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Hast du einen Plan? Wo willst du wohnen? Wie willst du lernen? Wie viel Ordnung steckt in deinem Chaos? Rauminstallation von Esther Stocker mit dem Titel „Destino comune“ 2011, MACRO Roma Courtesy OREDARIA Arti Contemporanee, Roma. Photo: altrospazio

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25.09.2013 13:26:35 Uhr


U E N

▶ gröbchen ▶ miessgang ▶ obkircher ▶ stöger

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FÜNF JAHRZEHNTE MUSIKGESCHICHTE ERZÄHLT VON 130 PROTAGONISTEN Wienpop erzählt die Geschichte der Wiener Popmusik, von den ersten Vorläufern des Rock ’n’ Roll in den Fünfzigerjahren bis hin zum Ausklingen des Hypes um die lokale Elektronikszene kurz nach der Jahrtausendwende. Die Autoren, vier langjährige Beobachter des österreichischen Popgeschehens, haben mit rund 130 Protagonisten gesprochen und fünf Jahrzehnte Wiener Popgeschichte in Form einer Interviewcollage zu einer vielstimmigen Erzählung verdichtet.

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400 Seiten, ca. 600 Abbildungen, € 39,90

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05.06.2013 14:10:42 Uhr


wir haben keinen plan

Foto: Valentin ladstätter

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as willst du einmal werden, wenn du groß bist? Na, irgendeinen Plan? Was wirst du studieren, wo arbeiten, wo wirst du wohnen, wirst du heiraten, Kinder kriegen, dir ein Frettchen zulegen? Eltern, Lehrer und entfernt verwandte Tanten wollen das immerzu von uns wissen, aber ganz ehrlich: wozu? Braucht man immer einen Plan? Seit es Google Maps gibt, findet man wenigstens immer den Weg zum Vorlesungsgebäude. Und Facebook und die NSA wissen ohnehin besser, wer wir sind und was wir wollen … fragt doch die! Die Zeiten von vorgezeichneten Karrieren – Schule, Studium, Job, Familie, fetter Chefsessel, fette Pension – sind vorbei, das bestätigt uns jede Woche ein anderer vogonenhafter Politiker oder Gewerkschafter. Das ist alles Angst- und Panikmache. Die halten an einem System fest, in dem sie es sich bequem gemacht haben und von dem sie uns vorgaukeln wollen, dass wir es genauso brauchen wie sie. Sie können sich keine Alternativen vorstellen und verbauen all jenen, die es können, auf bürokratische Weise den Weg. Die haben doch auch null Plan, warum brauchen dann wir einen? Wobei, wenn wir ehrlich sind: Dann und wann sind so ein bisschen Selbstorganisation, Ordnung im Terminkalender und saubere Klamotten auch ganz förderlich. Irgendwann, nach sieben verhauten Prüfungen, zehn zu spät abgegebenen Seminararbeiten und zwei volltrunkenen Auslandssemestern wollen wir dann vielleicht doch unser Studium abschließen, einen gebügelten Pullover anziehen und uns irgendwo vorstellen gehen ... In der Zwischenzeit tut aber auch ein bisschen Chaos gut. Chaos kann schrecklich aggressiv machen, aber auch befreien, weil man endlich mal nicht weiter nachdenken muss. Chaos zwingt uns manchmal aufzugeben und neu zu beginnen, macht aber auch wahnsinnig kreativ. Und wenn die Kreativität dann in geraden Linien und konzentrischen Kreisen gipfelt, auch okay. Aus Chaos kann viel leichter etwas Neues und möglicherweise Tolles entstehen als aus gefestigten Bahnen und akribischer Ordnung. Also würfelt euren Studienplan durcheinander, mischt die Lernzettel auf eurem Schreibtisch durch, schmeißt das Essen an die Wand und euch an den nächsten Typen/die nächste Typin. DURST 2/13

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Editoria

in Heft zu mache n, chaotisch zu Begi das ist ziemlich nn. Tausend Ideen, ständig umgewor die fe zusammengewürfe n werden und neu das dabei heraus lt, bis dann irgendwann kommt, was ihr je in den Händen ha tz lte t. G an z ordentlich erzä t wir jetzt von neue hlen dem Alltag in meh n Formen des Lernens und Wohnkonstellatio r oder weniger chaotischen ne sind die Deutschku n. Alles andere als alltäglich unserer Redakteu rse für Asylbewerber, die eine ri auf Seite 30 darü nnen ehrenamtlich hält – und ber berichtet. Um es auch bei den s Lernen geht M USA (28f.): Online OOCs, dem neuen Hype aus den klingt ja toll, aber gratis an Eliteunis studieren Damit ihr euren ist es das wirklich immer? M abschließt, gibt´s assive Open Online Course auch vo Studienabschluss n uns Tipps zum erfolgreichen (58f.). Und damit tisch nicht so au euer Schreibss erklärt Markus Pe ieht wie der hier (oder unsere), sc eigenen vier Wän hl, wie man sich in den den am besten or ganisiert (26).

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Felix Strehle: „Ich studiere Gamedesign & Animation. Dafür benötige ich diverse technische Hilfsmittel. Mein Schreibtisch lässt sich aber auch durch meine ungeheure Faulheit erklären, was zu wahllos verteilten Zetteln mit Kritzeleien und dutzenden leeren Gläsern führen kann. Der kleine Kaktus rechts begleitet mich, seit ich vor fünf Jahren nach Wien gezogen bin, und ist nach wie vor meine einzige Zimmerpflanze.“ Mehr Schreibtische, dann auch horizontal, ab S. 22

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inhalt

Chaos & Ordnung

Zuerst wollten wir was über‘s Chaos machen, dann kam die Ordnung dazu. Herausgekommen ist ein Heft über Pläne, Organisation, Wohnen und Lernen.

Seite 22

Seite 32

Chaos Arbeitsplatz?

Kinderuni

Wir haben uns Schreibtische angesehen, eigene und fremde: von Fotografen, Schriftstellern, Künstlern und Beratern.

Früh übt sich, um später mal zu studieren. Vor allem wenn die Eltern keine Akademiker sind.

Seite 30

Deutschkurse

Seite 28

Das neue Online-Studieren aus den USA: Kommt man so wirklich gratis an eine Eliteuni?

Seite 16

Creative Learning

Ein neuer Ansatz, der Schule und Studium zwar nicht revolutioniert, aber das Lernen sinn­licher, direkter und leichter machen könnte. Manche versuchen es auch mit LegoSteinen: Da gibt es jetzt sogar welche, mit denen kann man programmieren.

Seite 20

Autismus

Seite 34

Wohntypen

Wenn das Leben zum kakaphonischen Chaos wird: Wie bewältigen Menschen mit Autismus Studium und Leben?

Unsere beliebten Karikaturen stellen diesmal Archetypen des studentischen Wohnens vor. Honi soit qui mal y pense.

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sexfragen

Prof.Dr. Pfannenstiel beantwortet Fragen zur Erotik, die man nie stellen wollte.

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DURST-Redakteurin Hanna Reiner hat Asylbewerber unterrichtet: eine echte Herausforderung!

I-M-P-R-E-S-S-U-M

Seite 39

Studenten & ObdachlosE

Ein weltweit einzigartiges Projekt lässt Studierende und Ex-Obdachlose gemeinsam WGs bewohnen: Das bringt beiden was.

Medieninhaber Falter Zeitschriften Gesellschaft mbH. Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien T: 01 536 60-0, E: durst@falter.at www.falter.at/durst Redaktion Thomas Askan Vierich (Ltg), Martina Powell, Mara Simperler, Raffael Fritz, Sandra Eigner, Sandra Schieder, Manuel Köllner, Valentin Ladstätter, Manon Steiner, Lena Hammerstingl, Sonja Dries, Hanna Reiner Autoren Georg Eckelsberger Art & Creative Direction Christian Bretter Fotos & Illustration Gaia Soldatini, Kurt Rudolf, Markus Krottendorfer, und wie angegeben Herstellung Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Produktion: Reini Hackl, Anzeigenverkauf: Sigrid Johler (Leitung), Geschäftsführung: Siegmar Schlager Druck Leykam Druck GmbH DVR: 047 69 86 Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten.

Fotocredit: Alterna2 http://www.alte

MOOCS

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Chaos, ordnung und lernen „Eine Sexpraktik namens Österreichisch ist mir noch nicht untergekommen – aber seien wir froh, dass es keine gibt, vermutlich hätte sie mit Nazis oder versperrten Kellern zu tun.“ Prof.Dr. Elfriede Pfannenstiel, Sexberaterin

D Seite 42

Seite 46

NYC lieben lernen

NYC liebt sich selbst und alle machen mit – trotz teurer Mieten, Dauerstress, Krach und Megapolenchaos. Studieren kann man dort auch.

geordnet chaotisch

Künstler und Kunsttheoretiker erklären, wie chaotisch Kunst sein muss Und wie geordnet sie sein kann.

Seite 60

Essay

Valentin Ladstätter erklärt uns die Welt und wie sie aus dem Chaos kam und wieder ins Chaos geht.

Seite 52

Chaostheorie

Mandelbrotmengen und Attraktoren: Was ist von der hübschen Chaostherie geblieben?

Was willst du ändern? Seite 54 Seite 56

Aufräumen

Ein Schweizer räumt Kunstwerke und Parkplätze auf: Viele fühlen sich erleichtert. Endlich Ordnung!

Seite 50

Stimmenchaos

Am Kelhlkopf eines (toten) Hirsches wird erforscht, wie chaotisch Tierlaute oder der Gesang von Joe Cocker ist.

Die Welt ist schlecht und wir können sie ändern. Andere machen es vor.

Viel spass mit Durst wünschen eure chaoshüter

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Fotocredit: Alterna2 http://www.alte

Seite 58

Studium Beenden Tipps von Schreibgurus und Praktikern, wie man endlich seine Abschlussarbeit fertig bringt.

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Seite 40

550 Euro

So viel kosten 24 qm2 im teuersten Studentenwohnheim Wiens – Fitnessraum und Putze inklusive.

Bretter & Vierich

durst@falter.at

wo bleiben wir?

iesmal haben sich alle sehr viel Mühe bei den Nationalratswahlen gegeben. Allein was ORF und Puls4 an Diskussionsrunden, Analysen, Duellen oder gar „Wahlfahrten“ ins Programm gepackt haben! Schließlich passiert es nicht bei jeder Nationalratswahl, dass mit Frank Stronach, den Neos und anderen Kleinparteien gleich ein paar frische Spaßvögel in unserer Politiklandschaft auftauchen. Endlich war mal was geboten. Danke Team Stronach, dass ihr uns eure drei Grundwerte Wahrheit, Transparenz (gesprochen: Dransbaräänss) und Fairness (WTF) entgegengeplärrt habt. Hinzu kam dieser mehr als schrullige, oft verwirrte, kampfduzende und bis zur Unverschämtheit angriffige Spitzenkandidat, dem weder die Medien noch die etablierten Politiker und häufig nicht einmal die Wahrheit und schon gar nicht der Realismus heilig sind. Todesstrafe? Eltern sollen die Schuldirektoren wählen? WTF?

NIX bildungspolitik Soviel Freude wir auch mit Franky hatten – kaum was ist lustiger als bekifft eine Diskussionsrunde mit ihm zu gucken: Durch den vielen Wind, der um ihn gemacht wurde, kamen leider einige wirklich wichtige Punkte im Wahlkampf zu kurz. Außerdem sind inzwischen die allermeisten Politiker dermaßen top-gecoacht und sprachgeschult, dass sie nur noch mit Hilfe rhetorischer Pfeile und anderer kommunikativer Spompanadeln ihre Botschaften durchpeitschen, anstatt auf Fragen tatsächlich einzugehen. Was passiert zum Beispiel nach der Nationalratswahl mit unseren vollgestopften Unis? Ja, die WU hat ein neues Gebäude. Ganz toll. Aber was ist mit der Hauptuni? Und mit der TU? Da ist doch auch kein Platz mehr. Kommen Beschränkungen? Gebühren? Oder am Ende doch mehr Geld? Für wen? Lauter Dinge, die uns ziemlich interessiert hätten. Stattdessen gab es (eigentlich eh wie immer) viel Populismus, Geschrei und (mehr als sonst) Schläge unter die Gürtellinie. Was nach der Wahl im Bildungssektor getan wird, bleibt (seit Jahren) fraglich und ohne wirkliche Zukunftsperspektive für uns Studierende und junge Akademiker. Valentin Ladstätter

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DIE REDAKTION STELLT SICH VOR

HABEN WIR EINEN PLAN?

Natürlich hatten wir einen Heftplan. Mehrere sogar. Und wir haben uns dran gehalten. Aber sonst?

Valentin Ladstätter 24, Zeitgeschichte (Uni Wien) „Plan wäre zu viel gesagt. Ich habe einen Kompass, mit dem ich eine bestimmte Richtung halte. Aber ich bleibe dort stehen, wo es mir gefällt und seh mich um.“

Martina Powell 24, Journalismus (Master) und Internationale Entwicklung (Bachelor) „So eine Frage könnte von meinen Eltern stammen! Meine Antwort an Mama und Papa: Natürlich, einen grandios ausgefeilten noch dazu! Die Wahrheit: Nein. Weil es eh immer anders kommt.“

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Manon Steiner 24, in der letzten Phase der Studien Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Komparatistik „So wenig wie möglich und trotzdem den Alltag zu überstehen und das Leben irgendwie zu meistern. Achja und eine Weltreise machen – am besten sofort!“

Mara Simperler 25, freie Journalistin (ehemals Diplomstudium Internationale Entwicklung an der Uni Wien und Bachelor in Journalismus und Medienmanagement an der FH Wien) „Ich habe für alles im Leben mindestens drei Pläne. Schlussendlich passiert aber eh meist etwas ganz anderes.“

Lena Hammerstingl 20, Kultur- und Sozialanthropologie (Uni Wien) und Journalismus und Medienmanagement (FH Wien) „Bis morgen, ja. Eine Karriere oder gar ein Leben halte ich für unplanbar.“

Raffael Fritz 27, Magister (FH) Journalismus, Journalist „Ich liebe es, einen Plan zu haben! Kommt nur leider zu selten vor.“

Sandra Eigner 26, Bachelor Journalismus (FH Wien) und Master Sozioökonomie in Arbeit (WU Wien) „Klaro, reich und berühmt will ich werden! Nur wie – das ist die Frage … Einstweilen widme ich mich halt meinen Reiseplänen.“

FOTOS: PRIVAT

Hanna Reiner 23, Politikwissenschaft „Viele! Meistens unrealistische wegen meiner Finanzen und Zeit. Für nächste Woche aber mal auf jeden Fall einen Roadtrip mit meiner Oma zum Mond(see).“

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„LEUTE, HIER IST DER HEFTPLAN, ABGABETERMINE STEHEN DRAUF. HALTET EUCH BITTE DIESMAL DRAN. ZACK ZACK!“ Thomas Askan Vierich, Chefredakteur, liebevoll „Die Peitsche“ genannt

Manuel Köllner 25, BA Journalismus (FH Wien), ZDF-Büro, New York City „Plan, Strategie, hatte ich alles! Aber dann bin ich nach New York gezogen.“

Sandra Schieder 22, Journalismus & PR (FH Joanneum, Graz) „Leben ist, was passiert, während man andere Pläne macht. Daher ist mein Motto: Mehr Leben und weniger Pläne.“

FOTOS: PRIVAT

Sonja Dries 26, Masterstudium Journalismus und Neue Medien (FH Wien) & Kultur-und Sozialanthropologie (Uni Wien) „Ich hatte immer einen ausgeklügelten Plan. Doch irgendwie kam’s immer anders. Der nächste Plan: endlich mal planlos sein.“

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www.turek.at Durst_07 7

Join us on 25.09.2013 13:29:30 Uhr


DIE 10 BESTEN KONZERTE IN WIEN „Two Fingers“ in die Höhe, tanz, Baby, und lass dich nicht von alten Herren täuschen ...

NICK CAVE & THE BAD SEEDS 24.11., 20 Uhr, Planet.tt Gasometer, 50 Euro Vor einigen Jahren rockte Cave mit Grinderman das Gasometer, wir waren dabei. Jetzt kommt er wieder, diesmal mit seinen gewohnten Bad Seeds und wird sein wunderbares neues Album „Push The Sky Away“ vorstellen. Von Grinderman wird Multiinstrumentalist Warren Ellis wie gewohnt mit Rauschebart dabei sein. Nick Cave und seine Mannen sind ein Beispiel dafür, wie man in Würde im Rock and Roll altern kann (wie Neil Young oder Paul Weller) und auch mit Falten noch für gute Stimmung sorgt.

DEERHUNTER 27.10., 20:30, WUK, 25 Euro „Ambient Punk“ nennen die USIndierocker ihr Musik und vereinen Genres wie Noise Rock, Art Rock, Post Punk und Pop. Nette Mischung, oder? Sie existieren schon seit mehr als zehn Jahren und kommen jetzt nach Österreich, um ihr fünftes Studioalbum „Monomania“ vorzustellen. Live sind sie noch wilder als auf Platte.

JAKE BUGG 5.12., Planet.tt Gasometer, 20 Uhr, 30 Euro Ist am Hype um den „neuen Bob Dylan“ was dran? Immerhin schoss sein Debütalbum in England von null auf Nummer eins der Charts. Für einen Newcomer, der wie aus der Zeit gefallen tatsächlich ein wenig wie der junge Dylan klingt, schon etwas Besonderes. Hilfreich war mit Sicherheit das überschwängliche Lob von Noel Gallagher und den Stone Roses, in deren Vorprogramm er spielen durfte. Jetzt kommt er erstmals nach Österreich.

Tanz, Baby! wollen nicht mehr tanzen. Abschiedskonzert am 24. Oktober

Nummer-eins-Hit auf FM4, 2012 folgte das zweite Album „Staub und Stern“. Man spielte mal als Rockband, mal als Folkloreensemble oder als Blaskapelle. Jetzt soll Schluss sein. Beim Abschiedskonzert sind viele alte Weggefährten dabei. Baby, schwing noch einmal das Tanzbein!

Blödelband zum musikalischen Gewissen des Landes aufgeschwungen. Anti-Gehrer, Anti-Grasser und Anti-System überhaupt – Christoph und Lollo fühlen sich als Polit-Satiriker sichtlich wohl. Spaß darf es aber trotzdem noch machen, vor allem live.

CHRISTOPH UND LOLLO 7.11., 20 Uhr, Schutzhaus Zukunft auf der Schmelz, 12 Euro Christoph und Lollos Schispringerlieder sind ganz lange her, längst hat sich das Duo von der charmanten

SOPHIE HUNGER 10.11., 19 Uhr, WUK, 29 Euro Die Schweizer Künstlerin wurde einmal als eine Mischung aus Laura Marlin, Beth Orton und Björk beschrieben. Sie war die erste

Kinderorgel und Staubsauger? Nichts wie hin! MOUNT KIMBIE 1.12., 21 Uhr, Flex, 15 Euro Zwei Briten gehen neue Wege im Bereich Dance. Der „Musikexpress“ beschreibt das so: „Sinfonie aus Kinderorgel und Stabsauger, aus Folk-Fragmenten und knisternden Clicks & Cuts vom letzten ElektroWühltisch“. Wir haben sie am MeltFestival gesehen. Fazit: Gute Party! TANZ BABY! 24.10., 21 Uhr, WUK, 16 Euro Vor acht Jahren begann das als selbsternanntes Heimorgel-Unterhalter-Duo mit einer Mischung aus Schunkelbässen und leiernden Akkorden, 2008 landeten sie einen

Das Rauchen bescherte ihm seinen ersten Hit.

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Die Rock‘n‘Roll-Gentlemen Nick Cave & The Bad Seeds – nichts für Oma!

Britisch-baskische Hippie-Raver: Crystal Fighters, aktuelles Album: „Cave Rave“.

FOTOSCREDIT: ALTERNA2 HTTP://WWW.ALTERNA2.COM, FOTOCREDIT (GRINDERMAN): CHRIS FRIESE / FLICKR, FOTOCREDIT: UNIVERSAL MUSIC, FOTOCREDIT: 4AD, FOTOCREDIT: WARP RECORDS, FOTOCREDIT: TANZ BABY!, FOTOCREDIT: BENOÎT PEVERELLI JÖRG HUBER (FOTO MIT GITARRE), FOTO: CRYSTALFIGHTERS.COM, FOTOCREDIT: EFTERKLANG.NET

ALT-HERREN-ROCK UND HIPPIE-RAVE

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25.09.2013 13:30:39 Uhr


FotoScredit: Alterna2 http://www.alterna2.com, Fotocredit (grinderman): chris friese / flickr, Fotocredit: Universal Music, Fotocredit: 4AD, Fotocredit: Warp Records, Fotocredit: Tanz Baby!, Fotocredit: Benoît Peverelli Jörg Huber (foto mit gitarre), Foto: crystalfighters.com, Fotocredit: Efterklang.net

EVENTS: UNSTERBLICHKEIT UND WAHnSINN „ALTERN IST EINE KRANKHEIT UND KANN GEHEILT WERDEN ... DER ERSTE MENSCH, DER 1000 JAHRE ALT WIRD, IST SCHON GEBOREN.“ Aubrey de Grey

Aus der Schweiz in die große weite Welt: Sophie Hunger Schweizerin, die zum Glastonbury Festival eingeladen wurde. Sie hat mit The Young Gods und Stephan Eicher zusammengearbeitet, ihr erstes Album landete auf Platz 1 der Schweizer Charts, ihr letztes Album enstand in Europa und den USA.

Crystal Fighters 15.11., Arena, 26 Euro Dass Hippies und Elektro gut miteinander zurechtkommen, zeigen die baskisch-britischen Crystal Fighters seit geraumer Zeit und ziehen mit ihren Mitsing-MittanzSongs durch die Welt. Wer‘s noch nicht gesehen hat, bitte hingehen! Für einen guten Abend sind die Crystal Fighters allemal zu haben. Efterklang 16.11., 19 Uhr, Arena, 17 Euro Efterklang ist eine dieser Bands, die man in jeder Gemütslage hören kann und nachher ist man traurig. Bei Live-Shows holt sich die dreiköpfige Melancholie-Maschine angeblich gerne mal Verstärkung auf die Bühne. Ob sie sich nach den Shows Zeit nehmen, ihre Fans zum Trost kurz in den Arm zu nehmen, ist nicht überliefert. Red + Chaos Beyond 17.11., 20 Uhr, Szene Wien, 20 Uhr Die Wiener Metalband Chaos

Melancholiemaschine: die Dänen Efterklang DURST 2/13

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Beyond supported die US-Kollegen Red, die als Christian Rock/NuMetal Band gelten und in eine Reihe mit Linkin Park gestellt werden. Chaos Beyond spielen eine melodischen Metalcore, ihr Debütalbum erschien 2011, heuer folgte im Sommer „The Drawing Board“.

„Behördisch“ leicht gemacht

Dank dieses Buches wissen wir zukünftig sofort, warum das „feindliche Grün“ am Unfall schuld war: Ein Defekt an der Ampel hat zum gleichzeitigen Anzeigen von Grün für mehrere kreuzende Fahrtrichtungen geführt. Auch können wir uns jetzt mitfreuen, wenn der befreundete Gefängniswärter von seiner „Gitterzulage“ schwärmt – das ist die Gefahrenzulage für Bedienstete im Strafvollzug. Wer „Behördisch“ trotzdem lieber von seinem Wortschatz fernhalten will, kann das Buch auch beim nächsten Spieleabend mitbringen. Denn wer will nicht mal gerne hören, wie andere versuchen die Bedeutung von „Leibesfruchtpfleger“, „Dezemberfieber“ und „Enterdigung“ zu erraten? Sonja Dries

Bis zur Unsterblichkeit: Aubrey de Grey in Wien sagte de Grey mal, der erste Mensch, der 1.000 Jahre alt werden würde, sei schon geboren worden. Vielleicht bist es ja du? Mara Simperler

TEDxVienna „Unlimited“ 2. November 2013, Ganztagesveranstaltung Volkstheater, Wien, 79 Euro, Studenten 39 Euro www.tedxvienna.at

Werdet unsterblich!

Lasst den Wahnsinn beginnen! A

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hr Wissbegierigen, die ihr Abend für Abend vor dem Bildschirm sitzt und euch die Weisheit über TED Talk Streams aus dem Internet saugt, freuet euch! Am 2. November 2013 findet im Volkstheater ein TEDxVienna Event zum Thema „Unlimited“ statt. Frei nach dem Motto: Was gestern noch unmöglich war, ist heute längst normal. Grenzenlosigkeit deutet ja irgendwie auf Chaos hin, aber Ordnung in Form von Grenzen der Vorstellung hindert Innovation. Über all das sprechen ein paar mehr oder weniger brillante Menschen in kurzen Vorträgen. Dabei ist zum Beispiel Carl Djerassi, der Erfinder der Pille. Der hat sicher für mehr Ordnung im Liebesleben gesorgt. Anders Aubrey de Grey, ein verrückter Biogereotologe aus Großbritannien. Bio-was fragt ihr euch? Der Mann will unsterblich werden! Altern sei eine Krankheit, kein natürlicher Prozess, sagt er. Daher sollte man sich auch vom Altern heilen lassen. In einem TED Talk

ls ich den Ragnarhof um 22 Uhr betrete, verlasse ich gleichzeitig die Realität: Fantasiefiguren schwirren um mich herum, zwei bunte Bärchen bezirzen mich mit ihnen zu kommen, andere Schauspieler vesuchen ebenfalls mich zu verführen, mich zum Mitmachen aufzufordern. Viele Stücke laufen gleichzeitig. Die Bären führen mich in eine Bar, später lande ich in einem Keller, dann in einem Séparée. Schließlich der Auftritt des Teufelsgitarristen und Kirke, zu dem ich wild tanze. Um fünf Uhr bin ich immer noch hier, trinke und quatsche mit den Künstlern. Das war 2012. Auch heuer kann man bei über 15 Kurztheaterstücken, Bandauftritten und Performances wieder den Wahnsinn zelebrieren. Manon Steiner

Das Festival läuft noch bis zum 26. Oktober, jeweils Freitag und Samstag. Mehr Infos unter: http://mimamusch.at, Eintritt 9/12 Euro.

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ie Behörde ist in Österreich das Sinnbild für Ordnung. Versucht jedoch ein Außenstehender in dieses scheinbar in sich geschlossene System einzudringen, entsteht schnell Chaos. Schuld daran ist oft die fehlende Kommunikationsbasis, denn „Amtsdeutsch“ hatten die wenigsten in ihrem Lehrplan. Der Wörterbuch-Verlag Langenscheidt nimmt diese Sprachbarriere jetzt in Angriff und bringt das Unwörterbuch „Behördisch“ raus.

Theaterparty mit Mimamusch

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Ausgewählte studentische Projekte

Best of Students

Fliegenlarven, die den Welthunger beseitigen könnten? Kunstunterricht am Smartphone? Österreichische Studierende machen‘s möglich.

Fliegenfutter

PHYSIKMOBIL

Flüchtlinge

Eine junge Designerin möchte das Ernährungsproblem der Menschheit lösen. Ihre Fliegenlarven sorgen mittlerweile weltweit für Aufsehen.

Wo Bernhard Weingartners Team mit dem Physikmobil auftaucht, ist was los. Durch witzige Experimente wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch bildungs­ferne Schichten für Forschung interessieren.

In ganz Europa initiieren Flüchtlinge Proteste, um auf die Missstände von Asylsuchenden aufmerksam zu machen. Unterstützt werden sie dabei von engagierten Studierenden.

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atharina Unger nennt ihre Erfindung kryptisch „Farm 432“. Dabei lässt sich der Zweck der Brutmaschine, die die Absolventin der Wiener Angewandten als Abschlussprojekt gebaut hat, ganz schnell erklären: Es geht darum Fliegen zu züchten, die zum Verzehr gedacht sind – oder genauer gesagt ihre Larven. Längst hat sich herumgesprochen, dass Insekten als „Protein-Könige“ der Natur weit effizienter und ressourcenschonender zur Nahrungsproduktion gezüchtet werden können als Säugetiere wie Kühe oder Schweine. Mit „Farm 432“ geht das auch zu Hause. In nur 18 Tagen kann man aus 1 Gramm Fliegeneier 2,4 Kilogramm Larven und Protein erzeugen. Nicht umsonst gilt der Verzehr von Insekten heute als mögliche Lösung für Megaprobleme wie die globale Nahrungsknappheit. Dass es Nachfrage gibt, hat Unger schnell gemerkt. Das renommierte Tech-Magazin „Wired“ brachte ihre Erfindung auf die globale Bühne, mittlerweile fragen Weltraumingenieure bei ihr an. Die Designerin selbst verbringt die kommenden Monate mit einem Fulbright-Stipendium in den USA – und überlegt dort, was sie mit ihren Larven weiter anstellen wird. Georg Eckelsberger

TRAINIERE DEINE SOFTSKILLS! Das Physikmobil spricht speziell Kinder an. Wenn die Forscherinnen und Forscher mit einem uralten Fahrrad, auf dem eine Holzkiste voller Experimentierutensilien montiert ist, an einen öffentlichen Platz kommen (meistens an einen, an dem sich eher „bildungsferne“ Schichten aufhalten), bilde sich immer sofort eine Traube interessierter Kinder und Jugendlicher, schildert Weingartner. Übrigens fast so viele Mädchen

Das Refugee Protest Camp auf der Wiese vor der Votivkirche – bevor es geräumt wurde.

