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FALTER

Bücher-Frühling 2009

71 Bücher auf 48 Seiten

Nr. 11a/09

Literatur aus den USA, Osteuropa und Österreich. Interview: Franz Schuh spricht mit Adolf Holl Darwin ist nun tatsächlich 200! Neues von Kühen und Raben. Über bodenständiges Kochen Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2189/2009

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Falter Kultur Für geniesser

Vene Maier

Hannes Gans

Hannes Gans

GroSSe Schnäpse

Handwerk und seine Meister

G’schichten vom Land

Ein Guide zu den besten Obstbränden und Schnapsbrennern in Österreich, Italien, Deutschland und der Schweiz.

Ein Führer zu 100 bemerkenswerten Werkstätten in Wien und Niederösterreich.

Ausflugsziele in Niederösterreich. Von der Wittgenstein-Volksschule am Wechsel bis zum Urwald im Raxgebiet.

288 Seiten, 5 25,50

336 Seiten, 5 25,50

408 Seiten, 5 25,50

Berndt Anwander

Berndt Anwander

Bernd Orfer

Unterirdisches Wien

Beisln und Alt-Wiener Gaststätten

Wandern in Ostösterreich

Ein Führer in den Untergrund Wiens. Die Katakomben, der Dritte Mann und vieles mehr. 352 Seiten, 5 25,50

Empfehlungen zu 200 der schönsten Wiener Lokale, mit ausführlichen Beschreibungen, Adressen und Öffnungszeiten.

72 der schönsten Wanderungen vom Neusiedlersee bis zum Kamp, vom Weinviertel bis zur Traun. 328 Seiten, 5 25,50

272 Seiten, 5 25,50

Falters KULTUR FÜR GENIESSER IMMER GUT VERFÜHRT: Die Bände der Reihe „Falters Kultur für Genießer“ widmen sich mit großer Kennerschaft und viel Liebe fürs Detail den kulturhistorischen, landschaftlichen und kulinarischen Besonderheiten Österreichs.

Bestellen unter: www.faltershop.at T: 01/536 60-928, F: 01/536 60-935 E: service@falter.at oder in Ihrer Buchhandlung


IN HALT

COVERFOTOS: MARTIN FUCHS

Die Falter-Buchbeilage erhalten Sie auch gratis in folgenden Buchhandlungen A. Punkt, Fischerstiege 1–7, 1010 Wien Aichinger Bernhard, Weihburggasse 16, 1010 Wien Berger, Kohlmarkt 3, 1010 Wien Freytag & Berndt, Kohlmarkt 9, 1010 Wien Frick, Kärtner Straße 30, 1010 Wien Herder, Wollzeile 33, 1010 Wien Kuppitsch, Schottengasse 4, 1010 Wien Leo & Co., Lichtensteg 1, 1010 Wien Lia Wolf, Bäckerstraße 2, 1010 Wien Löwelstraße, Löwelstraße 18, 1010 Wien Morawa & Styria, Wollzeile 9, 1010 Wien Morawa & Styria, Rotenturmstraße 16–18, 1010 Wien ÖBV, Schwarzenbergstraße 5, 1010 Wien Schottentor, Schottengasse 9, 1010 Wien tiempo, Johannesgasse 16, 1010 Wien Facultas im NIG, Universitätsstraße 7, 1010 Wien Winter, Landesgerichtsstraße 20, 1010 Wien Frick International, Schulerstraße 1–3, 1010 Wien tiempo nuevo, Taborstraße 17a, 1020 Wien Thalia, Landstraßer Hauptstraße 2a/2b, 1030 Wien Ebbe und Flut, Radetzkystraße 11, 1030 Wien Laaber, Landstraßer Hauptstraße 33, 1030 Wien Jeller, Margaretenstraße 35, 1040 Wien Malota, Wiedner Hauptstraße 22, 1040 Wien Lehrmittelzentrum Technik, Wiedner Hauptstraße 6, 1040 Wien Thalia, Mariahilfer Straße 99, 1060 Wien BVG-Bücherzentrum, Mariahilfer Straße 1c, 1060 Wien Hintermayer, Neubaugasse 27, 1070 Wien Krammer, Kaiserstraße 13, 1070 Wien Posch, Lerchenfelder Straße 91, 1070 Wien Bernhard Riedl, Alser Straße 39, 1080 Wien Eckart, Josefstädter Straße 34, 1080 Wien Lerchenfeld, Lerchenfelder Straße 50, 1080 Wien Buch-Aktuell, Spitalgasse 31, 1090 Wien Kuppitsch am Campus, Alser Straße 4, 1090 Wien Leporello, Liechtensteinstraße 17, 1090 Wien Löwenherz, Berggasse 8, 1090 Wien Management Bookservice, Augasse 5–7, 1090 Wien Reisebuchladen, Kolingasse 6, 1090 Wien Yellow, Garnisongasse 7, 1090 Wien LeseZeit, Stockholmer Platz 4, 1100 Wien BVG-Bücherzentrum, Schönbrunner Straße 261, 1120 Wien Bestseller, Hietzinger Hauptstraße 22, 1130 Wien Hartleben, Hütteldorfer Straße 114, 1140 Wien Morawa V.I.C., Hackinger Straße 52, 1140 Wien Book Point 17, Kalvarienberggasse 30, 1170 Wien Hartliebs Bücher, Währinger Straße 122, 1180 Wien Baumann, Gymnasiumstraße 58, 1190 Wien Fritsch Georg, Döblinger Hauptstraße 61, 1190 Wien Stöger, Obkirchergasse 43, 1190 Wien Thalia, Q19, Kreilplatz 1, 1190 Wien Thalia, SCN, Ignaz-Köck-Straße 1, 1210 Wien Bücher Am Spitz, Am Spitz 1, 1210 Wien BVG-Bücherzentrum, SCS, Top 155, 2331 Vösendorf Morawa & Styria, SCS, Top 49A, 2331 Vösendorf Berthold, Hauptstraße 51, 2340 Mödling Dietz GmbH, Bahnstraße 1, 2351 Wiener Neudorf Valthe, Wiener Gasse 3, 2380 Perchtoldsdorf Hikade, Schulgasse 2a, 2700 Wiener Neustadt Mitterbauer, Wiener Straße 10, 3002 Purkersdorf Sydy’s, Wiener Straße 19, 3100 St. Pölten Schmidl, Obere Landstraße 5, 3500 Krems/Donau Alex, Hauptplatz 17, 4020 Linz Thalia, Landstraße 41, 4020 Linz Thalia, Schmidtgasse 27, 4600 Wels Thalia, Pfarrgasse 11, 4820 Bad Ischl Michael Neudorfer, Hinterstadt 21, 4840 Vöcklabruck Thalia, Wohlmeyrgasse 4, 4910 Ried/Innkreis Motzko, Rainerstraße 24, 5017 Salzburg Höllrigl, Sigmund-Haff ner-Gasse 10, 5020 Salzburg Morawa & Styria – Europark, Europastraße 1, 5020 Salzburg Morawa & Styria SCA, Alpenstraße 107, 5020 Salzburg Rupertusbuchhandlung, Dreifaltigkeitsgasse 12, 5020 Salzburg Facultas NAWI-Shop, Hellbrunner Straße 34, 5020 Salzburg Engelhard Brandstätter, Marktplatz 15, 5310 Mondsee Morawa & Styria Sillpark, Museumstraße 38, 6020 Innsbruck Tyrolia, Maria-Theresien-Straße 15, 6020 Innsbruck Wagner!sche, Museumstraße 4, 6020 Innsbruck Jöchler, Malserstraße 16, 6500 Landeck Eulenspiegel, Marktstraße 42, 6845 Hohenems Ananas, Marktplatz 10, 6850 Dornbirn Brunner, Montfortstraße 12, 6900 Bregenz Brunner, Dr.-Schneider-Straße 22, 6973 Höchst Dradiwaberl Uni-Shop, Zinzendorfgasse 25, 8010 Graz Pock, Hauptplatz 1, 8010 Graz Leykam, Europaplatz 4, 8010 Graz Leykam, Stempfergasse 3, 8010 Graz Moser Ulrich, Herrengasse 23, 8010 Graz Leykam, Grazerstraße 9, 8330 Feldbach Heyn Johannes, Kramergasse 2, 9020, Klagenfurt

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Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser Es gab auch schon Falter-Buchbeilagen ohne Amis. Diesmal gibt es wieder etwas mehr: Eröffnet wird der kleine US-Schwerpunkt mit zwei voluminösen Kriegsromanen: Denis Johnsons „Ein gerader Rauch“ über den Vietnam-, Nicholson Bakers „Menschenrauch“ über den Zweiten Weltkrieg. Neben Sigrid Löffler ist übrigens auch deren Nachfolger als Belle tristik-Verantwortlicher von „Literaturen“mit an Bord: Der Berliner Literaturkritiker Jörg Magenau. Der Sachbuchteil eröffnet mit Umberto Ecos „Kunst des Bücherliebens“, womit nicht nur der Inhalt der Bücher gemeint ist, sondern auch ihre Haptik und das Gespräch des Lesers mit bereits verstorbenen Autoren. In diesem Sinne ist Darwin seit nunmehr 200 Jahren äußerst lebendig, Joseph Kyselak seit 210 und die anderen besprochenen Autoren vermutlich auch über ihren Tod hinaus ... K L AUS NÜCHTERN, K IR STIN BR EITENFELLNER , MAT THIAS DUSINI

Inhalt

Reportage: Der Gutenberg vom Grindelhof, Wiens letzter Zeuge der bleiernen Zeit Seite 4—5 Belletristik: US-Literatur Seite 6—12, Helden des Ostens Seite 13—18, Österreich Seite 19—24, Wärmstens empfohlen Seite 20—21 Sachbuch: Franz Schuh spricht mit Adolf Holl Seite 30—32, Neues zum Darwin-Jahr Seite 35, Thurnher über Kochbücher Seite 46 Index

Besprochene Autoren Baker, Nicholson 7 Baumann, Zygmunt 45 Bergerson, Sephi 46 Bleier, Wolfgang 20 Blom, Philipp 33 Boyle, T. Coraghessan 10 Breznik, Melitt a 22 Brunner, Maria E. 42 Burger, Rudolf 29 Cejpek, Lucas 24 Desmond, Adrian 35 Dickner, Nicolas 12 Dische, Irene 26 Dudemaine, Sophie 46 Eco, Umberto 28 Ernst, Edzard 41 Farrow, Joanna 46 Freumbichler, Johannes 22 Friedman, Thomas L. 43 Gay, William 8 Genazino, Wilhelm 25 Gilmour, David 12 Gnauck, Gerhard 39 Goff riller, Gabriele 40 Gourevitch, Philip 44 Heinrich, Susanne 26 Holl, Adolf 30, 32 Huemer, Christof 21 Hulová, Petra 15 Hvorecky, Michal 14 Johnsons, Denis 6 Jones, Steve 35 Junker, Thomas 35 Kappacher, Walter 19 Kitcher, Philip 35 Kutschera, Ulrich 35 Magris, Claudio 40 Martinez, Guillermo 27 Mischkulnig, Lydia 24 Mittermayer, Manfred (u.a.) 38 Moore, James 35 Morris, Errol 44 O’Neill, Joseph 10 Ottersbach, Béatrice 37 Pain, Agda Bavi 14

Paul, Sabine 35 Piwitt , Hermann Peter 21 Quammen, David 35 Rademacker, Birgit 46 Reichholf, Josef H. 34 Rieff, David 36 Robin, Marie-Monique 42 Robnik, Drehli 37 Roux , Michel 46 Rudiš, Jaroslav 13 Saviano, Roberto 39 Schalamow, Warlam 16 Schmitzer, Stefan 23 Sievers, Gerd W. 46 Singh, Simon 41 Sinjawskijs, Andrej 17 Stassi, Fabio 27 Stavarič, Michael 19 Stift, Linda 20 Suljagić, Emir 44 Ugrešićs, Dubravka 18 Veiel, Andres 37 Vlautin, Willy 9 Werner, Florian 34 Willmann, Martina 46 Windham, Donald 11 Wray, John 8 Zakaria, Fareed 43

Besprochene Titel Der Aufstieg der Anderen. Das postamerikanische Zeitalter 43 Am Ende der Welt 14 Baba Jaga legt ein Ei 18 Böse Spiele 19 Charles Darwin. Der große Forscher und seine Theorie der Evolution 35 Clarissas empfindsame Reise 26 Der Darwin-Code. Die Evolution erklärt unser Leben 35 Darwins Garten. Leben und Entdeckungen des Naturforschers Charles Darwin und die moderne Biologie 35 Darwin’s Sacred Cause: How a Hatred of Slavery Shaped Darwin’s Views on Human Evolution 35 Dog Star 11 Dokumentarfilm. Werkstattberichte 37 Ein gerader Rauch 6 Ein Nilpferd in Lund. Reisebilder 40 Eine Stimme im Chor 17 Eskorta 14 Fleisch 46 Der Fliegenpalast 19 Die Frauen 10 Friaul genießen 46 Das Gegenteil von Tod 39 Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt 45 Geschichtsästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948–2008 37

Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin? 41 Das Glück in glücksfernen Zeiten 25 Gourmet-Haschees 46 Die große Teubner Küchenpraxis 46 Ikonen – Helden – Außenseiter. Film und Biographie 38 Indien. Ein Geruch 42 Jahre unter ihnen 21 Jenseits der Linie. Ausgewählte philosophische Erzählungen 29 Joseph Kyselak. Skizzen einer Fußreise durch Österreich 40 Die Kuh – Leben, Werk und Wirkung 34 Grandhotel 13 Die letzte Partie 27 Das linke Ufer – Erzählungen aus Kolyma 2 16 Geschichte von Abu Ghraib 44 Die Kunst des Bücherliebens 28 Macht euch keine Sorgen 24 Manches wird geschehen 15 Menschenrauch 7 Mit Darwin leben. Evolution, Intelligent Design und die Zukunft des Glaubens 35 Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert 42 Nächtliche Vorkommnisse 8 Nicht ohne eine Prise Salz 46 Niederland 10 Nikolski 12 Nordlicht 22 Northline 9 Ofenfrisch 46 Philomena Ellenhub 22 Rabenschwarze Intelligenz. Was wir Von Krähen lernen können 34 Retter der Welt 8 Roderers Eröff nung 27 Schokolust 46 So, jetzt sind wir alle mal glücklich 26 Srebrenica. Notizen aus der Hölle 44 Stierhunger 20 Streetfood Indisch 46 Der taumelnde Kontinent. Europa 1900–1914 33 Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag 36 Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte 35 Unser allerbestes Jahr 12 Verzettelung 20 Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert 43 Wie gründe ich eine Religion? 32 Wo ist Elisabeth? 24 Wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht 23 Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre 39 Zweifellos 21

Impressum Falter, Zeitschrift für Kultur und Politik. 31. Jahrgang. 1011 Wien, Marc-Aurel-Str. 9, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschrift en Ges.m.b.H. Chefin vom Dienst: Isabella Grossmann Redaktion: Kirstin Breitenfellner, Matthias Dusini, Klaus Nüchtern Layout: Dirk Merbach, Raphael Moser Korrektur: Helmut Gutbrunner, Ulrike Hirhager, Patrick Sabbagh, Rainer Sigl, Gerhard Unterthurner Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln, DVR-Nr. 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten.

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reportage

Der letzte Zeuge der b R e p o r t a g e : J o s e p h G e pp , F o t o s : M a r t i n F u c h s

G

anz am Rand von Wien, im Brachland zwischen den Auffahrten zur Westautobahn, liegt die Druckerei Holzhausen. Ein Containerbauwerk, Industriestil, der Schnee tröpfelt vom Flachdach auf die Autos der Angestellten. Drinnen sitzen junge Menschen vor Computern, Maschinen brummen leise, und an den Wänden künden Hochglanzbilder von den Hochglanzprodukten des Betriebs, Kunstbücher im Rosshaardesign zum Beispiel, oder pseudo-alte Einbände aus pseudo-vergilbtem Schafsleder. Und dazwischen, in einer weißgetünchten, gefliesten Kammer, sitzt Richard Pinter, 57 Jahre alt, aus Schattendorf im Burgenland. Er ist der letzte Vertreter einer vergangenen Epoche. Er ist Bleisetzer.

Früher lag die Druckerei nicht am Stadtrand,

sondern war in einem Gründerzeithaus in Neubau untergebracht. Albrecht Dürer und Johannes Gutenberg wachten als Statuen vor dem Tor über den Stolz der Zunft. Drinnen arbeiteten hunderte Setzer vor tausenden Fächern, Laden und Schiebern, gefüllt mit Lettern. Sie wandten jene Methode an, die Gutenberg schon um das Jahr 1450 entwickelt hatte, den Druck mit beweglichen Lettern. Die Arbeiter von Holzhausen bauten auf diese Weise auch altgriechische und kyrillische Texte, sogar Hieroglyphen. Romane und wissenschaftliche Fachbücher entstanden von Hand, in jahrelanger Arbeit, Buchstabe für Buchstabe, Seite für Seite. „Wir hatten fünf serbische Gastarbeiter, die waren ausschließlich Formelsetzer“, erzählt Pinter. „Die machten den ganzen Tag nichts anderes, als mathematische Formeln zusammenzustellen und zu drucken.“ Dann kam die elektronische Textverarbeitung und ein ganzes Gewerbe verschwand. Wo früher 200 Leute notwendig waren, braucht man heute fünf. Die Setzer wurden Krankenpfleger, Polizisten oder gingen in Frühpension. Alle bis auf Richard Pinter, ein stämmiger Mann mit ausgeprägtem burgenländischem Dialekt und breiter 70er-Jahre-Brille. „Manufaktur“ steht auf einem Schild an der Wand neben dem modernen Logo der Druckerei. Altes und Neues stehen am Arbeitsplatz von Richard Pinter unharmonisch nebeneinander: Vor den Holzschiebern mit den bleiernen Lettern, schwarz geworden vom vielen Öffnen und Schließen, steht ein Plastikkanister mit rotem Totenkopfwarnschild. Auf einer Holzkiste klebt ein Kalender von 1985. Ein gusseiserner Doppeladler prangt auf der Druckerpresse aus dem Revolutionsjahr 1848, die Brust des Wappentiers ziert das Wort „Pressefreiheit“. Pinter druckt Universitätsurkunden. Ausschließlich und seit 25 Jahren. Damals verabschiedete sich die Druckerei Holzhausen fast vollständig vom Bleisatz. Studenten aber, die auf den Erwerb akademischer Würden besonders stolz sind, können sich ihr Diplom auch heute noch auf traditionel-

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le Art herstellen lassen. Für 65 Euro liefern die Universitäten das handgesetzte Unikat auf siegelverziertem Karton oder Schafshautpergament. Es kommt aus der Werkstatt von Richard Pinter, gefertigt auf seiner Presse von 1848. Von den tausenden Schiebern mit Lettern sind nur einige Dutzend geblieben, dort liegt der Rest des einst riesigen Fundus an Buchstaben. „In den 70er-Jahren hatten wir auch noch eine eigene Bleigießerei“, erinnert sich Pinter. „Dort haben wir Lettern angefertigt. Von dem Bestand zehren wir bis heute.“ Pinter, der vor 42 Jahren als Lehrling begann, weiß noch, wie die Technik zu handhaben ist. Der größte Teil der Urkunden bleibt immer gleich, der Name der Universität, der Rektor, der standardisierte Urkundentext. Pinter tauscht nur Namen, Studienfach, Geburtsdaten aus – eine jahrzehntelang eingeübte Tätigkeit. Er könnte Hütchenspieler sein, so ruhig und flink ordnet er die Lettern aneinander, tauscht sie aus, schichtet sie um, schlichtet sie ein. Auf einer Metallplatte ordnet Pinter die Lettern zu Wörtern, richtet die Abstände zwischen ihnen ein, streicht mit einer Walze schwarze Farbe über die bleierne Vorlage. Danach legt er das Pergament über die Lettern, schiebt das Ganze unter die Presse und betätigt einen massiven, wohl millionenmal benutzten Holzgriff. Das Gewicht der Presse senkt sich herab und drückt das Papier gegen das schwarzgefärbte Blei. Die Urkunde ist fertig. Nächstes Dokument, anderer Name, selbe Studienrichtung – Pinter hat seine Urkunden vorab nach Studienfächern sortiert, das erspart Arbeit. Dasselbe Procedere, dasselbe konzentrierte Auswälzen der Lettern mit Farbe. Diesmal ist es ein Doktor, die Urkunde wird lateinisch ausgestellt, aus Wolfgang wird „Wolfgangus“, aus Georg „Georgus“. Im Gegensatz zur Magisterurkunde ist der Name des Doktors in goldener Farbe zu drucken. Pinter betrachtet die drucknassen Buchstaben, schüttelt danach ein wenig Kupferstaub aus einer verbeulten Blechdose, bläst ihn über die klebrige Farbe, verstreicht den restlichen Staub sorgfältig mit Watte. Dann glitzert der Name in schönstem Gold. „Wenn ich weg bin“, sagt Pinter, „dann wird die Druckerei wohl einen anderen Weg finden, die Urkunden zu drucken.“ Dann verschwindet der Bleisatz und das Wissen um seine Handhabung. Von ihm werden dann nur noch jene Begriffe bleiben, die auch in den Zeiten der Bildschirmarbeit noch gebräuchlich sind: die „Punktgröße“, der „Umbruch“, die „Spationierung“ oder die „Bleiwüste“ als Scherzwort für lange Texte ohne Bilder. Dann wird die Druckerpresse von 1848 vielleicht im Foyer des Gebäudes aufgestellt. Neben den Kaffeeautomaten und den Mineralwasserflaschen. Als Erinnerung an F nun endgültig vergangene Zeiten. 

Früher waren es tausende Fächer, Laden und Schieber. Heute sind einige wenige ge

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r bleiernen Zeit

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Am Stadtrand geht Richard Pinter einem aussterbenden Beruf nach: Er arbeitet in Wiens letzter Bleisatzdruckerei

nige wenige geblieben. Aus diesen Bleilettern formt Richard Pinter seit 25 Jahren die immergleichen Universitätsurkunden

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Liter atur

Die durch die Hölle gehen Denis Johnsons monumentaler Vietnam-Roman „Ein gerader Rauch“ ist nicht nur an Seiten stark

Erstaunlich ist zunächst, wie gut Johnson, der

als Autor von Kurzgeschichten und knapp gehalteten Romanen wie „Jesus’ Sohn“ oder „Train Dreams“ bekanntgeworden ist, sich über die Langstrecke von fast 900 Seiten schlägt; wie er eine halbwegs chronologische Handlung (Zeitraum: 1963 bis 1970, mit einer langen Coda 1983) und biblisch-mythische Exkurse mischt, wie er von Schauplatz zu Schauplatz streift und fast immer den richtigen Ton trifft, so als würde er eine improvisierende Jazzcombo anführen. Man könnte die Lektüre auch mit dem Betrachten eines Malers bei der Arbeit vergleichen: An immer neuen Stellen einer riesigen Leinwand bringt Johnson kleine Pinselstriche an, die zunächst wenig miteinander zu tun haben, aus denen sich jedoch im letzten Viertel des Romans überraschend ein großes, schockierendes Gemälde ergibt. Sprich: Die Mühe, die man als Leser mitunter hat, dranzubleiben und der verschlungenen Handlung zu folgen, wird am Ende belohnt. „Ein gerader Rauch“ handelt vom Krieg im Inneren. Die Gefechte im Dschungel bleiben ziemlich außen vor, viel mehr interessiert Johnson der Kampf, den seine Figuren aufgrund dessen, was sie an Grauen zu sehen bekommen, mit sich selbst auszufechten haben.

Etwa ein eben erst eingeflogener Soldat, der

gleich einmal irrtümlich einen Affen angeschossen hat: „Er glaubte, sein Kopf würde explodieren, wenn der Vormittag weiter so in den Dschungel hinein brannte und die Möwen weiter so kreischten und der Affe weiter so aufmerksam seine Umgebung betrachtete, den Kopf und die schwarzen Augen hin und her bewegend, als folgte er dem Verlauf einer Unterhaltung, einer Diskussion, einem Streitgespräch, das der Dschungel – der Morgen – der Moment – mit sich selber führte.“ Der Name des Soldaten ist James Houston. Der Spross einer White-Trash-Familie aus Phoenix hat sich aus Perspektivlosigkeit freiwillig verpflichtet. Sein Vater sitzt im Gefängnis, die Mutter hat einen religiösen Wahn entwickelt, sein älterer Bruder Bill ist bei den Marines. Immer wieder wer-

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den wir James und Bill auf ihren Irrwegen begegnen. Das Gleiche gilt für Skip Sands, einen intelligenten, wenn auch orientierungslosen jungen Mann, der für die mit dem CIA verbundene Einheit PsyOps arbeitet. Sein Aufgabengebiet sind psychologische Kriegsführung, das Auskundschaften von Vietcong-Tunneln und das Re­k rutieren von Doppelagenten. Der Zögerer scheint schwerlich der richtige Mann für den Job zu sein. Doch sein AlphamännchenOnkel Colonel Sands leitet die Truppe und hat den Neffen unter seine Fittiche genommen.

„Vietnam ist ein versteckter dritter Weltkrieg, ein StellvertreterArmageddon. Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, und das wahre Schlachtfeld ist das Herz eines jeden Menschen.“ Denis Johnson

Denis Johnson dirigiert ein Personal von gut

und gern zehn, zwölf annähernd gleich wichtigen Hauptfiguren. Wenn das Buch einen geheimen Mittelpunkt hat, dann ist es der Colonel. Zunächst tritt er einem als Pearl-Harbor-Veteran und typisches, ständig betrunkenes Kriegergroßmaul entgegen: „Es ist ein versteckter dritter Weltkrieg“, philosophiert er über den Vietnam-Krieg. „Es ist ein StellvertreterArmageddon. Es ist ein Kampf zwischen Gut und Böse, und sein wahres Schlachtfeld ist das Herz eines jeden Menschen. Ich übertrete jetzt mal kurz eine Grenze, Skip: Manchmal frage ich mich, ob dies nicht das verdammte Alamo ist. Das hier ist die gefallene Welt.“ Der Colonel hat aber auch andere Seiten. So neigt er zu beinahe pynchonesken Abschweifungen und seltsamen Theorien. Er lässt sich Aufzeichnungen von Footballspielen aus der Heimat schicken, um daraus Schlüsse für das Vorgehen gegen die Vietcong zu ziehen. Er publiziert in einer Armeezeitschrift einen verwirrenden Aufsatz über „Wechselseitige Kontaminierung der Funktionen eines Geheimdiensts – Aufklärung und Analyse“, der viele an seiner Loyalität zweifeln lässt. Und er ist davon überzeugt, dass man auf die Einheimischen zählen muss, weil es im Kampf gegen die Vietcong fatal sei, auch die Zivilbevölkerung gegen sich zu haben. Während sein Einflussbereich innerhalb des CIA zusehends schwindet, bindet der Colonel seine Getreuen vor Ort immer fester an sich. Wer vom Glauben an Gott abfällt, der glaubt eben an den totalen Durchblick des alten Bushmills-Trinkers Sands: „Verdammte Geheimdienstinformationen, Daten, Analysen; zum Teufel mit Vernunft, Kategorien, Synthese, gesundem Menschenverstand. Alles war Ideologie und Metaphorik und schwarze Magie.“

Kaum jemand ist das, als was er zunächst in

Erscheinung tritt. Tarnen und Täuschen, Masken und falsche Namen gehören zum Alltag. Figuren tauchen auf, verschwinden vom Radar, kommen wieder. Skip wird vom Colonel in ein Landhaus verfrachtet, das früher einem französischen Arzt gehört hat. Hier ist er aus der Schusslinie, hat dafür zuviel Zeit zum Grübeln. Der Soldat James Houston entwickelt sich derweil zur Kampfmaschine: „Er ging in die Grätsche und fiel auf die Schnauze und fraß Matsch und dachte: Na schön, Männer. Auf geht’s. (...) In Bewegung bleiben, das war der Trick. Solange er in Bewegung blieb und tötete, fühlte er sich wunderbar.“

Eines Tages macht dann die Kunde vom Tod Zur Person Denis Johnson, geboren 1949, gilt als bedeutender amerikanischer Schriftsteller. Dem deutschsprachigen Publikum wurde der Autor, dessen jugendliche Exzesse legendär waren, durch seine Reisereportagen bekannt, die 2006 unter dem Titel „In der Hölle“ (Tropen Verlag) erschienen. Sein Romandebüt „Engel“ von 1983 wurde erst 2001 ins Deutsche übersetzt

Das Leben im Herz der Finsternis bringt vie-

le zum Zweifeln. Da ist Kathy Jones, eine kanadische Kinderkrankenschwester, die nach dem Tod ihres Mannes allein in Vietnam bleibt und so lang mit ihrem Glauben ringt, bis er ihr fast abhanden gekommen ist. Oder ein Priester, der ebenfalls schon seit vielen Jahren in der Region ist und sagt: „Nein, nein, nein. Ich bete nicht.“ Aber auch die Vietnamesen sind beileibe nicht alle brave Kommunisten. Hao, ein erfolgloser Geschäftsmann, wird zum Assistenten des Colonels, nachdem er diesen vor einer Handgranate gerettet hat. Sein alter Freund Trung, der einst die Granate

warf, wird Hao später als Doppelagent wiederbegegnen. Er wechselt die Seiten, weil er nicht mehr an die offizielle Doktrin glauben kann: „Frieden war hier, Frieden war jetzt. Ein Frieden, der für eine andere Zeit oder einen anderen Ort versprochen wurde, war eine Lüge.“

Denis Johnson: Ein gerader Rauch. Roman. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell und Robin Detje. Rowohlt, 878 S., € 25,60

des Colonels die Runde. Seine Gefolgschaft kann es nicht glauben, Mythen ranken sich um sein Ab- oder möglicherweise auch Weiterleben. So oder so zerfällt nun alles. Skip wird als Verräter verdächtigt und muss untertauchen. James Houston wird noch vor Kriegsende nachhause geschickt, weil seine Vorgesetzten nicht mehr für seine Handlungen garantieren können. Zuhause stößt er wieder auf seinen Bruder. Besäufnisse, Schlägereien und Gefängnisaufenthalte folgen. Die beiden sind etwa 25 Jahre alt und gezeichnet fürs Leben. Keine Frage: Johnson leidet mit seinen Figuren mit. Mit einer Errettung zu Lebzeiten kann er jedoch nicht dienen. 1983 nimmt er noch einmal ihre Fährte auf – die meisten sind tot oder wurden von Schuld und Wahnsinn übermannt. Skip, der sich für das Vermächtnis seines Onkels hält, hat eine Karriere als Waffenhändler und Schmuggler hingelegt. Als man ihn in ­Kuala Lumpur erwischt, fasst er die Todesstrafe aus. Zurück in den USA, humpelt Schwester Kathy Jones, die mit einer Verletzung davongekommen ist, durch die Straßen, um zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung zu gelangen. Ihr gehören die letzten Worte: „Sie saß im Publikum und dachte – jemand hier hat Krebs, jemand hier hat ein gebrochenes Herz, jemandes Seele ist verloren (...), und alle werden sie erlöst. Alle werden erlöst. Alle werden erlöst.“ Denis Johnson hat einen düsteren wie beseelten Roman über die Auswirkungen des Vietnam-Krieges auf den einzelnen Menschen geschrieben. Der missionarische Eifer der USA, notfalls mit Waffengewalt amerikanische Verhältnisse erzwingen zu wollen, und die Parallen zwischen Vietnam und dem Krieg gegen den Terror – das schwingt mit, wird aber nicht in den Mittelpunkt gerückt. Einfühlungsvermögen siegt über Reflexion. Trotz kleiner Längen ein fesselnder Schmöker mit Passagen von halluzinatorischer Qualität. 

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und der Krieg gegen den Irak haben in den USA alle anderen nationalen Traumata überschattet. So schien es zumindest eine Zeit lang. Aber Vietnam ist nicht vergessen. Der desaströse Feldzug gegen die Vietcong hat sich tief ins amerikanische Bewusstsein eingebrannt, die Spuren sind in Gestalt seelisch und körperlich verkrüppelter Veteranen immer noch allgegenwärtig. Mit „Ein gerader Rauch“ hat Denis Johnson einen großen Roman vorgelegt, der zu einer neuerlichen Auseinandersetzung mit einem besonders sinnlosen Krieg einlädt. In den USA wurde der Text mit dem National Book Award, der höchsten Auszeichnung für einen Roman, prämiert. Bettina Abarbanell und Robin Detje haben das Buch kenntnisreich und mit sicherem Gespür auch für die schwer zu übersetzenden Konnotationen und kleinen Details ins Deutsche übertragen.

WERNER SCHANDOR

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Textsplitter über den Bombenhagel In dem Weltkriegsbuch „Menschenrauch“ erinnert Nicholson Baker an die Verdienste des Pazifismus

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ls sich der englische Schriftsteller Martin Amis in seinem Pamphlet „Koba the Dread“ vor ein paar Jah­ ren wortreich über Stalins Terrorregime empörte, da hoben sich in der Zeithistori­ kerzunft ironisch die Augenbrauen: Amis entdeckt die Gräuel des Stalinismus, 60 Jahre danach – guten Morgen! Ähnlich abschätzige Reaktionen der Fachwelt erwarteten auch den amerikani­ schen Schriftsteller Nicholson Baker, als er im Vorjahr „Human Smoke“, seine autodi­ daktische Chronik der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, herausbrachte und auf die Frage, was er als Nichthistoriker denn über den Krieg gewusst habe, treuherzig eingestand: „Ich bin nur ein mittelprächtig gebildeter Amerikaner, was heißt, dass ich im Grunde ziemlich wenig über die Welt weiß. Ich kannte die einfache Fernsehfas­ sung des Zweiten Weltkriegs. Für mich ist alles neu, ich kann noch mit Staunen und Schock reagieren.“

Im Schutze seiner vorgeblichen Ahnungs­

losigkeit nahm Baker, der sich bisher als Pointillist und Minimalist („Vox“, „Eine Schachtel Streichhölzer“) einen guten Kleinmeister-Namen unter den US-Auto­ ren gemacht hat, den gewaltigsten Stoff des Jahrhunderts ins Visier: den Zweiten Welt­ krieg und den Holocaust. Etwa nach dem Motto: Frisch entdeckt ist ganz entrüstet – passend für einen neu bekehrten Pazifisten wie Baker. Außerdem: Wer sagt denn, dass ein Schriftsteller nicht andere denn jene schnöden Faktenwahrheiten ausfindig ma­ chen kann, die von der zünftigen Zeitge­ schichte üblicherweise zutage gefördert werden? Am Wort sei also der staunende Laie Baker. In seinem Nachwort legt der Autor of­ fen, worum es ihm in „Menschenrauch“ eigentlich gegangen ist: Er will den Zwei­ ten Weltkrieg prinzipiell infrage stellen und ihn als horrenden historischen Feh­ ler brandmarken, der vermeidbar gewesen wäre – einen Krieg, der doch als Paradebei­ spiel eines „guten“, eines „gerechten“ und unabwendbaren Krieges gilt, der geführt werden musste, um der totalitären Bedro­ hung der Welt durch Japan und den deut­ schen Nationalsozialismus ein Ende zu machen. Baker hingegen widmet sein Buch poin­ tiert den amerikanischen und englischen Pazifisten – denen nie die gebührende An­ erkennung zuteil geworden sei. Dabei ver­ suchten sie doch, jüdische Flüchtlinge zu retten, Europa mit Lebensmitteln zu ver­ sorgen, die USA und Japan auszusöhnen und den Ausbruch des Krieges zu verhin­ dern: „Sie sind gescheitert, aber sie waren im Recht.“ Baker ist der Ansicht, dass es an­ dere Lösungen als den Bombenkrieg gegen Zivilbevölkerungen gegeben hätte, um der Weltaggressoren Deutschland und Japan Herr zu werden.

