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Kulturklimator — Heft

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dank

Die IFA-GALERIE STUTTGART konzipierte und realisierte im Herbst 2012 die Ausstellung »Grüne Häuser, tropische Gärten« und stellte darin Beiträge aus Südostasien zur nachhaltigen Gestaltung unserer Lebenswelten vor. Der Architekt Ken Yeang, der seit den 1960er Jahren mit seinen »grünen Hochhäusern« internationales Renommee erlangte, der Landschaftplaner Ng Seksan, der sich mit der Gestaltung und Bewahrung der Natur auseinan­ dersetzt, und die Grüne Schule arbeiten in Theorie und Praxis an der Gestaltung einer auch in Zukunft lebenswerten Umwelt. Die WÜSTENROT STIFTUNG ermöglichte es uns, ein umfangreiches Vermittlungsprogramm an­z ubieten: Kinder, Jugendliche und Erwachsene wurden eingeladen und angehalten, sich mit nachhaltiger, ökologisch sinnvoller, Ressourcen schon­ ender und ästhetisch überzeugender Gestaltung unserer Lebenswelt auseinanderzusetzen. Christiane Wilhelmi, Dipl. Ing.(FH), die sich als freie Innenarchitektin mit partizi­ patorischen Projekten zwischen Kunst, Architektur und Landschaftsplanung beschäftigt, hat in Kooperation mit verschiedenen (Hoch-)Schulen und Ausbildungsstätten Workshops geplant, koordiniert, durchgeführt und dokumentiert. Die Schüler und Studenten sollten sich mit dem Innenhof des INSTITUTS FÜR AUSLANDSBEZIEHUNGEN, des »Alten Waisenhauses«, auseinan­ dersetzen; sie sollten überlegen, wie dieser öffentliche, aber auch in sich geschlossene Raum an einem der verkehrsreichsten Plätze der Stadt, am Charlottenplatz, »grüner« gestaltet werden kann, wie das Mikroklima ver­bessert werden kann und der Innenhof eine höhere Aufenthalts- und Erlebnisqualität erhalten kann. Schüler der LANDWIRTSCHAFTLICHEN SCHULE HOHENHEIM, betreut von Annabelle Mangold, Renate Koppen und Gerhard Walter, haben eine Licht-, Bildund Sound-Installation entwickelt und realisiert, die manchen Passanten stehen bleiben und verwundert zuhören ließ. Erstmals kooperierten bei diesem von der IFA-GALERIE STUTTGART initiierten Projekt auch zwei Institute

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iris lenz

an unterschiedlichen Universitäten: das INSTITUT FÜR LANDSCHAFTSPLANUNG UND der UNIVERSITÄT STUTTGART mit Prof. Dipl.-Ing. Antje Stokman und Dipl.-Ing. Johannes Jörg und die STAATLICHE AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE STUTTGART, Fachbereich ENTWERFEN ARCHITEKTUR/ ÖFFENTLICHE BAUTEN UND RÄUME mit Prof. Dipl.-Ing. M. Sc. Andreas Quednau und Dipl.-Ing. Kai Beck. Die Studenten erarbeiteten insgesamt 14 Stegreif-­Entwürfe, die sie am 13. November 2012 in der IFA-GALERIE STUTTGART vorgestellt haben. Wir waren begeistert von der Intensität der Auseinander­ setzung, der Vielfalt an Ideen und ihrer Umsetzung sowie von der Präsenta­ tion der Projekte und hoffen, die eine oder andere Idee weiterverfolgen und umsetzen zu können! Dass die Workshops auch dokumentiert – und dabei gut gestaltet – werden, verdanken wir der Kooperation mit Prof. Dipl.-Des. Uli Cluss und Jan-David Ducks sowie Marc Dasing, Studenten der Klasse KOMMUNIKATIONS­ DESIGN an der ABK Stuttgart. Wir danken ganz herzlich allen Beteiligten, insbesondere den Schüler-/ innen und Student-/innen, aber auch allen Lehrern, Professoren und Betreuern für ihr großes Engagement und die wunderbare Kooperation. Unser besonderer Dank gilt der Projektleiterin, Christiane Wilhelmi, die nicht nur neue Kooperationen initiiert, sondern das Gesamtprojekt souverän gesteuert hat. Ohne die Förderung durch die WÜSTENROT STIFTUNG hätten wir diese Programme nicht realisieren können: Unser Dank gebührt Herrn Kurz und Frau Nestoridis sowie Frau aus dem Moore, der Leiterin der Abteilung Kunst des INSTITUTS FÜR AUSLANDSBEZIEHUNGEN. Ohne den Einsatz und die Begeisterung der Mitarbeiter-/innen der IFA-GALERIE STUTTGART wäre das Programm nicht realisierbar gewesen wäre: Ich danke Stefanie Alber, Valérie Hammerbacher, Rainer Koch, Nicola Halschke und Carla Maier ganz herzlich. Wir alle würden uns sehr freuen, wenn der Innenhof des IFA grüner und lebendiger werden könnte!

ÖKOLOGIE

Iris Lenz Leiterin der ifa-Galerie Stuttgart

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werkstattgespräch

Bild links — Ng Seksan Bild rechts — Ken Yeang

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ng seksan

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ken yeang


tagebuch einer kooperation

Spätes Frühjahr 2012: Im INSTITUT FÜR AUSLANDSBEZIEHUNGEN diskutierten Iris Lenz und Stefanie Alber seitens der IFA-GALERIE STUTTGART mit mir über die Möglich-­ keit, im Rahmenprogramm zur Ausstellung »Grüne Häuser, tropische Gärten« ein praxisorientiertes und Institutionen übergreifendes Projekt zu initiieren und zu realisieren. Eine Idee musste in Form gebracht und ausformuliert werden: Schüler und Studenten sollten, angeregt durch die ausgestellten Projekte der malaiischen Architekten und Landschafts­ architekten, die Möglichkeit erhalten, ihre Kreativität und ihren Gestaltungs­ willen einzubringen; sie sollten einen innerstädtischen Raum gestalten, den Innenhof des Instituts für Auslandsbeziehungen, einen in sich geschlos­ senen öffentlichen Platz inmitten der Stadt. Das Wer und das Wo waren also geklärt, das Wann ergab sich aus dem Ausstellungszeitraum. Nebst den organisatorischen Fragen war nun zu klären, welche Institutionen bereit wären, ihre Schüler und Studenten mit dieser Aufgabe zu betrauen. Hier begann meine Hauptaufgabe, die Auf­ gabenstellung; der Auftrag musste ausformuliert werden, einerseits zur Antragstellung bei der WÜSTENROT STIFTUNG, andererseits um Kooperations­ partner zu gewinnen. Zunächst nahm ich Kontakt auf zu Siegfried Albrecht am INSTITUT FÜR DARSTELLEN UND GESTALTEN an der UNIVERSITÄT STUTTGART, der mich dankenswerterweise an das INSTITUT FÜR ÖKOLOGIE UND LANDSCHAFTSPLANUNG (ILPÖ) verwies; damit wurde eine Kaskade ausgelöst, die zu der wunderbaren Kooperations- und Arbeitsgemeinschaft geführt hat, wie sie Iris Lenz beschreibt. Auf meine Einladung reagierten zunächst Prof. Dipl.-Ing. Antje Stokman (ILPÖ) mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern Dipl.-Ing. Johannes Jörg und Dipl.-Ing. Moritz Bellers; auch Frau Koppen, Frau Mangold und Gerhard Walter von der LANDWIRTSCHAFTLICHEN SCHULE HOHENHEIM ließen sich auf ein informelles Treffen vor Ort ein.