Ein mutiges Mädchen lässt sich von Wolfgang, Mitarbeiter beim Physikmobil, die Hand anzünden.

wie Burschen. Da passt es gut, dass Weingartner auch eine Clownausbildung absolviert hat. 2009 kam ihm die Idee für das UniSeminar. 18 Plätze gibt es, aber weit mehr Bewerbungen. Ein Auswahlverfahren musste her, ein nur 300 Zeichen langes Motivationsschreiben, warum der/die StudentIn mit dem Physikmobil unterwegs sein will. Einige Studierende bleiben auch nach der Lehrveranstaltung in seinem Team, erklärt Weingartner. So wie Wolfgang. Warum er dabei ist? „Weil’s ziemlich lustig ist und ich meine Softskills trainiere! Was täte ich sonst an einem Wochenende?“, antwortet er und erklärt den schaulustigen Kindern und Eltern, warum sie bei dem Experiment keine schweren Verbrennung davongetragen haben. Sandra Eigner physikmobil.at

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m November letzten Jahres ging eine Gruppe von Asylbewerbern vom niederösterreichischen Aufnahmezentrum in Traiskirchen zu Fuß nach Wien und schlug vor der Votivkirche ein „Refugee Protest Camp“ auf. Muhammad Numan, Kunststudent in Wien, war von Anfang an einer der Unterstützer der Flüchtlingsproteste. „Viele der Asylsuchenden konnten weder Deutsch noch Englisch und sich somit nicht verständigen. Ich habe ihnen wichtige Dokumente erklärt und für sie übersetzt“, sagt Muhammad, dessen Eltern aus Pakistan kommen und der in England aufgewachsen ist. Die Forderungen nach besseren Lebensbedingungen und den Wunsch der Flüchtlinge nach einem legalen Aufenthalt in Österreich kann der 26-Jährige gut verstehen: „Sie wollen nicht betteln oder finanziell vom österreichischen Staat abhängig sein, aber sie dürfen nicht arbeiten“. Muhammad hofft weiter auf ein Umdenken im österreichischen Umgang mit Flüchtlingen und will so lange helfen, bis die Forderungen erfüllt sind. Sonja Dries refugeecampvienna.noblogs.org

„Die Flüchtlinge wollen nicht betteln oder finanziell vom österreichischen Staat abhängig sein, aber sie dürfen nicht arbeiten.“ Student Muhammad Numan, der sich für Asylbewerber engagiert

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FotoS: Katharina UNger, SANDRA EIGNER, Mustafa Naqvi, helios, magdalena kahr

Hier werden Fliegen gezüchtet, deren Larven man essen soll. Wegen dem vielen gesunden Eiweiß.

allo, darf ich deine Hand anzünden?“, fragt Wolfgang, 25. Natürlich zündet er nicht wirklich Hände an, sondern nur ein Gemisch aus Spülmittel und Methan, das sich ein Mädchen auf die Hand getan hat. Dann gibt’s eine Stichflamme: „Wow!“ Wolfgang studiert Verfahrenstechnik an der TU Wien. Er steht neben einem zum sogenannten Physikmobil umfunktionierten Fahrrad und versucht Kindern Physik näherzubringen. „Wissenschaft verständlich kommunizieren“ nennt er das. Das ist gleichzeitig auch der Name einer Lehrveranstaltung, die Studentinnen und Studenten der TU – quer durch alle Studiengänge – besuchen können. Während des Semesters sind sie dann mit dem Physikmobil in Parks, Freibädern oder Fuzos unterwegs, zeigen neugierigen Kindern (und Erwachsenen) einfache Experimente und machen scheinbar komplexe Vorgänge verständlich. Ausgedacht hat sich das Ganze Physiker und Wissenschaftskommunikator Bernhard Weingartner. Er will mittels „Science Busking“, also wissenschaftlicher Straßenkunst, Leute mit Physik und Chemie in Kontakt bringen, die damit normalerweise nie oder zu wenig in Berührung kämen.

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FOTOS: KATHARINA UNGER, SANDRA EIGNER, MUSTAFA NAQVI, HELIOS, MAGDALENA KAHR

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HOCH HINAUS

NEBENSÄCHLICHES

Eine App bringt uns Kunst in Wien spielerisch näher.

Magdalena Kahr (24) studiert Mediendesign an der FH Joanneum. Für ihre Masterarbeit macht sie gerade eine Weltreise und portraitiert Menschen, die sie trifft, „by the way“ – nebenher. Überwindung. Es ist schwierig, auf jemanden, den man nicht kennt, zuzugehen und ihn zu fragen, wer er ist. Das ist ein sehr intimer und manchmal komplizierter Vorgang. Ich habe aber bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass sich diese irritierende Anstrengung immer außerordentlich lohnt.

Mit einer App über Wien fliegen und Kunst entdecken: Dafür wurden Florian Schiesterl und Tomás Kasanicky preisgekrönt.

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n einem Heißluftballon schweben wir über Wien. Na gut, der Ballon ist in Wirklichkeit eine App auf unserem Smartphone, aber zu sehen gibt’s trotzdem was. Florian Schiesterl (24) und Tomáš Kasanický (23) von der FH St. Pölten haben mit ihrer ersten App den 3. Platz beim apps -4austria-Award gemacht. Die Idee ist, jungen Menschen Kunst im öffentlichen Raum spielerisch näherzubringen. Dabei schlüpfen die Handybesitzer in die Rolle des Heißluftballonfahrers und können mit Hilfe eines Kompasses Kunstwerke in Wien entdecken. „Wir haben im Open-Data-Katalog der Stadt Wien gestöbert und einen Datensatz entdeckt, der Kunstwerke im öffentlichen Raum verzeichnet“, erzählt Schiesterl. „Unter den Daten befinden sich viele versteckte Orte, an denen man im Alltagsstress einfach vorbeilaufen würde. Weil diese Orte aber sehenswert sind, entwickelten wir die Idee, die User mit einer App zu diesen Orten zu führen und ihnen etwas darüber zu erzählen.“ Wichtig war den Entwicklern dabei, nicht noch eine Aufbereitung von Datenmengen zu Kunst und Kultur in Listenform zu schaffen. „Mit ‚Helios’ begibt man sich auf eine Entdeckungstour mit ungewissem Ziel. Man kann sich treiben und überraschen lassen“, sagt Schiesterl. Wer weiß, wo die beiden Erfinder noch mit ihrer App landen werden. Helios gibt’s für iOS und Android. Mara Simperler http://mfg.fhstp.ac.at/helios DURST 2/13

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Weltreisende Magdalena Kahr. Wie ist dir die Idee zum Projekt gekommen? KAHR: Ich wollte für meine Masterarbeit etwas machen, das nicht im Regal verstaubt, sondern mit Menschen zu tun hat. Etwas, an dem auch andere teilhaben können. Ursprünglich wollte ich Interviews zum Thema „Identität“ führen. Als ich dann aber die ersten Aufnahmen in Südafrika gedreht hatte, stellte ich fest, dass die Interviewten weniger über ihre unmittelbare Person erzählten, sondern mehr über Dinge und Angelegenheiten sprachen, die ihnen nahe gehen, an denen sie arbeiten, die ihnen gefallen. Erst über diese Umwege haben sich die Persönlichkeiten meiner Interviewpartner erschlossen. So bin ich zum Projektnamen gekommen: „by the way“.

Auch so kann eine Abschlussarbeit an einer FH aussehen: um die Welt reisen, Leute interviewen und daraus eine Webseite basteln.

Was soll am Ende bei dem Projekt rauskommen? Ich wünsche mir, dass ein Netzwerk, eine Gemeinschaft, aus diesem Projekt entsteht. Es rührt mich schon jetzt, wie viele Leute täglich auf die Webseite zugreifen, um sich die Geschichte von den Menschen anzuhören, die ich treffe. Ich denke, dass das Projekt dabei hilft, ganz unauffällig, auf sehr intime Art, die Barrieren

zu anderen Kulturen zu überwinden – allein durch die Möglichkeit auf sehr persönliche Art etwas über andere Lebenswelten zu erfahren. Mara Simperler www.project-bytheway.com/

Wie funktioniert das, so ein Projekt als Abschlussarbeit zu machen? Mein Studium ist eigentlich sehr praxisorientiert – fast unser ganzes Studium besteht aus angewandten Projekten. Auch als Abschlussarbeiten werden praktische Arbeiten sehr gerne akzeptiert. Ein Teil der Abschlussarbeit muss aber trotzdem theoretisch sein. Ich werde auch eine schriftliche Arbeit abgeben. Sie wird aber nicht sehr umfangreich sein. Was ist das Beste, was im Laufe des Projekts passiert ist? Es gibt eine unsichtbare Grenze zwischen zwei Menschen, die sich gerade kennen lernen. Diese Grenze zu überschreiten kostet immer

Exklusiv bei:

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eigene ideen einreichen: durst@falter.at

Hetzjagden

Michele Sclafani erklärt in einem Stop-Motion-Video die Grundlagen der Quantenphysik.

Die Uni Wien stockt ihre Doktoratsstipendien auf. Hier ein paar aktuelle StipendiatInnen.

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Kompliziertes denkbar einfach erklärt: Mit Quanten-Blumen auf Mauerschlitze schießen.

Der frisch gebackene Dr. rer. nat. Michele Scalafani im Physik-Labor der Uni Wien.

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as genau macht eigentlich ein experimenteller Quantenphysiker? Ihr wisst es nicht? Wir ehrlich gesagt auch nicht! Aber Michele Sclafani weiß es – der ist nämlich seit kurzem sogar Doktor rer. nat. Er tut sich aber ein bisschen schwer, wenn ihn seine Freunde fragen, was er denn so im Labor treibt: „Egal wie einfach ich es zu erklären versuche, schlussendlich brauche ich immer Stift und Papier, um zu zeigen, dass sich im Prinzip ein Teilchen wie eine Welle verhalten kann.“ Und weil es in der Quantenphysik noch um viel mehr geht, hat Michele Sclafani ein Stop-Motion-Video produziert, in dem er selbstgezeichnete „Quantum Flowers“ durch Wände schießt und damit die grundlegenden

Theorien erläutert. „Ich glaube, fast jeder hat schon einmal etwas von Quantenmechanik gehört“, sagt Sclafani, „aber wahrscheinlich haben sehr wenige Menschen eine Ahnung davon, was es wirklich ist und welche Revolution die Quantenmechanik für die Physik bedeutet hat.“ Die Idee mit den Quanten-Blumen hat übrigens noch einen anderen Hintergrund: „Ich habe schon öfter erlebt, dass Menschen regelrecht Angst bekommen, wenn man von Quantenmechanik spricht. Deswegen habe ich beschlossen, meine Idee in einer kindlichen Weise zu präsentieren. Schließlich kann niemand vor einer ‚Quanten-Blume‘ Angst haben!“ Mara Simperler http://youtu.be/xhvxZ7ZUtJs

mmer mehr Studierende wollen den Doktortitel erwerben. Deshalb bietet die Uni Wien zahlreiche Förderprogramme für ihre DoktorantInnen an. Das Neueste ist das im Frühjahr 2013 eingeführte Programm uni:docs, über das in der ersten Runde 25 Studierende ein Stipendium ergattern konnten. Besonders an dieser Förderung ist, dass es junge ForscherInnen aus allen Studienichtungen unterstützen soll – man braucht nur ein geniales Thema und die Absicht, die Wissenschaft nachhaltig zum Beruf zu machen. Erklärtes Ziel der Uni ist es, die Zahl der AbsolventInnen und die Qualität ihrer Arbeiten zu erhöhen – das ist wichtig im internationalen Vergleich. Die Dissertation soll in einer Zeitspanne von drei Jahren abgeschlossen werden. Beispiele aus der ersten Förderrunde: Eva Faul untersucht am Institut der Pflegewissenschaft, wie man das durch Erfahrung gewonnene, implizite Wissen von Menschen in Pflegeberufen in die Theorie übersetzen kann. Sie erarbeitet dies anhand einer „Aktionsforschung“, bei der sie die Betreuung von demenzerkrankten Menschen beobachtet. David Jan Krych, Student der Theater-, Film- und Medienwissenschaft, geht in seiner Dissertation weit in die Vergangenheit zurück. In seiner Arbeit „Die Wiener Hetzamphitheater – Theatralität und Animalität im 18. Jahrhundert“ erforscht er das Verhältnis von Gewalt und Unterhaltung, Natur und Kultur, die Inszenierung des „Anderen“ und die soziale Stellung, die theatralisch inszenierte Hetzjagden damals in Wien einnahmen: Die waren erstaunlich beliebte Veranstaltungen. Sebastian Kletztl forscht über philosophische Erkenntnistheorie und Daniela Schuh über rechtliche Probleme der Leihmutterschaft. Natürlich wird auch mit anderen Universitäten kooperiert: Bernhard Leitner untersucht am Institut für Ostasienwissenschaften in Zusammenarbeit mit einem Tokioter Institut die „Emergenz des psychiatrischen Denkstils in Österreich und Japan“. Emergenz bedeutet die Herausbildung von neuen

Daniela Schuh, Fakultät für Sozialwissenschaft, beschäftigt sich mit rechtlichen Fragen rund um grenzüberschreitende Leihmutterschaft und Staatsbürgerschaft.

Sebastian Kletzl von der Fakultät für Philosphie und Bildungswissenschaft schreibt über epistemische Instrumente.

Eva Faul, Institut für Pflegewissenschaft, untersucht die Pflege von Demenzpatienten.

Bernhard Leitner betreibt am Institut für Ostasienwissenschaft vergleichende Feldforschung in der Psychiatrie in Österreich und Japan.

David Jan Krych, Philologisch-kulturwissenschaftliche Fakultät, forscht über inszenierte Tierhetzjagden im Wien des 18. Jahrhunderts. Eigenschaften oder Strukturen. Im November 2013 startet der nächste Aufruf für Bewerbungen, die bis zum 2. Jänner eingereicht werden müssen. Man sollte sich aber nicht zu früh freuen: Das Auswahlverfahren ist mehrstufig und hart. Beim ersten Durchlauf gab es 214 Bewerbungen aus insgesamt 33 Ländern. Immerhin hat man die Stipendien von 25 auf 30 erhöht. Manon Steiner http://doktorat.univie.ac.at

„Ich habe schon öfter erlebt, dass Menschen regelrecht Angst bekommen, wenn man von der Quantenmechanik spricht. Aber vor Quanten-Blumen kann niemand ANgst haben!“ Michele Scalafani, Quantenphysiker und Comic-Zeichner

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FotoS: privat

Quanten als Comic-helden

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Viel Design am neuen Campus

Fotos: Raffael Fritz

Von der britischen Architektin Zaha Hadid, die schon am alten WU-Standort schiefe Gebäude gebaut hat, stammt das Herzstück: das spacige „Learning Center“ samt Bibliothek.

Zaha-Hadid-Architektur von innen: Hier geht es zwischen viel schrägen Wänden hinauf zur Bibliothek. Könnte eng werden, wenn sich zwei begegnen.

Hörsaalzentrum von BUSarchitektur aus Wien, die auch die Generalplanung für den Campus verantworten. 4000 Studierende und Lehrende können hier gleichzeitig Vorlesungen besuchen.

Viel Design, wenig Platz zum Sitzen. So sieht auf dem WU Campus eine Sitzbank aus. Und die ist nicht umgefallen, vermuten wir mal.

Fachbereichsgebäude für IT, Marketing, Management und andere. Hierfür ließ sich der japanische Architekt Hitoshi Abe von einer französischen Süßspeise aus Blätterteigschichten inspirieren.

Funktion? SHOW!

Der größte Uni-Neubau Europas ist nach knapp vier Jahren fertig. Die Baukosten wurden ausnahmsweise mal unterschritten. Billig schaut es nicht aus. Ob es funktioniert, wird ab 4. Oktober getestet.

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Umfrage

Von Hanna Reiner

Hast du einen Plan?

DURST fragte Studierende und andere Passanten vor der Hauptuni. Wider Erwarten hatten einige tatsächlich einen Plan! Wir sagen: Brav(o)!

Anna, 22, Oberösterreich Internationale Entwicklung und Jus

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Jetzt gerade strukturiert sich mein Leben wieder ein wenig. Bis letztes Jahr habe ich zwei Studien gemacht, da ging es ziemlich drunter und drüber. Jetzt werde ich mit IE fertig, hab bei Jus den ersten Abschnitt und werde mein Leben an nur einer Uni verbringen, was ziemlich cool ist. Mein Plan ist, irgendwann für Amnesty International als Menschenrechtsanwältin zu arbeiten.“

Alex, 35, Indonesien Schauspieler

„

My plan for the next five years: I want to write a script for my own film and I want to produce it. I want to continue making albums with my band and I want to travel in Europe again.“

Denissa, 21, Vorarlberg Jus

„

Ich habe eigentlich einen ziemlich konkreten Plan, was ich in meinem Leben erreichen möchte, sowohl was das Studium betrifft als auch die Familie. Ich bin ziemlich gut dabei, das zu erfüllen, finde ich. Ich möchte Rechtsanwältin werden und später, wenn‘s möglich ist, entweder in Wien bleiben oder in Liechtenstein arbeiten. Und ich hätte gerne eine Familie mit zwei Kindern.“

Natürlich hab ich einen Plan – keinen, den ich nicht spontan umwerfen würde! Heute bleibe ich erst einmal bis 22 Uhr in der Bibliothek und werde dann tot ins Bett fallen.“

„

Ich hab einen Plan, ja! Jetzt gerade mal mein Fahrrad zu finden und dann Apfelstrudel bei meiner Mutter abzuholen, der von meiner Oma gemacht wurde.“

Daniel, 25 Dortmund Jus

Ioannis, 22 München Psychologie

„

Daniel, 25 Wien Geografie

Toni, 35 Kroatien selbstständig

„

Immer. Einen lösbaren Plan. Ich löse Probleme!“

Superman, unsterblich Krypton selbstverständlich selbstständig

„

„

Mein Plan ist Zufriedenheit! Privat sowie beruflich. Auch Schwächen an sich selbst zu verbessern ist wichtig, nicht aufhören an sich zu arbeiten und seine Stärken auszubauen.“

Ja. Den Generalplan: Ich rette die Welt!“

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Fotos: Hanna Reiner

Wir selbst haben festgestellt, dass wir eigentlich keinen plan haben. umso mehr hat uns überrascht, dass ihr durchaus einen habt. DURST 2/13

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Creative Learning • Lego Mindstorms• Menschen mit Autismus • Unsere Arbeitsplätze • Mehr Ordnung am Schreibtisch • Online an der Eliteuni • Deutschkurse für Asylbewerber • Kinderuni

FOTOS: TIMTOM, NIKOLAUS GANSTERER; KLEBESCHRIFT: KURT RUDOLF

Saufen bis kurz vor der Zirrhose Hemingway, Bukowski, Baudelaire, Keith Richards, Häupl, Beethoven, Drew Barrymore, Anita Pallenberg, Marianne Faithful – alle mach(t)en es vor: Man kann sich regelmäßig ordentlich was einschenken und trotzdem erfolgreich sein. Solange man nicht seinen Ehepartner verprügelt und halbwegs regelmäßig zum Dienst erscheint. Manchen dient es auch als Inspirationsquelle. Glücklich macht es wohl auch – zumindest am Abend vor dem Morgen.

Wenn Gedanken Form annehmen Der Titel von Nikolaus Gansterers Ausstellung ist programmatisch: „When thought becomes matter and matter turns into thought“ war im Sommer im Kunstraum Niederösterreich zu sehen. Mit verschiedenen Gegenständen zeigt der Künstler, Jahrgang 1974, wie Ideen langsam Form annehmen. Gansterer studierte Bildhauerei an der Universität für angewandte Kunst, er lebt und arbeitet in Wien und Berlin. (siehe S.46f.)

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DENKFIGUR von Nikolaus Gansterer, Installationsansicht Im Vordergrund: Positionsmodel I (Science-Fiction-Theory-Memory), 2013 Holz, Papier, Zeichnungen, Glas ca. 110 x 80 x 90 cm Im Hintergrund: Denkfigur 13/054, 2013, Zeichnung, Kreide und Bleistift auf Tafel, 546 x 280 cm

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Christoph Frauenberger will, dass Studierende mehr Eigenverantwortung bekommen und sich Wissen auf kreative Weise aneignen. So sollen Ingenieursstudenten keine Skripten pauken, sondern Funkstationen bauen.

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Illustration: Gaia Soldatini

Wissen Anders Vermittelt: Creative Learning


LERNEN WIE IM KINDERGARTEN Mühelos lernen können wir nur, wenn wir Schulen und Unis radikal umorganisieren, sagt Christopher Frauenberger. DURST hat mit dem akademischen Forscher für Interaction Design über kreatives Lernen gesprochen. Von Lena Hammerstingl

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ILLUSTRATION: GAIA SOLDATINI

n unserem Bildungssystem wird Information von einem Lehrer an Schüler weitergegeben, die dieses Wissen wie passive Schwämme aufsaugen – oder auch nicht... Dieses System wird zunehmend an seine Grenzen stoßen. Denn in unserer heutigen Zeit der schnellen technologischen und sozialen Entwicklung sind Denker gefragt, die in der Lage sind, uns bisher unbekannte Probleme kreativ zu lösen. Da helfen keine vorgelernten Lösungsstrategien, sagt Christopher Frauenberger. Es gehe nicht mehr darum, bekanntes Wissen noch einmal zu lernen, sondern darum, flexibel auf unterschiedliche Aufgaben reagieren zu können. Und da muss unser jetziges Bildungssystem passen, weil es keine Flexibilität und Kreativität in Problemlösungsvorgängen vermittelt.

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DURST: Welcher Gedanke steckt hinter Creative Learning? FRAUENBERGER: Wir haben uns angeschaut, wie Kinder im Kindergartenalter lernen. Es zeigt sich, dass sie spielerisch und mühelos lernen, indem sie träumen, erforschen, Dinge ausprobieren, sie vielleicht mit anderen Kindern teilen und darüber reflektieren. Es ist also ein sich wiederholender sozialer Prozess, in dem Wissen „verkörpert“ wird. Indem du Dinge selbst machst, kannst du sie dir viel besser merken. Jedoch werden in unserem Schulsystem diese spielerischen Lernmotivationen eher unterdrückt. Creative Learning ist dazu eine Art Gegenbewegung. Die Methode versucht diese Vorgänge in unser Bildungssystem zu integrieren. Weil jeder Mensch ein anderer Lerntyp ist

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Wissen anders vermittelt: CreativE Learning

„Creative Learning in einer Kleingruppe klingt wie eine Utopie, wenn man an vollgestopfte Hörsäle mit mehr als 500 Studenten denkt. Ich glaube jedoch, dass man auch mit wenigen ressourcen den Studierenden mehr eigenverantwortung überlassen kann. “ Christopher Frauenberger

Woher kommt überhaupt die Idee von Creative Learning? Und macht das schon jemand? Elemente von Creative Learning findet man mittlerweile vor allem in den alternativen Lernmethoden wie sie bei Montessori, Steiner und so weiter angewendet werden. Auch sind die skandinavischen Länder in ihrer Pädagogik generell etwas fortschrittlicher und deshalb offener für die Methoden des Creative Learning. In internationalen Vergleichen schneiden diese Länder auch gut damit ab – obwohl man beachten muss, dass solche Vergleiche vereinfachend und deshalb schwierig sind. Denn es spielen auch andere Unterschiede eine Rolle. Zum Beispiel müssen demographische Faktoren beachtet werden. Und es wäre unfair, Leistung von Kindern aus einer MontessoriSchule mit öffentlichen Schulen direkt zu vergleichen. Die Kosten der Montessori-Ausbildung bewirken, dass vor allem besserverdienende Gesellschaftsschichten diese alternativen Schulen besuchen. Der Zusammenhang ist immer verschieden und die Frage, wie man Lernerfolg misst, ist auch generell umstritten: Das Abfragen von Wissen passt sicherlich eher zu einer traditionellen Pädagogik, wie man kreativ Lösungswege findet, ist jedoch schwierig zu messen.

deshalb eine Frage von direkter Anleitung durch Gelehrte. Wissen wurde und wird deshalb antrainiert und abgefragt, im Prinzip so wie bei den Pawlowschen Hunden. Erst nach und nach hat man schließlich erkannt, dass dieses durch Lehrer antrainierte Wissen nicht unbedingt jene Fähigkeiten produziert, die den modernen Herausforderungen gerecht werden. Wie kann man nun Creative Learning konkret an Schulen und Universitäten umsetzen? Man könnte zum Beispiel Übungen in kleineren Gruppen veranstalten, in denen sich die Lernenden nicht nur selbst organisieren müssen, sondern auch die Freiheiten haben, sich selbst die Aufgaben zu stellen, an denen sie dann auch gemessen werden. Bei so einer Gruppenarbeit geht es um das Finden eigener Interessen. Schüler und Studierende bekommen die Möglichkeit, eigene Projekte zu realisieren. Leider klingt das wie eine Utopie, wenn man an vollgestopfte Hörsäle

Kreative Projekte Arduino: Ein Open Source Projekt. Dabei geht es um einfach zu bedienende Hardund Software, die jeder zusammenbasteln kann, wie er will. z.B. kann man mit kleinen Mikroprozessoren (für etwa 30 Dollar) eine Schuhschachtel zu einem Computer umfunktionieren. FabLabs: Komplexe technische Geräte – wie z.B. 3D-Drucker – werden Privatpersonen zum Experimentieren und Ausprobieren zur Verfügung gestellt. Eine solche Werkstätte gibt es auch in Österreich: HappyLab Haussteinstraße 4, 1020 Wien MAKE Magazine: Ein Amerikanisches Magazin in dem Do-it-yourselfProjekte vorgestellt werden. Scratch.mit.edu: Website der Lifelong Kindergarden Group des MIT Media Lab zum Programmieren von einfachen Computerspielen und Animationen.

Wieso ist eigentlich unser Bildungssystem so, wie es ist? Das muss doch auch mal jemand gut gefunden haben! Im Grunde hat das was mit der Entwicklung der philosophischen Grundlagen in unserer Gesellschaft zu tun. Ich meine damit die Vorstellung von Bildung. Descartes, der Empirismus und die Aufklärung haben vor allem Europa nachhaltig geprägt. Die Ansicht, dass man mit Wissenschaft alles erklären kann, das sich auch beobachten und messen lässt, hat dazu geführt, dass man Wissen als absolut angesehen hat. Wissen war

mit mehr als 500 Studenten denkt. Ich glaube jedoch, dass man auch mit wenigen Ressourcen den Studierenden mehr Eigenverantwortung überlassen kann. Wenn man es schafft, die Neugierde der Studierenden anzuregen, dann braucht es auch nicht mehr Betreuung. Die große Vorlesung vermittelt ein paar Ideen und dann können sich Studierende durchaus auch selbst motivieren. Ist das Theorie? Wunschdenken? Es gibt bereits Projekte, die zeigen, dass Creative Learning auch im großen Rahmen möglich ist. Zum Beispiel organisierte die Lifelong Kindergarden Group des MIT Media Lab (Massachusetts Institute of Technology) vor kurzem einen „Massive Online Course“ (siehe auch Seite 28 MOOCs). Lebenslanger Kindergarten? Das klingt nach antiautoritärer Erziehung! Nein, das hat nichts damit zu tun... Die Lifelong Kindergarden Group ist ein Teil des MIT Media Lab. Sie untersucht, wie Kinder durch den spielerischen Umgang mit ihrer Umgebung lernen und wie sich dieser Prozess dann auf alle Altersklassen umlegen lässt. An diesem Onlinekurs über Creative Learning waren über die ganze Welt verteilt mehrere 10 000 Studenten beteiligt. Natürlich brachte das ganz neue logistische Herausforderungen mit sich. Aber sogar in diesem großen Rahmen haben sie es geschafft, in Gruppen zu arbeiten. Bei dem Projekt geht es darum, den Leuten ganz einfache Tools mitzugeben, mit denen sie dann experimentieren und ihre eigenen Ideen umsetzen können. Natürlich wird es Zeit brauchen, bis das an den Universitäten umgesetzt wird, aber es ist wichtig, dass man sich Gedanken macht und darüber spricht, wie man das in unser Bildungssystem einarbeiten kann.

Sie sagten vorhin, jeder Mensch ist ein anderer Lerntyp. Wie finde ich denn heraus, welcher Lerntyp ich bin? Das weiß man eigentlich schon sehr früh, aber man achtet nicht darauf. Man sollte herumexperimentieren, verschiedene Lernmethoden ausprobieren und beobachten, welche bei einem selbst am besten funktionieren. Man kann z.B. versuchen, den Lernstoff in eine praktische Aufgabe zu übersetzen. Soll man beispielsweise als Ingenieursstudent etwas über Mobilfunknetze lernen, kann man sich zu Hause hinsetzen und einfach mal eine kleine Funkstation zusammenbauen. Wenn ich merke, das Basteln weckt meine Motivation, dann lerne ich dadurch nebenbei über Mobilfunknetze und das noch mit einer gewissen Freude. Es ist dann kein totes Wissen, das in meinem Kopf herumliegt, sondern Wissen, dass ich auch anwenden kann, weil ich es mit einer praktischen Aufgabe verknüpft habe. Aber wie kann ich als Studentin eines nicht-technischen Studienganges Creative Learning umsetzen? Nehmen wir als Beispiel mein Studium: Anthropologie. Mein zu lernender Stoff betrifft das Thema Rassismus. Hätten Sie Ideen? Das Äquivalent von etwas selbst zusammenbauen wäre in diesem Fall wahrscheinlich, sich an einen großen Bahnhof zu setzen und zu beobachten. Dafür reichen schon zwei Stunden. Man beobachtet Interaktionen zwischen Menschen auf einem öffentlichen Platz und überlegt sich: Wie funktioniert eigentlich Rassismus im Alltag? Ich glaube, man kann in jedem Fachgebiet viele Dinge mit persönlichen Erfahrungen verbinden. Damit stellt man eine ganz andere Verbindung zu Wissen her. Wichtig ist, persönliches Interesse zu wecken und zu wissen, warum man etwas lernt.

„mit Wissenschaft könne man alles erklären: Diese Ansicht hat dazu geführt, dass man wissen als Absolut angesehen hat. Etwas, das Antrainiert und Abgefragt werden kann. Wie bei den Pawlowschen hunden.“ Christopher Frauenberger

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FotoS: Gerda-Stetter-Stiftung

und Lernen eine soziale Handlung, die durch Interaktion funktioniert.


TECHNIK STATT FREIZEIT

Mit dem Wahlfach Lego Mindstorms soll Creative Learning an Schulen umgesetzt werden. Von Lena Hammerstingl

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ie Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel in technischen Bereichen. Trotzdem bietet unser Schulsystem kaum Möglichkeiten einer frühen technischen Ausbildung. Über Mathematik und Physik geht das selten hinaus, auch nicht in Wahlfächern. Deshalb entwickelte die Firma Lego ein Angebot, mit dem junge Menschen schon früh Technik spielerisch kennen und eventuell sogar lieben lernen können. Das Wahlfach Lego Mindstorms bietet an verschiedenen Schulen nicht nur eine Ergänzung zu den unverwüstlichen Klassikern wie Kochen und Chor, es könnte auch eine Lücke in unserem Bildungssystem schließen. Leider kostet so ein Lego Mindstorms Kit rund 300 Euro und bedarf zusätzlichen Einarbeitungsaufwandes auf Seiten der Lehrer. Deshalb werden solche Kurse meist ehrenamtlich von externen Organisationen an den Schulen angeboten – gesponsert von Lego. Eine dieser Organisationen ist die deutsche Gerda-Stetter-Stiftung, die unter dem Motto „Technik macht Spaß“ solche Mindstorms anbietet. Sie stellt die technischen Voraussetzungen wie Notebooks und Mindstorms-Pakete sowie das didaktische Know-how und eine Betreuung durch Studierende zur Verfügung. So etwas läuft zum Beispiel an der Johannes-

Christopher Frauenberger, der uns auf Lego Mindstorms aufmerksam gemacht hat, erzählt, dass bei ihren Sitzungen immer Legosteine in der Mitte des Tischs liegen, mit denen man spielen kann. Das erhöhe tatsächlich die Kreativität auch von durchaus erwachsenen Teilnehmern. Somit könnte das Fachkräfte-Problem von zwei Seiten angegangen werden: Spezialisten werden mit neuen technischen Entwicklungen vertraut gemacht und der Nachwuchs für diese Bereiche wird bereits während der Schulzeit motiviert.