Foto: Jimmy Cohrssen

Baker wählt eine exzentrische – und daher

besonders leicht anfechtbare – Darstel­ lungsmethode: die Collage. Er breitet die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs als historisches Mosaik aus, zerbröselt in klei­ ne Einzelfragmente, kaum eines länger als eine halbe Buchseite. „Menschenrauch“ besteht aus lauter Vignetten: Zeitungs­

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schnipsel, Anekdoten und Tagebuchno­ tizen, Zitate aus Politikerreden, aus Me­ moiren und Briefen von Zeitgenossen. Das erinnert an Walter Kempowskis „Echolot“Verfahren und provoziert die gleichen Ein­ wände – vor allem den Verdacht der will­ kürlichen, subjektiven Auswahl. Als Kron­ zeugen für die systematische Entrechtung der Juden dienen Baker zwei berühmte Ta­ gebuchschreiber: Er hat – guten Morgen! – tatsächlich Victor Klemperer aus Dresden und Mihail Sebastian aus Bukarest für sich entdeckt. thematisiert ­Nicholson Baker sein Anliegen: den Pazi­ fismus. „Menschenrauch“ setzt ein mit ei­ nem Satz des Sprengstoffindustriellen Al­ fred Nobel aus dem Jahr 1892, der mit der naiven Hoffnung liebäugelt, seine Waffen könnten gerade wegen ihrer Tödlichkeit zur spontanen Abrüstung unter allen zivi­ lisierten Nationen führen. Und das Buch endet in der Neujahrsnacht von 1941 auf 1942, zu einem Zeitpunkt also, da der Pa­ zifismus erst recht keine Chance mehr hat­ te, denn der europäische Krieg weitete sich soeben wahrhaft zum Weltkrieg aus: durch Hitlers Überfall auf die Sowjetunion; durch den Angriff Japans auf Pearl Harbor und in dessen Folge durch den Kriegseintritt der USA; durch den Beschluss der Amerikaner, den Bau der Atombombe zu genehmigen, und durch den Beschluss der Nazis zur in­ dustriellen Vernichtung der Juden. Bakers Buch hat auf jeder Seite viel lee­ ren Weißraum: Jedes dokumentarische Schnipsel steht für sich, auf den weißen Seiten schwimmen lauter chronologisch aneinandergereihte, aber unverbundene Textinselchen. Nichts wird kontextuali­ siert, nichts wird kommentiert und analy­ siert, alles erscheint gleich gültig. Es gibt keine historische Erzählung, erst recht kei­ ne Deutung der Ereignisse; weit und breit kein geschichtsphilosophischer Ansatz, keine Theorie, keine Gewichtung der ein­ zelnen Faktensplitter. Als Erzähler tritt der Autor so gut wie nicht in Erscheinung, er wird nur indirekt spürbar als Arrangeur der Materialien. Und damit ist die wohlwollende Annahme hin­ fällig, ein Recycling bekannter historischer Fakten werde durch eine besondere litera­ rische Sprache neu gerechtfertigt. Baker hat in diesem Buch gar keine Sprache zur Verfügung – außer der knöchernen Prosa seiner Mitteilungs- und Protokollsätze, mit denen die jeweiligen Originalzitate einge­ leitet werden. Jedes Zitat soll quasi für sich selbst sprechen – auch wenn Baker natür­ lich schon durch die bloße, oft kontrapunk­ tische Auswahl eine Wertung vornimmt. Und diese unausgesprochenen Wertun­ gen werden dem Leser in endlosen Varia­ tionen eindringlich, mitunter aufdringlich nahegelegt. Ein Cantus firmus vom Ende der Zivilisation grundiert das ganze Buch. Unentwegt tönt es dem Leser als Leitmo­ tiv entgegen, wie in der Drift auf den Welt­ krieg zu alle Zivilisation auf der Strecke blieb, den noblen Anstrengungen der Pa­ zifisten, Quäker und anderen Kriegsgegner zum Trotz. Vor allem die Entheroisierung Chur­ chills und Roosevelts ist dem Autor ein An­ liegen. Er sieht beide im Dienste dessen,

„Baker hält Churchill und Roosevelt für die schärfsten Kriegstreiber neben Hitler. Dies lässt den Beifall auf rechtsradikalen Websites befürchten“ Sigrid Löffler

Von der ersten Zeile weg

Zur Person Nicholson Baker, geboren 1957, ist ein US-amerikanischer Romancier und Essayist. Der Roman „Vox“ (1992) hat Telefonsex zum Thema. „Checkpoint“ (2004) beschreibt einen geplanten Mordanschlag auf George W. Bush. Er lebt mit seiner Familie in South Berwick, Maine

Nicholson Baker: Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg begann und die Zivilisation endete. Aus dem Amerika­ nischen von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Rowohlt, 576 S., € 24,90

was heute militärisch-industrieller Kom­ plex heißt, und hält sie für die schärfsten Kriegstreiber neben Hitler (dies lässt für die deutschsprachige Ausgabe den Beifall auf rechtsradikalen Blogs und Websites be­ fürchten). Namentlich Churchill ist Bakers Schurke der westlichen Welt: infantil-grau­ sam, ruchlos, versoffen, polemisch, feind­ selig, manipulativ, amoralisch. Baker zeigt ihn als Sympathisanten Mussolinis, als Be­ fürworter von Giftgasangriffen, als vikto­ rianischen Säbelrassler, Imperialisten und „Hunnen“-Hasser, als Strategen einer Blo­ ckadepolitik zur Aushungerung der Deut­ schen, als Einpeitscher des Luftkriegs ge­ gen zivile Ziele sowie als groben Antisemi­ ten – verglichen mit Churchills Ausfällen nimmt sich die Abneigung Roosevelts ge­ gen Juden fast diskret aus. Daneben gibt es in „Menschenrauch“ eine Handvoll immer wiederkehrender Themen: die Ankurbelung der Produkti­ on biologischer und chemischer Waffen in Großbritannien (die allerdings nie zum Einsatz kamen). Die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber der tödlichen Bedrohung der Juden Europas. Die Weigerung fast aller Nationen, jüdische Flüchtlinge aufzuneh­ men – mit Ausnahme des dominikanischen Diktators Trujillo, wobei Baker hinzuzufü­ gen vergisst, dass der Rassist Trujillo weiße Einwanderer für seine Insel suchte, nach­ dem er 20.000 schwarze Haitianer hatte massakrieren lassen. Bakers Polemik gilt dem Thema des Luft­ kriegs zum Zwecke der Demoralisierung des Gegners. Er trägt Aussagen zusam­ men, die den totalen Krieg als Geschichte einer allseitigen Verrohung begreiflich ma­ chen sollen, und wird nicht müde aufzuzei­ gen, dass den Briten die horrende Zielun­ genauigkeit ihrer Bombenabwürfe ebenso früh bewusst war wie das Scheitern ihrer Luftkriegsstrategie überhaupt. „Die Bom­ bardements haben keinerlei Einfluss auf die Moral der Deutschen. Hören wir auf da­ mit, unsere Bomber auf diese Luftangriffe zu verschwenden“, schrieb Unterstaatsse­ kretär Alexander Cadogan bereits im No­ vember 1941. Doch im Dezember 1941 be­ rief Churchill Arthur Harris (den spätes­ tens seit Dresden berüchtigten „Bomber Harris“) als Bomberkommandanten: „Da­ mit standen die britischen Anführer bereit für die pan-germanischen Feuerstürme von 1942, 1943, 1944 und 1945“, schreibt Baker. Bakers deklarierte Hommage an die morali­ sche Überlegenheit des Pazifismus wird leider namentlich durch seinen pazifisti­ schen Kronzeugen, Mahatma Gandhi, zu­ nichte gemacht. Gandhis Kommentare zur kriegerischen Weltlage lesen sich gerade­ zu schwachsinnig und scheinen geeignet, seine Politik des gewaltlosen Widerstands zu diskreditieren – etwa wenn Gandhi den Briten empfiehlt, sie sollten sich gegebe­ nenfalls von den Nazis lieber abschlach­ ten lassen, sofern sie ihnen nur die Unter­ tänigkeit verweigerten. Seine Verhaltens­ ratschläge an die deutschen Juden klingen ähnlich weltfremd. Wäre Gandhi ein deut­ scher Jude, schrieb die New Yorker Jewish Frontier schon 1939, er hätte mit einer sol­ chen Politik keine fünf Minuten überlebt. 

SIGR ID LÖFFLER

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Die Lebenden und die Toten „Nächtliche Vorkommnisse“ von William Gay ist eine Gothic Novel auf höchstem literarischem Niveau

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enn man einen Hang zur Nekrophilie hat, sollte man Bestattungsunternehmer werden. So wie Fenton Breece. Der spielt gerne mit den Leichen, die man ihm bringt: richtet sie her, zieht sie aufreizend an, legt Mann und Frau eng umschlungen in einen Sarg. Das ist nicht nur obszön, es spart auch den zweiten Sarg. Bis ihm die Tyler-Kinder auf die Schliche kommen, die die Gräber öffnen, weil Breece auch ihren Vater nicht würdig beerdigt hat: Manche Särge sind leer, manche mit Unrat gefüllt; findet sich eine Leiche darin, ist sie entstellt oder absurd geschmückt.

Er killt Menschen wie Karnickel Zwei Jugendliche stören die Totenruhe und entdecken, dass der ortsansässige Bestatter ein Wahnsinniger ist. William Gay beschreibt dies in einer hochliterarischen Sprache; er spielt nicht mit Effekten, er gräbt tiefer. Sein Horror soll uns nicht bloß gruseln, sondern erschüttern. Was sollen die beiden jungen Tylers tun? Ihr Vater war ein stadtbekannter Schnapsbrenner. Eine Tätigkeit, die auch im Tennessee der 50er-Jahre nicht besonders angesehen ist. Ausgerechnet sie sollen den reichen Bestatter anzeigen? Der Sheriff würde ihnen nicht glauben. Also versuchen sie, Breece zu erpressen. Was sich als fataler Fehler erweist. Breece heuert einen Killer an. Dieser Granville Sutter haust in einer Hüt-

unheimliche Niemandsland, längst nicht mehr gibt. 25 Jahre später werden die Bulldozer der Holzindustrie anrücken und seinen Zauber zerstören: Tyler und Sutter irren in ihrem Kampf auf Leben und Tod durch eine zum Tode verurteilte Landschaft. Diesem Höllentrip hat Gay einen Prolog vorangestellt, dessen Furchtbarkeit man erst versteht, wenn man ans Ende des Romans gelangt ist.

te im Wald und schreckt vor nichts zurück. Wenn ihm jemand nicht passt, pustet er ihn um, schlitzt ihn auf oder erwürgt ihn. Er killt Menschen wie Karnickel. Jeder weiß es, keiner traut sich etwas gegen ihn zu unternehmen. Außer Sheriff Bellwether. Doch der ist für den benachbarten County zuständig. Als Tyler und seine Schwester vor Sutter fliehen wollen, verunglückt die Schwester tödlich. Tyler flüchtet alleine in den Wald, in der Absicht, sich zu Sheriff Bellwether durchzuschlagen. Verfolgt von Sutter.

Sterben in der Twilight-Zone

Höllentrip mit Hexe Hier betritt der Roman endgültig metaphysisches Terrain. Sutter jagt Tyler durch das sogenannte Harrikin – eine wilde, nahezu entvölkerte Landschaft voller Schächte und Höhlen, in die man stürzen kann. Früher hat man hier Erz abgebaut, aber die Minen und Siedlungen sind längst verfallen. Tyler läuft durch ausgestorbene, überwucherte Bergarbeitersiedlungen, übernachtet in verfallenen Herrenhäusern. Ab und zu trifft er seltsame Menschen, die noch hier leben – eine Hexe, einen störrischen alten Mann. Doch niemand will oder kann ihm helfen. Schlimmer: Tyler ahnt, dass sich Sutter an ihnen rächen wird, nur weil sie ihn widerwillig bei sich haben übernachten lassen. Einen besonderen Dreh verleiht Gay seiner Geschichte, indem er andeutet, dass es auch das Harrikin, dieses verzauberte,

William Gay: Nächtliche Vorkommnisse. Roman. Aus dem Amerikanischen von Joachim Körber. Arche, 287 S., € 20,50

Dennoch macht der Roman nicht depressiv oder hoffnungslos – allenfalls wütend. Man zittert mit dem jungen Tyler, der auf seiner Flucht zum Mann reift, und vertraut sich einem Erzähler an, dem es gelingt, diese gnadenlose Geschichte in einer dichten, poetischen, nie aber pathetischen Sprache zum Leben zu erwecken – die Joachim Körber mit viel Einfühlungsvermögen ins Deutsche übertragen hat, inklusive der vielen umgangssprachlichen Passagen. William Gay wurde mit Faulkner und Cormac McCarthy („Kein Land für alte Männer“) verglichen. Zu Recht. Der deutsche Titel „Nächtliche Vorkommnisse“ ist vergleichsweise harmlos. Im Original heißt er „Twilight“. William Gay berichtet von einem Zwischenreich, in dem weder die Lebenden noch die Toten zur Ruhe kommen und die Grenze zwischen Leben und Tod sehr durchlässig ist. 

THOMAS ASK AN VIER ICH

Klimawandel und Geschlechtsverkehr In „Retter der Welt“ führt uns John Wray in die Tiefen der New Yorker U-Bahn und der menschlichen Psyche ie Welt braucht keinen Retter“, sagt D Lois Lane in „Superman Returns“, und ich bin geneigt, ihr zuzustimmen. Der Rowohlt Verlag, der den Roman „Lowboy“ des Amerikaners John Wray in der Übersetzung von Peter Knecht herausbringt, scheint anderer Meinung zu sein. Er nennt das Buch „Retter der Welt“. Erzählt wird die Geschichte eines 16-jährigen schizophrenen Burschen namens Will Heller, der aus der Anstalt flieht und sich in der New Yorker U-Bahn herumtreibt. Sein fester Vorsatz ist es, die Welt zu retten.

In der Anstalt unterzogen ihn die Ärzte Be-

handlungen mit Medikamenten, bei denen es ihm „immer heißer“ wurde. Er erblickt darin eine Analogie zur Erwärmung des Weltklimas und fasst einen Plan, wie er die Welt vor Überhitzung bewahren könnte. Dazu braucht er eine Frau, und um die zu finden, macht er sich auf den Weg durch das U-Bahn-System von New York. Als abgängig gemeldet, wird Will vom afroamerikanischen Polizisten Ali Lateef verfolgt, der eigentlich lieber seinen echten Namen Rufus Lamarck White beibehalten hätte, von seinem Vater jedoch umbenannt wurde. Er verfügt über ein Talent im Aufspüren vermisster Personen, muss sich in seinem Job aber damit abfinden, dass die meisten Fälle ungelöst bleiben. Als ersten Schritt auf seiner Suche nach Will befragt er dessen Mutter.

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„Zorn und Zurückhaltung machten Lateef zu einem Einzelgänger“, schreibt Wray. Das trifft auch auf Will, seine Mutter und seine Freundin Emily zu. Ihr Einzelgängertum – sie werden im Roman weitgehend ohne Kontext geschildert – macht es schwer, sie einzuordnen. Im Fall von Will ist das besonders irritierend. Ihm fehlt das Umfeld, das seinem Denken und Sprechen den Hintergrund gäbe und vor dem es sich abheben könnte. So fragt man sich beim Lesen von Anfang an, warum es sich bei Will um einen 16-Jährigen handeln soll. Kein guter Anfang. Zur Errettung der Welt braucht Will, dem ein Leidensgenosse in der Anstalt den Spitznamen „Lowboy“ gegeben hat (was eine Art Beistelltischchen bezeichnet), eine Frau. Mit ihr will er „seinen Körper abkühlen“ – kurz gesagt: ficken. Als ersten Engel der Erlösung fasst er eine Obdachlose namens Rafa bzw. Heather Covington (als welche sie sich ihm vorstellt) ins Auge. Es funktioniert dann in einem Lüftungsschacht der U-Bahn aber doch nicht. Will redet sich auf den Einfluss von Medikamenten hinaus, außerdem riecht die Dame nicht sehr gut. Will sinnt also auf eine Alternative und erinnert sich seiner ehemaligen Freundin Emily. Zwar hatte er sie seinerzeit in einem schizophrenen Schub auf die U-Bahn-Gleise gestoßen (was zu seiner Einweisung geführt hat), aber Will hofft, dass Emily mitt-

lerweile bereit ist, ihm zu verzeihen. Vor ihrer Schule spürt er sie auf und erklärt ihr sein Anliegen; Emily ist einverstanden. Der Rettungsakt soll in einer aufgelassenen U-Bahn-Station unter der City-Hall stattfinden. Inzwischen reden Ali Lateef und Frau Heller in langwierigen Befragungen aneinander vorbei. In Ermangelung substanzieller Ermittlungsergebnisse verliebt sich der Polizist in die Mutter. Sie stammt aus Österreich und ist, wie sich allmählich herausstellt, selbst geistig krank, kann es aber besser kaschieren als ihr Sohn. Mit ihrer Hilfe versucht Lateef, den Burschen zu fangen, verfehlt ihn jedoch immer wieder, bis es dann schließlich zu spät ist. Den Protagonisten fehlt freilich nicht nur der

John Wray: Retter der Welt. Roman. Deutsch von Peter Knecht. Rowohlt, 384 S. € 20,50

Kontext, sondern auch eine Sprache, die sie voneinander unterscheidbar und als Persönlichkeiten wahrnehmbar machen würde. Emily spricht in Sätzen wie „Mein Gott, Heller, Scheiße, Mann“ oder „Mach den Mund weiter auf, lass deine Zunge rüberkommen“. Die Behauptung, sie sei etwas ganz Besonderes und anders als Menschen ihres Alters, wird dadurch entschieden untergraben. „Retter der Welt“ leidet darunter, dass sein Schöpfer eine originellskurrile Geschichte erfinden wollte und darüber darauf vergessen hat, sich seinen Figuren zu widmen. 

C hristian Z i l l ner

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Aus der letzten Bleisatzwerkstatt. Alte Schilder auf den Schiebern zeigen die verfügbaren Schriftarten. Oben: Altes und Neues mischt sich unharmonisch am Arbeitsplatz von Richard Pinter – hinter der Druckerpresse von 1848 prangt das moderne Logo der Firma Holzhausen

Last Night Paul Newman Saved My Life In „Northline“ erzählt Willy Vlautin aus dem beschädigten Leben einer jungen Frau illy Vlautin wurde in Reno, Nevada, W geboren und ist mittlerweile einen Bundesstaat weiter Richtung Norden, nach

Oregon, gezogen, wo er in Portland (Klappentext) respektive Scappoose (Homepage) lebt. Klingt jedenfalls nach Fuchs und Hase und Gute Nacht, aber das würde unsereiner ja auch von Montana und Minnesota, Nebraska oder North Dakota behaupten. Mit seiner Band Richmond Fontaine spielt Vlautin eine Musik, die gerne unter „Americana“ rubriziert wird; das Umschlagfoto zeigt ihn, mäßig sorgfältig ra- und frisiert, in einem von diesen karierten Hemden, die uns sagen: verscheucht mit der Gitarre Waschbären aus dem Garten und tut Ahornsirup auf seinen Toast.

Fotos: Martin Fuchs

Willy Vlautin ist ein guter Mensch, jedenfalls ein guter Autor, wie er mit seinem vom Guardian über den Rolling Stone bis zum Falter hochgelobten Romandebüt „Motel Life“

(2007, dt. 2008) bewiesen hat. Er erzählt darin das Roadmovie zweier Brüder, die’s verbockt haben – tödlicher Unfall plus Fahrerflucht – und es in diesem Leben auch nicht mehr gebacken kriegen werden. Das ist nicht neu und würde keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken, wäre „Motel Life“ nicht so anrührend erzählt und stellenweise – bei aller Tragik – auch noch ziemlich komisch. Das ist auch in „Northline“ so, bloß an der Komik hapert’s. Diesmal steht kein Brüder-, sondern ein

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Position des Erzählers. Man kann sie insofern als „romantisch“ bezeichnen, als hier zwar nichts beschönigt, aber zugleich auch verfügt wird, dass nicht alles schiefgehen möge. Dafür sorgt nicht nur Paul Newman, den sich Allison als Retter in der größten Not herbeifantasiert, sondern auch ein kleines Ensemble an Nebenfiguren, die zur Solidarität mit den vom Schicksal Gebeutelten fähig bleiben: Weil sie keine Abstiegs­ä ngste mehr kennen und ihnen die kleinbürgerliche Aggressivität des Nach-oben-Strebens und Nach-unten-Tretens völlig abgeht.

Liebespaar im Zentrum der Geschichte, allerdings eines, dessen Beziehung als prekär eingestuft werden muss: Gleich zu Beginn schwängert Jimmy seine Freundin auf der Behindertentoilette eines Kasinos, ist über den Zustand der ganz offenkundig sturzbetrunkenen jungen Frau dann aber so enragiert, dass er sie mit seinen Stahlkappenstiefeln zu treten beginnt und bewusstlos liegen lässt. Allison Johnson ist 21. Auf dem Rücken hat sie ein Hakenkreuz und das Signet der rassistischen World Church of the Creator tätowiert – weniger Ausdruck einer Weltanschauung als Folge eines Abends, an dem in unfeierlichem Ausmaß dem Alkohol zugesprochen wurde (was bei Allison nicht eben selten vorkommt). Kurz und gut: Jimmy und Allison vertreten ein Milieu, das zynisch auch als White Trash bezeichnet wird. Dafür, dass sie so sind, wie sie sind, liefert der Roman auch ansatzlos eine triftige Begründung: Jimmy ist der Sohn eines gewalttätigen Kotzbrockens von Vater, Allison die Tochter einer ziemlich kaputten Mutter: „Ihre Zähne waren braun, und sie hatte sich in diesem Jahr drei ziehen lassen. Sie hatte das Gesicht einer Frau, die jeden Tag trank und dann vergaß, etwas zu essen.“ Was „Northline“ (wie schon „Motel Life“) davor bewahrt, in elendsvoyeuristischen Existenzialkitsch zu kippen, ist die

Da ist etwa die fresssüchtige Penny („Ich kann Willy Vlautin: Northline. Aus dem Amerikanischen von Robin Detje. Mit limitierter Audio-CD von Willy Vlautin & Paul Brainard. Berlin, 203 S., € 20,50 Am 16.3., 19 Uhr, liest Willy Vlautin in der Hauptbücherei (7., Urban-Loritz-Platz 2a). Gitarre: Dan Eccles (Richmond Fontaine); deutsche Lesung: Maren Rahmann

dir sagen, es ist schwer, sich einen Eisbecher mit vier Kugeln zu kaufen, wenn du fett bist. Die Leute gucken dich an, als hättest du gerade ihre Oma überfahren“), die Allison ins Staubsaugertelefonmarketing einführt. Und da ist Dan mit dem hängenden Augenlid, der erfolgreicher ist, wenn er auf der Rennbahn für andere Leute setzt. Sie versuchen Allison, die mittlerweile entbunden und ihr Baby zur Adoption freigegeben hat und vor Jimmy nach Reno abgehauen ist, aus den Niederungen totaler Selbstverachtung zu führen. Vlautin wirft die Empathiemaschine der Literatur an, und die kommt sprotzend auf Touren. Der Spritverbrauch ist ihm egal. Wahrscheinlich ist er trotzdem – oder gerade deswegen – ein guter Mensch. K L AUS NÜCHTERN 

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Liter atur

Auf der Suche nach Mr. Wright

Vom Tellerwäscher zur Wasserleiche

In „Die Frauen“ hat sich T. Coraghessan Boyle den Architekten Frank Lloyd Wright zum Protagonisten gewählt. Bloß, warum?

Für seinen Roman „Niederland“ wurde Joseph O’Neill soeben mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet

um Selbstverständnis moderner Z Architekten gehörte es, den Menschen zu zeigen, wie sie zu leben ha-

as für ein prachtvoller „MigW rationshintergrund“: Joseph O’Neill wurde 1964 als Sohn eines

ben. Entsprechend groß ist das Interesse daran, wie die Meister der Moderne selbst zu leben pflegten. Die Erinnerungen seiner Ehefrauen zeigen Adolf Loos als Pedanten. Nathaniel Kahn führt in dem Dokumentarfilm „My Architect“ seinen Vater ­Louis Kahn als Egomanen vor, der sich zeitlebens auf Bauaufträge und Frauen konzentrierte, es an väterlicher Zuneigung zu seinen Kindern aus zahlreichen Ehen und Affären aber missen ließ. Und der amerikanische Schriftsteller T. Coraghessan Boyle stellt in seinem neuen Buch „Die Frauen“ einen Architekten vor, dessen Lebensführung jener Kahns verwandt ist. Frank Lloyd Wright (1867–1959), bekannt durch das New Yorker Guggenheim-Museum und die Fallingwater-Villa, ist der amerikanischste aller Architekten. Wohnen war bei ihm vom Pioniergedanken geprägt. Im Zentrum der sogenannten Prairie Houses stand die Feuerstelle als Treffpunkt der Gemeinschaft; Landschaft und Gebäude bilden eine Einheit. Boyle überspringt die Architektur Wrights und beschränkt sich auf sein Eheleben. Aus der Sicht eines japanischen Architekten geschildert, bekommt man auch Einblick in Wrights autoritäre Büroführung und sein kaufmännisches Unvermögen.

Boyle übersetzte bereits mehrere amerikanische Mythen in fiktionale Rekonstruktionen. In „Drop City“ (2003) schildert er etwa das Scheitern einer Hippiekommune. Worauf Boyle mit seiner Annäherung an die Figur Wrights abzielt, bleibt allerdings unklar. In ermüdendem Detailreichtum wird der Alltag in dem Wohn- und Bürogebäude der Ortschaft Taliesin beschrieben. Wohl als Beispiel für die Brutalität und Bigotterie der amerikanischen Medien werden die Skanda-

le in Erinnerung gerufen, die Wrights Scheidungen begleiteten. Die betrogenen Gattinnen wirken zu hölzern und sprachlos, als dass in der konventionell erzählten Geschichte Mitleid mit ihnen aufkommen könnte. Die Versionen der Boulevardjournalisten waren sicher besser. Die Nähe Boyles zum Protagonisten – der Schriftsteller lebt seit Jahren in einer von Wrights Prärie-Villen – erwies sich nicht als Recherchevorteil. Selten einmal findet der Autor Sätze für die Sinnlichkeit von Wrights organischen Baustoffen, sein Entwurfstalent und die Qualität seines offenen Raumprogramms. Und selbst der Blick in das Schlafzimmer, von dem man sich Aufschluss über Wrights Persönlichkeit erwarten könnte, bleibt merkwürdig zurückhaltend. Sein Hang zum Okkultismus wird zwar erwähnt, nicht aber dessen Auswirkungen auf Wrights „organische“ Weltanschauung. Noch der schmalste Architekturführer informiert besser, wie Leben, Denken und Bauen bei Wright zusammenhängen. All dies deutet auf eine schlappe Organisation des Erzählstoffes hin, wodurch selbst die finale Katastrophe, das Massaker eines Angestellten in Taliesin, merkwürdig aufgesetzt wirkt. Am Ende steht weder eine unterhaltsame Skandal-Bio noch ein informativer Architekturband. Ein Buch wie ein schlechtes Fertigteilhaus. 

MAT THIAS DUSINI

T. Coraghessan Boyle: Die Frauen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum und Dirk van Gunsteren. Hanser, 560 S., € 25,60

BLIXA BARGELD! Blixa Bargeld signiert sein Buch

„Europa kreuzweise. Eine Litanei“ Sonntag, 15. März 2009, 16 Uhr 3., Landstraßer Hauptstraße 2a-2b, 01/718 93 53, Eintritt frei

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Iren und einer Türkin geboren, wuchs in Holland auf, studierte Jura in Cambridge, arbeitete als Wirtschaftsanwalt in London und zog schließlich mit seiner britischen Frau nach New York, wo sie mit drei Söhnen im Chelsea Hotel wohnen. Das Hotel ist, wenn man sich’s leisten kann, der passende Ort, um so einem Leben Sesshaftigkeit zu geben. Die amerikanische Literatur braucht für „Migration“ kein eigenes Label, denn das ist ja die Bedingung der nationalen und kulturellen Existenz.

Der Mythos vom Tellerwäscher, der zum Millionär aufsteigt, war immer schon eine Einwanderergeschichte. Er spielt auch in „Niederland“ eine Rolle – O’Neills drittem Roman, dem ersten, der nun auf Deutsch vorliegt. Allerdings schafft es Chuck Ramkissoon, ein dunkelhäutiger Inder aus Trinidad, nicht zum Millionär. Er träumte davon, ein großes Cricketstadion zu bauen. Doch er endet mit zusammengebundenen Händen und Füßen im Hudson. Die Nachricht von dessen Tod ist für den Icherzähler Hans van den Broek Anlass, sich seiner Zeit in New York und seiner Abenteuer mit Chuck zu erinnern. Hans van den Broek ist – wie der Autor – ein Holländer, der damals im Chelsea Hotel wohnte. Als erfolgreicher Broker lebt er davon, Prognosen auf die Entwicklung des Ölpreises abzugeben, aber das kommt im Roman nur am Rande vor. Seine Frau und sein kleiner Sohn ziehen zurück nach London, wo sie herkommen, die Beziehung droht endgültig in die Brüche zu gehen. Die Verunsicherung ist allgemein im Sommer 2002, im Jahr eins nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Das Domizil im Chelsea Hotel ist die Folge einer Evakuierung, nachdem die eigene Wohnung in einem Apartmentturm als zu gefährlich eingestuft wurde. Im Hotel begegnet Hans allerlei seltsamen Gestalten: einer permanent vor sich hin murmelnden Dame und einem Türken, der in einem Engelskostüm steckt und mit gerupften Flügeln in der Eingangshalle herumsitzt. Vor allem aber ist Hans ein leidenschaftlicher Cricketspieler, der seine Wochenenden in abgelegenen Parkanlagen in Staten Island verbringt. Deshalb muss man sich erst einmal durch ausführliche Fachsimpeleien kämpfen, auch wenn man als durchschnittlicher, fußballsozialisierter Europäer keine rechte Ahnung davon hat, was Glance, Hook, Cut, Sweep, Cover Drive, Pitch und Wicket wohl sein mögen. Nachvollziehbar aber ist die Leidenschaft, mit der da einer

seinem Sport nachgeht – als einziger Weißer unter Indern und Pakistanis, Jamaikanern und Guayanern, unter Muslimen, Hindus und Buddhisten. Cricket ist im baseballverseuchten Amerika eine Randsportart, was es O’Neill erlaubt, an die Ränder der amerikanischen Gesellschaft vorzudringen und ein New York zu schildern, das man so noch nicht kennt. Sein Erzähler ist angenehm vorurteilsfrei, ohne anbiedernd zu sein. Er kann sich in Taxifahrerkneipen ebenso gut bewegen wie im Bankermilieu, scheint sich aber auf dem Cricketplatz eindeutig am wohlsten zu fühlen. Mit Chuck ist er in Brooklyn im Auto unterwegs, um für den amerikanischen Führerschein zu üben. Chuck betreibt aber, wie Hans erst allmählich begreift, illegale Glücksspiele und andere fragwürdige Geschäfte und klappert bei der Gelegenheit seine Kunden ab. Und er zeigt Hans das Gelände eines alten Flughafens auf Long Island, wo er sein Stadion bauen will und wo die beiden sich schon einmal daran machen, mit Mäher und Walze das Grün zu bearbeiten. Das Schöne an dieser unaufgeregten Geschichte ist ihr Tonfall. O’Neill erzählt unsentimental und dabei doch voller Anteilnahme und Sehnsucht. Hans ist ganz und gar unzynisch oder, wie seine Frau beklagt, ein „Rationalist“ von „moralischer Trägheit“. So sehr er auch in der Krise steckt, er genießt doch diesen Sommer, in dem berufliche und familiäre Zwänge von ihm abfallen. Dass er nachts per Google Earth Frau

und Sohn näherkommen möchte und sich an deren Haus in London heranzoomt, ist die traurige Kehrseite seiner Lage. Wenn er schreibt: „Als ich zum ersten Mal seit Jahren meine Zehen berührte, spürte ich, wie ein größeres Moment von Leben in greifbare Nähe rückte“, dann klingt das nach dem schmerzlichen Sarkasmus eines Mannes in der Midlife-Krise, der sein sexuelles Leben hinter sich zu haben glaubt. Aber ganz so schlimm ist es nicht. Es kommen sogar Frauen vor in dieser Geschichte. Und am Ende ist auch die Frage entschieden, „ob das, was ich empfand, der Kern der Liebe war oder ihr kläglicher Rest“. 

J ö r g M agenau

Joseph O’Neill: Niederland. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Rowohlt, Reinbek 2009. 318 S., 19,90 Euro

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Chronik eines unaufhaltsamen Untergangs Auf Deutsch erstmals zu entdecken: der Roman „Dog Star“ des heute 88-jährigen Donald Windham

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ie Hundstage sind die erbarmungsloseste Zeit des Jahres. In der gleiĂ&#x;enden Hitze verlieren Tiere und Menschen reihenweise den Verstand. Alles ist aufs Wesentliche reduziert, auf die elementaren Triebkräfte, Liebe und Tod.

Auch Alabama in den 1930ern kocht. Blackie

ist 15, ein frĂźhreifer Bursche aus dem Milieu, das man heute White Trash nennt, als er aus der Besserungsanstalt wegläuft: zurĂźck nachhause. Nicht allein die Hitze macht ihn rasend. Sein bester Freund hat sich umgebracht, und Blackie schwĂśrt sich, fortan so zu leben, wie dieser gelebt hätte. Ruhelos streift er durch verdorrte Parkanlagen und Schwarzbrennereien, geht mit kleinkriminellen Freunden ins Schwimmbad und zieht mit seinem jĂźngeren Bruder durch die Stadt. Er lernt Mabel kennen, die viel älter ist als er, und sie beginnen eine Affäre, ein paar friedliche Wochen lang: „Die Enge und Fremdheit des Zimmers, das Bett mit der Tagesdecke von der gleichen Farbe wie das Arbeitspferd der Farm School, das Waschbecken in der Ecke, das ununterbrochen tropfte, wie Wasser durch einen Ăœberlaufkanal von einem Bach in ein Wasserbecken tropft, und Mabel, wie sie, nur mit ihrem Unterrock bekleidet, gegen das FuĂ&#x;ende des Bettes lehnte und ihm von dort aus zulächelte, erfĂźllten Blackie mit Freude und Erregung. Mabel war fĂźr ihn so aufregend und geheimnisvoll wie das

Meer, von dem er gehĂśrt, das er aber nie gesehen hatte.“ Doch bald beginnt es wieder zu brodeln in Blackie. Sobald er die Verletzlichkeit seines GegenĂźbers spĂźrt, muss er es attackieren. Er ist blind vor Schmerz und GleichgĂźltigkeit, schont niemanden, am wenigsten sich selbst, sucht Streit und wird fast totgeschlagen. Am Ende des Sommers ist Blackie tatsächlich zum Mann geworden, auf brutalstmĂśgliche Weise. „Dog Star“ kommt als Psychogramm eines Verlorenen mit den Zutaten einer Coming-of-Age-Geschichte daher. Doch statt eines Entwicklungsromans ist es die beklemmende Chronik eines unaufhaltsamen Untergangs. Alle Hoffnungsschimmer erweisen sich letztlich als Irrlichter. NatĂźrlich ist Blackie ein verwirrtes, haltloses, alleingelassenes Kind; und doch bleibt bei der LektĂźre ein hartnäckiger Restbestand an Irritation. Denn seine Grausamkeit ist routiniert und nicht geringer als seine Verzweiflung. Der bereits 1950 im amerikanischen Original erschienene Roman ist nun erstmals auf Deutsch erschienen – im 2007 gegrĂźndeten Lilienfeld Verlag, der sich auf Wiederentdeckungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert spezialisiert hat. Das Ăźberschaubare Programm enthält aber auch immer wieder aktuelle Titel zeitgenĂśssischer Autoren (Peter Hein, Felicia Zeller). Auffallend ist die liebevolle Buch-

Donald Windham: Dog Star. Lilienfeld, 220 S., â‚Ź 19,90

Einziger Wermutstropfen dieser ansonsten sehr erfreulichen Entdeckung ist die deutsche Ăœbersetzung. An einigen Stellen umständlich, wird sie zuweilen fast undurchschaubar kompliziert. Das Deutsche ist gegenĂźber dem Englischen natĂźrlich immer im Nachteil: Kompaktheit auf kleinstem Raum ist kaum zu haben, ersatzweise wird gestapelt. Diese Ăœberkomplexität vernebelt interessante Betrachtungen, denen die Lakonie des Originals abgeht. Obwohl er in Deutschland bislang weitgehend unbekannt gewesen sein dĂźrfte, gilt Donald Windham in den USA längst als moderner Klassiker der (schwulen) amerikanischen Literatur. Er war eng befreundet mit Truman Capote und Tennessee Williams. Thomas Mann, AndrĂŠ Gide und Albert Camus zählten zu seinen begeisterten Lesern. Als seien das noch nicht genug Alleinstellungsmerkmale, ist Donald Windham 87 Jahre älter als sein deutscher Verlag – und quicklebendig. In diesem Jahr ist es 70 Jahre her, dass er von Alabama nach New York City gezogen ist. TABEA SOERGEL 

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Amßsant, schräg, bÜse

ausstattung mit Fadenheftung und Lesebändchen. Im Fall von „Dog Star“ findet man auf dem Schutzumschlag sowie auf dem Schmutztitel im Buchinneren eine SchwarzweiĂ&#x;fotografie: die Peachtree Street in Alabama in den 30er-Jahren, Teil von Blackies Revier.

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Dan Lungu Die rote Babuschka

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Liter atur

Wenn der Vater mit dem Sohne ins Kino geht

Immer knapp am Nordpol vorbei

Der Kanadier David Gilmour hat einen Roman für Cineasten und besorgte Väter geschrieben: „Unser allerbestes Jahr“

In seinem Debütroman „Nikolski“ verfolgt der Kanadier Nicolas Dickner die skurrilen Lebenswege notorischer Messies

och den Erwachsenen plagt dieN ser Albtraum: Er lernt für eine Physikarbeit, aber Parabeln und Vek-

ugemüllte Zimmer, so könnte Z man annehmen, geben Einblick in die ungeordnete Seele ihrer Be-

toren sagen ihm nichts. Und schon als Kind stellte er sich einen Ort vor, auf dem die bösen Buben enden, die die Schule schmeißen – eine Art Elefantenfriedhof, nur eben „voll mit weißen Knöchelchen von kleinen Jungs“. Jetzt sitzt sein eigener, 15-jähriger Sohn Jesse vor ihm – ohne einen blassen Schimmer und ohne jedes Selbstbewusstein. Da trifft dieser Vater eine folgenschwere Entscheidung: Jesse soll die Schule schmeißen – unter der Bedingung, dass er bereit ist, drogenfrei zu bleiben und mit ihm wöchentlich drei Filme anzuschauen. „Unser allerbestes Jahr“ ist ein Roman für Cineasten und Väter; ein autobiografischer Bericht, in dem der Horror Stephen Kings und die Bilder der Nouvelle Vague wunderbar verschmelzen mit der Hilflosigkeit, die Eltern bisweilen überfällt, wenn sie ihre Kinder heranwachsen sehen. Im geheimen Zentrum steht die Kunst der Zuwendung und deren richtige Dosierung: Gerade so viel und so wenig muss es sein, dass nichts die eigene Entwicklung des Kindes bremst. Nun ist David Gilmour nicht nur Autor, sondern auch ein enthusiastischer Filmkritiker. Dieses Wissen als Lebensschule für den Sohn zu nutzen, birgt freilich das Risiko, ihn zum Übervater anwachsen zu lassen. Von eben diesem Risiko erzählt der 1946 geborene Kanadier offen, ehrlich und ohne Pathos. Denn wie schnell hätte dieses Projekt hollywoodreif bis zum glücklichen Ende durchexerziert werden können.

diese Überdosis Nähe zwischen kumpelhaftem Vater und Sohn durch schonungslose Selbstbetrachtung: Ihm ist klar, dass dem sorgenvollen Nachspionieren des Vaters bis in dunkle Clubs auch eine gewisse Komik innewohnt; er weiß, wie schnell er sein Vertrauen verspielt, wenn er schulmeisterlich sein Filmwissen ausbreitet. Eben deshalb erwähnt er in seinen Kurzvorträgen auch, dass Hitchcock eine ungesunde Vorliebe für blonde Hauptdarstellerinnen hatte. Ganz nebenbei lernt Jesse etwas über Suspense, und der Vater lernt, seinen Sohn ziehen zu lassen, ganz so, wie er ist. Einfühlsam und berührend erzählt Gil-

mour von einem pädagogischen Wagnis, von Angst und Konkurrenz, vom Anschieben und Loslassen, so lebensecht, dass man gestärkt daraus auftaucht und nebenbei wieder Lust auf längst vergessene Filme bekommt. Wer Zuhören liebt, ist auch mit dem Audiobook, das sogar eine Bibliografie der erwähnten Filmtitel enthält, gut beraten – Reiner Schöne spricht mit sonorer, rauer Stimme wie direkt aus der Traumfabrik. 

Tatsächlich kommt Gilmour diesen Kitschklippen manchmal gefährlich nah (etwa wenn der allzu verständige Vater den verwirrten Sohn zur Entspannungszigarette auf die Terrasse schickt oder ihm Tipps bei Liebesschmerz gibt), aber er konterkariert

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Strampeln und Zaudern

David Gilmour: Unser allerbestes Jahr. Roman. Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. S. Fischer, 254 S., € 19,50 Unser aller­bestes Jahr. Gelesen von Reiner Schöne. Steinbach sprechende Bücher, ­ 4 CDs, ca. 239 Min., € 19,99

Clemens Haipl liest aus seinem aktuellen Buch

„Ich scheiss mich an“ Montag, 23. März 2009, 19 Uhr 6., Mariahilfer Straße 99, 01/595 45 50, Eintritt frei

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wohner. Deren Unvermögen, sich von Dingen zu trennen, mag Folge einer frühkindlichen Störung sein. Doch wie ist das nun genau: Ziehen „Messies“ die Gegenstände magisch an? Oder verhält es sich umgekehrt? Tatsache ist, dass in den entsprechenden Räumen merkwürdig unsichtbare Kräfte walten und es durchaus hilfreich wäre, das Chaos wenigstens zu kartografieren. Diese Gedanken über Chaos und Ordnung führen ins Zentrum eines sehr ungewöhnlichen Romans: „Nikolski“, 2005 der kanadische Überraschungserfolg des in Montréal lebenden, 1972 geborenen Autors Nicolas Dickner, überzeugte in seiner Heimat vor allem jüngere Leser. Vermutlich fühlten sie sich den provisorisch lebenden Figuren spontan verbunden. Das Buch in der Hand, den Blick auf ungespülte Geschirrhaufen und abenteuerliche Reiseziele – so ließe sich dieser flotte Roman durchaus genießen. Denn Nicolas Dickner wirft einen fast schon subversiven Blick auf die Welt.