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christiane wilhelmi

Durch Prof. Stokmann konnte ein weiterer Kooperationspartner gewonnen werden: Auch Prof. Dipl.-Ing. M. Sc. Andreas Quednau und Dipl.-Ing. Kai Beck von der STAATLICHEN AKADEMIE DER BILDENDEN KÜNSTE STUTTGART, Fachbereich ENTWERFEN ARCHI­ TEKTUR/ ÖFFENTLICHE BAUTEN UND RÄUME, fanden die Aufgabe spannend. Zusammen formulierten sie die Bauaufgabe für die Studenten, die Lehrerinnen der der staatlichen Gartenbauschule konzipierten ihre Aufgabenstellung für ihre Schüler. Im Sommer 2012 erhielten wir die Zusage der WÜSTENROT STIFTUNG für die finanzielle Unterstützung der Workshop-Projekte, womit der offizielle Startschuss fiel. Der weitere Ablauf war eine alle Beteiligten bereichernde, offene Zusammenarbeit der Kooperationspartner. Mit dem im Spätsommer 2012 vorliegenden Katalog folgte die Vorstellung des Projektes an der Universität mit vielen neugierigen und aufmerksamen Zuhörern, von denen viele die Entwurfsaufgabe dann auch angingen. Am 18. Oktober 2012 betraten die Hauptdarsteller die Bühne – mit der ihm eigenen Gelassenheit Ken Yeang, Ng Seksan mit seiner heiteren Lockerheit: Die malaiischen (Landschafts-)Architekten sprachen über ihre Arbeiten und ihre Ansätze, ihr Denken und ihr Gestalten und begeisterten Aus­ stellungsbesucher ebenso wie die angehenden Gestalter und die Lehrenden. Die IFA-GALERIE STUTTGART hatte wieder einmal eine tolle Ausstellung auf die Beine gestellt, die bestens ins Stuttgarter Stimmungsbild passte. Neben der Ausstellungseröffnung und dem Werkstattgespräch bereicherten weitere Vorträge und eine Backstage-Führung durch das »Alte Waisenhaus« das Wissen aller Beteiligten, der Rucksack für die Entwurfsarbeit war geschnürt. Ein zeitlich straffes Programm hatten dann die Schüler der Landwirtschaft­ lichen Schule Hohenheim, da sie im Blockunterricht nur eine auf 10 Tage begrenzte Zeit zur Verfügung hatten, um die Anregungen der Ausstellung zu verarbeiten. Dies gelang durch eine Gruppenarbeit, die als temporäre

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tagebuch einer kooperation

Installation bis Dezember die Passanten in den Innenhof lockte und Lust auf die Ausstellung machte. Vielen Dank an das Hohenheimer Team! Im Spätherbst 2012 lief die Ausstellung mit großer und positiver Resonanz und die Studenten präsentierten ihre Zwischenergebnisse; am 13. November 2012 fand in der IFA-GALERIE STUTTGART dann die Werkschau statt, bei der wir viel erfuhren über die Verbesserung der Aufenthaltsqualität und des Mikroklimas, über das Durchschreiten innerstädtischer Räume, über Recycling und die Nutzung der Elemente; es zischte, sprießte, blubberte und dampfte! Die angehenden Gestalter gewährten uns Einblick in ihre Vorstellungen von Orten, an denen sie gerne verweilen würden; sie wurden angeregt durch ihre Lebensumwelt, ihre Kreativität, ihre Lehrinstitute und letztlich durch den Einblick und die Begegnung mit den Architekten aus Südostasien, die an ähnlichen Zielen arbeiten wie wir und die ihr Wissen und ihre Überlegungen mit uns teilten. Die nun vorliegende Dokumentation wurde gestaltet durch Studenten der Klasse Prof. Dipl.-Des. Uli Cluss an der AKADEMIE FÜR BILDENDE KÜNSTE STUTTGART; für alle Beteiligten war dieses interuniversitäre und interdisziplinäre Projekt eine Bereicherung. Mein Dank geht an alle, die ein Teil des Ganzen waren, das weit mehr wurde als die Summe aller Einzelteile! Christiane Wilhelmi Freie Innenarchitektin, Dipl. Ing. (FH), Stuttgart www.wilhelmi.biz

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christiane wilhelmi

Bild — Reges Interesse beim Werkstattgespräch

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aufgabenstellung für die studenten

Universität Stuttgart ILPÖ — Prof. Antje Stokman / LB Johannes Jörg Wintersemester 2012 /2013 AdBK Stuttgart Klasse ÖRBS — Prof. Andreas Quednau / AM Kai Beck Zeitraum: 17.10.2012 – 13.11.2012

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akademie der bildenden künste / universität stuttgart 1. INTRO: Schauplatz Natur — »Die bedrohte, verschmutzte, zerstörte Natur ist Spiegelbild unserer Zivilisation; Bilder einer »reinen, schönen, unverfälschten« Natur in ihrer traditionellen Funktion werden heute als suggestive Illusionsflächen in der Werbung eingesetzt. In Anbetracht der ökonomischen und politischen Interessen, die den Umgang mit unserer Umwelt weltweit bestimmen, setzen sich Künstlerinnen und Künstler heute meist zivilisationskritisch mit Natur auseinander: Sie entlarven falsche Paradiese, dokumentieren vergessene oder tot geschwiegene Folgen von Fehlentwicklungen und Katastrophen, schaffen ein Bewusstsein für ökologische Probleme oder reproduzieren Natur aus artifiziellen Elementen. Sie hinterfragen unseren Umgang mit der Natur, die immer ein kultureller Entwurf ist, der, wie jeder Entwurf, innerhalb von Kultur konstruiert wird. {...} Die Ausstellung »Grüne Häuser, tropische Gärten« in der ifa-Galerie Stuttgart zoomt in die Stadt hinein und stellt zur Diskussion, wie nicht nur das urbane Gefüge als Ganzes, sondern die Stadtbausteine – das einzelne Gebäude, der Garten, der Park – im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung neu gedacht, gestaltet und geformt werden können. Ein in die Zukunft gedachtes »Zurück zur Natur« im Bereich der Architektur und Landschaftsplanung ist keinesfalls nur ein Anliegen der Planer in den westlichen Industrienationen. Selbstverständlich suchen auch Architekten in oder aus Transformations- und Entwicklungsländern nach Lösungen, die der Ressourcenverknappung, der Erderwärmung sowie dem Bevölkerungswachstum gerecht werden und die zugleich eine hohe Lebensqualität garantieren. {...} So unterschiedlich die Wirkungsweise der Arbeit von Ken Yeang, Ng Seksan und der Grünen Schule auch sein mag, der Ansatz ist doch bei ihnen allen ein ähnlicher: In ganz verschiedenen Kontexten suchen Yeang, Seksan und die Grüne Schule das unmittelbare Lebensumfeld so zu gestalten, dass den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnet werden kann – der drohenden Ressourcenknappheit, dem Bevölkerungswachstum, der Umweltzerstörung, der zugrunde liegenden Denk- und Lebensweise in einer hochindustrialisierten, von Wachstum und Technologisierung bestimmten, globalisierten Welt. »Green Design« ist mehr als nur die Gestaltung von Häusern und Gärten; »Green Design« ist konsequentes Denken, Gestalten und Erziehen für die Zukunft – in Kuala Lumpur und auf Bali, in Neu-Delhi, Singapur, London, Stuttgart und Berlin.«1

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Iris Lenz; Ausschnitte aus der Einleitung »Grüne Häuser, tropische Gärten« Katalog zur Ausstellung. ifa – Institut für Auslandsbeziehungen – Ernst Wasmuth Verlag Tübingen Berlin, 2012


aufgabenstellung für die studenten 2. KULTURKLIMATOR — … etwas machen, das die Umwelt wahrnimmt und auf sie reagiert, sich verändert, nicht stabil ist … ... etwas machen, das immer anders aussieht, dessen Gestalt nicht präzise voraussagbar ist … ... etwas machen, das ohne die Mithilfe seiner Umwelt nicht funktionieren kann … ... etwas machen, das auf Licht- und Temperaturwechsel reagiert, das Teil der Luftbewegung ist und in seiner Funktion von der Schwerkraft abhängt ... ... etwas machen, das der (Nutzer) handhabt, mit dem er spielt und dadurch mit Leben erfüllt… (Hans Haacke, 1965) Als Gestalter der gebauten Umwelt geben Architekten, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner Instruktionen zur Realisierung räumlicher Situationen. Die Gestaltung des öffentlichen Raums erlaubt, fördert oder verhindert anschließend eine bestimmte Art des Gebrauchs und damit, ob bestimmte Ereignisse und Begegnungen stattfinden. Nutzungs- und Aufenthaltsqualitäten ändern sich in Abhängigkeit zu den Tages- und Jahreszeiten mit ihren unterschiedlichen klimatischen Gegebenheiten. Sonneneinstrahlung, Niederschlag und Wind tragen wesentlich dazu bei, ob ein Stadtraum belebt ist und als angenehm empfunden wird. Sonne und Schatten oder auch Tag und Nacht grenzen Räume qualitativ voneinander ab. Grenzen und Übergänge, die den Raum strukturieren, werden also nicht nur durch Linien und Oberflächen formuliert, sondern ebenso durch die Verteilung von Wärme, Feuchtigkeit, Geruch und Licht. Diese von Sean Lally als materielle Energien1 bezeichneten Konditionen definieren den Raum in viel stärkerem Maß als Linienziehungen und Oberflächen durch Intensitäten, Akkumulationen und Gradienten. Innerhalb des sensorischen Systems des Menschen erweitern sie das Vokabular der Schwellen über das Sichtbare, Statische und Haptische hinaus. Durch eine Erweiterung der Konzeption von Begrenzungen durch harte Grenzziehungen in Form von Linien und Oberflächen, durch graduelle Begrenzungen durch die materielle Energien der Temperaturdifferenz, des Dufts, der Luftgeschwindigkeit und relativen Luftfeuchtigkeit, des Lichtspektrums und der elektrosta-