Schüler, Studierende, Angestellte und Wissenschaftler: Alle können mit Lego spielen und bauen. Um so Zusammenhänge zu erkennen und vielleicht neu denken zu lernen. Kepler-Universität in Linz. Auch die Studierenden haben etwas davon: Sie lernen andere Menschen zu führen und zu motivieren und technische Zusammenhänge einfach und verständlich zu erklären. Die Schüler wiederum können mit dem Lego-Paket einfache Programmierungen erstellen und Roboter bauen: Zum Beispiel einen kleinen Fußballroboter, der einen Ball in ein Tor schießt. Oder tanzende Roboter. Besonders motivierte Schüler können an dem jährlich stattfindenden Roboterwettkampf „First Lego League“ teilnehmen. Das machen angeblich bereits weltweit über 20 000 Teams aus mehr als 50 Ländern.

Grundvoraussetzung für das Angebot und den Erfolg der Kurse ist allerdings, dass die Schüler etwas lernen wollen und dafür bereit sind, ihre Freizeit zu opfern. Außerdem wird zur Unterstützung des Projekts auch der Rückhalt und persönliche Einsatz von Lehrern und Eltern benötigt – und daran hapert es leider immer wieder. Wer jetzt glaubt, dass Lego Mindstorms nur für Kinder geeignet ist, irrt. Es werden mittlerweile auch Workshops in Unternehmen angeboten, um Mitarbeiter – auch Ingenieure – dazu zu motivieren, mal aus den gewohnten Denkbahnen auszubrechchen. Der Creative-Learning-Experte

WAS SIND LEGO MINDSTORMS? Die Firma Lego bietet mit dem Lego Mindstorms Kit ein Set an, das neben den bekannten Bausteinen von Lego Technic – wie z. B. Zahnräder und Reifen – auch einen Minirechner beinhaltet. Dieser besitzt Anschlüsse für spezielle Lego-Sensoren sowie Motoren und kann mit einem sehr leicht zu lernenden Softwarewerkzeug frei programmiert werden. Da die Software aus großen bunten Symbolen besteht, können sie auch Kinder einfach verstehen und bedienen. Somit können Anfänger auch ohne Programmierkenntnisse eigene Abläufe und Funktionen für ihre Roboter erstellen.

Semesterticket

Gültig jeweils von 1.3.–31.8. und 1.9.–29.2.

€ 12, – Jahreskarte

365 Tage Kunst Ein Jahr gültig ab Ausstellungsdatum

FOTOS: GERDA-STETTER-STIFTUNG

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Studieren Mit autismus

Chaos im Kopf

80.000 Österreicher sind Menschen mit Autismus. Viele wissen es nicht. Oder sehr lange nicht. Wie Alex und Laura, die beide studiert haben – trotz Autismus. Wie das geht und wie sie den für Autisten chaotischen Studienalltag bewältigten, erzählten sie DURST. Von Mara Simperler

Alex Haider bekam erst vergangenes Jahr die Diagnose: AspergerSyndrom. Krank oder behindert fühlt er sich deswegen nicht.

Der Verein Specialisterne setzt sich für Menschen mit Autismus am Arbeitsmarkt ein. Mitarbeiterin Elisabeth Krön stört die mangelnde Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema. Menschen mit Autismus in den Arbeitsalltag integrieren möchte. Auch Alex versucht über Specialisterne einen Job zu bekommen. „Es ist relativ neu, dass Menschen mit Autismus auch für den Arbeitsmarkt interessant werden. Es gibt kaum Jobcoaching für sie. Da herrscht ein riesiges Loch in Österreich“, sagt Elisabeth Krön. Specialisterne ist derzeit in Österreich der einzige Verein,

der sich für Menschen mit Autismus am Arbeitsmarkt einsetzt. Viele hatten noch nie einen „richtigen“ Job, tun sich schwer mit „normalen“ Arbeitsbedingungen.

Ein Hörsaal voller Ablenkungen Mit diesen Schwierigkeiten haben Menschen mit Autismus auch im

Studienumfeld zu kämpfen. Alex spricht von engen Hörsälen, von den vielen Studierenden, die gedrängt nebeneinander sitzen, der ständigen Ablenkung. Irgendwann geben Leute wie er auf, wechseln das Studium oder brechen es ab. Alex hat nach der Matura zwei Semester Handelswissenschaften an der WU studiert, dann die Tontechnikerausbildung an der SAE gemacht, nicht aber die Abschlussprüfung, und dann noch ein paar Semester Volkskunde und Skandinavistik studiert. Auch Laura Hansen (Name geändert) hat mit diesen Problemen zu kämpfen. Die heute 49-Jährige studierte nach der Matura ein Semester Mathematik an der TU und danach jahrelang halbherzig Physik, bevor sie sich eingestand, dass das so nicht funktioniert. Sie schwenkte komplett um und macht heute Mode für Theater und andere Kunden. Vor sechs Jahren wagte sie einen neuen Anlauf und inskribierte Astronomie. Mittlerweile fehlen ihr nur mehr zwei Prüfungen, dann ist sie mit dem Bachelor fertig. Laura machen vor allem die vielen Gruppenübungen im Studium zu schaffen. Die anderen Studierenden scheinen sich immer gleich zu kennen, Laura fällt es schwer, Kontakte zu knüpfen. Einmal trat sie zu einer Prüfung an, die außer ihr nur ein anderer Mitstudent ablegte. Der Professor beschloss daraufhin, mündlich zu prüfen, gab den beiden die Angabezettel und sagte: „Schaut euch die Aufgaben an und redet ein bisschen drüber, ihr könnt euch auch untereinander besprechen.“ Der Professor war dann eine halbe Stunde weg. Laura erinnert sich: „Da sind wir dann gesessen, er in einer Ecke, ich in der anderen. Wir sind beide stumm dagesessen und haben unsere Beispiele angeschaut.“ Als der Professor zurückkam, ging die Prüfung zwar gut, aber die beiden Studenten hatten kein Wort miteinander gewechselt. „Ich glaube, Leute, die nicht autistisch sind, die reden

FotoS: Mara Simperler

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anchmal kommt man nicht gleich drauf. „Ich habe mich ständig gefragt, was mit mir los ist“, sagt Alex Haider, der im Café des WUK in der Währinger Straße in Wien sitzt und an seiner Zigarette zieht. Draußen rattert die Straßenbahn vorbei, am Nebentisch unterhält sich ein Pärchen, aus den Lautsprechern dudelt die Musik. Was für andere eine ganz alltägliche Situation wäre, ist für Alex eine Konzentrationsübung. Denn Alex hört alles gleich intensiv. Das Rattern, das Schnattern, das Dudeln. Alex ist ein Mensch mit Autismus. Alex ist vierunddreißig Jahre alt, aber dreiunddreißig Jahre seines Lebens wusste er nicht genau, weshalb für ihn manche Sachen anders sind als für andere Menschen. Weshalb er als Teenager Wutanfälle bekam, wenn seine CDs nicht streng geordnet waren. Weshalb soziale Beziehungen für ihn oft belastender waren als bereichernd. Weshalb er seinem Gesicht gedanklich „lächeln“ befehlen muss, weil das einfach nicht von selbst kommt. Autismus ist eine Wahrnehmungsverarbeitungsstörung, die große Bereiche der kindlichen Entwicklung betrifft. Das autistische Spektrum ist breit gefächert, und dementsprechend schwierig ist es auch Generalisierungen über die Symptome zu treffen. Meist sind bei Menschen mit Autismus jedoch die sozialen Fähigkeiten weniger stark ausgeprägt und sie müssen mit einem Chaos verschiedener Sinneseindrücke umgehen, da ihre Filterfunktionen beeinträchtigt sind. Deshalb ist es für manche Menschen mit Autismus so wichtig, dass zumindest in ihrer Umgebung strenge Ordnung herrscht. Wie viele Menschen in Österreich tatsächlich betroffen sind, weiß man nicht. Schätzungen gehen von etwa 80.000 Personen aus, also etwa einem Prozent der Bevölkerung. Elisabeth Krön kritisiert die mangelnde Sensibilisierung der Gesellschaft für das Thema. Sie ist Mitarbeiterin bei Specialisterne, einem Verein, der

„Es ist relativ neu, dass Menschen mit autismus auch für den arbeitsmarkt interessant werden. es gibt kaum jobcoaching für diese menschen. da herrscht ein riesiges loch in österreich.“ Elisabeth Krön

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„ICH WEISS ENDLICH, WAS LOS IST MIT MIR UND WARUM ICH ANDERS FÜHLE. VIELES ÜBER MEINE KINDHEIT IST MIR KLAR GEWORDEN. EIN PAAR MONATE NACH DER DIAGNOSE IST ES MIR RICHTIG GUT GEGANGEN.“ Alex Haider

wirklich miteinander“, sagt Laura. „Aber ich hab den nicht gekannt und ich war mehr an der Lösung der Aufgabe interessiert als daran, mit ihm darüber zu reden.“ Und dann kommt sie auf ein Thema, das auch im Gespräch mit Alex immer wieder fällt: „Wenn es keine Prüfungssituation gewesen wäre, hätte ich vielleicht mehr Normalsein vorgetäuscht und mit ihm geredet.“ Alex sagt, er habe einen Großteil seiner Intelligenz dafür verwendet, nicht aufzufallen. In der Schule, im Studium und bis heute.

ist. Auch Alex war sich nach einem Fernsehbericht, in dem er mitwirkte, nicht mehr sicher, ob die Diagnose stimmt: „Ich habe zu zweifeln begonnen, ob das wirklich sein kann. Denn die anderen beiden, die im Beitrag vorgekommen sind, kamen mir viel mehr beeinträchtigt vor.“ Auch das ist ein Problem: Autismus ist laut Definition eine psychische Krankheit. Doch nicht alle sehen das so: „Ich fühle mich nicht krank oder behindert. Mir kommen eher die sogenannten Normalen so vor“, sagt Alex.

ORDNUNG IM CHAOS LEBEN

DIE FRAGE NACH NORMALITÄT

FOTOS: MARA SIMPERLER

Dass Alex Autismus hat, weiß er erst seit vergangenem Jahr – dank einer Folge der Serie „South Park“. Da kam das Thema vor. Alex wusste nicht, was das ist und tippte es ins Google-Suchfenster. Ein paar Artikel später machte er Selbsttests im Internet. Immer kam dabei raus, er soll sich untersuchen lassen. Das tat er. Die Diagnose: Asperger-Syndrom. „Ich weiß endlich, was los ist mit mir und warum ich anders fühle. Vieles über meine Kindheit ist mir klar geworden. Ein paar Monate nach der Diagnose ist es mir richtig gut gegangen“, sagt Alex. Auch Laura weiß erst seit 2009, dass sie Asperger hat. Schon vor zehn Jahren hat sie einen Test gemacht, doch damals kam nichts raus, alles normal, sagten die Psychologen. Dass sie jetzt endlich die Bestätigung hat, ist für Laura eine große Erleichterung: „Es gab eine Phase, wo ich mir dachte: Ich muss nicht mehr normal sein, das habe ich eh schon 40 Jahre lang gespielt.“ Die Modemacherin spricht vom „Finden von autistischer Kultur“, davon, dass man endlich nicht mehr andere nachmachen muss. Ganz öffentlich ist es trotzdem nicht, ihre Auftraggeber wissen nicht, dass Laura Autismus hat, genauso wenig wie ihre Studienkollegen. Dass es noch immer so viele Barrieren gibt, die sich die Betroffenen zum Teil selbst auferlegen, möchte

Als Laura Hansen erfuhr, dass sie Autismus hat, war das für sie eine große Erleichterung. Studienkollegen und Auftraggebern hat sie nichts von ihrer Krankheit erzählt. Specialisterne ändern, erklärt Elisabeth Krön: „Wir begleiten die Menschen, um herauszufinden, was störend ist und was sie können. Es ist eine enorme Hilfe, wenn zum Beispiel die Mitarbeiter darüber Bescheid wissen und die Menschen mit Autismus sich nicht verstecken müssen.“ Doch was genau Autisten brauchen, diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Denn jede Ausprägung

ist unterschiedlich. Es gibt den frühkindlichen Autismus. Wer das hat, ist sehr oft nicht fähig, ein eigenständiges Leben zu führen. Was aber, wenn man jemandem den Autismus auf den ersten Blick gar nicht ansieht? Oder, wenn die Betroffenen nichts davon erzählen, weil sie nicht schon wieder „anders“ behandelt werden wollen. Laura hat lange selbst daran gezweifelt, ob sie überhaupt Autistin

Und was ist nun mit diesen Bildern, die viele im Kopf haben, wenn sie an Menschen mit Autismus denken? Von streng geordneten Schreibtischen und Menschen, die penibel darauf achten, auf keinen Spalt am Gehsteig zu treten? Ist Autismus die totale Ordnung? Blödsinn, meint Laura: „Klar, ich kenne Autisten, die extrem ordentlich sind, wo alles ganz genau sein muss. Und die auch von sich aus alles ordentlich hinlegen und leere Räume brauchen. Aber ich bin nicht so, wie du siehst!“ Lauras Wohnung ist ein Sammelsurium aus Fragmenten ihres Lebens. Im Gang stehen Schneiderpuppen mit ihren aktuellen Kreationen. Auf dem Tisch stapeln sich Zettel und auf dem Bildschirm des Computers liegen Modelle der Planeten. Pflanzen ranken sich an den Wänden und irgendwo dazwischen steht ein alter Globus, der eigentlich eine Bar ist, in dem Laura Stifte und anderen Krimskrams verstaut. Ist Autismus Chaos? „Das Chaos ist draußen. Ordnung ist Zwang. Das Chaos ist nicht überschaubar und die Ordnung ein notwendiger Kompromiss“, sagt Alex. Wie schafft er sich Ordnung „in diesem Chaos namens Leben?“ „Ich versuche das Chaos zu mögen.“ Eine kurze Pause, dann sagt er: „Ich mag es. Es ist Freiheit.“

http://www.specialisterne.at/

„ES GAB EINE PHASE, WO ICH MIR DACHTE: ICH MUSS NICHT MEHR NORMAL SEIN, DAS HABE ICH EH SCHON 40 JAHRE LANG GESPIELT.“ Laura Hansen DURST 2/13

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das reich der zettelwirtschaft

Zeig mir deinen Schreibtisch und ich sage dir, wie du arbeitest. Wohl kaum ein Möbelstück drückt so viel über dich aus. Und kein Möbelstück steht so an der Grenze zwischen Ordnung und Chaos. Wir stellen acht Prachtexemplare vor und lassen ihre Besitzer kurz zu Wort kommen. Von Mara Simperler und Raffael Fritz

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Mara Simperler, DURST-Redakteurin

Was wohl glücklicher macht? Vor dem Kloster Chimi Lhakhang spielen junge Mönche Fußball, nachdem sie heilige Texte studiert haben.

Auf meinem Schreibtisch befindet sich meistens vor allem zu viel Staub. Das liegt wohl auch daran, dass ich Dinge, bei denen ich mir nicht sicher bin, wohin sie gehören, auf dem Schreibtisch zwischenlagere. Dann kann man schwer darum herum Staub wischen. Weil ich von zu Hause aus arbeite und den Platz auch wirklich brauche, muss ich zumindest immer ca. 32 x 23cm für meinen Laptop freiräumen. Wie man auf dem Bild sieht, ist zumindest in meinen Open-Office-Dokumenten jede Menge leerer Raum, der gefüllt werden möchte. Insofern ist mein Schreibtisch meinem Arbeitspensum voraus.“

„Nur der chaotische Geist ist auf der Suche nach der Freiheit. Wenn vollkommene Ordnung herrscht, dann ist diese Ordnung Freiheit.“ Krishnamurti

Cornelia Wild, Praktikantin beim Magazin „Datum“

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FotoS: Privat

Ich brauche keine Bücher, nur Make up. Dass ich mich eher für Äußerlichkeiten interessiere, hilft nicht über meinen schlechten Geschmack hinweg, sonst würde da kein hässlicher Kissenbezug auf der mit Holzimitat überzogenen Pressspanplatte liegen, die über die Jahre vielleicht abgenutzt, jedoch keineswegs charmanter geworden ist.“

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Christoph Liebentritt, Fotograf Das Metallgestell meines Schreibtisches ist massiv und wurde maßgefertigt. Auf ihm fanden Konferenzen in einem Architekturbüro statt. Dann hat er ausgedient und über Umwege den Weg in meine Wohnung gefunden. Der große Zettel ist ein umgedrehtes Poster meiner letzten Ausstellung, darauf habe ich einen Seitenspiegel gezeichnet. Ich shoote gerade für ein Magazin und um den Überblick nicht zu verlieren, habe ich alles visualisiert. Doch eigentlich ist mein Schreibtisch nicht ortsgebunden. Mein geordnetes Chaos in Taschen gepackt, arbeite ich dort, wo ich genügend Platz und Ruhe finde. Ohne viel Schnick-Schnack reduziere ich die Dinge auf das, was ich wirklich brauche. Die einzigen Konstanten: Laptop, Kamera, Kaffee und Wasser!“

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Edith Schachinger, Musical-Studentin Ich bin der Meinung, Künstler brauchen keinen Schreibtisch. Nur einen Ort, wo sie ihre Noten kleben, ihren Text anstreichen und viel Kaffee trinken. Dieser Ort ist mein Couchtisch – mit der Fernbedienung in nächster Nähe, zum jederzeit Einschalten (= Abschalten, wenn die Inspiration nicht kommen mag). Die Unordnung mag vielleicht unter anderem mit dem Chaos in meinem Kopf zu tun haben, das dann und wann herrscht. Aber da kommt auch die kreative Energie her, die man für diesen Job braucht. Insofern bin ich mit meinem kleinen, chaotischen Couchtisch ganz zufrieden.“

FOTOS: PRIVAT

„WENN EIN UNORDENTLICHER SCHREIBTISCH EINEN UNORDENTLICHEN GEIST REPRÄSENTIERT, WAS SAGT DANN EIN LEERER SCHREIBTISCH ÜBER DEN MENSCHEN, DER IHN BENUTZT, AUS?“ Albert Einstein

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Ivan Blatter, Produktivitätstrainer Ich will mich nicht durch Stapel, unerledigte Dinge oder sonstiges ablenken lassen. Deshalb habe ich so wenig wie möglich auf dem Tisch: Computer, Headset, Lautsprecher, Monitor, iPad und mein Notizblock. Ganz links liegen Unterlagen, die ich abarbeiten will. Mein Notizblock ist ein echter „Block“ aus Schiefer, darauf notiere ich Dinge mit einem Griffel. Unerledigte Dinge produzieren Stress und lenken ab. Deshalb sollte man sie aus dem Blickfeld bringen. Das heißt nicht, dass jeder zum Leertischler werden sollte, aber ein aufgeräumter Schreibtisch hilft in jedem Fall.“

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Raffael Fritz, Journalist Wenn du dir einen schönen Schreibtisch kaufst, dann sitzt du eher dran. Ob es funktioniert? Sagen wir so: Diese Zeilen schreibe ich gerade liegend auf der Wohnzimmercouch. Aber bei größeren Projekten liebe ich es, die riesigen Fächer und Ablageflächen auszunutzen. So wie auf dem Foto sieht er aus, wenn ich anfange. Eine Woche später ist er voll mit Büchern, Zetteln, Tassen, Tellern und einer Patina aus Zigarettenasche. Und wenn er mir zu voll wird, lege ich mich doch wieder auf die Couch.

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Xenia Lesniewski, Künstlerin

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FotoS: privat

Ich rede oft mit meinem Sekretär. Er nimmt das gleichgültig hin. Das gefällt mir. Wir mögen dieselben Drinks und hören die gleiche Musik. Wenn wir zusammen essen, schmatzt er nicht und bei Pyjama-Partys fällt er nicht unangenehm auf. Leider kommt er nie mit ins Kino.“ DURST 2/13

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„ÄUSSERE ORDNUNG IST OFT NUR DER VERZWEIFELTE VERSUCH, MIT EINER GROSSEN INNEREN UNORDNUNG FERTIG ZU WERDEN.“ Albert Camus

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Vea Kaiser, Studentin und Schriftstellerin

FOTOS: PRIVAT

Auf den ersten Blick sieht mein Schreibtisch vielleicht unordentlich aus, doch in Wirklichkeit ist das der einzige Ort auf der Welt, an dem meine Gedanken in Ordnung kommen. Jedes Projekt, jeder Text, jedes Uni-Klumpert – was auch immer mir gerade durch den Kopf geht, hat dort seinen Platz. Sitze ich am Schreibtisch, kriege ich Überblick darüber, was ich alles erledigen muss. Dort arbeite ich auch konzentrierter als irgendwo sonst – was vielleicht daran liegt, dass am Schreibtisch Handy- und Internetverbot herrscht. Für Notfälle gibt es ein Festnetztelefon, dessen Nummer allerdings nur eine Handvoll Leute haben.“

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besuch in der redaktion

Erst den Kopf, dann den Schreibtisch aufräumen Markus Peschl gründete vor zwei Jahren gemeinsam mit Kollegen „theLivingCore“: Sie unterstützen Unternehmen bei der Entwicklung von kreativen Arbeitsumgebungen. Wir haben ihn in die DURST-Redaktion eingeladen, um ein paar handfeste Tipps für die Organisation von unseren und euren Schreibtischen zu bekommen.

Von Sonja Dries

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enken findet nicht nur in unserem Kopf, sondern immer in permanenter Interaktion mit der Umwelt statt. Deshalb sollten wir unsere Umgebung so gestalten, dass sie uns bestmöglich beim Denken unterstützt. Dies kann laut Experte Markus Peschl schon bei Kleinigkeiten wie der Position des Schreibtischs beginnen. So kann ein Blick aus dem Fenster einem automatisch das Gefühl geben, eine Perspektive zu haben. Arbeitet man mit mehreren Leuten zusammen, ist es gut, einander gegenüber zu sitzen, um die Kommunikation zu fördern, denn „oft entstehen die besten Ideen bei informellen Gesprächen über den Schreibtisch hinweg“, sagt ­Peschl. Wenn es einen stört, dass der Schreibtisch immer vollgeräumt ist, hat das mit der eigenen Faulheit und Inkonsequenz zu tun. „Da helfen keine komplexen Lösungsansätze.“ Der Arbeitsplatzexperte rät: „Einfach radikal aufräumen und wegschmeißen, was man nicht wirklich nutzt!“

Markus Peschl ist Professor für Kognitionswissenschaft und Wissenschaftstheorie an der Universität Wien. Er hat den Campus der Zeppelin-Universität mitkonzipiert und die Arbeitsplatzorganisation der Credit Suisse überarbeitet.

Der stapel: Schreibtische in der Nachbarredaktion: „Helfen mir diese Ablagestapel oder sind sie eine Notlösung, weil ich nicht weiß, wohin mit meinen Unterlagen? Schaffen sie mir Ordnung, mentale Ordnung?“

Bäume: Die großen Fenster mit Blick auf Straßenbäume, findet Peschl genial: „Sie liefern Helligkeit und den Eindruck, eine Perspektive zu haben.“ Allerdings: „Der Bildschirm davor schränkt mein Denken optisch ein.“

LAGERflächen: „Die Aussicht auf das unaufgeräumte IT-Lager in der Redaktion ist nicht ideal, sondern eher bedrückend. Ein einfacher Vorhang in schöner Farbe könnte Abhilfe schaffen.“

teeKüche/Archiv: Das sollte man einladender gestalten. Teeküchen sind die wichtigsten Räume. Hier wird häufig informell entschieden. Frisch ausweißeln und das Kabel unter Putz würde eine andere Wertigkeit geben.“

Müllecke: „Solche improvisierten Lagerecken mit recyclebarem Material gibt‘s in jedem Büro, sie lassen sich nicht vermeiden. Ganz normal.“ Wenn auch ästhetisch unbefriedigend, wie wir selbst finden.

eigenes Wissen organisieren

„Wenn der Scheibtisch chaotisch und unaufgeräumt ist, liegt das einzig und allein an der eigenen Faulheit und Inkonsequenz. Da helfen auch keine komplexen Lösungsansätze.“ Markus Peschl, Arbeitsplatzberater

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FOtos: Sonja Dries

Goldene Regeln für die perfekte Arbeitsplatzorganisation gibt es nicht, da jeder Mensch anders ist und denkt. Als Erstes sollte man sich bewusst machen, in welchen Kategorien die eigenen Denkprozesse ablaufen und wie man sein Wissen am besten organisiert. Hilfreich ist, dieses Wissen auf einer großen Leinwand zu visualisieren. Dies kann auf einem virtuellen „Canvas“ am PC geschehen oder ganz klassisch mit einer Mindmap, die man auf ein großes Blatt Papier zeichnet und dann aufhängt. Peschl rät Studierenden sich Möglichkeiten zu überlegen, wie sie ihr Wissen sammeln und strukturieren können. Der gelernte Informatiker hat sich beispielsweise eine Datenbank angelegt, in die er alles, was er liest, mit Verschlagwortung und einzelnen Zitaten ablegt. Mittlerweile hat sich so eine Fundgrube von über 20.000 Einträgen entwickelt. Es ist jedoch genauso gut möglich, einen Zettelkasten anzulegen oder ein Wordfile zu erstellen, in das man wie in einem Tagebuch alles aufschreibt, was man gelernt oder gelesen hat. Wichtig ist, dass man es organisiert.

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Harvard für alle?

Studierst du noch oder MOOCst du schon? Zur Uni gehen war gestern, die Zukunft der Bildung liegt im Web: Harvard für alle – MOOCs machen es möglich! Oder hat doch wieder nur die Marketing-Keule zugeschlagen? Schlimmer: Droht der gläserne Student? Von Sandra Eigner

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assiver, offener Online-Kurs. Seid ihr gaga? Auf Englisch klingt’s etwas besser: Massive Open Online Course – unter dem Kürzel MOOC erobert das gerade das nordamerikanische Hochschulwesen. Worum geht’s? Im Grunde darum, eine Uni-Vorlesung ins Netz hochzuladen. Und das soll revolutionär sein? Nein, aber MOOCs sind eben nicht nur herkömmliche Vorlesungen im Stream. MOOCs sind Kurse, die auch Eliteuniversitäten wie Harvard, das MIT (beide edx.org), Stanford (udacity.com), Princeton oder die Columbia (beide coursera.com) auf OnlinePortalen für Menschen aus aller Welt anbieten, die sich die Inhalte dann im Selbststudium – kostenlos – aneignen können. MOOCS sind in den USA ein heißes Eisen, das System muss sich bereits Diskussionen über sein Geschäftsmodell gefallen lassen. In Europa steckt all das noch in den Kinderschuhen, in Österreich noch nicht einmal in Babypatschen. Was nicht heißt, dass E-Learning bei uns keine Rolle spielt. Alle heimischen Universitäten und Fachhochschulen binden E-Learning in der einen oder anderen Weise ein und experimentieren teils auch mit Apps oder Streaming (zum Beispiel u:stream der Universität Wien). Besonders gepflegt wird das an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo eine Vielzahl der Studierenden den gesamten ersten Studienabschnitt nur mithilfe des Online-Portals learn@WU bewältigt. Aber das sind alles geschlossene Systeme, in die kein Nichtinskribierter reinkommt.

Meins! Meins! Doch auch in Sachen echter, offener MOOCs regt sich bei uns etwas. Ein Österreicher, der sich intensiv mit MOOCs und E-Learning auseinandersetzt, ist Martin Ebner, Leiter der Abteilung Vernetztes Lernen an der TU Graz. Die Idee der MOOCs sei eigentlich nichts Neues, sagt Ebner. Der

Ein Professor, der was an die Tafel kritzelt. Im Hörsaal fad, im Web cool (wenn‘s vom MIT kommt). Hype habe erst angefangen, als die Eliteuniversitäten ihre Plattformen gründeten. MOOCs würden unter anderem deswegen in den USA so gut funktionieren, weil dort Bildung ein Reizthema und die Idee (Bildung für alle, kostenlos) plakativ sei. Die TU Graz ist – auf Ebners Betreiben – die einzige österreichische Universität, die eine Open-Content-Strategie hat und freie Bildungsinhalte auch für Externe zur Verfügung stellt. Während opencontent.tugraz.at auch nur

die Spitze des an der TU produzierten Eisbergs an „Content“ zur Verfügung stellt, sieht es im übrigen Land eher nach Wüste aus. Den Grund kennt Martin Ebner gut: „Unter den heimischen Professoren herrscht noch eine Kultur des Besitzdenkens, besonders bei der PreInternet-Generation.“ Auch wenn sie mittlerweile Power-Point-Präsentationen erstellen, sind viele von ihnen noch gewohnt Bücher zu schreiben, die dann zwanzig Jahre lang als

Standardwerk für ihre Vorlesungen dienen. Bevor Wissen für ein großes, internationales Publikum zugänglich gemacht werden kann, müsste sich also die Kultur im Umgang mit digitalen Unterlagen in der Lehre wandeln: „Die neue Generation von Lehrenden, die an die Kultur des Teilens im Internet glaubt, wird aufhören, Lehrunterlagen als ihr Eigentum anzusehen, sondern als freie Ressource, die auch andere als ihre eigenen Studierenden nützen können“, sagt Ebner. Sprich: Vertreter dieser neuen Lehrgeneration sollen tauschen und andererseits auch Angebote (Unterlagen, Videos, Übungsbeispiele) von anderen Lehrenden annehmen, wenn diese ihre Lehrveranstaltungen bereichern können. Was die Motivation noch bremst, sind fehlende finanzielle Mittel und mangelnde Anerkennung für online vermittelte Inhalte. Ende ... Bis zum nächsten Mal … Hier könnten wir jetzt aufhören. Das würde gut zu den MOOCS passen, denn die zeichnen sich dadurch aus, dass sie Wissen in kleinen Häppchen verfüttern. Eine einstündige Vorlesung würde sich online niemand reinziehen, ein MOOC vermittelt die wichtigsten Botschaften in maximal zehn Minuten – leicht verdaulich, versteht sich. Das macht sie so beliebt, denn das passt zu unserer reduzierten, zappinggesteuerten Aufnahmefähigkeit. „Pädagogisch und didaktisch sind MOOCs nichts anderes als bereits jahrelang bestehende OnlineKurse“, sagt Martin Ebner, der sich mit interessierten Professoren der TU Graz gerade darum bemüht, deren Kernaussagen auf Video zu bannen, um den Studierenden noch einmal aufzuzeigen, was sie für die Lehrveranstaltung beherrschen müssen. Auf der Angebotsseite geht es in Österreich nur langsam voran, nachfrageseitig findet indes ein leiser Umbruch statt. Viele Studierende hören in die MOOCs bereits rein, bislang wollen aber nur wenige einen ganzen Kurs bei Internet-Harvard abschließen. „Es hat auch länger gebraucht, bis die Studierenden in der Welt der Lernvideos angekommen sind“, sagt Ebner. Heute scheint es für junge Menschen aber normal zu sein, sich Videos anzusehen – Youtube sei’s gedankt – und damit zu arbeiten. Allerdings bleiben viele im „Ich schau nur“-Modus stecken. Die MOOCs haben mit dementsprechend hohen Drop-Out-Quoten zu kämpfen.

