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Fazitportrait

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ls die drei Studenten im Grazer Wirtshaus »Sägewerk« im Jahr 1999 das erste Mal ihre Idee ventilierten, ahnten sie nicht, welche Lawine sie lostreten würden. Markus Kümmel, Andreas Koßmeier und Oliver Jusinger kannten einander schon aus dem Keplergymnasium, wo sie gemeinsam maturierten, um anschließend ein Telematikstudium an der Technischen Universität Graz zu beginnen. Umso mehr wunderten sie sich, dass es im Informationszeitalter des auslaufenden zwanzigsten Jahrhunderts nicht möglich war, im Internet unkompliziert auf Knopfdruck Auskunft und Information darüber zu bekommen, wo sie mit ihren Skiern am besten Tiefschnee fahren könnten. Die folgerichtige Idee lautete: Eine Art Meldesystem in Form eines vergleichenden Portals für Skigebiete in Österreich musste her. Entstanden ist daraus das wohl größte Urlaubsportal für Bergtourismus in Europa, Bergfex.at, mit einem Umsatz von mittlerweile 3,5 Millionen Euro und 19 Mitarbeitern.

Keine Investoren und keine Fremdmittel »Wir sind es langsam angegangen«, erklärt der 44-jährige Geschäftsführer Markus Kümmel mit einem Lächeln. Und das war gut so, denn kurz darauf platzte die sogenannte Dotcom-Blase, und unzählige Unternehmen der New Economy gingen den sprichwörtlichen Bach hinunter. »Aber das hätte uns nie wirklich betroffen, weil wir uns nur aus Eigenmitteln, sozusagen dem eigenen Cashflow finanziert haben«, so Kümmel. – Was überhaupt die beste Idee war, wenn man der nur scheinbar altmodischen Ansicht nachhängt, dass Kredite, Darlehen & Co eben in erster Linie eines sind – Schulden. Das war im Übrigen auch jener – einzige – Punkt, der den Experten der Businessplan-Initiative »i2b« missfiel: Sie wollten es kaum glauben, dass das junge Unternehmen ohne Aufnahme von Fremdgeld starten wollte. Im Nachhinein läßt sich sagen, dass diese Entscheidung goldrichtig war, wie Andreas Koßmeier ausführt: »Wenn Investoren mit im Spiel sind, ist in der Regel sehr bald von Wachstum die Rede. Wir kennen genug Unternehmen, die an diesem Druck gescheitert und schließlich auf den Schulden sitzen geblieben sind.« Und Markus Kümmel ergänzt: »Für ein IT-Unternehmen sind wir sehr konservativ, dafür aber stetig gewachsen.« Diese Aussage läßt sich mit eindeutigen Zahlen belegen. Der vergangene Jänner war mit mehr als 140 Millionen Seitenaufrufen und 24 Millionen Besuchern der stärkste Monat in der Geschichte des mittlerweile bald 18-jährigen Unternehmens. Die imponierendste Zahl stammt aber von Jänner 2016 (2017 ist noch nicht ausgewertet): Mit 9,848.726 Unique Clients (also die Anzahl der Computer, die auf die Seite zugreifen) wurde die Webseite von Bergfex zur reichweitenstärksten Österreichs – sowohl bei den Einzelseiten (noch vor willhaben.at und standard.at), wie auch im Vergleich mit den Dachangeboten und Vermarktungsgemeinschaften (knapp vor den Platzhirschen Styriakonzern und ORF-Online).

70 /// FAZIT JUNI 2017

Wie »Bergfex« Geld verdient Im Gegensatz zu den untergegangenen IT-Unternehmen hat Bergfex das geschafft, worauf es im Geschäftsleben letzten Endes ankommt: Die Website generiert Umsätze. Aber wie? Im Grunde ist das Geschäftsmodell sehr einfach. Bergbahnen und Tourismusverbände stellen Inhalte wie Schneehöhen, Pistenzustände, Wetter oder Gebietskarten auf Bergfex.at kostenlos zur Verfügung. Somit kann sich jede Tourismusregion gratis präsentieren, was gern angenommen wird, zumal sich die hohe Klickrate der User auch längst herumgesprochen hat. Sieben Vertriebsmitarbeiter von Bergfex verkaufen die Unterkünfte, wobei ein Eintrag, ähnlich einem Zeitungsinserat, zwischen 145 und 495 Euro kostet – abhängig von der Bettenanzahl des jeweiligen Betriebs. Die auf der Startseite ersichtlichen »Promotionboxes« (zu 990 Euro für eine Woche im Winter beziehungsweise zwei im Sommer) in Gestalt von kleinen Fotos mit kurzem Text, zugleich auch Links zu den jeweiligen Regionen oder Häusern, sind bedeutende Umsatzbringer. Dass das auch funktioniert, ist eine Frage des »Gewußt-Wie«. Markus Kümmel: »Das muss in einem gesunden Verhältnis zu den Seitenzugriffen stehen. Wir sind immer schon eines der wenigen Unternehmen gewesen, die die Zahl der Schaltungen limitiert haben. Bei uns ist das Online-Marketing immer an das Wachstum der Zugriffe gekoppelt. Tatsächlich könnten wir um vieles mehr an Werbung verkaufen, aber dann bekämen die einzelnen Kunden weniger Klicks und würden schnell wieder wegbrechen. Das verstehen wir unter gesundem und nachhaltigem Wachstum.« Weitere zwölf Mitarbeiter, davon acht im Haus, sorgen für Redaktion, Technik und weiteres (Online-)Marketing. Im Form von »Packages« werden dabei vier Schienen angeboten: Neben der Promotionbox sind das der Newsletter, der über beachtliche 180.000 Abonnenten verfügt, sowie ein Gewinnspiel und eine Bannerwerbung, die im wahren Sinn des Wortes hin und wieder daneben erscheint, was zusammen etwa die Hälfte des Umsatzes ausmacht.

Mehrwert für den User Wer die Website näher studiert, kann sich an vielen Services und Features freuen, die weit über die ursprüngliche Idee hinausgehen, gesammelte Information über Schneehöhen anzubieten. Die Bedürfnisse und Wünsche der User werden offenbar zielgenau und konsumentenfreundlich abgedeckt. Da die Bergwelt nicht nur im Winter und nicht nur für Skifahrer von Interesse ist, finden sich seit sieben Jahren neben rund 1.800 Skiregionen auch etwa 5.000 Sommerregionen auf der Website. Natürlich ebenfalls mit unzähligen Informationen und Suchfunktionen etwa über Region, Badeseen, Unterkünfte, Touren, Veranstaltungen, unzählige Webcams oder Wetter. Für letzteres ist Bergfex.at auch bei Schi– und Wanderverweigerern beliebt, weil es sicher zu den besten Wetterprognosen des Landes zählt. Kein Wunder, steckt doch ein starker Partner dahinter, nämlich die Zentralanstalt für Meteorologie

Fazit 133  

Juni 2017

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