Es geht um zwei Halbbrüder, die ein landkranker Matrose einst im Vorübergehen im kanadischen Nirgendwo der Nadelwälder gezeugt hatte, und um Joyce, eine Nichte desselben Matrosen. Alle drei wohnen eine Zeitlang im gleichen Viertel Montréals. Aber nur der Leser weiß um die Familienbande. Kreuzen sich die Wege der Verwandten zufällig, spüren sie zunächst nur eine ungewöhnliche Nähe zum anderen. Den Autor interessiert das Strampeln und Zaudern seiner Figuren im Magnetfeld der gemeinsamen Ahnen: Piraten, Indianerinnen, unruhigen Nomaden, landlosen Inuits. Ihre Geschichten überziehen den Roman mit schicksalsmächtigen Linien, die sich von Alaska über Kanada bis nach Venezuela ziehen. Die drei Hauptfiguren verbindet die Ruhelosigkeit der Vorfahren. Zunächst ist da der Ich-Erzähler, der in einer verstaubten Buchhandlung arbeitet und „Psychoanalyse“ zwischen den Regalen betreibt, indem er sich tapfer Wege durch die Papierberge bahnt. Dann gibt es Noah, der die ersten 18 Jahre seines Lebens mit der Hippiemutter im Wohnwagen durch die Lande tingelte, bis er „aus dem Handschuhfach“ heraus wollte – und nach Montréal hinein. Auch seine Biografie erfordert ungewöhnliche Navigationsfähigkeiten. Straßenkarten haben ihm einst das Lesen erschlossen. Jetzt muss er sich erneut Orientierung verschaffen – als Auslieferer im neuen Vier-

tel und als Archäologiestudent unter der Erde. Zwischendurch versucht er, mit den Fingern über Karten kreisend, seine verschollene Mutter zu orten. Doch die Briefe kommen alle zurück. Dafür bahnt sich eine Beziehung zu Arizna an, die in ihrem Akzent alle Kontinente vereint und enthusiastisch für die Rechte der im hohen Norden angesiedelten Inuit eintritt. Ein Gebiet hat weniger mit Quadratkilometern zu tun als mit Überlieferungen, Lachsfang oder Flechtenarten. Kurzum: Es geht um Identität. Eben darum ringen hier alle im Schmelzpott Montréals. Auch Joyce, die tagsüber unauffällig Fische in einem Geschäft filetiert und nachts aus Containern alte Computer klaut, um sie in ihrem zusehends zugeräumteren Zimmer auszuschlachten und als Internetpiratin das kapitalistische System zu unterwandern – schließlich gilt es, die Ehre einer Piratenfamilie zu retten. Nebenbei klaut sie auch Programmierbücher in der Buchhandlung des Ich-Erzählers, mit dem sie später eine spannende Nacht über Landkarten verbringt und dem sie aus Versehen den wichtigsten Gegenstand dieses Romans zerbricht: einen Kompass, den der ruhelose Matrose, der unsichtbare Leitstern der Protagonisten, einst liegen ließ. Die Nadel zeigt immer knapp am Nordpol vorbei, geradewegs auf einen kleinen Ort namens Nikolski, der hinter Alaska auf den Aleuten liegt – also gewissermaßen im Nichts.

Nur nicht festwachsen „Nikolski“ kreist leicht irre um eine unbestimmbare Mitte – so lange, bis alle wissen, dass sie ihre Zimmer wieder verlassen müssen, um nicht festzuwachsen und zwischen den Gegenständen zu verschwinden. Dieser Bewegungsmodus ist mitunter das Problem dieses zerfaserten Romans, macht aber zugleich auch dessen Reiz aus. Dickner schreibt gegenwärtig und zerrissen, lebhaft und leicht und unterfüttert sein Romandebüt liebevoll mit Details über Fische, Bücher, Abfall, Orte und politische Krisen: informative Ordnungsregister gegen das Chaos. Und gerade in diesem diskursiven Wuchern liegt der Reiz von „Nikolski“.  ANJA HIR SCH 

Nicolas Dickner: Nikolski. Roman. Aus dem Französischen von Andreas Jandl. Frankfurter Verlagsanstalt, 302 S., € 19,90

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Richard Pinter sucht sich aus seinen Fächern Bleilettern zusammen. Er setzt sie zu Buchstaben- und Zahlenreihen in richtiger Reihenfolge. Hier formt er gerade eine Jahreszahl. Es geht etwas langsamer als in der modernen Textverarbeitung

Völkerverständigung mit špás , šlágr und šnicl Ziemlich tschechisch und ziemlich gut: „Grandhotel“, der jüngste Roman von Jaroslav Rudiš leischman hat den Absprung nie geF schafft. In seiner Heimatstadt Liberec, dem dauerverregneten „Pisspott Europas“ unweit der tschechisch-deutschen Grenze, arbeitet er als Faktotum im einst futuristischen, nun völlig abgewrackten Grandhotel seines jähzornigen Vetters Winnetou Jégr.

Fotos: Martin Fuchs

Das Hotel ist eine altersschwache Rake-

te auf der Spitze des Bergs Ještêd, das im Winter bedrohlich im Sturm schwankt und bevölkert wird von den Geistern der Vergangenheit und einer Rotte moderner Universalversager. Vom Leben erwartet Fleischman nicht viel: Er will die Wolken studieren, der hübschen Wetteransagerin im Fernsehen zuschauen und seine Ruhe. Die ist ihm allerdings nicht lange vergönnt. Erst taucht der alte Sudetendeutsche Franz auf, den der Krieg aus Liberec vertrieben hat, als es noch Reichenberg hieß. Nun muss ihm Fleischman bei der unorthodoxen Beisetzung seiner toten Kumpel helfen. Dann taucht auch noch die neue Kellnerin Ilja auf, eine Art Mensch gewordenes Wärmegewitter. Und über all dem darf Fleischman nicht sein Vorhaben vergessen, endlich Liberec zu verlassen. „Grandhotel“ ist ein durch und durch tschechisches Buch. Die Geschichte von Fleischman ist so tragikomisch, mit so viel Selbstironie und unverschämtem Pathos

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geschrieben, dass an der Erzähltradition, in welcher der Autor steht, keinerlei Zweifel aufkommt. Im „Grandhotel“ wimmelt es von Maulhelden, ob Jégr mit seinen Fraueneskapaden hinter dem Eisernen Vorhang oder Patka, der „Happy Life“ verkauft, ein Gebräu mit obskurem Heilsversprechen. Wie sich schließlich herausstellt, ist auch Fleischman ein Fabulierer, jedoch aus Not. Und das „Grandhotel“ ist aber nicht nur tschechisch – es steht unverkennbar im Sudetenland: Das Leben ist trister, Landschaft und Umgangsformen rauer, als der Durchreisende das etwa aus dem vergnügt turbokapitalistischen Prag kennt. Man schlägt und beschimpft sich. Durchs Schlüsselloch bespannt Fleischman Liebespaare auf ihren Zimmern. Kellner gehen zum Sterben in den Keller, Schutzgelderpresser und angehende Selbstmörder geben sich die schäbige Hotelklinke in die Hand. In Sichtweite der Hotelterrasse verbiegt sich das Gipfelkreuz immer hoffnungsloser. In diesem kargen Landstrich zeigt sich das spezielle Verhältnis von Tschechen und Deutschen, ihre jahrhundertealte Hassliebe, an vielen Stellen: nicht nur am Beispiel von Franz, dem Vertriebenen mit Kaffeedosen voller Asche. Auch an Fleischmans beherzten Rückgriffen auf die deutsche Sprache und seinen Exkursen in die unruhige Vergangenheit Liberecs (Jaroslav Rudiš weiß, was er tut: Er hat Germanistik und

Geschichte studiert – in Liberec.). Oder auch an den jämmerlichen Kuppelnachmittagen, die sich der halbseidene Jégr einfallen lässt. Wenn Busladungen einsamer Deutscher mit Schnauzbart und Bäuchlein und unglückliche Tschechinnen, zum Letzten bereit, aufeinanderprallen und die Germanismen špás (Spaß), šlágr (Schlager) und šnicl (Schnitzel) provisorische Brücken zwischen den Herzen schlagen. Am Ende lösen sich alle Unklarheiten vielleicht ein wenig zu schnell und zu gründlich auf.

Jaroslav Rudiš: Grandhotel. Roman. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová. Luchterhand, 237 S., € 8,30

Fleischmans allertraurigste Geschichte entpuppt sich als ein noch traurigerer Koloss von Lüge, und die letzten gut gehüteten Geheimnisse werden eilig unter seinem Bett hervorgezerrt. Doch trotzdem oder gerade deshalb ist „Grandhotel“ so unbedingt liebenswert wie sein Protagonist, der Wolkenliebhaber, das ewige Kind Fleischman, das irgendwann eines der vielleicht anrührendsten Bilder für den Tod findet: „Jeder von uns hat einen kleinen Schmetterling im Mund, der bei dem letzten Atemzug hinausfliegt und einen leisen Luftzug entfacht, der allmählich an Kraft gewinnt, bis er sich in einen Orkan verwandelt und alles wegträgt. Den Schmetterling und auch den Menschen.“ Ein Roman, leicht und schön wie eine Zirruswolke. 

TABEA SOERGEL

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Blood, Sweat & Bratislava „Am Ende der Welt“ von Agda Bavi Pain ist die apokalyptische Bestandsaufnahme einer kaputten Generation

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ines gleich vorweg: Agda Bavi Pain ist nicht leicht zu fassen. Da ist schon mal der Name des slowakischen Autors, der für seinen Roman „Am Ende der Welt“ („Koniec sveta“) mit dem Preis „Bank Austria Literaris“ für Literatur aus dem Osten und Südosten Europas ausgezeichnet wurde. Sehr slowakisch klingt der nämlich nicht. Kein Wunder: Agda Bavi Pain (oder auch Agbar Baba Pan) ist nur eines von mehreren Pseudonymen des 1962 in Košice geborenen Jozef Gaál, der nicht nur die Namen wechselt wie andere die Hemden. Von der Schriftstellerei könne er in der Slowakei nicht leben, erklärte Bavi Pain einmal (türkische Wurzeln spielen bei dieser Variante seines Künstlernamens auch mit), also ist er auch Dichter, Prosaiker, Fernseh- und Filmdrehbuchautor, Songund Werbetexter, Theatermacher und Puppenspieler.

Schon zu Zeiten des Kommunismus schloss er sich einer satanistischen Loge an, auch das wohl Teil seiner Selbstdarstellung, die ihn weiters als Tierschutzaktivisten oder Sänger der Band Liter Gena auftreten lässt. Zudem inszeniert er sich auch gerne als Unterweltler oder zumindest einer, dem das zwielichtige Kriminalmilieu der Slowakei nicht fremd ist. In diese vor Blut und Schweiß triefende Welt der kleinen Gangster, Verbrecher, Drogendealer,

dem Lyrik-Band „Kost’ & koža“ („Knochen & Haut“) habe er erkannt, so Bavi Pain, was der slowakischen Literatur fehle: guter Trash, Gothic Novels, B-Movies und B-Literature. Sollte die slowakische Gesellschaft diesbezüglich wirklich an Mangelerscheinungen gelitten haben, dürfte sie nun weitgehend kuriert sein.

Huren und auch Zigeuner führt Bavi Pain in „Am Ende der Welt“, wobei der Roman dem Leser schnell zu entgleiten droht. So viel ist jedenfalls klar: Es geht hier um je-

nes Leben, das sich hinter oder besser unter den renovierten Fassaden der Plattenbausiedlungen an der Peripherie von Bratislava und Košice abspielt. In diesen Mikrokosmos schmieriger, zwielichtiger Bars und Puffs, die nach den Wendejahren als Begleiterscheinung des Siegeszugs des Kapitalismus über den realen Sozialismus entstanden sind, kehrt Robi nach einem Gefängnisaufenthalt zurück. Ihm stets zur Seite ist ein gewisser Luckay, dessen Rolle freilich obskur bleibt, denn die Frage, auf welcher Seite der (ehemalige?) Polizist nun wirklich steht, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Sie ist aber ebenso wenig entscheidend wie der Rest der Handlung, der zudem schwer nachzuerzählen wäre. Zwar kommt es nebenbei zu gezählten 17 Morden, doch werden die Ereignisse von den Wortkaskaden richtiggehend weggespült, die über den Leser hereinstürzen. Auch die ethnolinguistischen Einsprengsel, die nachdrücklich darauf hinweisen, dass in unserem Nachbarland auch Idiome wie Ungarisch, Tschechisch oder Romanes zum (Strizzi-)Alltag gehören, tragen das ihre zur Verwirrung bei. Der Autor verfolgt damit freilich auch ein künstlerisches Konzept. Nach ersten Erfolgen wie

Agda Bavi Pain Am Ende der Welt. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Wieser / Edition Zwei, 244 S., € 14,80

Im slowakischen Original gibt „Koniec sveta“ wohl eine interessante und amüsanterschreckende Studie von Dialekten, Soziolekten und Underground-Milieus her. Auf Deutsch kommt das Ganze freilich etwas anstrengend daher. Dialoge wie der folgende können auf Dauer etwas nerven: „Und sonst so? Stütze kriegste genug? Tßa, je nachdem. Iß krieg fünf Tauß’nder der Sßoßialhilfe, ´n beßreß Taß’ngeld, Móre, für eine Nacht im Tabu, ßo ungefähr, und dann früh in der Kneipekneipe, von wegen genug!“. Dem Übersetzer Mirko Kraetsch kann man freilich keinen Vorwurf machen: Die Übertragung dieses ganz spezifischen Slangs war wohl ein höchst ambitiöses Unterfangen. Und ein Zeitdokument ist diese apokalyptische Bestandsaufnahme einer ebenso jungen wie planlosen Generation, die sich nicht einmal 100 Kilometer von Wien entfernt tummelt, allemal. Wohl nicht zu Unrecht wurde das Buch schon als die erste „Punkballade der slowakischen Literatur“ bezeichnet.  E D G A R S C H Ü T Z

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Über Wien und unter Wien Tex Rubinowitz beschreibt in äußerst subjektiver Weise jene Straßen, Plätze und Ansichten Wiens, die kein Reiseführer für erwähnenswert erachtet: Sehenswürdigkeiten wie Bushaltestellen, Kläranlagen, Schrottplätze oder Lokale, die als Verstecke taugen.

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Kommunismus ist ein Retro-Gefühl Der Slowake Michal Hvorecky und die Tschechin Petra Hulová machen einen eleganten Bogen um die Jetztzeit

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er Slowake Michal Hvorecky weiß, wie man einen publikumswirksamen Roman zimmert. In seinem Erstling „City“ entführte er den Leser noch in eine seltsam oberflächliche Zukunftswelt namens „Supereuropa“, in der Staaten ihre Namen der Markenmacht unterwerfen und sich RedBullgarien, Pumarokko oder Mazdadonien nennen. Frauen lassen sich Nivea, Gucci oder Nike rufen, Männer Hilfiger und Volvo. In seinem zweiten, eben auf Deutsch erschienen Roman „Eskorta“ muss der Held den nächsten, logischen Schritt der totalen Vermarktung vollführen. Die Hauptfigur Michal Kirchner, Kind zweier bekennender Homosexueller, die sich zur Ehe entschlossen haben, um ihr Schwulen- bzw. Lesbendasein auch im Kommunismus ausleben zu können, verdingt sich als schöner Luxus-Callboy in einem Bratislava der nahen Zukunft. Auf rasanten 250 Seiten erlebt er die Verlockungen des schnellen Geldes, die Oberflächlichkeit der Businesswelt und findet kurz die wahre Liebe, die, wie kann es anders sein, tragisch enden muss. Wegen eines ausgeklügelten Plots muss man Hvoreckys Bücher nicht lesen, sie leben vom gesellschaftskritischen Blick, den futuristischen Einfällen und dem Wortwitz des 1976 geborenen Autors. In „Eskorta“ hat sich Bratislava zur Wirtschaftsmetropole Osteuropas gewandelt, in der Heerscharen gelangweilter Gattinnen ausländischer Manager, aber auch erfolgreiche Businessfrauen auf die Dienste osteuropäischer, „ursprünglicher“ Jungs warten. Konsum, Sex, Exzess – Hvoreckys Zukunftsentwurf seiner Heimatstadt erinnert nicht von ungefähr an jenes „Gratislava“, das vor allem Briten und Amerikaner von Junggesellenreisen und Sauftouren kennen.

Mystik, Migration und Mongolei Knapp an der Gegenwart vorbei ist auch der ganz anders aufgebaute Roman der 1979 geborenen tschechischen Autorin Petra Hulová angesiedelt. In „Manches wird geschehen“ versucht ihre Hauptfigur Tereza als Fotografin ihr Glück in New York und lernt dort Ramid kennen, einen Charmeur und Geschichtenerzähler aus einem nicht näher benannten Land Asiens, das streckenweise an Persien erinnert. Die beiden sind das vorerst letzte Glied einer langen Kette, denn aus Terezas wie Ramids Familien waren bereits Verwandte in die USA ausgewandert. Auf gemächlich erzählten 350 Seiten entsteht so ein Panorama miteinander verwobener europäischer Migrantenschicksale quer durch die letzten zwei Jahrhunderte, wobei die Autorin tendenziell lieber bei den teilweise beinahe mystisch gefärbten Lebensgeschichten der Vorfahren verweilt und die beiden gegenwärtigen Pro­

der Rudolf die ihm alljährlich aus Prag zugeschickten Porträts seiner Schwester betrachtet. Zerrissene Familien, die nach der Wende im Jahr 1989 nicht mehr an die gemeinsame Vergangenheit und verwandtschaftliche Vertrautheit anknüpfen können: Auch das ist ein Thema, das im Leben der Exiltschechen allgegenwärtig ist. Der große, umfassende Wenderoman, wie ihn der Träger des Deutschen Buchpreis Uwe Tellkamp mit „Der Turm“ geschrieben hat, ist ganz eindeutig nicht Hvoreckys oder Hulovás Ziel. Stattdessen nehmen sie eher Anleihen an der reichen slawischen Tradition des utopischen und fantastischen Romans. Hulová, indem sie eine von Ramids Vorfahrinnen mit übernatürlichen hellseherischen Kräften ausstattet und dem Schicksal des Zirkus, mit dem Ramids Onkel ins Land der großen Versprechungen reist, viel Raum gibt. Hvorecky, indem er Michal am Ende zur Frau werden lässt, die eine – erstaunlich kenntnisreich beschriebene – Sexualität entwickelt und schließlich auch Schwangerschaft und Geburt erleben darf.

tagonisten ihres Buches nur schemenhaft greifbar werden. Deutlich schimmert bei der Beschreibung von Ramids Vorfahren Hulovás Begeisterung für die Mongolei durch, die schon Schauplatz ihres ersten Buches „In Erinnerung an meine Großmutter“ (2002) war. Die studierte Kulturwissenschafterin und Mongolistin, die das Land bei einem Studienaufenthalt gut kennenlernte, erzählte darin die Geschichte einer Nomadenfamilie, die die Armut in die Stadt treibt. In der Tradition der mündlichen Erzählweise stehen auch weite Strecken von „Manches wird geschehen“. Die schöne, rhythmische Übersetzung des österreichischen Schriftstellers Michael Stavaric betont die bisweilen etwas altertümliche und manchmal bewusst märchenhafte Sprache Hulovás.

Vermeidung jüngster Vergangenheit So unterschiedlich die Figuren, Schauplätze und auch die Sprache Hvoreckys und Hulovás sind, in einem gleichen sie sich doch: Beide machen einen eleganten Bogen um die unmittelbare Vergangenheit und Jetztzeit. Die aktuellen Verhältnisse in Tschechien und der Slowakei – immerhin erst seit mickrigen 16 Jahren eigenständige Staaten – werden nur am Rande gestreift. Das ist doch ein bisschen verwunderlich, denn gerade in den Jahren des osteuropäischen Umbruchs fände sich genügend Material für eine offene Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte, die unter Umständen sogar auf einen (ohnehin längst überfälligen) Generationskonflikt hinauslaufen könnte. Mancher Autor aus Westeuropa wäre vielleicht sogar froh über eine derartige Fülle an gesellschaftspolitischen Verwerfungen, über Konflikte, die tief ins Private hineinreichen und anhand derer sich Grundfragen wie die nach der Freiheit des Einzelnen beschreiben ließen. Stellenweise schimmern diese Themen bei Hvorecky und Hulová auch durch, etwa wenn Michal Kirchner die Geschichte seiner Eltern beschreibt und später miterleben muss, wie ehemalige Geheimdienstdossiers über sie publik werden. In der Slowakei wurden Listen mit einstigen informellen Mitarbeitern des staatlichen Spitzeldienstes ins Internet gestellt, was zum Bruch so mancher Freundschaft führte. An solchen Stellen von „Eskorta“ wünscht man sich dann manchmal mehr von diesen Ereignissen und vielleicht weniger Sex- und Drogenrausch in anonymen Luxushotels. Hulová lässt Terezas Onkel Rudolf über das damalige Jugoslawien in die USA ausreisen, während dessen Schwester in der tristen Tschechoslowakei zurückbleibt. Aber auch sie beschreibt das nur andeutungsweise in einer kurzen, rührenden Szene, in

Generation Nichts wie weg

Michal Hvorecky: Eskorta. Roman. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen, 250 S., € 20,50

Petra Hulová: Manches wird geschehen. Aus dem Tschechischen von Michael Stavarič. Luchterhand, 352 S., € 9,30

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Auch die etwas ältere Literatengeneration Tschechiens (die Slowakei ist in dieser Hinsicht noch recht neu auf der literarischen Landkarte) schwelgt gerne im Jenseits, zeitlich wie örtlich. Ende der 90er-Jahre erschienene Werke widmeten sich etwa gerne und ausführlich dem einstigen Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Beinahe wehmütig wurde seine bunte Mannigfaltigkeit der Monokultur des heutigen Tschechien gegenübergestellt – eine Aufarbeitung der schmerzenden Erfahrung des jahrelangen, vor allem auch kulturellen Abgeschottetseins hinter dem Eisernen Vorhang. Die Helden von Jiri Kratochvils „Unsterbliche Geschichte“ (1997, 2000 auf Deutsch erschienen) oder von Eda Kriseovas „Katzenleben“ (1997) haben sowohl deutsche als auch slawische Vorfahren. Vielleicht sind es auch die etwa zehn Jahre Altersunterschied, die den Deutschen Tellkamp (Jahrgang 1968) von Hvorecky und Hulová trennen, die deren andere Perspektivenwahl erklären. Für die Generation, die Mitte der 70er-Jahre geboren wurde, kam die Wende im Teenageralter, zu einem Zeitpunkt, als man sich noch schnell umstellen, das neue Leben packen und nutzen konnte. An die kommunistische Jugendzeit erinnerte man sich eher mit unpolitischen Retro-Gefühlen. Um die unmittelbare Aufarbeitung des historischen Ballastes sollen sich doch die etwas Älteren kümmern, die diese Zeit tatsächlich noch erlebt haben. Hvorecky und Holuvá gehen ihren eigenen literarischen Weg. Für sie gilt: Nichts wie weg. B arbara T ó th 

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Tschechow im Gulag Die Lagererzählungen von Warlam Schalamow erschüttern, gerade, weil sie auf Anklage verzichten

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ede Erzählung, jeder einzelne Satz wurde zuerst einmal ins Leere geschrieen – immer wenn ich schreibe, führe ich Selbstgespräche, ich brülle, wüte. Die Tränen kann ich dabei nicht zurückhalten. Ich wische sie erst ab, wenn die Erzählung beendet.“ Die poetologische Selbstbeschreibung, wie sie der russische Schriftsteller und Dichter Warlam Schalamow (1907–1982) im Essay „Über meine Prosa“ gibt, würde bei jedem anderen Autor vermutlich als peinlich angesehen werden. Allein – Schalamow macht deutlich, welche Rolle für ihn Stil und Form des Erzählens spielen, vor allem das gesprochene Wort. Seine Texte über 16 Jahre in Stalins Gefängnissen und im Gulag haben in ästhetischer Hinsicht mehr mit Flaubert oder Tschechow zu tun als mit den sonst bekannten Augenzeugen- oder Erlebnisberichten über den Terror in den Konzentrationslagern des 20. Jahrhunderts.

Karriere in der Verwaltungshaft „Linkes Ufer – Erzählungen aus Kolyma 2“, zwei Dutzend, Ende der 50er-Jahre nach der Rückkehr nach Moskau entstandene Texte stellen in der chronologisch aufgebauten deutschen Schalamow-Ausgabe die Fortsetzung von „Durch den Schnee“ dar. Standen dort die 30er-Jahre, die Zeit des „großen Terrors“, im Zentrum, geht es jetzt um Schalamows Karriere als „pridurok“, als Verwaltungshäftling in den Jahren der Verbannung. 1942 war dessen zweite Lagerhaft als „trotzkistischer Verschwörer“ zu Ende gegangen (ihm war die Verbreitung von „Lenins Testament“, in dem Lenin vor Stalin gewarnt hatte, vorgeworfen worden). Schalamow wird zum Feldscher ausgebildet und lebt unter den vergleichsweise privilegierten Voraussetzungen des medizinischen Hilfspersonals. Die Konditionen für die große Masse an Häftlingen haben sich – der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ wird allmählich absehbar – zwar

drejew an, Vertreter der alten russischen Intelligenzija, der dem Erzähler in „Das beste Lob“ ein sehr ambivalentes Kompliment macht: „,Tja‘, sagte er und zupfte mich leise am Hemdkragen. ,SIE können im Gefängnis sitzen, Sie können es. Das sage ich Ihnen von ganzem Herzen.‘“ Und Warlam Schalamow sitzt tatsächlich mit scheinbarem Stoizismus und erzählt, ohne je – wie etwa Solschenizyn – in Anklagetiraden zu verfallen. Gerade dieser, von untergründigem Sarkasmus begleitete Duktus macht etwa die aussichtslose Liebesgeschichte zweier Häftlinge unerträglich. Dasselbe trifft auf die zahlreichen, geradezu ekstatischen Naturbeschreibungen und Tiergeschichten zu.

noch immer nicht geändert, aber zumindest besteht Bestrafung mittlerweile nicht mehr nur in sofortiger Erschießung; der Archipel Gulag erreicht allerdings nach 1945 seine zahlenmäßig größte Ausdehnung.

Trotzkisten und Karrieristen „Wer aus der Hölle zurückkehrt, bringt nichts mit“, erklärte Schalamow einmal, nach dem Sinn seines Schreibens befragt. Es ist vor allem der fast klinische Blick in jene Grauzone, in der die Grenze zwischen Tätern und Opfern, zwischen Opfern, die soeben noch Täter waren und jetzt zu den Gequälten gehören, der diese Erzählungen derart peinigend macht. Da trifft man auf „Selbstverstümmler“, Häftlinge, die sich Finger, Hand oder Bein abhacken – was Ärzte und Lagerleitung sofort bemerken. Ein anderer versucht, sich mit dem bazillenversuchten Rotz eines tuberkulösen Mithäftlings zu infizieren, um der Arbeit in den Goldbergwerken zu entgehen. Da gibt es die „Karrieristen“, ein ganzes Heer an Denunzianten und ehemaligen Tschekisten, die sich noch als Häftlinge an „Volksfeinden“ rächen wollen. Und da sind schließlich die Kriminellen, die – immer im Einvernehmen mit der Lagerleitung – bei Bedarf Mithäftlinge ermorden. Neben den Vertretern der von Stalin deportierten diversen Sowjetvölker wie Kalmücken, Tschetschenen oder Krimtataren, gibt es Häftlinge, die aus gänzlich absurden Gründen verurteilt wurden: einem Esperantisten wurden seine Beziehungen zum „feindlichen Ausland“ zur Last gelegt, ein Ukrainer sitzt wegen des Versuchs der „Wiederherstellung der österreichisch-ungarischen Monarchie“. Die Hauptmasse des Lagers stellen die „inneren Feinde“ der Sowjetmacht – „Trotzkisten“ wie Schalamow selbst, oder die sogenannten Sozialrevolutionäre, einst treibende Kraft der Oktoberrevolution. Häftlinge dieser beiden Gruppen bezeichnet Schalamow als das „aborigene Volk der Kolyma“. Ihm gehört auch ein gewisser An-

Auf der Flucht erschossen

Warlam Schalamow: Linkes Ufer – Erzählungen aus Kolyma 2. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Matthes und Seitz, 318 S., € 23,50

Die beste, in rasantem Tempo erzählte Geschichte ist „Das letzte Gefecht des Major Pugatschow“. Pugatschow, der aus kurzfristiger deutscher Gefangenschaft mit einigen Mitgefangenen zu den eigenen Truppen geflohen war, wurde als sogenannter „Wlassow-Anhänger“, als Kollaborateur der Deutschen, verhaftet und nach Kolyma verschickt. Mit einem Dutzend Mithäftlingen wagt er, der im Krieg die paradoxe Freiheit vom Stalinismus erlernt hatte, den Ausbruch. Die Flucht in die Taiga scheitert, der Reihe nach werden alle erschossen. Dann folgt das Ende des Anführers: „Pugatschow pflückte Preiselbeeren, die in Büschen direkt auf dem Fels am Eingang der Höhle wuchsen. Graublau und runzlig, platzten die vorjährigen Beeren in seinen Fingern, und er leckte die Finger ab. Die überreifen Beeren waren geschmacklos wie geschmolzener Schnee. Die Beerenschale klebte an seiner trockenen Zunge. Ja, das waren die besten Leute gewesen. Major Pugatschow rief sie sich alle ins Gedächtnis – einen nach dem anderen – und lächelte jedem zu. Dann schob er den Pistolenlauf in den Mund und drückte zum letzten Mal im Leben ab.“ er i c h kle i n 

DER SPIEGEL

»… unaufhaltsam wie eine Schicksalstragödie.« Gustav Seibt, Süddeutsche Zeitung Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz 208 Seiten. Geb. H 18,40 [A]*. www.philip-roth.de

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»Ein furioser Roman.«

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Ein gerader Rauch bei minus 37 Grad „Eine Stimme im Chor“, Andrej Sinjawskijs Buch über die stalinistische Lagerwelt, wurde neu aufgelegt

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as Pseudonym, unter dem „Das Verfahren läuft“, eine düstere Groteske über den Spätstalinismus, Anfang der 1960er-Jahre in Paris erschien, war schon Provokation genug. Als Abram Terz, der Taschendieb aus Odessa, den man in der ganzen Sowjetunion aus einem Chanson kannte, überdies noch das Pamphlet „Was ist Sozialistischer Realismus?“ publizierte, war es mit der Geduld der Behörden zu Ende: Der tatsächliche Verfasser der beiden Werke, der Moskauer Literaturwissenschaftler und Kritiker Andrej Sinjawskij (1925–1997), war rasch ermittelt.

sundheit“. Schließlich gibt es da noch die Diebe mit ihrem höchst paradoxen Ehrenkodex, nach dem ein „nasses Geschäft“ (Mord) unumwunden abgelehnt wird: „Er starb in Ehre – er starb als Dieb.“ Den eigentümlichen Komplexionen der russischen Seele kommt man bei der Reaktion eines alten Häftlings auf die Spur, als der auf die Frage, warum er über den Tod des Lagerleiters weine, „unendlich bekümmert, aber immer noch lächelnd“ antwortet: „Ist doch klar! Seine Seele kommt direkt in die Hölle!“

Die Anklage lautet auf „antisowjetische Tä-

sprache und -folklore erscheint, stellt sich bald als eine archaischen Regeln folgende Welt des Sakralen dar. Sinjawskij spürt den kulturgeschichtlichen Verästelungen orthodoxer Sekten und Häresien nach, sein besonderes Interesse gilt den Ekstatikern aller denkbaren religiösen Provenienz (die sowjetische Christenverfolgung erreichte ihren zahlenmäßigen Höhepunkt unter Chruschtschow in den 1960er-Jahren). Einem Häftling, der davon träumt, ein Gedicht zu schreiben, „nach dessen Lektüre die Menschen in Ohnmacht fallen und als Sehende wieder aufstehen“, attestiert er, er suche nach nichts anderem als dem Stein der Weisen. Mehrfach trifft Sinjawskij auf die zeitgemäße Form des „Narren in Christo“: „Alle Bomben, die Atombombe und die Wasserstoffbombe, sollen sie auf mich allein werfen!“ Als er einmal zufällig das Gebet einer Gruppe von Adventisten hört, wird ihm auf höchst unheimliche Weise der religiöse „Sinn“ des ganzen Lagerlebens klar: „Nachts hörte er einen Chor von Stimmen – vielleicht Erdgeister, vielleicht die unzähligen über die Erde verstreuten Völker und Stämme – und plötzlich fühlte er, während er zuhörte, dass er auf der Stelle den Verstand verlöre, würde er auch nur ein einziges Wort aus diesem Chor verstehen.“ Über einen dieser Betenden erfährt man später: „Ihm träumte, seine Zunge ginge im Mund in Flammen auf, und am selben Tag fing er an, beim Beten in Zungen zu reden, zum ersten Mal nach der empfangenen Taufe durch den Geist.“

tigkeit“, das Urteil: sieben Jahre verschärftes Arbeitslager. Weltweite Proteste von Schriftstellern blieben ebenso wirkungslos wie das Engagement rarer Sowjetdissidenten; Michail Scholochow hingegen, der sowjetische Literaturnobelpreisträger des Jahres 1965, forderte Sinjawskijs Erschießung. „Ich werde ohne Umschweife sprechen, denn das Leben ist kurz.“ Der rigorose Beginn des Lagerbuches „Eine Stimme im Chor“ legt – auch wenn nicht (mehr) die üblichen Horrorgeschichten der Stalinzeit über Hunger, Folter und Tod erzählt werden – keine falsche Fährte. Im Lager ist ganz Russland. Aus hunderten von Fragmenten, einzelnen Sätzen und kurzen Essays entwirft Sinjawskij ein Bild des Landes als Mittelpunkt der Welt, die Kategorien Geschichte und Geografie werden ausgesetzt, innen und außen verschwimmen ineinander. Zusammengestellt aus Passagen der bis zu 50 Seiten langen Briefe, die der Autor während der Haft zweimal pro Monat an seine Frau schrieb, wird jegliche Privatheit kategorisch vermieden. Einzige Ausnahme auf 300 Seiten: „Ich will einfach das Blatt Papier berühren, das Du in der Hand halten wirst.“

Weder die Insassen des mordowischen Lagers

noch die Arbeit in einem Sägewerk werden beschrieben: Keine Person trägt einen Namen, stattdessen gibt es einen vielstimmigen Chor der Häftlinge und ihrer Aussagen, alles wird indirekt dargestellt. Einmal hört der Erzähler den Satz „Bei uns gibt es sechs Mörderzellen“, ein andermal: „Ob mein Mut dazu langt, diese Katze im Ofen zu verbrennen?“ Oder: „Kirjucha sagt: Lass uns hingehen und zugucken, die wollen da einen abstechen.“ Neben normalen Schwerverbrechern finden sich angebliche Kollaborateure mit den deutschen Besatzern aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, Balten und Tsche­ tschenen. Über einen derartigen „Fünfundzwanzigjährigen“ heißt es sarkastisch: „Er hat fünfundzwanzig Jahre bekommen und liest Jahr für Jahr die Zeitschrift Ge-

men und Bildern des Unterbewussten inniger verbunden ist als wir.“ „Wir“ – das sind die Russen. Kein Wunder, dass in den höchst organisch sich einfügenden Porträts von Sinjawskijs Lieblingsautoren nur wenig Bestand hat: Defoe und Swift, die Helden seiner Kindheitslektüre, Puschkin und Gogol (über jeden schreibt er während der Haft ein Buch) sowie Isaak Babel und Ossip Mandelstam. Ein bürgerlicher Schriftsteller wie Anton Tschechow erscheint aus dem Blickwinkel des Lagers als dekadent. Unter den zahlreichen Anläufen zur Charakterisierung Russlands anhand von Volkskultur, Märchen und Mythen findet sich schließlich folgender Vergleich: „Und dann die Empfindung, dass der Baumreichtum des altrussischen Reiches eine Beziehung zum Volksgeist und zum Charakter unserer Geschichte hat, in Farbe und Beschaffenheit – die Verbindung von eckig und rund, warme körperliche Stofflichkeit, allerdings bis aufs kahle Feld niederbrennend, und wieder nachwachsend wie Gras; verglichen mit dem Stein des europäischen Mittelalters rückt unser holzgezimmertes Altertum in die Nähe des lebendigen Leibes, ist formlos und weniger zuverlässig, schlecht erhalten, nie ums Bewahren besorgt, voller Lücken.“

Was mitunter als Romantisierung von Lager-

Andrej Sinjawskij ist nicht nur als Lagerhäft-

ling aufgeklärt genug, in derartigen Phänomenen die Grenzen der Aufklärung zu erkennen – als Literaturwissenschaftler erkennt er die Nähe zu einem Avantgardeautor wie Welimir Chlebnikow oder zum ukrainischen Klassiker Taras Schewtschenko: „Der Wahn weist ihn auf den Weg zu den eigenen dunklen Quellen, wo die Freiheit an schaudern machendes, uraltes Schamanentum und Magie grenzt. (…) Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Volk (die Folklore) der Ukraine mit den Urströ-

Andrej Sinjawskij: Eine Stimme im Chor. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. S. Fischer, 304 S., € 30,80

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Zentrum dieses hölzernen Russland ist für Sinjawskij die Buchweizengrütze: „Unser Essen, holzhaft, die Kascha, die man nicht verderben kann, die alles aufnimmt, alles aufsaugt, Finnen, Griechen, Tataren, Waräger, französischer Argot, Petersburg zergehen darin wie ein Klumpen Butter.“ Vermutlich handelt es sich hierbei um die freundlichste je gefundene Formel für Slawophilentum. Den Westen charakterisiert ein Häftling hingegen folgendermaßen: „Westliche Kultur – das ist, wenn man den Rotz in der Tasche trägt. Da schneuzt du dich in ein Tuch und trägst es mit dir herum.“ Natürlich rührt der Vergleich von den klimatischen Bedingungen des Lagerlebens – knappe Landschaftsbeschreibungen verleihen dem Buch einen konkreten Ort und die Klarheit der Form. „Gestern nahm der Frost zu, wir haben fast minus siebenunddreißig Grad und die Rauchsäulen – übernatürlich, wie auf einer Kinderzeichnung – ragen senkrecht in den purpurroten Himmel und blieben stundenlang stehen, ohne zu zerfließen.“ „Eine Stimme im Chor“ ist ob des Reichtums an Gedanken mit Canettis Aphorismen, in formaler Hinsicht mit Kafkas Tagebüchern vergleichbar – die kürzeste Charakteristik gab Andrej Sinjawskij selbst: „Er hat Briefe geschrieben wie Anträge auf Filzstiefel. Am laufenden Band.“ ER ICH K LEIN 

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Liter atur

„Magister der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften“ Richard Pinter setzt Bleilettern zu Wörtern zusammen. So entstehen die Diplom­urkunden. Links: Lettern, Wortabstände und Werkzeug, geschlichtet in Holzschiebern

„Eine Überdosis Scheißfolklore“ Dubravka Ugrešićs Roman „Baba Jaga legt ein Ei“ handelt von welkenden Körpern, Dauerständern und slawischen Mythen

mindest eine konnte dem Sirenenruf dieser „Heerscharen gealterter Engel“ nicht widerstehen: Dubravka Ugreši´c, die den alten Frauen ihr neues Buch „Baba Jaga legt ein Ei“ gewidmet hat. Dieses komplexe Buch kommt in drei Teilen daher, die sich wechselseitig bespiegeln und ergänzen, und mit einer Heerschar von Verweisen, mit denen Ugreši´c ihr hintergründiges Spiel treibt.