Das Georgia Institute of Technology College of Computing bietet über udacity den ersten kompletten Master-Lehrgang via MOOCs an – gesponsert vom Kommunikationsgiganten AT&T. Kosten für die Studierenden: 5.300 statt 30.000 Euro …

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Screenshots: Coursera / MIT Open Courseware / Udacity; Klebenschrift: Kurt Rudolf

MOOCs-online-kurse: hype, chance oder bedrohung?

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Martin Ebner von der TU Graz kennt sich aus mit vernetztem Lernen SCHNUPPERSTUNDE BEIM MIT Dass MOOCs in Österreich nicht so einschlagen wie in den USA oder in abgeschwächter Form in Deutschland, sieht Martin Ebner auch in der fehlenden Tradition der Fernlehre begründet. Besonders in den USA sind Fernstudien völlig normal. Dazu kommt, dass universitäre Bildung in Österreich frei zugänglich und praktisch gratis ist, in den USA hingegen sehr teuer. Während unsere Unis nicht wissen, wohin sie die Studierenden noch setzen sollen, brauchen die amerikanischen Hochschulen die Studierenden – und die Kohle der Eltern. Zuletzt blieb ein einkalkulierter Teil der Studierenden bei vielen USamerikanischen Universitäten sogar aus: Laut „New York Times“ immatrikulierten sich im vergangenen Wintersemester um zwei Prozent weniger Studierende. Das ergibt bei insgesamt

20 Millionen Studenten eine beunruhigende Fehlsumme. Da ist also Gegensteuern und Marketing angesagt. Die Idee des Schnupperns ist so alt wie die Eliteunis selbst und die MOOCs sind hipstertaugliche Online-Schnupperstunden für das Curriculum. Das spült zwar nicht unmittelbar Studierende und hunderttausende Dollar in die Universitäten, gilt aber als eines der grundlegenden Geschäftsmodelle von MOOCs. Diese finanziellen Strategien der Top-20MOOCs haben sich Martin Ebner und seine Kollegen näher angesehen. Es gibt Kurse, bei denen man Zusatzmaterial kaufen muss. Und – das ist gleichzeitig das größte ABER in der ganzen MOOC-Hysterie – man gibt bei der Anmeldung zu einem MOOC sein Einverständnis, dass die anbietende Plattform mit den persönlichen Daten machen kann, was sie will.

DAS GROSSE „O“ Da will man also als ambitionierter Student einen Kurs bei der Columbia belegen und dann verkauft die ehrwürdige Uni deine persönlichen Daten an interessierte Unternehmen weiter. Überrascht angesichts der Datensammelwut der US-Amerikaner eigentlich niemanden mehr, aber: „Das ist nicht offen, sondern nur frei, also gratis“, kritisiert Ebner. Also gar kein Massive OPEN Online Course, sondern einfach nur ein MASSIVE Online Course? „Offen würde heißen, dass du da wirklich anonym dabei sein kannst, eine Gegenleistung wäre nicht vorgesehen“, sagt Ebner. Das ist sehr heikel, Rolf Schulmeister warnt vor sogenannten Learning Analytics. Wenn potenzielle Arbeitgeber durch diese in den MOOCs eingebauten Analysewerkzeuge an Profile der Studierenden gelangen können – zum Beispiel mit der benötigten Dauer zum Lösen einer Aufgabe, der Häufigkeit von Rechtschreib- oder Grammatikfehlern, Fleiß und ähnlichem – könnte das bei Bewerbungen eine große Rolle spielen. Dabei würde Martin Ebner in diesem „O“ für open den eigentlichen Sinn der ganzen MOOC-Bewegung sehen. MOOCs als Weg der Informationsdistribution: „Es wäre großartig,

Willkommensseite von Udacity. Hinter dieser MOOC-Plattform steckt u.a. die Stanford University. wenn man Materialien, die man ohnehin produziert, freigeben würde und dann untereinander tauscht. In einer digitalen Welt brauchen wir freie Bildungsmaterialien, die wir flexibel tauschen, bearbeiten oder kommentieren können. Wir wollen also einfach damit arbeiten.“

SURVIVAL OF THE FITTEST Die große Frage lautet: Brauchen wir in Österreich MOOCs überhaupt? Ob Professoren und Professorinnen heimischer Universitäten MOOCs anbieten, bleibt ihrem Ehrgeiz überlassen. Momentan erscheint das eher unwahrscheinlich, denn es fehlt schlicht an Geld. Die Plattform udacity bekomme von den Betreiberunis (u.a. Stanford) sehr viel Unterstützung, erklärt Ebner. Geld, das in Österreich fehle. Ob Studierende hierzulande das internationale MOOC-Angebot nutzen, bleibt ebenfalls ungewiss. Beim Studieren geht es gemeinhin doch um mehr, als darum sich Wissen in kleinen Häppchen anzueignen. Bei den MOOCS fehlen die sozialen Kontakte. Zudem werden MOOC-Abschlüsse bisher so gut wie nirgends anerkannt, schon gar nicht in Österreich. „Zu recht“, urteilt Martin Ebner, denn die Überprüfung der Leistung über das Internet ist unmöglich. Die Berührungsängste der heimischen Universitäten gegenüber MOOCs sind andererseits doch eher Phantomschmerzen. Denn könnten Bildungsangebote in Neuen Medien

das Hochschulwesen auf den Kopf stellen, hätte das anno dazumal schon das Bildungsfernsehen erledigt. Die Universitäten sollten MOOCs Martin Ebner zufolge nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung sehen. Denn den Universitäten fehlen bislang für umfassendes E-Learning onlinetaugliche Inhalte, weil deren Erstellung Zeit und vor allem Geld kostet. Warum sollte man Content, den Eliteunis gratis anbieten, als Lehrender nicht nutzen? Doch bleibt am Ende ein schaler Nachgeschmack. Dort, wo Martin Ebner berechtigterweise Chancen sieht, warnt Rolf Schulmeister von der Universität Hamburg, dass zwar bei den MOOCs die Lehrenden und die Universitäten elitär seien, nicht aber die Kurse selbst. Auch würde Bildung durch die MOOCs nicht wie behauptet demokratisiert. Am Ende bekomme man ein neoliberales System im Sinne des gefürchteten Bildungsdarwinismus: „Gefiltert werden die, die durchhalten.“

THE HITCHHIKER’S GUIDE TO THE MOOC-GALAXY … Im Netz toben verbale Kriege darüber, ob MOOCs die Zukunft der Bildung sind, ob sie diesen Anspruch überhaupt erheben, ob Hochschulen das Angebotsmonopol stellen müssen und dürfen, ob Studierende überhaupt die Zielgruppe von MOOCs sind, ob MOOCs böse sind, weil sie Daten sammeln, ob sie überhaupt Hochschulniveau erreichen und so weiter. Zum Reinschnuppern: www.edupunksguide.org

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André Derain, Henri Matisse, 1905; Tate, London 2013 © VBK, Wien 2013

SCREENSHOTS: COURSERA / MIT OPEN COURSEWARE / UDACITY; KLEBENSCHRIFT: KURT RUDOLF

Oft bleiben gerade einmal zehn Prozent bis zum Ende des Kurses dabei. Rolf Schulmeister vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Universität Hamburg wirft MOOC-Machern in diesem Zusammenhang Naivität und pädagogischen Darwinismus vor: „Nur weil sich 30.000 Hörer anmelden, heißt das nicht, dass die auch dabei bleiben.“ Die Lehrenden würden überhaupt nicht auf die Unterschiede der Studierenden eingehen, behandelten zum Beispiel nur amerikanische Probleme, kritisierte Schulmeister in seiner Keynote bei der Campus Innovation (CI) 2012. Die CI wird jährlich von den Hamburger Hochschulen veranstaltet und widmet sich aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen rund um die Zukunft der Hochschule mit einem Schwerpunkt auf IT-basierte Lehr- und Lernmethoden.

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SPRACHKURS OHNE LEHRPLAN, aber mit engagement Mit viel Improvisation und noch mehr Motivation hält unsere Autorin Hanna Deutschkurse für Asylwerber.

Wie chaotisch läuft eigentlich ein Deutschkurs für Asylbewerber in einem Flüchtlingsheim ab? Wenn man kein Klassenzimmer, kein Geld und jede Menge andere Probleme hat? Unsere Autorin hat’s selbst erlebt. Von Hanna Reiner

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uf den ersten Blick fällt das große Haus am Ende der Wiener Zohmanngasse nicht weiter auf. Ein Eckhaus, dessen Fassade einmal gelb war und das sich mittlerweile zwischen den umliegenden Gemeindebauten unauffällig in den grauen Straßenzug einfügt. Ein Haus, an dem man auf dem Weg zur Arbeit einfach vorbeigehen würde, ohne es zu beachten, weil der äußere Anschein Alltag verspricht. Aber eben nur auf den ersten Blick. Dieses Haus in Favoriten, ein ehemaliges Gesellenheim, wurde 2012 vom Flüchtlingsprojekt Ute Bock als Unterkunfts- und Anlaufstelle für Asylwerber und Asylbewerberinnen neu eröffnet. Bekannt geworden ist es durch die Proteste einiger Anrainer, bei denen es sich die FPÖ nicht hat nehmen lassen, mitzumischen. Eröffnet wurde das heutige Vereinshaus, das auch als Wohnhaus, Kursort und

Sachspendenlager dient, trotzdem. Hier stehen wir nun an einem grauen, verregneten Montagmorgen im Oktober. Als mir zwei Monate zuvor eine Freundin vorgeschlagen hatte, mit ihr zusammen einen Deutschkurs zu gestalten, sagte ich so spontan wie begeistert zu. Jetzt stehe ich hier also, vor der Zohmanngasse 28, und bin mir meiner Entscheidung nicht mehr so sicher.

Lebhaftes Durcheinander Beim Aufschwingen der Tür bemerkt man sofort, dass das alltägliche Äußere des Hauses nichts mit seinem Innenleben, mit den Menschen, die dort arbeiten und wohnen, zu tun hat. Neben einem überfüllten Aschenbecher und gestapelten Essenskisten sehen wir eine lange Schlange von Menschen aus der ganzen Welt, die auf Meldebestätigungen oder Beratungsstunden warten. Kleine Gruppen von

Männern, die laut sprechend und gestikulierend zusammenstehen, zu ihren Füßen Kinder, die spielen oder still die Erwachsenen beobachten. Irgendwo ist Handymusik zu hören. Obwohl lebhaftes Durcheinander herrscht, ist die Stimmung gedrückt. Von Anfang an fällt es schwer, diese Menschen und ihre Lebenssituation in das gewohnte Bild von Österreich, von Wien und vom eigenen Lebensalltag einzuordnen. Begleitet von einem jungen Zivildiener bahnen wir uns den Weg zu unserem zukünftigen Klassenraum. Dort angekommen, sehen wir uns perplex um. Es ist stickig und eng. Um einen großen Tisch stehen schwarze Bürosessel. Eine Wandtafel und ein buntes Buchstaben-Plakat sprechen immerhin für ein Klassenzimmer. Die Fenster zu einem kleinen Innenhof lassen sich nicht ganz öffnen. Sie sind verstellt von Kisten, Bettwäsche,

Immer wieder stellen sich die gleichen fragen: Wie kann man einen Deutschkurs mit einer Gruppe von Menschen planen, für die die deutsche Sprache alles andere als Ordnung und ihre Lebenssituation fast nur chaos darstellt?

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Foto: privat

Verben, Krieg und Papageien

Matratzen und Geschirr. In der Ecke steht ein Kühlschrank, daneben Reisegepäck, dazwischen liegt Kinderspielzeug. Unser neues Klassenzimmer dient auch als Wohnraum. Im Laufe unseres Kurses müssen wir immer wieder betreten zwei Familien mit Kleinkindern bitten, uns den Raum für zwei Stunden zu überlassen. Eine Frau ist so stark geschwächt, dass sie ohne fremde Hilfe nicht gehen kann. Während des Kurses legt man sie auf eine Matratze auf dem Gang und die anderen kümmern sich um ihre Kinder. Es geht nicht anders. Nach einigen Minuten kommen die ersten Schüler schüchtern herein. Es sind fünfzehn Männer aus Afghanistan und Tschetschenien, zwischen 17 und 75 Jahre alt, die wartend etwas ratlos in unsere Richtung blicken. Ich blicke mindestens ebenso ratlos zurück und bin froh, dass meine Freundin erfahrener und lockerer mit der Situation umgeht. Eingeplant sind wir als A1-Kurs, der zweimal wöchentlich für zwei Stunden stattfindet. Ausgestattet mit einer Liste gehen wir gemeinsam die Namen durch, stellen uns selbst vor und versuchen herauszufinden, wie viel Deutsch die einzelnen Schüler schon können. Nach einigen Stunden sinkt die Nervosität und die Freude am Unterricht steigt. Aber es stellen sich immer wieder die gleichen Fragen: Wie kann man einen Deutschkurs mit einer Gruppe von Menschen planen, für die die deutsche Sprache alles andere als Ordnung und ihre Lebenssituation fast nur Chaos darstellt? Wie verständigt man sich und was ist überhaupt das Ziel des Kurses? Woher bekommt man die Lernunterlagen und zwischen Uni und Nebenjob die Zeit, um den (unbezahlten) Unterricht vorzubereiten? Wir versuchen langsam für den Alltag nützliche Dinge zu lehren: Begrüßungen, die Uhrzeit, wichtige Verben. Für Aussprache und Wortschatz lesen und singen wir gemeinsam. Letzteres müssen wir unseren Schülern erst noch näher bringen. Der Kurs gestaltet sich oft schwierig. Immer wieder tauchen neue Leute auf, die von unserem Kurs gehört haben – während andere Schüler nur einmal oder unregelmäßig an unserem Unterricht teilnehmen. So finden manche Stunden mit nur fünf Schülern statt, andere mit zwanzig.

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SIE ERZÄHLEN UNS VON IHREN UNTERKÜNFTEN – VON KAPUTTEN TOILETTEN, MÄUSEN IN DER KÜCHE UND VON VERMIETERN, DIE SCHEINBAR KEIN PROBLEM DAMIT HABEN, MENSCHEN IN ÖSTERREICH UNTER DIESEN BEDINGUNGEN ZU BEHERBERGEN UND VOM STAAT ZU KASSIEREN. Aber nicht nur organisatorische Schwierigkeiten, sondern auch die sehr unterschiedlichen Niveaustufen, Verständigungsprobleme und zu guter Letzt persönliche und sensible Themen wie Familie, Finanzen und Zukunftsperspektiven stellen für uns eine Herausforderung dar. Viele Stunden erinnern an die eigene Schulzeit. Pubertierende Jugendliche, Rollenverteilungen innerhalb der Gruppe, überforderte Lehrerinnen. Da ist Farid aus Afghanistan. Als wir Modalverben lernen und erzählen, dass wir „gut schwimmen oder singen können“, ist Farid still. Schüchtern sucht er nach Beispielen. Da fangen seine Freunde an, zu erzählen, dass Farid „gut Krieg kann“ – als Polizist in Afghanistan hat er gegen die Taliban gekämpft, sagen sie. Während Farid versucht, das Thema zu wechseln und unsicher in unsere Richtung blickt, wissen wir nicht, wie wir reagieren sollen. Für einen Moment ist es unangenehm still in der Klasse. Dann wechseln wir schnell das Thema – und doch geht mir die Sache mit Farid nicht mehr aus dem Kopf.

Sie erzählen uns von ihren Unterkünften – von kaputten Toiletten, Mäusen in der Küche und von Vermietern, die scheinbar kein Problem damit haben, Menschen in Österreich unter diesen Bedingungen zu beherbergen und dafür vom Staat zu kassieren. Da sind die drei jungen Freunde, auch aus Afghanistan, die nach zwei Monaten plötzlich nicht mehr kommen, weil sie in eine andere Unterkunft verlegt wurden. Da ist Demjan aus Tschetschenien, der manchmal seine Kinder mitbringt und, immer mit einer schwarzen Kappe auf dem Kopf, keine einzige Stunde verpasst. Oder Nuri, der noch mit 75 Jahren Deutsch lernen möchte, jeden Tag dreißig Klimmzüge macht und begeistert von seinen Enkeln und seinem Papagei erzählt. Und natürlich Bati, aus Afghanistan, der durch einen Bombensplitter ein Auge verloren hat, einen positiven Asylbescheid bekommt und uns am Ende des Kurses großzügig beschenkt. Und eben wir, zwei Lehrerinnen, die oft etwas überfordert versuchen, den Unterricht so unterhaltsam wie sinnvoll

zu gestalten. Obwohl uns die Schüler respektvoll und freundschaftlich begegnen, muss man sich in einem Raum mit fünfzehn Männern, in Situationen, in denen man unterbrochen oder nicht ernst genommen wird, als junge Frau behaupten und durchsetzen können.

SPRACHE UND LEBENSHILFE Nach drei Monaten in der Zohmanngasse wechseln wir ins Amerlinghaus im 7. Bezirk, das dem Verein Ute Bock gratis Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Weitere vier Monate Kurs stehen an. Eine Freundin stößt hinzu, damit wir uns abwechseln können. Viele Schüler aus der Zohmanngasse kommen wieder, viele Neue kommen dazu, darunter nun drei Frauen. Es ist eine noch bunter gemischte Truppe aus Afghanistan, Tschetschenien, Nigeria, Syrien und dem Iran. Wir fangen also nochmal von vorne an. Wieder mit dem Niveau A1, wieder mit fragwürdig nützlicher Teilnehmerliste, wieder ohne Vorgaben und mit viel Improvisation, aber diesmal doch besser vorbereitet.

Wir versuchen unseren Schülern nützliche Dinge für den Alltag zu vermitteln und ihnen gleichzeitig vier Stunden in der Woche Beschäftigung und Perspektive zu geben. Wir lernen dabei mindestens genauso viel von unseren Schülern wie sie von uns. Wir nehmen nicht nur das Selbstbewusstsein mit, vor einer großen Gruppe sprechen zu können, erweitern unsere Geographie,- und Grammatik-Kenntnisse und lernen tschetschenische Lieder. Sondern sehen vor allem auch, dass diese namenlosen Asylwerber aus der Zeitung jetzt ein Gesicht, einen Namen, eine Lebensgeschichte, unterschiedliche Träume und Stärken haben. Dass sie jetzt Farid, Demjan, Bati und Nuri sind.

MITMACHEN Wer wie wir ehrenamtlich etwas für Asylbewerber tun möchte, kann sich hier melden: bildung@fraubock.at oder 01/929 24 24 - 28

The Vienna Review Voices of the New Europe

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FOTO: PRIVAT

The Vienna Review is Austria’s only English language paper, an independent journal of news and opinion covering the life and times of Vienna and the Central and Eastern European Region, ten times a year.

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24.09.2013 16:01:33 Uhr

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Schnupperstunde für das Uni-Leben

Kinderuni = Wissensvermittlung + Sozialarbeit² Noch immer studieren zu wenige Kinder aus „bildungsfernen Schichten“. Wie bekommen wir mehr Durchlässigkeit in unser Bildungssystem? Die Kinderuni ist ein möglicher Ansatz. Aber wer glaubt, Kinderuni heißt, ein paar schrullige Professoren machen sich im Sommer ein paar Tage lang zum Affen und zeigen Kindern lustige Experimente mit viel Knall-Bumm und Rauch, irrt. DURST hat sich vor Ort umgesehen. Von Sandra Eigner

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der Kinderuni, Kinder auf eine UniKarriere vorzubereiten, noch habe sie den Anspruch, das Bildungssystem nachhaltig zu verändern. Allerdings kann sie Impulse setzen: „Viele Eltern wissen zum Beispiel gar nicht, dass die Voraussetzung für ein Universitätsstudium Matura ist. Das müssten sie aber erfahren, wenn ihre Kinder elf oder zwölf Jahre alt sind, denn dann könne man entsprechende Bildungswegentscheidungen treffen“, so Iber. Dazu bräuchte es verstärkt Schulsozialarbeit, damit solche scheinbar offensichtlichen Informationen auch wirklich alle Eltern erreichen.

Informiert entscheiden In der Lehrveranstaltung „TechNIKE“ dürfen die Kids Sterne formen und Zinn gießen. bangen, ob sie in Österreich bleiben können, haben Existenzängste und können sich dann nicht „auch noch“ um die Ausbildung ihrer Kinder kümmern. Soziale Inklusion ist dem Kinderbüro aber ein großes Anliegen. Zum Beispiel über Jugendzentren oder in Parks versuchen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen möglichst viele Kinder zu erreichen und bringen sie dort, in ihrer gewohnten Umgebung, mit Forschung in Berührung. Bei der Kinderuni an sich werden im Sommer knapp zwei Wochen lang Vorlesungen und Workshops an den Unis angeboten.

Impulse setzen Karoline Iber koordiniert alle Agenden der Kinderuni Wien. Im mittlerweile elften Jahr versucht Ibers Team nun schon, die Universität zu öffnen und Uni-„Kultur“ auch Gruppen zu vermitteln, denen das Hochschulwesen fremd ist. Bildungsfernere Schichten fühlen sich laut Iber vom Akademischen nicht angesprochen, für sie ist das alles abgehoben. Oder die Eltern haben einfach ganz andere Sorgen, sind Alleinerziehende,

Von den Wissenschaftsdisziplinen sind bei der Kinderuni eigentlich alle vertreten, von den Natur- über die Wirtschaftswissenschaften zu Musik, Medizin und Sprachen ist alles dabei. Die Kinder sollen sehen, welches Spektrum an Möglichkeiten es gibt, und was sie eigentlich alles können. Klingt wie aus einem Werbeprospekt, aber es wird genau dokumentiert, wer an der Kinderuni teilnimmt. Und langsam, aber doch, gibt es laut Karoline Iber eine gute Durchmischung

Hier treffen Laserstrahlen auf Metall. von Kindern von Akademikerfamilien und aus eher bildungsfernen Schichten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Kinderuni gratis ist – Anreise und Verpflegung sind aber nicht inbegriffen, was für viele ein Hindernis ist. Daher gibt es die sogenannten Tagestickets für sozial benachteiligte Kinder, die über sozialpädagogische Einrichtungen oder Flüchtlingshäuser kontaktiert, von dort abgeholt werden und dann durch Spenden einen ganzen Tag an der Kinderuni teilnehmen können und verpflegt werden. Bei weitem nicht alle Kinder, die einmal bei der Kinderuni waren, finden tatsächlich den Weg an die Universität. „Es muss nicht jeder studieren, aber wer will, soll es können“, sagt Iber. Es sei weder die Aufgabe

Information ist eigentlich das, worum es bei der Kinderuni neben Spaß und Anregung des kindlichen Forscherdrangs geht. Denn im heimischen Hochschulsystem gibt es enorme Schieflagen, viele strömen in wenige Richtungen, in einigen Bereichen gibt es ein miserables Geschlechterverhältnis unter den Studierenden, die Universitäten werden des Andrangs nicht Herr und das System ist absolut nicht sozial durchlässig. Natürlich muss nicht jede und jeder Jugendliche in Österreich an die Universität, das kann nicht das Ziel der Gesellschaft und auch nicht der Kinderuni sein. Karoline Iber und ihr Team möchten es allerdings möglichst vielen Kindern und Jugendlichen ermöglichen, eine informierte Entscheidung zu treffen, welchen (Bildungs-)Weg sie einschlagen. So wie Lukas*. Er ist jetzt 19, beginnt zu studieren und hat seine Studienwahl Technische Physik tatsächlich aufgrund eines Erlebnisses während der Kinderuni getroffen. „Wir glauben, dass das öfter passiert“, zeigt sich Karoline Iber überzeugt, „solche kleinen Geschichten sind für uns schon ein Erfolg.“

* Namen von der Redaktion geändert Info: www.kinderuni.at

FotoS: Peter Rauchecker (2), privat

nna, Hannah, Lena und Sarah* sind Schwestern. Sie sind sehr wissbegierig. Für Kinder und Jugendliche wie sie gibt es das Sommercamp der Kinderuni Wien. Ihren Eltern ist die Bildung ihrer Töchter wahnsinnig wichtig, allerdings hat der Vater aus kulturell bedingten Gründen Bedenken, dass sie ein paar Tage wegfahren und woanders übernachten. Sonja, Mitarbeiterin im Kinderbüro Wien, wiederum liegt viel daran, dass die vier Schwestern bei den KinderuniFerien dabei sind. Sie besucht die Familie daheim, trinkt Tee mit dem Vater und schafft es, ihn zu überzeugen, dass seine vier Mädchen mitdürfen. Das klingt nicht gerade nach dem, was man sich unter Kinderuni vorstellt, gehört aber dazu. Vertrauensarbeit nennt das Karoline Iber, die als Geschäftsführerin des Kinderbüros alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der KinderuniWien koordiniert: „Es reicht nicht aus, die Kinder einzuladen. Manchmal gilt es eine ganze Familie zu überzeugen.“

„Viele Eltern wissen Nicht, dass die Voraussetzung für ein Universitätsstudium Matura ist. Das müssten sie aber erfahren, wenn ihre Kinder elf oder zwölf Jahre alt sind. dann könne man entsprechende Bildungswegentscheidungen treffen.“ Karoline Iber

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25.09.2013 13:42:42 Uhr


Archetypen des studentischen Wohnens • Virtuelles Roundtable-Gespräch mit WG-Bewohnern • Studierende teilen sich WGs mit ehemals Obdachlosen• Luxusstudentenheim

FOTO: HEIRI HÄFLIGER & EDITH BERGMANN. KLEBESCHRIFT: KURT RUDOLF

Saufen bis kurz vor der Zirrhose Hemingway, Bukowski, Baudelaire, Keith Richards, Häupl, Beethoven, Drew Barrymore, Anita Pallenberg, Marianne Faithful – alle mach(t)en es vor: Man kann sich regelmäßig ordentlich was einschenken und trotzdem erfolgreich sein. Solange man nicht seinen Ehepartner verprügelt und halbwegs regelmäßig zum Dienst erscheint. Manchen dient es auch als Inspirationsquelle. Glücklich macht es wohl auch – zumindest am Abend vor dem Morgen.

Tausend Plateaus Aus gefundenen Gegenständen bastelt Christian Ganzer Teilchen für Teilchen immer komplexer werdende Skulpturen. Die hier gezeigte ist vergleichsweise klein. Ganzer produziert nicht für den Kunstmarkt, weil er sich nicht dessen oberflächlichen Gesetzmäßigkeiten anpassen möchte. Sein Geld verdient Ganzer als Kurator für das Kindermuseum ZOOM in Wien – Bereichsleitung Ausstellung. Er kommt aus Osttirol und studierte Grafik-Design und Bildhauerei. (siehe S. 46ff.)

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SCHINKEN Hängeskulptur von Christian Ganzer, Installationsansicht, 2007 Plastikteile, Modeschmuck, Kabel, Reste und sonstiger Krempel Galerie Schmiede Erschbaum, Osttirol, www.erschbaum.at

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wie du wohnst

Das könntet ihr sein – oder wir? Archetypen des studentischen Wohnens Von Sandra Schieder und Sandra Eigner, Illustriert von Kurt Rudolf

der unangepasste wohnt in besetzten Häusern oder bei Facebook-Freunden auf der Couch und arbeitet als Straßenmusiker. Nebenbei studiert er Politikwissenschaft und Ökonomie (man muss wissen, was der Feind denkt), schreit linkslinke Parolen auf Demos und organisiert sich die nächste Schlafgelegenheit. Er ernährt sich von allem, was er auf seinen Dumpster-Ausflügen erbeuten kann und bezahlt grundsätzlich nur mit Münzen. Hin und wieder putzt er sich die Zähne.

Partyfaktor: 4 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 6 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 2 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 0 von 5 Geldscheinen

das turteltäubchen wohnt in einer schnuckeligen 40m²-Wohnung gemeinsam mit ihrem Hasi. Es fehlt zwar die Luft zum Atmen, dafür sparen sie sich die Heizkosten durch Kuscheln beim Kochen, Kuscheln vorm Fernseher, Kuscheln unter der Dusche ... Sie macht gerade ihren Bachelor als Hebamme (damit sie jeden Tag die Zukunft vor Augen hat) und arbeitet als Babysitterin. Was sie dabei verdient, geht in die herzförmige Gemeinschaftskassa fürs Dinner for two im Kerzenschein und die gemeinsame Zukunft.

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Partyfaktor: 1 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 1 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 3 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 3 von 5 Geldscheinen DURST 2/13

25.09.2013 13:44:52 Uhr


die bezwingerin des chaos

wohnt in einer 5er-WG in einer Maisonettenwohnung. Gesellschaftsmenschen unter sich – da gibt‘s immer was zu räumen. Und sie steht gerne brav in der Schlange zum WC. Die Bezwingerin des Chaos studiert Eventmanagement und arbeitet als Schlichterin in der Schraubenabteilung bei Hornbach. Hier herrscht wenigstens Ordnung. Ihr Gehalt bessert sie mit dem auf, was die Partygäste in den Sofaritzen verlieren und sie dort herausklaubt. Zu essen gibt es alles, was sich im Kühlschrank schön stapeln lässt und noch nicht schimmelt. In ihrer Freizeit schreibt sie Listen und putzt ständig, gerne auch andere Wohnungen.

