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Stadtporträt

„Täuschungen und Irreführungen sind Teil der tschechischen kulturellen Identität“ aufgepfropft, womit das unverkennbare Markenzeichen der Prager Skyline geschaffen war. Architektonisch ist die Stadt eine schwindelerregende Mischung aus Mittelalterlichem, barockem Häusergewirr, Jugendstil, Kubismus, Art déco, Plattenbau und spacigen Fremdkörpern. Auch Architekten wie Frank Gehry und Jean Nouvel haben sich, nicht immer geglückt, mit Bauten ins Stadtbild eingeschrieben.

Gemüse unter Sternen. Das vegetarische Szenelokal Lehká Hlava in der Altstadt

Hrabal war Stammgast im „Goldenen Tiger“ (U zlatého tygra), einer feuchtwarmen Bierstube, wo die ruppige Bedienung ein unverzichtbarer Teil des Ambientes ist. „Bafeln“ nannte der zechfreudige Schriftsteller jene Art von Sprechen, die er seinen kauzigen Kumpanen ablauschte und in eine stilisierte Schriftsprache übersetzte, einen wild assoziativen Redefluss. „Der Bafler sieht die Wirklichkeit durch das diamantene Auge seiner Fantasie“, schrieb der Bafler Bohumil Hrabal. Die urigsten Pivnices sind im Stadt-

teil Žižkov zu finden, das nach dem Hussitenführer Jan Žižka benannt ist. Früher ein Arme-Leute-Viertel, hat sich Žižkov seit den 90er Jahren wegen der günstigen Mieten zu einem Zentrum der Prager Künstler- und Kneipenszene entwickelt. Es wird dort gebafelt und gebechert, als gälte es immer noch, den Sieg der Hussiten über das Kreuzfahrerheer zu begießen. Gleich unterhalb des Hügels mit dem monumentalen Reiterstandbild Žižkas liegt die Bierstube „Zum ausgeschossenen Auge“ (U vystˇrelenýho oka).

Prags Altstadt. Lädt zum Shoppen ein

žižkov ist übrigens eine eigene Republik. Das Rathaus dieses Stadtteils mit ausgeprägtem Lokalpatriotismus initiierte 2002 spaßeshalber ein Referendum zur Abspaltung des Bezirks von Prag. 91 % der Bewohner votierten dafür. Aber in Wahrheit ist auch „Republik Žižkov“ ein Understatement, denn eigentlich ist Žižkov ein Planet. „Täuschungen und Irreführungen sind Teil der tschechischen kulturellen Identität und unseres Erbes“, konstatiert der Kunsthistoriker Tomáš Pospiszyl. Puristisch jedenfalls gab man sich hier noch nie. Dem gotischen Veitsdom wurde einst ein barocker Turm

einen bewussten kontrast zu den Altstadttürmen sollte der minarettartige Fernsehturm in Žižkov bilden, der 1992 fertiggestellt wurde. Er gilt als das letzte sozialistische Bauwerk des Landes. Von einem us-amerikanischen Magazin wurde er zum „zweithässlichsten Gebäude der Welt“ gekürt. Der Bildhauer David Cˇerný hat diesen Klotz durch eine kleine wirkungsvolle Zutat verwandelt: Nun krabbelt ein Dutzend Babys die drei Säulen hoch, wodurch der Turm eine spielerische Note, fast Leichtigkeit erhält. die stadt der hundert türme. Vertikale Gliederung, ein triumphaler Stadt-Akkord, mit der Karlsbrücke und ihren steinernen Heiligen als einer Rampe der Transzendenz. Aber nur in den frühen Morgenstunden, wenn die Touristenströme versiegt sind und ein zarter Nebelschleier über dem Wasser schwebt. Dann kann es passieren, dass der Flaneur die steinerne Brücke betritt und in höchster Verzückung eine Art Himmelfahrt erlebt. „Aber bitte ein Return-Ticket! Ich will wiederkommen.“ ––––– Franz Kafka: Der Prozess. Kafka wurde 1883 in Prag geboren. Sein posthum erschienener Roman zählt zu den Klassikern der Weltliteratur. Suhrkamp Verlag

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