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„Kann man das nicht selber machen?“ Sein Geld verdient Jürgen Schütz mit Autos. Er steckt es in seinen Literaturverlag Septime

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foto: ulrike rauch

eine Frage, der Mann ist daran gewöhnt, Kundengespräche zu führen. Jürgen Schütz sitzt an einem Wirtshaustisch und referiert Daten, Fakten, Hintergründe zum von ihm 2008 gegründeten österreichischen Kleinverlag Septime. Er redet mit großem Eifer und praktisch ohne Unterbrechung eineinhalb Stunden lang. Aber seine Geschichte ist so ungewöhnlich und gut, dass man ihm gerne zuhört. Das Leben des gebürtigen Wieners mit burgenländischen Wurzeln wurde lange Zeit nicht von Auflagenzahlen, sondern von Pferdestärken bestimmt. Schütz hat Automechaniker gelernt, wechselte wegen gesundheitlicher Probleme nach über 20 Jahren in den Außendienst und betreut heute für einen Autohersteller die Händler im Westen Österreichs. Ein Mehr-als-40Stunden-Job. „Umsätze verfolgen, Marketingstrategien mit den Händlern austüfteln, Tests mit Mechanikern durchführen“, umreißt er seinen Aufgabenbereich. Das klingt abwechslungsreich, erfüllt den 44-Jährigen aber schon lang nicht mehr. Schütz verdient sein Geld in der Autobranche, um einen Gutteil davon in seinen Verlag zu stecken.

Und das kam so: „Ich habe als Jugendlicher gern gelesen. Dann kam der Führerschein, da habe ich ein paar Jahre nichts gelesen. Mit 25 habe ich wieder begonnen: Neues, aber auch Klassiker. Mit der Zeit wurde es immer elitärer.“ Eines schönen ­Tages fiel ihm auf, dass es einen Text von Julio Cortázar gab, der noch nicht ins Deutsche übersetzt vorlag. Und plötzlich war der Gedanke da: „Kann man das nicht selber machen?“ Was darauf folgte, beschreibt er heute als „eine Fahrt ins Blaue“. Er gründete Septime ohne das Wissen, wie ein Verlag funktioniert. „Ich habe nicht einmal gewusst, was eine Verlagsauslieferung ist. Und ich habe den Fehler begangen, anfangs Paperbacks zu machen. Damit nimmt dich aber niemand ernst. Abgesehen davon, dass sowieso niemand gewusst hat, dass es den Verlag gibt und welche Bücher er herausbringt.“

Septime bringt – kurz gesagt – Bücher heraus, die es sonst womöglich nie geben würde. Schütz und seine Mitarbeiterin Sabrina Gmeiner, die ihn seit einem Jahr bei allen Aufgaben im Verlag unterstützt, stürzen sich mit Vorliebe auf fremdsprachige Autoren, die in Vergessenheit geraten sind oder deren Werke nicht vollständig übersetzt wurden, sowie auf deutschsprachige, die noch unbekannt sind. Erstmals auffällig geworden ist Septime durch die Übersetzung von Juan José Arreolas Buch „Der Jahrmarkt“. Karl-Markus Gauß schrieb auf diesen ­Seiten eine ausführliche Rezension und sorgte für einen ersten Aufmerksamkeitsschub. Die aktuellen Zugpferde des Verlages sind James Tiptree Jr. und Denis Scheck. Mit Tiptree (eigentlich Alice B. Sheldon; 1915–1987) ist Septime ein kleiner Coup gelungen. Man stemmt die weltweit erste Gesamtausgabe der in unseren Breiten zu Unrecht kaum bekannten Autorin mit Nahverhältnis zur Science-Fiction. Der deutsche TV-Literaturkritiker Scheck outete sich als Tiptree-Fan und bescherte Septime damit einen weiteren Aufmerksamkeitsschub. „Wir werden langsam bekannter. Immer mehr Buchhändler schmeißen unsere Vorschau nicht gleich in den Mistkübel“, sagt Schütz. „Diesmal haben sogar einige Buchhändler angerufen und sich erkundigt, wo die Vorschau bleibt, weil wir sie zu spät ausgeschickt haben.“ Inhaltlich verfolgt er sehr ambitionierte Ziele, ja, er strebt das praktisch Unmögliche an: „Wir versuchen ein Programm wie ein großer Verlag zu haben.“ Das aktuelle Frühjahrsprogramm ist eine Ansage. Abgesehen vom Debüt der österreichischen Erzählerin Isabella Feimer („Der afghanische Koch“) besteht es vor allem aus Übersetzungen – so etwa „Das Casting“ von Ryu Murakami, das Leo Federmair ins Deutsche übersetzt hat, oder „Ich bin die Walker Brüder“ von Jan Kjaerstad in der Übertragung von Bernhard Strobel.