Partyfaktor: 2 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 0 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 3 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 2 von 5 Geldscheinen

der gleich-oben-einsteiger

wohnt in Papa’s Wohnung in einem von Papas Baufirma ausgebauten Dachgeschoss. Daddy übernimmt die Betriebskosten, lässt sich ja alles von der Steuer absetzen. Natürlich studiert er internationale Betriebswirtschaft (was „Anständiges“) und arbeitet (auf dem Papier) als Aufsichtsratsmitglied in Daddy’s Firma, in Wahrheit an seinem Sixpack. Nachdem die Köchin bei Mummy und Daddy ein paar Gassen weiter aufgekocht hat, liefert sie direkt in sein Esszimmer. Er macht Hipster-Fotos mit seinem iPhone und hofft, einmal im „Rich Kids of Instagram“-Tumblr zu erscheinen. Wenn er mal putzt, dann mit Geschirrtüchern aus ägyptischer Baumwolle seine Ray-Ban-Sonnenbrille. DURST 2/13

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Partyfaktor: 4 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 0 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 4 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 6 von 5 Geldscheinen

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Die-dahoamis-dahoam-tante

wohnt im Haus Burgenland und teilt sich mit 150 Landsleuten Stock, Küche, Bad und die Sehnsucht nach Hause. Sie studiert Lehramt, Deutsch und Religion und arbeitet als Kassiererin beim örtlichen Fußballverein und am Wochenende beim Familienheurigen. Die mühseligen Fahrten in die Heimat bezahlt sie mit ihren üppigen Trinkgeldern (Dirndl sei Dank!). In der Freizeit sitzt sie mit ihren WohnheimLeidensgenossen im Gemeinschaftsraum, um mit von zu Hause mitgebrachten Dopplern das Heimweh runterzuspülen. Am nächsten Tag putzt sie mit Weißwein die Rotweinflecken.

Partyfaktor: 5 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 4 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 2 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 3 von 5 Geldscheinen

Der Zweckrationale wohnt in einer Zweck-WG mit zwei Mitbewohnern, die er mittels eines mehrstufigen Castingverfahrens als nicht-störende Variablen herausgefiltert hat. Er studiert Statistik (berechenbare Karriere, berechenbares Leben) und arbeitet als Risiko-Analyst in einer Versicherung. Dafür bezahlt er mit seinem Privatleben – jeder und jede, dem oder der er seinen Lebensplan näher erklärt hat, ist eingepennt. Der Zweckrationale ernährt sich von allem, was der Snack-Automat ausspuckt, und literweise Filterkaffee. Hin und wieder grüßt er seine Mitbewohner und berechnet die Wahrscheinlichkeit, am Weg in die Arbeit ein Mädchen kennen zu lernen.

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Partyfaktor: 0 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 0 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 5 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 4 von 5 Geldscheinen DURST 2/13

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der einsame wolf wohnt in einer 30m²-Einzimmerwohnung: schwarze Möbel, schwarze Vorhänge, vom Rauch gelb verfärbte Wände. Bevor ihm jemand sagt, dass er im Sitzen pinkeln muss, wohnt er lieber alleine. Er studiert Pathologie (weil er später keine Lust hat bei der Arbeit viel zu quatschen) und arbeitet als Samstagsaushilfe beim Fleischhauer – jedoch niemals an der Theke. Von den abfallenden Wurstresten ernährt er sich die ganze Woche. In seiner Freizeit fängt er Insekten für seine Sammlung – da kann man schön mit Formaldehyd üben. PeroxydBleichmittel ist das Putzmittel seiner Wahl.

Partyfaktor: 1 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 4 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 2 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 2 von 5 Geldscheinen

der hotel-mama-fan wohnt immer noch in seinem Zimmer mit der Fußballbettwäsche, denn für ihn ist nichts entspannender, als unter Mamas Tisch die Beine auszustrecken. Er studiert Pflegewissenschaften (damit er Mama mal was zurückgeben kann). Um das Taschengeld zu rechtfertigen, räumt er ab und zu den Geschirrspüler aus. Dafür stellt Mami auch um Punkt 12 das Essen auf den Tisch. Das Muttersöhnchen mäht gelegentlich auch mal den Rasen, um die zusätzlichen fünf Euro bei seinen sporadischen Besuchen in der Dorfdisko in ein Cola-Rot zu investieren. Aber um 0:00 Uhr ist Zapfenstreich, versprochen. Am Samstagvormittag putzt er das Auto seiner Eltern (mit Polieren). DURST 2/13

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Partyfaktor: 1 von 5 Gläsern Seuchengefahr: 0 von 5 Totenköpfen Studienfortschritt: 4 von 5 Diplomandenkapperl Geldbörsencheck: 3 von 5 Geldscheinen

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Virtueller Runder Tisch

Turteltäubchen

Zweckrationaler

Unangepasster

Gleich-obeneinsteiger

beherrscherin des chaos

dahoam-isdahoam-tante

einsamer wolf

hotel-mama-fan

Wir haben die Archetypen des Wohnens zum runden Tisch in die Durst-Redaktion vorgeladen. Denen wollten wir schon mal auf den Zahn fühlen ... Sie diskutierten mit uns über ihre Wohnverhältnisse, Politik und andere Oberflächlichkeiten.

Von Sonja Dries & Thomas Askan Vierich

Würdest du deine Art zu wohnen anderen empfehlen?

{Wie aus einem Mund rufen} Gleich-Oben-Einsteiger und Hotel-Mama-Fan: Klar, bequemer geht’s nicht! Unangepasster: Ihr seid alle scheiß neo-liberale Systemgewinnler! Bezwingerin des Chaos: Ja, weil ich brauch die Herausforderung. Dahoam-is-Dahoam Tante: Ich brauche keine Herausforderung. Als Burgenländerin in Wien zu leben ist Herausforderung genug. Wie lange könnt ihr noch so weitermachen?

Unangepasster: Solange es noch besetzte Häuser gibt und meine Facebook-Freunde mich nicht blockieren, zahle ich keine Miete. Zweckrationaler: Ich habe mir ausgerechnet, dass ich bei meiner derzeitigen Lebensführung samt Gastritis exakt 43,8 Jahre alt werde. Das genügt mir. Vorläufig. Bezwingerin des Chaos schüttelt indigniert den Kopf. Turteltäubchen: Mit meinem Hasi an der Seite kann ich ewig so weitermachen. Gleich-Oben-Einsteiger: Macht ihr zwei auch die Wiener Auster?

Bleiben wir bitte beim Thema! Das handeln wir auf Seite 62 ab. Stellt euch lieber vor, die Kripo macht bei euch eine Hausdurchsuchung – was werden die von euch denken?

Gleich-Oben-Einsteiger: Die lasse ich nicht rein. Da rufe ich erstmal unseren Haus- und Hofadvokaten an und lasse sicherheitshalber die Raumpflegerin kommen. Einsamer Wolf: Oh Gott! Horrorvorstellung! Aber obwohl, vielleicht machen die gleich meinen Abwasch? Unangepasster: Was? Du lässt die Kiebererschweine bei dir abwaschen? Einsamer Wolf: Dann sind sie wenigstens von meiner Dunkelkammer mit den halbfertigen Tierpräparaten abgelenkt. Turteltäubchen: Hasi wird’s schon richten. Wir haben nichts zu verbergen. Hotel-Mama-Fan: Jeder hat was zu verbergen. Ich zum Beispiel das Hasch vor der Mama in meiner Sockenlade. Dahoam-is-Dahoam-Tante: Ach, die Kripo laden wir einfach auf einen Doppler ein ... Was würdet ihr im Falle eines Wohnungsbrands auf alle Fälle retten?

Gleich-Oben-Einsteiger: Ich mach mir doch nicht die Finger dreckig. Kann mein PersonalShopper alles nachkaufen. Einsamer Wolf: Meine ausgestopften Eichhörnchen. Mit denen könnt ich auf der Straße kuscheln. Hotel-Mama-Fan: Bei uns brennt‘s nicht. Mein Vater ist bei der freiwilligen Feuerwehr. Turteltäubchen: Hasi wird’s schon richten ... Bezwingerin des Chaos: Ich wär froh, wenn ich die Bude

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los bin! Hat mal wer Feuer? Dahoam-ist-Dahoam-Tante: Endlich kann ich wieder nach Hause! Unangepasster: Meine Ukulele. Zweckrationaler: Zahnbürste, Schuhcreme, eine Unterhose zum Wechseln und meinen Taschenrechner. Jetzt mal ehrlich: Was würdet ihr gerne an euch ändern?

Turteltäubchen: Hasi sagt immer, meine Nase ist zu klein. Einsamer Wolf: Das wäre aber nicht das erste Problem, das mir bei dir auffällt. Gleich-Oben-Einsteiger: Du brauchst reden mit deinen zusammengewachsenen Augenbrauen. Dahoam-ist-Dahoam-Tante: Seid doch nicht so oberflächlich. In Wirklichkeit zählen doch die inneren Werte. Bezwingerin des Chaos: Das würde ich an deiner Stelle auch sagen. Äh, wir waren eigentlich beim Thema Selbstkritik ...

Hotel-Mama-Fan: Fällt mir nix ein, aber mein Vater sollte sich endlich mal ein neues Auto kaufen. Unangepasster: Ich könnte an meinem Musikprogramm feilen. Ukrainische Volkslieder kommen auf Dauer auf der Mahü nicht so gut an. Zweckrationaler: Scheiß MahüFußgängerzone. Die drängen sich trotzdem alle am Gehsteig. Da haben sich die Grünen verkalkuliert ... Gleich-Oben-Einsteiger: Sehr richtig. Ich wohn da auch. Funktioniert überhaupt nicht. Mein Lieferservice hat sich schon beschwert. Er kommt nicht mehr bis vor die Haustür. Wie sieht euer 5-Jahresplan aus?

Turteltäubchen: Heirat in drei Jahren, wenn Hasi fertig studiert hat.

In fünf Jahren ein bis zwei Kinder und Reihenhaus in Vösendorf. Bezwingerin des Chaos: Wenn die Schrauben irgendwann alle sortiert sind, mache ich die Firmenfeiern. Zweckrationaler: Ich bin ja nicht die UdSSR. Dahoam-ist-Dahoam-Tante: Ich bin endlich wieder dahoam. Unangepasster: Österreich wird von der KPÖ übernommen und ich bin dabei. Und leite das Bundesministerium für freischaffende Künstler. Hotel-Mama-Fan: Darf ich dann Familienminister werden? Gleich-Oben-Einsteiger: Träumt weiter, ihr Trotteln. Abschließende Frage: Seid ihr eigentlich glücklich?

{Langes, betretenes Schweigen.} Turteltäubchen: Also, wenn Hasi... {Aufstöhnen aller anderen.} Hotel-Mama-Fan: Je nach Wetterlage. Rasenmähen im Regen ist nicht so leiwand. Unangepasster: Glück ist so was von relativ. Zweckrationaler: Man kann sich gegen alles versichern. Gleich-oben-Einsteiger: Das ist ganz einfach: Je dicker die Geldbörse, desto glücklicher bin ich. Dahoam-ist-Dahoam-Tante: Ihr seid doch alles ganz arme entwurzelte Großstadtjunkies. Ich halte das hier nicht mehr aus. Können wir bitte abbrechen? Ich brauch jetzt ein Achterl Blaufränkisch. Das passt ganz gut. Draußen wartet schon unser Geschäftsführer. Der hat jetzt hier Sitzung mit der Marketing-Abteilung. Und er legt Wert auf die Einhaltung des Raumbelegungsplans.

Illustrationen: Kurt Rudolf

Lasst uns mal drüber reden

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25.09.2013 13:45:43 Uhr


ehemals obdachlose leben mit studierenden

Eine stinknormale WG mal anders

Von Martina Powell und Mara Simperler

Mitten in Wien wird experimentiert: Ehemals Obdachlose und Studierende wohnen, arbeiten und leben in WGs zusammen. Kann das gut gehen? Ein Hausbesuch.

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as Lokal in der Währingerstraße/ Lackierergasse sieht aus, wie ein Café in Uni-Nähe eben aussieht: ein bisschen hip, ein bisschen studentisch, mit großen Fenstern und viel Holz. Draußen rattert die Straßenbahn vorbei. Die Decken sind getäfelt mit Brettern, die einmal zu Holzkisten zusammengenagelt waren, an der Bar stehen Hocker aus schwarzem Holz. Die Polster in den Sitzecken sind mit alten Kaffeesäcken aus Guatemala bespannt. Auf einem von ihnen sitzt Cecily Corti, Obfrau und Leiterin der „Vinzenzgemeinschaft St. Stephan“, und trinkt Kaffee. Seit Mai 2013 läuft hier, in einem renovierten Biedermeierhaus, wo früher Kinderwägen verkaufen wurden, der Betrieb von „VinziRast Mittendrin“. Ein Experiment, erklärt Corti. Der Verein betreibt neben „Mittendrin“ drei weitere Projekte, in denen Obdachlose Unterkunft finden. „Noch wissen wir nicht, wie die Sache sich entwickeln wird. Aber die Stimmung ist sehr gut.“

Im Erdgeschoss des Wohnprojekts „Mittendrin“ befindet sich ein Café links: Cecily Corti, Vinzenzgemeinschaft St. Stephan Sinn, eher Inklusion. Was macht uns zu Menschen? Wie können wir dem anderen offen und mit Wertschätzung begegnen?“

„Mittendrin“ begeistert. Die Schauspielstudentin hatte schon früher, als sie vorübergehend in Paris wohnte, mit Obdachlosen zu tun. Über eine Freundin erfuhr sie vom Projekt und da sie ohnehin nach Österreich zurückkehren wollte, hat sie sich für einen Platz im Vinzi-Haus beworben. „Ich bin ein wissbegieriger Mensch und ich schätze ehrliche Meinungen. Wenn man studiert, hat man nur mit Studenten zu tun. Hier ist das anders. Hier gibt es eine Mischung, man lernt andere Perspektiven kennen.“ Genau das sei auch das Ziel des Projekts, sagt Corti: „Hier begegnen sich die unterschiedlichsten Gruppen. Das entspricht der Grundidee von VinziRast. Nicht Integration oder Resozialisation im herkömmlichen

ALLE HELFEN MIT „Mittendrin“ ist aus mehreren Gründen ein Projekt der besonderen Art: Das Thema Obdachlosigkeit wird nicht an den Stadtrand gedrängt, sondern bekommt Platz im Zentrum eines gutbürgerlichen Bezirks. Und obwohl es schon früher ähnliche Versuche des Zusammenlebens gab, ist das Projekt, das ehemals Obdachlose und Studierende auf diese Art und Weise zusammenbringt, zur Zeit weltweit einzigartig. Bei „Mittendrin“ gehe es viel um Verantwortung. Und darum, welche Erfahrungen sich aus diesem Miteinander entwickeln, erklärt Corti. Hier sind keine Experten im Einsatz, alle Bewohner helfen mit und übernehmen, je nach Interesse und Fähigkeit, Aufgaben im Haus. Studierende und Obdachlose haben bei der Renovierung des Hauses mitgeholfen. Zwischen 280 und 350 Euro zahlen die Bewohner für ihr Zimmer und

Uniproteste als AnstoSS Begonnen hat alles mit der „Unibrennt-Bewegung“ vor vier Jahren: Bei den Protesten für bessere Studienbedingungen kamen einige Studierende mit Obdachlosen in Kontakt. Gemeinsam diskutieren, kochen, voneinander lernen – „VinziRast Mittendrin“ sei eine Weiterentwicklung dieser Idee, erklärt Corti. Sie weiß: Ein Projekt dieser Größenordnung wäre ohne die finanzielle Hilfe von prominenten Unterstützern wie Hans Peter Haselsteiner nicht möglich gewesen. Erst als der Industrielle und Neos-Politiker das Haus kaufte, dem Verein schenkte und andere private Spender das Projekt mit kleineren und größeren Geldsummen unterstützten, begann Corti zu glauben: Das könnte funktionieren. Und das tut es, meinen zumindest die Bewohner des Hauses. Klar gebe es Konflikte, manchmal gehe es auch etwas chaotisch zu, sagt Magdalena. Da werde zum Beispiel endlos über die Hausordnung diskutiert oder jemand wird ermahnt, wenn er seine Aufgaben nicht erfüllt. „Aber das Schöne ist, dass die Menschen hier nicht nachtragend sind. Wir sprechen über unsere Probleme und dann ist es auch gut.“ Am Abend sitzt Magdalena mit ihren Mitbewohnern zusammen, manchmal improvisieren sie ein Schauspiel, lachen, sprechen über die Uni, die Pension, Kinder oder was in der Zeitung steht. Im Grunde, sagt Magdalena, sind wir eine stinknormale WG.

Fotos: mara simperler

Keine Zweck-WGs Auf drei Stockwerken leben 27 Studierende und ehemals Obdachlose in 3er-WGs zusammen. Sie teilen sich Küche und Gemeinschaftsraum, jeder hat ein eigenes Zimmer. Es gibt Werkstätten, ein Studienzimmer und auf der Dachterrasse wachsen in Einkaufswägen Kräuter und Gemüse, um die man sich gemeinsam kümmert. Ursprünglich hatten sich rund 70 Studierende beworben, schlussendlich wählte Corti rund ein Dutzend aus. Im Erdgeschoß helfen im Lokal, in dem die Obfrau gerade ihren Kaffee trinkt, alle Bewohner mit. Auch Magdalena. Die 25-Jährige wohnt seit Anfang Juni in einem der 15-Quadratmeter-Zimmer und teilt sich die WG mit zwei Männern, 47 und 57 Jahre alt. Magdalena ist von

die Gemeinschaftsräume pro Monat. „Die Mindestsicherung für Obdachlose liegt bei 800 Euro, damit geht sich die Miete aus. Von Studierenden bekommen wir verschiedene Rückmeldungen von ‚zu teuer‘ bis ‚normal‘. Es hängt wohl davon ab, wie man seine Prioritäten setzt“, sagt Corti.

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Mehr luxus geht fast nicht: Das neue Studentenheim am WU-Campus

So schön und eng kann man auf 24 m² für 550 Euro wohnen. Putzfrau und Fitnessraum inklusive.

Noch schöner wohnen

Von Valentin Ladstätter

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Euro wird ein Zimmer im Studentenwohnheim Milestone– 150 Meter vom neuen WU-Campus entfernt – pro Monat und Nase kosten. Dafür bekommt man auch einiges geboten: Die Einzelapartments trumpfen mit 24 m², Parkettboden, Designerbad, eigener Küchenecke, zwei Fenstern und einer Glotze mit SAT auf. Alle mitzumietenden Möbel („zwei großzügige Schränke, Deluxe-Bett mit Staufach, Sideboards, mobiler Schreibtisch und Bürosessel“, heißt es auf www.milestone.net) sehen aus wie von Apple designt. Und erst außerhalb des eigenen Zimmers in den Gemeinschaftsbereichen! Da wimmelt es nur so von „Lounges“ und Zusatzräumen, in denen es sich „herrlich relaxen“, „chillen“, oder „einfach nur connecten“ lässt. Gechillt wird im Milestone generell überall, ausgenommen vielleicht im hauseigenen Fitnessraum. Dort fühlt sich der Studi nach dem Workout „herrlich ausgepowert“. Wenn

man nach der Website der neuen, hippen, trendigen Location urteilt, dann ist ein vierzehntägiger Wellnessurlaub ein Scheiß gegen das Leben im neuen Studentenwohnheim. Hier wird alles zum entspannenden und doch aufregenden Ereignis. Überall gibt es Räume der Begegnung und Plätze der Entspannung. Wirklich toll sind der hauseigene 1000 m² große Garten mit „schattigen Bäumen und kultigen Enzos“ und die 240 m² große Dachterrasse, wo man „herrlich relaxen“ und sich „vom hektischen Studentenleben erholen, den Kopf freikriegen und Stadtluft genießen“ kann. Damit nicht genug: Milestone setzt nämlich auf eine „Green Agenda“. Eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach stellt satte fünf bis zehn Prozent des hauseigenen Stromverbrauchs her. Außerdem wird „gegartelt“: „Urban Farming am Dach bzw. im Garten ist Teil unseres Konzepts. Die Bewohner können ihre eigenen Tomaten, Salat und Kräuter anpflanzen.“ Selbst die Wäsche macht man im Milestone

nicht einfach irgendwo, nein, man reinigt seine Sachen in der „Washing Lounge“. Die bietet natürlich „viel mehr als deiner Wäsche beim Wirbeln zusehen. Bestell dir einen Kaffee und genieße ihn mit deinen Freunden“. Bei den 550 Euro Miete ist übrigens alles dabei (sogar die Putzfrau kommt einmal pro Monat), denn das Milestone bietet „unseren Bewohnern eine All-In-Miete ohne versteckte Kosten!“ Nur die „Washing Lounge“ kostet drei Euro pro Waschgang extra. Und die Benutzung des Partyraums kostet pro Veranstaltung 50 Euro (und 300 Euro Kaution). Falls ein Kellerabteil zum Einzelapartment gewünscht wird: 14 Euro zusätzlich pro Monat. Oh, und bei der Buchung fallen natürlich noch ein paar einmalige Kosten an: Bearbeitungsgebühr (20 Euro), Buchungsgebühr (75 Euro), Endreinigungsgebühr (75 Euro), 900 Euro Kaution und dann noch eine jährlich zu entrichtende „Allgemeine Schadenspauschale“ (25 Euro). Damit hat es sich dann aber auch.

Nun fragen wir uns natürlich: Hat das Milestone denn auch negative Seiten? Schließlich ist nichts auf der Welt geschenkt und alles hat bekanntlich seinen hauseigenen Haken. Und ja, den gibt es: In den eigenen vier Wänden „kannst du machen, wonach dir gerade ist“, aber ein paar Regeln gilt es zu beachten: Keine Kerzen, keine Zigaretten (Brandschutzbestimmung), keine Deko, die die Wände beschädigt (verwende dafür die vorgesehenen Magnetstreifen!) und bitte keine zusätzlichen Küchengeräte mitbringen (beugt erhöhten Stromrechnungnen vor). Und aus „Sicherheitsgründen (Fluchtwege)“ ist die Benutzung der Einzelapartments nur Einzelpersonen gestattet. FreundIn zu Besuch? Leider baubehördlich nicht genehmigt. Bei Nichtbeachtung droht die Kündigung, steht so in den „House Rules“. Und die Putzfrau kontrolliert ... PS: Kurz vor der offiziellen Eröffnung im Oktober lag die Auslastung der Wohnungen laut Betreiber bei 90 Prozent.

„Herrlich Relaxen“ und „Chillen“: wenn man nach der Website der neuen, hippen, trendigen Location urteilt, dann ist ein vierzehntägiger Wellnessurlaub ein Scheiss gegen das Leben im neuen Studentenwohnheim.

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Foto: IC Projektentwicklung GmbH, Raffael Fritz

Das teuerste private Studentenwohnheim Wiens ist ab Herbst bezugsfertig – direkt neben dem neuen WU-Campus am Prater.

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Eine Stadt, die man lieben MUSS: New York City • Chaos und Ordnung in der Kunst • Chaos und Stimme

FOTO: ESTHER STOCKER; KLEBESCHRIFT. KURT RUDOLF

Saufen bis kurz vor der Zirrhose Hemingway, Bukowski, Baudelaire, Keith Richards, Häupl, Beethoven, Drew Barrymore, Anita Pallenberg, Marianne Faithful – alle mach(t)en es vor: Man kann sich regelmäßig ordentlich was einschenken und trotzdem erfolgreich sein. Solange man nicht seinen Ehepartner verprügelt und halbwegs regelmäßig zum Dienst erscheint. Manchen dient es auch als Inspirationsquelle. Glücklich macht es wohl auch – zumindest am Abend vor dem Morgen.

Denkstrukturen aufbrechen Mit ihrer Kunst möchte Esther Stocker, geboren 1974 in Schlanders, Italien, Ordnungen stören: „Wenn ich gerade Linien gesehen habe, dachte ich mir, da muss ich eine herausreißen oder schief machen. Ich habe bei meinen Rastern immer versucht etwas einzubauen, das diese Gleichzeitigkeit von Ordnung und Unordnung formuliert. Ich möchte das Kunstwerk in etwas verwandeln, was nur fast eine Ordnung ist.“ (siehe S.46ff.)

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UNTITLED von Esther Stocker, 2009 foam core, tape and pins on wall, 2,92 x 6,85 x 5 m exhibition view Beyond These Walls, South London Gallery, London

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NEW YORK City: ALLES muss GROSSARTIG sein

Manuel loves NY, oder? Um die amerikanischen Übergrößen zu füllen, muss er aber wohl noch länger dort bleiben.

New York schreit dich an Unser Autor arbeitet seit Februar für das ZDF in New York. Also haben wir ihn gebeten, uns seine persönliche Innenansicht aus dieser angeblich uuuurgeilen und furchtbar chaotischen Stadt zu schicken. Schnell stellte sich heraus: NYC ist gar nicht so chaotisch, aber zugeschüttet mit Erwartungshaltungen voller Superlative. Studieren kann man dort auch. Zum Beispiel an der privaten New York University. Von Manuel Köllner

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FotoS: Manuel Köllner

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ut, wenn ihr es unbedingt hören wollt: New York ist die großartigste Stadt der Welt. Bucht den nächsten Flug, kommt her. Es ist unglaublich cool. Alles und alle sind kreativ, alles ist offen und alles ist möglich. Ihr trefft die interessantesten Leute, die Intelligentesten, die Gewieftesten, die Erfolgreichsten. Ihr wollt wirklich hip sein? Dann hilft euch weder Krankenkassabrille aus den 80ern noch aufwändiger Vollbart. Ihr müsst es so machen wie ich und nach Brooklyn ziehen. Ihr wollt wirklich Karriere machen? Dann hängt nicht länger zwischen Wirtschaftsuni und Greller Forelle rum. Manhattan! Brooklyn! Ihr wolltet es ja hören: New York ist die beste Stadt, die Hauptstadt der Welt. Nur hier. Nur hier wird etwas aus euch. Ich bin im Februar nach New York gezogen. Ja, die Karriere. Und ja, viel Staunen und Raunen. „Wow, New York.“ Und sooo geil und uuur und ich komm dich besuchen. New York ist Erwartungshaltung. Jeder hat ein Bild von New York im Kopf. Ich brauche nur „gelbes Taxi“ schreiben und schon fährt es in eurer Vorstellung durch Häuserschluchten, vorbei an dichtgedrängten Gehsteigen, wo maßgeschneiderte Anzüge und Haute Couture herumlaufen. Und mittendrin der Sandler mit seinen Habseligkeiten im Einkaufswagerl, der Unverständliches in seinen zerzausten Bart nuschelt. In dieser Stadt wird man zum Schönfärben, zum Bedienen der Erwartungen genötigt. Ich hoffe, das war jetzt mal genug, denn im DURST geht es immer noch um den Ernst des Lebens: das Studieren. Und dafür ist New York tatsächlich ein großartiger Ort, wie ich herausgefunden habe. Als Beispiel habe ich mir die NYU, die private New York University, ausgesucht. Genauer gesagt eine Fakultät der NYU, die Tisch School of the Arts. Die sagt von sich selbst, dass sie großartig ist. Sie ist tatsächlich führend, was Film, Theater und Schauspiel angeht. Alec Baldwin, Martin Scorcese, Oliver Stone, Jim Jarmusch... Genug? Gut. Ich habe einen Termin bei Dan Sandford an der Tisch. Ich gehe den Broadway hinunter Richtung Siebente Straße. Es ist schwül in New York. Umso unangenehmer fühlt es sich an, als ich die Eingangshalle der Tisch School betrete und mich frage, ob Schweiß eigentlich schockgefrieren kann: Klimaanlage, auf Maximal eingestellt. Sandford steht an einem Pult, schüttelt unterkühlte Hände von DURST 2/13

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„New York ... there‘s nothing you can‘t do ... big lights will inspire you“, singt Alicia Keys. aufgekratzten jungen Menschen. Er trägt ein helles Hemd ohne Krawatte, dunkler, angegrauter Scheitel, Lachfalten. Es ist gerade Orientierungswoche für die Auslandsstudenten und er wird gleich Sachen sagen wie: „Es ist hart, hier reinzukommen und wir wissen, dass ihr hier unbedingt rein wolltet.“ Oder: „Wir sind eine herausragende Schule, deshalb kommt ihr zu uns.“ Das Wort Bescheidenheit ist hier nicht gebräuchlich. An Sandford führt kein Weg vorbei, er ist für das Wohlbefinden der Studierenden verantwortlich und bereitet sie auf das Leben in New York City vor. Er bittet in einen Raum mit hohen Wänden und griechischen Säulen. Es gibt Salzgebäck, Ginger Ale und Diet Coke.

FOTOS: MANUEL KÖLLNER

NYC IST LAUT - SO RICHTIG Sich auf New York vorzubereiten ist sicher nicht die schlechteste Idee. Die Stadt schreit dich an. Das habe ich erst bemerkt, als ich kurz zurück nach Wien gekommen bin. Denn was

bekommt man in Wien zu hören? Richtig: nichts. In New York hörst du niemals nichts. Wenn dir gerade keine Sirene oder kein Presslufthammer die Ohren traktiert, dann sind es eine pfeifende Lüftung oder die Schritte des Nachbarn im Apartment über dir. Die Studierenden aus aller Welt, die gespannt vor Dan Sandford sitzen, sind aber noch in der New-York-Verliebtsheitsphase. Auch schön. Sandford wird versuchen, was ich in vielen Skype-Gesprächen mit Freunden und Familie versucht habe: Die frischen NYUStudierenden von der Verliebtheit in die Schon-Sieben-Monate-in-einerBeziehung-Phase mit dieser Stadt zu bringen. Darum geht es in New York, das habe ich nach ein, zwei Monaten gemerkt. Sandford bringt auf den Punkt, was es bedeutet New Yorker zu sein. OK, auf drei Punkte. 1) Ihr zahlt zu viel Geld, um eure Zeit zu verschwenden! 2) Lasst euch nicht verhaften!

3) Geht raus aus der Uni und lernt viele, viele Leute kennen!

