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Der Wind wirbelt über den Sand. Meine Augen tränen, doch ich bin glücklich

Keine Liegebetten, keine Lifeguards. Das Gefühl der Freiheit, mit dem Surfbrett in die wilden Strömungen des Pazifiks

die durch die Flut ins Meer geraten sind und von Haien gefressen wurden, von der deutschen „Wooferin“, die beinahe in Ohnmacht gefallen war, als er ihr erzählte, dass zuvor ein Hai hinter ihr geschwommen sei. starke frauen, wilde tiere. Dann war ich bei Vicky und Wally. Er sanft und freundlich, sie ein „tough cookie“ – ein harter Knochen. Doch sie lehrt mich, Quad zu fahren, sich nach einem Schlangenbiss richtig zu verbinden und die Angst vor riesigen Spinnen (eine sitzt im Wohnzimmer an der Gardine und heißt Henry) abzulegen. Im Dezember schmücken Vicky und ich das Haus mit Weihnachtsgirlanden und Santa Claus mitsamt Plastikrentieren. Bei über vierzig Grad in Flip-Flops. Irgendwie kommt bei mir keine Weihnachtsstimmung auf. 1ch finde freunde. Neben den anderen „Backpackern“ ein australisches Pärchen namens Nicky und Ray. Sie leben in einem Holzhaus in Koonorigan, in der Nähe der Great Dividing Range. In ihrem Garten steht ein Bus, in dem Jenna wohnt.

Seit drei Jahren lebe sie nun schon in ihrem Bus, erzählt sie mir. Jenna zieht durch das Land, arbeitet ein paar Wochen hart, spart alles Geld an, und wenn es genug ist, fährt sie weiter. „Jenna ist ein Gipsy“, meint Nicky lachend. Nicky ist Mitte dreißig, Ray Anfang vierzig. In ihrer Studentenzeit sind sie durch Europa und Afrika getrampt. Wir trinken Rotwein, Ray spielt Gitarre und singt. Die Sterne leuchten hier so klar. Ich schlafe draußen auf der Terrasse, will der Natur nahe sein. Die Weite der Landschaft übt eine große Faszination auf mich aus. In der Dunkelheit unbekannte Geräusche, wie das Greinen eines Babys – es sind Koala-Bären, die nach Weibchen rufen. Plötzlich poltert es auf dem Dach, ein kratzendes Geräusch die Spindeln entlang und dann ein Aufprall in der Regenrinne: Das ungeschickte Possum ist am Dach abgerutscht und hinuntergepoltert. Am Morgen bestaune ich den Sonnenaufgang – und ein paar Wallabys. Die kleinen Kängurus stehen im Garten und knabbern an den Sträuchern. Ich versuche, mich nicht zu rühren. Sie bleiben und

sonnen sich. „Laura, komm, schau dir diese schöne Marble Snake an!“, ruft Ray und hält mir eine Python entgegen. Sie ist noch relativ jung, daher noch nicht so groß. Geschmeidig windet sie sich um seine Arme. Er zeigt mir, sie richtig zu halten, so, dass es ihr nicht gelingt zu würgen. „Vor einiger Zeit hatten wir eine richtig große im Haus. Nicky war oft verwundert, warum die Laden der Kommode geöffnet waren oder das Licht der Stehlampe angedreht – es war die Schlange“, meint Ray lachend. Als wir am Abend wieder gemütlich beieinander sitzen, eine Brown Snake (jene, deren Biss zum Tod führen kann) ihren Kopf zwischen den Holzbrettern der Terrasse vor uns emporreckt, habe ich das Gefühl, nun wirklich im Abenteuer angekommen zu sein. ––––– Traumpfade. Der Reiseschriftsteller Bruce Chatwin folgt den unsichtbaren Wegen der Aborigines. Inspirierend. Roman im Fischer Verlag, ab 10,30 Euro

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