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„Schau dir diese schöne Marble Snake an!“, ruft Ray und hält mir eine Python entgegen

Der fünfte Kontinent. Übt eine große Faszination aus: untertags brütende Hitze, nachts ungewohnte Geräusche der Wildnis

in Form von roten Kirschen, fällt in den großen Korb zu meinen Füßen. Oben beginnen, bis nach unten arbeiten, weiter zur nächsten Staude. Ich schwitze. Mein Körper ist die harte, körperliche Arbeit und die hohen Temperaturen nicht gewöhnt. Sieben Uhr morgens, Australien, New South Wales. eine kaffeefarm. Weil der Kaffee „bio“ ist, werden die Kaffeekirschen von Hand gepflückt. Es gilt, viele schnell in kurzer Zeit zu ernten. Also fallen auch hellrote, grüne und Blätter in den Korb. Händisch reife von unreifen sortieren, in Kübel füllen, auf die Ladefläche des Pick-ups stellen und damit zur Farm fahren. Die „Cherries“ in Wassertröge leeren. Die begehrten Kaffeekirschen sinken, die Blätter schwimmen an der Oberfläche. So wird aussortiert. Die Kaffeebeeren kommen in die Presse, das Fruchtfleisch wird weggequetscht, übrig bleiben die Kerne. Die Kerne ähneln

Kaffeebohnen, wären sie nicht hell wie Erdnüsse. Wir verteilen sie auf in Holzrahmen gespannte Netze. In der Sonne trocknen sie schnell. Sobald sie trocken sind, füllen wir die Bohnen in Säcke. Die Säcke bringt Bret, der Farmbesitzer, in eine nahe liegende Mühle. Dort werden die Bohnen geröstet und gemahlen. Der Biokaffee unserer kleinen Farm wird in den umliegenden Geschäften an die Kundschaft verkauft. Die Gegend um Byron Bay ist bekannt für eine alternative Lebensweise – dazu gehört es, selbst angebaute Produkte der Nachbarschaft zu kaufen. eine einsame nacht in port ­macquarie. Wie in Trance bin ich in Sydney angekommen. Rund achtundvierzig Stunden unterwegs. In den Wochen davor zu Hause alle Verträge gekündigt, die Wohnung aufgelöst, Möbel, Hausrat und Klamotten verkauft und den Rest einer sozialen Einrichtung gespendet. Alles weg – plötzlich bin ich frei.

Nach ein paar Tagen in Sydney, die Euphorie ein wenig in Zweifel umgeschlagen, steige ich in den Zug in Richtung Norden. Abseits der Greyhound-Busse und Touristenrouten. Warum fahren europäische Reisende in Australien nicht mit dem Zug? Ich genieße die stundenlange Fahrt. Meine Reisekompagnons sind australische Jugendliche, Pensionisten und ein paar verlorene Seelen, deren Vorfahren Aborigines gewesen sein dürften. Langsam bekomme ich eine Ahnung von der Größe des Kontinents: Nach stundenlanger Fahrt hat sich landschaftlich nichts verändert. Die raue Schönheit des Landes lerne ich nach einer einsamen Nacht in Port Macquarie kennen. Der North Beach. Kilometerlang weißer Sand. Keine Menschen, kein Lifeguard, keine Liegebetten. Der Pazifik braust. Seine Strömungen sind wild. Nicht zu vergleichen mit europäischen Meeren. Der Wind wirbelt über den Sand. Meine Augen tränen. Ich bin glücklich.

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