Baba Jaga, das ist ein anthropomorphes weibli-

ches Wesen aus der slawischen Mythologie mit Verwandten in den meisten anderen Kulturen: eine alte, hässliche, böse Hexe, eine uralte Göttin, die das Patriarchat zu einem Scheusal degradiert hat und nun von Ugreši´c auf überzeugende und unpeinliche Weise aus der Klammer rein frauenfeindlicher Interpretationen gerettet wird. Auf einer zweiten Ebene geht es aber auch um eine Auseinandersetzung mit dem in unseren Breiten neuerdings arg verlängerten Leben, um den Körper- und Gesundheitswahn, aber auch um eine Kritik am heutigen Umgang mit dem Alter. Wer die Bücher von Ugreši´c kennt, dem ist auch ihre alte Mutter vertraut, die wir im ersten Teil des Buches beim Einigeln in das Haus des Alters beobachten. In „Das Museum der bedingungslosen Kapitulation“ (dt. 1998), das zu Ugreši´cs bes-

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ten Büchern gehört, fungierte sie noch als Schöpferin und Bewahrerin der Familiengeschichte, jetzt ist das Album „auseinandergefallen, die Fotos verstreut“. Auch ihre Sprache zerfällt und existiert nur noch in Stehsätzen: „Zwiebeln müssen stets weich gedünstet sein.“ „Sauberkeit ist die halbe Gesundheit.“ Die Reise der Tochter in die bulgarische Heimat der Mutter, begleitet von der streberhaften jungen Bulgarin Aba Begay, die der Autorin gehörig auf die Nerven fällt und die von ihr verachtete Disziplin der Volkskunde studiert, gerät zum Fiasko. Diese Aba, eine weitere Vertreterin der Baba Jaga, wie ihrem Namen unschwer zu entnehmen ist, soll später auch vom Verleger der Autorin den Auftrag erhalten, eine Abhandlung über den Prototyp der greisen Alten in der slawischen Mythologie zu verfassen. Am meisten Spaß gemacht haben muss Ugreši´c der mittlere Teil, ein kleines Fest des Erzählens über den wohlinszenierten Abgang der alten Pupa in einem tschechischen Kurort mit drei märchenhaften Schicksalsgöttinnen als Protagonistinnen, eben der 88-jährigen Pupa, „eher das Rudiment eines Menschen, eine menschenähnliche Dörrpflaume“, der 80-jährigen Kukla, „ungewöhnlich groß und für ihr fortgeschrittenes Alter erstaunlich gerade“, und der beleibten Beba, 70 Jahre, deren Körper auf unschöne und eingehend beschriebe-

ne Weise auseinandergegangen ist. Ihnen zur Seite gestellt sind der naiv-gutmütige Bosnier Mevludin, der seit einer Explosion einer serbischen Granate einen Dauerständer hat, der Betreiber des Hotels, AntiAging- und Wellnessapostel Dr. Topola­nek und der amerikanische Geschäftsmann und Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln Mr. Shake. Da kann die Abhandlung „Baba Jaga für Anfänger“ mit den kompilatorischen Kapiteln über ihr Häuschen auf Hühnerbeinen, den Mörser, in dem sie fliegt, und diese ganze „Überdosis an Scheißfolklore“ natürlich nicht mithalten. Und soll das auch nicht. Durch den Kniff, eine unsympathische Figur

Dubravka Ugrešić: Baba Jaga legt ein Ei. Berlin Verlag, 367 S., € 22,70

die vorigen Teile auf platte, oberseminarhafte Weise auf babajagoligische Elemente abklopfen zu lassen, gelingt es Ugreši´c, die Forschungslage zu vermitteln und deren Bedeutung gleichzeitig zu relativieren. Erst der Schluss dieses Teils gewinnt wieder an Drive, wenn sich Aba gegenüber dem Verleger plötzlich in feministische Höhen schraubt und das Baba-Jaga-Schwert zieht, das die Autorin wohlweislich stecken ließ, die ja bekanntlich Anfang der 90er-Jahre im kroatischen Fernsehen wegen regime- und kulturkritischer Äußerungen selbst als Hexe bezeichnet wurde und darauf ins Exil nach Amsterdam ging, wo sie heute noch lebt. 

Fotos: Martin Fuchs

ie ähneln „betagten Bulldoggen“, haS ben Halsfalten wie Puten und ein Gestell, „leicht wie Vogelknochen“ – und zu-

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Kriegsschauplatz Dreiecksbeziehung Michael StavariČ unterfüttert die großen Themen Krieg und Gott mit flauschigen Kalauern n seinem vor wenigen Monaten erschieIStavariˇ nenen Buch „Magma“ hatte Michael c eine Menge Naturkatastrophen vorgeführt, in seinem neuesten, „Böse Spiele“, geht es um Kriege. Mythische Kriege, Liebeskriege, Geschlechterkriege, häusliche Kriege – ohne konkrete Daten, was es in dieser Hinsicht von „Magma“, einem chaotisierenden Internetlexikonroman, unterscheidet. Hinter dem Aufmarsch großer Themen – Gott darf bei Stavariˇc auch nicht fehlen – steht freilich die eher banale Geschichte eines begabten Lovers, der zwei Frauen befriedigen soll, eine verheiratete mit Kind und eine mythische Amazone. Oder, wenn das Erzählkaleidoskop weitergedreht wird, und das geschieht in einem fort, eine Stadt-

und eine Landfrau. Zu keiner von beiden vermag (oder mag?) der schemenhafte IchErzähler eine dauerhafte Beziehung zu entwickeln. Die Stadtfrau verlangt fallweise von ihm, ihren Ehemann zu töten. Die Amazone steht naturgemäß auf gestandene Krieger. Das Kaleidoskopprinzip des Romans bringt es mit sich, dass keine Konstellation andauert. Die bösen Spiele sind in erster Linie Literaturspiele, Ansätze zu und Zurücknahmen von Melo- und Mythodram. Wie die sprachlichen Regieeinfälle des Autors Vorschaltungen und Weglassungen sind: Das fast nur aus Nebensätzen bestehende Buch spart simple Formeln wie „ich dachte“ oder „sie sagte“ aus und erzeugt damit einen interessanten Effekt, der auf

Michael Stavarič: Böse Spiele. Roman. C.H. Beck, 154 S., € 17,40

die Dauer aber monoton wirkt. Dafür hat Stavariˇc den Text mit Eingangsphrasen wie „ob ich weiß, wie“ gespickt, die manchmal fehl am Platz wirken. Es gibt poetische Passagen in diesem aus zahllosen Fragmenten montierten Buch, die aber immer wie zurückgenommen wirken – so, als dürfte der Prosa­autor sich den lyrischen Höhenflug nicht wirklich gestatten. Und es gibt Kalauer à la Jelinek, die in der Präsentation allerdings weicher ausfallen, der martialischen Thematik zum Trotz: „Wir ziehen die Vorhänge zu, sagt sie, gemeinsam an einem Strang.“ Der Satz könnte, zynisch unterfüttert, eben bei Jelinek stehen, oder, etwas flauschiger, im Katalog eines Möbelhauses. Er steht bei Michael Stavariˇc. L e o p o ld F e d e rm a i r

Selbst die Bleistifte waren früher besser In dem Roman „Der Fliegenpalast“ zeichnet Walter Kappacher ein subtiles Porträt Hugo von Hofmannsthals

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it 25 Jahren kann jeder Talent haben. Mit 50 Jahren Talent zu haben, darauf kommt es an.“ Schwer zu sagen, ob Hugo von Hofmannsthal das Degas-Zitat kannte. Er dürfte aber ähnlich gedacht haben wie der französische Impressionist – nur mit umgekehrten Vorzeichen: Während es Degas bis ins hohe Alter nicht an Selbstvertrauen fehlte, kennzeichneten häufige Krisen Hofmannsthals Schaffen. In einer solchen befindet er sich auch in Walter Kappachers Roman „Der Fliegenpalast“, der den Dichter als 50-Jährigen porträtiert. Kappachers Hofmannsthal, im Roman nur „H.“ genannt, verbringt im Sommer 1924 einige Tage in Bad Fusch, einem heute verlassenen Kurort am Großglockner. Am Urlaubsort seiner Kindheit will er ungestört an einigen halbfertigen Texten arbeiten. Doch die Schaffenskraft der frühen Jahre ist dahin, Fantasie und Inspiration sind nicht mehr zur Stelle, wenn er sie braucht. Auch die Hoffnung auf eine ruhige Arbeitsatmosphäre ist vergeblich: Der Tourismus hat dem verträumten Bergdorf die Beschaulichkeit geraubt.

Schlecht gekleidet beim Diner Doch nicht nur dessen Schaffenskrise macht H. zur tragischen Figur. Der Anhänger der zerschlagenen Monarchie findet in der neuen, ärmlichen Gesellschaft keinen rechten Platz mehr. Der Niedergang hat alle Lebensbereiche erfasst: Die Kurgäste kleiden sich zum Diner nicht mehr ordentlich, Orangen gibt es längst nicht mehr zu kaufen, selbst die Bleistifte waren früher besser. Nicht einmal auf die eigene Prominenz ist noch Verlass. Hofmannsthal

hat dem Hoteldiener eingeschärft, keinesfalls seinen Namen laut auszusprechen, um nicht von Verehrern gestört zu werden. Die Vorsichtsmaßnahme ist unnötig: Die wenigen Unbekannten, die auf H. zukommen, wollen sich bestenfalls seine Zeitung ausborgen. Nur eine alte Baronin erkennt ihn, worauf sie der sonst so höfliche Hofmannsthal, der nun endlich eine Gelegenheit findet, die vermeintlich gefährdete Ruhe zu verteidigen, brüskiert. Die traurige Ironie der Geschichte: Durch den Fauxpas gefährdet Hofmannsthal das einzig Positive seiner missglückten Sommerfrische – die aufkeimende Freundschaft zum Leibarzt der alten Dame. Dieser liest zum ersten Mal Texte Hofmannsthals und fühlt sich von ihm verstanden, zu ihm vielleicht auch erotisch hingezogen (und vice versa). Es ist bewundernswert, wie feinfühlig der Erzähler des „Fliegenpalasts“ mit seiner Hauptfigur umgeht. Der überspannte Dichter wird nie vorgeführt; der Blick des Erzählers ist genau, aber niemals kalt. Kappacher erweist sich vielmehr als vollendeter Meister der liebevollen, zartbitteren Ironie. Immer wieder etwa kommt die Rede auf die Salzburger Festspiele, zu deren Initiatoren Hofmannsthal zählt, die aber in diesem Sommer abgesagt werden. Man befürchtet, verelendete Einheimische könnten die internationalen Gäste anpöbeln. So lässt Kappacher den Autor des „Jedermann“ in Bad Fusch vor seiner Zeitung sitzen, in der er ein Inserat für den neuen, vier PS starken Opel sieht. Leider verrät die Anzeige nur den Goldmarkpreis ab Werk Rüsselsheim. In Wien würde man das schöne

Auto wohl kaum bekommen, geschweige denn sich leisten können. Die Überschrift des (authentischen) Inserats: „Der Wagen für Jedermann“.

Beeindruckende Dichte

Walter Kappacher: Der Fliegenpalast. Roman. Residenz, 176 S., € 17,90

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Es sind diese beiläufigen Details, die Kappachers kurzem Roman seine beeindruckende Dichte verleihen. Der Autor verfügt zwar über ein enormes Fachwissen über Hofmannsthals Epoche, protzt damit aber nicht. Diese Souveränität passt zur Unbeirrbarkeit, mit der der heute 70-Jährige seinen ganz persönlichen literarischen Weg geht. Der ehemalige Motorradmechaniker und Schauspieler war 40, als er den Schritt zum freien Schriftsteller wagte. 15 Romane und Erzählungen sind in den letzten 30 Jahren entstanden, ohne Rücksicht auf literarische Moden oder Seilschaften im Literaturbetrieb. Erst seit kurzem wird dem Einzelgänger etwas mehr Aufmerksamkeit zuteil: „Der Fliegenpalast“ erschien immerhin als Vorabdruck in der FAZ. In den wenigen Tagen, die in dem Roman geschildert werden, zeichnet Kappacher ein genaues Porträt Hofmannsthals und seiner Zeit. Die Tragödie des Ersten Weltkriegs holt der Autor genauso in sein Buch wie die sich langsam vorbereitende Katastrophe des Nationalsozialismus. Um das Elend der Zwischenkriegszeit fühlbar zu machen, braucht er zwei Absätze, um den beginnenden Verfall Bad Fuschs anzudeuten, bloß zwei Zeilen. Ebenso effizient ist das Schlussbild, von dem hier nur so viel verraten sei: Es enthält die ganze Tragik des Dichters, der sich gern einer Welt verweigern würde, die aber ohnehin nichts von ihm wissen will. G EO R G R E N Ö C K L

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Buchbeilagen halten sich üblicherweise mehr oder weniger sklavisch an die Rhythmen des besinnungslos brummenden Buchmarktes. Jetzt wird entschleunigt: Vier Autorinnen empfehlen Bücher, die nicht ganz neu sind, aber mehr Aufmerksamkeit verdienen

Das gehört

Olga Flor empfiehlt: Eine österreichische Hungerkünstlerin

F o t o : J . J . K u c ek

chialen armutinduzierten Hungers ebenso wie in der des Wohlstandshungers. Wohlstandshunger als Hunger auf das, was ausfüllen könnte, wenn man nicht von vornherein schon wüsste, dass die Befriedigung nicht von Dauer sein kann, dass das Sättigungsgefühl flüchtig ist und dass der Nachschub schon auf der Hand liegen muss, damit der Hunger eine Ruhe gibt. Und, hast du’s nicht gesehen, passiert doch glatt was Blödes, nämlich dass man den richtigen Zeitpunkt verpasst, an dem man gerade genug erwischt hat.

Zur Person Olga Flor, geboren 1968 in Wien, lebt in Graz. Sie studierte Physik. Ihr Roman „Talschluss“ (2005) war monatelang auf der ORF-Bestenliste. Der letzte Roman, „Kollateralschaden“ (Zsolnay Verlag), wurde für den deutschen Buchpreis 2008 nominiert

Dann passiert es, dass man schlingt , bis man kotzen muss oder kotzen will, auch diese geschickte Hungeroptionierung, also das bewusste vorauseilende Entleeren des Magens in Hinblick auf darauf folgende glückliche Hungergefühle ist denkbar (nicht auszudenken, wie sich Hungerassets, also die erwerbbare und wiederverkäufliche Sicherheit in Zukunft einlösbarer Schlingversprechen machen würden, ob da eine Hungerblase aufzublähen wäre? Wohl doch nur Blähbäuche). Dann muss man gleich wieder von vorne anfangen mit dem Gestopfe, die Sättigung als solche ist nicht einmal mehr for-

mal das Ziel des Ganzen, nur das Stopfen, und das beweist uns immerhin, dass wir noch stopfen können.

F o t o : H er i b er t C o r n

er Hunger als zeitgenössisches Thema D ist ja nichts Neues: und zwar in perverser Gleichzeitigkeit in Gestalt des bra-

Auch wenn diese Unersättlichkeit , die Lin-

da Stift ins Zentrum ihres Buches „Stierhunger“ stellt, nicht unbekannt ist, so ist doch die Umsetzung neu, vielschichtig, raffiniert und sprachlich fein ausgearbeitet. Das Motiv wird durchexerziert in einer hermetisch geschlossenen Konstellation, die sich aufdrängt, die sich der Erzählerin überstülpt oder vielmehr von dieser selbst übergestülpt wird, deren Unabdingbarkeit die Erzählerin zu schlucken scheint. Und – dies sei nebenbei bemerkt – Linda Stift ist zumindest an der Oberfläche weit entfernt von Finanz- oder Wirtschaftskrisen allgemeiner Art, ihr Text bildet sauber geflochtene Rückbindungen in eine ganz andere Zeit, zur Vorreiterin österreichischer Hungerkünstlerinnen nämlich, Sisi, deren Alter Ego avatarengleich dieser Parallelwelt vorsitzt, wobei gar nicht erst der Versuch unternommen wird, das zugrunde liegende Regelwerk in Zweifel zu ziehen. Gerade daraus zieht es – das Regelwerk nämlich – seine pompöse Dominanz und zwingt den Leser/die Leserin fast schon sanft auf die Innenseite dieser albtraumF haften Szenerie.

Linda Stift: Stierhunger. Roman. Zsolnay (2007), 171 S., € 18,40

nser Fleisch ist mit Haut überzogen, daU runter macht das Gerippe klipp klapp.“ So beginnt Wolfgang Bleiers drittes Prosa-

Foto: L.E.L. Rajimann

stück. Ein Beginn ist Sprungbrett und Hürde zugleich. Wer den Sprung wagt, sich der lyrischen Kopfmaschine anvertraut, dem enthüllt sich eine Innenansicht, eine Radiografie von Gedachtem, gleichermaßen berauschend wie ernüchternd. „Ich binde mir einen Hund um den Bauch und höre die Nachtglocke; also trete ich leiser.“ Bleier reißt jeglichem Gerede die Maske herunter. „Bauern jammern, gern hätten sie ein Wetter für sich allein, ihre Äcker, ihre Kühe.“ Er ist den Sätzen auf der Spur, und den Gedanken; den eigenen wie denen des Lesers.

Zur Person Andrea Grill, geboren 1975 in Bad Ischl. Promovierte Biologin. Längere Aufenthalte in Albanien, Amsterdam und Italien. Übersetzerin aus dem Albanischen. Lebt als Schriftstellerin in Wien. 2008 erschien der Roman „Tränenlachen“ (Otto Müller Verlag)

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Diese Prosa wirkt wie eine Droge: Je nachdem, wie es einem geht, kommt sie an. Hier schreibt einer, der mit jedem Wort macht, was er will. Gleichzeitig verehrt er es. Wie er übrigens auch „die Frau“ verehrt, die Einzige, die etwas sagen darf. Das männliche Erzähl-Ich tritt als Kopffüßler mit wechselnden Dimensionen auf. Ab und zu Vogel, ab und zu Vögel betrachtend, steckt er zwar eher in einem Gefieder als in einer Haut, sitzt aber doch zumeist in der Küche. Ein Wortschutzgebiet tut sich auf: Das herrliche „Quirx“ wird aus der Verschollenheit geborgen. Der Autor traut

sich, ganz er selbst zu sein. Und fürchtet offenbar nichts. „Ich sage immer: Sterbe ich, so bin ich doch ein Weilchen an der Luft gewesen.“ Man bekommt etwas zu lesen, das man nie gedacht hätte. Vielleicht geträumt. Wie er es macht? Der Autor verrät so viel: „Zusammengefaltet wird jeder Augenblick, und Vögel faltet man ein und aus.“ Gerade deshalb gibt es Wiedererkennungsmomente. Dass sogar Bleiers Menschmaschine nach einem Hosenkauf völlig erschöpft auf die Wirtshausbank sinkt und Haareschneiden als großes Abenteuer empfindet, wird den einschlägig Vorbelasteten erleichtern. „Mein Buch spricht davon, dass das Auge ein Instrument des Denkens ist, dass das Licht eine Kraft und dass das Ornament Gedanke ist“, diese Zeilen Ossip Mandelstams könnte man der „Verzettelung“ ohne weiteres voranstellen.

F o t o : O t t o M ü ller

Andrea Grill: Dem Gerede wird die Maske heruntergerissen

Wolfgang Bleier: Verzettelung. Prosa. Otto Müller (2007), 120 S., € 16,–

eingeschmiedet, wie auf einem Sprachamboss in Form gehämmert, bis sich dem inneren Auge ein Gemälde darbietet, voll schaurigkomischer Details. Unter Bleiers Händen bekommt Altbekanntes unversehens eine neue Konsistenz. „Ein eigener Kopf ist selten, und in der eigenen Haut zu stecken, ist ungewöhnlich.“ Wo er Recht hat, hat er F Recht. 

Den Sätzen sind unzählige Bilder

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rt doch mehr geschätzt! o wird der Schrecken ohne Ende langSDieser sam normales Leben.“ Satz des frühverstorbenen Ni-

Sabine Gruber, geboren 1963 in Meran. Studium der Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Innsbruck und Wien. 1996 erschien ihr Romandebüt „Aushäusige“, 2003 „Die Zumutung“. Im C.H. Beck Verlag kam 2007 der Roman „Über Nacht“ heraus

Wie schon Kaiser Friedrich unterliegt auch der Bruder in „Kunersberg“, so der Titel des ersten Teils des insgesamt zweiteiligen Romans. Er hofft wie sein „Dynast“ bis zum Schluss auf Rettung, doch die Feindesseite

Foto: Karl Heinz Ströhle

Zur Person

colas Born dürfe nicht unwidersprochen eintreten, schreibt Hermann Peter Piwitt (Jahrgang 1935) in seinem 2000 erschienenen Aufsatz „Gott und der Dichter“. Piwitt wies bereits 1981 auf die Auswirkungen der Globalisierung hin, er beklagte früh das Verschwinden geistiger und materieller Alternativen zum „katastrophal Bestehenden“. In seinem gesamten Werk sucht er auf höchstem stilistischem Niveau emphatisch und sorgend neugierig nach einem Weg, sich diesem „Schrecken ohne Ende“ zu widersetzen. In seinem 2006 erschienenen Roman, „Jahre unter ihnen“, kriegt der Bruder des Erzählers sein Leben nicht mehr in den Griff. Wo der Wahnsinn beginnt und die Normalität endet, lässt sich längst nicht mehr ausmachen. Der ehemalige Architekt, der ein Faible für Friedrich den Großen hat, fälscht Bauaufträge und führt in seinem ganz persönlichen Wahnsinnskrieg Banken und Beamte in die Irre.

antwortet mit immer unverständlicheren „Vollstreckungsbeschlüssen“. Dem Bruder bleibt nichts anderes, als sein „Sprachgefieder“ zu sträuben, den Rest erledigen Staat und Anstalt. Hier sind wir mitten in Piwitts Poetologie. „Mich interessiert an Büchern Stil als Form, die dem zugemuteten Leben passioniert abgearbeitet ist, Stil als Lebensrhythmus provozierten Lebens.“ Piwitt hat die Forderungen, die er an das Werk anderer stellt, selbst eingelöst. Als Internierte im neoliberalistischen Wahnsystem, sagt Piwitt, kommen wir mit etwas Geld „zwar noch überall hin, aber nicht mehr raus“.

Foto: Karin Rocholl

Sabine Gruber: Internierte im neoliberalistischen Wahnsystem

Hermann Peter Piwitt: Jahre unter ihnen. Roman. Wallstein (2006), 126 S., € 16,50

Der Verlust der Utopie führt zur Fragmentie-

rung der Sprache und der Wirklichkeit. Die Ordnung verfällt, und dieser Prozess wird an der Romankonstruktion ablesbar: poetische Miniaturen, eine Liebesgeschichte, Augenblicke aus dem Leben von Passanten – man erfährt nur scheinbar Zusammenhangloses, denn der Roman spart auch am Schluss nicht mit erhellenden Verweisen: Da umarmt der Erzähler ein Pferd. „Um verrückt zu werden, genügte es, dass man lebte“, sagt er einmal. Um beglückt zu werden, genügt es, dass man Piwitt liest. Der Wallstein-Verlag legt dankenswerterweise all dessen großartige RoF mane wieder auf.

hristof Huemer hat einen Roman verC öffentlicht, einen „DJ-Roman“. Wobei man vielleicht an Pop(literatur) und an DJKicks denkt, vielleicht auch an „Herrn Lehmann“ in Berlin, aber bestimmt nicht an Graz, arabische Prinzessinnen und actionreiche Verfolgungsjagden, bei denen man sich nur mehr ins Kino retten kann („Leute flüchten in Filme. Alle wissen das“).

Foto: Peter Köllerer

Jedes Kapitel ist mit einem Song unterlegt – in

Zur Person Angelika Reitzer, geboren 1971 in Graz, studierte Germanistik in Salzburg und Berlin. Sie lebt und arbeitet in Wien. 2007 veröffentlichte sie den Roman „Taghelle Gegend“. Zuletzt erschien im Haymon Verlag der Prosaband „Frauen in Vasen“

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gewisser Weise ein Bonustrack, den der Roman nicht braucht. Man kann das Buch mit Soundtrack lesen oder ohne, und viele der Tracks sind wie Menschen im Hotel, die einen „kleinen Ausschnitt ihres Lebens mit sich führen“. Huemer arbeitet mit Loops, mit Gedächtnisprotokollen, Interviewausschnitten und Anleihen aus Märchen, er ist dabei detailverliebt oder doch eher -besessen, vor allem in der Wahrnehmung seiner Gegenüber und mehr noch in der Selbstbeobachtung, dann wieder sehr deutlich in nur wenigen Strichen. Sprachlich führt Huemer eine derart feine (= scharfe) Klinge, dass seine Ausschweifungen und Anspielungen die (inhaltlich überschaubare) Story geradezu witzig und spannend einem Höhepunkt zutreiben. Wir schreiben das Jahr 1998. Wahrscheinlich Sommer. DJ Andreas Mar kommt aus Berlin zurück nach Graz, ir-

gendein Auftrag, vielleicht eine letzte Chance, seine Karriere hat nämlich den Zenit überschritten. Die „desolate Stadt“ ist vor allem ein Synonym für seinen Zustand und die Innenstadt Kulisse für etwas, das im Roman einmal als „Dynamitfischen im Zimmerspringbrunnen“ auftaucht. Um welche Genres es sich dabei handelt, weiß weder der Protagonist, noch legt sich der Autor wirklich fest – zu spielen vermag ­Huemer jedenfalls mit einigen. DJ Mar ist einer, der zu wenig isst und zu schnell fährt, für den Showdown den weißen Sommeranzug anlegt und die Haare gelt. Er wiegt sich wohl in einer Pose des Alleswird-gut (wahrscheinlich eine Nebenwirkung der Mittel, die er zu sich nimmt), getragen und vorangetrieben wird die Handlung aber von dem Wunsch, dass das Leben wie Musik sein könnte. „Zweifellos“ hat das Tempo eines Tarantino-Films, auch Monologe und Perspektiven erinnern im besten Sinn an den Meister der Hommage. „Sie sind der Museumswärter meiner Erinnerung“: Dieser Satz, der aus einem Roman Orhan Pamuks stammen könnte, irrlichtert zwischen den Tracks herum und könnte auf ein nächstes Buch hinweisen, in dem sich Huemer noch näher an die Abgründe wagt, die sich zweifellos auftun in F seinem Text. 

Foto: Edition Keiper

Angelika Reitzer: Dynamitfischen im Zimmerspringbrunnen

Christof Huemer: Zweifellos. Edition Keiper (2008), 272 S., € 17,90

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Liter atur

Die Oma von Die Schrecken des Eises Thomas Bernhards Opa … und der Vergangenheit Johannes Freumbichler revidiert das Klischee von der sittenstrengen, bäuerlichen Welt der Vormoderne

Mit „Nordlicht“ gelingt Melitta Breznik ein kluger Roman über die Neugier am Leben in einer wortkargen Gegend

in „Salzburger Bauernroman“ E aus dem Jahr 1937, das klingt verdächtig nach Alpenkitsch oder Blut

n „Nordlicht“ verknüpft Melitta Ischickt Breznik zwei Frauenschicksale gezu einer Reflexion über die

verheiratet bleibt, wechselnde Liebhaber hat, ein uneheliches Kind bekommt, sich unter oft widrigen Umund Boden. Nun stammt das Buch ständen nach oben arbeitet – und die aber von niemand anderem als Johan- schließlich zu hohem Ansehen im nes Freumbichler, Thomas Bernhards Dorf gelangt. Großvater, über den der berühmte So manches Vorurteil gegenüber Enkel schrieb: „Alle meine Kenntnis- der vormodernen bäuerlichen Welt se sind zurückzuführen auf diesen für wird man beim Lesen der „Philomemich in allem lebens- und existenz- na“ revidieren müssen, von der verentscheidenden Menschen.“ Man nä- muteten Sittenstrenge etwa ist im Rohert sich dem Roman, der anlässlich man wenig zu bemerken. Die zwei von Bernhards 20. und Freumbich- Aktivitäten, die das Leben seiner Filers 60. Todestag bei Insel neu ver- guren dominieren, sind Arbeit und legt wurde, also mit allem gebotenen Sex. Partnerwechsel sind nicht unRespekt. üblicher als in der Gegenwart, für Die ersten Seiten wird man trotz- uneheliche Kinder sorgt im Dorf die dem eher durchleiden. Da liegen Fel- „Kinderkathl“, deren gut laufender der und Wiesen wie buntbestickte Betrieb heute als private KrabbelstuTeppiche überm signiert Land, garsein fröhlich Blixa Bargeld Buch be nicht viel anders aussähe. kräht die Kinderschar, die hochbuckelige Postkutsche rollt über das Bei aller geschilderten Freizügigkeit – weiße Band der Reichsstraße in die sogar eine dubiose Sex-Sekte gibt es weite, schöne Welt ... Und doch wäre – ist der Grundton der Geschichte rees falsch, sich von der altertümelnden aktionär: Tüchtigkeit und Fleiß fühSprache, an die man sich dann rasch ren zum Glück, ein zu leichtes Schickgewöhnt, den15. Blick auf die GeschichSonntag, März 2009, 16 Uhr sal ist schlecht für den Charakter, zu te verstellen zu lassen, die einen dann große körperliche Schönheit auch. 3., Landstraßer Hauptstraße 2a-2b, 01/718 93 53, Eintritt frei langsam, aber sicher in ihren Bann Freumbichler, der eine so turbulente wie prekäre Existenz führte, hat zieht. wohl auch seine Sehnsucht nach klaSie spielt größtenteils im Vormärz. Selbst ren Verhältnissen in den Roman geim vermeintlich stockkonservativen packt. Macht nichts – „Philomena ElSalzburger Land sind die Menschen lenhub“ ist nämlich ein literarisches zwischen Kaisertreue und revolutio- Denkmal für die Großmutter des Aunären Strömungen hin- und hergeris- tors. Es dürfte sich um eine erstaunsen, die Atmosphäre des Romans ist lich emanzipierte und interessante spürbar gewaltgeladen. So ungemüt- Dame gehandelt haben.  GEORG R ENÖCK L lich wie das politische Klima ist auch die Lebensgeschichte Philomenas: Diepräsentiert Eltern sterben ihrfrüh, Buchsie und ihre J. Freumbichler: acht Geschwister müssen den el„Forever young? Die alter Philomena Ellenterlichen Hof verlassen und sich als Unsichtbarkeit Frauen in der Gegenwartsgesellschaft.“ hub. Ein SalzburDienstboten verdingen, auf Gedeih Eine prägnante hervorragend lesbare Analyse ger derBauernroman. Darstelund Verderb neuenund „Pflegeeltern“ lungen alter Frauen in der heutigen Gesellschaft. Mit Nachbem. ausgeliefert. von Th. Bernhard Es ist das ernüchternde Bild einer und einem Essay ziemlich harten alten Zeit, das FreumDonnerstag, 19. März 2009, 19 Uhr B. Judex. bichler in seinem Roman zeichnet. 3., Landstraßer Hauptstraße 2a-2b, 01/718 93 53, von Eintritt freiInsel Taschenbuch, Bemerkenswert ist die Hauptfigur: 588 S., € 14,40 Eine Frau, die zeit ihres Lebens un-

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Macht der Geschichte. Was bringt eine österreichische Psychiaterin dazu, sich freiwillig der Einsamkeit, der Stille und der Dunkelzeit auf den Lofoten auszusetzen? Anna Berghofer, die Protagonistin in Melitta Brezniks neuem Roman „Nordlicht“, ist am Limit. Beruflich überfordert, von ihrem Mann ausgenutzt und diesem entfremdet, nervlich geschwächt – und sie hat niemanden, der ihr zuhört. In Norwegen will sie ihre eigene Stimme wieder ­vernehmen lernen und sich selbst unter Kontrolle bringen, denn in letzter Zeit haben ihr Halluzinationen zugesetzt. Um sich von dem alten Leben zu befreien, löst sie zwar ihre Partnerschaft, ihr Angestelltenverhältnis und ihre Wohnung auf, aber die Last der Vergangenheit hat sie dennoch im Gepäck. Dieses wiegt umso schwerer, da sie die Notizen und Fotografien ihres verstorbenen Vaters mitführt, um die Stationen seiner Zeit als deutscher Besatzungssoldat in Nordnorwegen vor Ort zu rekonstruieren.

Wie eine zweite Geburt beschreibt die aus der Steiermark stammende Autorin und Psychiaterin ein Erwachen der Neugier am Leben und an den Menschen. Anna macht die Bekanntschaft von Giske, einer etwa 60-jährigen Frau, die ebenfalls alleine lebt und aufgrund ihrer Familiengeschichte an der Besatzungszeit interessiert ist. Als uneheliches Kind eines deutschen Soldaten und einer Norwegerin gehört sie zu den „Deutschenbastarden“, deren Existenz die norwegischen Behörden nach dem Krieg am liebsten ausgelöscht hätten. Dementsprechend sieht auch der Lebensweg der jungen Giske aus, der von grausamen Pflegeeltern über sadistisch geführte Kinderheime in die Psychiatrie führt. Es gelingt ihr, dieser Unglücksspirale zu entkommen und ihre unbekannte Mutter kurz vor deren Tod ausfindig zu machen. Nun möchte sie herausfinden, wer ihr Vater war. Mithilfe einer klug gehandhabten Schnitt- und Montagetechnik versteht es Melitta Breznik die beiden Frauenschicksale so eng zusammenzuführen, dass sie sich wechselseitig beleuchten und sich als jeweils andere Seite ein und derselben Geschichte präsentieren. Dabei geht die Autorin sehr behutsam vor, dröselt die zuerst chronologisch geraffte Geschichte Annas nach deren Zusammenbruch in eine Gegenwarts- und Vergangenheitsebene auf, in welche die Geschichte des Vaters eingewoben wird. Im zweiten Teil dann wird Annas Leben durch Giskes­Spurensuche in der Vergangenheit konterka-

riert und die Geschichte von Giskes Mutter erzählt. Das klingt komplizierter, als es ist, denn die erzählerischen Fäden laufen in der immer dominanter werdenden Gegenwart zusammen, die von der Freundschaft zwischen den beiden Frauen geprägt ist. Die insgesamt vier Lebensgeschichten sind in kurze, nur wenige Seiten umfassende Abschnitte unterteilt, die zwar untereinander und chronologisch wild durchmischt, doch durchgängig von der Landschaft der Lofoten, deren klimatischen Verhältnissen und den daraus resultierenden Lebensbedingungen geprägt sind. Aus dieser nur in der Nacherzählung aufwendig wirkenden Konstruktion ergibt sich nicht nur die Dynamik der Geschichte, sondern auch ein bemerkenswerter Effekt: Plötzlich stehen sich Vergangenheit und Gegenwart auf heilsame Art und Weise gegenüber. Die beiden Frauen brechen durch ihr insistierendes Fragen das kollektive Schweigen auf, das seit mehreren Generationen wie ein Eismantel über den zwischenmenschlichen Beziehungen einer ohnehin schon kargen Weltgegend lag. Anna und Giske gelingt es, die Ungerechtigkeit kollektiver Schuldzuweisung hinter sich zu lassen und einen genauen Blick für die individuellen Handlungsmöglichkeiten in den Blick zu bekommen. Mit ihrer vierten Prosaveröffentlichung

ist Melitta Breznik ein kluger, stiller Roman voll von psychologischem Tiefgang und atmosphärischer Dichte gelungen. Dabei knüpft sie an ihren letzten Band „Das Umstellformat“ (2002) an, in dem ebenfalls von der belastenden Präsenz des Vergangenen in der Gegenwart und am Rande auch von der deutschen Besatzungszeit in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs die Rede war. Der Autorin geht es nicht um die Abwägung des jeweiligen Ausmaßes von Schuld, sie klagt nicht an. Stattdessen unterwirft sie ihre Figuren den historischen Entwicklungen ebenso wie den nordischen Naturgewalten: Wollen sie nicht untergehen, müssen sie sich mit beiden konfrontieren und zu einem individuellen, sinnvollen Umgang damit finden. 

ALE X ANDR A MILLNER

Melitta Breznik: Nordlicht. Roman. Luchterhand, 250 S. € 20,60

25.02.2009 12:30:56 Uhr

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Erfolgloser Versuch in Sesshaftigkeit Atemlos und grandios: Stefan Schmitzers Debüt „Wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht“ ie Geschichte könnte mit einem D Aufbruch beginnen: „an irgendeiner stelle: ein mädchen, das von

zuhause abhaut. auf beifahrersitzen und ladeflächen.“ Ebenso gut wäre ein beschaulicher Einstieg möglich: „und das wäre dann die urszene. zwei männer sitzen auf steinstufen, auf einem öffentlichen platz, in der sonne, nahe der schattenlinie dreistöckiger altbauten.“ Es kommt auf die Perspektive an. Der junge Grazer Autor Stefan Schmitzer (Jg. 1979), schon seit Jahren als Versprechen für die Zukunft gehandelt, legt als seinen Debütroman ein ebenso kühnes wie gelungenes Experiment vor. Das konsequent in Kleinschreibung verfasste Buch („In ihr verwirklicht sich die Gleichheit der Wortarten und der Funktionen im Satzgefüge, und das auch noch in einer Weise, die meiner Faulheit beim Tippen entgegenkommt“, erklärt Schmitzer gegenüber dem Falter) lässt sich genauso gut auf der letzten wie auf der ersten Seite aufschlagen und beginnen.

