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Das Nebeneinander von Leben und Tod Krankenbericht oder Fiktion? David Wagner erzählt vom „Leben“ mit einer chronischen Krankheit

D

er Auftakt ist stark: Der Icherzähler kommt nächtens nach Hause, isst noch ein bisschen Apfelmus und spürt ein Kratzen im Hals. Wenig später erbricht er einen Blutschwall in die Badewanne. Der Notarzt, dem er auf der Stiege entgegengeht, unterschätzt die Lage, bis der nächste Schwall im Rettungsauto landet: Dieser Mann, ein Mittdreißiger, droht innerlich zu verbluten. Er hat Krampfadern in der Speiseröhre und kennt die Gefahr seit langem, denn sie gehört zu den Folgen seines fortgeschrittenen Leberleidens, einer Autoimmunhepatitis, die ihm bereits als Jugendlichem die Zirrhose eines Alkoholikers im Spätstadium bescherte. Im Spital rettet man sein Leben, immer neue „Ligaturen“ der Speiseröhrengefäße verhindern das Schlimmste, doch er weiß, dass er nun wieder „auf die Liste“ muss: die europaweite Liste der Organaspiranten. Einmal schon war er an der Reihe und schlug das Angebot aus, vorgeblich weil er die kleine Tochter nicht wecken wollte. Dass David Wagner hier von eigenem Erleben

und Erleiden erzählt, liegt nahe, er nennt den Erzähler „Herrn W.“, und der Arzt, der diesen seit 24 Jahren behandelt, heißt diskret „B.“. „Alles war genau so und auch ganz anders“, lautet das Motto des Buches. Die Frage, ob Krankenbericht oder Fiktion, ist keineswegs müßig, sie bestimmt die Form des Textes. Wagner hat sie offen gestaltet: 277 Notizen, Beobachtungen, Gedankensplitter, Kürzestgeschichten, ohne strenge Chronologie, gespickt mit Auszügen aus der Krankengeschichte und einer Fülle von haarsträubenden Todesmeldungen über Verbrechen und bizarre Unglücksfälle, gesammelt während des Wartens auf die neue Leber (das Leben geht weiter); das einschneidende Ereignis der Transplantation ist durch zwei leere, zwei geschwärzte, dann wieder zwei leere Seiten markiert. Incipit vita nova. Präzis, ergreifend, voll tapferem Trotz, aber auch mit ironischen Zwischentönen

erzählt David Wagner von der Beschwernis einer chronischen Krankheit, deren existentielle Raumforderung sich mit Medikamenten besänftigen und zwischendurch verdrängen lässt, bis eines Tages das Leben selbst in Gefahr ist. „Mein weißer Wal“, so nennt der Erzähler sein ungesund hypertrophes Organ, das „groß und ruhig und rundgeschwollen“ unter dem rechten Rippenbogen liegt. Die mangelnde Leberfunktion sorgt für einen hohen Ammoniakspiegel, und der wiederum jahrzehntelang für eine durch nichts zu behebende Müdigkeit. Dass er nicht so verwirrt ist, wie er laut Lehrbuch sein müsste, gibt W. zu denken: „Ist das, was ich sehe und höre und fühle und denke, gar nicht die Wirklichkeit? (...) Sehe ich alles biochemisch getönt?“ Und ist das Cortison, das die Entzündung im Zaum hält, etwa nicht nur an seinem Mondgesicht schuld, sondern auch an seiner Traurigkeit? Auf den Anspruch des „Literarischen“, wie er etwa Kathrin Schmidts herb-poetischen Selbsterfahrungsbericht „Du stirbst nicht“ prägte oder, ganz anders, Julya Rabinowichs „Herznovelle“, verzichtet Wagner offenkundig. Seine Entscheidung für das Bruchstückhafte und Assoziative befördert eine unpathetische, beinah beiläufige Sicht der Dinge: „Plötzlich (...) sehe ich von hier aus so etwas wie ein Leben.“ So sehr W. unter den immer gleichen Leidensgeschichten seiner Mitpatienten stöhnt, so nachdrücklich bleiben sie dem Leser im Gedächtnis: der Bettnachbar, der neben W. die hoffnungslose Diagnose erfährt und, kaum ist der Arzt gegangen, in Tränen ausbricht; die „ungetüme Frau“, die nach der zweiten Transplantation kannibalischen Fantasien frönt; der trunksüchtige Getränkehändler, der aus dem Krankenzimmer heimlich ins nahe Nagelstudio seiner Geliebten schleicht, um dieses mit zweideutigem Doppelsinn zu erfüllen. Das unangestrengte Nebeneinander von Leben und Tod, von schwerer Not und Leichtsinn, Genuss und Angst gehört zu

„Fast ganz vermieden hat Wagner die Gefahr des Organspender­ empathiekitsches“

David Wagner: Leben. Rowohlt, 287 S., € 20,60

den Stärken von Wagners Bericht. Bald wird der Kranke von unbändiger Lebenslust gepackt, bald träumt er vom Eingeschläfertwerden: „Zu leben ist ja viel komplizierter, als tot zu sein.“ Für die Rettungsfahrt zur großen Operation muss W., weil nicht „zuzahlungsbefreit“, zuerst einmal fünf Euro berappen. Nicht fehlen darf die mythische Biopsie des gefesselten Prometheus, an dessen Leber sich ein Adler gütlich tut. Vor Tomatensuppe fürchtet W. sich, seit er als Kind einmal gesagt hat, dies solle das Letzte sein, was er in seinem Leben esse. Merkwürdig der Klinikspeisezettel, wenige Tage nach der Transplantation: „Ist da Leberwurst nicht ein wenig rücksichtslos?“ Zu den Schwächen des Buches gehört Wagners Drang, Reflexionen bis zur Redundanz auszuwalzen. Nicht alle Erkenntnisse des Krankenlagers sind so neu, wie sie dem Kranken scheinen: dass in der modernen Medizin die – klinischen – Werte mehr zählen als das Handauflegen; oder dass man im Krankenhaus den eigenen Körper und die Verantwortung dafür abgibt. Auch ist nicht einsichtig, warum der erfahrene Patient sich von einem Spitalsarzt die Funktionsweise der Leber erklären lassen und in der Klinikbibliothek dazu nachschlagen müssen sollte, es sei denn, er wollte so den unbedarften Leser instruieren. Fast ganz vermieden hat Wagner die Gefahr des Organspenderempathiekitsches – leider malt sich sein Alter Ego dann doch eine Spenderin aus, an die es seine Schuldgefühle adressiert. Einen „unpersönlichen“ Dankesbrief an die anonymen Hinterbliebenen dürfte W. schreiben, er kann aber nicht. Gern glaubte er Derrida, mit dem ihn ein Pissoirbesuch verbindet: Eine wirkliche Gabe ist nur eine ohne Gegengabe. Die Erkenntnis, dass jede Krankheit „ihrem Patienten eine Geschichte schenkt“, gilt im „Chor der Transplantierten“ natürlich auch für den Autor, obwohl der’s nicht merkt: „Zu reden heißt, ich bin nicht tot.“  DANIEL A STRIGL

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Berliner Tagesspiegel, Katrin Hillgruber

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