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„Ich wusste nicht, was Herrigel ist“ A ac h e n Kyudo-Vorreiter Prof. Dr. Manfred Speidel im Gespräch In diesem Jahr wurde Kyudo in Deutschland 40 Jahre alt. Wie gelangte Kyudo damals nach Deutschland? Manfred Speidel (71) in Aachen ist das Gedächtnis der deutschen Kyudo-Szene. Mit ihm begab sich Sven Zimmermann auf eine Spurensuche zu den Anfängen.

Wie ergab sich für Dich die erste Begegnung mit Kyudo und mit Inagaki sensei? 1

Das war 1966. Ich war wegen Architektur nach Japan gegangen, war zuerst an der Waseda-Universität als Gaststudent eingeschrieben, habe dort auch Japanisch gelernt. Dort hatte ich einen Kommilitonen, ein Däne namens Willy Flint, der dort damals mit Kendo angefangen hat. Neben Japanischstudium, Architektur und Sightseeing in Tokyo kam in mir der Wunsch auf, etwas „typisch Japanisches“ zu machen. Da gab es vielerlei Dinge. Kendo kam für mich nicht in Frage, aber im Uni-Büro gab es ein Verzeichnis aller 100 Clubs, Klettern, Theater, Musik und alles Erdenkliche. Dort waren auch ein paar Fotos, unter anderem ein Student, der im tsumeai abgebildet war, das fand ich sehr attraktiv. Es sah ruhig und japanisch aus. Ich habe mit dem Manager des Clubs gesprochen. Das war Mitte April 66. Drei Wochen später war ich dabei, bekam die Gummizwille in die Hand. In diesem Kurs waren ungefähr 20 Studenten, die unter Anleitung und Kommando eines Älteren übten. Es sah ähnlich aus wie eine paramilitärische Übung. Ich konnte noch kein Japanisch und versuchte, die anderen in ihren Bewegungen nachzumachen. Ich hatte jeden Tag Japanischunterricht,

und nach einiger Zeit meinte einer der älteren Studenten, ich müsse auch zum Kyudo jeden Tag kommen. So hatte ich es mir nicht vorgestellt. Ich hatte ja auch noch Architektur. Nach ungefähr zwei Wochen kam der damalige Trainer der Studenten, er wurde immer nur mit kantoku-san angeredet, also mit Trainer. Er setzte sich mit mir hin und fing an, sich zu unterhalten, mehr schlecht als recht, auf Englisch. Er sagte immer etwas, was ich nicht verstand, bis er zur Tafel ging und „Herrigel“ aufschrieb. Damals wusste ich nicht, was „Herrigel“ ist. Der kantoku wollte wissen, ob ich Herrigel kannte, und ich musste zu meiner Schande gestehen, dass das nicht der Fall war. Es wurde aber dennoch ein angenehmes Gespräch, das ein gutes Gefühl bei mir hinterlassen hat. 14 Tage später kam ein Kommilitone aus Stuttgart an, der mich fragte, was ich so tue. Als ich ihm eröffnete, dass ich Kyudo übe, kam er auch sofort auf Herrigel zu sprechen. Da bin ich in eine Buchhandlung, die auch deutsche Bücher hatte, und habe mir ein Exemplar gekauft. Beim Lesen habe ich mich sehr gewundert, was für eine psychologische Tiefenschärfe er beschreibt. Das war mir bis dahin nicht klar.

Herbst wurde das Training intensiviert und erwartet, dass man mehrmals die Woche kam. Ich habe auch noch in einem Architekturbüro gearbeitet. Mit der Zeit hat sich Kyudo für mich als interessant erwiesen, ich wurde davon ergriffen. Nicht zuletzt, weil mich auch fasziniert hat, wie die Älteren sich um die Jüngeren kümmerten, und auch der kantoku sich um mich bemüht hat. Nach dem ersten Jahr wurde ich zur 1. Dan-Prüfung geschickt. Und so hat sich das entwickelt.

Bist Du wegen Kyudo dann in Japan geblieben? 1

Ursprünglich wollte ich nur ein Jahr in Japan bleiben. Irgendwann ging mir langsam das Geld aus. Ich wollte aber noch 1 ... ja, das war Herr Inagaki, wie sich länger bleiben. Ich musste aber aus der später herausstellte. Er wurde aber immer Wohnung, die ich gemietet hatte, ausnur mit kantoku angesprochen. ziehen. Ich teilte dann eine Wohnung mit einem Kommilitonen, aber nach dem zweiten Jahr ging uns beiden das Geld Wie ging Dein Üben dann voran? aus. Da hat mir der kantoku ein Zimmer in seinem Haus angeboten. Es wurde frei, 1 Ich habe versucht, andere zu kopieren. weil sein Sohn Masayuki für zwei Jahre Der kantoku und die Mitübenden haben nach Amerika ging zum Masterkurszwar auch manches erklärt, was ich aber Studium Elektrotechnik. Das habe ich sehr oft sprachlich nicht verstanden habe. Im gerne angenommen. So bin ich die Und dieser kantoku war ...

Zanshin I | 09 5

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ZANSHIN I.09  

Das Deutsche Kyudo Magazin (DKyuB e.V.) German Kyudo Magazine

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