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Schwerpunkt | 40 Jahre Kyudo in Deutschland nächsten zwei Jahre von Kawaguchi nach Tokyo gependelt. Ein Grund, warum ich mit Kyudo weitergemacht habe, war, dass mein Kommilitone Willy Flint, der in Japan No-Theater studierte, sagte: Wenn du einen guten Lehrer in Japan findest, der dich unterrichtet – so eine Chance bekommst du kein zweites Mal! Dies und die japanische Kultur, die sich vor mir entfaltete, bewogen mich, in Japan länger zu bleiben als vorgesehen. Der Anfang war nicht einfach, man kommt mit der Sprache nicht zurecht, muss sich sein Leben organisieren, aber nach einem halben Jahr schon war mir klar, dass ich irgendwie in Japan bleiben wollte.

Was genau tat Professor Inagaki an der Waseda-Universität? 1

Die Studenten im Kyudo unterrichten und vor allem auf Wettkämpfe vorbereiten. Er hatte dort sonst keine Aufgabe. Inagaki hatte in Kawaguchi eine metallverarbeitende Firma. Einen Teil hat er mit 53 Jahren verkauft, damit er sich dem Kyudo widmen konnte. Als ich nach Japan kam, war er gerade 55 Jahre alt. Zur dieser Zeit ging er bereits seit zehn Jahren zweimal pro Woche zu seinem Lehrer Urakami. In dieser Zeit hat er von Urakami das gesamte Wissen der insai-ha übernom-men. Dies habe ich alles im nachhinein erfahren. Zu der Zeit wusste ich auch nicht, dass er einer der besten Schützen Japans war.

Hast Du auch Herrn Urakami kennengelernt? 1

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Einer der Gründe, warum ich in Japan blieb, war die Persönlichkeit von Inagaki sensei. Er hat mit einer ungeheueren Disziplin und Konsequenz sein tägliches Training an der Waseda durchgeführt. Er war ganz klar in seinen Anweisungen, durchaus auch strikt und streng, was die Regeln im Dojo anging. Und er war von einer sehr intensiv menschlichen Nähe in den Pausen oder wenn es darum ging, Kaffee zu trinken. So etwas kenne ich von Europa eigentlich nicht. Er war sehr konsequent in seinem Handeln und von einer Klarheit des Abschusses, die ich am Anfang nicht verstanden habe. Er hatte aber auch sehr viel Humor und konnte zu allen Themen sofort kleine Zeichnungen anfertigen. Nicht lange zuvor hatte er auf den Drei-FingerHandschuh umgestellt und kämpfte hart darum, nicht zu früh abzuschießen. Ich wohnte in seinem Haus und erfuhr dort eine selbstverständliche, nicht aufgesetzte Herzlichkeit und Interesse an dem anderen, aber nicht so, dass man dem anderen bei etwas helfen müsste. Ich war gar nicht darauf vorbereitet, dass sich jemand so intensiv und herzlich und geduldig um mich in Japan kümmern würde. Diesen Aufwand kann ich in meinem ganzen Leben nicht zurückzahlen. Ich bedaure, dass ich am Anfang zu wenig Japanisch konnte. Herr Inagaki hat mir sicher viel Interessantes gesagt, das ich aber erst viel später verstehen konnte. Er hat sich für alles interessiert. Zu der Zeit hat sich Herr Inagaki das Okayama-Mokuroku ausgeliehen und einen Monat lang von Hand abgeschrieben. Er hatte auch eine kindliche Freude am Spielen, sammelte zum Beispiel Modellspielzeug, U-Boot-Modelle und so. Morgens kam er räuspernd zu meinem Zimmer, lud mich zum Kaffee ein und hat immer einen Grund gefunden, sich mit mir eine halbe Stunde zu unterhalten. Er wollte gerne Deutsch lernen.

Inagaki hat mich einmal zu ihm mitgenommen und ich musste zwei Pfeile am Makiwara vorschießen. Aber ich habe keinen Kommentar von ihm gehört. Das war 1967, kurz danach hat Herr Urakami sein Gedächtnis verloren. Ich konnte ihn nie schießen sehen. Wie kam es zu Inagaki senseis Reise nach Deutschland?

sor Inagaki, dies sei eine gute Idee und er würde gerne mitkommen. Von dort wolle er nach Amerika weiterreisen, wo sein Sohn immer noch studierte. Aus der Kyudo-Zeitung hatte er erfahren, dass Herr Onuma 1968 in Hamburg gewesen war, und von ihm bekam er dann Adressen von Leuten in Hamburg, an die er sich wenden konnte. Diese habe ich dann angeschrieben. Es kam ein freundliches Ja von Herrn Kaufel und von Herrn Schliefen, beide vom westlichen Bogenschießen. Meine Idee war es dann, daraus eine kleine Weltreise zu machen. Wir waren zu viert. Es waren noch Herr Shinkai dabei und Herr Tateno, der allerdings nichts mit Kyudo zu tun hatte. Wir sind von Yokohama mit dem Schiff nach Nachodka. Von Nachodka ging es mit dem Zug nach Chabarowsk, dann mit dem Flugzeug bis Moskau, wo wir einige Tage verbrachten. Dann mit dem Zug nach Warschau. Von dort nach Berlin und über die Friedrichstraße in den Westen. Wir haben Berlin besichtigt und sind dann nach Hamburg weitergefahren. Herr Kaufel hatte eine leere Dachwohnung, dort konnten wir bleiben. Auf einem Hockeyplatz in Hamburg leitete Inagaki sensei dann ein Kyudo-Seminar der westlichen Bogenschützen. In diesem Kurs ist auch Feliks Hoff gewesen. Die nächste Anfrage, ich glaube 1972, kam dann von Feliks. Einige Tage später kam eine Gruppe Japaner nach Hamburg, mit der wir – es klingt unglaublich – zufällig zusammentrafen. Das waren Herr Onuma, Herr Anzawa und andere, sie wollten nach Garmisch zu Herrigels Grab. Nach einigen Tagen reisten auch wir weiter, zum Rhein und nach Oberwesel und nach Stuttgart zu meinen Eltern. Herr Shinkai blieb noch vier Wochen in Hamburg. Danach ist Herr Inagaki nach Amerika weitergeflogen.

Irgendwann musstest Du aber zurück nach Deutschland, Du warst immerhin fast zehn Jahre in Japan.

Die meisten Kyudoka haben Inagaki-sen- 1 Nachdem ich dreieinhalb Jahre in Japan 1 Ja, vier Monate fehlten zu den zehn sei nicht persönlich kennengelernt. Wie war, wollte ich gerne wieder Deutschland Jahren. würdest Du ihn beschreiben? besuchen. Ganz beiläufig erklärte Profes-

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ZANSHIN I.09  

Das Deutsche Kyudo Magazin (DKyuB e.V.) German Kyudo Magazine

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