Naturgewalt auf Reisen Zwei Versionen einer Geschichte werden aufgerollt: Ein Strang erzählt von der Suche eines Lehrers und eines seiner Schüler nach einer Frau, die die ehemalige Geliebte des einen und die Mutter des anderen ist; der andere erzählt die Vorgeschichte aus der Sicht dieser Frau und enthüllt die Motive für ihr Verschwinden. Bei der jungen Ausreißerin handelt es sich um eine wandelnde Naturgewalt, die sich nur in intensiven Zuständen wirklich spürt. In Lokalen zettelt sie Raufereien zwischen Männern an und geht mit dem Sieger nachhause. Der Beziehung mit einem Tontechniker entspringt Sohn Samuel, ein Versuch in Sesshaftigkeit folgt. Lange erträgt sie das Dasein als Mutter freilich nicht. Wieder bricht sie aus, verbringt einen Sommer auf einem Hochhausdach, beginnt später zu studieren, verdient ihren Lebensunterhalt mit Striptease und verprügelt schließlich ihrerseits aufdringliche Männer. Bis sie eines Tages mit dem Rücken zur Wand steht. Ungefähr 15 Jahre später führt der erwähnte Lehrer, ein Mittvierziger, seinen Schüler zu jenem Hochhaus, auf dem dessen Mutter campiert hatte. Eigentlich sollte ja der mit Gras dealende Teenager das brennendere Interesse an den Ereignissen der Vergangenheit haben, aber es ist der desillusionierte Pädagoge, dem die Suche weit mehr zu bedeuten scheint. Er hat ihn bloß mitgeschleppt, „um sich nicht selber absonderlich zu fühlen, allein und einiges über vierzig in einem leeren hochhaus“. Dann, beim Abstieg, fühlt er sich betrogen:

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GERNOT WOLFGRUBER Auf freiem Fuß

„etwas hat nicht stattgefunden. ob er sich erhofft hat, eine spur von diesem silberblick-mädchen zu finden, da oben (...)?“

Wutausbruch à la Tarantino Die Frau ist stets präsent und zugleich völlig abwesend. Zurück bleiben ein paar Männer, mit denen sie zufällig mal zu tun hatte und die immer noch mehr oder weniger in ihrem Bann stehen. Als Auflösung bietet Schmitzer einen an Quentin Tarantinos Filme erinnernden Wutausbruch an: „danach gewalt. dass damit das letzte bisschen story auseinanderbricht, das sich irgendwem hätte erzählen lassen, endgültig nun, denkt der lehrer, und lacht deshalb, als er die faust des jungen in die fresse kriegt.“ Der Roman operiert gleich auf mehreren Ebenen mit filmischen Mitteln – mit harten Schnitten, kurzen Szenen, flüchtigen Begegnungen, schnellen Dialogen, flapsiger Sprache. Er ist durchdrungen von der Erzählökonomie eines guten Actionthrillers. „Es sind zwei unterschiedliche Schnittfassungen desselben Films, aber beide autorisierte Editor’s Cuts“, erklärt Schmitzer die beiden Textstränge. Umso schöner, dass dabei die Literatur keineswegs auf der Strecke bleibt. Bei aller Rasanz bekommt man an einigen Stellen gleich die Metaebene mitgeliefert, ohne sich unangenehm belehrt zu fühlen. Immer wieder blendet sich der Audiokommentar eines der Hauptdarsteller ein, wenn es sich dabei nicht sogar um Regieanweisungen des Autors handelt.

»Die fünf Romane Wolfgrubers gehören zum Besten und Wichtigsten, was in diesem Genre in Österreich nach 1945 hervorgebracht wurde. ... Diese Bücher haben keine Patina angesetzt.« We n d e l i n S c h m i dt - D e n g l e r

ROMAN, 176 Seiten, € 20.-

Falter s CITYWALKS NEU

Starker Plot „Mein Anspruch ist, mit möglichst offenen Karten zu spielen“, umreißt er sein literarisches Credo; er wolle „die Konstruktionsweise eines Textgebildes weder verschleiern, wie es in der U-Literatur und im ,Neuen Erzählen‘ passiert, noch mir einen drauf runterholen wie in der E-Literatur.“ In letzter Instanz handelt es sich bei Schmitzers Debüt um einen raren Glücksfall: Formal bewusstes Erzählen, das sich durchaus von diversen Avantgarden herleitet, verbindet sich mit einem starken Plot und Trash-Elementen zu einer explosiven Einheit – das Ding knallt. SEBASTIAN FASTHUBER 

Irene Hanappi

LINZ Stefan Schmitzer: Wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht. Roman. Droschl, 148 S., € 18,--

Der Stadtführer geleitet auf fünf Routen durch Linz und bietet Anleitung, Kultur, Geschichte, Architektur und Lokalszene der europäischen Kulturhauptstadt 09 für sich zu entdecken.

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Liter atur

Spitzen der Bosheit und der Menschenliebe Im Erzählband „Macht euch keine Sorgen“ betreibt Lydia Mischkulnig zeitgemäße Selbstaufklärung

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ine faszinierende Tollheit des Schreibens“, wie sie ihrem 2002 erschienenen Roman „Umarmung“ konstatiert wurde, ist in Lydia Mischkulnigs neuem Buch allenfalls untergründig am Werk, und eine „Chaotisierung der Identität“ blitzt nur an vereinzelten Stellen auf.

Verhalten wohlproportioniert Die meisten dieser „neun Heimsuchungen“ kommen in klassischem Gewand daher, wohlproportioniert und verhalten erzählt, mit feinen Spitzen da und dort, Spitzen der Bosheit, der Entgeisterung und der Menschenliebe. Am überraschendsten wirkt „Die Firma“, von der Titelfigur in Ich-Form erzählt: ein umsichtiges, gerechtes Wesen, das dem in der Fehlerhaftigkeit seiner Individualität verfangenen Leser Schauer über den Rücken zu jagen vermag. Das Buch enthält, formal dann schon weniger überraschend, noch eine zweite Firmengeschichte, hinter der sich unschwer das schwedische Möbelhaus ausmachen lässt, dessen Namen man aus weiß Gott welchen Gründen nicht gern erwähnt. Im letzten Text des Buchs, der ein Stück Literaturzirkus beschreibt, findet sich die Behauptung, Bücher, die inhaltlicher Beschreibung schwer zugänglich seien, seien zu einem Leben (oder Nichtleben) als Ladenhüter verdammt. Sollte der Umkehr-

trost als Menschenliebe bezeichnen kann: Zuneigung auch und gerade zu Personen, die ihrerseits unbequem, also schwer zu lieben sind. Mischkulnig deutet in ihren Erzählungen an, wie Aufklärung im 21. Jahrhundert gehen könnte: notwendig dezent, ohne pädagogisch erhobenen Zeigefinger, letztlich aber doch mit der Absicht, durch Sehen, Denken und Schreiben zu bessern – sich selbst „und damit alles“ (so der programmatische Schluss der Erzählung „Begegnung im Gebiet“).

schluss gelten, stünde „Macht euch keine Sorgen“ ein Bestsellerschicksal bevor. Die Kritiker des deutschen Feuilletons brauchen – falls sie sich überhaupt zu einem in einem österreichischen Verlag erschienenen Erzählband herablassen – jedenfalls keine Angst zu haben, durch eine aggressive Autorin in Verwirrung gestürzt zu werden: süßliche familiäre Beziehungen und das Schnarren des Todes, verschlingendes oder ausschlürfendes Küssen, die gewichtigen Körper von Firmenangestellten, die Modernisierung der Bestattungsgebräuche, Sargversorgung im Möbelhaus und Fleckentilgungsversuche, eine spinnende Tante, Hass auf die slowenische Sprache, steife Nacken und gequetschte Finger, französische Guillotine und österreichische Mehlspeisen, notorisches Fehl-am-PlatzSein – derlei Dinge können auch Kritikergehirne bewältigen.

Brave New World

Stichelnde Menschenliebe Der Leser dieser Rezension ahnt schon, dass Mischkulnig auch in diesem Buch nicht ganz ohne Sticheleien auskommt. Ihr Blick auf die Bewegungsformen gesellschaftlicher Subsysteme erweist sich immer wieder als unbequem, nicht recht einordenbar, in keine Schublade abzulegen. Die Lust der Autorin, den Finger auf Wunden zu legen, wird andererseits, vielleicht mehr als in den vorangegangenen Büchern, durch etwas austariert, das man ge-

Lydia Mischkulnig: Macht euch keine Sorgen. Neun Heimsuchungen. Haymon, 112 S., € 15,90

Sich bessern heißt aber auch (und nicht nur für den Schriftsteller), den eigenen Ton zu finden und, ist er einmal gefunden, ihn zu halten – zu variieren. Zu dieser neuen Aufklärung gehört auch, dass sie von vornherein selbstkritisch ist, indem sie, gleichsam en filigrane, einen anderen, drohenden und sterilen Humanismus mitzeichnet, eine Brave New World ante portas: „Zuerst bin ich eine frauenfördernde Firma und hole mir die opferbereitesten Frauen herein, dann ist’s ganz egal, ob sie Frauen sind oder Männer. Ich tausche Frauen gegen Männer aus, so oder so. (…) Und i­rgendwann werden wir auch keinen Mann mehr haben, wir werden nur mehr den Menschen haben, der sich mit mir in den Ring wagt bis zum Jüngsten Tag.“ ­Prophezeit die Firma. 

LEOPOLD FEDER MAIR

Ist sie eine Sissi oder eine Liesl? In „Wo ist Elisabeth?“ zeigt Lucas Cejpek, wie ein kubistischer Roman ausschauen könnte ucas Cejpek hat ein neues Buch vorgeL legt: „Wo ist Elisabeth?“. Sein fünfter Roman nach „Ludwig“ (1988), „Vera, Vera“

(1992), „Ihr Wunsch“ (1996) und „Keine Namen“ (2001). Cejpeks Romane sind Konzeptbücher. „Keine Namen“ zum Beispiel war als Selbstauskunft eines Geheimnisträgers in einem Ministerium angelegt, der aber nie auf den Punkt kommt – quasi die experimentelle Bürokratenversion eines Spionageromans. In „Wo ist Elisabeth?“ treibt Cejpek wieder ein Spiel mit einer Leerstelle: Das Verschwinden bildet den Angelpunkt des Buches.

Eine Frau verschwindet. Der Verkäufer in der Sofaabteilung der Leiner-Filiale, die sie zuletzt besucht hatte, findet ihre Handtasche und ruft den Autor an, dessen Namen er im Telefonbuch gefunden hat. Der ist zwar mit der Verschwundenen, einer gewissen Elisabeth Cejpek, weder verwandt noch bekannt, begibt sich aber dennoch auf literarische Spurensuche. Ausgehend von diesem Setting zerlegt Lucas Cejpek seinen Text in zahlreiche kurze Abschnitte, die in Thema und Variation um Elisabeth kreisen und um alles, was von ihr bekannt ist: ihr Name, die Handtasche, ihre Wohnung samt Klavier darin, ihr Beruf als Sekretärin in einem Amt, ihre Eltern und Familie, das Verschwinden als solches. Dazu kommen Exkurse

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über Sofas, Dubai und Falken (Achtung, Dingsymbol!), die sich durch das Buch ziehen.

perimenteller Roman? (Brr!) Avancierte Literatur? (Wie nasal!) Nouveau Roman? (Schaut alt aus.)

So in Absätze zerlegt, erinnert der Roman

„Elisabeth hat gerne improvisiert. Wenn sie

ein Stück wiederholt hat, hat sie sich unterbrochen. Sie hat sich beim Spielen ständig unterbrochen. Um nachzudenken, hat sie gesagt. Ich habe bemerkt, dass die Stücke an den Stellen, an denen ich sie unterbrochen habe, vollkommen waren. Sonst hätte ich sie nicht unterbrochen.“

an Schaubilder von Autoersatzteilen, wie man sie in Kfz-Werkstätten manchmal sieht. Wir haben: Ein Spannungsmoment (Elisabeths Verschwinden), eine Struktur (kurze Absätze), den spielerischen Umgang mit der Sprache (Listen, alphabetische und lautmalerische Aufzählungen, Fragepassagen, Sprünge und Themenwechsel), wir haben einen Effekt (langsames Pulsieren der Sprache), noch einen Effekt (serielle Literatur) und noch einen Effekt (kubistischer Roman).

Wer in Österreich Elisabeth sagt, denke an Sis-

si, schreibt Lucas Cejpek und hängt einen Exkurs über Romy Schneider an. Wäre der 1956 in Wien geborene Autor am Land aufgewachsen – und nicht in Graz, wo er auch Germanistik studierte –, dann würde er vermutlich an Liesl denken und eine kleine Abhandlung über klassische österreichische Kuhnamen einfügen.

„Mit der Bezeichnung Avantgarde hat man

sich in den 1960ern vorgestellt“, meinte Lucas Cejpek einmal in einem Gespräch. Und tatsächlich: Für die Art von Literatur, die er vorlegt, gibt es kaum brauchbare Namen. Wie das Kind also nennen? Ex-

Lucas Cejpek: Wo ist Elisabeth? Roman. Sonderzahl. 223 S., € 18,–

„Je avancierter die Methode eines Textes, desto trivialer scheint sein Inhalt“, bemerkte ein mit dem Rezensenten befreundeter Germanist an, der Cejpeks Buch durchblätterte. Womit er Recht hat. So reizvoll die Versuchsanordnung des Romans und so schnörkellos elegant seine Sprache ist, so schal sind auf Dauer die Exkurse über Handtaschen, Sofas, Dubai und Falken, mithin also auch die poetologischen Überlegungen, auf die das Buch verweist. Sicher: Ein paar Motive, die das Buch anspricht, sind es wert, weitergedacht zu werden, zum Beispiel die Konstruktion von Charakteren entlang von Leerstellen und Vorstellungen. Doch ohne den Willen zum abstrakten Amüsement, den man braucht, um sich auf das Romanspiel einzulassen, steht der Text bald nackt da und zerbröselt schließlich zu einem Häufchen Vergessen. 

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Fast fertig ist die Bleivorlage, nur den Namen setzt Richard Pinter noch ein. Dann bestreicht er alles mit Farbe, schiebt es unter die Druckerpresse und presst das Papier auf die schwarze Bleivorlage. Oben: seine Gerätschaften und ein immer schwarzes Putztuch

Implodierende Männer in mittleren Jahren „Das Glück in glücksfernen Zeiten“: Wilhelm Genazino gibt seinem überempfindlichen Helden einiges zu beißen

Fotos: Martin Fuchs

a ist er wieder, der typische WilhelmD Genazino-Held: Schon auf Seite acht formuliert er den Eindruck, „dass die ganze Zeit eine unhaltbare Sache abläuft: mein Leben“. Gleich zwei Seiten später empört sich seine „ratlose Seele“ über das „Zwangsabonnement der Wirklichkeit“, das sich bedauerlicherweise nicht abbestellen lässt. Gerhard Warlich verbringt wahrlich ungehörig viel Zeit damit „herumzuempfindeln“. Sein Berufsalltag als Geschäftsführer einer Großwäscherei lässt dem promovierten Philosophen ausreichend Spielraum fürs Nachdenken über sein Lieblingsprojekt „Halbtags leben“. Schon mittags nämlich übersteigen die Anstrengungen des ersten halben Arbeitstags seine Kraftreserven. Wilhelm Genazinos neuer Roman trägt den Titel „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, und dass darin einer vielleicht tatsächlich irgendwo das Glück finden könnte, scheint anfangs völlig aussichtslos. Doch für Genazinos erschöpften Helden, der gerade erst die 40 überschritten hat, naht Hoffnung aus gänzlich unerwarteter Richtung: Seine Freundin Traudel liefert ihn in der Psychiatrie ab. Diese Wendung kommt unvorhergesehen: Gerhard Warlich ist nicht durch sehr viel mehr auffällig geworden als durch seine auf den Balkon der gemeinsamen Wohnung gehängte Zweithose, deren langsa-

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men Verfall er zu beobachten gedachte, und durch einen singulären Anfall haltlosen Schluchzens. Auch ihn selbst kränkt die Einlieferung, doch rasch kann er dem Ort einiges abgewinnen. Sein neues Ziel heißt „Frühverrentung“. Vorerst kann davon aber noch keine Rede sein. Warlich muss sich mit der Außenwelt herumschlagen, vor allem in Form seiner Lebensgefährtin Traudel, gegen die er natürlich nichts hat, wäre da nicht die Anstrengung, sich „fortlaufend zu ihr verhalten“ zu müssen. Traudel ist eine denkbar unkomplizierte und

lebenspraktische Figur. Eine Frau Ende 30, die eine kleine Bankfiliale leitet und sich nach langem Arbeitstag in der gemeinsamen Wohnung sogleich ans Abendessen macht. Vom Sofa aus staunt Warlich über ihre Energie. Dass Traudel nach mehr als zehn Jahren des Zusammenlebens plötzlich der Sinn nach einem Kind steht, ist durchaus dazu angetan, Warlich weiter zu destabilisieren. Es ist, als wollte ihn jemand vom Mutterbusen der Geliebten verscheuchen. Folgerichtig spielt in seinen Selbstbespiegelungsorgien fürderhin die Erinnerung an seine Mutter eine wesentliche Rolle, und es beschleicht ihn wieder das „scheußliche Gefühl, vom Leben zu wenig zu begreifen“. Einmal mehr nimmt Genazino einen Mann in mittleren Jahren unter die Lupe,

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Roman. Hanser, 158 S., € 18,50

der nur äußerst schwankend in der Welt und in seinem eigenen Selbst verankert ist und all seine Energie für kleinere und größere Implosionen verbraucht. Das macht wenig spritzige Männer, aber durchaus grandiose Literatur, denn Genazino bedenkt ihn mit feinem Spott und Mitgefühl, ummantelt ihn mit der nur vermeintlich schlichten Schönheit seiner Prosa. Deshalb gibt es in diesem Buch auch besonders viele bezaubernde Überempfindlichkeitsbeschreibungen: Schon die zufällige Beobachtung eines brezelessenden Kindes kann Warlich für einige Zeit aus der Bahn werfen. Genazino nutzt sein ganzes Ironie- und Wahrnehmungsinstrumentarium, um die haltlose Selbstzerfleischung seines Helden auch so richtig zur Geltung zu bringen. Im Vergleich zur Hauptfigur aus dem letzten Roman „Mittelmäßiges Heimweh“ (2007), der sich wenigstens noch von der Schlichtheit Glück versprach, ist hier Hopfen und Malz verloren. Warlichs Hirnkamera erspart diesem in keiner einzigen Lebenslage mehr die Selbstbeobachtung – weder auf der Straße noch im Bett noch im Büro. Nichts kann er tun, ohne sich gleichzeitig ganz genau im Visier zu haben. Und ehrlich gesagt: Nach außen macht er damit keine gute Figur. Als ihn aufgrund eines Missverständnisses auch noch die fristlose Kündigung ereilt, bringt er weder die Kraft zur Aufklärung zustande noch die zu einem energischen Abgang. J u l i a K o s p a c h

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Liter atur

Clarissas Tugend in den Fängen des Lüstlings

Postromantisch und scheißmimetisch

Irene Dische legt in „Clarissas empfindsame Reise“ eine der ersten Reaktionen auf die Ära Obama vor

In ihrem zweiten Roman ordnet Susanne Heinrich das Leben dreier Paare neu

icht wenige seiner Fans erwarN ten von Barack Obama neben der Komplettreinigung des amerikani-

iese Ehe steht unter keinem guD ten Stern. Bereits am Abend vor der Hochzeit geht das Aussteuerge-

schen Augiasstalls auch noch die Verwandlung der Amerikaner in bessere Menschen. In einer der ersten literarischen Reaktionen auf die neue Ära erzählt die deutsch-amerikanische Schriftstellerin Irene Dische von einer solchen Konversion. Ihre Heldin heißt Clarissa, und das ist erst einmal die einzige Gemeinsamkeit mit der Titelfigur von Samuel Richardsons moralischem Briefroman aus dem Jahr 1748. Dessen tugendhafte Clarissa gerät in die Fänge eines Lüstlings. 250 Jahre später genießt Disches Clarissa ein Liebesleben, an dem sich auch tolerante Zeitgenossen stören könnten. Eigentlich ist sie mit einem Berliner Arzt verheiratet, für den sie auch nur freundliche Worte findet. Um aber den Schmerz über die Trennung von ihrem letzten Liebhaber zu vergessen, fliegt sie heim in die USA und kämpft sich auf verschlungenen Wegen nach New York durch. Eine road novel, in deren Verlauf die Heldin einem Querschnitt durch

die amerikanische Gesellschaft begegnet – und, beeindruckt vom Charisma des Kandidaten, Ansätze sozialer Empathie entwickelt, die man bei einer selbstverliebten Egomanin ihres Kalibers gar nicht für möglich gehalten hätte. Im Kern ist dies also eine moralische Geschichte, womit wir wieder bei Richardson wären. Der Name Dische aber, deren Roman „Ein Job“ aus dem Jahr 2000 vom Verlag Hoffmann und Campe neu aufgelegt wird, steht für Ironie und Situationskomik. Und so mag man diesen Roman auch als Verteidigung Obamas gegen die heftigsten seiner Verehrer lesen.  tobias he yl 

Stefan Schmitzer

Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise. Roman. Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser. Hoffmann und Campe, 160 S., € 13,40

wohin die verschwunden ist, um die es ohnehin nicht geht Roman

Dieser Roman ist eine filmartig erzählte Comic-Ballade, mit schnellen Schnitten, unvergesslichen Einstellungen und einer äußerst ungewöhnlichen Atmosphäre. 152 Seiten, € 18.-

Stefan Schmitzer liest Freitag, 13. März, 20 Uhr Innsbruck Bierstindl Prosa Festival, Klostergasse 6 Montag, 16. März, 20 Uhr Graz Literaturhaus, Elisabethstraße 30 Donnerstag, 26. März, 20 Uhr Wien Museumsquartier, Raum D Quartier 21, Museumsplatz 1

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schirr zu Bruch, einer der Gäste hat es versehentlich zum Poltern verwendet. Dem zukünftigen Ehemann ist das gleichgültig, die Braut denkt irgendwann nur mehr: „Es wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt, sich zu trennen.“ Und das Service ist auch noch von Rosenthal, dem deutschen Traditionsbetrieb, den die weltweite Finanzkrise in den Abgrund gerissen hat. Wenn das kein Zeichen ist.

Suite für den Hochzeitsfick Eheschließungen sind ein dankbarer Topos. Das Fest folgt einer bestimmten Dramaturgie, an der man schön entlangerzählen kann. Entgleisungen und Enttäuschungen gibt es obendrauf. Wobei die Hochzeitszeremonie im zweiten Roman von Susanne Heinrich eher im Hintergrund steht. Die junge Berliner Autorin konzentriert sich auf das Rundherum, den gebremst amüsanten Polterabend, das Hotel, in dem die Feierlichkeiten stattfinden. Die Hotelkulisse mit Wellnessbereich malt Heinrich mit viel Liebe an deprimierend spießigen Details aus: „Alles ist goldfarben oder rosa, und überall stehen Engelsfiguren in den Ecken“, heißt es etwa über die Suite für den „Hochzeitsfick“. Wie es ein solches Setting verlangt, geht es um falsche Hoffnungen und desillusionierte Beziehungen. Der Titel sagt es bereits, „So, jetzt sind wir alle mal glücklich“. Drei Paare stehen im Mittelpunkt: Georg und Franziska, Clara und Frank, Max und Charlotte. Sie sind Ende 20 bis Mitte 30, sie arbeiten im Kulturbetrieb oder machen Kunst und stehen dem Leben ­a ngemessen melancholisch gegenüber. Mit leichter Hand inszeniert Susanne Heinrich die Paarbeziehungen, um sie im Laufe des Romans aufzulösen und neu anzuordnen. Max ist mit Charlotte da, will aber etwas von Franziska; Clara hat sich mit Frank eingelassen und ergeht sich in elegischen Gedanken an einen früheren Niklas; Georg und Franziska, das Brautpaar, führen überhaupt eine reine Zweckbeziehung.

Postnotwendige Geschichten Keiner kann, wie er will, vor allem nicht die große Kunst machen, von der alle hier träumen. Dafür wird ständig über Bücher und Filme geredet oder darüber, was man tun müsste, wenn man es nur könnte: „Also werde ich mich einfach morgen vor die Leinwand stellen oder an den Schreibtisch setzen und eine dieser postromantischen, postchaotischen, posttraumatischen, postnotwendigen Geschichten schreiben, eine dieser irgendwie melancholischen, irgendwie lethar-

gischen, irgendwie wehmütigen Geschichten, in denen nichts passiert, aber immer alles kurz vorm Passieren ist, (…) eine dieser scheißdemokratischen, scheißsynthetischen, scheißmimetischen Geschichten werde ich schreiben, (…) die ich dann ‚Schöner scheitern‘ oder ‚Schöner leiden‘ nenne.“ Wenn man wissen will, was der Kulturbetrieb aus Menschen machen kann, ist man bei Susanne Heinrich (die am Literaturinstitut in Leipzig studiert hat) genau richtig. Der Roman ist abwechselnd aus der Sicht der einzelnen Figuren erzählt – ein probater Kunstgriff, der allerdings ein Manko hat: Alle Stimmen klingen mehr oder weniger gleich. Einzig Franziska, die zynisch-frustrierte Braut, hebt sich von den anderen ab. Ansonsten wagt Susanne Heinrich nicht viel, Rede, Gegenrede und Reflexion wechseln einander ordentlich ab. Wobei manches sprachliche Bild so falsch ist wie das Gold in der Hochzeitssuite. Da will jemand „den Moment in der Hand halten wie ein rohes Ei“ oder empfindet Wut, die „wie ein Luftballon“ ist, „der jeden Gedanken gegen die Schädeldecke presst und zerdrückt“.

Missglückte Orgie Wie es sich für eine zünftige Hochzeit gehört, entgleitet schließlich alles. Je später der Abend wird, desto hässlicher werden die Gäste. Aus dem Geplauder werden Beschimpfungen, aus den Beschimpfungen Gewalt. Susanne Heinrich lässt das Geschehen mit viel Willen zur Zerstörung eskalieren, es kommt zu einer missglückten Orgie im Wellnessbereich und einer schlimmen Balkonszene, bei der fast jemand zu Tode kommt. Auch sprachlich ist einiges los, fiebrige Einschübe wechseln sich mit monologischen Tiraden ab. Die Claras, Franziskas und Georgs, die die ganze Zeit gepflegte Beziehungsgespräche und Kunstdiskussionen geführt haben, sind plötzlich so aufgelöst wie die Brautfrisur nach Mitternacht. Auch wenn man nicht immer genau weiß, was Susanne Heinrich uns erzählen will, folgt man ihren Figuren doch sehr gerne an den Rand des Nervenzusammenbruchs. So wie man sich ja auch immer an Hochzeiten ergötzt, bei denen man nicht selbst heiV E R E N A M AYE R raten muss. 

Susanne Heinrich: So, jetzt sind wir alle mal glücklich. Roman. Dumont, 260 S., € 19,95

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Rache für Capablanca Zweimal schachmatt: Guillermo Martinez’ holprige Novelle und Fabio Stassis allzu freier Weltmeisterroman

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oderer wird nicht sein Freund werden. Gleichgültig lässt er den Erzähler aber auch nicht. Der trifft den gleichaltrigen, neuen Mitschüler das erste Mal in einer Bar, in der ein paar Schachtische stehen. Ihre Partie, die das erste Kapitel beschreibt, zeigt: Wie sie spielen, so sind sie – der Streber gegen den genialen, aber lebensuntüchtigen Sonderling. Mit Zügen, die weder Drohungen noch Pläne erkennen lassen, und ohne je aus der Defensive zu gehen, kommt Roderer zum Sieg. Dann kann das Schuljahr beginnen. Während der Erzähler unaufhaltsam die Bildungsleiter erklimmt, wird der in seine Bücher versunkene Roderer von den Lehrern in Ruhe gelassen. Nur ein paar Mädchen interessieren sich für ihn. Eines ist fest entschlossen, ihm zu gefallen und hungert sich zu Tode, ohne von ihm auch nur bemerkt zu werden. Nur einmal verplappert sich Roderer, dass er krank sei: Seine Zeit ist begrenzt, für Schule und Freundschaft bleibt kein Platz. Die Jahre eilen dahin. Zurückgezogen tüftelt er ein philosophisches System aus, dessen letzte Ingredienzen der Erzähler liefern wird, als er im Semesterurlaub von der Uni in das Provinzstädtchen zurückkehrt und auf Drängen seiner Mutter Roderer aufsucht. Am Ende stehen Tod und Verrat. Klingt abgedroschen und ist es auch. Die erste Hälfte der Erzählung hatte Besseres versprochen.

Literarische Fährten Guillermo Martinez hat Mathematik studiert wie sein Erzähler und ein Stipendium für England bekommen. Neben biografischen legt er in „Roderers Eröffnung“ auch literarische Fährten, die er ein Jahrzehnt später in „Die Pythagoras-Morde“ aufgreift. Doch selbst wer diesen Krimi mochte, muss an Martinez’ bereits 1992 in Argentinien erschienenem Erstling keinen Gefallen finden. Dass er nun überhaupt auf Deutsch vorliegt, hängt wohl auch mit einem Stipendi-

um der Übersetzerin zusammen. Zu ihrem Glück ist „Roderers Eröffnung“ – anders als Titel und Umschlag verheißen – kein Schach­roman. Solange das Spiel im Spiel ist, holpert es gehörig, aber das beschränkt sich nur auf das erste Kapitel.

Ein einziges Ärgernis Die deutsche Ausgabe von Fabio Stassis „Die letzte Partie“ hingegen ist von vorne bis hinten ein Ärgernis, weil die Übersetzerin nichts von Schach versteht: Es heißt nicht Spielfeld, sondern Brett; aufgezeichnet werden nicht Schachformeln und -zeichnungen, sondern Züge und Diagramme. Figuren werden nicht gesetzt, sondern gezogen, nicht ausgetauscht, sondern abgetauscht. Sie gehen nicht hinaus, sondern werden ins Spiel gebracht oder „entwickelt“. Die Übersetzerin kann ein Match nicht von einem Turnier unterscheiden, den geschilderten Partieverläufen mangelt es an Logik. Schande über alle Verlage, die in einem fest umrissenen Milieu spielende Romane oder Sachbücher unbeleckten Übersetzern anvertrauen. Schande also auch über Kein & Aber! Diese Schludrigkeit, das hat „Die letzte Partie“ nicht verdient. In 64 Kapiteln, genauso viele Felder hat ein Schachbrett, schlachtet das Buch die Lebensgeschichte des kubanischen Schachweltmeisters José Raul Capablanca (1888–1942) aus. Wo Lexika und Hagiografien enden, füllt Fabio Stassi fantasiereich die Lücken. Wobei er sich beim Fabulieren weit mehr herausnimmt, als dies Thomas Glavinic in seinem Debütroman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ in Bezug auf das Leben des österreichischen Schachmeisters Carl Schlechter, übrigens ein Zeitgenosse Capablancas, tut. Sein Capablanca verkürzt sich die Zeit bis zum Eintreffen eines Schachgegners damit, sich von einer dunkelhäutigen Nutte entjungfern zu lassen. Seiner eigenen hellen Haut zum Trotz hält er sich für das Kuckuckskind eines riesigen Schwarzen, der

Guillermo Martinez: Roderers Eröffnung. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Eichborn, 118 S., € 15,40

Fabio Stassi: Die letzte Partie. Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. Kein & Aber, 236 S., € 20,50

seinen Lebensunterhalt mit dem Schwängern von Sklavinnen verdiente. Als 18-Jähriger lässt sich dieser Capablanca von einem New Yorker Psychiater eine Depression aufschwatzen. Jahrzehnte später wird er in den Kreml geladen, wo Stalin ihn um eine Partie bittet und, kurz bevor er mattgesetzt wird, das Brett dreht, um mit Capa­ blancas Figuren weiterzuspielen. Klingt abgedreht und ist es auch, denn der echte Capablanca ist langweilig und musste, bevor er zur literarischen Figur werden konnte, tüchtig aufgepeppt werden. Der große Gegenspieler seines Lebens bekommt von Stassi ebenfalls sein Fett weg: Alexander Aljechin, der Capa­blanca den Weltmeistertitel abjagte und diesem nie eine Revanche erlaubte, hatte ein wahrhaft abenteuerliches Leben, das viele Rätsel hinterlassen hat. Doch Stassi interessiert sich nicht für Aljechin: Um Literatur zu werden, musste dieser zum Schurken gemacht werden.

Duell in jungen Jahren Stassi will Capablanca rächen. Und so schickt er seinen geliebten Helden kurz vor dessen Tod nach Portugal, das Land, in dem sein Widersacher Aljechin fünf Jahre später unter – zumindest in der historischen Wirklichkeit – nie ganz geklärten Umständen sein Leben lassen wird. Stassi findet einen Kunstgriff, um die beiden doch noch gegeneinander spielen zu lassen – für beide von ihnen ist es die letzte Partie. Bevor der Puppenspieler beide abtreten lässt, hat er für sie aber auch noch ein erstes, in jungen Jahren ausgetragenes Duell arrangiert: Während des Turniers, bei dem sie erstmals aufeinandertreffen, schließen Capablanca und Aljechin eine Wette ab, wer die bei den Spielen zuschauende Großfürstin ins Bett kriegt. Diese leichtfertige Partie endet ohne Verlierer. Im Gegensatz zu Roderer und seinem Erzähler dürfen sie sogar Freunde werden – wenn auch nur ­vorübergehend.  STEFAN LÖFFLER 

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Sachbuch

Von Bibliophilen und Bibliophoben Umberto Eco legt eine Essaysammlung über die Liebe zu den Büchern als Dinge und beseelte Wesen vor

Von den drei Teilen des Bandes ist der mittlere, „Historica“, der gelehrte Abhandlungen über alte Bücher enthält, auch wenn es sich um Einleitungen handelt, am spezialisiertesten und vielleicht nicht für jeden gewöhnlichen Büchernarren von Interesse. Hier lernen wir Eco, den Detektiv, kennen, der etwa im Falle der Ausgabe Hanau 1609 von Heinrich Khunraths „Amphitheatrum Sapientiae Aeternae“ weitgehende Recherchen über das Erscheinungsdatum und die Zusammensetzung von Ausgaben dieses Werks anstellt. (Dass der Hanser Verlag als Publikumsverlag englische, französische und sogar lateinische (!) Zitate unübersetzt lässt, trägt des Weiteren wenig zur Allgemeinverständlichkeit bei.) Mitreißen können einen da schon viel eher die Essays aus dem ersten Teil, die von Bibliophilie, Bibliomanie und Bibliophobie handeln. Mit der Begründung seiner Liebe zum Gedruckten fängt der Universalist, wie sollte es anders sein, bei Adam und Eva an, seit deren Sündenfall der Mensch die physische Schwäche zeigt, früher oder später sterben zu müssen, und die psychische, dass ihm das keineswegs behagt. Der Aus-

weg: Bücher. Denn was der Mensch vor allem nicht will, ist, dass sein Ich nicht weiterlebt. Da nutzt auch der Glaube an die Wiedergeburt nichts. Ebenso wie Niederschriften auf Steintafeln, in die zumeist unpersönliche „Daten“ gemeißelt wurden und die deswegen noch nicht jene Art von Gedächtnis generieren, um die es Eco geht und die er das „pflanzliche Gedächtnis“ nennt, weil es mit dem Aufkommen des Papiers im 12. Jahrhundert sprungartig anwächst. „Das Buch, in welcher Form auch immer, hat der Schrift erlaubt, sich zu personalisieren: Es enthält eine Portion von kollektivem Gedächtnis, die jedoch unter einem persönlichen Gesichtspunkt ausgewählt worden ist.“ Wir fragen uns nicht, wer etwas in einen Stein gemeißelt hat. „Wenn wir jedoch ein Buch vor uns haben, suchen wir nach einer Person, einer individuellen Sicht der Dinge.“ Unsere Lektüre wird zu einem Dialog mit jemandem, der vielleicht schon seit Jahrhunderten tot, aber dennoch als Schrift präsent ist.

Umberto Eco Der Semiotiker Umberto Eco (Jg. 1932) wurde mit dem Roman „Der Name der Rose“ (dt. 1982), verfilmt mit Sean Connery in der Hauptrolle, weltberühmt. Mittlerweile liegen von dem bekanntesten lebenden Universalgelehrten, der – no, na – auch ein großer Büchernarr ist, 22 Titel – Romane, Essays und kulturtheoretische Abhandlungen – auf Deutsch vor

Doch, das Buch hat eine Seele, und es ist, man will es dem verliebten Professor gerne glauben, nicht egal, in welchem Körper es steckt, ob in einem glitschigen Taschenbuchumschlag oder einem weichen Ledereinband, ob das Papier billig bröselt oder verführerisch raschelt, auch wenn es schon Jahrhunderte auf dem Buckel hat. Nach der mehrmaligen Versicherung, dass Büchersammeln beileibe nicht immer teuer sein muss, sondern auch schon für den Gegenwert von einem Kinoabend oder einem Paar Timberland-Stiefeln ein interessantes antiquarisches Objekt zu haben ist, möchte man sogleich zum Flohmarkt aufbrechen oder am besten nach Paris zu den Bouquinisten am Seine-Quai. „Ein Buch wegzuwerfen, nachdem man es gelesen hat, ist, wie wenn man eine Person nicht wiedersehen will, mit der man gerade ein sexuelles Verhältnis gehabt hat.“ Denn das Liebesverhältnis zu Büchern hat zur Voraussetzung, dass sich das Buch auch zu jener intensiven Befragung anbietet, bei der wir jedes Mal etwas Neues entdecken. Dann fühlt es sich jedes Mal so an, als ob es das erste Mal wäre. Dementsprechend stellt eine Bibliothek für Eco auch nicht bloß eine Summe von Büchern dar, sondern einen lebendigen Organismus mit eigenem Leben. Wenn er eine solche aufbaut, geht es dem Bibliophilen weniger um das Lesen als um das Akkumulieren. Denn: „Sammeln ist eine Art und Weise, sich eine Vergangenheit wiederanzueignen, die uns Umberto Eco: entschwindet.“

Die Kunst des Man möchte meinen, dass Eco nicht nur Bücherliebens. ein Bibliophiler ist, einer, der die Bücher Hanser, liebt, und das nicht nur wegen ihrer In- 195 S., € 18,40

halte, sondern auch ein Bibliomane, aber solche Spekulationen widerlegt allein seine Definition von Bibliomanie, die nie und nimmer die kleinen Randnotizen dulden würde, die Eco sich erlaubt, auch in alten, wertvollen Büchern (allerdings nur mit Bleistift) anzubringen, um sie zu seinen zu machen. Der Bibliomane scheut sich nicht davor, Bücher auch zu stehlen, wenn er nicht anders dazu kommen kann. Er lässt Bücher unaufgeschnitten, um ihren Wert nicht zu mindern, und nähert sich darin schon dem Bibliophoben bzw. dem Biblioklasten an, der Bücher entweder aus Fundamentalismus oder Nachlässigkeit oder Geldgier zerstört. Indem er sie zum Beispiel seitenweise verkauft, um so einen höheren Preis zu erzielen, eine „avancierte Form von Vandalismus“, die Eco naturgemäß im Herzen wehtut, obwohl er selbst zugeben muss, solche unbarmherzig herausgetrennten Seiten selbst gerahmt und zu Hause aufgehängt zu haben. Aber, wie es an einer Stelle heißt: „Die Verbreitung des pflanzlichen Gedächtnisses hat alle Defekte der Demokratie, einer Herrschaftsform, in der man, damit alle reden können, auch die Dummköpfe reden lassen muss und sogar die Schurken.“ Und damit wären wir beim letzten Teil des Buchs über die Bücherliebe gekommen, in dem Eco seinem Faible für das Abstruse, Kuriose und Obskure freien Lauf lässt, seinem Verlangen nach dem Buch über Zahnstocher und ihre Unannehmlichkeiten von 1869, über die verschiedenen Techniken der Pfählung oder über die überdurchschnittliche Fäkalproduktion der Deutschen, verglichen mit ihren französischen Nachbarn (natürlich von einem Franzosen verfasst!). Oder seine Schwäche für inkongruente Listen, die unsere „surrealen Drüsen“ in Wallung bringen. Und das E-Book? Zum Schluss glaubt der Leser dem bibliophilen Professor beinahe, dass ein Buch wirklich eine Seele hat, eine Einheit von Körper und Inhalt bildet – und kann die inneren Qualen von Ecos E-Book verstehen, das, kaum hat es sich an eine Geschichte gewöhnt, schon wieder mit der nächsten befüllt wird. Die Frage ist nur, wessen Wohlbefinden in Zukunft Vorrang haben wird: das des Lesers, der auf diese Weise viele Bücher mit wenig Aufwand besitzen oder herumschleppen kann, oder das des Buchs, das zu seinem Inhalt eine symbiotische Beziehung unterhält. Im Übrigen bekennt Eco schon im ersten Teil, dass er nicht glaubt, dass die neuen Medien das Buch und die Lesekultur umbringen werden, sondern im Gegenteil dazu angetan sind, die Bücherliebe durch schnelleren Zugang zu Buchinformationen zu unterstützen. Ad multos annos! K i r st i n B r e i te n f ell n e r 

Foto: Ekko von Schwichow

U

mberto Eco liebt Bücher. Das kann man schon daraus schließen, dass im Hanser Verlag bereits 21 Bände von ihm erschienen sind. Er liebt es, Bücher zu schreiben, er liebt es, über Bücher zu schreiben. Und das sowohl in seinen Romanen – „Der Name der Rose“ (dt. 1982), der ihn weltberühmt machte, handelte bekanntlich von einem verschwundenen Buch – als auch wissenschaftlich. Über „Die Grenzen der Interpretation“ (dt. 1992) schrieb der Professor für Semiotik mit dem Gespür dafür, wie weit man Wissenschaft unter Laien bringen kann. In seinen „Sechs Streifzügen durch die Literatur“ verirrte er sich nicht „Im Wald der Fiktionen“ (dt. 1994), er extemporierte über „Die Bücher und das Paradies“ (dt. 2003), und wir ahnen: Die Hölle muss für den bekanntesten lebenden Universalgelehrten ein Ort ohne Bücher sein. Dass Eco die Bücher auch als Gegenstände liebt, also ein Bibliophiler ist, kann schon lange nicht mehr als Geheimnis firmieren. Sein neues Buch „Die Kunst des Bücherliebens“ fasst Essays aus 20 Jahren über dieses innige Verhältnis zusammen, von einer Abhandlung über die „Très Riches Heures“, das „Stundenbuch des Duc de Berry“, aus dem Jahr 1988 bis zu einem „Inneren Monolog eines E-Books“ von 2003 und „Das Meisterwerk eines Unbekannten“ von 2004 über Paratext, Epitext und Peritext bzw. das „artifizielle Rauschen“, mit dem die Verlage jedes Buch bei Erscheinen umgeben und das „uns oft so betäubt, dass wir gar keine Lust mehr haben, den Text zu lesen“.