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Zur Person Jürgen Schütz, geboren 1968, war Automechaniker und arbeitet als Manager im Kundendienst bei Renault. 2008 gründete er den Septime Verlag – mit dem Ziel „kompromisslose Literatur zu vertreten, mit einem hohen Anspruch an Qualität und Rarität“. Bislang erschienen u.a. Werke von Julio Cortázar, James Tiptree Jr., Juan José Arreola, Nona Fernández, Guillermo Cabrera Infante, Isabella Feimer und Valerie Fritsch

Das alles kostet Geld. Auch auf der Frankfurter Buchmesse lässt Schütz es gern krachen und mietet schon mal die Hauptbühne für eine Präsentation. Die Mittel dafür stammen weder aus der öffentlichen Hand noch aus Krediten, bis dato finanziert der Chef den Verlag ausschließlich aus eigener Tasche. „Früher habe ich eine kleine Oldtimer-Sammlung gehabt“, erzählt er. „Bis auf einen habe ich die verkauft.“ Und seinen Jahresurlaub investiert er in den Besuch der drei Buchmessen in Leipzig, Frankfurt und Wien. Ein wenig wurmt Schütz, dass er unter der Woche kaum einmal in Wien ist und nicht zu Veranstaltungen gehen kann, um Kontakte zu pflegen. Davon abgesehen könne man einen Verlag heute auch vom Laptop aus betreiben und ein Buch spätabends im Hotel setzen, ist er überzeugt. Nur: Wie lange hält man das in der Intensität aus? „Ich war seit sieben Jahren nicht mehr krank, und ich kann gar kein Burn­ out bekommen“, so der getriebene Verleger. „Sonst hätte ich schon eines bekommen. Oder ich habe es eh schon gehabt und nicht bemerkt.“ Im Grunde, erzählt er mit einem Lächeln,

wäre es natürlich weit billiger gewesen, wenn er das Cortázar-Buch („Fantomas gegen die multinationalen Vampire“) vor ein paar Jahren nur für seine eigene Privatlektüre hätte übersetzen lassen. Inzwischen aber hat er Blut geleckt und steckt zu tief drin im Buchmachen, als dass er die Verlagsgründung im Nachhinein bereuen würde. „Ich habe keine Kinder“, sagt er. „In gewisser Hinsicht sind die Bücher wie meine Kinder. Neulich habe ich zu meiner Angestellten gesagt: ,Wenn mir was passiert, mach bitte wenigstens die Tiptree-Ausgabe fertig. Und dann erst sperrst du zu.‘“ Übrigens hat Schütz noch keinem einzigen Autor zu einem günstigen Auto verholfen: „Ich würde ja, aber die haben alle keinen Führerschein.“ S E B A S T I A N F A S T H U B E R

Nachrichten aus Kärnten

Richard Schuberth

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»Schuberths Drama bedient sich klassischer Versatzstücke aus Abenteuer- und Horrorgenres. Seine Reisegruppe überschreitet die Grenzen der Zivilisation und dringt in eine Art barbarische Wildnis �or. In der Darstellung dieser Wildnis spielt Schuberth mit den Klischees, die der westliche Kulturbetrieb mit dem ›unberührten‹ Balkan verbindet.« (��� online) service@lesezeit.at

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