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akademie der bildenden künste / universität stuttgart tische Aufladung bieten sich Möglichkeiten, Raumzusammenhänge dynamisch im Verhältnis zu den sich im Verlauf des Tages und des Jahres stetig verändernden (mikro-)klimatischen Bedingungen zu definieren und zu organisieren. Die Studierenden der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Universität Stuttgart haben im Rahmen eines Stegreif-Entwurfs Umgestaltungsvorschläge für den öffentlich zugänglichen Innenhof der ifa-Galerie am Charlottenplatz in Stuttgart erarbeitet. Der asymmetrisch-viereckige, langgestreckte Bau, das so genannte »Alte Waisenhaus«, wurde ursprünglich als Kaserne geplant, aber nie als solche genutzt. Es liegt an der Nordwestseite des Charlottenplatzes und grenzt im Norden an den Karlsplatz an. In seiner über 300-jährigen Geschichte wurde das Gebäude mehrfach verändert und erweitert. Bis 1922 diente es als Waisenhaus und als Schule, bevor 1925 das heutige Institut für Auslandbeziehungen e.V. dort einzog. Aufgabe der Studierenden war es, Vorschläge zur Umgestaltung des Innenhofs des alten Waisenhauses als öffentlichen Raum zu entwickeln, der den Dialog zwischen dem Institut für Auslandsbeziehungen bzw. der ifa-Galerie und der Öffentlichkeit unterstützt. Der Innenhof sollte als Ort für die temporäre Erweiterung der Galerie entwickelt werden, der sowohl vom Stadtraum als auch von der Galerie aus gut auffindbar und zugänglich ist. Durch gezielte Eingriffe in das Mikroklima sollte der Innenhof so transformiert werden, dass die bestehenden Nutzungsmöglichkeiten erweitert und die mögliche Verweildauer im Hof über den Tag und das Jahr hinweg verlängert werden. Da die Umwelt durch den Eingriff nicht belastet werde sollte, sollten vorzugsweise natürliche Ressourcen, nachwachsende Rohstoffe, Vegetation oder recycelte Materialien verwendet werden. Die Absicht eines der Projekte zu einem späteren Zeitpunkt eventuell zu realisieren, stellte an die Entwürfe die Forderung der leichten und möglichst kostengünstigen Umsetzbarkeit. Neue Sichtweisen auf den Raum eröffnen und aus dem Vorgefundenen neue Nutzungsmöglichkeiten entwickeln: Leitlinie für das Projekt war die vom Künstler Hans Haacke 1965 formulierte Handlungsanweisung etwas machen2 (siehe oben). Hans Haackes Handlungsanweisung liegt ein systemisches Verständnis zugrunde, dass Realisierungen, sowohl künstlerische als auch architektonische, mit ihrer Umwelt im Austausch stehen, auf sie einwirken und von ihr beeinflusst

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Sean Lally, Twelve Easy Pieces for the Piano, in: Architectural Design, Vol. 79 No. 3, Mai/Juni 2009 1

2 Hans Haacke, Exhibition Announcement, Galerie Schmela, Düsseldorf, 1965. Übersetzung des Autors des englischen Nachdrucks in: Francesco Manacorda und Ariella Yedgar, Radical Nature, Koenigs Books Ltd., London, 2009


aufgabenstellung für die studenten werden. Die Handlungsanweisung ist eine Aufforderung zum Experimentieren mit Modellen radikaler Offenheit – zum Beispiel offen gegenüber den saisonalen Variationen und Wetterkonditionen, TagNacht-Verläufen und dem Verstreichen der Zeit sowie gegenüber Nutzeraktivitäten. In einem ersten Schritt wurden von den Studierenden die Potentiale und Einschränkungen ausgelotet, die durch den begrenzten, denkmalgeschützten Innenhof des Instituts für Auslandsbeziehungen am Charlottenplatz gegeben sind. Dabei wurde der Hof nicht als abgeschlossener Raum betrachtet, sondern als offen gegenüber sämtlichen Umwelteinflüssen. Das heißt, die geometrischen und materiellen Gegebenheiten wurden ebenso betrachtet wie zum Beispiel die klimatischen und akustischen Einflüsse, die für die Qualität des Hofs von Bedeutung sind. Von besonderem Interesse waren die Wechselwirkungen zwischen architektonischem Objekt mit den biotischen und abiotischen Umweltfaktoren und die daraus entstehen­den Bedingungen, mit denen der Mensch interagiert, die er als seine Lebensbedingung vorfindet und in der er seine Kultur der Raumnutzung entfaltet. Durch das Experimentieren mit verschiedenen materiellen Energien – Temperaturunterschied, Duft, Luftgeschwindigkeit, relative Luftfeuchtigkeit, Lichtspektrum, elektrische Ladung etc. – wurde der Raum des Innenhofs in den einzelnen Projekten im engen Bezug auf die zuvor herausgearbeiteten Gegebenheiten neu organisiert und neue differenzierte Qualitäten formulie­r t. Es musste geklärt werden, welche materiellen Energien einbezogen wer­den können, wie sie eingefangen oder gesammelt und dann eventuell gebündelt oder

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akademie der bildenden künste / universität stuttgart intensiviert werden können, auf welche reagiert werden muss oder welche Energiequellen und Ressourcen eventuell hinzugefügt werden müssen. Die verschiedenen Projekte konzentrierten sich auf eine Auswahl bestimmter vorhandener materiellen Energien – Niederschlag, Kälte/Wärme, UV-Strahlung, Luftbewegung, Feinstaub etc., – und entwickelten daraus ihr Konzept für den Innenhof der ifa-Galerie. Die Materialisierung wurde aus den Wechselwirkungen mit den Umwelteinflüssen (Sonne, Regen, Wind, Luftfeuchtigkeit, statische Aufladung etc.) entwickelt und beurteilt. Die in dieser Publikation vorgestellten Projekte könnten deshalb zum einen als Bild oder räumliche Installation, aber immer auch als eine solare, akustische oder olfaktorische Geometrie betrachtet werden. Die Vielfalt der entstandenen Projekte leistet einen wichtigen Beitrag dazu aufzuzeigen, wie durch gezielte, kostengünstige und temporäre Raumveränderungen des Innenhofs der ifa-Galerie ein tiefergehender, kultureller Diskurs zwischen dem Institut für Auslandsbeziehungen und der Öffentlichkeit angestoßen und befördert werden kann. Die den Entwürfen zugrundeliegende kulturelle Interpretation des Zusammenspiels zwischen Natur und Architektur gestaltet Raum nicht als starre Form, sondern als Spiel-Raum, als Wirkungsgefüge. Eine Gestaltung, die aus diesem Verständnis erwächst, wirkt als »KULTURKLIMATOR« im Sinne der Beförderung eines integrierten Zusammenspiel zwischen natürlichen Ökosystemen, gebautem Stadtraum und menschlichen Lebenswelten.

