sollen gefälligst alle anderen es genau so machen. Alle anderen wohlgemerkt. Den Bereich betreffend das Verständnis für die eigenen Abweichungen leben sie schon. Schauen wir nach Deutschland, dem Land, das gerade im Begriff ist, den Dieselmotor Stück für Stück, Straßenzug um Straßenzug zu verbieten. (Übrigens lustig, wenn Sie auf einer Weltkarte die beiden Länder markieren wollten, in dem zum einen der Dieselmotor erfunden und in dem zum anderen der Dieselmotor verboten wurde, dann brauchen Sie nur eine Stecknadel.) Dort sind die Grünen, wie niemanden auf diesem Planeten und darüber hinaus entgangen sein kann, besonders umweltbewegt und politisch auch recht erfolgreich.

Ich denke nun, das liegt nicht zuletzt an der bedeutsamen Tatsache, dass dort Veranwortungsträger, wir kommen wieder zu den Gemeinsamkeiten, ein ganz wichtiges Element menschlichen Zusammenlebens beherzigen: die gute alte Doppelmoral. Die kenn ich auch, bin ich doch davon überzeugt, ab und zu Wein trinken und trotzdem Wasser predigen zu können. Als passionierter und vor allem täglicher Süßigkeitenkonsument weise ich etwa – genauso wie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann – meine Kinder Tag für Tag aufs neue darauf hin, dass Schokolade und andere Süßigkeiten nicht an jedem Tag zu genießen seien, weil das eben nicht gesund ist. Außerdem bekämen sie eh genug Süßigkeiten von den Omas. Also auf das mit der Schokolade und den Omas meiner Kinder wird Kretschmann jetzt nicht hinweisen, zumindest wüßte ich nichts davon, aber er als Ministerpräsident und Chef der dortigen Grünen weiß sehr genau, dass ein nachhaltiges Leben wichtig ist. Und fliegt trotzdem mit einem Hubschrauber, immerhin kein Diesel, zu einer kleinen Wanderung, um sich dort fotografieren zu lassen. Zu Fuß oder mit der Bahn, wie er verlauten hat lassen, wäre es sich nicht ausgegangen zu dieser Eröffnung einer Aussichtsplattform ins Wurzacher Ried, einem Naturschutzgebiet in Schwaben. Das – so sagt die Wissenschaft – pikanterweise durch einen Klimawandel in den Jahren um 300.000 bis 10.000 vor Diesel entstanden ist. Und jetzt jedenfalls eine prachtvolles wie – laut Wikipedia – »vielbesuchtes Ziel für Ausflügler und Wissbegierige« darstellt. Der Heliflug des Ministerpräsidenten wurde erst im Rahmen der Klimakonferenz in Katowice von übereifrigen Beckmessern thematisiert und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Da aber Kretschmann zuletzt im August bei einer Rede mit Formulierungen wie »Wir müssen radikal umsteuern, wir müssen mehr für den Klimaschutz tun … andernfalls werden wir große Teile der Erde nicht wiedererkennen … Wir in Baden-Württemberg müssen Vorbild sein …« schon aufhorchen hat lassen – er weiß also wirklich, wie’s geht –, brauchen wir uns um Baden-Württemberg keine Sorgen machen. Ein frohes Weihnachtsfest Ihnen allen. n

Fazit 149  

Jänner 2019

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