VERSCHWENDET NICHT EURE ZEIT Studieren in New York ist sauteuer. 50.000 Dollar will die Tisch pro Jahr. Das ist jetzt keine Überraschung. Überraschender ist, dass New York eigentlich keine übertrieben teure Stadt ist. Die Preise fürs Wohnen, Essen, Trinken, Partymachen und Leben sind angemessen. Allerdings gemessen an den Tagessätzen von mehreren hundert Dollar, die hier in der Regel verdient werden. Schon bald nach meinem Umzug habe ich aufgehört, mich über meine Monatsmiete von knapp 1.000 Dollar zu beschweren und auch darüber, dass ich für das Geld keine helle Altbauwohnung mit Flügeltüren, sondern dünne Wände und zugige Fenster bekomme. Bei wem auch? Alle zahlen hier so viel oder mehr. Mit denen, die weniger zahlen, möchte ich nicht tauschen, denn deren Wohnungen lassen

sich tatsächlich als Loch beschreiben. Mein Vorteil ist, dass ich hier Geld verdiene. Auslandsstudenten dürfen das nicht. Per Gesetz.

LASST EUCH NICHT VERHAFTEN! Verhaftet wird man schnell in New York. (Ich nicht!) Einmal den Ausweis nicht dabei und schon kanns passiert sein. Es gibt viele Regeln und viele Security-Menschen, die penetrant auf deren Einhaltung drängen. Rauchen ist verpönt. In Lokalen sowieso, aber auch in Parks. Und da der Strand offiziell als Park gilt, lassen sie einen dort auch nicht rauchen. Ich habe vor zwei Jahren aufgehört, aber mir ernsthaft überlegt aus Trotz wieder anzufangen. Ich habs nicht getan. Meine geliebten Camel kosten hier zwölf Dollar das Packerl. In der Öffentlichkeit zu trinken ist auch verboten. Kein Bier im Park, kein Bier am Fluss, kein Bier am Meer. Für einen Österreicher eigentlich ein Rückwanderungsgrund. Um in Bars reinzukommen,

SCHON BALD NACH MEINEM UMZUG HABE ICH AUFGEHÖRT, MICH ÜBER MEINE MONATSMIETE VON KNAPP 1.000 DOLLAR ZU BESCHWEREN ... MIT DENEN, DIE WENIGER ZAHLEN, MÖCHTE ICH NICHT TAUSCHEN. DURST 2/13

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STUDIEREN IN NEW YORK: TEUER, ABER GEIL NYU-Insider: Albert, das Anmeldesystem, ist genauso (un-)beliebt wie Moodle. Es kann passieren, dass ein Hollywoodstar neben dir in der Vorlesung sitzt. Die NYU-Sportmannschaften sind schwach. Dazu kommt die Konkurrenz von Yankees, Mets, Jets, Giants, Knicks, Nets und Rangers. Deine Freunde sind hauptsächlich aus New Jersey, Long Island oder Kalifornien und jüdisch. Burschen, die auf Burschen stehen, erwartet an der NYU eine große Auswahl. Niemand weiß, wie man den Namen der NYU Bibliothek ausspricht. Bobst, Boobst, Bopst? Die Stiegenhäuser im Bobst (?) sind vergittert, weil es einige Selbstmorde gab. Die NYU hat eine großartige Mensa. Es gibt keine Bruder- oder Schwesternschaften an der NYU. Die Studierenden der Stern School of Business haben den gleichen Ruf in New York wie die WU- oder Juridicum-Studierenden in Wien. Die NYU mietet jährlich das Baseball-Stadion der Yankees und lässt das Empire State Building für einen Abend lila beleuchten.

Georg Anthony Svatek

Claudius von Stolzmann

Self-fulfilling prophecy?

ist der österreichische Führerschein oft nicht ausreichend, so manch gefälschter aber schon. Ich bin über 21 und habe einen New York StateAusweis – dementsprechend genieße ich fast paradiesische Zustände. Dazu kommt, dass man mit In-Plastikbecher-Umfüllen ganz gut im Park und am Strand durchkommt.

NYU: Und was kostet der SpaSS? Claudius von Stolzmann ist Schauspieler und einer der 16 Studierenden, die sich gegenüber 1.000 Bewerbern für einen Platz im SchauspielMasterprogramm an der Tisch School of the Arts durchgesetzt haben. Er musste drei Bewerbungsphasen überstehen, ist zweimal zwischen Deutschland und New York hin und her geflogen, bis die endgültige Entscheidung kam. Claudius ist 32 Jahre und aus Bonn, er hat unter anderem in einem „Tatort“ und am Wiener Volkstheater gespielt. Er überschlägt, was ihm die drei Jahre an der Tisch kosten werden: Studiengebühren für 3 Jahre an der Tisch à 50.000 $. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150.000 $ Miete ca. 1000 pro Monat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36.000 $ Lebenserhaltungskosten nochmal 1000 pro Monat. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36.000 $ 20.000 pro Jahr lässt die NYU nach. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . -60.000 $ bereits genehmigtes Stipendium aus Deutschland. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . -7.000 $ mögliches Stipendium, Entscheidung offen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . -50.000 $ Gesamt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105.000 $ Ergo: Drei Jahre in New York kosten umgerechnet rund 79.000 Euro. Die Uni ist deshalb unbeliebt in der Stadt, weil sie wie ein Kraken alle Liegenschaften der Gegend an sich reißt. Von der Fifth Avenue kommend gehe ich dort durch den Triumphbogen, der zu Ehren George Washingtons errichtet wurde, zu einem Springbrunnen, rundum Wiesen und Bäume. Dazu spielt ein Straßen-Pianist, der die Sonnenstrahlen an diesem Tag mit Chopins Melodien zu verstärken sucht. Stolze Studierende tragen ihre lila NYU-Pullover zur Schau.

Lernt viele Leute kennen! Das mit dem Leute-Kennenlernen geht in New York ganz von selbst. Die Kurse sind in der Regel so aufgebaut, dass die Studierenden hauptsächlich

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FotoS: Manuel Köllner

Geht raus aus der Uni! Rausgehen ist für die Studierenden der NYU nicht so schwierig wie an vielen anderen Universitäten in den USA. Die altehrwürdigen Unis wie Harvard, Yale oder die Columbia in Harlem haben einen abgeschlossenen Campus. Harvard und Yale sogar mit schmiedeeisernem Tor, Steinmauer und Wappen am Schlussstein des Torbogens. Geschmiedetes Tor heißt oft auch geschlossene Gesellschaft. Ich finde den „Campus“ der NYU um einiges besser, denn der heißt NoHo (North of Houston Street - im Gegensatz zum SchickiViertel SoHo) und Greenwich Village. Nach der Orientierungsveranstaltung bei Dan Sandford mache ich einen Spaziergang durch die Gegend, die tatsächlich herrlich ist. Rund um den Washington Square Park, dem inoffiziellen Hauptplatz der Uni, gehören die meisten Gebäude der NYU und sind dementsprechend NYU-lila beflaggt.

Dan Sandford

NYU-Outsider: Die NYU wurde 1831 gegründet und ist eine der größten Privatuniversitäten der USA. 14 Schulen, Colleges und Abteilungen bilden die Universität. Sie sind als Äquivalent zu Fakultäten zu verstehen. Die NYU beschäftigt 16.000 Menschen. Rund zehn Prozent der NYUStudierenden sind aus dem Ausland.

In New York sind alle hip. Wer nicht auffallen will, ist hier falsch. DURST 2/13

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FOTOS: MANUEL KÖLLNER

New York ist wie ein Bausatz. Es gibt alles hier: Schnitzel wie von Oma, Stiegl aus dem Fass, Poetry Slam für Gehörlose, ... in Gruppen arbeiten. Außerhalb der Uni geht das noch leichter. In New York spricht dich dauernd jemand an. Konversationen werden häufig mit einem Kompliment gestartet, das aus dem Nichts zu kommen scheint. Drei Gespräche, die ich mit wildfremden Amerikanerinnen geführt habe, wurden mit „I love your shoes“ begonnen – nicht von mir. Gut, meine Schuhe sind nicht schlecht, aber mit diesen unverbindlichen Höflichkeitsgesprächen komme ich noch nicht zurecht. Im Sommer wurde New York zur unhöflichsten Stadt der USA gewählt. Verstehe ich nicht. Die Amis sollten mal an einem Freitagnachmittag in ein Wiener Magistrat gehen ...

GEGENSEITIGER RESPEKT Durch Zufall habe ich Georg Anthony Svatek kennengelernt. Er hat mich nicht nach meinen Schuhen gefragt, dafür während der letzten vier Jahre an der Tisch School Film studiert und vergangenen Sommer seinen Abschluss gemacht. Ich besuche ihn zu Hause, um ihn zu fragen, ob es ihm wie mir geht mit den Amerikanern. Georg ist 24 Jahre alt und wohnt in Bed-Stuy. Günstig für New Yorker Verhältnisse – also immer noch teuer. Ich darf Georg Georg nennen, weil ich DURST 2/13

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seinen Namen aussprechen kann. Er ist Doppelstaatsbürger, Vater Österreicher, Mutter Amerikanerin. Und er ist kein Jäger, obwohl da dieser dicke Rehbockschädel über seinem Esstisch hängt. Nur ein Flohmarktfundstück sei das. Ich bin beruhigt und bestaune den Super8-Filmprojektor am Bücherregal. Georg macht mir richtig guten Filterkaffee, der hier selten zu bekommen ist, und erzählt vom Studium an der NYU. Die Kohle ist in New York meistens das erste Thema. Bezahlt hat sein Studium sein amerikanischer Großvater, der sein Leben lang für seine Enkel gespart hat. „Ich hab da viel Schwein gehabt,“ sagt Georg. Die hohen Studiengebühren der Privatunis führen in der Regel zu hoher Qualität der Lehre. Das Verhältnis Professor/Student liegt im Schnitt bei eins zu acht. Das größte Plus aber ist der generelle Umgang miteinander. Georg: „Die Leute haben extrem viel Respekt voreinander, sie sind viel freundlicher. Wenn du starken Unternehmergeist hast, wird das sehr geschätzt. Ich finde, das ist sehr ermutigend. Die Leute in Österreich machen jemanden mit Ideen eher runter und sind eifersüchtig. So auf: Was will denn der?“ Ich: „Aber findest du das nicht

trotzdem ehrlicher? Mir kommt das hier immer so falsch vor.“ Georg: „Das find ich gar nicht. Die Leute hier ermutigen dich schon. In Österreich wirst du schnell auf ein Podest gestellt und man sagt: Der ist privilegiert.“ Ich: „Und wie hältst du dieses ewige höfliche Getue und den Smalltalk aus?“ Georg: „Das ist nicht so schlimm, du kannst hier alleine auf eine Party gehen und hast sofort Anschluss. In Österreich kommt niemand auf die Idee allein auf eine Party zu gehen. Da gibt’s überall Grüppchen.“ Ich: „Dafür funktioniert hier Ironie nicht.“ Georg: „Das ist mir erst aufgefallen, als du mir das erzählt hast. Es stimmt. Man muss wirklich oft ‚Just kidding‘ an einen Schmäh anhängen, sonst versteht‘s keiner.“

NYC IST WIE EIN BAUSATZ Aber Georg hat schon Recht. Diese bedingungslose Höflichkeit und Offenheit ist eindeutig etwas Positives. Ich behaupte auch, New York ist die Hauptstadt der Autosuggestion. Ich bin kein Psychologe, aber ich verstehe das so: Wenn man sich immer vorsagt, dass man großartig ist, glaubt

man irgendwann, dass man großartig ist, und erzählt der ganzen Welt, dass man großartig ist. Und die Welt glaubt es irgendwann. Und ja, dann ist man großartig. Ich habe wohl zu viele Menschen getroffen, die Stein und Bein behaupten, dass New York die großartigste Stadt der Welt ist. Deshalb muss ich dauernd bremsen, wenn mir dieser NY-Enthusiasmus entgegenschwappt. Aber es ist schon cool, hier zu leben. New York ist wie ein Bausatz. Es gibt, und das behaupte ich ganz unbescheiden, alles hier. Wenn ich ein Schnitzel haben will, das wie bei meiner Oma schmeckt, und das schmeckt sehr gut, dann bekomme ich das. Ich kriege Stiegl-Bier vom Fass genauso wie authentisches südafrikanisches Essen. Ich finde Poetry Slam für Gehörlose und Weltklasse-Akrobaten, die in einem halblegalen Theaterlagerhaus auftreten. Es benötigt mehr Anstrengung und mehr Geld als in Österreich, um aus dem Bausatz ein ansehnliches Leben zu basteln. Aber jeder bekommt hier seine Chance. Es gibt kaum falsche Versprechungen, geschenkt gibt’s nichts. New York ist immer so gut wie du. Ich finde das fair.

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Chaos und ordnung in der kunst

Let it flow

Der freischaffende Künstler Christian Ganzer findet seine Arbeitsmaterialien zufällig auf der Straße und fädelt oder knotet sie ineinander. Von Manon Steiner

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ie Professorin kennt sich aus mit der Jugendsprache. Sie hat eine 15-jährige Tochter. Die sagt neuerdings: „Das war so chaos in der Pratersauna, da hättest du dabei sein sollen!“ Wieso, was ist passiert, Feueralarm, Massenpanik, Überdosis, Polizeirazzia, Komasaufen? Und

wieso sollte man dabei sein wollen? „Im Moment gibt es eine jugendstylische Benutzung des Wortes Chaos, das ist sehr positiv besetzt“, erzählt die Bildhauerin und Professorin an der Akademie der bildenden Künste, Elisabeth von Samsonow. Mit „Chaos“ ist hier aber nicht der

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Wahnsinn, die Unordnung oder Anarchie gemeint, es ist einfach eine neue Form des Wortes „cool“. Aber wieso gerade Chaos? Leben wir schon in einer derartig einengenden Ordnung, dass nur die kleinste Abweichung als chaotisch gesehen wird – und das sogar positiv? Wäre das dann

nicht ein Appell an die Jugend (uns!) und an die Kunst, das so starre System ein wenig aufzurütteln?

exzentrische Dinge „Eine wesentliche Aufgabe der Kunst ist es zu helfen eine gewisse Haltung

Fotos: Manon Steiner, Meinrad hofer, Klebenschrift: Kurt Rudolf

Wie Chaos und Ordnung sich in der Kunst begegnen – und daraus der Flow entstehen kann, eine semistabile Ordnung mit vielen Freiheiten.

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FOTOS: MANON STEINER, MEINRAD HOFER, KLEBENSCHRIFT: KURT RUDOLF

„EINE WESENTLICHE AUFGABE DER KUNST IST ES ZU HELFEN EINE GEWISSE HALTUNG ZU FINDEN, ZUM DENKEN ANZUREGEN ODER ASPEKTE DES ALLTAGS DURCH KUNSTWERKE VERRÜCKTER, VERSCHOBENER, AUS EINER ANDEREN PERSPEKTIVE ZU SEHEN.“ Christian Ganzer

zu finden, zum Denken anzuregen oder Aspekte des Alltags durch Kunstwerke verrückter, verschobener, aus einer anderen Perspektive zu sehen“, meint der freischaffende Künstler und Kurator des Kindermuseums Zoom, Christian Ganzer. Ist das schon Chaos? Jenseits der Ordnung? In „Die Ordnung der Dinge“ nähert sich Michel Foucault dem Thema mit dem Begriff der Ähnlichkeit an. Andreas Spiegl, Lehrbeauftragter und Vizerektor an der Akademie der bildenden Künste, erklärt: „Wenn man zum Beispiel alle roten Vögel zusammenstellt, hat man zwar eine Ordnung der Farbe, schließt aber gleichzeitig alle anderen Ordnungen aus. Das heißt, jeder Versuch einer Ordnung etabliert zugleich eine Art von Chaos.“ Analog in der Kunst: „Hier gibt es eine Vielzahl von Ordnungsbegriffen, die in ihrer Validität hinterfragt werden, indem verschiedenste Ordnungen miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das unterscheidet einen Kunstbegriff von einem Wissenschaftsbegriff: Die Kunst hat einen freieren Zugang zu diesen Ordnungsbegriffen und erlaubt Methoden unterschiedlichsten Ursprungs in Relation zu setzen.“ In diesem Sinne würde Andreas Spiegl Chaos nicht als Gegenteil von Ordnung sehen. Vielmehr bezeichnet er den Begriff als ein „Auffangbecken von ordnungstechnischen Widerspenstigkeiten.“ Auch Samsonow bezweifelt, dass es sich um Gegenteile handelt: „Es gibt unglaublich viele Zwischenstufen oder kulturelle Unterschiede.“ Sie persönlich würde sich trotzdem auf die Seite des Chaos schlagen: „Das Chaos lässt so wenig Struktur sehen, dass es so wirkt, als könnte ich in etwas sehr Offenes und ganz Neues hineingehen. Oft ist es im Moment schrecklich und im Durchgang wirkt es dann wie eine Befreiung – fast reinigend.“ Gerade in der Kunst suche man oft nach dieser befreienden, inspirativen Gewalt und der könne man als Künstler sowieso kaum entgehen: „Es gibt so etwas wie eine exzentrische Position der Dinge, die dann diese Ordnung, die man in einem Projekt aufbaut, immer wieder durchkreuzt. Die Kunst selbst agiert wie ein entropischer, semistabiler Zustand zwischen Chaos und Ordnung.“ Im künstlerischen Prozess müsse man sich irgendwo zwischen dem Ordnen und Sichordnenlassen einpendeln. DURST 2/13

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Durch ihre Arbeit Ordnung stören und erlernte Systeme aufbrechen, das will die Konzeptkünstlerin Esther Stocker. DEKONSTRUKTION UND REKONSTRUKTION VON WISSENSCHAFT Dem würde auch Christian Ganzer zustimmen: „Wo die Wissenschaft klar macht, kann die Kunst vielschichtig machen. Sie kann nicht nur eine Wahrheit hineinpacken, sondern viele.“ Während Spiegl und Ganzer Kunst und Wissenschaft theoretisch zueinander in Verbindung setzen, versucht der Künstler und Performer Nikolaus Gansterer diese Verbindung auch wirklich darzustellen: „Ich nehme die Welt als unwahrscheinlich großes Chaos wahr. Wir haben gelernt diesem Chaos Sinn zuzuschreiben und uns darin zurechtzufinden. Aber im Grunde ist das alles eine Konstruktion. Dieses Wissen schwingt in meinen Arbeiten mit. Ich möchte Dekonstruieren und Rekonstruieren und in Frage stellen.“ Obwohl es auf den ersten Blick nicht so wirkt, entsteht auch Gansterers Konzeptkunst mit Hilfe von chaotischen Zuständen: „Bei mir spielen Zufall und Spontaneität eine große Rolle. Zufall hat etwas total Befreiendes. In der Arbeit an einer Skulptur oder Installation kann es passieren, dass sich etwas löst oder umfällt. Ich

nehme das an, wenn Dinge passieren, die man nicht steuern kann. Man ist ohnehin sonst die ganze Zeit mit Steuerung beschäftigt.“ In seinen Arbeiten möchte Gansterer Strukturen durchbrechen: „Ich versuche Welten nicht zu reduzieren, sondern Komplexitäten mit Komplexitäten zu erklären. Es muss immer eine Restunbekannte bleiben. Ich verändere Annahmen, spiele damit, verdrehe, verzerre, verfremde und überzeichne sie, um diesen Bruch einzuführen, um überhaupt einen Nachdenk- und Erkenntnisprozess auszulösen.“

DAS DURCHBRECHEN DER GERADEN Auch der Konzeptkünstlerin Esther Stocker geht es um die Durchbrechung von Strukturen – gerade wenn sie Raster einsetzt: „In meinen Arbeiten wollte ich immer Ordnungen stören. Wenn ich gerade Linien gesehen habe, dachte ich mir, da muss ich eine herausreißen oder schief machen. Ich habe bei meinen Rastern immer versucht etwas einzubauen, das diese Gleichzeitigkeit von Ordnung und Unordnung formuliert. Ich möchte das Kunstwerk in etwas verwandeln, das nur fast eine Ordnung ist.“ Auch

sie will in den Menschen etwas auslösen, Denkstrukturen aufwühlen: „Wenn wir eine gerade Linie sehen, erwarten wir, dass sie so weitergeht und wenn sie dann unterbrochen wird, ist das unerwartet. Ich stelle mir die Frage, wie und wo man dieses erlernte System aufbrechen kann: Wie kann man etwas scheinbar Verständliches unverständlich machen?“ Museumskurator Ganzer erschafft aus Alltagsgegenständen Skulpturen, Riesengeflechte. Eines davon nimmt wie eine gigantische Kletterpflanze das kleine Atelier des Künstlers ein. „Mich reizt es Kunst chaotisch passieren zu lassen“, erklärt er. „Ich finde meine Arbeitsmaterialien zufällig auf der Straße, ohne sie zu beurteilen. Was man auf der Straße findet und mitnehmen darf, ist meist kulturelle Ausschussware und kommt quasi mit einer Geschichte zu mir. Das ordne ich dann schon, aber meine Ordnung ist sehr willkürlich – ich fädle auf oder knote hinein.“, beschreibt er seine Arbeit. Damit sieht der Kindermuseum-Kurator in seiner Kunst ein „Museum der Kleinst- und Abfalldinge“. Die Konzeptkünstlerin Esther Stocker spielt dagegen sehr bewusst mit ihrem Ordnungssystem Raster und will ihre Betrachter in die Irre führen,

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chaos und ordnung in der kunst

„der kleinste gemeinsame nenner aller kunstrichtungen ist der versuch sich gegen diese instrumentalisierungen zu wehren, diesem vollkommen pauschalisierenden kulturbegriff etwas entgegenzusetzen.“ Andreas Spiegl

Was die Zukunft der Kunst betrifft, ist man sich allerdings einig: Die Strukturen gehören aufgebrochen, das Chaos begrüßt: „Der kleinste gemeinsame Nenner aller Kunstrichtungen ist der Versuch sich gegen diese Instrumentalisierungen zu wehren, diesem vollkommen pauschalierenden Kulturbegriff etwas entgegenzusetzen“, so Spiegl. Gerade die Malerei sei allerdings in einem schwierigen Stadium, meint Samsonow, und befinde sich schon länger in Konkurrenz zur Fotografie. Es stelle sich die Frage, ob sie es noch schaffe „als eigenständige Disziplin in einem chaotischen Stadium zu bleiben, die diesen grauenhaften Virus der Fotografie noch nicht internalisiert hat.“ Auch ist sie der Ansicht, die Kunst müsse viel weiter gehen: „Sie fällt immer wieder zurück in diese bürgerliche Produktmaschinerie, anstatt progressiv an der Wahrnehmungswirtschaft teilzunehmen.“

Zufall und Spontaneität spielen bei Künstler und Performer Nikolaus Gansterer eine große Rolle. besonders mit ihren begehbaren Installationen. Über das Raster sagt sie: „Es ist so schlicht, dass es schon wieder Widersprüche beinhaltet. Das Raster wird schnell unübersichtlich.“ Spiegl hat eine ähnliche Meinung: „Man darf nicht glauben, wo ein Raster erscheint, wäre es ordentlich. Beziehungsweise wenn es expressiv wird, wäre es unordentlich. Das was hier als Raster erscheint ist eigentlich ein Sehinstrument, um sich auf das Chaos einzulassen. Allein die minimale Verschiebung von Achsen erzeugt radikale Veränderung.“

Der ZUfall als Vermittler? Sollte man dann dem Zufall nicht mehr zutrauen? „Der Zufall ist für mich ein sehr unbefriedigendes Konzept. Wenn ich etwas auf den Boden werfe, weiß ich doch, dass es auf den Boden fallen wird und nicht in der Luft hängen bleibt.“ Das sieht Ganzer ganz anders: „Wenn ich Kunst produziere, dann hab ich sie aus diesem Mistplatz herausgefischt und man kann darüber nachdenken oder auch nicht – alles ist gottverdammt zufällig!“ Letztendlich seien Ordnung und Chaos ohnehin nur Begrifflichkeiten, die helfen Strukturen zu bilden.

Sich auf das Chaos einlassen spielt eine große Rolle in der Kunst, auch wenn jeder Künstler darunter etwas anderes versteht: „Chaos und Ordnung ist eine Ellipse, die sich an den Endpunkten wieder annähert. Es gibt Künstler, die extreme Materialschlachten liefern, komplexe Dinge immer abstrakter machen und manchmal bleibt dann nur einen Geruch im Raum“, sagt Nikolaus Gansterer. „Das sind unterschiedliche Methoden des Erzählens, mit denen man versucht die Welt nachzubauen und zu übersteigern und dadurch zu einer Aussage zu kommen.“

Angst und Schrecken in der Ordnung Das tut auch Ganzer: „Mit einem kleinen Detail, das ich aus einem Kontext herauslöse und in einen neuen künstlerischen Kontext einwebe, versuche ich in gewisser Weise die Gegenwart abzubilden. Andererseits möchte ich eine abstrakte Atmosphäre schaffen. Meine Installationen wachsen langsam, das ist ein Prozess. Deswegen nenne ich sie ‚Non-Finitos’. Mein Konzept ist es kein Konzept zu haben. Mir gefällt auch, dass das jeder machen kann. Oder könnte. Das ist die Absenz des Elitären.“

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Hier trifft er sich wieder mit Stocker, sie sagt: „Ordnung ist ein Begriff, der mich schreckt. Rigide politische Systeme bauen immer auf dem System der Ordnung auf. Extreme Ordnungen werden unübersichtlich. Eine Stadt, wo alles gleich ausschaut, wäre doch sehr beängstigend.“ Obwohl ihre Arbeitsweise konkrete Abläufe, Konzepte, Skizzen, Notizen und Theorien wie die Gestalttheorie beinhaltet, ist auch Stocker dem Chaos nie ganz fern: „Kontrollverlust ist auch etwas sehr Schönes. Erst da kommt das Gehirn wirklich zum Einsatz ... Das Bild selbst ist bis zu einem gewissen Grad unkontrollierbar und genau das ist das Spannende. Ich weiß, wie ich es am Anfang aufbaue, aber nie, wie es am Schluss ausschaut.“ So oszilliert die Kunst und der künstlerische Prozess immer zwischen diesen beiden so schwer zu definierenden Begriffen: „Für so eine semistabile Ordnung, ein semistabiles Chaos müssten wir eigentlich einen dritten Begriff finden. Zum Beispiel den ‚Flow’ – dieser Prozess, wo der Künstler wirklich völlig in der Aktion drinnen ist“, überlegt Samsonow. Nikolaus Gansterer: „Beim Zeichnen ist man in einem ‚Flow’ von Gedanken und Assoziationen. Es ist eine Form der Meditation, der Wachtrance.“

Ganzer hat sich dieser Industrie mit Absicht entzogen: „Ich arbeite nicht für den Markt. Ich habe einen Brotjob und kann hier sehr frei auf einer geistigen, intellektuellen und sinnlichen Ebene arbeiten. Wenn ich im Kunstmarkt geblieben wäre, hätte ich sehr angepasste Kunst gemacht.“ Deshalb findet auch er: „Auf der einen Seite gibt es viele gute bewährte Strukturen, auf der anderen Seite ist es wahnsinnig schwer in diesen etablierten Strukturen eine neue Nische zu finden. Es fehlen Ausrutscher, die konstruktiv etwas in Bewegung setzen. Das Endprodukt ist dann oft so etwas Abgeschmacktes, das niemandem weh tut.“ Ja, weh tun soll die Kunst, radikal sein und an den Strukturen der Gesellschaft rütteln, damit die Jugend das Wort Chaos mit ein bisschen Ehrfurcht verwendet und nicht als abgeschmacktes Modewort, ohne jegliche Bedeutung. Letztlich sei das auch ihre Aufgabe: „Kunst ist anarchisch. Der Sinn ist, dass es keinen Sinn ergibt. Die Funktion ist die Funktionslosigkeit“, fordert Esther Stocker. Ein ganz schön radikaler Kunstbegriff für die so strukturiert wirkende Künstlerin, für die eine Welt ohne Kunst unvorstellbar wäre. Wir brauchen also mehr Anarchie, mehr Kunst und Chaos, ohne ständig allem diesen ewig ermüdenden Sinn zuzuschreiben.

Foto: Nikolaus Gansterer; Klebenschrift: Kurt Rudolf

Kampf gegen die Industrialisierung

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neues aus der stimmforschung

Stimmen-Chaos

Das Röhren eines Hirsches, das Schreien eines Babys oder das „Hohe C“ eines Opernsängers – Stimmforscher analysieren, wann solche Lautäußerungen ins Chaotische kippen, um mehr über chaotische Systeme zu erfahren.