Prof. Andreas Quednau & Prof. Antje Stokman

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zwischenpr채sentation

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an der akademie der bildenden k端nste stuttgart

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impressionen

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impressionen

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Impressum

Kulturklimator Ideen für einen öffentlichen Raum Herausgeber

Iris Lenz, Institut für Auslandsbeziehungen e.V. Andreas Quednau, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Antje Stokman, Universität Stuttgart Koordination

Christiane Wilhelmi Redaktion und Organisation

Stefanie Alber, Kai Beck, Valérie Hammerbacher, Johannes Jörg Fotodokumentation

Kai Beck, Johannes Jörg, Christiane Wilhelmi Gestaltung und Satz

Marc Dasing & Jan-David Ducks, Klasse Prof. Uli Cluss, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Lektorat

ifa-Galerie Stuttgart Druck

Frick Kreativbüro & Onlinedruckerei e.K. Papier

Munken Pure Designpapier 130 g/m2 Schrift

Akkurat & Mrs. Eaves © 2013 Institut für Auslandsbeziehungen e.V., Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Universität Stuttgart Alle Rechte vorbehalten. Um den Erhalt der Rechte des hierin verwendeten Bildmaterials haben wir uns bestmöglich bemüht. Herausgeber, Redaktion und Autor entschuldigen sich bei denjenigen, die allenfalls nicht ausfindig gemacht oder erreicht werden konnten. Jede solche Unterlassung wird in einer folgenden Auflage behoben. Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. ISBN 978-3-921970-68-3 Eine Kooperation der ifa-Galerie Stuttgart / Institut für Auslandsbeziehungen e.V. mit ILPOE / Universität Stuttgart und ÖRBS / Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart sowie der Landwirtschaftlichen Schule Stuttgart-Hohenheim.


Mit freundlicher Unterst端tzung der


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Kulturklimator — Heft

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Kulturklimator — 13 Ideen für einen öffentlichen raum

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Rainer Grassmann — aero garden

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aero garden Aero Garden — Der Entwurf befasst sich nicht nur mit dem Innenhof, sondern bezieht auch die Umgebung des ifa-Gebäudes mit ein. Das ifa-Gebäude, auch als das Alte Waisenhaus bekannt, liegt als asymmetrisch-viereckiger Bau an der Nordwestseite des Charlottenplatzes im Stuttgarter Stadtzentrum. Der Bau wurde in seiner über 300-jährigen Geschichte mehrfach verändert und erweitert. Er ist durch viele verschiedene Nutzungen geprägt. Der baumbestandene, weitläufige Innenhof, zu dem zwei Portale führen, blieb jedoch in seiner Grundform unverändert. Mein Ziel war es, diesen Innenhof zu beleben, in einer Weise, die mehr Spaß für die Besucher bringt. Zugleich wollte ich die Fläche frei für die Passanten halten. Nachdem ich nachgeforscht hatte, fand ich zwei Referenzen, die mir für den Entwurf geholfen haben: Die erste Referenz ist der MFO-Park, ein öffentlicher Park auf dem Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon im Stadtteil Neu-Oerlikon in Zürich. Er wurde von der Planungsgemeinschaft Burckhardt + Partner und Raderschall Architekten entworfen. Dort wachsen die Pflanzen über die ganze Struktur des Gebäudes. Horizontale und vertikale Elemente werden durch die spezifischen Farben der Pflanzen betont. Durch Treppen und Balkone wird die Vertikalität hervorgehoben. Die zweite Referenz bezieht sich auf ein Konzept, nach dem Pflanzen in umgekehrter Richtung wachsen. Das Konzept ist als »Upside-Down-

Gardening« bekannt und wird nicht nur in der Landschaftsplanung angewendet, sondern findet sich auch in den natürlichen Wachstumsprozessen. Der Designer Patrick Morris hat sich mit diesem Konzept beschäftigt und eine neue Version des Blumentopfs entwickelt: Aus recyceltem Polypropylen-Kunststoff produziert er Töpfe, um dynamische und umweltfreundliche hängende Gärten zu schaffen. Diese attraktiven Recycling-Töpfe können von der Decke gehängt werden, um so einen alternativen grünen Raum erzeugen. Ich begann schließlich diese Referenzen mit dem vorgegebenen Innenhof zu verbinden und entwickelte den Aero Garden. Es ist ein geschlossenes System, das von Regen und Sonne gespeist wird und in dem Pflanzen sich selbst überlassen wachsen können. Wasser und Regen werden über das Dach durch Leitungen zu einem Wassertank befördert. Photovoltaische Paneele, die gegen die Sonne gerichtet sind, erzeugen die nötige Energie, um das Wasser aus dem Tank zu den Pflanzen zu pumpen. Der Aero Garden funktioniert als ein natürlicher Temperaturunterscheider und bringt eine besondere Atmosphäre in den Innenhof des ifaGebäudes. Vom Karlsplatz aus sieht man die Spitze des Aero Gardens. Sie wirkt wie eine Einladung in den Innenhof des ifa. Durch die Kurven der Struktur und die verschiedenen Höhen der Pflanzen werden die Passanten eingeladen, den Innenhof zu betreten.

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rainer grassmann

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aero garden

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rainer grassmann

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Giuseppe Pirrello — Dynamische zuspitzungen

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dynamische zuspitzungen

Dynamische Zuspitzungen — Meine Intension besteht darin, ein Abbild unseres Konsumverhaltens darzustellen und auf die unumgängliche gesellschaftliche Veränderung, die uns bevor steht, aufmerksam zu machen. Dies soll durch eine dynamische Zuspitzung des Entwurfs verfolgt werden. Es ist das Ziel, unsere momentan labile Verhaltensweise durch eine ausbalancierte zu ersetzen. Das Objekt versteht sich als »Wahrnehmungsobjekt« und besteht aus alltäglichen Gebrauchsgegenständen, die zweckentfremdet wurden und somit identifika-

tionsstiftend sind. Die Gegenstände, die verwendet werden, sind aus Kunststoff und werden meist, beispielsweise eine Plastiktragetasche, nicht länger als 12 Minuten verwendet. Die dynamische Zuspitzung der zwei Achsen, die auf den Mittelpunkt des Innenhofs führen, soll eine Anschauung unserer geistigen-emotionalen Innenwelt hervorrufen. Diese Dynamik soll uns animieren, unsere Gewohnheiten zu verlassen und vor allem, sie zu hinterfragen.

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giuseppe pirrello

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Marco Fitzthum — the great outdoors

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the great outdoors

The great outdoors — Der Entwurf sieht eine modulare Struktur vor, deren einzelne Parzellen je nach Jahreszeit, Position und Ausrichtung unterschiedliche Funktionen annehmen können. Im Sommer können die Zellen Photovoltaikmodule tragen, mit Erde gefüllt und anschließend bepflanzt werden – oder beplankt als Kletterwand dienen. Im Herbst kann beispielsweise Wasser gesammelt werden; im Winter wird am Charlottenplatz Schlittschuh gelaufen. So wird nicht nur auf die unterschiedlichen Umwelteinflüsse in Form einer schützenden Maßnahme reagiert. Vielmehr werden die verschiedenen Eigenschaften der Jahreszeiten zum

Vorteil genutzt und der Nutzer steht damit im Einklang mit Natur und Umwelt. Mittels einer einfachen Holzkonstruktion kann die Struktur ab und (in anderer Form) wieder aufgebaut sowie verkleinert oder erweitert werden. Durch die Positionierung einzelner Bestandteile in der Stadt wird auf den eigentlichen Ort am Charlottenplatz aufmerksam gemacht. Gestärkt wird dieser Aspekt dadurch, dass mindestens ein Teil der Konstruktion über die Firsthöhe des ifaGebäudes hinausragt, um Vorbeifahrende oder Passanten auf die Nutzung des Hofes aufmerksam zu machen.

