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FALTER 34/22
Am besten gut kopiert Von StudiVZ bis BeReal – seit 20 Jahren gibt es im Internet soziale Medien. Um zu überleben, ahmt jeder jeden nach. Nun wollen alle wie TikTok sein. Kann das gutgehen?
ANALYSE: ANNA GOLDENBERG ILLUSTRATION: OLIVER HOFMANN
MEDIEN
also BeReal. Wenn die tägliche J etzt Benachrichtigung am Bildschirm des
Smartphones aufploppt, ist es so weit: Die App gibt Userinnen und Usern ein zweiminütiges Zeitfenster, um zwei Fotos aufzunehmen – das, was man gerade sieht, und ein Selfie. Der Zeitpunkt, zu dem die Benachrichtigung kommt, ist stets ein anderer. Lädt man zu spät hoch, gibt es eine Rüge. Erst wenn die Fotos hochgeladen sind, wird sichtbar, was die anderen gepostet haben. Bis zur nächsten Runde verschwinden die Fotoeinträge wieder. „BeReal“ heißt auf Deutsch „sei echt“, und dieser Anspruch zieht. Seit 2020 ist die vom französischen Programmierer Alexis Barreyat entwickelte App verfügbar, in den vergangenen Monaten hob sie ab. Insgesamt wurde die App 28 Millionen Mal heruntergeladen, der Großteil im letzten halben Jahr. Vielleicht ist BeReal ein weiterer schnell ver-
glühender Stern im gigantischen Social-Media-Universum. Ein kurzlebiger Hype, der entsteht, weil die App ein unbefriedigtes Bedürfnis der vielen erfüllt? In unsicheren Zeiten schafft BeReal mit einem kurzen täglichen Ritual nicht nur Verlässlichkeit, sondern auch Verbundenheit, indem man die Aufgabe zeitgleich macht und die Ergebnisse teilt. Man muss schnell sein, und das jeden Tag zu einem anderen Zeitpunkt. Ein Nervenkitzel, der Kreativität verlangt. Und all das verschwindet wieder. Seit 20 Jahren gibt es im Internet soziale Netzwerke. Friendster startete 2002 und gilt als erste erfolgreiche Plattform, die es erlaubte, ein Profil zu erstellen und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Freundeslisten und Gruppen imitieren das „echte“ Sozialleben. 2004 folgte Facebook, 2006 der Kurznachrichtendienst Twitter, 2010 die Fotoplattform Instagram (Face-
book, heute Meta, kaufte es 2012), 2011 der Videodienst Snapchat, 2018 die chinesische Musikvideo-App TikTok. Viele andere Namen sind mittlerweile längst vergessen. Friendster wurde 2015 eingestellt, Google+ 2019, das deutsche StudiVZ im März 2022. Die Plattformen, die überleben, verändern sich ständig – und zwar nicht, weil sie unbedingt etwas Neues erfinden, sondern indem sie geschickt andere SocialMedia-Kanäle kopieren. Facebook übernahm Hashtags von Twitter, Twitter seine „Spaces“, in denen Audio-Konversationen geführt werden können, von der Audio-App Clubhouse, Instagram die „Stories“, also die verschwindenden Inhalte, von Snapchat. Nachahmung ist die höchste Form der An-
erkennung, heißt es oft. Nutzerinnen und Nutzer sehen das allerdings gerne anders. Wieso gehen solche Veränderungen so oft mit Protest einher? Warum gibt gerade jetzt TikTok den Ton an? Und welches Erbe hinterlassen kurzlebige Hypes? Aus dem Kommen, Gehen und Wandel der sozialen Netzwerke in den vergangenen zwei Jahrzehnten lässt sich einiges lernen – über deren Funktionsweisen, über unsere Bedürfnisse als Menschen und über die Macht des Marktes. „Make Instagram Instagram Again“, „Macht Instagram wieder zu Instagram“, fordert die Petition auf Change.org. Und weiter: „Hör auf, zu versuchen, TikTok zu sein, ich will nur süße Fotos meiner Freunde sehen. Herzlichst, alle.“ Über 300.000 Unterschriften hat die Mitte Juli von der 21-jährigen US-amerikanischen Fotografin Tati Bruening gestartete Petition mittlerweile. Unterzeichnet und geteilt haben sie nämlich auch Instagram-Schwergewichte wie das Model Kylie Jenner (366 Millionen Follower) und ihre Schwester, US-RealityTV-Star Kim Kardashian (329 Millionen Follower). Die Hunderttausenden regt auf, dass Instagram zu sehr auf Videos setzt, wie es Konkurrent TikTok ausschließlich tut. Zudem hat Instagram seinen Algorithmus dahingehend verändert, dass man mehr Inhalte von Usern sieht, denen man nicht selbst folgt.