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n seinem Labor in Wien hat Christian Herbst den Kehlkopf eines Hirschs über ein Rohr gespannt. Herbst bläst befeuchtete und erhitzte Luft durch das Rohr in den Kehlkopf und die zuvor leicht angezogenen Stimmlippen beginnen selbstständig zu oszillieren. Der Hirschkehlkopf kommt aus England. Dort war er einem frisch verstorbenen Sikahirsch entnommen und in flüssigen Stickstoff getaucht worden. „Der Hirsch wurde aber nicht extra für uns getötet“, versichert Herbst. Nach dem Auftauen ist der Hirschkehlkopf nur für wenige Stunden brauchbar, bevor die biomechanischen Eigenschaften sich verändern. Am Schildknorpel, dem größten Knorpel im Kehlkopf, sind auf Höhe der Stimmlippen Elektroden befestigt, um die Vibration der Stimmlippen aufzuzeichnen. Herbst dreht die durchströmende Luft immer wieder stärker und schwächer auf und stellt so das Röhren eines Hirschs nach. Er ist Stimmforscher und versucht gerade Chaos zu visualisieren. Chaos passiert nicht zufällig, ist aber dennoch nur bedingt

Der 1970 in Salzburg geborene Christian Herbst studierte Gesangspädagogik und arbeitete jahrelang als Stimmbildner. Nach seiner beruflichen Neuorientierung schloss er ein Doktorat in Biophysik ab. Herbst ist derzeit als „post-doctoral researcher“ an der Universität Olmütz tätig. vorhersagbar. Grund dafür ist, dass chaotische Systeme extrem von ihren Anfangsbedingungen abhängen. Nur eine kleine Veränderung kann zu einem ganz neuen Ergebnis führen. Im Fall von Christian Herbsts Versuch reicht eine leichte Erhöhung des

Der Kehlkopf eines Hirsches hilft Christian Herbst dabei, das Chaos zu visualisieren. Luftdrucks, um die Schwingungen des Kehlkopfs ins Chaos zu stürzen. Sowohl Mensch als auch Tier nutzen Chaos in der Stimme, um bestimmte Ziele zu erreichen. Tiere kreischen, zwitschern, brüllen, – manchmal auch einander an. Will ein Tier sagen, „Alter, das ist mein Revier, verzieh dich!“, kann es das natürlich nicht in Worte fassen. Aber es kann seinen Willen nonverbal in seine Stimme einbauen, indem es den Druck aus der Lunge auf seinen Kehlkopf erhöht – und Chaos produziert. Ein anderes Beispiel: Ein Baby schreit und weckt das ganze Haus um drei Uhr früh auf. Der Säugling nutzt irreguläre Stimmbandschwingungen, die irgendwann ins Chaos kippen, um auf sich aufmerksam zu machen. Beruhigt sich das Kind wieder, wechselt die Stimme über chaosähnliche Schwingungen zurück zu regulärer Stimmproduktion. Während Opernsänger ihre Stimme über zahlreiche Muskeln im Kehlkopf sehr genau kontrollieren können, steuert ein Säugling als Hauptparameter den Luftdruck aus der Lunge. Je höher der

Druck wird, desto lauter und höher wird die Stimme, bis sie irgendwann kippt und chaotisch wird.

erwünschtes Chaos Auch Singen kann Chaos sein. Während chaotische oder chaosnahe Zustände bei klassischen Sängern vorkommen, jedoch nicht erwünscht sind, ist Jodeln durch die abrupten, aber noch kontrollierten Änderungen zwischen zwei Schwingungszuständen der Stimme schon an der Grenze zum Chaos. Auch Popsänger, die manchmal etwas rau oder dreckig klingen, befinden sich durch eine Phasenverdopplung auf einer Vorstufe zum Chaos. Der alte Haudegen Joe Cocker oder auch Death MetalSänger finden sich durch übermäßig druckvollen Gesang auch mal mitten im Chaos wieder. Christian Herbst hat Gesang studiert und dabei gelernt, dass man beim Singen einen Ton produzieren muss, der klar und gleichmäßig ist. Die Stimmlippen müssen regelmäßig schwingen. Was dabei auf physikalischer Ebene im Stimmapparat vor

sich geht, darüber bekam er damals wenig vermittelt. Der Salzburger begann sich auf eigene Faust intensiv mit der Physik und Physiologie der Stimme zu befassen und trat einen einjährigen Forschungsaufenthalt am „Center for Computer Research in Music and Acoustics“ in Stanford an. Das Interesse an der Stimmforschung war geweckt. Herbst machte sein Doktorat in Biophysik und wurde vom Sänger zum Stimmforscher. Eines Nachts kam ihm die Idee, Chaos auf einem Diagramm sichtbar zu machen. In Zusammenarbeit mit Kollegen vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien und Chaosforscher Theodor Herzl von der Charité in Berlin entwickelte er das „Phasegram“, das er mit Hilfe des Hirschkehlkopfs testet. Der Hirschkehlkopf wird im Labor zum Schwingen angeregt. Durch die Luft, die an den Stimmbändern vorbeizieht, entsteht zuerst ein kurzer Ton. Über die Elektroden weitergeleitet und durch ein komplexes mathematisches Verfahren visualisiert, werden im Diagramm zwei Linien sichtbar. Steigt der Luftdruck an, fällt das System in ein irreguläres, chaosartiges Verhalten und auch die Darstellung im „Phasegram“ wird zerfahren. Die so entstehende Abbildung lässt auch Laien gut erkennen, zu welchem Zeitpunkt ein System ins Chaos stürzt.

Kein Röhren im Labor Herbst hat einen Hirschkehlkopf gewählt, weil dessen Stimmproduktion mit fallendem und steigendem Luftdruck symmetrisch abläuft und das Kippen ins Chaos und chaosähnliche Zustände gut sichtbar ist. Der Ton, den der präparierte Hirschkehlkopf erzeugt, klingt aber nicht wie ein klassisches Hirsch-Röhren. Da der Kopf und damit der Vokaltrakt fehlt, fehlt auch die entsprechende Modifikation der Klangfarbe. „Auch der Kehlkopf des Stars der Salzburger Festspiele könnte alleine nicht die sonst so wunderschönen Töne produzieren, wenn der Mensch rundherum fehlt,“ so Herbst. FotoS: Christian Herbst (2)

Von Sonja Dries

PopsängeR, die manchmal etwas rau oder dreckig klingen, befinden sich durch eine Phasenverdopplung auf einer Vorstufe zum Chaos.

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50 Jahre Chaostheorie • Aus Chaos entsteht Stimme • Aufräumen in Kunst und Alltag • Geordnetes Schreiben von Abschlussarbeiten • Universelles Chaos • Sexberatung

FOTO: COURTESY GALERIE MEZZANIN, FOTOGRAF: LUDGER PAFFRATH; KLEBESCHRIFT. KURT RUDOLF

Saufen bis kurz vor der Zirrhose Hemingway, Bukowski, Baudelaire, Keith Richards, Häupl, Beethoven, Drew Barrymore, Anita Pallenberg, Marianne Faithful – alle mach(t)en es vor: Man kann sich regelmäßig ordentlich was einschenken und trotzdem erfolgreich sein. Solange man nicht seinen Ehepartner verprügelt und halbwegs regelmäßig zum Dienst erscheint. Manchen dient es auch als Inspirationsquelle. Glücklich macht es wohl auch – zumindest am Abend vor dem Morgen.

Momentaufnahme Ihre Arbeiten wirken wie Ausschnitte aus dem Alltag. Karin Plavcak – geboren 1970 in Gütersloh, Deutschland, aufgewachsen in Zeltweg, Österreich – lässt sich von Film, Fernsehen und Comics inspirieren. Angesiedelt zwischen Phantasie, Traum und Realität behandeln ihre Bilder vor allem gesellschaftliche und politische Themen.

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GELEBTE DEMOKRATIE von Katrin Plavcak, 2011 170 x 250 cm, Öl auf Baumwolle Courtesy: Galerie Mezzanin

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Grafik: Alexis Monnerot-Dumaine created with beltoforion.de; Klebenschrift: Kurt Rudolf

50 Jahre Chaostheorie

Bei der Allgemeinheit ist die Chaosforschung vor allem f端r ihre psychedelischen Computergrafiken bekannt. Hier: Fraktal einer Mandelbrot-Menge. Bild S. 53: Graphische Darstellung der Attraktoren eines Pendels 端ber drei Magneten.

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25.09.2013 13:58:43 Uhr


GRAFIK: ALEXIS MONNEROT-DUMAINE CREATED WITH BELTOFORION.DE; KLEBENSCHRIFT: KURT RUDOLF

DIE SUCHE NACH DER ORDNUNG IM CHAOS Vor 50 Jahren entdeckte ein Meteorologe den „Schmetterlingseffekt“. Damit war die Chaostheorie geboren, die uns unter anderem wunderbare Grafiken geschenkt hat: Die sogenannten Mandelbrot-Mengen oder auch die Attraktoren. Aber was ist aus ihr heute geworden? Ist die Chaostheorie Geschichte oder wird sie noch angewendet?

Von Sonja Dries

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ann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen? Diese Frage stellte sich der US-amerikanische Meteorologe Edward Lorenz und machte die Chaostheorie damit berühmt. 1963, vor genau 50 Jahren, hatte er den Schmetterlingseffekt in einer wissenschaftlichen Abhandlung erstmals beschrieben. Damals versuchte Lorenz mit Hilfe eines Computers Wetter vorauszusagen, indem er die einzelnen Parameter wie Luftdruck, Temperatur oder Windgeschwindigkeit veränderte und dann das Ergebnis analysierte. Eines Tages wiederholte er eine Simulation, rundete aber eine einzige Variable auf: von 0,506127 auf 0,506130. Dieser winzige Unterschied führte zu einer drastischen Veränderung des Ergebnisses. Erst glaubte der Meteorologe an einen Computerfehler. Doch dann wurde ihm klar, dass winzige Ursachen tatsächlich riesige Ergebnisse erzeugen können. Und dass solch komplexe Systeme wie das Wetter nur sehr schwer oder gar nicht exakt vorauszuberechnen sind. Einsichten, die zum Kern der Chaostherie bzw. Chaosforschung wurden. Doch auch wenn Lorenz als Urvater der Chaostheorie gilt, war es eigentlich der französische Mathematiker Henri Poincaré, der bereits im 19. Jahrhundert erstmals Chaos analytisch beschrieb. Man stellte sich damals die Frage, ob die Erde wohl auch in Millionen von Jahren noch um die Sonne kreisen würde. Der schwedische König Gustav hatte eine Belohnung für denjenigen ausgeschrieben, der beweisen konnte, dass das Sonnensystem stabil sei. Poincaré bekam den Preis. Allerdings bewies er das Gegenteil: Das Sonnensystem sei instabil und chaotisch und die exakten Umlaufbahnen der Planeten nicht berechenbar. Aber erst durch Lorenz’ „Butterfly-Effect“ kam die Chaosforschung in den Sechziger Jahren in Mode. Ihre Denkanstöße wurden schnell in

vielen Sparten der Wissenschaft aufgegriffen – nicht nur in der Meteorologie. Chaosforschung beschäftigt sich mit der Ordnung in Systemen, deren zeitliche Entwicklung auf den ersten Blick unvorhersagbar erscheint. Diese Systeme basieren aber dennoch auf deterministischen, also genau festgelegten Gesetzen. Es geht also in der Chaosforschung um den Zusammenhang von Chaos und Ordnung. Um die Ordnung im Chaos. Die scheinbare Unvorhersagbarkeit der Abläufe liegt darin begründet, dass schon die kleinste Veränderung der Anfangsbedingungen einen riesigen Effekt auf das Endergebnis haben kann – nicht nur bei Wirbelstürmen und Schmetterlingen. Ein einfaches Beispiel ist das magnetische Pendel. Es besteht aus einer Eisenkugel, die an einem Faden über Magneten hängt. Schwingt man das Pendel so stark, dass es sich immer wieder von der Anziehungskraft der einzelnen Magnete lösen kann, ergibt sich eine irreguläre Bewegungskurve. Deren Form ist sehr von der Position abhängig, von der das Pendel losgelassen wird und prinzipiell nicht ausrechenbar (siehe kleines Bild).

GRENZEN DER CHAOSTHEORIE Joachim Burgdörfer, Vorstand des Instituts für Theoretische Physik an der TU Wien, sieht den Reiz der Chaosforschung darin, dennoch Aussagen über „chaotische“ Systeme zu machen, obwohl sie im Detail nicht vorhersagbar erscheinen. Sein Institut beschäftigt sich mit der Quantenmechanik: Er untersucht beispielsweise den Einfluss chaotischer Dynamik auf Bose-Einstein-Kondensate. BoseEinstein-Kondensate sind winzige

Quantenobjekte, in denen die einzelnen Bosonen – das sind wiederum Elementarteilchen – vollständig delokalisiert sind, sich also chaotisch bewegen. Das macht aber nichts, im Gegenteil: Die Wahrscheinlichkeit ein Boson an einem bestimmten Punkt anzutreffen, ist letztendlich innerhalb des Kondensates überall gleich. Und damit können die Quantenmechaniker etwas anfangen: Daraus resultieren Suprafluidität oder Supraleitung, physikalische Eigenschaften, die noch nicht vollständig erklärbar sind, aber in technischen Anwendungen sehr wichtig werden könnten. Zum Beispiel haben suprafluide Flüssigkeiten die Eigenschaft, nach oben zu fließen und Hindernisse überwinden zu können. Supraleitende Materialen arbeiten völlig reibungs- und verlustfrei, könnten also für die Weiterleitung zum Beispiel von Strom über große Distanzen dienen. Für Burgdörfer sind die Methoden und Konzepte der Chaosforschung auch heute noch unstrittig – obwohl das einstige Modewort „Chaostheorie“ ziemlich aus der Mode gekommen ist. Kontroversen sieht er nur in Bereichen, die außerhalb der Naturwissenschaften liegen. Zum Beispiel hatten schlaue Leute die Idee, dass hinter den wechselnden Kursen am Aktienmarkt deterministische Bildungsgesetze liegen könnten. Würde man diese Gesetze herausfinden, könnte man die Kurse voraussagen und reich werden. Aber man hat diese Gesetze nie gefunden, sagt Engelbert Dockner, Professor für Finanzwirtschaft an der WU Wien. Er hat bereits vor zehn Jahren Arbeiten zum Thema Chaos und Finanzmärkte verfasst. Sein Fazit heute: „Kurzfristig Aktienkurse zu prognostizieren ist de facto

unmöglich.“ Das Ergebnis der Märkte sei das Resultat von Entscheidungen unzähliger Personen. Kursänderungen seien stark durch zufällige Ereignisse wie dem unerwarteten Erfolg eines Unternehmens oder Naturkatastrophen abhängig. Also könne man keine deterministischen Gesetze hinter den Aktienkursen finden. Ergo: Die Börse ist ein wirklich chaotisches, unberechenbares System. Da hilft dann auch keine Chaostheorie.

CHAOS IM ALLTAG Die Chaostheorie kann uns also nicht reich machen, aber sie kann uns helfen, Phänomene in unserem Alltag zu erklären: Das Tropfen eines Wasserhahns, der erst regelmäßig tropft und dann irgendwann in ein unregelmäßiges Tropfen übergeht, ist kein reiner Zufall, sondern von einem Parameter, nämlich der Größe des Durchflusses, abhängig. Oder der „Stau aus dem Nichts“: Der Verkehr kann lange flüssig laufen, aber schon eine kleine Veränderung der Ausgangssituation, zum Beispiel der Spurwechsel eines Autos und das erzwungene Bremsen des dahinterkommenden Wagens, führen zum Stau, zum Verkehrschaos. Hier handelt es sich dennoch – anders als an der Börse – um ein chaotisches Phänomen, das scheinbar zufällig passiert, jedoch sehr wohl erklärbar ist. Die Chaostheorie wird, neben der Relativitäts- und der Quantentheorie, von vielen Wissenschaftlern als eine der drei wissenschaftlichen Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet. Egal ob Physik, Mathematik, Medizin, Meteorologie, Sozialwissenschaften oder Finanzwissenschaften, Chaos ist überall. Ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien tatsächlich einen Tornado in Texas auslösen kann oder doch nur ein griffiges Bild ist: Die zufällige Entdeckung eines Meteorologen hat die Welt der Wissenschaft für immer verändert.

DIE SCHEINBARE UNVORHERSAGBARKEIT DER ABLÄUFE LIEGT DARIN BEGRÜNDET, DASS SCHON DIE KLEINSTE VERÄNDERUNG DER ANFANGSBEDINGUNGEN EINEN RIESIGEN EFFEKT AUF DAS ENDERGEBNIS HABEN KANN. DURST 2/13

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Alles anders,jetzt sofort! Die Welt ist schlecht und ungerecht. Muss aber nicht so bleiben. Es gibt durchaus konkrete Ideen zur mehr oder weniger radikalen Weltverbesserung. Wir stellen ein paar Ansätze und Initiativen vor, die es vormachen.

Was willst d

Von Mara Simperler

b) BEHALTEN

a) ABSCHAFFEN

Schrems im Waldviertel, ein gemütliches Dorf, in dem eigentlich nicht viel passiert, ist momentan das metaphorische Gallische Dorf, das gegen das Römische Reich kämpft. Der Grund: Heini Staudinger, der Besitzer der Schuhfabrik GEA, liegt im Clinch mit der Finanzmarktaufsicht (FMA). Die FMA sagt: Der Unternehmer habe Bankgeschäfte ohne die dafür notwendige Berechtigung betrieben, dafür soll er zahlen. Die Version von Staudinger lautet: Im Jahr 1999 wurde der Firma GEA willkürlich von der Bank der Kreditrahmen gekürzt, was dazu führte, dass Staudinger beschloss, in Zukunft von Banken unabhängig zu werden. Er gründete einen „Sparverein“ und borgte sich damit Geld von Freunden, Verwandten und Kunden, um GEA unabhängig von Banken weiterführen zu können. Das Problem ist: Solche Eigeninitiativen sind streng genommen in Österreich illegal – was aber immer mehr Menschen nicht mehr akzeptieren wollen. Staudinger wurde so mehr oder weniger freiwillig zum Vorreiter für eine größere Sache: „Die Sache mit GEA und Waldviertler, das ist banal. Spätestens in vier Tagen hätte ich eine Lösung, mit der wir aus der Problemzone wären und die FMA die Verfolgung einstellen müsste“, sagt der Schuhmacher. „Dieser MedienHype hat mich aber in eine Position gebracht, die auch verpflichtet. In Wirklichkeit sind es zehntausende Klein- und Mittelbetriebe, die nur mit Geldern von Freunden und Verwandten die Krisen überstehen können, weil sie alle von den Banken kein Geld mehr bekommen.“ http://www.w4tler.at

Um ohne Geld überleben zu können, kehren wir wieder zum Tauschen zurück. Rasenmähen gegen Haareschneiden, Küchenzeile gegen Staubsauger. So funktionieren Tauschkreise, getauscht werden kann alles, bezahlt wird in Stunden. Die werden auf einem eigenen Konto gutgeschrieben oder eben abgezogen. Das Gute: Stunden werden nie der Inflation zum Opfer fallen. Der Haken: Für die Administration des Stundenkontos muss man echtes Geld berappen. Das Prinzip „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ funktioniert aber auch in diesem System. Kyle MacDonald, ein junger, arbeitsloser Kanadier, schaffte es binnen eines Jahres, eine rote Büroklammer in ein Haus zu verwandeln. Er tauschte einfach jedes Mal gegen etwas Größeres oder Besseres, bis er 14 Tauschgeschäfte später ein zweistöckiges Haus in Saskatchewan besaß. http://tauschkreis.at

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POLITIK a) ONLINE Das Internet verspricht der Politik Einfachheit, Partizipation und Transparenz. Diese Grundlagen dienen auch dem System der Liquid Democracy. Das Prinzip ist: Wenn ich an einer politischen Entscheidung mitwirken will, kann ich meine Stimme direkt abgeben oder sie (wie das ja schon jetzt in der repräsentativen Demokratie funktioniert) an jemanden delegieren, dem ich zutraue, die Entscheidung besser als ich zu treffen (vielleicht weil derjenige sich z.B. besser mit Arbeitsrecht auskennt). Im Gegensatz zum gegenwärtigen System, wo die Repräsentanten (also die Politiker) nach der Stimmabgabe eine mehrjährige Legislaturperiode lang für alle Entscheidungen verantwortlich sind, darf man in der Liquid Democracy immer wieder entscheiden, ob man seine Stimme delegieren oder lieber doch selbst wählen möchte. In Ansätzen verfolgt dieses System die Piratenpartei bei internen Abstimmungen. Ganz umsetzbar ist die Idee jedoch noch nicht: Selbst die „Online-Partei“ Piraten muss momentan schlussendlich nach den „Offline“-Regeln der parlamentarischen Demokratie spielen.

b) OFFLINE Interessanterweise unterscheiden sich Online- und Offline-Initiativen gar nicht so sehr in ihren Forderungen. Der Tenor: mehr Mitbestimmung, mehr Transparenz. Die IG Demokratie, die Mutbürger und zahlreiche andere Initiativen wollen, dass die Demokratie wieder ein bisschen näher beim Volk ist. Typisch ist auch die Konzentration auf Nischen – man setzt auf Grassroots. In Stadtplanungsinitiativen, Grätzelvereinigungen und Essenskooperativen kann man im Kleinen viel mitbestimmen und damit Schritt für Schritt das große Ganze ändern. „Partizipation“ ist das neue Zauberwort.

Klebenschrift: Kurt Rudolf

GELD

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25.09.2013 13:59:12 Uhr


DU ÄNDERN? PROTEST LEBENSMITTEL

B) AUF DEM SOFA

A) AUF DER STRASSE A) SELBST MACHEN

Du willst Bio-Essen, regional geerntet und saisonal soll es auch sein? Kein Problem, du musst dafür nicht einmal dein Haus verlassen. Es gibt in Österreich mehrere Lebensmittelkooperativen, die „community supported agriculture“ betreiben. Das heißt, wer konsumieren will, aber nicht mitarbeiten, zahlt jährlich einen bestimmten Betrag an die Menschen, die sich dafür tatsächlich ihre Hände dreckig machen. Damit unterstützt man nachhaltige Landwirtschaft und schlägt den Supermärkten ein Schnippchen. Passt das Wetter, bekommt man dafür meist wöchentlich einen Korb mit Gemüse und Obst vor die Haustüre geliefert. Hagelt es den ganzen Mai, trägt man aber auch die Ernteausfälle mit. www.ochsenherz.at http://adamah.at

Vor kurzem landeten in meinem E-Mail-Posteingang nach der Reihe: ein Mail von Greenpeace (Bitte rette den Eisbären!), eines von Amazon Watch (Bitte rette den Regenwald!) und eines von Avaaz (Bitte rette Edward Snowden!). Alles schön und gut, sind auch alles Tiere, Pflanzen und Menschen, die man meiner Meinung nach tatsächlich retten sollte. Noch schöner das Versprechen, wie einfach das gehen soll: mit einem Klick. Um die Welt zu retten, muss ich also nicht einmal mehr meine Wohnung verlassen. Das finde ich ziemlich praktisch. Da macht es mir dann auch nichts, dass Avaaz zum Beispiel montags für Snowden wirbt, mittwochs gegen Monsanto wettert und freitags für den Orang-Utan sammelt. Von wem kann man schon verlangen, ernsthaft für ein Thema zu campaignen, wenn die Aufmerksamkeitsspanne der Mailempfänger oft nicht mal mehr einen Youtube-Clip lang dauert.

Es scheint, seit 1968 gab es nicht mehr so viele Demos wie in letzter Zeit. Nicht immer schön, nicht immer dienen sie lediglich dem eigenen Wohlfühlquotienten, manchmal gibt es auch mindestens aufs Maul. Aber aufregend ist es eigentlich immer. In Österreich ist ja eher wenig los, aber ich kenne einige Leute, die einen Flug nach Madrid oder Istanbul gebucht haben, um in dieser Protestwelle mitschwimmen zu können. Es ist ein erhabenes Gefühl, das uns eint. Das Gefühl, dass es Zeit wird, was zu ändern und das Gefühl, dass wir unsere Ärsche dafür jetzt endlich hochbekommen müssen. Dieser Demonstrationstourismus ist leider auch ein bisschen zwiespältig: Wenn wir endlich genug Tränengas in die Augen bekommen haben, fliegen wir wieder heim. Die Millionen jugendlichen Arbeitslosen bleiben dort.

KLEBENSCHRIFT: KURT RUDOLF

Es gibt da so einen Traum, der wiederholt sich scheinbar seit einiger Zeit in jeder Generation: der Traum vom einfachen Leben auf dem Land. Weil wir aber auch die Galerien, Kinos und die Anonymität der Stadt genießen wollen, setzen wir den neuerdings statt im idyllischen Holzhaus am Betonbalkon um. Wir ziehen Paradeiser und Kräuter in alten Putzeimern, spannen Bohnen wie Lichterketten und lassen mit „Seed Bombs“ das Grün im Grau explodieren. Wer das Ganze im größeren Stil aufziehen möchte, mietet sich für etwas mehr als 100 Euro pro Saison eine „Ökoparzelle“ in der Lobau. Dafür bekommt man 80 Quadratmeter Erde, die bereits mit biologischem Gemüse bepflanzt sind. Ernten darf man dann aber selbst. Vielleicht rechnet es sich auch.

B) MACHEN LASSEN

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Ordnung schaffen, wo sie keinen Sinn macht

„Chaos ist etwas sehr Inspirierendes“ Ursus Wehrli räumt auf, egal ob Kunstwerke von Schiele und Klee oder Sandkästen und Parkplätze. Daneben tourt er als Teil des Komikerduos „Ursus und Nadeschkin“ durch die Kleinkunst-Welt. Während eines Stopps in Wien erzählt er bei einem Apfel-Holunder-Saft im Museumsquartier, warum er ein Klischee-Schweizer ist, wieso er ins Gefängnis musste und wie er zum Patron der Messie-Bewegung wurde. Von Sonja Dries

das Buch wahrscheinlich gar nicht erschienen.

Wie kommt man auf die Idee Kunst aufzuräumen?

Haben Sie keinen Respekt vor den Künstlern, deren Werke Sie aufräumen?

Wenn man meine Arbeit anguckt, weiß man, dass ich die Kunst mögen muss. Man lernt die Bilder wahnsinnig gut kennen, wenn man sie aufräumt. Deshalb wird das Buch auch im Kunstunterricht eingesetzt. Man nimmt mit den Kindern Bilder auseinander und setzt sie wieder zusammen. Sie können selber gestalten und

Wie lange dauert es ein Bild aufzuräumen?

Alles muss seine Ordnung haben – auch die Autos auf einem Parkplatz in Berlin gleichzeitig die hohe Kunst ein bisschen runterholen. Das sind schöne Spielereien, bei denen man viel über die Kunst lernt. Die meisten Künstler hätten das, glaube ich, gerne gesehen. Es braucht nur ein bisschen Selbstironie und das traue ich den Künstlern zu. Wie funktioniert das rechtlich, wenn Sie Werke anderer umordnen?

Das war zum Teil sehr kompliziert und komplex, aber wir hatten eine gute Rechteabteilung im Verlag. Die

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meisten Künstler sind zwar schon tot, aber noch nicht 70 Jahre, dann wäre alles rechtefrei. Einige Familien und Erben-Gemeinschaften haben sich quergestellt. Sie wollten selber entscheiden, in welchem Kontext ein Bild erscheint und hatten Angst, dass es ins Lächerliche gezogen wird. Gewisse Sachen haben wir dann einfach gemacht. Es gab auch einstweilige Verfügungen, das Buch musste zurückgezogen werden, aber der Verlag blieb dran. Wenn er dabei ein bisschen zurückhaltender gewesen wäre, dann wäre

Das kann man nicht so pauschal sagen. Manchmal brauche ich zehn Minuten, manchmal drei Tage. Ich schneide die einzelnen Elemente eines ausgedruckten Exemplars mit der Schere aus und klebe sie neu zusammen. Der Grafiker scannt das ein und guckt, dass die Farben stimmen und man die Schneidränder nicht so sieht. Ich versetze mich in eine kindliche Aufräumhaltung. Ich gehe ganz klar vor und gucke, wie sieht das aus. Dann kann man noch was verschieben. Ich versuche nie gestalterisch clever ranzugehen. Die Ästhetik entsteht, weil es so pur ist. Die Schweiz gilt ja als sehr ordnungsliebend – sind Sie der Klischeeschweizer?

Die Schweiz ist meine Kultur. Ich bin dort aufgewachsen, ich habe das im Blut. Ich denke, dass so eine Idee schon eher einem Schweizer in den Sinn kommt als einem Südamerikaner. Es hat etwas typisch Schweizerisches, dass man lernt, mit dem vorhandenen Platz umzugehen. Die Schweiz ist eh schon so klein und dann haben wir noch ganz viele Berge und wenig

FotoS: KEIN & ABER (4); Klebenschrift: Kurt Rudolf

WEHRLI: Es ist nicht immer so, wie bei „Wickie und die starken Männer“, wo man an der Nase reibt und eine Idee hat. Das kam schleichend. Ein Grundzug von mir, den ich mag, ist, dass ich Dinge gerne anders anordne oder „unordne“. Die Idee für „Kunst aufräumen“ kam mir eigentlich dank Jean Tinguely, einem sehr chaosbetonten Schweizer Künstler, der alle möglichen Objekte, die er findet, zu Skulpturen zusammenschweißt. Ich hatte einen Cartoon von seinem Atelier gezeichnet und mir vorgestellt, dass seine Putzfrau dort sauber macht, aber nicht weiß, wo die Unordnung aufhört und wo die Kunst anfängt und deswegen auch die Kunstwerke aufräumt. Das fand ich inspirierend und ich machte mich auf die Suche nach Kunst, die ich aufräumen konnte.

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FOTOS: KEIN & ABER (4); KLEBENSCHRIFT: KURT RUDOLF

Egon Schieles „Liegender Weiblicher Akt“: rechts im Original, links platzsparend aufgerollt.

Ursus Wehrli wurde 1969 in Aarau in der Schweiz geboren. Der gelernter Typograf lebt als Komiker, Kabarettist und freischaffender Künstler in Zürich. Seit 27 Jahren tritt er zusammen mit Nadja Sieger als Kabarett-Duo Ursus & Nadeschkin auf. Seine Bücher „Kunst aufräumen“, „Noch mehr Kunst aufräumen“ und „Die Kunst aufzuräumen“ erfreuen sich weltweiter Beliebtheit. Der erste Teil wurde auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und bald auch auf Japanisch und Koreanisch veröffentlicht. Flachland. Da müssen wir uns arrangieren um aneinander vorbeizukommen. Haben Sie einen stark ausgeprägten Ordnungssinn oder räumen Sie einfach nur gerne um?

Ich spüre oft die Enttäuschung bei Leuten, die mich privat kennen. Ich habe daheim gerne auch Chaos und bin überhaupt nicht perfekt geordnet, weil ich das wahnsinnig langweilig finde. Ich ordne gerne Dinge, die keinen Sinn machen. Ich mag es, mich mit sinnlosen Sachen zu beschäftigen und es ist umso schöner, wenn man dann noch davon leben kann. Die Welt ist wahnsinnig sinnorientiert und lösungs- und leistungsbesessen, da ist es auch wichtig, dass man für Dinge plädiert, die nicht konkreten Sinn machen. Wenn Sie sinnlose Sachen so gerne mögen, warum haben Sie dann den Militärdienst verweigert und sind dafür ins Gefängnis gegangen?

Das ist etwas anderes, weil das Militär für mich zwar sinnlos ist, aber

natürlich nicht sinnlos gemeint ist. Der Sinn, der dahinter steckt, den kann ich nicht unterstützen. Bei uns muss man vier Monate so eine Art Einführungsdienst machen, um alles zu lernen und dann kommt man jedes Jahr drei Wochen wieder. Ich bin damals drei Tage hingegangen, um zu sehen, wie es ist. Es war dann noch viel schlimmer als gedacht und ich konnte mit gutem Gewissen sagen: Das stimmt für mich nicht. Ab da wusste ich, ich muss ins Gefängnis. Wie lange war total willkürlich. Ich musste vor das Militärgericht, alle in Uniform, sowohl mein Verteidiger als auch die Jury. Ich bekam sieben Monate Gefängnis, durfte aber wegen guter Führung nach viereinhalb Monaten raus. Wie kam es dazu, dass Sie in Ihrem neuesten Buch jetzt Sachen aus dem Alltag ordnen?