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Wege ins Freie, ins Abseits, ins Nichts „Jenseits der Linie“ versammelt Essays des umstrittenen österreichischen Philosophen Rudolf Burger

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ie „Linie“ als Trennstrich zwischen zwei Sphären ist eine alte Denkfigur. In der Neuzeit wurde sie, aller ihr davor innewohnenden religiösen Heilserwartung entkleidet, zu einem Aufmarschgebiet des Skeptizismus: Montaigne wunderte sich, dass ein Gebirgszug die Wahrheit der einen Region von der einer anderen trennen könne; Pascal staunte über drei Breitengrade, die die Macht besäßen, die gesamte Jurisprudenz über den Haufen zu werfen, und Carl Schmitt beschrieb die Neue Welt der Conquistadores als eine Zone, in der Recht und Unrecht außer Kraft gesetzt seien und in der stattdessen die entfesselte Gewalt tobe. Ernst Jünger war es vorbehalten, derartige Irritationen ins Positive zu wenden: Den Antagonismus von verweichlichtem Bürger und vitalistischem Krieger sah er an einer kommenden Zeitgrenze sich auflösen und verkündete eine von alten Werten radikal befreite, vom Kriegertypus geprägte Gesellschaft. Wiewohl Heidegger zugedacht, forderte seine 1950 erschienene Schrift „Über die Linie“ dessen (durchaus wohlwollenden) Einspruch heraus.

Foto: Heribert Corn

In diesem geistesgeschichtlich aufgeladenen

Feld nennt Rudolf Burger seine neue Essaysammlung „Jenseits der Linie“ und spielt damit auf einen Willen zu Überschreitung und Entgrenzung an, von dem niemals im Vorhinein ausgemacht ist, ob er ins Freie oder ins Abseits führt. Jedenfalls geht es um „gefährliches“ Denken, das sich vornimmt, das Juste-milieu links und rechts liegen zu lassen und in eisige, aber gereinigte und von Klarheit durchdrungene Zonen der Reflexion vorzustoßen. Als Physiker kennt Burger die naturwissenschaftliche Schärfung des Blicks, als Philosoph die Freuden des gedanklichen Alleingangs, als Machtmensch in Ministerien und Universitätshierarchien die auf Kompromiss gebaute Sphäre des öffentlichen Lebens. Dementspechend vielfältig sind seine Interessen: Politisch reichen sie vom Powerplay der neuen Weltmächte bis zur Verzwergung der österreichischen Innenpolitik, philosophisch von einer Relektüre klassischer Schriften bis zu einem Abgesang auf die Postmoderne, ästhetisch von Idealen der griechischen Welt bis zu Paul Valérys hochartifizieller Prosa. Aus diesem breiten Spielmaterial der Reflexion versammelt der neue Band 19 zu „philosophischen Erzählungen“ geronnene, sowohl nach Auswahl als auch nach Zusammenstellung höchst uneinheitliche Texte aus den Jahren 1986 bis 1993, die (bis auf eine Ausnahme) bereits in älteren Bänden zugänglich waren. Sie umkreisen im weitesten Sinne die Frage der Postmoderne, während die zwischen 2001 und 2008 entstandenen, hier erstmals in Buch-

form erscheinenden Beiträge keinerlei gemeinsamen Fokus erkennen lassen. Diese Disparität des Textmaterials gereicht dem Band jedoch nicht zum Nachteil, sondern lenkt den Blick auf Kontinuitäten des Burger’schen Denkens: im Wiederaufgreifen von Themen, Argumentationsstrategien, Ahnherren (Ahnfrauen gibt es nicht). Schnell wird klar, dass es keinen „frühen“ oder „späten“ Burger gibt, keinen leicht zu vereinnahmenden hier oder schwer zu verdauenden dort. Fast in jedem Aufsatz spielt Burger auf der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Klaviatur: von lakonischer Analyse bis zu kalkulierter Provokation, von dick aufgetragenem Understatement bis zu asketischem Pathos. Burger kann ein großer Stilist sein, wenn es ihm gelingt, eine Vielzahl von Gedanken auf engstem Raum zusammenzupressen und in gedanklich und ästhetisch zwingende Satzgebilde explodieren zu lassen, so wenn er etwa eine ehemals viel diskutierte Geistesmode mit wenigen Federstrichen verabschiedet: „Die Postmoderne war nur ein passageres Phänomen, die letzte Kopfbewegung der Moderne selber – oder besser gesagt: ihr Kopfschütteln. Sie hat damit ideologischen Ballast abgeworfen: den Ballast der Utopie. Erfrischt, erleichtert und brutalisiert tritt aus dem postmodernen Tumult – eine modernisierte Moderne hervor.“ Angesichts derart gelungener Wendungen, von denen es in den Aufsätzen wahrlich viele gibt, nimmt es Wunder, dass sich Burger an anderen Stellen oft ganz ohne Not auf fachphilosophische Terminologie und langatmiges Begriffsgeklimper zurückzieht, die sich dann lesen, als seien sie geradezu gegen eine ohnedies schmale Öffentlichkeit geschrieben.

Rudolf Burger Der promovierte Physiker und Wissenschaftssoziologe wurde 1938 in Wien geboren. Seit 1991 Vorstand der Lehrkanzel für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien, deren Rektor er von 1995 bis 1999 war. Als unbequemer Intellektueller mischte sich Burger oft in öffentliche Debatten ein, in letzter Zeit ist es allerdings ruhiger um den einstigen Querdenker geworden

Burger beginnt seinen Textreigen mit einem

Aufsatz über Hegel und die Revolution und lässt ihn mit einem über Stirner und den Nihilismus enden. Da er für diese Anordnung die Folge der Texte aufgebrochen hat, liegt es nahe, dahinter etwas Programmatisches zu vermuten. Und wirklich wohnt man einer Reise aus einer ohnehin schon erheblichen Desillusionierung in eine ans Äußerste getriebene bei. Nicht Trostlosigkeit erwartet den Leser jedoch am Ende, sondern eine funkelnde Lobrede auf einen geradezu heiteren, jedenfalls vollkommen gelassenen Atheismus, der, von allen Schnörkeln des Pathos befreit, eine Wirklichkeit der menschlichen Bestimmung in aller gebotenen Kühle auszusprechen wagt: das lautlose, endgültige Verschwinden im Tod. Ein heidnisches Bewusstsein auf Basis antiker Wertvorstellungen ist ein roter Faden, der sich durch die Texte zieht, die Berufung auf eine klassische Moderne ein anderer. Beide verbünden sich gegen einen perhorreszierten Hauptgegner: die Ge-

Rudolf Burger: Jenseits der Linie. Ausgewählte philosophische Erzählungen. Sonderzahl, 388 S., € 25,–

schichte. Deutlichsten Ausdruck findet diese Haltung in „Die Irrtümer der Gedächtnispolitik“, das die gar nicht ruhende Mitte der Textauswahl bildet. Dieses bei seinem Erscheinen 2001 vieldiskutierte „Plädoyer für das Vergessen“ stellte damals die erwartbare Begleitmusik zum Verschwinden der letzten Zeugen der Shoah dar. Indem Burger deren Erfahrungen angeblich hochhielt, geißelte er die Anstrengungen der Historiker und Publizisten, die Österreichs Rolle im Nationalsozialismus in den vergangenen Jahrzehnten im Detail zu erhellen versucht hatten. Zugegeben, dabei ging es oft allzu verspätet moralisch zu, und der geschundene Begriff einer „kollektiven Verdrängung“ war wenig durchdacht. Dass jedoch der ganze Vorgang der Erforschung und Dokumentation nicht notwendig oder gar kontraproduktiv gewesen sei, wie Burger insinuiert, ist bloß die perfide Volte eines Liniendenkers als Schlussstrichzieher. Burghart Schmidt hat seinerzeit alles gesagt, was sich gegen diesen Text und seine auch philosophisch unsaubere Argumentation vorbringen lässt (nachzulesen unter: www.igkultur.at). Doch derart klare Provokationen haben auch

ihr Gutes: Sie fordern Burgers Antagonisten heraus, ihre Positionen weniger widersprüchlich zu formulieren und ihre Argumente zu schärfen. Selbst gänzlich undifferenzierte und unelegante Wendungen wie diejenige, wonach sich der Westen im Nahostkonflikt in die „Geiselhaft israelischer Annexionspolitik“ begeben habe, können und sollen bestritten werden; ein Fall für bloß moralische Entrüstung sind sie nicht. Wo Burger hingegen die Grenze des guten Geschmacks tatsächlich überschreitet und jenseits der Linie zu liegen kommt, ist der Bereich der Allusionen, die nur hin und wieder, dann aber heftig in die ansonsten mit offenem Visier geschriebenen Texte eingewoben sind. Bei ihnen handelt es sich dann um keinen direkten Ausdruck etwa von Misogynie oder Antisemitismus, aber sie spielen mit diesen Dauerbegleitern der Provokation. Wie sollte man etwa die Zueignung des Bandes („Den bildungsfernen Schichten [...], den Modernisierungsverlierern und all jenen, denen die ‚Goldene Adele‘ am Arsch vorbeigeht“), abgesehen von ihrem Witz, nicht auch als Invektive gegen die Restitution jüdischen Eigentums verstehen? Die Antwort ist einfach: Man soll und man soll nicht – und dieses Spiel hinterlässt mehr als einen schalen Nachgeschmack. Auf diesem Feld wird Burger zum Partisanen – bei Ernst Jünger („Über den Schmerz“ im Band „Blätter und Steine“ von 1934) kann man nachlesen, in welch unehrenhaftem Sinne dies gemeint ist. STEPHAN STEINER 

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Sachbuch

Die Feder am Hut

Adolf Holl hat ein neues Buch über die Religion geschrieben und Franz Schuh mit ihm ein Gespräch geführt

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n einer Besprechung von Adolf Holls neuem Buch „Wie gründe ich eine Religion?“ im Spectrum der Presse gestand Franz Schuh kürzlich, sich immer zwei Dinge gewünscht zu haben: „erstens mit Adolf Holl befreundet zu sein und zweitens Rudolf Burger zum Philosophielehrer zu haben. Beides war nicht möglich.“ Für den Falter sprach Franz Schuh mit Adolf Holl über seine Suspendierung als Priester, das Zaubern, die Existenz als schreibender Mensch, das Vulgäre und natürlich über die Transzendenz (siehe auch Rezension auf Seite 32). Franz Schuh: Holl, um Gottes willen, was war das, die letzten 40 Jahre? Adolf Holl: Im Jahre 1968 bin ich in meiner

Kaplanswohnung in Neulerchenfeld gesessen, im Januar, vor dem Text des Prologes des Johannesevangeliums. Dort habe ich gelesen „die nicht aus dem Fleische, nicht aus dem Blute und nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“.

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Franz Schuh und Adolf Holl: Hohepriester des entspannten Denkens

Da habe ich mir gedacht, das klingt nach Sexualfeindlichkeit. Ich lebte damals als Geistlicher nicht mehr so keusch, wie es sich gehört hätte, und deshalb hat mich die Auslegung verdrossen. Ich wollte den Gläubigen am Sonntag nicht sagen, dass sie sich – laut Johannesevangelium – nicht mehr der Liebe erfreuen dürfen. Da ist mir ein Gedanke gekommen, der mein künftiges Leben bestimmt hat. Ich habe mir gedacht, dass damit nicht der Sexualakt gemeint ist, sondern die Familie. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“, hat Herr Jesus gesagt. Also, habe ich mir gedacht, werde ich das auch den Leuten erzählen. Die Leute haben, so wie es damals noch üblich war, wenn der Priester die Predigt mit dem Wort „Amen“ beschlossen hat, „Vergelt’s Gott“ gesagt. Ich habe dann eine Reihe von weiteren Predigten gehalten, die die Einstellung des historischen Jesus, soweit er als geschichtliche Persönlichkeit fassbar ist, zur Familie, zur Kirche, zur politischen Ordnung und zu den sozi-

alen Schichten betroffen hat. Es war sehr bald klar, zumindest für mich, dass ich hier die Einstellung eines heiligen Anarchisten beschrieb, so wie ihn auch Friedrich Nietzsche nannte, allerdings damals noch ohne mein Wissen. Die Gläubigen in der Neulerchenfelder Kirche haben immer gesagt „Vergelt’s Gott“, auch wenn ich gesagt habe, dass die heutige Kirche, die eine Familienfreundlichkeit transportiert, sich mitnichten auf den Herrn Jesus berufen kann. Da haben die Leute auch „Vergelt’s Gott“ gesagt. Wenn ich gesagt habe, dass die heutige Priesterkirche sich auch nicht auf den Willen des Herrn Jesus berufen kann, dann haben die Leute auch „Vergelt’s Gott“ gesagt. Das war das Jahr 1968. Franz Schuh: Hast auch du einmal „Vergelt’s Gott“ gesagt? Adolf Holl: Nie. Das war nicht in meinem

Vokabular. Ich hatte auch keinen Grund, „Vergelt’s Gott“ zu sagen. Dafür, dass mich der Herr Kardinal König aus dem Priester-

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s a c h b u c h    amte hinausgeschmissen hat? Da ist mir das „Vergelt’s Gott“ nicht über die Lippen gekommen.

sagt. Heute habe ich das Gefühl, dass mir diesbezüglich nichts entgegenkommt. Ab wann das war, darüber lässt sich streiten. Das weiß ich nicht so genau. Man könnte sich die Biografie des verstorbenen Günther Nenning anschauen, wann der angefangen hat, als Erzherzog Johann durch die Gegend zu pilgern. Vor ein, zwei Jahren ist mir mulmig geworden, als der Verlag der Weltreligionen im Hause Suhrkamp gestartet wurde. Das geht nach rechts, habe ich mir gedacht. Gerade in diesem Hause. Außerdem ist natürlich auch etwas passiert, das ohnehin schon sehr breitgetreten wurde, nämlich der Überfall der – wie soll ich jetzt sagen – Terroristen oder Freiheitskämpfer, die in die Twin Towers hineingeflogen sind.

Franz Schuh: Das heißt, du wärst gerne Priester geblieben? Adolf Holl: Ja. Ich gestehe, dass ich immer

schon gerne Priester werden wollte. Ich weiß auch mittlerweile, warum. Schon als Bub wollte ich zaubern können. Ich habe die Priester beim Ministrieren beobachtet, wie sie sich zum Zeitpunkt der heiligen Wandlung mit dem Ellenbogen auf den Altar gestützt und dann etwas auf Latein geflüstert haben. Und schon war der Gott da. Das hat mir gefallen. Das wollte ich auch. Das habe ich auch gerne gemacht, 20 Jahre lang. Dann war es aus damit. Franz Schuh: Es ist dir in deinem nachpriesterlichen Leben gelungen, wie man so sagt, „eine Existenz aufzubauen“ – eine Existenz als schreibender Mensch. So etwas ist ja ganz schwer. Du bist nicht in die Psychotherapie gegangen wie einige Priester. Du hast die Seelen sein lassen, zumindest kein Direktangriff mehr auf sie. Wie siehst du das rückblickend? Adolf Holl: Mit der Schriftstellerei hatte ich

Glück, weil sich das Buch, das ich 1971 veröffentlicht habe, „Jesus in schlechter Gesellschaft“, sehr gut verkauft hat. Das war mein erstes Buch. Es gab ein paar vorher geschriebene Sachbücher, aber da hatte ich noch nicht den Stil gefunden. Nämlich einen Stil, den man verstehen kann, auch wenn man kein theologisches Doktorat hat. Da muss ich meine Dankbarkeit Elias Canetti, Karl Jaspers und dann den amerikanischen Krimiautoren Dashiell Hammett und Raymond Chandler ausdrücken. Die habe ich verschlungen.

Franz Schuh: Von Hammett und Chandler beeinflusst, das ist ja eine neue Seite der Kriminalgeschichte des Christentums. Adolf Holl: Die beiden haben, etwas pathe-

tisch ausgedrückt, sozialkritisch geschrieben – und sie haben spannend geschrieben. Sie haben etwas getan, was man auf der Universität nicht gelernt hat. Auch diese Mixtur von Canetti und Jaspers ... Das war stilbildend für mich. Ich hatte auch sozialwissenschaftliche Literatur gelesen. Diese sozialkritische Prosa von Horkheimer und Adorno. Sobald mein Bestseller da war, hatte ich Blut geleckt, und auch der Verlag wollte bald das nächste Buch haben. Also habe ich das nächste Buch geschrieben. Damit war ich ganz und gar bei der Schriftstellerei. Franz Schuh: Im Wandel der Zeiten geriet das Sozialkritische aus der Mode. Gott sei Dank, als Mode ist es ein Widerspruch in sich. Bei dir hat es Tradition. Ich erinnere an das Buch über Franz von Assisi: „Der letzte Christ“. Es endet mit der Überlegung, dass in der Gestalt dieses Heiligen etwas Unabgegoltenes liegt: Franz, der Bürgerliche, der sich für andere einsetzt und der auf Würde und Pathos der Bürgerlichkeit zu verzichten bereit ist. Das ist eine Tendenz, die in meiner Lesart mehr oder minder unaufdringlich deine Arbeiten mitbestimmt. Adolf Holl: Du hast auf das Jahr 1968 Bezug

genommen. Ich hatte damals das Gefühl, zuerst im Pfarrhaus, ab 1973 in der Privatwohnung, dass mir vonseiten der Leser und Leserinnen etwas entgegenkommt, dass man also nicht nur ein Spinner ist, der sich irgendwelche linken Sachen in den Kopf setzt. Diese linken Sachen waren atmosphärisch – hätte ich jetzt gleich ge-

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Franz Schuh: Sag Terroristen, sonst sperrt man dich ein, und zwar zu Recht. Adolf Holl: Es waren Terroristen, und seit„Die Gläubigen in der Neulerchenfelder Kirche haben immer gesagt ,Vergelt’s Gott‘, auch wenn ich gesagt habe, dass die heutige Kirche, die eine Familienfreundlichkeit transportiert, sich mitnichten auf den Herrn Jesus berufen kann. Da haben die Leute auch ,Vergelt’s Gott‘ gesagt“ Adolf Holl

dem gibt es sehr viele Publikationen über Religion. Die meisten sind defensiv und konservativ. Das war in den 70er-Jahren nicht der Fall. Damals war die ganze Atmosphäre, zumindest hier in Wien, munter, heiter. Die Frauen haben sozusagen ihre Lockenwickler abgelegt. Das ist heute auch nicht mehr zu spüren.

Franz Schuh: Eine bezeichnende Konstellation: Du bist ein Mensch, der sich – untertrieben gesagt – für Religion interessiert. Es scheint in deinem Sinn, dass das Interesse für Religion besonders dann lohnend ist, wenn es keine „Verreligiosisierung“ des Kulturbetriebs gibt. Als der Kulturbetrieb, so wie die Suhrkamp-Kultur seinerzeit, eine Tendenz zum Atheismus hatte, war die Befassung mit Religion interessant. Wenn der große Verlag eine pompöse Reihe über die Mystik aufmacht, dann vergeht einem sogar die Mystik. Adolf Holl: Es gab noch jemanden, dem ich

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und der Talmud und was weiß ich was, 15 Stückeln im Jahr, hinausgeschossen werden vom Hause Suhrkamp, dem Verlag dieses Ernst Bloch, da bin ich nicht gespannt. Aber als Ernst Bloch, und zwar zum Missfallen der dogmatischen Marxisten, den revolutionären Kern des religiösen Erbes, insbesondere des christlichen Erbes, herausgeschält hat, war das interessant. Da hat man sich gedacht: Da schau her, der Autor des Ausspruchs „Ubi Lenin, ibi Jerusalem“, auf gut deutsch „Dort wo Lenin ist, da ist auch Jerusalem“. Da hat man die Ohren gespitzt – oder beim Lesen, da weiß ich nicht, was man da spitzt. Man hat sich der Sache als Theologe und katholischer Geistlicher gerne zugewendet. Getretener Quark wird breit, nicht stark. Bloch hat den Quark nicht breitgetreten, das macht heute sein Verlag. Franz Schuh: Mit Recht gehst du immer der inquisitorischen Frage aus dem Weg: „Glauben Sie an Gott, Herr Holl?“ Oft hast du vor Augen geführt, dass eine solche Frage absolut indezent ist. Allerdings hast du in deinem neuen Buch „Wie gründe ich eine Religion?“ die Frage, ob Gott existiert, mit „Ich weiß es nicht“ beantwortet. Die alte Lehre vom Priesterbetrug, dass der Priester der Einzige ist, der weiß, dass es keinen Gott gibt, aber der sehr gut agieren kann, so, als ob es ihn gäbe. „Ich weiß es nicht“ – ist das nicht gleichzeitig zu viel und zu wenig? Adolf Holl: Ich habe dieser Tage den Brief ei-

ner Tirolerin beantwortet, die mir schon mehrmals geschrieben hat. Sie ist in einem geistlichen Bildungshaus beschäftigt. Sie schreibt mir immer längere Briefe, und die lese ich mit großem Interesse. Sie entschuldigt sich, dass sie nur eine Volksschulbildung hat. Sie hat mich gefragt, ob es noch etwas gibt, das ich lernen oder wissen möchte. Ich habe ihr zurückgeschrieben: „Ja, ich möchte noch eine ordentliche zu danken habe: Ernst Bloch. Er hat mich Umgangsform mit dem Herrn Jesus lernen, bis in den Stil hinein, aber auch vom In- denn er ist mir nahe und fern zugleich.“ Ich halt her geprägt. Es geht um Atheismus im kann das wirklich nicht unter einen Hut Christentum. Ich hatte das Privileg, dem bringen, diese Nähe und zugleich diese alten Bloch noch die Hand geben zu dür- Ferne. Das ist ein Problem. „ER gibt nämfen, 1970 in Salzburg. Da war eine Tagung lich immer noch keine Ruhe.“ Das habe ich mit dem schönen Titel „Die Zukunft der Re- noch dazugeschrieben. Damit sind wir imligion“. Da war der Bloch, da war der alte merhin bei Gott, denn Herr Jesus Christus Blixada, Bargeld Horkheimer noch da warsigniert Ivan Illichsein da. Buch gilt zumindest in den christlichen Kreisen Da waren eigentlich alle da. Ich durfte dem als Gott. Das ist mir mittlerweile auch ganz Ernst Bloch die Hand geben und habe ihm recht, weil da weiß man, wovon man regesagt, dass ich an einem Buch schreibe det. Nicht nur von einem wilden Wandermit dem Titel „Jesus in schlechter Gesell- prediger und Teufelsaustreiber, der verschaft“. Das hat ihm gefallen. Da waren wir rückte Ideen hatte, sondern von einem eines Sinnes. Ob der Bloch jetzt Atheist war Gott, der auf seine Gottesnatur verzichSonntag, 15. März 2009, 16 Uhr oder nicht, das war mir relativ Wurscht. Landstraßerdas Hauptstraße 2a-2b, 01/718 93Seite 53, Eintritt frei nächste Jetzt, wo die3., Bhagawadgita, Rigveda Fortsetzung

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Sachbuch

ich diese inquisitorisch insistierende Frage „Glauben Sie an Gott?“ beantworten muss, wie es der Herr Kardinal Schönborn täte oder der Heilige Vater oder irgendein Theologieprofessor.

Fortsetzung von Seite 31

tet hat. Jetzt wird es spannend. Meine persönliche Beziehung zu Herrn Jesus ist seit fast 60 Jahren kultiviert, besonders intensiviert durch dieses Messelesen, durch diese Wandlungsgeschichten. Ich habe die Erfahrung in dem Restbestand meiner sogenannten Spiritualität gemacht, dass ich mich diesem Gotte zugleich augenblickshaft sehr nahe fühlen kann und gleichzeitig sehr fern fühlen muss. Warum? Wenn ich ihn zum Beispiel bitte, dass er eine bestimmte Erkrankung im Freundes- und Bekanntenkreis zum Verschwinden bringt – so deppert bin ich –, dann passiert gar nichts. Das mache ich ihm uneingestandenerweise zum Vorwurf. Denn wenn er Gott ist, und ich bin ja an und für sich immer lieb zu ihm gewesen, habe schöne Bücher geschrieben, dann könnte er sich eigentlich ein bisschen zusammennehmen und einen Leberkrebs beseitigen. Macht er nicht. Da ist er mir sehr fern. Dann kann es wiederum sein, wenn ich meine letzte Zigarette am Abend rauche und so durch die Luft schaue und mich ein bisschen sammle, dann ist er mir wieder nahe. Es ist eine alte mystische Erfahrung: Der Geliebte ist gleichzeitig fern und nahe. Und zwar nicht geografisch. So schaue ich mir das an. So kann ich antworten, ohne dass

Franz Schuh: Ich lobe dich vor allem als Schriftsteller, und wer immer deine Vorbilder gewesen sein mögen, deine Schreibweise hat noch eine andere Quelle. Es hat mit dem Kaplansein zu tun, mit Neulerchenfeld, mit den Menschen der Vorstadt. Deine Art des verständlichen Schreibens beruht nicht auf einem Willensentschluss, sondern das ist eine Fähigkeit, die aus einer Bindung zu Menschen herkommt. Diese Bindung ist für mich, da ich ja auch von den Floridsdorfern, Ottakringern und Fünfhausern herkomme, ein bisschen idealisiert. Das gehört dazu. Wenn man nämlich wüsste, wie diese Leute dort wirklich sind, die wir verehren, weil sie nicht so sind wie wir, würden uns wahrscheinlich die Augen entsetzensweit offen stehen. Aber was bleibt, ist auf jeden Fall die Gegnerschaft zu denen, die intellektuell und materiell protzen, die unsinnlich sind und die ihre Abstraktion mit Macht durchsetzen. Es ist bei dir immer, und das hängt auch mit dem Theologischen zusammen, das Sinnliche, dieses irdisch Sinnliche, das man nicht vernachlässigen darf. Wenn man das vernachlässigt, dann ist man „drüber“. Dann versteht man erst recht nichts von der Transzendenz. Adolf Holl: Jetzt hast du mich auf den Gürtel

„Ich darf hier sagen, und das muss ich das erste Mal gestehen, dass ich mit den Huren sehr gut sprechen konnte. Dann haben wir einfach eine halbe oder dreiviertel Stunde getratscht, weil es kein Geschäft für die Frau gab, und die Huren haben meinen Ton sofort verstanden. Sie haben nicht gewusst, dass ich ein Geistlicher bin“ Adolf Holl

gebracht. Denn am Gürtel war der Strich. Ich bin als Kaplan, da werde ich um die 30 gewesen sein, und da ist es wirklich nicht mehr gegangen, nur mit dem Onanieren, da bin ich halt am Gürtel geschlichen. Dort war „die Purkersdorferin“. Sie hat so geheißen unter den anderen Strichkatzen, weil

sie keinen Zuhälter hatte. Eine gefährdete und eine gefährliche Existenz. Wir sind ins Gespräch gekommen. Ich darf hier sagen, und das muss ich das erste Mal gestehen, dass ich mit den Huren sehr gut sprechen konnte. Dann haben wir einfach eine halbe oder dreiviertel Stunde getratscht, weil es kein Geschäft für die Frau gab, und die Huren haben meinen Ton sofort verstanden. Sie haben nicht gewusst, dass ich ein Geistlicher bin. Wenn ich sie dann doch gebeten habe, mit ins Hotel zu gehen, waren sie manchmal ganz erstaunt. Es war ein gemütliches, einvernehmliches Reden. Die Purkersdorferin hat mich dann eben nach Purkersdorf mitgenommen. Da haben wir in der Nacht sehr aufpassen müssen, weil ihre Zimmerwirtin nichts hören durfte. Sie hat mit mir eine Ausnahme gemacht, wenn sie mich in ihre Wohnung mitnahm. Das war ein großes Privileg, und sie hat mir auch anschließend ihren Wunsch gedolmetscht, dass sie gerne „einen Herren“ haben würde, mit dem sie gepflegt an Sonntagen zum Heurigen gehen könne. Ich habe ihr gesagt, dass ich Geistlicher bin und an Sonntagen keine Zeit habe. Sie hat gesagt, dass ihr das überhaupt nichts ausmachen würde, weil ja viele wie ich, viele Geistliche zu ihr kommen würden. Diese Art der freundlichen, einvernehmlichen Diskursführung, die habe ich wirklich „draufgehabt“. Möglicherweise erkenne ich in deinen Fragen, dass du etwas dieser Art an meiner Prosa spürst, dieses Vulgäre, wie es gerne genannt wird. Aber ich lasse das selten heraus, weil ich das ja eigentlich gar nicht darf. Die Schriftstellerei und vor allem die literaturwissenschaftliche Schriftstellerei ist ja mittlerweile so elaboriert, dass man gelegentlich eine Feder am Hut tragen muss, weil man ja sonst verachtet F wird. 

Wunsch nach den eigenen vier Wänden für die Seele Adolf Holl macht sich auf, eine eigene, undogmatische Religion zu gründen – und scheitert dabei mit Lust und Heiterkeit „Verlustanzeige. Ich habe meinen Glauben verloren. In der Küche ist er nicht, auch nicht im Schlafzimmer. Nur im Keller bin ich noch nicht gewesen“ Adolf Holl

Tadel – leicht konsumierbare Weise zu präsentieren versteht, so wie man echter Kunst die Arbeit und Anstrengung, die dahintersteht, eben nicht anmerkt.

ie gründe ich eine Religion?“ Das W neue Buch von Adolf Holl ist keine Anleitung zu neuem Sektierertum, son-

Holl hat seine Suchbewegungen, deren An-



dern die lebendige Suche nach religiöser Erfüllung von einem, der diese in der sinnesfeindlichen, dogmatischen römischkatholischen Amtskirche nicht gefunden hat. Zur Erinnerung: Wegen seines aufsehenerregenden Buches „Jesus in schlechter Gesellschaft“ geriet der 1930 in Wien geborene, 1954 zum Priester geweihte Theologe Holl in Konflikt mit seiner Kirche, der 1973 zum Entzug der Lehrberechtigung und 1976 zur Suspendierung aus dem Priesteramt führte. Für die lesenden und denkenden Zeitgenossen kein Anlass zu Traurigkeit: hatte er doch auf diese Weise mehr Zeit zu schreiben und zu diskutieren – etwa als Moderator des legendären „Club 2“.

Obwohl er ausschließlich sogenannte Sach-

bücher verfasst hat, gilt Holl als einer der besten Schriftsteller des Landes. Auch sein neues Buch lebt von der gewohnten Leichtfüßigkeit seines Stils, der Schwerwiegendes und Kompliziertes auf allgemein verständliche und – das sei hier ein Lob, kein

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on wird es weder letzte Fragen noch letzte Antworten geben“, schreibt Holl. Und: „In ihr dürfen Engel und Teufel, Hexen und Zauberer, Einhörner und Drachen auftreten, solange sie für mich nicht wichtiger werden als meine Lieben, meine Leberwerte und der Briefträger mit den nächsten Steuerbescheiden.“ Oder: „Eine Religion gründen wollen, ohne anderen Menschen Befehle zu erteilen, ist bislang noch nicht geglückt.“ Einem Freigeist und Zweifler par excellence wie Adolf Holl liegt allerdings nichts ferner, als anderen Befehle zu erteilen.

trieb eine nicht zu stillende Sehnsucht, sich auf etwas zu beziehen, darstellt, in kleine Schritte aufgeteilt. Die einzelnen Kapitel mit Titeln wie „Beim Frisör“, „Mystik für Anfänger“ oder „Halb so wild“ umfassen zumeist nur wenige Zeilen bis zwei, drei Seiten. Sie gehen, ein Merkmal von Holls Schreiben, zumeist von persönlichen Erfahrungen und Eindrücken aus, lassen sich auch einzeln lesen und regen zum Selbst- und Weiterdenken an. Der Rundgang durch den Supermarkt der Religionen und Weltdeutungen, der auf diese Weise zustande kommt, offenbart einmal mehr seine profunden Kenntnisse auf dem Gebiet der Gläubigen, Zweifler und Sinnsucher.

Man ahnt: Auf diese Weise kann es nichts

„Um das gesamte Angebot durchzuprobie-

ren, sagen wir eine Religion im Monat, müsste ich mindestens 800 Jahre alt werden.“ Bleibt also nur noch eine Möglichkeit: selbst eine zu gründen. Lustvoll und neugierig macht sich Holl auf den Weg. Wie sollte sie beschaffen sein – im Gegensatz zum sinnesfeindlichen, dogmatischen römischen Katholizismus? „In meiner Religi-

Adolf Holl: Wie gründe ich eine Religion? Residenz, 138 S., € 17,90

werden. Denn für eine echte Religionsgründung braucht es nicht nur eine unbestimmte Sehnsucht, sondern eine gehörige Portion Sendungsbewusstsein und Fanatismus. Vermutlich sollte einer, den die Frage, ob er an Gott glaube, in Verlegenheit bringt und der darauf mit einem schlichten: „Ich weiß es nicht“ antwortet, einfach die Hoffnung aufgeben, in einer wie auch immer gearteten Religion ein für allem Mal Zuflucht zu finden. Dass Holl das bisher nicht getan hat, ­gereicht allerdings zumindest seiner Leserschaft zum Vorteil: denn sonst würde er wohl kaum mehr so anregende Bücher ­schreiben. K i rs t i n B r e i t e n f e ll n e r 

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Zeit der kollektiven Wahnvorstellungen Philipp Blom, ein Neowiener, entwickelt ein beeindruckendes europäisches Panorama der Epoche vor 1914

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ergleiche mit der Gegenwart drängen sich auf. Der Autor will das auch so. Ein Begriff, der damals, in diesen Schwindel machenden Jahren von 1900 bis 1914, oft gefallen ist und uns bekannt vorkommt: Taumel. Keine Solidität. Philipp Blom hat rund um dieses Gefühl in der Urgroßväterzeit ein dickes, unterhaltsames Buch, noch dazu eines mit einem ziemlich ehrgeizigen enzyklopädischen Anspruch geschrieben. Blom arbeitet mit einer Jahreschronologie. Jedes Jahr bekommt ein eigenes Kapitel, jedes Kapitel fängt mit einer einprägsamen Story an, mit der dann ein ganzes Thema entfaltet wird. Die Ouvertüre gehört einem Großevent im Paris des Jahres 1900. Nach außen hin warfen sich die Pavillons der Weltausstellung in protzige historistische Posen; Frankreich präsentierte sich in einer Nachstellung des mittelalterlichen Paris, die USA bauten eine Kopie des Kapitols, mächtige Türme in verschiedenen alten Stilen ragten am Seine-Ufer um die Wette in die Höhe, um Aufmerksamkeit für die einzelnen Länder zu erregen. Die kolonisierten Völker wurden in Form von kleinen Reality-Shows und Themenparks vorgeführt und beglückten die 50 Millionen Besucher mit kleinen Souvenirs, Speisen und Getränken. Für Philipp Blom ist die Weltausstellung nicht nur eine protzige, megalomane Megaschau der Jahrhundertwende, sondern eine höchst anschauliche Demonstration einer Epochenschwelle, denn die Präsentation in den Hallen passte so gar nicht zur Architektur, die noch selbstbewusst dem Stolz der bürgerlich-imperialistischen Welt frönte. Drinnen summten große Dynamos, trieben Lokomotiven, U-Bahnen oder Ozeandampfer an, erzeugten Energie für Glühlampen und Scheinwerfer im Palast der Elektrizität.

her in Ansätzen vorweggenommen wurde. Kautschuk wurde in Massen für die Reifenproduktion gebraucht, also wurde in Belgisch-Kongo Arbeitern, die bei der Gewinnung die Kautschukquote nicht erbracht hatten, die Hand abgehackt. Blom porträtiert jene beiden Männer, die den kolonialistischen Wahnsinn in Europa publik gemacht haben. Auch die Europäer mussten, so die Wahr-

Philipp Blom 1970 in Hamburg geboren, studierte Blom in Oxford und Wien und machte sich mit einer Kulturgeschichte des Sammelns und einer von Diderots ­Enzyklopädie (2004 und 2005 in der Anderen Bibliothek von Hans Magnus Enzensberger erschienen) und als Journalist in österreichischen, deutschen und internationalen Medien einen Namen

nehmung der Zeitgenossen, einen hohen Preis für die rapide Entwicklung entrichten. Ärzte und Philosophen attestierten den Zeitgenossen generell „Neurasthenie“ (oder „Nervenschwäche“) und fürchteten Degenerierung, „Verweiblichung“ und Bevölkerungsschwund. Blom macht staunen, welche breite Anhängerschaft die Eugenikprogramme in Europa hatten. Von da war es nicht mehr weit zum Rassismus, den der Autor auch beim Begründer der Anthroposophie Rudolf Steiner ausmacht. Es war eine Zeit der politischen Paranoia. Die Frauenbewegung löste Hass, Versagensängste und Polizeieinsätze aus. Politiker aus der Provinz malten Bilder von der Großstadt als Moloch, die Politik der Großmächte stand immer mehr im Zeichen von Einkreisungsideen, der deutsche Kaiser „Wilhelm, der Plötzliche“ wird als kindischer Komplexler porträtiert. Blom kann unendlich viele Vari-

Foto: Jason Bell

rer Bibliothek“ eine Kulturgeschichte des Sammelns (2004) und eine von Diderots großer französischer Enzyklopädie (2005) vorgelegt hat, erweist sich in seinen Büchern als ein eifriger Leser internationaler historischer Literatur und kann die so erworbenen Kenntnisse ausgezeichnet in Geschichten, Biografien, anschaulichen Schilderungen und kompakten Analysen kompilieren und verdeutlichen. Man merkt, da schreibt nicht nur ein mit viel Detailwissen ausgestatteter Kulturhistoriker, sondern auch ein Journalist, der regelmäßig Artikel in die besten Zeitungen des deutsch- und englischsprachigen Raums setzt. Derzeit lebt und arbeitet er in Wien, was der Stadt einen neuen Egon Friedell beschert hat. ALFR ED PFOSER 

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Philipp Blom, der in Enzensbergers „Ande-

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„Electrisez-vous!“ war das Motto für die kur-

ze Epoche bis zum Ersten Weltkrieg, die es in sich hatte. Innerhalb weniger Jahre änderte sich das Leben durch neue Technologien grundlegend; Fahrräder und Auto beschleunigten den Alltag in den Städten, Flugzeuge setzten neue Standards im Fernverkehr, Großkaufhäuser inspirierten den Massenkonsum, Edison baute für die amerikanische Regierung den elektrischen Stuhl, Autorennen lösten Pferderennen ab, die Kinos ließen die Welt auf eine Leinwand zusammenschrumpfen, Marie Curie entdeckte die radioaktive Strahlung, Einstein entwickelte seine Relativitätstheorie. Technische Sensations- und Rekordmeldungen füllten nonstop die Zeitungen. Geschwindigkeit wurde zum Signum einer Zeit, die die starken, schneidigen Abenteurer durch Wissenschaftler, Ingenieure und Fließbandarbeiterinnen ersetzte. Auch Generalstäbler dachten nun in den Kategorien der Beschleunigung und träumten von Blitzkriegen. Der Satz „Ein schneller Sieg ist eine höhere Art von Sieg“ wurde zum Mantra des deutschen Chefstrategen Schlieffen im Ersten Weltkrieg, der die deutsche Armee gemäß dieser Denkart das neutrale Belgien überfallen ließ. Blom erinnert daran, dass das Blutvergießen des Ersten Weltkriegs in den Kolonialkriegen vor-

anten für kollektiven Wahn anführen, von dem diverse Vordenker befallen wurden und die sich auch bei prominenten Kriminellen wiederfanden. Er liefert von etlichen dieser Sorte kleine, feine Biografien. Etwas enttäuschend, weil zu oberflächlich, wirkt Bloms Spaziergang durch das geistig-künstlerische Wien des Fin de Siècle. Aber ein derart eindrucksvoller enzyklopädischer Ansatz, mit europäischen Rundumblicken in Kunst, Malerei und Musik, hat eben bisweilen den Preis der stereotypen Kürze.

