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Bücher-Frühling 2023

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FALTER 12/23

LITERATUR

Gendern in der Postapokalypse Elisabeth Klar lässt in „Es gibt uns“ die Menschheit und die Leserinnen hinter sich riggerwarnung: Für diesen Ro- ter!‘ ,Du hast zerrissene Stiefel?‘ Und Bereits in „Wie im Wald“ (2017) legen T man sollte man sich ein ganzes wieder tönt es: ,Ins Theater‘ ,Du hast die Protagonistinnen tierisches VerWochenende freihalten oder jedenfalls nichts zum Tauschen und doch Hun- halten an den Tag, wenn auch rein

Formal erinnert diese Dada-Geschich-

te an eine griechische Tragödie: Ausgerechnet das aktuell wieder einmal gerne totgesagte Theater existiert in Klars Science-Fiction noch, wie folgende Passage belegt: „,Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene?‘ fragt der Chor. Die Menge antwortet: ,Ins Thea-

ger?‘ ,Ins Theater!‘ ,Du legst Vorräte an und versteckst sie gut?‘ ,Theater!‘“ So folgt der ganze Roman einer Theaterveranstaltung. In der Eingangsszene strömt die Bevölkerung zum großen Fest Walpurgis zusammen, ergötzt sich gemeinsam am Spektakel. Spiel und Ekstase schweißen die posthumane Gesellschaft zusammen. Die im Drama geleistete Katharsis, so die Botschaft des Buchs, ist das Lebenselixier der Zukunft. Auch die Namen der Protagonisten erinnern an Fabeln, Sagen oder keltische Mythen. Sie heißen Iubdan, Selkie oder Kaguya und tragen ihre Geschichten mit viel Pathos vor. Auf der Bühne müssen sie ihr Pronomen angeben, deren Anzahl sich in der Postapokalypse vervielfacht hat, ob sie nun er, es, nin, per oder hän lauten. Oberon wir mit „xier“ und „xiem“ angesprochen. Die Autorin selbst akzeptiert für sich

selbst – so kann man auf ihrer Website nachlesen – alle Pronomina. Elisabeth Klar hat Vergleichende Literaturwissenschaft und Transkulturelle Kommunikation studiert und arbeitet hauptberuflich in der Softwareentwicklung. Es ist ihr zweiter Roman, der sich mit einer trans- bis posthumanen Utopie beschäftigt. Schon „Himmelwärts“ (2020) handelt von einer Welt, in der Mensch und Tier nicht mehr zweifelsfrei zu unterscheiden sind. Eine Füchsin namens Sylvia schlüpft in eine Menschenhaut und gibt sich als Frau aus. Der Mensch ist in Klars Werken nicht mehr das Zentrum der Welt, Sprache und Kreativität sind auch auf andere Wesen übergeschwappt.

In zehn exemplarischen Analysen erkundet Klaus Kastberger den Eigensinn der österreichischen Literatur. Anton Wildgans: Zu Recht vergessen Richard Billinger: Bewegungslosigkeit als Karriere Ödön von Horváth: Sich ins Exil schreiben Acte und Akten: Archive der Avantgarde Die Hungerkünstlerin: Elfriede Gerstls kleine Literatur Oswald Wiener: Schreibszenen zwischen Literatur und Wissenschaft Lesen und Schreiben: Peter Handkes Theater als Text Friederike Mayröcker: Werkstatt der Dichterin Wir Kinder der Toten: Spektren bei Elfriede Jelinek Thomas Bernhard: Read after Burning www.sonderzahl.at

Klaus Kastberger

ALLE NEUNE Zehn Aufsätze zur österreichischen Literatur 176 S., fadengeheftete Klappenbroschur Format: 14 × 22 cm € 25,– ISBN 978 3 85449 618 2

rhetorisch. Klars Debüt bescherte ihr begeisterte Kritiken und mehrere Literaturpreise. Der noch vergleichsweise konventionelle Roman handelt von zwei Schwestern und deren Machtspielen. Aus der Ich-Perspektive erzählen beide Frauen vom Kotzen, Bluten und vom Schmerz. Diese körperfixierte Sprache findet sich

auch in „Es gibt uns“ fort. „Denn gegriffen soll werden und geschleckt und gebissen und gerieben und gestreichelt und gekratzt“, singt der Chor, der Titania, Herrscherin von Anemos, huldigt. Mit schweren Hufen und geschmücktem Geweih umhegt sie die Pflanzen, die in der abweisenden Umgebung einer Industrieanlage erblühen. Titanias Knospen sind pure Lust, im Spiel sehnen sich die Bewohner nach dem „lebenden Fleisch der Pflanze“. Die Autorin findet immer wieder auch pointierte Formulierungen – „Nicht alles will man essen, was man lecken will“ –, der Inhalt und Sinn der Geschichte erschließen sich aber nicht. „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“, ruft der Chor, frei nach TanzIkone Pina Bausch. Verloren in der sprachlichen Wirrnis, das sind die Leserinnen und Leser leider ohnehin. LINA PAULITSCH

Elisabeth Klar: Es gibt uns. Residenz Verlag, 192 S., € 24,–

ILLUSTRATION: GEORG FEIERFEIL

mehr Zeit veranschlagen, als man gemeinhin für einen knapp 160 Seiten umfassenden Roman braucht. Bei der Lektüre wird man immer wieder zurückblättern, manche Passagen drei, vier Mal lesen müssen. So etwa ab Seite drei beschleicht einen der Verdacht, dass die Autorin, die Wienerin Elisabeth Klar (Jg. 1986), vorsätzlich alles vernebeln und ins Ungewisse führen will, indem sie sich einer fremdartigen Sprachkunst bedient, die unsereins gar nicht recht verstehen kann. Das hat insofern eine gewisse Logik, als die posthumanistische Erzählung von „Es gibt uns“ in der Zukunft spielt. Nicht Roboter haben die Menschheit überdauert, sondern schleimige Kreaturen. Mikroorganismen und tierische Mischwesen bevölkern die Erde. Nach einem apokalyptischen Ereignis ist die Stadt Anemos verstrahlt. Die Gemeinschaft aus Mutantinnen kämpft mit Tumoren und unfruchtbarer Natur, der Tod kommt schnell. Um ihr Überleben und die Wasserversorgung zu sichern, bedürfen die Bewohner der Hilfe eines krakenhaften Wesens namens Oberon. Als Oberon im Liebesspiel stirbt, muss das Müxerl übernehmen, ein Tierchen mit langer Leidensgeschichte und prallem Bauch.

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