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marco fitzthum

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Sabrina Paulus & Lidia Manolowa — Her mit der Badewanne

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her mit der badewanne Her mit der Badewanne — Im Innenhof des »Alten Waisenhauses« gibt es verschiedene Nutzungen: Es gibt Anbauten an das Gebäude, die als Lagerräume oder Ausschank dienen, außerdem ist ein Teil des Innenhofes an das Restaurant Amadeus verpachtet. Diese Nutzungen sollten auch weiterhin bestehen bleiben. Im Innenhof werden außerdem Fahrräder und Fahrzeuge abgestellt. Während die Fahrräder am Rand des Innenhofs abgestellt werden, nehmen die Fahrzeuge deutlich mehr Platz ein. Neben den Nutzungen sollte außerdem der Baumbestand und die Beleuchtung berücksichtigt werden. Der erhaltenswerte Baumbestand umfasst zwölf Robinien. Es gibt eine wichtige Wegeverbindung im Innenhof zwischen dem südöstlichen und dem nordwestlichen Tor, welche den Charlottenplatz und den Karlsplatz verbindet. Vom Innenhof aus werden verschiedene Gebäudeteile erschlossen: Die Eingänge zwei, drei, vier und fünf müssen weiterhin vom Innenhof erschließbar sein. Außerdem gibt es einen Eingang am Charlottenplatz zur ifaGalerie und den Eingang eins, welche jedoch nicht betroffen sind. Die Idee ist es, den Bestand möglichst zu belassen und in den Entwurf zu integrieren. Aus dem Bestand ergibt sich eine einfache Zonierung. Durch die Wegeverbindung und bisherige Nutzung ergeben sich drei Zonen, die auf verschiedene Art bespielt werden sollen: Durch die Verbindung der beiden Eingangstore bildet sich »Zone 1«. »Zone 1« ist eine längliche Fläche, die sich am Innenhofzugang der ifa-Galerie befindet: Die Fläche eignet sich gut als Erweiterungsfläche für die Ausstellung. Die Geschichte des Gebäudes wird durch räumliche Inszenierung mithilfe von Vegetation und anderen Materialien erzählt. »Zone 1« entspricht der Pachtfläche des Restaurants Amadeus. Diese Nutzung soll auch weiterhin erhalten bleiben. Durch kleinere Eingriffe wird der Raum eingefasst und vermittelt den Restaurantgästen das Gefühl von Privatheit und Geborgenheit. »Zone 2« hingegen soll für Jedermann zugänglich sein. Hier soll ein Aufenthaltsraum mit Park und Spielplatz für die Öffentlichkeit entstehen. Räumlich sollten diese zwei Bereiche getrennt werden, so dass sich weder die Restaurantnoch die Parkbesucher gestört fühlen. Beide Bereiche sollen durch verschiedene Maßnahmen wie 22

zum Beispiel Sitzgelegenheiten und Vegetation mehr Aufenthaltsqualität bekommen. Außerdem soll die Aufmerksamkeit der Passanten des Charlotten- und Karlsplatzes von außen geweckt werden, so dass die Neugier sie in den Innenhof führt. Die Verschattungsanalyse zeigt den durchschnittlichen Verschattungsverlauf für die Monate von April bis September morgens, mittags, nachmittags und abends. Außerdem kann man sehen, wann welche Zonen hauptsächlich genutzt werden. Die Verschattungselemente wurden sowohl auf den Verschattungsverlauf als auch auf die darunterliegenden Nutzungen abgestimmt angepasst: Es handelt sich um leichte Segel, die an den Bäumen befestigt sind. Über der Pachtfläche des Amadeus befindet sich ein großer Sonnensegel, der eine geringe Transparenz hat, sodass wenig Sonnenenergie hindurch strahlen kann. Der große Sonnensegel über dem Park hat hingegen einen höheren transparenten Anteil und dient hauptsächlich der Regenwassersammlung. Die an den Eingängen befindlichen Sonnensegel haben mittlere Transparenz, diese sollen vor allem einen Farbraum schaffen. Dieses Farbspiel soll Passanten neugierig machen. Alle Sonnensegel dienen der Regenwassersammlung: Das Regenwasser wird an den Tiefpunkten in Sammelbehältern gesammelt. Im Park soll auch die Möglichkeit bestehen, mit dem Wasser zu spielen und sich an warmen Tagen sogar zu baden. Es gab viele unterschiedlichste Ideen, wie man den Innenhof attraktiver machen kann. Die Sammlung umfasst Schlussfolgerungen aus der Analyse der bestehenden Situation und der Geschichte des Gebäudes und die Frage, wie man mit den Erkenntnissen über den Bestand umgehen soll und den Bestand integrieren kann. Das Hauptanliegen ist es die Aufenthaltsqualität des Ortes zu verbessern. Bereits früh kommt daher die Idee der Verschattung, aufgrund der vorhandenen Überhitzung. Auch der Einsatz von Wasser scheint geeignet zur Kühlung des Innenhofes im Sommer. Im Zusammenhang damit, wird über Regenwassernutzung nachgedacht und darüber, wie man diese mit Verschattungselementen verknüpfen könne. Früh kommt auch die Idee, den Raum durch verschiedene Sinneswahrnehmungen erlebbar zu machen, so dass man den Raum nicht nur sehen, sondern auch


sabrina paulus

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riechen, hören, fühlen und schmecken kann. Nachhaltigkeit soll natürlich auch eine Rolle spielen und daher sollen hauptsächlich wiederverwertbare und wiederverwendbare Materialien eingesetzt werden. Bei so vielen unterschiedlichen Ansätzen stellt sich bald die Frage: Doch wie kriegt man all diese Ideen unter einen Hut – oder in eine Wanne?!

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her mit der badewanne

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Ina vetter — hopfenhof

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hopfenhof Hopfenhof — Die Natur soll sich die Stadt zurück erobern. Die Gestaltung unterstützt sie dabei. Wenn sich die Natur die Stadt zurück erobert, so wie es der Löwenzahn überall schafft, überwuchert sie vorhandene Strukturen, sie wächst unkontrolliert, willkürlich und ungleichmäßig. Doch meist schafft sie eine besondere, entspannende und unbekümmerte Atmosphäre. Im Innenhof des Instituts für Auslandsbeziehungen am Charlottenplatz spürt man von Natur nicht viel. Er ist zu groß, zu leer, zu ungenutzt. Es gibt viele unterschiedliche Elemente, die nicht zusammen passen oder harmonieren. Dabei hat dieser Rückzugsort inmitten der lauten, geschäftigen Stadt das Potenzial zu einer besonderen Qualität. Das Ziel für den Hof sollte daher sein, der Natur eine Möglichkeit zu schaffen, in die Stadt zurückzukehren, die Natur den Hof nutzen zu lassen, ihn zu verändern und dabei wieder zu einer Einheit zu verbinden. Die Verbindung von (landschafts-) architektonischen Voreinstellungen und dem natürlichen, unkontrollierbaren Wachstum der Pflanzen soll eine Mischung aus gestaltetem und wild wucherndem Freiraum mit besonderer Atmosphäre schaffen. Für den Innenhof des Instituts für Auslandsbeziehungen wird ein Grundgerüst gestaltet, das auf die verschiedenen räumlichen Ansprüche des Hofes reagieren soll, wie Zonierung, Verschattung oder Blickschutz. An diese Struktur wird gezielt Hopfen gepflanzt, der im Verlauf des Jahres die gewünschten Funktionen übernimmt. Von Frühjahr bis Spätsommer wächst der Hopfen bis zu 8 m in die Höhe. Wenn es also am heißesten ist, gibt es die meiste Verschattung. Im Frühjahr ist der Hopfen noch niedrig und lässt die warmen Sonnenstrahlen hindurch. So verändert sich das Bild des Hofes über das Jahr und man ist immer von einer sich ändernden Atmosphäre umgeben. Nach der Ernte im Herbst treibt der Samen im nächsten Jahr neu aus und das Spiel beginnt von vorn. Die Wahl der Pflanzenart Hopfen hat verschiedene Gründe. Zum einen lässt sein schnelles Wachstum den Menschen die Veränderung im Hof wahrnehmen: Es müssen nur ein paar Wochen zwischen zwei Besuchen liegen und schon hat der Hof sein Erscheinungsbild verändert. Zum anderen ist Hopfen eine einfach zu pflegende Rankpflanze, deren Wurzel überwintert 28

