Fazit 118

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Für Immanuel Kant ist Freihandel eine Voraussetzung für nachhaltigen Frieden: »Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt.«

6 /// FAZIT DEZEMBER 2015

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enige politische Debatten sind ideologisch so aufgeladen wie die um das Wesen der freien Märkte und aktuell um das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA. Während die Liberalen dem Freihandel fast religiöse Heilswirkungen zusprechen und jeden Widerspruch als sozialistische Romantik abtun, formieren sich auf beiden Seiten des Atlantiks globalisierungskritische NGOs, die in den Märkten ein zerstörerisches System sehen, vor dem sie die Bürger unbedingt schützen wollen. Als Beleg für die destruktiven Kräfte des Kapitalismus ziehen sie die globale Wirtschaftskrise und die daraus resultierenden sozialen und ökonomischen Verwerfungen heran. Sie sind davon überzeugt, dass staatliche Organe durch Liberalisierung und Globalisierung nicht in ihren Möglichkeiten zur Regulation eingeschränkt werden dürfen.

Der Freihandel ist ein Kind der Aufklärung

Die Aufklärer zeigten sich davon überzeugt, dass Freihandel Frieden bringt, weil er den Wohlstand maximiert. Wer auf Augenhöhe miteinander Geschäfte macht, hat kein Interesse daran, seine Ziele mit Waffengewalt durchzusetzen. In ihrer Kritik am staatlich gelenkten und protektionistisch ausgerichteten Merkantilismus erkannte etwa der Begründer der klassischen Nationalökonomie, Adam Smith, dass nichts besser für einen gewaltfreien Interessensausgleich der Staaten sorgt als die regulierende Kraft des Marktes, weil er mit unsichtbarer Hand für die Maximierung des Wohlstandes sorgt. Nach Smith strebt zwar kein einzelner Marktteilnehmer direkt danach, das Volkseinkommen zu maximieren, sondern handelt egoistisch. Dennoch führt der Gleichgewichtsmechanismus des Marktes – wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt – zum volkswirtschaftlichen Optimum. Das eigennützige Streben der wirtschaftenden Menschen und Unternehmen trägt somit zum