Ich hatte immer die Idee, mal auf einem Parkplatz die Autos nach Farben zu ordnen. Ich dachte aber, das sei viel zu aufwändig. Ich räumte erst mal kleinere Sachen auf wie den Sternenhimmel oder die Buchstabensuppe

und irgendwann verwirklichte ich auch die Idee mit den Autos. Mittlerweile gefallen mir die Alltagsgeschichten viel besser als Kunst aufzuräumen. Wie planen Sie diese Aufräumaktionen?

Ich plane überhaupt nie. Meine Erfahrung ist, auch wenn man Dinge plant, kommt es dann sowieso anders. Ich gehe durch den Tag, die Stadt, die Welt und sehe Dinge, die brauchbar wären. Die schreibe ich mir auf und zeichne das. Man merkt dann ziemlich schnell, ob das so funktionieren könnte oder nicht. Zusammen mit Nadia Sieger treten Sie als Teil des Kabarettund Komikerduos „Ursus und Nadeschkin“ auf. Wie haben Sie zusammengefunden?

Wir arbeiten seit mittlerweile 27 Jahren zusammen und haben uns in Wiesbaden kennen gelernt. Wir gingen noch zur Schule und haben dort zwei Wochen Zirkusfreizeit besucht, die total langweilig war. Da haben wir den Kurs geschwänzt und in der

Fußgängerzone Straßentheater gemacht. So hat das angefangen. Wie wichtig ist Chaos in Ihrem Leben?

Chaos ist etwas sehr Inspirierendes und Wichtiges. Wenn ich mich zwischen Chaos und Ordnung entscheiden müsste, wäre es ganz klar Chaos. Man darf nur eine gewisse Grenze nicht überschreiten. Wenn ich gerade an etwas dran bin, dann kann sich bei mir im Büro innerhalb von zwei, drei Wochen wirklich Chaos bilden. Plötzlich ist der Schreibtisch voll und der Boden auch. Dann kommt irgendwann der Tag, an dem man merkt, das muss jetzt alles weg. Ein ganz wichtiger Moment. Es gibt Menschen, bei denen kommt dieser Moment nie. Die können nicht mehr auf das Chaos reagieren. Ich habe mich viel damit beschäftigt, als die Schweizer MessieBewegung auf mich zukam und mich als Patron anfragte. Viele von denen hatten wohl schon meine Bücher geschenkt bekommen. Ich habe das gerne gemacht und es ist ein schöner Austausch entstanden.

„DIE WELT IST WAHNSINNIG SINNORIENTIERT UND LÖSUNGS- UND LEISTUNGSBESESSEN, DA IST ES AUCH WICHTIG, DASS MAN FÜR DINGE PLÄDIERT, DIE NICHT KONKRETEN SINN MACHEN.“ Ursus Wehrli DURST 2/13

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Kann man schreiben lernen?

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Der Historiker David Mayer, die Schreib-Therapeutin Joan Bolker und der Uni-Professor Wolfgang Schmale erklären, wie aus dem Chaos im Kopf ein lesbarer Text entsteht. Von Martina Powell und Mara Simperler

Einmal? Die hatte ich immer. Überwunden habe ich sie, indem ich mich mit dem Thema Schreiben auseinandergesetzt habe. Leider wird oft vergessen: Nur einer kleinen Minderheit fällt es leicht ein leeres Blatt zu füllen. Was sind die größten Fehler, die Studierende beim Schreiben machen?

Die größten Fehler machen nicht die Studierenden, sondern die Unis. Dort wird so getan, als ob die Sprachausbildung mit der Matura beendet wäre. Indem aber das Schreiben und die Probleme damit regelrecht Tabuthemen an der Uni sind, wird – vor allem bei geisteswissenschaftlichen Studien – die Abschlussarbeit zu einem negativ aufgeladenen Passage-Ritus. Häufig entsteht dann jene nur allzu bekannte Reaktion während oder nach der Bachelor- bzw. Masterarbeit:

Bitte nur weg mit dem Thema! Das ist das Ergebnis jahrelanger Tabuisierung. Was sind Ihre Tipps für Studierende, die Probleme mit dem Schreiben haben?

Ich unterscheide da zwischen drei Ebenen oder Stadien, auf und an denen man etwas tun kann: Zu Beginn das grundsätzliche Freimachen bevor man wirklich loslegt, also das wilde, freie Schreiben. Später die Bereitschaft, an einem Text wirklich zu feilen. Das ist oft mühsame Kleinarbeit. Und drittens: Auf die Form achten. Denn eine gute Arbeit erkennt der Prüfer an ihrer gelungenen Form. (Details: siehe Kasten S.59)

Der Historiker David Mayer hat sich alles, was er jemals geschrieben hat „mühsam abgerungen“. Trotzdem (oder gerade deswegen) hat er zahlreiche Artikel und Bücher publiziert, die sich mühelos lesen lassen. An der Uni Wien hat er Lehrveranstaltungen zum Thema „Praxis der wissenschaftlichen Kommunikation“ und „Globalgeschichtliche Arbeitstechniken“ gehalten.

Wenn ich eine längere Pause vom Schreiben an meiner Abschlussarbeit mache, wie mache ich dann weiter?

Dabei hilft dir dein Schreibjournal. Außerdem macht es Sinn,

dass du dich auch während eines Praktikums mindestens zehn Minuten pro Tag mit deiner Arbeit auseinandersetzt. Es genügt, einen Gedanken pro Tag im Journal zu notieren. Außerdem: Mach dir vor deiner Abreise bzw. vor Arbeitsbeginn einen Plan: zum Beispiel eine Liste mit Dingen, die es zu überarbeiten gilt; notiere Ideen oder füge Kommentare in den Kapiteln ein: Was dir an dieser oder jener Passage gefällt oder nicht. Wie mache ich bei meinem Professor oder meiner Professorin Eindruck mit meiner Arbeit?

Indem ich die Arbeit nicht für meinen Professor schreibe. Sondern meine eigene Stimme entwickle und meinen eigenen Gedanken folge.

David Mayers Buchtipp: Howard S. Becker, Die Kunst des professionellen Schreibens. Ein Leitfaden für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Campus Studium, 15,90 Euro

„Eine methode des freimachens ist das freie oder wilde schreiben. dabei wird das schreiben quasi zur aktionskunst.“ David Mayer

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FotoS: David Mayer, Joan Bolker; Klebenschrift: Kurt Rudolf

Hatten Sie einmal Probleme mit dem Schreiben?

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FOTOS: DAVID MAYER, JOAN BOLKER; KLEBENSCHRIFT: KURT RUDOLF

DAVID MAYERS DREI METHODEN, UM BESSER ZU SCHREIBEN:

1) METHODEN DES FREIMACHENS Da wäre erstens das freie oder wilde Schreiben. Das Schreiben wird hier quasi zur Aktionskunst. 80 Prozent von dem, was man mithilfe dieser Technik produziert, wirft man weg. Aber mit den restlichen 20 Prozent kann man weiterarbeiten. Wichtig ist auch das alltägliche Schreiben. Man legt sich zum Beispiel ein Schreibjournal an. Darin kann man Textbausteine formulieren, Ideen in den Griff bekommen oder einfach nur Gedanken notieren. Später helfen diese Notizen einem enorm, um ein Thema zu entwickeln oder um ein Kapitel zu verfeinern.

2) METHODEN, UM EINEN VORHANDENEN TEXT ZU VOLLENDEN Das ist die Bereitschaft, an meinem Text zu feilen. Leider wird dieser Schritt oft übergangen. In der Praxis heißt das: Ich überprüfe in mühsamer Kleinarbeit sprachliche Bilder, überarbeite Stil und Formulierungen. Hilfsmittel dafür: Duden, Stilwörterbuch, Synonymlexikon. Und natürlich: Den Text von Freunden, Kollegen, Familie gegenlesen lassen.

3) GANZ WICHTIG, DIE FORM Wissenschaftliches Schreiben ist Handwerk. Das heißt: Eine gute Arbeit erkennt der Professor an ihrer gelungenen Form. Formatieren und richtiges Zitieren, ja, das geht auch zum Schluss. Dass das viel Zeit in Anspruch nimmt und auch nehmen sollte, darf man nicht vergessen.

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WEITERE TIPPS VON PROFIS, DIE ES WISSEN MÜSSEN

-method“ ans Ziel: Du schreibst jeden Tag eine gewisse Anzahl von Seiten, egal wie lange das dauert.

A) TIPPS VON JOAN BOLKER AUS: WRITING YOUR DISSERATION IN FIFTEEN MINUTES A DAY, MACMILLAN, 1998 (EIN ÜBRIGENS WIRKLICH LESENSWERTES BUCH!)

Arbeit vorstellst. Im Schreibjournal ist alles erlaubt.

2) Erstelle eine Liste mit interessanten Themen und wähle eines aus. Für dieses verfasst du wiederum Listen, z.B. „was ich über das Thema weiß“, „was ich herausfinden muss“ und so weiter.

3) DISZIPLIN Schreiben ist zu einem großen Teil Handwerk und pure Schweißarbeit. Der Geistesblitz, mit dessen Hilfe es dann einfach nur so aus den Fingern rinnt, schlägt leider nur selten ein. Deshalb rät Schreib-Guru Bolker: Schreibe, auch wenn du dich schlecht fühlst, auch wenn du glaubst, es gibt nichts zu erzählen. Der beste Weg einen Rhythmus zu finden ist, jeden Tag zu schreiben – auch wenn dabei nur eine Seite pro Tag herauskommt, mit der du zufrieden bist.

3) Spontanes Schreiben: Schreib zehn Minuten drauf los, ohne abzusetzen, auch wenn du ins Stocken gerätst. Wähle dann aus dem Geschriebenen einen interessanten Gedanken aus und nimm dir weitere zehn Minuten, um darüber zu schreiben. Vielleicht kannst du dann schon ein bestimmtes Muster oder einen Themenschwerpunkt erkennen? Wenn nicht: zurück zum Start.

B)

Joan Bolker hat Schreiben schon an renommierten Unis wie Harvard und Wellesley unterrichtet. Momentan arbeitet sie als Psychotherapeutin und hilft Autoren mit Schreibhemmungen. 1) MAL ANDERS ANFANGEN Was haben wir in der Schule gelernt? Wähle ein Thema, recherchiere, entwickle Ideen, lege eine Struktur an und hantle dich dann entlang dieser Struktur voran. Aber: Das funktioniert manchmal einfach nicht. Entweder fehlt noch das Thema oder man hat zu viel Material, das sich einfach nicht ordnen lässt. Deshalb rät Joan Bolker, die an der Harvard University das „Writing Center“ gegründet hat, allen, die sich am Beginn zu sehr von der Struktur einengen lassen: Lasst los! Setz euch einfach mal hin und schreibt alles auf, was euch in den Sinn kommt. Behandelt euer Thema wie Plastilin. Vergesst alle Standards und Konventionen. Was nicht heißen soll, dass das Endprodukt ein Sauhaufen sein soll. Aber lasst im ersten Schritt alle Sorgen hinter euch – ihr dürft erstmal auch Grammatik, Rechtschreibung etc. vergessen, solange du am Ende selbst noch erkennen kannst, was du mit dem Text gemeint hast. Dann geht es an die Überarbeitung, ans Feilen: Wenn dir das Geschriebene nicht gefällt, hinterlasse eine Notiz (in einer Klammer) oder liste Alternativen/Möglichkeiten/Synonyme für Worte auf. 2) WIE BEKOMME ICH ROUTINE IM SCHREIBEN? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Seiten zu füllen: Manche planen eine gewisse Zeit fürs Schreiben ein („sitthere-method“), andere setzen sich erst hin, wenn sie einen Geistesblitz haben („inspiration-method“). Laut Joan Bolker kommen aber die meisten am ehesten mit der „many-pages

4) Mapping: Ordne deine Gedanken am Papier, zum Beispiel grafisch in Form einer Mind-Map.

WIE FINDE UND ENTWICKLE ICH EIN THEMA: SECHS TIPPS VON WOLFGANG SCHMALE Aus: Schreib-Guide Geschichte: Schritt für Schritt wissenschaftliches Schreiben lernen. Böhlau. Richtet sich an Historiker, gilt aber für alle.

5) Verwende strukturierte Fragen, um dich deinem Thema zu nähern, z.B. die fünf journalistischen Grundfragen (Was? Wer? Wann? Wo? Wie?) oder richte dich nach den Schlüsselbegriffen der Dramatik (Handlung, Akteure, Schauplatz, Zweck).

1) Führe ein Schreibjournal. Das kann ein Heft, ein Notizblock oder ein Word-Dokument sein. Darin schreibst du dir all deine Ideen, Gedanken oder Fragen zu einem Thema auf, die dir so in den Kopf kommen. Du kannst darin zum Beispiel auch „Mind-Maps“ (siehe Punkt 4) anlegen, diese selbst gebastelten Diagramme, mit denen du Stichworte sammeln und in einen Zusammenhang bringen kannst. Oder du schreibst darin einfach mal drauf los, wie du dir so ein Kapitel in der

6) Diskutiere mit anderen über dein Thema oder (wenn du noch keines hast) über deine Gedanken. Wenn du schon eine Idee hast, dann skizziere dein Thema in fünf Sätzen und zeige sie jemandem, der sich nicht mit dem Thema beschäftigt hat. So erkennst du schnell, welche Punkte noch unklar sind.

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Gut, dass unser Universum chaotisch ist. Sonst hätten sich aus einem winzigen Punkt nämlich nie Mensch, Tier und Baum spontan entwickeln können. Von Valentin Ladstätter

B

eginnen wir mit einem Punkt: • Von einem Punkt aus lässt sich sehr gut starten. So wie unser Universum ja auch anfangs angeblich auf einen winzigen Punkt konzentriert war, kurz bevor es in einer gigantischen Explosion Materie und Zeit entstehen ließ. Ob es wirklich so war, weiß man zwar nicht genau, aber bitte. Wenn wir schon einen Anfang brauchen, dann gerne einen mit ordentlich Action. Wichtig ist auch eher, was nach dem Urknall kam: Das Universum, der ganze Rest und nach so circa zehn Milliarden Jahren dann das Leben. Nochmal später kam das Bewusstsein hinzu, was für uns Menschen und einige Tiere geradezu essentiell war. So weit, so gut. Machen wir also wieder einen Punkt: • Wie aber kann es sein, dass alles mit einem einzigen, winzigen Punkt beginnt, der mit einem gewaltigen Knall auseinanderfliegt und nach ein

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paar Milliarden Jahren stehen dann plötzlich wir Menschen da? In vielen Biologie-Lehrbüchern wird das Leben über sieben Kennzeichen definiert. Eines dieser Kennzeichen ist die spezifische chemische und strukturelle Organisation, die jedem Lebewesen innewohnt. Wie passt das zusammen? Wie kommt eine Organisation zu Stande, wenn doch alles nur unkontrolliert durch die Gegend geschleudert wird? Natürlich, die Evolution spielt eine große Rolle, aber erstens kommen wir darauf noch zu sprechen und zweitens geht es jetzt erst einmal um die Zeit vorher. Was geschah vor der Entstehung des Lebens? Wie gelang der Schritt vom Chaos zur Ordnung? Die Frage führt uns als Erstes unweigerlich zur Physik. Keine Sorge, es wird jetzt weder trocken noch kompliziert. Es geht nämlich um ein ganz bestimmtes physikalisches Gesetz: Das Gesetz des unaufgeräumten Zimmers. Das Gesetz des unaufgeräumten Zimmers – bekannt auch als Gesetz der Entropie – besagt Folgendes: Ein Prozess findet nur dann spontan, also von selbst, statt, wenn dabei die Unordnung im System zunimmt. Für Ordnung wird Energie benötigt, die dem System von außen zugeführt werden muss. Das geschieht nicht von selbst und dürfte jedem und jeder

von uns bekannt sein: Es ist einfacher, die Klamotten auf den Boden zu schmeißen, als sie fein säuberlich in den Kleiderkasten zu legen. Genauso ist ein Gebäude schneller abgerissen als aufgebaut. Beim Gesetz des unaufgeräumten Zimmers ist die Größe des Systems irrelevant. Hauptsache es handelt sich um ein isoliertes System. Jeder Zustand in einem isolierten System wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit in einen energetisch günstigeren Zustand übergehen. Und der energetisch günstigere Zustand ist immer der unordentlichere. Unsere oft so chaotischen Wohnräume sind demnach nicht nur Opfer unserer Faulheit. Sie sind auch das Ergebnis des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik: Das Universum strebt nach Unordnung, nach Chaos. Die Schlampigkeit des Universums lässt sich mathematisch noch ein bisschen besser und anschaulicher aufzeigen und zwar anhand der Wahrscheinlichkeit. Ich habe diesen Teil der Mathematik zwar in der Schule gehasst, aber hier ist er ganz nützlich: Die komplette Unordnung ist das wahrscheinlichste Endergebnis, weil sie die wenigsten Einschränkungen benötigt. Das Universum ist also ein Freigeist, der sich die größte Anzahl an Möglichkeiten erhalten möchte. Nehmen wir zum Beispiel eine

FotoS: Markus Krottendorfer; zeichnung in Schrift: Christain und Christian

Essay

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FotoS: Markus Krottendorfer; zeichnung in Schrift: Christain und Christian

Chaos und Ordnung liegen hier sehr nah beieinander: Der Teilchenbeschleuniger Alice im CERN bringt kontrolliert Atomkerne und Moleküle durcheinander. Fotografiert vom Wiener Künstler Markus Krottendorfer Kiste mit 100 Münzen in die Hand. Wenn wir die Kiste einige Male schütteln, sodass immer mal wieder einige Münzen umgedreht werden, erhalten wir als häufigstes und wahrscheinlichstes Ergebnis 50 Münzen mit dem Kopf und 50 Münzen mit der Zahl nach oben liegend. Das geschieht, weil es eine riesige Anzahl von Kombinationen gibt, mit denen das 50:50 Verhältnis erreicht wird. Auf der anderen Seite gibt es aber jeweils nur eine einzige Kombination, bei der alle Münzen mit derselben Seite nach oben liegen. Dafür sind die Einschränkungen einfach zu groß. Das Universum strebt also spontan nach Chaos, weil es die meisten Möglichkeiten verspricht und energetisch am günstigsten ist. Zeit für einen Punkt:• Auf den ersten Blick haben wir hier ein Problem: Das Universum liebt das Chaos. Aber das Leben ist durch Organisation gekennzeichnet. Wie passt das zusammen? Diesmal führt uns die Frage vom Größten ins Kleinste, vom Universum hinunter auf die Ebene der Atome, ins Reich der Chemie. Genauer gesagt zu einem zentralen Element des Lebens, dem Kohlenstoffatom „C“. Kohlenstoff ist ein ganz besonderes Atom. Es bringt, abgesehen vom Wasserstoff, der bei fast jeder Verbindung als Anhängsel mit von der Partie ist, die DURST 2/13

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größte Vielfalt an chemischen Verbindungen hervor. In Reinform bildet Kohlenstoff Diamant oder Graphit (Bleistiftminen). In Kombination mit anderen Atomen lässt er Erdöl, Kalkstein, Kreide oder Marmor entstehen. Er ist deswegen so wichtig, weil ihm wie keinem anderen Element die Fähigkeit zum Aufbau komplexer Strukturen innewohnt. C-Atome bilden gemeinsam sowohl Ketten als auch Ringe. Dadurch können sie große und sehr stabile Moleküle bilden. Mit diesen Eigenschaften stellen sie die Hauptbausteine vieler Energieträger – etwa von Fett, Zucker oder von Proteinen. Neben Wasserstoff und Sauerstoff ist das C-Atom das wichtigste Element des Lebens. Damit sich das Leben überhaupt organisieren konnte, benötigte es die Stabilität des Kohlenstoffs. Um seine heutige Vielfalt zu entwickeln, brauchte es dessen Verbingungsfreudigkeit. Und da haben wir es wieder, das Gesetz des unaufgeräumten Zimmers. Das Universum verlangt nach der maximalen Anzahl an Möglichkeiten und der Kohlenstoff liefert genau das. Vielen Dank C-Atom, Zeit für den nächsten Punkt: • Soweit haben wir jetzt mal alles beisammen. Befassen wir uns also – wie schon angekündigt – mit der Evolution. Auch sie bedient sich wie

das Universum am Büffet der maximalen Möglichkeiten. Die Evolution basiert auf vier Hauptfaktoren: Der Rekombination, der Gendrift, der Mutation und der Selektion. Im Grunde haben alle vier Faktoren mit einer Veränderung der Gene einer Population zu tun. Bei der Rekombination werden die Gene der Eltern neu gemischt, sodass die Nachkommen mit einer frischen Zusammensetzung der Erbanlagen starten. Die Gendrift ist die zufällige Änderung des Genpools durch Naturkatastrophen, Seuchen oder dergleichen. Genmutationen verändern das Erbgut direkt in den körpereigenen Zellen eines Lebewesens. Das kann positive, negative oder neutrale Auswirkungen auf dessen Merkmale haben und bringt dementsprechend manchmal einen Vor- und manchmal einen Nachteil im Überlebenskampf oder ist einfach wurscht. Die Selektion bezeichnet schließlich die natürliche Auslese. Das bedeutet, dass Individuen mit vorteilhafteren Merkmalen überleben, während Individuen mit nachteiliger Merkmalsausprägung zurückgedrängt werden und gelegentlich aussterben. Durch diese Einflüsse haben sich immer unterschiedlichere Lebensformen gebildet, die immer kleinere Spezialnischen für sich entdeckt haben.

Die Evolutionsfaktoren bestimmen nämlich nicht nur Haarfarben oder Nasentypen, sondern sind letztlich auch dafür verantwortlich, dass es auf der Erde Mäuse und Bäume, Kichererbsen und Zitteraale, Albatrosse und Menschen oder so lustige Evolutionsscherze wie das Faultier und den mexikanischen Schwanzlurch (Axolotl) gibt. Kurz: Die Evolutionsfaktoren führen zur genetischen Vielfalt und damit zur Vielfalt des Lebens. Am Ende unterliegen alle vier Faktoren dem Zufall. Der Großteil der Genmutationen hat zum Beispiel negative oder gar keine Auswirkungen. Und die Evolution sieht auch keine Bergstürze oder Erdbeben vorher. Die Gene mutieren, kombinieren und driften einfach ohne einen wirklichen Plan vor sich hin und die Selektion erledigt den Rest. Nur so ergeben sich die meisten Möglichkeiten, nur so ist die Unordnung am größten. Wir Menschen sind aus der Kombination von universellem Chaos und lebendiger Ordnung hervorgegangen. Dass uns das zuerst paradox erscheint, ist kein Wunder. In unserem alltäglichen Sprachgebrauch und Verständnis sind Chaos und Ordnung ein Gegensatzpaar. Doch nur die Vereinigung dieser beiden Teile machte das Leben und damit uns erst möglich. Punkt: •

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Leck mich am A. – Algerische liebesspiele

Von Raffael Fritz

Laktieren geht über Studieren Sie hat Antworten auf alle Fragen, die ihr euch kaum zu stellen traut. Unsere Sexologin Prof. Dr. Pfannenstiel bohrt nach, wo andere sich beschämt abwenden.

– aber durchs Heu zu rollen ist für jemanden mit Heuschnupfen alles andere als befriedigend. Es handelt sich also leider um einen Mythos, und der geht wahrscheinlich zurück auf die Fehlinterpretation eines Zitates der amerikanischen Sexualtherapeutin Ruth Westheimer: „Ein Orgasmus ist genau wie ein Nieser.“ Damit hat sie aber nur gemeint, dass beides unwillkürliche Reflexe sind – so wie der Lidschlussreflex oder der Brechreiz beim Hören eines HC-Strache-Raps. Ganz unverwandt sind Sex und Niesen aber auch nicht – jedenfalls wenn man zum erlesenen Kreis der Nies-Fetischisten zählt. Ganz recht, es gibt Frauen und Männer, die es erregt, anderen beim Niesen zuzusehen.

Französisch, Griechisch, – warum bezeichnen wir Sexpraktiken eigentlich mit Ländernamen? Und gibt es auch ein „Österreichisch“?

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Ich habe gehört, dass auch Männer stillen können. Und als ganzer Mann möchte ich bei der Ernährung meines zukünftigen Babys natürlich halbe-halbe machen. Aber wie stelle ich das an?

- Thomas, 27 u hast richtig gehört, Thomas. Wenn aus Männerbrüsten Milch kommt, liegt zwar oft eine hormonelle Störung vor – doch es gibt auch Berichte von gesunden Männern, die Kindern die Brust gegeben haben. Schon der Naturforscher Alexander von Humboldt erzählt, in Venezuela

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Warum sind antike Statuen von Männern immer alles andere als gut bestückt? Ist der durchschnittliche Penis über die Jahrtausende länger geworden?

einen Mann getroffen zu haben, der seinen Sohn drei Monate lang stillte, als die Mutter krank war. Auch Charles Darwin wunderte sich, warum Männer über rudimentäre Brustdrüsen verfügen: „Diese haben sich in mehreren Fällen vollständig entwickelt und haben eine reichliche Menge von Milch gegeben“, schreibt er in der „Abstammung des Menschen.“ Aber genug der gelehrigen Schwätzerei. Wie ich immer zu sagen pflege: Laktieren geht über Studieren! Für die Milchbildung ist das Hormon Prolaktin verantwortlich. In den Brustwarzen sitzen Rezeptoren, die registrieren, ob ein Baby gerade an ihnen nuckelt, und dann die Produktion von Prolaktin anregen. Falls du gerade niemanden zur Hand hast, der an deinen Nippeln nuckelt, kannst du sie auch mit den Fingern massieren: Einfach die Brustwarze zwischen Zeigefinger und Daumen geben und Melkbewegungen nach außen machen, am besten morgens und abends für mindestens fünfzehn Minuten. Nach wenigen Wochen werden deine Brustwarzen größer und mit etwas Glück kommen bald die ersten Tropfen Milch. Jetzt nur nicht aufhören! Die Menge sollte jeden Tag mehr werden. Aber mach dir keine Vorwürfe, falls es doch nicht klappt – nicht jeder

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Mann ist zur Amme geboren. Der Journalist Michael Thomsen hat 2011 seine Brüste sieben Wochen lang mit einer Milchpumpe traktiert – ohne Erfolg. Solltest du Erfolg haben, wird es trotzdem schwierig, ein Baby mit deiner Milch satt zu kriegen, denn Männer haben eben nur rudimentäre Brustdrüsen. Aber es dürfte immerhin genug sein, damit du deinen Kaffee nie mehr schwarz trinken musst. Stimmt es, dass Niesen so etwas wie ein Orgasmus zweiten Grades ist?

- Lisa, 26 chtmal Niesen = ein Orgasmus. Manchmal sind es auch nur sechs oder sieben, solche Rechnungen kursieren spätestens seit den Neunzigern auf den Pausenhöfen dieser Welt. Die Ähnlichkeiten sind ja auch frappierend: Erst baut sich ein wohliges Gefühl der Spannung auf, das sich in einem plötzlichen Schauer, der durch den ganzen Körper geht, entlädt. Nicht zu vergessen das Bedürfnis, sich danach eine klebrige Substanz von den Händen zu waschen ... Aber nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Hätte Niesen wirklich etwas mit dem großen O zu tun, wären Allergiker die glücklichsten Menschen der Welt

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- Udo, 25 n Sachen sexueller Freizügigkeit hätten wir uns einiges von den Griechen abschauen können. Sie haben den männlichen Körper regelrecht verehrt – vor allem sein bestes Stück. Als Fruchtbarkeitssymbole und zum Schutz gegen den Bösen Blick standen Statuen von erigierten Penissen an Weggabelungen oder Hauseingängen, auch überlebensgroß. Oder die „phallika“: Penis-Paraden zu Ehren des Dionysos, bei denen die Dorfbewohner einen riesigen Penis durch die Gegend trugen. Aus der Antike sind uns große, bisweilen gigantische Gehänge überliefert. Doch die waren reserviert für Sagengestalten, Fruchtbarkeitsgötter und eventuell Barbaren. Ein attraktiver Mann sah für die alten Griechen anders aus. In der Komödie „Die Wolken“ beschreibt der Dichter Aristophanes das körperliche Ideal seiner Zeit folgendermaßen: „Ein blühend Gesicht, breitschultriger Wuchs, Und die Zunge hübsch kurz, und ein mächtig Gesäß, Und ein mäßig Gemächt!“ Der durchschnittliche Penis war also damals wahrscheinlich gleich lang wie heute, doch so wie die Medien heute unsere Vorstellung vom Normalzustand verzerren, haben sie das auch damals gemacht – nur eben in die andere Richtung.

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Illustration: Christian Bretter

– Anna, 21 ich ohne Verabschiedung aus dem Staub zu machen, heißt auf Englisch „to take a french leave“, während Franzosen dazu „filer a l‘anglais“ sagen. Die Schweinigeln sind immer die anderen. In Deutschland laufen Sadomaso-Spiele unter dem Namen „Englisch“. Und wie heißen sie bei den Engländern? Genau: „German“. Sex und rassistische Vorurteile – was gibt es Schöneres, als diese zwei Konstanten des menschlichen Interesses elegant miteinander zu verbinden? Geht es nach der einschlägigen ethno­nymischen Forschung, ist die deutsche Sprache auf diesem Gebiet besonders einfallsreich. Das weiß jeder, der sich die Sexanzeigen in der „Kronen Zeitung“ ansieht. Nach langjährigem Studium dieser Anzeigen – natürlich nur aus linguistischem Interesse – ist mein persönlicher Favorit „Algierfranzösisch“. Französisch bezeichnet bekanntlich Oralverkehr, und Algier war in der Kolonialzeit französisches Staatsgebiet, nur eben ein kleines bisschen weiter … südlich. Um den Rest zu kombinieren, musst du kein Sherlock Holmes sein. Eine Sexpraktik namens Österreichisch ist mir noch nicht untergekommen – aber seien wir froh, dass es keine gibt, denn vermutlich hätte sie mit Nazis oder versperrten Kellern zu tun. Immerhin nach unserer Bundeshauptstadt ist eine Sex-Stellung benannt: Die „Wiener Auster“, die es sogar zu einem eigenen WikipediaEintrag mit vielen geschmackvollen Abbildungen gebracht hat.

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