und jedes Jahr neu verwendet werden kann. Vor allem aber stellt das Institut für Auslandsbeziehungen eine Verbindung zu anderen Ländern, Kulturen, Sprachen und Bräuchen her. Das so deutsche Handwerk des Bierbrauens und somit auch des Hopfenanbaus repräsentiert Deutschland und das ifa somit in besonderer Weise und zeigt ausländischen Besuchern etwas von »typisch deutscher Kultur«. In der ifa-Galerie werden oft Besonderheiten anderer Länder gezeigt, im Innenhof soll nun das eigene Land hervorgehoben werden. Ein Seilnetz, das den Hof überspannt, ergibt die Struktur, an der sich der Hopfen hochranken soll. Die Netzstruktur wird durch 12 Stahlstützen getragen. Die Bäume am Rande des Hofs bleiben bewusst unbelastet, da der Hopfen in ausgewachsenem und nassem Zustand sehr schwer werden kann. Das Netz wird an Randseilen, die zwischen den Stützen laufen, befestigt. Damit der Hopfen im März gepflanzt werden kann, muss ein Teil des Innenhofs entsiegelt und mit Erde gefüllte Vertiefungen geschaffen werden, um dem Hopfen genügend Platz für das Wurzelwachstum zu geben. Alternativ können auch


ina vetter große Blumentöpfe die Pflanz-Grundlage sein. In diese Vertiefungen oder Töpfe wird eine Drahtseilhalterung mit eingebaut. Das vertikale Seil für die Pflanze wird zwischen Erdvertiefung bzw. Topf und Seilnetz eingesetzt und durch Spannschlösser gespannt. Die Seilkonstruktion gibt ein grobes Raster vor, in dem die Pflanzen eingepflanzt werden können. Darüber hinaus ist man in der Dichte und Anordnung frei. Es können unterschiedlich große, öffentliche oder privatere Freiraume geschaffen werden. So entsteht z.B. eine waldähnliche Atmosphäre mit großen Pflanzabständen im CaféBereich, um gleichzeitig Geschütztheit und Durchblick zu erlauben. In anderen Bereichen können Räume klar begrenzt oder auch abgeschirmt werden, indem man die Pflanzen/Seile in geringerem Abstand anordnet. Durch die Verwendung von Töpfen entsteht zusätzlich die Möglichkeit einer in jedem Jahr erneuerbaren und veränderbaren Anordnung der Pflanzen. Die Konstruktion kann auch als Gerüst für eine zusätzliche Beleuchtung des Innenhofs genutzt werden. Durch die Pflanzen wird dies gegen Abend zum einen nötig und dient gleichzeitig der

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Inszenierung dieses »vertikalen Waldes«. Da Hopfen eine vielseitige Nutzpflanze ist, besteht auch die Möglichkeit, ihn für die ansässige Gastronomie zu nutzen. Er kann z.B. zum Kochen oder für Tees verwendet werden. Die Ernte im September, zum Ende der benötigten Verschattung des Hofes, kann den lokalen Brauereien zugeführt werden und somit ein Teil des Aufwandes, den man z.B. zur Pflege der Pflanzen benötigt, wieder eingeholt werden. So entsteht ein ressourcenbewusster Kreislauf von Pflanzung, Wachstum, Raumbildung, Verschattung, Nutzung, Ernte und neuem Wachstum im nächsten Jahr, der für alle Besucher erfahrbar ist.


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Janis Rozkalns — Kulturspinne

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Ein begrüntes Element, das Intresse weckt und wie eine grüne Lunge fungiert

Mittige Bühne als Anhalte- und Treffpunkt

Kulturspinne — In meinem akademischen Leben hat das Institut für Auslandsbeziehungen eine große Rolle gespielt, da ich an der ifa-Sprachschule einen Deutschkurs absolviert habe. Hier traf ich viele interessante Menschen, die aus unterschiedlichen Ländern kamen. Diese Erfahrung hat mich für den Entwurf inspiriert und viele wichtige Aspekte sichtbar gemacht. Für meinen Entwurf habe ich vier Schwerpunkte gesetzt: — ­­Der Entwurf soll ein Element sein, das Interesse bei vorbeilaufenden Menschen weckt — ­­Der Entwurf soll als ein Symbol für Grenzüberschreitung fungieren — Der ­­ Entwurf soll als ein zentraler Punkt im Innenhof der ifa dienen — Der ­­ Entwurf soll begrünt sein Das ifa-Gebäude steht sehr zentral in der Innenstadt. Wegen der scheinbar abgegrenzten Hofsituation trauen sich viele Menschen jedoch nicht, das Innere zu besuchen. 34

Kulturelle Verbindungen die über Grenzen hinnausschauen

Mit meiner Kulturspinne wollte ich das ifaGebäude und seinen Innenhof auffälliger gestalten und mit einer öffnenden Geste die vorbeigehenden Menschen zu einem Besuch einladen. Die Konstruktion, die ich aufgrund ihrer Form als Kulturspinne bezeichne, besteht aus zusammengeschweißten Stahlstreben, die ein Gestell, das Durchblicke ermöglicht, formen. Die Konstruktion beginnt im Innenhof, strebt nach oben und ragt in drei verschieden Richtungen über das Gebäude hinaus. Die Konstruktion geht über die Flügel, um auf der anderen Seite des Gebäudes zu enden. Damit symbolisiert die Konstruktion eine kulturelle Brücke, die auf die Geschichte des Hauses zurückgeht: Das Institut für Auslandsbeziehungen ist eine Institution, die sich um den Austausch zwischen Kulturen kümmert – nicht nur durch die Sprachschule, die ich besucht habe, sondern auch durch die Bibliothek und die Ausstellungen, die im Haus veranstaltet werden. Das ifa hat einen großen Innenhof, bei dem ein definierter Blick-Punkt fehlt. Darum besitzt die


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Kulturspinne eine integrierte Bühne mit Sitzmöglichkeiten, die als Mittelpunkt dienen können. Hier bietet sich die Möglichkeit, kleine Theaterstücke aufzuführen oder einen Treffpunkt für Jugendliche zu schaffen, an dem beispielsweise spontane Freestyle-Hip-Hop-Musik-Aufführungen stattfinden können. Die Konstruktion ist begrünt und dient auch als ein Klettergerüst für verschiedene Pflanzen. In bestimmten Abständen werden Behälter installiert, die Pflanzen mit der notwendigen Erde versorgen. Da die Verkehrskreuzung am Charlottenplatz stark befahren wird, dient der Innenhof als »grüne Stadtlunge« und bietet für diesen Ort eine passende Lösung.

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Tizia Maier — let it grow

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tizia maier Let it grow — Das Ziel des Instituts für Auslandsbeziehungen lautet »Kulturen verbinden«! Das ifa setzt sich weltweit für Kunstaustausch ein und fördert den Dialog zwischen den Zivilgesellschaften. Des Weiteren steht die Vermittlung außenkulturpolitischer Informationen im Vordergrund. Im Rahmen der saisonalen Ausstellung »Let it grow« werden diese Aufgaben in einem neuen Zusammenhang stehen: hier dreht sich alles um die Natur! Die Durchwegung des Innenhofs übertunnelnd zeigt ein mehrgeschossiges, meterlanges »Saatgutregal« – eine Sammlung in archivarischer Manier. Aufgrund der Setzung und Dimension des Regals wird die

Aufmerksamkeit des gesamten Hofs dort kanalisiert. Räumlich bildet die Ausstellung eine Art Rückgrat zugunsten des Außenbereichs des Amadeus. Die Ausstellung zeigt bedrohte Pflanzen aus Mittel-, Ost- & Südeuropa, die nicht nur im Hof der ifa-Galerie kultiviert werden, sondern deren Saatgut auch dort gewonnen, archiviert und anschließend mithilfe von Saatguttauschbörsen regional distribuiert wird. Seltene Arten können so geschützt und an neuen Standorten verbreitet werden. Darüber hinaus wird die regionale Biodiversität durch den Austausch archiviert und bereichert.