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Sachbuch

Goldenes Kalb und intelligente Krähe Anhand zweier Tierstudien lässt sich das Spannungsfeld zwischen Kultur- und Naturgeschichte abstecken Tiere um uns – leben ihr Leben Unzählige Arten sehen dich an Tiere um uns – was wärn wir ohne sie? Blumfeld, 2006

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ls vor drei Jahren der Song „Tiere um uns“ der deutschen Diskurs­ popband Blumfeld erschien, ging ein entsetztes Schnauben über diesen „Ta­ bubruch“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) durch die Szene der Musikauskenner. Schließlich schwenkte der Tross der Kriti­ ker unter dem Vorbehalt „ironisch gebro­ chener Text“ auf vorsichtige Bewunderung für diese explizite Beschreibung „eines längst ferngerückten Naturverhältnisses“ ein. Offenbar gilt auch hier in Abwand­ lung des legendären Spruchs von Helmut Qualtinger: „Natur gegen Kultur, das ist Brutalität“. Im Bereich der Buchproduktion gibt es hingegen keine Berührungsängste mit dem Thema Tiere. Im Gegenteil, geradezu üppig werden jedes Jahr mehrere Dutzend Publikationen auf den Markt geworfen, die sich aus unterschiedlichster Perspektive – von der Heimtierhaltung über schwerge­ wichtige Bildbände bis zur umfassenden Tiermonografie – mit den anderen Lebe­ wesen auf unserem Planeten beschäftigen. Zwei Neuerscheinungen seien hier exemp­ larisch besprochen, die Tierarten aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln beschrei­ ben und die Schwierigkeit verdeutlichen, eine passende Form der Auseinanderset­ zung mit der Seinsweise der Tiere zu fin­ den, die unsere Lebensgrundlage bilden, unsere Mythen beflügeln, mal als Konkur­ renten und dann wieder als Freunde wahr­ genommen werden.

Die Kuh bleibt ein Rätsel Florian Werner ist Literaturwissenschaft­ ler, Musiker und Journalist. Sein neues Buch „Die Kuh“ trägt den vollmundigen Untertitel „Leben, Werk und Wirkung“ und will „ein Nachschlagewerk, eine Fundgrube, ein Schmöker und eine Wun­ derkammer“ sein – die „erste Darstellung des faszinierendsten Paarhufers aller Zei­ ten“. Für diesen umfassenden Anspruch ist es mit kaum mehr als 200 Seiten aber et­ was dünn geraten. Der Autor hat brav re­ cherchiert, beschreibt dabei aber vor allem die kulturelle und mythologische Wirkung der Kühe auf die menschliche Kultur. So liest man Texte aus Cowboysongs und über diverse Schöpfungsmythen, The­ aterstücke, Filme und Gemälde mit Kü­ hen finden Erwähnung, wobei die Zugän­ ge zwischen Hoch- und Trivialkultur pen­ deln. Man erfährt etwas über den Auftritt einer Kuhskulptur bei der Berliner Love Parade, dann wird die Kuhäugigkeit als Schönheitsideal bei den alten Griechen zi­ tiert und die Etymologie des Wortes „Kuh­

In seinem neuesten Buch „Rabenschwar­ ze Intelligenz“ versucht Reichholf eine Imagekorrektur einer Vogelart, die vor al­ lem außerhalb der großen Städte kaum Freunde hat: Krähen und Raben. Gelten doch die „großen Schwarzen“ den Jägern als unerwünschte Konkurrenz und „Raub­ zeugs“. Wie bei Bär und Luchs reagiert die Bevölkerung auf diese herausragend in­ telligenten Tiere mit fast abergläubischer Angst, Vorurteilen und dem schnellen Ruf nach Abschuss. Doch dieser ist aufgrund einer EU-Richtlinie grundsätzlich nicht er­ laubt. Nicht ohne Schadenfreude weist der Autor darauf hin, dass man bei der seiner­ zeitigen Abstimmung über Maßnahmen zum Schutz der Singvögel in Europa offen­ bar nicht wusste, dass Krähenvögel auch dazugehören.

handel“ erklärt. So springt das Buch ganz gefällig, aber ohne wirklich erkennbare er­ zählerische Linie durch die vielen Themen und Zugänge. Die Kuh selbst wird dabei immer mehr zu einer von jeder Realität entkern­ ten Ikone, zu einem stochastischen Spie­ gel menschlicher Kulturgeschichte. Nur ganz nebenbei wird die eigentliche und globale Dimension der im Titel angekün­ digten Wirkung von Rindern erwähnt. 1,5 Milliarden Rinder leben auf der Erde, und ihre Körpermasse übertrifft damit die al­ ler Menschen zusammen um das Dreifa­ che. Die Konsequenzen dieser mensch­ lichen Gier nach Fleisch hat bereits 1994 der US-amerikanische Sozioökonom Jere­ my Rifkin in seinem Buch „Imperium der Rinder“ eindrücklich beschrieben: Zer­ störung der Regenwälder durch Viehfut­ terproduktion, Versteppung und Verwüs­ tung von Naturlandschaften durch wei­ dende Riesenherden, Verwendung eines Drittels der weltweiten Getreideernte als Viehfutter und dadurch bedingter Nah­ rungsmangel in Entwicklungsländern – nicht zu vergessen das kaum zu unter­ schätzende Problem der Methangasemis­ sionen, die in vergleichbarem Maß wie der Autoverkehr den gegenwärtigen Klima­ wandel verursachen. Aber nicht nur die Folgen dieses Tanzes um ein goldenes Kalb und der daraus resul­ tierende Ökokolonialismus der Industrie­ staaten bleiben in diesem Buch unbespro­ chen, sondern auch die Konsequenzen für die Menschen im traditionellen ländlichen Siedlungsraum. Auf dem Buchumschlag ist zu lesen: „Nach bald 10.000 Jahren des Zu­ sammenlebens ist die Kuh uns noch im­ mer ein Rätsel.“ Nach Lektüre dieses Buchs bleibt sie das leider auch.

Graugänse und zahme Raben

„Große Schwarze“ oder „Raubzeugs“ Aus einem ganz anderen Standpunkt blickt Josef Reichholf auf eine besondere Tier­ gruppe. Er ist Zoologe in der Tradition von Konrad Lorenz, Autor von mehr als 15 po­ pulärwissenschaftlichen Büchern und streitbarer wie manchmal auch umstritte­ ner Naturschützer. Allein im letzten Jahr sind von ihm drei neue Bücher zu den The­ men Menschheitsgeschichte, Artenvielfalt und ökologische Gleichgewichtssysteme erschienen. Für Letzteres musste er hefti­ ge Kritik vonseiten der Naturwissenschaft einstecken, da er den durch Menschen ver­ ursachten Klimawandel relativierte und das Prinzip des Ungleichgewichts zur öko­ logischen Notwendigkeit erhob und diese These nicht sauber gegen soziobiologische Interpretationen abgrenzte. Auch hier übertritt also jemand die wohldefinierten Grenzen seines Fachs und versucht Natur und menschliche Kultur in einen interpre­ tativen Kontext zu stellen.

Florian Werner: Die Kuh – Leben, Werk und Wirkung. Nagel & Kimche, 233 S., € 20,50

Josef H. Reichholf: Rabenschwarze Intelligenz. Was wir von Krähen lernen können. Herbig, 253 S., € 20,60

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Reichholf erzählt im ersten Teil des Buchs von seinen persönlichen Erfahrungen mit zahmen Raben. So wie Konrad Lorenz mit­ reißend über das Leben mit seinen Grau­ gänsen schreiben konnte, fasziniert Reich­ holf mit seinen Erzählungen über die auf ihn geprägten Vögel. Aber während Lo­ renz bei der Beschreibung des tierischen Verhaltens stehen bleibt, geht Reichholf einen Schritt weiter zur analytischen und quantifizierenden Wissenschaft. Seine un­ verhohlene Sympathie für diese Vogelgrup­ pe führt bei ihm jedoch nicht zu sentimen­ talen Appellen und tierschützerischen For­ derungen, sondern er versucht, in einem zweiten Abschnitt mit scharfem Blick die eigentliche Bedeutung für und Auswirkun­ gen der Krähenvögel auf ein mitteleuropä­ isches Ökosystem zu ergründen, indem er in bester populärwissenschaftlicher Tradi­ tion die Methoden und Interpretationswei­ sen der Naturwissenschaften vorführt und an der Fragestellung abarbeitet. Obwohl dabei die dafür verantwortlichen Grup­ pen der Jäger und Politiker nicht direkt ad­ ressiert werden, wird klar, wie leicht es ei­ gentlich wäre, mithilfe einfacher Studien Klarheit in dieser Problemstellung zu er­ halten und die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Vergleichsweise kurz fällt der dritte Teil zu den kulturgeschichtlichen Dimen­ sionen dieser Tier-Mensch-Beziehung aus. Wie wurden aus den heiligen Botenvögeln Hugin und Munin des germanischen Got­ tes Wotan die im Christentum verachte­ ten Galgenvögel? Warum bieten Städte den Raben zunehmend mehr Lebensqualität als das Umland? Und was machte Kolkra­ ben zu Tieren, die mit ihrer Intelligenz oft­ mals Menschenaffen und Delfine übertref­ fen? Ein Sachbuch, wie es sein soll: diffe­ renzierte Positionen, kluge Antworten und ein Schuss persönlicher Emotion. 

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Schafft den Darwinismus ab! Nicht überall, wo Darwin draufsteht, ist auch Darwin drin. Ein Überblick zu den Neuerscheinungen im Jubeljahr

S

o ein Doppeljubiläum klingt zunächst einmal wie eine feine Sache: Vor 200 Jahren wurde Charles Darwin geboren, vor 150 Jahren erschien sein Hauptwerk „Über den Ursprung der Arten“. Nur hat das simultane Hochlebenlassen von Mann und Theorie so seine Tücken. Klar, man darf Darwin als den größten Biologen aller Zeiten verehren. Nur hat sich die Evolutionstheorie seit seinen Lebzeiten derartig dramatisch weiterentwickelt, dass dem englischen Rauschebart wohl Hören und Sehen verginge, hörte er von Neandertaler-DNA oder Populationsgenetik. Die britische Evolutionsbiologin Olivia Judson schlug daher in ihrem exzellenten Blog „The Wild Side“ vor, den Begriff Darwinismus abzuschaffen. Wir flögen ja auch mit Flugzeugen und nicht mit „Wrighties“. Ein ebenso berechtigter wie aussichtsloser Einspruch, Darwin und seine Theorie bleiben in unserer Vorstellungswelt untrennbar miteinander verbunden. Das wissen auch die Verlage, die seit langem gierig auf das Doppeljubiläum 2009 stieren und schon seit Monaten Sachbücher en masse auf den Markt bringen. Nur leidet so manche Neuerscheinung an dem Spagat zwischen historischem Darwin und der aktuellen Forschung.

Zum Beispiel „Tatsache Evolution. Was Dar-

win nicht wissen konnte“ von Ulrich Kutschera. Was den historischen Teil angeht, praktiziert Kutschera eine überholte, weil kontextarme Geschichte der großen Männer. Was die Rekapitulation des Forschungsstandes seiner eigenen Disziplin angeht, hat der deutsche Evolutionsbiologe zwar viel Wissenswertes mitzuteilen, verharrt aber beim Frontalunterricht. Zudem verleidet einem die Penetranz, mit der er sich selbst zitiert, das Lesen gehörig. Auch Steve Jones mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, aber wenigstens schreibt der Brite besser als Kutschera. „Darwins Garten“ will ein intellektueller Spaziergang durch die sehr unterschiedlichen Interessengebiete des Jubilars sein und dabei den Leser quasi auf den neuesten Stand bringen. Und zwar mithilfe von fleischfressenden Pflanzen, dem Gefühlsleben von Hunden und Affen und den Verdiensten der Regenwürmer. Das liest sich gut, gerät aber mitunter etwas geschwätzig und reichlich bunt. Der Versuch, historische Person und aktuelle Erkenntnisse zur Deckung zu bringen, wirkt forciert. Darwin dient in erster Linie als Wäscheleine, auf der die Themen aneinandergereiht werden. Dann vielleicht besser nur den Namen auf den Buchdeckel schreiben? „Der Darwin-Code“ von Thomas Junker und Sabine Paul ist das 137. Buch, das uns erklärt, warum wir eigentlich noch Steinzeitmenschen sind: nämlich weil sich unsere Gene in den letzten 10.000 Jahren kaum verändert haben. Durch die Brille der evolutionären Psychologie versteht man unsere Vorliebe für fettiges Essen, die Anziehungskraft wohlgeformter Körper des jeweils anderen Geschlechts und sogar Selbstmordattentäter. Diese sprengen deshalb ihren eigenen Genpool in die Luft und verzichten damit auf Fortpflanzung, weil sie damit ihrer Sippschaft nützen, die ja zum Teil auch

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ihre Gene trägt. Fachbegriff: Verwandten­ selektion. Noch lustiger wird es am Ende, als Junker und Paul allen Ernstes behaupten, die Naturwissenschaften könnten natürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten. Den Kulturwissenschaften legen sie ans Herz, doch bitte die Erkenntnisse der Evolutionsbiologie nicht weiter zu ignorieren, sonst könnten sie „keine begründeten Aussagen über den Menschen machen“. Sie selbst hingegen ignorieren sozial- und kulturwissenschaftliche Ansätze weitgehend.

Wissenschaftsjournalisten David Quammen, der etwa auch Darwins kleine Eitelkeiten und seinen gut versteckten Ehrgeiz in einem einfühlsamen Porträt zeigt. „Charles Darwin“ ist blendend geschrieben, nicht episch breit, sondern problemorientiert angelegt und noch dazu reflektiert. Warum etwa wartete Darwin mit der Veröffentlichung seiner Theorie zwei Jahrzehnte? Die Antwort darauf gibt es nicht, auch so banale Dinge wie Zeitmangel spielten eine Rolle.

Die blinden Flecken der evolutionären Psy-

Leben(swerk) sucht, muss zum gerade erst auf Englisch erschienenen „Darwin’s Sacred Cause“ greifen. Die bewährten Darwin-Biografen Adrian Desmond und James Moore führen zwei Gründe dafür an, dass Darwins entschiedene Ablehnung der Sklaverei die Entwicklung seiner Abstammungslehre entscheidend beförderte. Erstens kämpfte die Familie Darwin und noch mehr die eng mit ihr verbandelte Familie Wedgwood seit mehreren Generationen für die Abschaffung der Sklaverei. Und zweitens sah Darwin auf seiner Weltreise nicht nur die Formenvielfalt der Natur, sondern eben auch, wie in Südamerika Sklaven auf das Übelste misshandelt wurden. Befürworter der Sklaverei behaupteten stets eine naturgegebene Ungleichheit, dagegen setzte Darwin einen gemeinsamen Ursprung. Bei ihm wurden alle Menschen Brüder (und Schwestern) und freilich gleichzeitig auch alle Menschen Tiere. Vielleicht ist die Interpretation von Desmond und Moore überspitzt, sympathisch ist sie allemal. Charles Darwin, er lebe hoch!

chologie sind bestens bekannt. Zum 137. Mal sei hier deswegen gesagt: Menschen mit ihren Genen gleichzusetzen ist irreführend. Die kulturelle Evolution hat den Menschen in den letzten 10.000 Jahren wesentlich geprägt. Selbst auf rein biologischer Ebene sind die Gene nicht die einzigen Informationsträger. Wenn es darum geht, wer wir sind und woher wir kommen, sind gewisse Themen wohl unvermeidlich. Dazu gehört auch die leidige Auseinandersetzung mit dem Kreationismus, die sich im Kreis zu drehen scheint. Einen bemerkenswerten Ausbruchsversuch unternimmt der US-amerikanische Philosoph Philip Kitcher. In „Mit Darwin leben“ zerlegt er zunächst die verschiedenen Spielarten des Schöpfungsglaubens bis hin zum pseudowissenschaftlich gewandeten Intelligent Design in ihre staubigen Einzelteile. Müsste man sich auf eine öffentliche Debatte mit Kreationisten vorbereiten: Dieses Buch liefert genau die Beispiele, mit denen man ein unentschlossenes Publikum gewinnen könnte. Etwa die zahlreichen Belege für unintelligentes Design in der Ausstattung vieler Lebewesen, denn die Evolution ist kurzsichtig und opportunistisch in ihrer Bauweise. So gleicht unsere DNA einer Müllhalde, und unsere Samen- und Eileiter sind unsinnigerweise verschlungen. Kitcher ist die sanfte Alternative zu Richard Dawkins, der mit dem Vorschlaghammer auf das Kartenhaus des Kreationismus eindrischt und für religiöse Sensibilitäten nichts übrig hat. Gläubige Menschen werden aber ihre Überzeugungen nicht für ein Linsengericht aufgeben, so Kitcher. Wem es um das Seelenheil geht, bei dem stechen folgende Argumente nicht: Ohne vernünftige Wissenschaft schrumpft die Wirtschaft oder können die Kinder der Leser nicht in Harvard studieren. Kitcher hat Recht: Der Darwinismus ist subversiv – und wie man spirituelle Bedürfnisse damit versöhnt, ist noch lange nicht ausgemacht. Dies war wohl schon dem Meister selbst bewusst. Petra Werner erzählt in „Darwin. Die Entdeckung des Zweifels“ sein Leben nahe an den Quellen und doch romanhaft: hier ein Plausch der Eheleute, dort eine gelehrte Diskussion am Kaminfeuer. Unklar bleibt, worin der Mehrwert einer literarischen Aufarbeitung besteht, wenn die Autorin sie lediglich zaghaft hier und da ein wenig ausschmückt. Noch dazu, wo der Blick durchs imaginierte Schlüsselloch zu rührseligem Biedermeier tendiert. Nein, dann doch lieber eine richtige Biografie, etwa die des US-amerikanischen

Wer eine neue Interpretation von Darwins

Adrian Desmond, James Moore: Darwin’s Sacred Cause: How a Hatred of Slavery Shaped Darwin’s Views on Human Evolution. Houghton Mifflin, 448 S., € 25,99



OLIVER HOCHADEL

Steve Jones: Darwins Garten. Leben und Entdeckungen des Naturforschers Charles Darwin und die moderne Biologie. Piper, 398 S., € 23,60

Thomas Junker, Sabine Paul: Der Darwin-Code. Die Evolution erklärt unser Leben. C.H. Beck, 224 S., € 20,50

Philip Kitcher: Mit Darwin leben. Evolution, Intelligent Design und die Zukunft des Glaubens. Suhrkamp, 224 S., € 25,50

Ulrich Kutschera: Tatsache Evolution. Was Darwin nicht wissen konnte. dtv, 339 S., € 15,40

Petra Werner: Darwin. Die Entdeckung des Zweifels. Osburg, 326 S., € 20,60

David Quammen: Charles Darwin. Der große Forscher und seine Theorie der Evolution. Piper, 317 S., € 20,60

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Sachbuch

Mit Hammer und Holzleiste klopft Richard Pinter die Lettern in die Vorlage der Druckerpresse, damit am fertigen Dokument kein Buchstabe ungleichmäßig aussieht. Oben: Neben den Füßen der alten Presse häufen sich die Farbspritzer

Susan Sontag stirbt in Nüchternheit und ohne Pathos David Rieff, der Sohn der großen Essayistin, liefert eine präzise Chronik ihrer letzten Tage, nicht mehr und nicht weniger

David Rieff und ein Mediziner, der nichts beschönigt. Ausgehend von der Krebsdiagnose schildert der Sohn die letzten Lebensmonate seiner Mutter im Jahr 2004. MDS – das Kürzel umfasst eine ganze Gruppe von Knochenmarkserkrankungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in Leukämie übergehen, im Volksmund auch Blutkrebs genannt. Realistisch betrachtet sind die Heilungschancen minimal, zumal die Autorin schon 71 Jahre zählt. Dieser Anfang vom Ende ist der Ausgangspunkt für David Rieffs Bericht vom Sterben der Susan Sontag. Wie viel Wahrheit die Medizin ihren Patienten zumuten soll, ist eine der Fragen, die er anhand ihres Überlebenskampfs umkreist. Vom Talent der Essayistin hat er einiges geerbt. Aus seinem Brotberuf leiht sich der Journalist die Präzision. Eine Lebensgeschichte? Liebhaberinnen und Freunde werden erwähnt, ein durchgeplantes Leben skizziert, eingespannt zwischen Vorträgen, Reisen, Schreibprojekten, unterstützt von Assistentin und Haushälterin. Man erfährt einiges über die privaten Verhältnisse der gefeierten Literatin.

list, der minutiös aus dem Kampfgebiet berichtet. „Ich komme mir vor wie der Vietnamkrieg. Invasion und Kolonisierung gegen meinen Körper gerichtet. Sie wenden chemische Waffen auf mich an. Ich muss Hurra schreien.“ Vom O-Ton Susan Sontags wünscht man sich manchmal mehr. Beim Werk seiner Mutter beschränkt sich Rieff konsequent auf Zitate, die mit ihrer Krankheit zusammenhängen. Chemotherapie, Knochenmarktransplantation, schließlich ein noch kaum erprobtes neues Medikament. Keine Möglichkeit wird ausgelassen, um dem Schicksal einen Strich durch die Rechnung zu machen. Susan Sontag schaut nicht zurück, sie blickt starr nach vorne – den Tag im Auge, an dem sie das Krankenhaus wieder verlassen wird. Sie schmiedet Pläne für nachher: neue Reisen, Bücher, Theaterbesuche. Und sie recherchiert. Jede Information über ihre Krankheit und mögliche Therapien wird registriert und ausgewertet. Bei allem Schaudern vor dem medizinischen Apparat und der chemischen Keule, ihr Grundvertrauen in die Wissenschaft lässt sich nicht erschüttern. Informationen, die bestmöglich abgestimmten Therapien, David Rieff: glaubt sie, werden Heilung bringen.

David Rieff macht auch ihr Sterben öffentlich.

Die Vergänglichkeit hat viele zu geistigen Hö-

Doch er löst sich nicht von der Situation des langsamen Leidens. Hier bleibt er Journa-

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henflügen inspiriert, sobald sie bei ihnen persönlich vorstellig wurde. David Rieff

Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage von Susan Sontag. Hanser, 160 S., € 18,40

und Susan Sontag zählen nicht dazu. Abschied, Rückblick und Endgültigkeit sind keine Themen, so nahe sie auch lägen. Su­ san Sontag kämpft, und ihr Sohn unterstützt sie dabei. „Ich vermute, es war eine folie à deux“, gesteht er selbst: „Sie wollte es nicht wahrhaben und ich konnte es nicht.“ So närrisch, alle Diagnosen und Prognosen einfach abzutun, sind die beiden Intellektuellen dabei aber nicht. Sie schwanken zwischen Hoffnung und Resignation, klammern sich verzweifelt an jeden Strohhalm. So geht zwar die Gelegenheit für große letzte Worte verloren; aber die Gefahr des Pathos ist damit gleichzeitig ebenfalls gebannt. Susan Sontag stirbt in klinischer Nüchternheit. „Im Tal des Jammers breite deine Flügel

aus.“ Mit diesem Satz schließt David Rieff das schmale Büchlein. Er selbst hat die poetische Aufforderung nicht berücksichtigt. Ein Blick, der sich im biografischen Abendlicht noch einmal über Leben und Werk erhebt, fehlt. „Swimming in a Sea of Death“ lautet der äußerst treffende Originaltitel. Ein Sterbebericht liegt hier vor, keine Lebensgeschichte. Rieffs kleines Werk bleibt eine präzise Chronik des Leidens und Hoffens. Und eine Lektion für alle, die sich bis zum eigenen Ableben mit der Vergänglichkeit versöhnen wollen: So geht es jedenfalls nicht! ANDR EAS K R EML A 

Fotos: Martin Fuchs

ie Ordination des Dr. A. Es treten auf: D die berühmte, gefürchtete und umstrittene Essayistin Susan Sontag, ihr Sohn

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Historie als Possenspiel und Maskierung Drehli Robnik beleuchtet die mediale Karriere der Symbolfigur Claus Schenk Graf von Stauffenberg as Bemerkenswerte an „Valkyrie“ D war, dass nach all dem medialen Bahö, der vor allem in Deutschland um Hollywoods Neuverfilmung des StauffenbergAttentats veranstaltet wurde, tatsächlich so wenig bemerkenswert war an Brian Singers Film. Die Inszenierung zeigt sich ökonomisch und konventionell, der Hauptdarsteller, Tom Cruise, zurückhaltend. Kaum einmal lässt er sein Superstarlächeln flashen, als müsse er sparsam umgehen mit seinen Reizen. Die historische Ereignisfolge wird in „Valkyrie“ abgehakt, von Stauffenbergs Kriegsverwundung 1943 in Nordafrika, die ihn einen Unterarm, zwei Finger der verbliebenen Hand und das linke Auge kostete, bis zu seinem kolportierten Ausruf „Es lebe das heilige Deutschland!“ kurz vor seiner Erschießung nach dem missglückten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944. Vielleicht war die Erwartungshaltung gegen-

über Brian Singers Film ja auch deshalb so gespannt, weil dessen Start ständig aufgeschoben wurde. Sicher kein leichtes Warten für den Wiener Filmwissenschaftler und langjährigen Falter -Autor Drehli Robnik, der an einem Band über Stauffenberg als Figur medialer Wahrnehmung schrieb, mit dem Ziel, diesen parallel zum Film erscheinen zu lassen. Noch kurz vor Weihnachten standen weder Starttermin noch Pressevorführung fest. Anfang Februar 2009 erschien schließlich „Geschichtsästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und

dass viele der Filme zum 20. Juli ähnlich klingende Titel tragen: Und tatsächlich lassen sich Singers „Valkyrie“, „Der 20. Juli“ (Falk Harnack, 1955), „Es geschah am 20. Juli“ (Georg Wilhelm Pabst, 1955), „Claus Graf Stauffenberg: Porträt eines Attentäters“ (Rudolf Nussgruber, 1968), „Stauffenberg“ (Jo Baier, 2004) oder „Operation Valkyrie: The Stauffenberg Plot to Kill Hitler“ (Jean-Pierre Isbouts, 2008) namentlich schnell verwechseln. Leider wurde versäumt, einer solchen potenziellen Irritation mit einer Filmografie im Anhang – mit Jahreszahlen, Alternativtiteln und Credits – abzuhelfen, sodass man sich beim Lesen gelegentlich im Heer von Stauffenbergs medialen Wiedergängern verliert.

der 20. Juli im Film 1948–2008“. Und in gewisser Weise hat sich der Prozess des Wartens in das Buch eingeschrieben. Es ist ein Kompendium unermesslichen De-

tailwissens geworden, wie es sich nur über einen längeren Zeitraum und vermutlich nur mithilfe des Internets ansammeln lässt. Unter der Devise „Everything connects“ stellt Robnik schon mal Querverbindungen her zwischen Stauffenbergs Augenklappe, der Film- und Medienpirateriedebatte und den aktuellen Piratenübergriffen vor Somalia. Eine Assoziationsfolge, die, mit Zwischenstation bei den „Pirates of the Caribbean“, schließlich bei den Edelweißpiraten und damit wieder beim Thema Widerstand landet. Wenn Robnik diverse Verfilmungen seit 1948 des berühmtesten gescheiterten Attentats interpretatorisch, aber auch anekdotisch durchwandert, geht es ihm darum, zu zeigen, „wie Stauffenberg und der 20. Juli durch marginale Filme und durch Marginalien ‚größerer‘ Filme geistern (...). Es geht um deren Geschichtsbild, nicht zuletzt im Foucault’schen Sinn der genealogischen Interpretation als Bemächtigung, die Historie ins Zeichen nicht der Kontinuität von Gedächtnis, sondern von Parodie, Possenspiel und Maskierung stellt, als Trödelmarkt der Identitäten.“

Apropos Maskierung – schon im Eingangskapitel spricht Robnik selbst die Tatsache an,

Aber vielleicht hat dieses Sichverlieren im

Drehli Robnik: Geschichtsästhetik und Affektpolitik. Stauffenberg und der 20. Juli im Film 1948–2008. Turia & Kant, 238 S., € 24,–

Widerschein der Abbildungen ja auch System. Drehli Robnik über Singers „Valkyrie“: „Der Film, dem gängiges Anti-Hollywood-Ressentiment gern vorwirft, er käme arrogant und in Sachen Geschichte ignorant daher, erweist sich als derjenige Film zum 20. Juli, der Geschichte ,am genauesten kennt‘: die des 20. Juli (...), vor allem aber die Geschichte von Vorgängerfilmen, aus denen ,Valkyrie‘ zahllose Details, re­ evaluiert und eingewoben in ein paranoides Bild-Netz, wiederkehren lässt: ,Valkyrie‘ retroaktiviert die Geschichte der ,Juli‘Filme, der früheren Filme von Singer, die des Kinos insgesamt. Das ist ganz normal.“ MAYA MCK ECHNEAY 

Schlaflosigkeit im Schneideraum Neun Berliner Debütregisseure erzählen auf erfrischende Weise von Pannen, Pech und Pleiten und dem Glück des ersten Films ücher über den Dokumentarfilm gibt B es reichlich. Darunter solche, in denen renommierte Filmemacher in Essayform

die eigene Arbeit reflektieren, andere, in denen sie Interviews geben, oder Bände, in denen sich Filmtheoretiker mit dem Thema befassen. Ein Buch wie das vorliegende gibt es nach Kenntnis der Rezensentin allerdings noch nicht. Umso schöner, dass es jetzt vorliegt. Denn „Dokumentarfilm. Werkstattberichte“ nähert sich dem Thema auf erfrischend unhierarchische Weise. Neun junge Regiestudentinnen und -studenten der Deutschen Film- und Fernsehaka-

demie in Berlin erzählen hier von ihren Erfahrungen mit dem ersten Dokumentarfilm. Von gescheiterten ersten Ideen, von Protagonisten, die unterwegs absprangen, von intimen Glücksmomenten während des Drehs oder schlaflosen Wochen im Schneideraum. Ohne Eitelkeit listen sie dabei Produktionspatzer auf, bereuen im Nachhinein, die eine wichtige Drehgenehmigung nicht eingeholt oder die Rechte für die paar Sekunden TV-Geflacker im Hintergrund nicht gleich geklärt zu haben. Andere geben im Anhang praktische Tipps bis hin zu Telefonnummern tendenziell ankaufswilliger Dokumentarfilmredakteurinnen bei WDR, 3sat oder arte – die Damen werden sich über den Ansturm freuen.

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szenen verwarf Stotz noch vor Drehbeginn und fuhr stattdessen „mit offenen Augen durch Berlin“. Am Ende ihres Textes zieht sie das sympathische Resümee, alles, was man brauche, damit einem die Realität Perlen schenke, sei: „bereites Team, bereite Technik, offenes Herz und der Rest ist Lücke für den Zufall“. Ähnlich erging es Heidinger, der mit einem alten VW-Bus, bestückt mit Cordsofas, vor dem Bahnhof Zoo Quartier bezog, um zur dortigen Drogen- und Stricherszene Kontakt zu finden. Die Protagonisten suchten schließlich ihn auf, nicht umgekehrt, und wurden in langen Gesprächen auch über formale Fragen in den Prozess des ­Filmemachens einbezogen.

Was die Gruppe eint, ist ihr Professor, der bekannte deutsche Dokumentarfilmer Andres Veiel („Die Spielwütigen“, „Der Kick“), der gemeinsam mit Béatrice Ottersbach auch als Herausgeber des Bandes fungiert. Die Filmstudenten, die Veiel drei Jahre lang betreute, firmieren mittlerweile als Gruppe „super neun“, deren Markenzeichen ein sehr persönlicher dokumentarischer Ansatz ist: Viele der Filme nehmen ihren Ausgang in der Familiengeschichte oder im nächsten privaten Umfeld der Regisseure. Bis auf einen (im Buch dennoch beschriebenen) „Papiertiger“ feierten alle Projekte mittlerweile Premiere, darunter zwei Filme mit besonders klarer Handschrift: „Drifter“ von Sebastian Heidinger und „Sollbruchstelle“ von Eva Stotz, der unter anderem bei der Viennale 2008 zu sehen war.

Natürlich ist es eine Binsenweisheit, dass für

Eva Stotz’ „Sollbruchstelle“ ist ein kluger Es-

sayfilm über die ethische Entwertung der Arbeit in Deutschland. In ihrem Drehtagebuch schildert die Regisseurin den schwierigen Formfindungsprozess für ein so weit gefasstes Thema: „,Sollbruchstelle‘ sträubte sich lange dagegen, ein Film zu werden. Ich kämpfte zwei Jahre mit den Puzzlestücken, bis sie sich endlich gefügig zeigten und in Form legten. Die grundlegende Schwierigkeit: Der Protagonist war zugleich mein Vater.“ Angedachte Spiel­

Andres Veiel, Béatrice Ottersbach (Hg.): Dokumentarfilm. Werkstattberichte. UVK, 280 S., € 20,50

jede in einem Dokumentarfilm enthaltene Szene mindestens ein Dutzend angedachter, vielleicht sogar gedrehter, aber nicht hineinmontierter Szenen steht. Das Schöne an „Dokumentarfilm. Werkstattberichte“ ist jedoch, dass der Band zeigt, dass auch die scheinbar klarste filmische Sprache tatsächlich auf einem Ausschlussprozess basiert. Am Ende der Lektüre hat man den Eindruck, dass gerade das, was in einem Film am Ende gar nicht vorkommt, die Bilder überlagern und prägen kann wie ein altes, weises Phantom. MAYA MCK ECHNEAY 

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Sachbuch

Das Auswälzen der Lettern mit Farbe erfordert viel Sorgfalt – bleibt ein Farbklecks zu viel an den Bleiformen hängen, ist das gesamte Dokument zerstört. Oben: Detail der gusseisernen Druckerpresse. „Pressefreiheit – 14. März 1848“

Reich mir die Hand, mein Leben

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enn es für Heike Makatsch als Hildegard Knef ab 13. März auch hierzulande im Kino rote Rosen regnet, hält sich eines der erfolgreichsten Filmgenres wieder einmal selbst am Leben. Denn „Hilde“ von Kai Wessel erfüllt als sogenanntes Biopic alle entsprechenden Ingredienzien: die Knef als bewegte und bewegende Künstlerin, eine Frau, die wegen ihrer Liebe zum Beruf vor Opfern nicht zurückscheut, ein künstlerisches Ausnahmetalent, das in ein neues Licht gerückt wird. Spätestens im Biopic werden Hildegard Knef, Marlene Dietrich („Marlene“, 2000) und Edith Piaf („La vie en rose“, 2007) zu Schwestern im Geiste. Für das anhaltende Interesse am Biopic gibt es viele Erklärungen, die gängigsten reichen vom Angebot einer „ganzheitlichen“ Lebensgeschichte über die Identitätsstiftung bis zum Prestigegewinn, wie etwa die Oscar-Verleihungen der letzten Jahre zeigen: Philip Seymour Hoffman als Truman Capote, Forest Whitaker als Idi Amin, Jamie Foxx als Ray Charles oder Helen Mirren als Queen Elizabeth konnten ihren Marktwert erheblich steigern. Zwölf aus einem Symposium hervorgegan-

gene Beiträge markieren in dem Sammelband „Ikonen – Helden – Außenseiter“ die unterschiedlichen Zugänge, wobei schnell klar wird, dass man sich von einschlägigen Erwartungen rasch verabschieden sollte, wie Doris Berger ausführt: Biopics

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sollten in erster Linie als populärkulturelle Vermittlungsform der Illusionsmaschine Kino verstanden werden, als eine „Gemengelage aus biografischer Realität, Faktizität und Fiktionalität“. Die einzelnen Bausteine gegeneinander auszuspielen, indem etwa jede Abweichung von der historischen Wahrheit geahndet wird, ist wenig sinnvoll, denn was ein gelungenes Biopic ausmacht, entzieht sich objektiven Kriterien. Sicher ist hingegen, dass jedes biografische Porträt mit einer Kanonisierung einhergeht, weshalb jeder „Ausnahmelebenslauf“ stets die eigene Legende fortschreibt. Obwohl das Genre wiederholt mit historisch gewachsenen Parametern festgemacht wird, überrascht bei der Auswahl der Beiträge der Überhang an Einzelanalysen. So mündet der einleitende Essay von Henry M. Taylor nach einem Abriss zentraler Thesen in Stephen Daldrys „The Hours“ (2002) als Paradebeispiel einer selbstreflexiv „erweiterten Biografie“ oder landet ein Aufsatz über Künstlerbiografien bald ausschließlich bei Jackson Pollock. Dass gleich zwei Beiträge Sofia Coppolas PopBiopic „Marie Antoinette“ (2005) wissenschaftlich zu rehabilitieren versuchen, während avancierte Formen des Genres wie Gus Van Sants „Last Days“ (2005) über die letzten Tage des Nirvana-Sängers Kurt Cobain oder Todd Haynes’ biografisches Puzzle „I’m Not There“ (2007) über Bob Dylan unberücksichtigt bleiben, überrascht aber doch.

