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Literatur

Shinto in der Kunst des Bogenschießens [1] W ie n Neues Kyudobuch von Dr. Diethard Leopold Es gibt ein neues Kyudobuch: „Shinto in der Kunst des Bogenschießens“. Der vielen bekannte Kyudolehrer Diethard Leopold aus Österreich hat es geschrieben. Q Schon während der Entstehung des Manuskripts hatten wir uns darüber ausgetauscht. Als Diethard dann Kyudo zu „Shinto“ in Beziehung setzte, war ich erst einmal irritiert, denn für mich war „Shinto“ ein allzu ferner Begriff. Ich hatte in Diethard eher einen erfahrenen „Zen-Menschen“ gesehen.

Menschen“ bedeutet. Diethards Buch ist eine Wegbeschreibung, auch ein Reisebericht in eine ihm anfänglich sehr fremde Kultur. Gerade aufgrund der erlebten Fremdheit wird er in ungeahnter Weise auf sich selbst zurückgeworfen. An seiner schönen, feinfühligen Sprache kann man Freude haben. Er schreibt sowohl unterhaltsam – dazu tragen ausreichend Situationskomiken bei – als auch tiefgründig, wenn er Bezug nimmt zur Philosophie, zur Theologie, zur Mystik. Jedoch zeigt der sehr persönlich geschriebene Text vor allem, dass die eigenen Fragen, die man

Der Psychotherapeut und Kyudo-Lehrer in seinem Wienerberg-Dojo. Inzwischen verstehe ich „Shinto“ als einen weit gefassten Bezugsrahmen für den Menschen und seine Möglichkeiten, mit Hilfe eines komplexen Übungsweges zur geistigen Reife zu gelangen. Ich übersetze mir „Shinto“ als geistigen Raum, der die uns bisher bekannten Bewusstseinsebenen umfasst und zur Verfügung hält, z.B. die magisch-mythische, die mentale, personale, die rationale und die integrale – wie sie auch Jean Gebser (der europäische Bewusstseinsforscher) darstellt. Am Anfang des Buches erklärt Diethard, dass Shinto für ihn „Der Weg der guten Geister“, oder einfach „Der Weg des

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an den Kyudoweg haben kann, durch die Art, wie man real übt, bearbeitet werden. Der Erfahrungsbericht ist geradezu leichtfüßig geschrieben, fast in einem Plauderton und entsprechend spannend liest er sich. Der Autor scheut sich nicht, offen über seine selbst erkannten Schwächen zu räsonieren – und als Leser, als Leserin hat man Anteil an seinen durchlebten, auch durchlittenen und durchliebten Erfahrungen im Bemühen, ein meisterlicher Kyudoschütze – und ein reiferer Mensch – zu werden. Das Buch vermittelt etwas davon, was wir im Kyudo als „San mi Ittai“ anstreben, nämlich die Einung

von Körper-Geist-Technik. Im Verlauf der Übungspraxis wird klar, dass vor allem auch die zeremoniellen Formen zur Förderung des „Herzgeistes“ (kokoro) beitragen sollen. Die „Einung“ von KörperGeist-Technik ist bei allen Stilformen (Shomen- und Shamen) ein inneres Ziel. Die sich daraus ergebende Verfassung wird mit einem klaren, unbewegten, aber gespannten Wasserspiegel (jap. Sumashi) verglichen. Aus dieser Bewusstheit heraus sind wir Zeuge, wie unser Abschuss (Hanare) gelingt, ob er wie ein Stein in das stille Wasser plumpst oder ob er wirklich ein Ergebnis des aus der Körpermitte heraus koordinierten Drückens und Ziehens des Bogens ist. Dann scheint der gespannte Wasserspiegel von sich aus aufzubrechen, und die gesammelte geistig-körperliche Kraft (Ki, Chi) wird auf den Pfeil übertragen. Wir könnten es erfahren sowohl als aktiv Handelnder als auch als passiv erfahrender / erleidender Schütze. Ein Beispiel dafür ist, wenn der Autor anfänglich davon spricht, dass der Weg einerseits vorgegeben ist, andererseits auch ein aktives und ein sich überlassendes Mitgehen erfordert. Aufgrund dieses Herzstücks, das anzustrebende Auslösen des Schusses aus der Mitte, ist Kyudo eine Bewegungskunst, durch die auch der westliche Mensch etwas von der asiatischen Weisheit erfahren kann, die oft eine entscheidende Anziehungskraft für das Interesse an dieser Kunst ausübt. Dieses Buch regt an, sich Gedanken über den eigenen Prozess im Kyudo zu machen. Ebenso scheint es mir auch für NichtKyudoka informativ und lehrreich. Es vermittelt einen Einblick in den tieferen Sinn eines im asiatischen Raum wurzelnden Übungsweges, der den Menschen , unabhängig von seinem kulturellen Hintergrund, in einen weiten Entwicklungsprozess führen kann. Barbara Lemke

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ZANSHIN I.09  

Das Deutsche Kyudo Magazin (DKyuB e.V.) German Kyudo Magazine

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