Installation von Bienenmagazinen — Ökologische Bedeutung: Einer der wichtigsten Bestäuber ca. 1/3 unserer Nahrungsmittel von Bienen bestäubt. — Dialog zwischen heimischen Bienen und Blütenpflanzen/ Beerenpflanzen aus Mittel-, Ost- & Südeuropa — Bienen und Blütenpflanzen leben in ständigen Austausch: Die Blüte wird bestäubt, während die Biene Nektar als Energiequelle für den Winter erntet — Interessantes Sozialverhalten: Solitäre Lebensform bis Staatenbildung

Blumenwiesen /Wiesenblumen & Strauchbeeren/Beerensträucher — Kultivierung von Pflanzen aus Mittel-, Ost- & Südeuropa — Gewinnung des Saatguts — Verbreitung durch Saatguttauschböre — Bereicherung der Biodiversität durch Austausch und erweitertes Angebot — Genuss des Ertrags

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Grundriss 1:200

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Valentina Reimer & Bellinda Keim — Reed swayed by the wind

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Reed swayed by the wind ist eine landschaftsarchitektonische Installation für den Innenhof der ifa- Galerie in Stuttgart. Die ifa-Galerie ist im ehemaligen Waisenhaus am Charlottenplatz untergebracht und teilt sich den Hof der Anlage mit dem Restaurant Amadeus. Der städtische Hof öffnet sich nach Norden hin zum Karlsplatz und im Süden zur Hauptstätter Straße. Die Anbindung an die Stuttgarter Innenstadt, den nahe gelegenen Schlossplatz und die diversen Knotenpunkte des öffentlichen Personennahverkehrs machen den Hof zu einer zentralen Fläche innerhalb der städtischen Struktur, auf der bereits eine Durchwegung über die Nord-/Süd-Achse stattfindet. Seine Funktion reicht also vom öffentlich urbanen Kontext bis hin zur privaten oder halböffentlichen Nutzung durch Gastronomie und als Pausenraum für die Mitarbeiter der ifa-Galerie. Das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) hat seinen Hauptsitz in Stuttgart und bietet Raum für ein Sprachzentrum, sowie Ausstellungs- und Tagungsräume. Der »repräsentative« Haupteingang der ifa-Galerie liegt an der Ecke Hauptstätter Straße 46

und Planie. An der Fassade zur Planie und zum Charlottenplatz sind große Werbetafeln angebracht, die für das wechselnde Programm und die Ausstellungen werben. Diese Gebäudeseite ist vor allem durch den starken Straßenverkehr geprägt. Für die ifa-Galerie wäre es darüber hinaus aber von Vorteil, wenn sie auch in das Stadtgeschehen mehr integriert wäre, sodass auch Fußgänger und Café-Gäste für die Themen der ifa-Galerie interessiert werden könnten. Unsere Aufgabe ist es, diese unterschiedlichen Themengebiete zu verknüpfen und den Hof durch einen strategischen Eingriff neu zu strukturieren. Hierbei ist uns wichtig, sensibel mit dem denkmalgeschützten Bestand umzugehen und dennoch eine Neugestaltung zu wagen. Die Art der Installation soll schnell und mit einfachen Mitteln umsetzbar sein und die Option zu einer dauerhaften Maßnahme bieten. Wir haben uns in der Umsetzung dazu entschieden, besonders auf die Zonierung des Ortes in seine einzelnen Funktionen einzugehen. Die starke Betonung der Vertikalen durch die beste-


valentina reimer henden Bäume soll aufgegriffen werden und durch Verdichtung in die Horizontale gekehrt werden. Die interaktive Installation soll der Institution als Eye Catcher dienen und für eine verstärkte Durchwegung des Innenhofs sorgen. Die Idee ist simpel und orientiert sich an dem Bild von Schilfhalmen, die einen Fluss begleiten. Abstrahiert soll der Eindruck dieser Atmosphäre in den Hof der ifa-Galerie transportiert werden. Die überhöhten Halme aus Glasfaserkabel wachsen durch den Innenhof und strecken sich weit über die Giebeldächer des Waisenhauses hinaus. Sie fangen Blicke von außen ein und wecken die Neugierde. Der dichte Wald bildet, je nach Funktion, Lichtungen und Wege aus. Die Besucher können sich frei durch die Installation bewegen und so den Ort neu entdecken. Höhenunterschiede und Dichte kennzeichnen die unterschiedlichen Nutzungen und geben mal privatere, mal öffentlichere Räume preis. In der Zone der größten Verdichtung wird die Spannung zusätzlich durch eine Klanginstallation verstärkt. In einzelnen Halmen befinden sich kleine Lautsprecher, die sanft wie der Wind und das

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Rascheln der Gräser Unterhaltungen der Besucher wiedergeben oder die Besucher auf unterschiedlichen Sprachen begrüßen. Hiermit möchten wir zum einen dem Engagement des ifa, dem kulturellen Austausch, Rechnung tragen und zum anderen auf die Funktion des ifa als Schulungszentrum für Fremdsprachen hinweisen. Durch die starke Verdichtung der Horizontalen und die diffuse Überlagerung der Geräusche wirkt der Platz außerdem belebt und suggeriert dem Besucher ein Gefühl von Geselligkeit, wodurch die Aufenthaltsqualität noch gesteigert wird. Wir haben uns bewusst für eine abstrakte Gestaltungsform entschieden, da diese nicht den Anspruch erhebt, mühselig verstanden zu werden, sondern Leichtigkeit übermittelt und Interpretationsspielraum lässt.


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Lena Schrade — Regenwald

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Regenwald — Der Innenhof der ifa-Galerie soll sich in einen abenteuerlichen Regenwald verwandeln. Vertikale Hängeelemente hangeln sich von Regenrinne zu Regenrinne, von Laterne zu Laterne, umschlingen sich an Bäumen und Pflanzen. Die Hängeelemente bestehen aus vielen sich ineinander verdrehenden Seilen und Schläuchen, die sowohl Objekte einspannen, als auch Sitzelemente ausbilden können. Eingespannte Pflanzen werden von den sie umschließenden Schläuchen mit Wasser versorgt und an einen geschlossenen Wasserkreislauf angebunden. Lampions, Spiegel oder Leuchtobjekte werden von den bestehenden Laternen nachts mit Licht versorgt und verteilen das Licht durch ihren eigenen Kreislauf im Raum. 52

Tagsüber zonieren sie den Raum durch Lichtspiele und Reflexionen oder Bewegungen im Wind. Die verschiedenen Kreisl��ufe der Elemente treffen und verbinden sich an den bestehenden Bäumen. Dort werden Wasserbehälter von Lichtern angestrahlt und verteilen ihr Licht durch dichteres oder dünneres Gewächs. So entsteht eine Interaktion verschiedener Elemente der Natur und regt die Besucher zum Nachverfolgen und Nachdenken oder Mitspielen an. Die unterschiedlichen Hängeelemente zonieren den Raum so, dass verschieden intime Bereiche entstehen, die zum Verweilen und unbeobachteten Entspannen oder zum Spielen und Entdecken einladen.


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Ina Nikolova & Carolin Lahode — Sense

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sense Sense — Der Innenhof des Alten Waisenhauses ist ein Ort der Begegnung. Die ifa-Galerie, das Sprachzentrum, die Bibliothek, das Amadeus und das Café am Eck locken Besucher an, deren Wege sich im Hof kreuzen, die aneinander vorbeigehen in ihrem zielgerichteten Lauf; sie sind in sich gekehrt, blind und taub für ihre Umwelt. Die Installation soll die Menschen dazu bewegen, inne zu halten, die Sinne schweifen zu lassen und ihre Umgebung bewusster wahrzunehmen. Jeder Raum besitzt seine spezifischen Qualitäten. Luftfeuchtigkeit, Temperatur, Gerüche, Geräusche und das Sehvermögen definieren, wie man einen Ort erlebt und ob man sich wohl fühlt. Diese Raumqualitäten sollen in der Installation für den Besucher auf die Probe gestellt werden. Als verbindendes Element im Innenhof befindet sich in dessen Mitte eine große Kiesfläche, die durch einen Stahlrahmen vom restlichen Untergrund abgehoben ist. Dieser Stahlrahmen ist an gegebenen Stellen, die die Wegebeziehungen im Hof verdeutlichen, geöffnet und will somit die Besucher zum durchqueren des Wolkenfeldes, das sich innerhalb der Kiesfläche durch den aus den vertikalen Stabelementen austretenden Wasserdampf bildet, stimulieren. Beim Betreten der Fläche wird der Besucher mit einer sich abrupt ändernden Umgebung konfrontiert. Die Wolken beeinträchtigen seine visuelle Orientierung und tragen gleichzeitig zu einer hohen Schwüle bei, der olfaktorische Sinn wird durch austretende Duftnoten desorientiert und schließlich wird die akustische Ebene durch das knirschende Geräusch des Kieses sensibilisiert.

