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Ganz klar ist die Aussage, dass Budo kein ausschließliches Techniktraining darstellt, sondern in der Gestaltung von Übung, Wettkampf, Verhalten und des Dojo traditionsbezogen, wertorientiert und im Kontext japanischer Kultur zu verstehen ist. Kurosu sensei hat in seinem Seminar im März 2009 ausgeführt, dass Kyudo ein „Ethnic Sport“ sei und daher eine Europäisierung, Amerikanisierung oder gar Regionalisierung dazu führt, dass Menschen wohl mit einem japanischen Bogen schießen, dies aber nicht wirklich Kyudo genannt werden könne. Dass die Kyudo-Renmei sich mit der Übertragung von z. B. den Dan-Prüfungen schwer tut, hat m. E. auch damit zu tun, dass ihre Repräsentanten in der Begegnung mit nicht-japanischen Schützen Einstellungen und Verhalten erfahren, die zur Verwunderung Anlass geben und den Eindruck hinterlassen, dass man „noch nicht reif“ sei, derartige Verantwortungen zu übernehmen. Leider ist bei genauem Hinschauen dieser Einwand nicht gänzlich unberechtigt. Auch Mori sensei hatte sich anlässlich der Gründung der IKYF ähnlich im ANKF-Magazin geäußert, wenngleich er auf wenige positive Ausnahmen hinwies. Wer also Kyudo studieren will, sollte sich über die japanische Kultur und die Budo umfassend informieren, um schließlich auch die in den Schriften angedeuteten „Philosophien“ erkennen und nutzen zu können. Ähnlich wie beim Erlernen eines Instrumentes ist es ja nicht damit getan, nur den Fingersatz richtig auszuführen, sondern sich über das Physikalische hinaus auch um Gestaltung, Interpretation und Sinn zu bemühen. Dazu ein Beispiel: Wenn die Mitglieder einer Punkband immerhin die Akkorde der Tonika, Dominante und Subdominante spielen können, damit vielleicht sogar viel Geld verdienen, so sollten sie sich davor hüten, sich mit der Differenziertheit z. B. der Berliner Philharmoniker vergleichen zu wollen, nach dem Motto: Ich mache Musik und zwar das Wesentliche, alles andere ist überflüssig. Ich wünsche mir z. B., dass über die technische Orientierung hinaus verstanden

wird, warum die ersten 28 Punkte des Mokuroku auch als Kessho-mae (Wandel zum Schönen) bzw. Hanagata (blumengleich = Aufblühen zur vollkommenen, ästhetischen Form) bezeichnet werden. Natürlich muss der Anfänger zunächst die körperliche Form erlernen und dafür seinen Körper trainieren. Aber spätestens ab den Kodansha sind Lernziele wie Konzentration, Ausdruck, Verständnis etc. anzuerkennen und zu verfolgen, und es wäre meiner Meinung nach fatal, wenn man z. B. das Niveau des Sandan für das Höchstmögliche hält, was man erreichen sollte.

Ein großer Verband wird naturgemäß von verschiedenen Strömungen durchzogen. Seit einiger Zeit machen im DKyuB Meinungen die Runde, nach der es in Deutschland neben dem Shomen-Stil verschiedene Varianten der Heki ryu geben soll. Könntest Du unseren Leserinnen und Lesern gegenüber für etwas Klarheit sorgen? 1 Quasi-Besonderheiten durch Abgrenzung zu erzeugen, ist nicht schwer, geht aber m. E. am Wesen des Kyudo vorbei. In der langen Kyudo-Geschichte hat es eine Vielzahl von Lösungsversuchen gegeben, erfolgreich mit Pfeil und Bogen schießen zu können. Aus der Historie sind z. B. die 5 Schießformen für den Schützen zu Fuß überliefert, jedoch muss man auch feststellen, dass, obwohl die verschiedenen Linien mit ihren historischen Bezügen zum Schießen auf dem Pferd, dem Schießen am Sanjusangendo sowie „vor dem Feind“ weiter bestehen, 99 % der japanischen Schützen hauptsächlich Makiwara-mae und Ko-Mato-Mae (28 m) praktizieren. Nun mögen ja die Überlieferungen – auch innerhalb der Heki-Lehrrichtungen – durchaus unterschiedlich sein, aber es gibt nach meinem Eindruck doch viele Übereinstimmungen. Auch die Mokuroku der verschiedenen Lehrrichtungen weisen diese auf. Ob sie durch bloßes Kopieren, vom Shogunat erwünschten Austausch oder durch eigene Erkenntnis entstanden sind, kann niemand mehr genau nachvollziehen. Aber bei gleichem Gerät, gleicher Entfernung,

Hoff sensei bei einer Kyudo-Vorführung in „Planten un Blomen“, Hamburg 2009.

also gleicher Physikalität des Vorgangs, kann es in der Konsequenz eigentlich nur heißen: Hat jemand den Bogen genügend weit aufgezogen und trotz der auf dem Körper lastenden Spannung des Bogens seine körperliche Gegenspannung so gestalten können, dass alle Gelenke kontrolliert und der Beschleunigungsweg der Sehne optimal gesteigert werden konnte? Das kann man richtig oder falsch machen, und es ist für jeden Schützen, unabhängig von der erlernten Methode, immer schwierig, diesen Anspruch zu erfüllen. Das Gros der Kyujin ist in der Phase des Bemühens, d. h. immer unvollkommen, obwohl vielleicht auch schon gewisse Qualitäten erreicht worden sind. Diese Relativität des Könnens sollte anerkannt werden und darum gibt es ja auch in den Schriftrollen Hinweise darauf, sich der Be- oder gar Verurteilung anderer Schützen und Lehrer zu enthalten. Wenn man das Shahokun und das Hekiryu kyujutsu shaho taii von Urakami sensei gegenüberstellt, wird einem auffallen, wie ähnlich die Aussagen sind. Als Spezifikum der Insai-ha kann man die Tsunomi no hataraki sowie das Tai no warikomi benennen, da aber die technischen Prinzipien für das Komato-mae aus der Heki-Tradition kommend auch von anderen Bogenschützen übernommen

Zanshin I | 09 11

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ZANSHIN I.09  

Das Deutsche Kyudo Magazin (DKyuB e.V.) German Kyudo Magazine

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