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Vom Verlernen, seine Umwelt sensibel wahrzunehmen, der Stadtfilter Vol.III — Der Mensch wird einer ständigen Reizüberflutung – in Form von Lärm, visueller Verschmutzung durch Werbebanner, negativen Gefühlen wie der Bedeutungslosigkeit des Individuums in der städtischen Masse sowie unzähligen weiteren Beispielen – malträtiert. Wie ein Baum in der Landschaft, so kann ein Geräusch den Weg weisen, die Orientierung erleichtern, ein Anhaltspunkt sein für unsere Alltagsmanöver. Wir brauchen diese Ecktürme, Kirchturmspitzen, Blickfänge der Läden und Kneipen, die Positionen der Brücken und Sendetürme, um die Straßenkarte mit Hilfe von Geräuschen in unserem Inneren ordnen zu können. Eine auditive Reizüberflutung im städtischen Raum zwingt den Menschen, gewisse Geräuschkulissen auszublenden. Das Gehirn ist zunehmend überfordert und es ist nicht ausgeschlossen, dass auch das auditiv Wertvolle ausgeblendet wird. In visueller Hinsicht geschieht ähnliches. Der Entwurf zielt darauf ab, die Umwelt dem Stadtmenschen wieder näher zu bringen und dessen Wahrnehmung 64

zu sensibilisieren. Mit Hilfe diverser unterschiedlichen Maschinentypen – impliziert im Innenhof der ifa-Galerie Stuttgart – wird der Mensch aufgefordert, seine Umgebung gezielt wie auch differenziert wahrzunehmen. Der rauschende Raum zwischen dem Verkehrsknoten Charlottenplatz und der Einkaufsstraße um den Schlossplatz dient als Ressource. Die Interaktion des Menschen mit der Apparatur steht im Vordergrund. — Einrichten — Bewegen — Wahrnehmen  — Selektieren Dem Nutzer wird mit Hilfe einer AbsorberMaschine der Zugang gewährt. Diese Maschine filtert die auditiven und visuellen Bilder des Außenraums. Blick- und Hörrichtung sind durch den Nutzer bestimmbar und individuell mit unterschiedlichen mechanischen Vorrichtungen verstellbar. Intuitive Benutzung der Mechanik wird gewährleistet. Der Nutzer wird bereits durch das Erscheinungsbild der Maschinen zur Partizipation aufgefordert.


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Der WALKER (alias ventus pugnator) ermöglicht die Selektion der visuellen Bilder mit verstellbaren Guckrohren und Aussichtsplattformen. Die Position der Kapseln wird durch das »in Position bringen« ständig in eine neue Ausrichtung versetzt, um so individuelles Empfinden zu ermöglichen. Der LAUSCHER (alias sarracenia rubra) ermöglicht die auditive Selektion der Geräuschkulisse des Außenraums. Filterung und Verfremdung durch am Rohrsystem adaptiv angebrachte Module ermöglichen es, dem Hörenden die Umgebung direkt oder ungewohnt zu präsentieren. Durch die Zusammenführung der bewegbaren Maschinen zum ZORD* (alias triphyophyllum rex) und die Anbringung dessen auf einer verschiebbaren Plattform, wird die selbstständige Kombination von Geräuschen und Bildern ermöglicht. Der Nutzer der Maschine wird wieder zum Choreograph und/oder Komponist seiner eigenen Wahrnehmung.

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Sandra Nagel — Timeline

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Besucher nach Innen. Im Inneren wickelt sie sich durch Äste, die die Kreise der Ausstellungen tragen, im Uhrzeigersinn ab. Über die Zeit hinweg werden immer mehr Äste und Kreise, die auf eine Ausstellung verweisen, hinzukommen. Die Grafik wächst mit dem Programm der ifa-Galerie.

Timeline spiegelt die Zeittafel der ifa-Galerie wieder. In Form von einer gelben Grafik an der Oberfläche des Innenhofes der ifa-Galerie lässt sich der Zeitverlauf der Veranstaltungen erforschen. Am Boden, auf den Tischen, auf Bänken, auch an Bäumen lassen sich gelbe Kreise einer EpoxidharzBeschichtung finden, die jeweils eine ehemalige Ausstellung betiteln. Die Grafik ist fluoreszierend und lässt das Innere des ifas auch nachts präsent auftreten. Die Grafik beginnt auf dem Fußgängerüberweg zur Hauptstätterstraße und leitet den

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Landwirtschaftliche schule stuttgart Hohenheim Fachrichtung garten & Landschaftsbau — Projektarbeit von Auszubildenden zum Gärtner in der Fachrichtung Garten- und Lanschaftsbau im Rahmen der Ausstellung »Grüne Häuser, tropische Gärten«

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Projektarbeit von Auszubildenden zum Gärtner in der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau im Rahmen der Ausstellung »Grüne Häuser, tropische Gärten« — Die angehenden Landschaftsgärtner hatten die Aufgabe, eine temporäre Installation im Innenhof des Instituts für Auslandsbeziehungen zu planen und umzusetzen. Hierbei sollten die Auszubildenden die Inhalte der Ausstellung »Grüne Häuser, tropische Gärten« in den Außenraum transportieren. Ziel war, mithilfe von Lichtelementen, Tönen und Bildern Passanten und Besucher neugierig zu machen und für die Ausstellung zu gewinnen. Zunächst besuchten die Schüler die Ausstellung und hatten beim Werkstattgespräch mit den malaysischen Architekten Ken Yeang und Ng Seksan die Gelegenheit, sich mit den planerischen Ansätzen der beiden Visionäre im Bereich des nachhaltigen Bauens vertraut zu machen. Die vorgestellten Konzepte verfolgen die gleichen Ziele, sind jedoch in ihrer Ausführung geradezu gegensätzlich. Ken Yeang entwirft spektakuläre, hoch komplexe Gebäude für die dicht bebauten Innenstädte asiatischer Megacities, wohingegen Ng Seksan versucht, vorhandene und neue Bauten sanft, fast unmerklich in bestehende Landschaften zu integrieren. Die Planung der temporären Installation für den Innenhof des ifa-Instituts war für unsere Schüler eine intellektuelle Herausforderung. Die Schüler mussten selbständig eine Idee entwickeln, die dem übergeordneten Thema »Ecodesign« gerecht wurde. Es entstanden drei große Banner, die an der Fassade des Instituts angebracht werden, eine Geräuschkulisse, die über Funklautsprecher im Hof zu hören ist, und drei Lampen, die abends für Licht im Dunkeln sorgen. Die Banner zeigen ein Mosaik aus unzähligen Bildern, die zusammengesetzt einen Baum ergeben. Dieser Baum steht sinnbildlich für ökologische Systeme, die zum einen vor den nega-

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tiven Einflüssen baulicher Maßnahmen beschützt werden müssen, und zum anderen als Quelle der Inspiration für nachhaltiges Bauen dienen können. Moderne Gebäude können ähnlich einem Ökosystem funktionieren, indem sie zum Beispiel die Sonne als Energiequelle nutzen, oder Pflanzen zur Klimaverbesserung und Selbstversorgung baulich integrieren. Die Passanten können beim Queren des Innenhofs ein Tonstück hören. Die Töne verbinden natürliche (Natur) und künstliche (Zivilisation) Geräusche. Man hört Blätter rascheln und Vogelgezwitscher, aber auch einen pfeifenden Fußgänger und spielende Kinder. Das Stück endet mit einem Countdown, der deutlich macht, dass wir behutsam mit unserer Umwelt umgehen müssen, um sie vor endgültiger Zerstörung zu schützen. Zusätzlich erregen Leuchtkörper aus geflochtenen Kupferbändern Aufmerksamkeit. Die Lampen sorgen für ein anheimelndes Licht im Dunkeln. Man kann die warm leuchtenden Kugeln mit der Sonne, die uns mit Licht und Energie versorgt, in Verbindung bringen. Den Schülern ist es mit der Installation gelungen, eine Verbindung zwischen natürlichen und baulichen Elementen herzustellen. Bilder, Licht und Töne zeigen außen, was drinnen erklärt wird und locken weitere Besucher in die Ausstellung. Das Projekt wurde von den FachlehrerInnen Annabelle Mangold, Renate Koppen und Gerhard Walter an der Landwirtschaftlichen Schule StuttgartHohenheim betreut und begleitet. Wir bedanken uns herzlich für die freundliche Unterstützung der Mitarbeiter am ifa-Institut und Herrn Neuberger vom Stadtmedienzentrum Stuttgart am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg.


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Kulturklimator