Manfred Mittermayer, Patric Blaser, Andrea B. Braidt, Deborah Holmes (Hg.): Ikonen – Helden – Außenseiter. Film und Biographie. Zsolnay, 256 S., € 22,10

Die interessanteren Beiträge widmen sich dem Verhältnis von individueller und kollektiver Geschichtsschreibung: Wie wirken sich historische und politische Implikationen auf die Darstellung aus? Was macht die Porträtierten zu jenen „bemerkenswerten“ Menschen von öffentlichem Interesse? Kann man am Lebenslauf eines Einzelnen überhaupt Gesellschaftsbilder ablesen? Deutlich wird das vor allem in den Studien über die Darstellung der Widerstandskämpferin Sophie Scholl oder über österreichische Komponistenfilme am Beispiel Franz Schuberts („Leise flehen die Lieder“, 1933), der Strauß-Familie („Unsterblicher Walzer“, 1939) und W.A. Mozarts („Reich mir die Hand, mein Leben“, 1955). Entlang von Zäsuren der österreichischen Geschichte zeigt Cornelia Szabó-Knotik auf, wie das Biopic als Dokument der Identitätsstiftung fungiert und missbraucht wird: Während Schubert noch liebevoll als versponnener Kleinbürger an seiner „Unvollendeten“ arbeitet und die Strauß-Dynastie ihre Konflikte im Kollektiv löst, wird Mozart im Jahr der Staatsopernneueröffnung endgültig zur Nationalikone stilisiert. Siegfried Kracauer schrieb die „Neigung zur biografischen Darstellung“ dem Umstand zu, dass das Individuum im 20. Jahrhundert endgültig „anonym geworden“ sei. Das Biopic, so könnte man sagen, macht das wett, in dem es seinen Zuschauern zwei Stunden Vertrautheit schenkt. MICHAEL PEK LER 

Fotos: Martin Fuchs

Ein Sammelband erkundet die anhaltende Faszination für eines der erfolgreichsten Genres der Filmgeschichte: das Biopic

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Verstrickungen eines begabten Karrieristen

Armee von Chancenarmen und Chancenlosen

Gerhard Gnauck durchforstet in „Wolke und Weide“ Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre und gibt sich dabei versöhnlich

In Roberto Savianos neuem Buch stehen Menschen im Mittelpunkt, die sich gegen die Mafia entschieden haben

ber den Großkritiker Reich-RaÜ nicki und seine Tätigkeiten in Polen während und nach dem Zwei-

aria ist jung, zu jung. Mit ihren M 17 Jahren steht sie am Grab von Gaetano, den sie in wenigen Tagen

ten Weltkrieg ist im deutschen Feuilleton zweimal ebenso kurz wie heftig diskutiert worden. 1994 enthüllte Tilman Jens, der Sohn des berühmten Germanisten Walter Jens, dass Reich-Ranicki zeitweilig für den polnischen Geheimdienst gearbeitet hat. 2002 kamen einige Details dazu heraus. Dem Kritiker selbst waren stets nur Minimalgeständnisse zu entlocken. Den Geheimdienst stellte er als dilettantische Institution, seine Arbeit als völlig folgenlos hin. Tatsächlich war die Abteilung, in der er in London 1948/49 hochrangig tätig war, jedoch mit der Ausweisung polnischer Exilanten in die Heimat beschäftigt. So manchen erwartete dort die Todesstrafe. Reich-Ranicki gelang es trotzdem, nicht zuletzt auch durch seine Autobiografie „Mein Leben“, seine Rolle als eine marginale zu relativieren. Ja, er ging als Überlebender des Holocaust, der eine ganze Reihe Mitglieder seiner deutsch-polnisch-jüdischen Familie in Konzentrationslagern verloren hat, noch rhetorisch geschickt in die Offensive: „Wenn ich mich damals, noch im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland, dem Ruf polnischer Behörden, im Auslandsnachrichtendienst zu arbeiten, verweigert oder entzogen hätte – ich hielte es für einen Fleck in meiner Biografie.“ Der deutsch-polnische Journalist Gerhard Gnauck hat als Warschau-Korrespondent für die Tageszeitung Die Welt immer wieder Artikel zum Thema verfasst und umfassend in polnischen Archiven, u.a. in jenen der Stasi, recherchiert. Seine Nachforschungen, die auch Befragungen einiger noch lebender Zeitzeugen enthalten, erschienen nun als handliche Zusammenschau unter dem Titel „Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranickis polnische Jahre“. Eines wird bei der Lektüre schnell klar:

Gnauck hat kein Interesse daran, Reich-Ranicki anzupatzen oder auch nur unsanft anzufassen. Die einsilbigen Auskünfte, die er Reich-Ranicki während einiger weniger Interviews über seine polnische Zeit entlocken konnte, sind dürftig. So ist der Autor, vorsichtig von Dokument zu Dokument und Ereignis zu Ereignis schreitend, um eine Darstellung möglichst ohne jede Parteinahme bedacht. Beide Seiten der Medaille – die schwierige Lage des jungen Juden Marceli Reich im von Hitler besetzten Warschau auf der einen, sein mitunter an Kollaboration grenzender Opportunismus auf der anderen Seite – bekommen Raum. Und wenn es unangenehm wird für den späteren Lite-

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raturpapst, überlässt der Autor meist dem Leser das Urteil. Zur lebendigen Lektüre wird das Buch nur an wenigen Stellen. Gnauck hat viele Daten und Fakten recherchiert, das durchaus auch interessante Anekdotische findet sich kaum. Einen lebendigen Eindruck davon, was Reich-Ranicki zeitweise durchgemacht hat, bekommt man aus der Schilderung seiner Flucht aus dem Warschauer Ghetto 1943. Er und seine junge Ehefrau Teofila erfuhren selbstlose Großherzigkeit, als der Setzer Bolek Gawin sie in seiner Wohnung versteckt hielt. Reich erzählte abends Werke der Weltliteratur nach. Später beklagte er sich freilich auch darüber, kaum etwas zu essen bekommen zu haben. Der Mann aus bürgerlich-mittelständischem Haus war spätestens seit seiner

Schulzeit in Berlin davon überzeugt, etwas Besseres zu sein. Neben Arroganz zeichnete er sich freilich auch durch seine Fähigkeiten und seinen Fleiß aus. Erst profilierte er sich im Warschauer Ghetto als Dolmetscher im Judenrat, der die jüdische Bevölkerung „repräsentierte“, „was eigentlich bedeutete, die Befehle der Besatzer entgegenzunehmen und sie weiterzugeben“. Später sollte er, wie er einmal zugab, „einen Pakt mit dem Teufel eingehen“, um nach London zu kommen – und seine Arbeitskraft dem polnischen Geheimdienst zur Verfügung stellen. „Ich bin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude“, hat er nach seiner Ausreise nach Deutschland 1958 im Gespräch mit Günter Grass gesagt. „Ein genialer Karrierist“, zitiert Gnauck die Einschätzung des polnischen Schriftstellers Władysław Bartoszewski. „So einen Kerl haben wir zeit unseres Lebens nicht gesehen und werden wir nie wieder sehen“, heißt es bei FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Es ist schade, dass sich der genaue Vermesser Reich-Ranickis polnischer Jahre selbst zu keiner differenzierteren Bewertung als der folgenden durchringen konnte: „Er hat in seinem Leben Schlimmes durchgemacht und ist selbst in schlimme Verstrickungen geraten.“ Letztlich ein sehr versöhnliches Buch. SEBASTIAN FASTHUBER 

Gerhard Gnauck: Wolke und Weide. Marcel ReichRanickis polnische Jahre. Klett-Cotta, 287 S., € 22,60

heiraten hätte sollen. Zur Hochzeit ist es nicht gekommen, weil Gaetano in Afghanistan in einen Hinterhalt der Taliban geraten war. Maria erzählt, wie sie vom Tod des italienischen Soldaten erfahren hat. Da es sehr heiß ist, taucht sie zur Abkühlung ihre Finger in Wasser, fährt gedankenverloren über ihren Brustansatz und berührt dabei die Erkennungsmarke von Gaetano. Der metallene Anhänger baumelt seit seinem Tod um Marias Hals, deformiert von Feuer und Hitze des Bombenanschlags. Als bei der Totenmesse die Kommunion gegeben wurde, nahm sie keiner von Gaetanos Freunden an. Dafür griffen sie zu ihren Erkennungsmarken. „Sie zogen sie aus dem Halsausschnitt hervor und nahmen in dem Augenblick, in dem der Priester die Hostie reichte, ihre metallene Hostie in den Mund“, schreibt Roberto Saviano. Alle tragen sie, diese Erkennungsmarken des Militärs, auf denen das Wesentliche ihrer Identität steht: Name, Herkunft, Geburtsdatum, Blutgruppe, sogar ein Sinnspruch. Alle tragen sie, auch Saviano, der ebenfalls von hier kommt, aus Neapel oder Umgebung, so wie Maria. Die Erkennungsmarken lassen sie Angehörige einer Armee sein, auch wenn sie ihren Militärdienst längst quittiert haben. Sie sind Soldaten jener Armee von Chancenarmen und Chancenlosen im Süden Italiens, in die man immer schon schuldig geboren wird, wie Saviano schreibt. Eine Möglichkeit, Chancen zu ergreifen

und etwas aus sich zu machen, ist die Camorra. Saviano hat sie hautnah, nüchtern und illusionslos in seinem letzten Buch beschrieben. „Gomorrha“ verkaufte weltweit Millionen Exemplare, Buch und darauf basierender Film wurden mit Preisen überhäuft. Was kann nach derartigen Paukenschlägen folgen? Saviano macht das einzig Mögliche, das einzig Richtige. In seinem neuen Buch „Das Gegenteil von Tod“ stehen die Schicksale von Menschen im Mittelpunkt, die unter den gleichen tristen Umständen wie in „Gomorrha“ leben, sich aber gegen die Mafia entschieden haben. Die versuchen, das richtige Leben im Falschen zu führen. Das kann natürlich nicht gutgehen. Gaetano stirbt durch eine ferngesteuerte Bombe in Afghanistan. Auch der Tischler Vincenzo und der Maurer Giuseppe sterben, weil sie zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind. Ein Mördertrio soll einen weiteren Akt der Revanche zweier verfeindeter Camorraclans ausführen. Weil ihnen die ausgewählten Opfer entfliehen, suchen sie sich die nächstbesten

aus. „Auf einer Piazza gestanden zu haben und aus Angst weggelaufen zu sein, ohne zu wissen, wer einen verfolgt und warum. Das war Vincenzos und Giuseppes größte Schuld. Ermordet. Unschuldig. Ein Tod, über den am nächsten Tag in keiner überregionalen Zeitung berichtet wurde. Auch nicht in den Fernsehnachrichten oder im Rundfunk. Stumm die Linken, die Rechten, die Mitte. Alle stumm. Sie sind geboren im Land der Schuld.“ Saviano ist ein Reporter im besten Sinne des Wortes, er geht in die Welt und bringt uns zurück, was er dort erlebt hat. Dabei beobachtet er genau, setzt das Gesehene in einen gesellschaftlichen Zusammenhang, findet in vermeintlichen Nebensächlichkeiten Metaphern für das große Ganze. Hinter den Erkennungsmarken der Soldaten verbergen sich Identität und Chancen einer ganzen Generation, hinter dem Ring am Finger einer Freundin das traditionelle Verhältnis der Geschlechter samt angeschlossener Kritik, hinter hässlichen Betonbauten die sprachlose Scham des Südens vor dem arroganten Norden. Auch wenn es sich nur schwer vorstellen lässt, wie Saviano die Interviews geführt hat – seit „Gomorrha“ ist er aufgrund entsprechender Drohungen ständig von mehreren Leibwächtern umgeben –, das Resultat fällt überzeugend aus. Es sind zwar nur zwei kurze, ursprünglich in Zeitschriften erschienene Geschichten, die sich ergeben haben. Und doch eröffnen sie einen Blick auf die soziale Realität unserer Nachbarn von epischer Breite: Tod, Schuld, Widerstand und natürlich immer wieder die Liebe sind die Hauptzutaten. Savianos Geschichten sind rührend, aber nicht rührselig. Genauso wie die Melodie, die Maria einfällt, als sie an ihren gefallenen Gaetano denken muss. „Carmela“ ist eines jener Lieder aus Neapel, dessen Gratwanderung zwischen Schmalz und Melancholie nie zum Absturz führt. Die Liebe ist das Gegenteil von Tod, heißt es darin und spendet Savianos Buch den Titel. Für Maria ist das ein großer Trost. Für alle, die in Neapel und im Süden Italiens leben und lieben, ebenso. Denn „Carmela“ steht nicht nur für eine Frau, sondern auch für die Stadt am Vesuv.  LUK AS WIESELBERG 

Roberto Saviano: Das Gegenteil von Tod. Hanser, 70 S., € 10,30

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Sachbuch

Wandern und Kritzeln: Reisen und Lernen: Wir ein Accessist auf Abwegen sind nur Gast auf Erden Die Reisebeschreibungen von Joseph Kyselak, dem Ahnvater des Graffito, erschienen in einer kommentierten Neuauflage

Die Reisebilder von Claudio Magris folgen dem bildungsbürgerlichen Kanon: Architektur, Museum, Geschichte, Bücher

er Nachruhm wandelt auf verD schlungenen Pfaden. Vor fast 200 Jahren lebte in Wien ein kaiser-

as Reisende an fremden Orten W suchen, wissen sie meist selbst nicht. Claudio Magris, Triestiner Au-

licher Registratur-Accessist, in heutiger Diktion: Buchhalter. Er kam aus einer einfachen Beamtenfamilie, er starb früh, mit 30 Jahren, an der damals in der Stadt grassierenden Cholera. Vergessen hat man Joseph Kyselak trotzdem nicht. Fünf Jahre vor seinem Tod, 1825, packte er nämlich sein „nothwendigstes Gepäcke“ und zog durch die österreichischen Lande. Der daraus folgende Reisebericht ist 450 Seiten dick, stellenweise schwärmerischverschraubt im damals zeitgemäßen Stil, andernorts wieder kühl und sarkastisch, zum Beispiel bei der Beschreibung des steirischen Kurorts Tobelbad nahe Graz: „Dieses (...) unansehnliche Dörfchen soll eine besondere Einwirkung auf Kranke besitzen, ich konnte aber nicht erfahren, ob diese in wunderbarer Hebung des Krankheitsstoffes oder baldigem Tod bestehe.“

Romantische Reiseschilderungen l­ agen im Biedermeier im Geschmack der Zeit, und viel größere Namen als Kyselak zogen schriftstellernd durch Europa, Byron in Griechenland etwa oder Goethe in Italien. Es waren demnach nicht die „Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien“, die Joseph Kyselak unvergessen machen sollten. Es war sein Nachname. Kyselak hatte sich angewöhnt, ihn in fast unzugängliche Bergwände oder verfallene Burgmauern, auf Statuensockel oder Felsblöcke zu ritzen. Er hinterließ ihn in einer eigenwillig krakeligen Schrift, ähnlich einem Logo oder einer Bildmarke, wie die Herausgeber im Vorwort zur Neuauflage des Reisebuchs betonen. Ob ihn der Selbstdarstellungswille dazu bewog, ob es eine enttäuschte Liebesgeschichte war oder ob er lediglich ein Zeugnis der Überwindung steiler Bergstrecken und öder Ebenen geben wollte, ist nicht überliefert. Was heute allenfalls an Richard Lugner oder Paris Hilton denken lässt, muss damals, in einer ständisch-korporatistischen ­G esellschaft, geradezu unglaublich erschienen sein: Kyselak soll sogar in die Hofburg vor den Kaiser zitiert worden sein, um seine Schrulle zu rechtfertigen. In Loiben in der Wachau, in Perchtoldsdorf, auf einer barocken Säule im Wiener Schwarzenbergpark in Neuwaldegg und an vielen anderen Orten findet sich heute noch sein Namensschriftzug. Der Accessist regte die Fantasie an. Er erreichte, was vielleicht von Anfang an der Zweck seiner Marotte war: Er

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wurde berühmt. Hymnische Gedichte ehrten sein Wirken („Schwindlig ob des Abgrunds Schauer / Ragt des höchsten Giebels Zack / Und am höchsten Saum der Mauer / Prangt der Name Kyselak“). Er galt als Inbegriff des schrulligen biedermeierlichen Junggesellen, wurde in Radierungen und historischen Romanen verewigt. Später, zur Zeit der Ersten Republik, stilisierten ihn die Christlichsozialen zum einzelgängerischen Gegenbild des sozialistischen Herdenmenschen in seinen uniformen Gemeindebauten. Egon Erwin Kisch verspottete seinen „Verewigungstrieb“, Heinrich Mann diente er als Vorlage für eine Romanfigur, Viktor Adler zitierte ihn im Reichstag. Schließlich erklärte ihn die Graffitigemeinde zu ihrem Urvater – die Floskel „Respect und R.I.P. ­Kyselak!“ findet man heute in so manchem ­HipHop-Forum im Internet. Jetzt sind seine „Skizzen einer Fußreise durch Österreich“ als Neuauflage erschienen. Es handelt sich dabei um den ungekürzten Originaltext von 1829, versehen mit Namens- und Ortsregister, umfangreichen Fußnoten und einem ebensolchen Vorwort der Herausgeber Gabriele Goffriller und Chico Klein. Dieses versammelt die Resultate der zweijährigen wissenschaftlichen Beschäftigung der Kunsthistorikerin und des Filmregisseurs mit Kyselak. Nach aktuellem Forschungsstand wird das Leben und frühe Sterben des kaiserlichen Beamten geschildert, verbliebene Namenszüge lokalisiert und die Rezeption des Kyselak’schen Schaffens der vergangenen 200 Jahre erklärt, verschieden gedeutet, je nach Zeitalter und vorherrschender Denk- und Herrschaftsweise. Und die ist mannigfaltig: Selbst in die chinesische Mauer sollen Nachahmer vor rund 100 Jahren ein begeistertes „Kyselak“ geritzt haben. Und der große Alexander von Humboldt soll bei seiner Forschungsreise nach Südamerika auf dem Andengipfel Chimborazo einen „Kyselak“ vorgefunden haben – wobei immerhin dieses Gerücht definitiv falsch ist: Humboldt erklomm den Chimborazo im Jahr 1802. Da war der kleine Kyselak in Wien gerade drei Jahre alt. JOSEPH GEPP 

Gabriele Goffriller (Hg.): Joseph Kyselak. Skizzen einer Fußreise durch Österreich. Jung und Jung, 440 S., € 29,90

tor und Literaturprofessor, setzt sich in seinen zwischen 1982 und 2004 geschriebenen Essays jedenfalls nicht mit Restaurants, Hotels und Shopping auseinander. Seine Reisebilder folgen dem bildungsbürgerlichen Kanon: Kirche, Museum, Geschichte, Bücher. Ohnehin haben Schreiben und Lesen sowie Reisen einen gemeinsamen Ursprung – den Aufbruch. In einem umfangreichen Vorwort wird alles herbeizitiert, was von ­Odysseus bis Heinrich von Ofterdingen gut und teuer ist: Dichterisch wohnet der Mensch ... Wir sind nur ein Gast auf Erden ...

Zum Aufbruch gehört die Heimkehr, zur

Gegenwart die Geschichte. Erfahrung lehrt uns Fahren, bestes Beispiel dafür ist Don Quijote, der erste große neuzeitliche Reisende. „Die Innerlichkeit muss umgestülpt werden wie ein Handschuh und in die Welt geschüttet“, heißt es über ihn. In Madrid hört Magris die Geschichte eines echten Bücherwurms – während des Spanischen Bürgerkriegs verbrachte ein Mann Monate in der geschlossenen Nationalbibliothek. Kurioser Fund in einem CervantesMuseum: Dessen Bitte um nationale „Don Quijote“-Ausgaben kam Mus­ solini mit einer pompösen Widmung nach, Hitler schickte die „Nibelungen“, Gaddafi sein „Grünes Buch“. Magris konterkariert die Verrückten der Weltgeschichte mit dem Ritter von der traurigen Gestalt, der sich seiner Sache sicher war: „Ich weiß, wer ich bin.“ Eine spanische Literaturwissenschaftlerin propagiert „vergleichende Landschaftskunde“, und diese betreibt Magris sogleich voller Enthusiasmus am Beispiel der Cornwall vorgelagerten Scilly-Inseln. Benediktinermönche legten dort, mitten im Atlantik, ab dem 12. Jahrhundert paradiesische Gärten an. Mit einer Vignette über das Grab der realen Lotte aus Goethes „Werther“ beginnen in Hannover drei Deutschlandbilder voller Sarkasmus. Da ist einmal die Begegnung mit dem apokalyptischen Erbe deutscher Sentimentalität während einer Schwarzwaldreise im Jahre 1988: Bis 1992 sollten alle Bäume tot sein. Magris bringt den grünen teutonischen Furor auf die Formel: „Der tödlich getroffne Held des Epos ist heute der Baum.“ Die Franzosen bezweifelten „le Waldsterben“, dann fiel die Mauer. Nach der Wende entdeckte die ehema-

lige BRD im Osten ihre 60.000 Westslawen, die Sorben, die in der DDR als Minderheit gleichermaßen gehätschelt wie zum Verschwinden ge-

bracht worden waren. Die Reise in die neuen Länder führt Magris zuerst nach Dresden: Beim Anblick der spärlichen Reste der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Marienkirche sinniert er: „Es wäre besser, die Leere dieser klaffenden Wunde nicht zuzubauen. (…) Die Lücke ist voller Erinnerungen, voller Gefühle und Lektionen.“ Bekanntlich ist die Kirche mittlerweile wieder aufgebaut. Spätestens hier wird klar, dass Claudio Magris’ Reisebilder im Wesentlichen ein Handbüchlein für Europareisende durch den erträglich gemachten Schrecken des Jahrhunderts sind: Hitler und Stalin geistern noch überall herum, aber als Schatten. Einen erzählerischen Ausweg findet der Mitteleuropa-Denker Magris in einer doppelten Strategie: Er setzt auf Empirie und Spekulation. Eine kuriose Begegnung im Jüdischen Museum Eisenstadt („Sie sind aber kein Jude? – Es war bloß eine Frage“) nimmt er 1988 zum Anlass einer langen Fantasie über das Judentum, die von Kafkas Verehrung der Ostjuden bis zum Tanz eines Rabbiners auf einer Hochzeit in Mexiko City führt. Neben dem ewigen Exil tauchen die nicht weniger dramatischen Geschichten anderer kleiner Völker auf, die in der geteilten Welt von Jalta vergessen waren: Da sind etwa die istrorumänischen Cici und Ciribiri, die in der Umgebung von Triest leben. Magris kommt dabei immer ohne Minderheitenexotismus aus. Prag zur Zeit der Abtrennung der Slowakei, Warschau in der Ära des runden Tisches, Zagreb und Raskolnikows Leningrad sind weitere Reiseziele – zuletzt fährt Magris in den Iran und 2004 nach Vietnam. Allein die euphorischen Beschreibungen von Licht und Luft in Norwegen und Schweden lassen den Eindruck entstehen, wirklich gefallen habe es dem Reisenden eigentlich nur in Skandinavien. Aber als guter Moralist weiß Magris: „Eine Reise, selbst die passionierteste, ist immer Pause, Flucht, Verantwortungslosigkeit, Erholung von jedem wahren Risiko. Wir kehren also nach Hause zurück, in die erwachsene, seriöse, aufdringliche Welt.“ Kurz gesagt: „Ein Nilpferd in Lund“ ist ein Brevier für alle!  ER ICH K LEIN 

Claudio Magris: Ein Nilpferd in Lund. Reisebilder. Hanser, 222 S., € 18,40

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Eine Diplomurkunde ist fertig, und Richard Pinter vergleicht ihre Angaben mit jenen auf der computergedruckten Vorlage. Oben: Um das Dokument nicht mit Druckerschwärze zu beschmutzen, trägt er es zwischen zwei Papierstücken zu einer Ablage zum Trocknen

„Trick or Treatment?“ heißt die Frage Edzard Ernst und Simon Singh holen weit aus, um den größten Teil der Alternativmedizin als Quacksalberei zu entlarven

Fotos: Martin Fuchs

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lternativmedizin ist, auch in Krisenzeiten wie diesen, ein Wachstumsmarkt. Weltweit 50 Milliarden Euro im Jahr wenden Anhänger, unheilbar Kranke und zunehmend auch Kassen für Akupunktur, Homöopathie und andere im Widerstreit mit der Schulmedizin stehende Verfahren auf. Ihre Wirksamkeit beschränkt sich überwiegend auf das, was ein Placebo hervorrufen würde. Also die Selbstheilungskraft von Körper und Geist, die durch die Zuwendung einer Behandlung ausgelöst wird. Wobei gilt: Vom Arzt wirkt es eher als von der Schwester, eine große Pille stärker als eine kleine, und Nadel schlägt Pille. Über den Placeboeffekt hinaus hilft wenig: Bei Akne, Arthritis oder Verstopfung versprechen ayurvedische Behandlungen Linderung. Osteopathie hilft gegen Rückenschmerzen, ist aber teurer und nicht wirksamer als Krankengymnastik. Fischölkapseln reduzieren das Risiko von Herzerkrankungen. Als natürliches Antidepressivum kommt Johanniskraut infrage. Meditations- und Entspannungstechniken helfen vielen, ihr Wohlbefinden auf eigene Faust zu verbessern.

Ansonsten haben Edzard Ernst und Simon Singh über die Alternativmedizin wenig

Positives mitzuteilen. Sie listen die liebsten Argumente von Befürwortern auf und widerlegen sie. Sie verweisen auf Gefah-

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Therapien nach Standards der evidenzbasierten Medizin. Ernst hat seine exponierte Stellung dazu genutzt, sich zur obersten Autorität in Sachen Alternativmedizin aufzuschwingen. Allerdings stellt sich die Herausforderung in seiner heutigen Heimat, deren Staatsbürgerschaft er seit 1999 besitzt, anders dar: In Großbritannien werden Akupunktur, Homöopathie oder auch Kräutermedizin gewöhnlich nicht von Ärzten praktiziert. Schulmediziner opponieren stärker als hierzulande gegen die Erstattung solcher Therapien, deren wichtigste Befürworter im Buckingham Palace zu finden sind. Queen Elizabeth II. unternimmt keine Reise ohne ein Arsenal an Homöopathika. Prince Charles hat eine Stiftung für „integrierte Medizin“ gegründet.

ren, etwa wenn Hardcore-Chiropraktiker das Genick manipulieren oder ernsthaft Kranke ihr Heil bei Quacksalbern suchen. Auch zehn Schuldige für die Popularität unbewiesener oder auch als wirkungslos enttarnter Medizin werden ausgemacht: allen voran Promis, aber auch Ärzte, Regierungsstellen und die Medien, die gleich zweimal ihr Fett abkriegen, weil „neun Schuldige“ halt nicht so gut klingt wie zehn. Im Original heißt das Buch „Trick or Treatment?“. Der deutsche Titel „Gesund ohne Pillen“ trifft es nicht nur nicht, weil das Fragezeichen nach dem Untertitel („Was kann die Alternativmedizin?“) etwas spät kommt, sondern weil sich das längste Kapitel des Buches mit der Pillendreherei schlechthin befasst, der Homöopathie, die so oft potenziert vulgo verdünnt, dass vom angeblichen Wirkstoff nichts mehr drin sein kann. Mit der Homöopathie ist Edzard Ernst besonders vertraut, hat er sie doch als junger Arzt selbst erlernt und praktiziert. Bis 1993 leitete er das Wiener Institut für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Dann fing er im südwestenglischen Exeter noch einmal klein an und baute das erste Universitätsinstitut für Alternativmedizin auf. Vielleicht anders, als es sich der Stifter seines Lehrstuhls vorstellte, meinte er damit die Prüfung von von der Schulmedizin nicht akzeptierten

Simon Singh, Edzard Ernst: Gesund ohne Pillen. Was kann die Alternativmedizin? Hanser, 408 S., € 22,10

Ernst hat sich mit Simon Singh zusammengetan, der in der Vergangenheit Bestseller wie „Fermats letzter Satz“ oder „Big Bang“ landete. Dessen Erfolgsmasche, Anekdoten und bekannte Namen zu streuen, kommt auch in diesem Buch zum Tragen. So kommen wir zu der vielleicht am vergnüglichsten geschriebenen Einführung in die evidenzbasierte Medizin. Weil diese das Grundgerüst bildet, wie Ernst alternative Therapien prüft, sei den Autoren diese Abschweifung nachgesehen. Ärgerlich ist aber die Plattheit, in der sie reklamieren, die definitive Wahrheit zu verkünden. STEFAN LÖFFLER 

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Politisches buch

Monsantos schöne neue Gentech-Welt Marie-Monique Robin legt einen Politthriller über die Machenschaften des Biotech-Multis Monsanto vor

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inen veritablen Politthriller hat die französische Journalistin Marie-Monique Robin mit „Mit Gift und Genen“ vorgelegt. Als Dokumentarfilmerin war Robin wiederholt mit dem Namen Monsanto konfrontiert, der weltweit „als Big Brother der neuen landwirtschaftlichen Ordnung“ wahrgenommen wurde, wie sie schreibt. Sie schlug dem Fernsehsender arte eine Dokumentation vor, die 2008 erstmals ausgestrahlt wurde. Das Ergebnis der Recherchen verpackte sie in einem Buch – als umfassende Zusammenstellung der „Akte Monsanto“. Neu sind die Vorwürfe, die Robin gegen den US-amerikanischen Biotech-Multi Monsanto erhebt, nicht: Monsanto gilt als einer der „ganz bösen“ Konzerne. AgentOrange-Produzent, skrupellos im Umgang mit Giftmüll wie Dioxin und PCB, vor allem aber Möchtegernherrscher über die Welternährung: 90 Prozent aller Patente auf gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) in der Landwirtschaft hält Monsanto, weit mehr als Konkurrenten wie Syngenta oder DuPont.

Entsprechend offensiv ist das politische Lobbying, um die Zulassung von gentechnisch verändertem Saatgut und daraus hergestellten Lebensmitteln durchzusetzen. Dass dabei mit harten Bandagen gekämpft wird, ist untertrieben: Immer wieder wird Monsanto vorgeworfen, Studien zu fälschen, Kritikern gegenüber Rufmord zu betreiben und generell vor nichts zurück zuschrecken, um die Kontrolle über die globale Nahrungsmittelproduktion an sich zu bringen. Bloße Verschwörungstheorien? Die Vorwürfe damit abzutun, wäre leichtfertig, wie Robins Recherchen zeigen. Sie traf Wissenschaftler, Umweltaktivisten, Behördenvertreter, Groß- und Kleinbauern. Monsantos Antwort auf ihre wiederholten Anfragen blieb immer gleich: „Kein Kommentar!“

Kennzeichnungspflicht wurde erfolgreich verhindert. Noch beunruhigender als die (wenig überraschende) Anfälligkeit von Politikern und Behörden für den Lobbyismus von Großfirmen ist die offensichtliche Voreingenommenheit mancher Wissenschaftler und selbst wissenschaftlicher Institutionen zugunsten von GVOs. Diese hindert sie daran, Studien anzuerkennen, die unerwartete Ergebnisse liefern. Als der renommierte Biochemiker Arpad Pusztai feststellte, dass mit GVO-Kartoffeln gefütterte Ratten Organveränderungen aufwiesen, und daraufhin der BBC ein Interview gab, wurde er – nach politischem Druck auf seine Universität – entlassen und systematisch diskreditiert. Erstaunlich war, dass die berühmte Royal Society dabei mitmachte, sogar mit dem erklärten Ziel, „die wissenschaftliche und öffentliche Meinungsbildung zugunsten der Biotechnologie zu beeinflussen“.

Monsanto wandelte sich in den letzten 15 Jahren vom Chemieriesen zum weltgrößten Biotechnologieunternehmen. Diese Mutation ist logisch schlüssig: Monsantos Bestseller war und ist ein Herbizid namens Roundup, lange das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt. Für die Aussagen, Roundup sei „umweltschonend“, „biologisch abbaubar“ etc., wurde Monsanto 1998 in Kalifornien und 2007 in Frankreich wegen irreführender Werbung verurteilt. Verkauft wird Roundup weiter, wenn auch mit weniger markigen Sprüchen. Der Punkt war, dass Monsanto den Absatz von

Roundup perfekt an den Absatz von patentiertem gentechnisch verändertem Saatgut koppeln konnte, das im Gegensatz zu anderen Pflanzen gegen Roundup resistent ist („Roundup-ready“). So verdient Monsanto doppelt: am Verkauf des Saatguts und des dazugehörigen Spritzmittels. Entgegen den Versprechungen Monsantos und anderer GVO-Produzenten hat sich inzwischen im Praxistest – auf Millionen von Feldern weltweit – erwiesen, dass der Verbrauch von Herbiziden und damit die Schädigung der Umwelt mit den neuen Saaten keineswegs zurückgeht. Was für ein Zufall. Doch das alte Problem der giftigen Spritzmittel war nicht das einzige: Die neuen Biotechnologien sollten im Agrarbereich sehr schnell marktfähige Produkte ergeben, es ging um viel Geld. Robin dokumentiert, wie Zulassungsvorschriften umgangen, Studien mit unbequemen Resultaten manipuliert, US-Behörden unterwandert oder unter Druck gesetzt wurden. Ein für die USA gut belegtes „Drehtüren“System von Experten, die laufend zwischen Monsanto-Ablegern und Behörden ihren Arbeitgeber wechselten, sorgte dafür, dass GVOs heute in den USA vor allem bei Soja und Mais dominieren. Sogar eine

Angesichts solcher Kaliber, die sich für GVOs

Marie-Monique Robin: Mit Gift und Genen. Wie der Biotech-Konzern Monsanto unsere Welt verändert. DVA, 463 S., € 20,60

und damit auch für die Interessen von Firmen wie Monsanto in die Schlacht werfen, wird klar, dass und warum es für Politik, Öffentlichkeit und kritische Journalisten oft schwer ist, sich ein „objektives“ Bild von den möglichen Vorteilen oder Risiken von GVOs zu machen. In der EU spielt die EFSA als Expertengremium für die Zulassung von GVOs eine zentrale Rolle, die BiotechUnternehmen nahesteht. Die Frage drängt sich auf: Warum ist das nicht bekannter? Warum bemühen sich nicht mehr Journalisten, hinter die Kulissen von politischen Entscheidungen zu blicken, die weit reichende Konsequenzen haben könnten? Marie-Monique Robin selbst hält fest: „Ich habe auch viele Leute getroffen, die entschlossen gegen derart demokratiewidriges Verhalten ankämpfen. Leider gehören nur selten Politiker oder Vertreter der Medien dazu.“ K AR IN CHL ADEK 

Kulturschock oder die Vormacht des Olfaktorischen Maria E. Brunner nähert sich dem indischen Subkontinent allzu literarisch – obwohl sie offenbar mehr zu erzählen hätte enn es stimmt, dass nationalistisch W gesinnte Inder wegen dessen deutlicher Bilder von indischen Elendsvierteln heftig gegen „Slumdog Millionaire“ protestierten (natürlich nur, bis der Film bei der Oscar-Verleihung groß abräumte), dann ist es für die Nerven der Südtiroler Autorin Maria E. Brunner sicher gut, dass ihr Buch nur auf Deutsch erschienen ist. Es besteht aus subjektiven, mal lyrischen, mal drastischen Skizzen von indischen Städten, Straßen, Landschaften und Orten. Aus diesen atmosphärisch dichten, zuweilen etwas nach Kulturschock riechenden Schilderungen treten Passagen hervor, in denen sich Brunner im Hinblick auf einige nicht unbekannte Schattenseiten des aufstrebenden Global Players kein Blatt vor den Mund nimmt. „Indien kennt kein Mitleid“, lautet das Fazit, das sie wiederholt zieht, sei es bei erschütternden Alltagsszenen, wenn Bettler von Autos überfahren und getötet werden, sei es bei der Abrechnung mit struktureller Gewalt.

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Insgesamt bleibt von „Indien. Ein Geruch“ ein zwiespältiger Eindruck zurück. Zu negativ scheint das Bild, das Brunner von Indien zeichnet. Durch die quasiliterarische Zugangsweise setzt sie sich automatisch dem Vorwurf der Einseitigkeit aus. Von ihren Recherchemethoden erfährt man nichts. Der Hintergrund der Autorin – Maria E. Brunner ist Autorin und Professorin für deutsche Literatur – und die Tatsache, dass sie in ihrem Buch den Verhältnissen an einer kleinen Universität in Gujarat breiten Raum widmet, lassen darauf schließen, dass sie Indien im Rahmen von Studienaufenthalten besucht hat. Es ist schon klar: Brunner hat die Absicht, die

verstörenden Auswirkungen der Globalisierung auf ein ohnehin von sozialer Ungerechtigkeit geprägtes Land deutlich zu machen. Was ihr zweifellos gelingt. Die Frage ist aber, ob ihre Schilderungen der Verhältnisse nicht zu stark an Negativklischees anknüpfen. Nun entstehen auch diese meist

Maria E. Brunner: Indien. Ein Geruch. Folio, 88 S., € 19,50

nicht völlig grundlos: Niemand bezweifelt, dass die soziale Kluft, die sich im immer noch wirkmächtigen Kastensystem manifestiert, die Realität des Subkontinents auch im 21. Jahrhundert prägt. Die andere Aktualität Indiens – die extreme Vielfalt des Riesenstaates, die wachsende Mittelschicht, die enorme Leistung, trotz aller Widrigkeiten eine seit mehr als 60 Jahren funktionierende Demokratie etabliert zu haben – findet bei ihr keinen Raum. Von ihrer stärksten Seite zeigt sich Brunner, wenn sie die Pogrome aus dem Jahr 2002 in Gujarat thematisiert, als nationalistische Hindu-Politiker die Bevölkerung gegen ihre muslimischen Nachbarn aufhetzten. Hier hat der scharfe Blick auf nationalistische Manipulation durch Politiker, wie sie auch in Europa immer noch funktioniert, Vorrang vor atmosphärisch aufgeladenen Indien-Klischees und dem sinnlichen Überwältigtwerden. Mehr Optik, weniger Olfaktorisches hätte dem Buch gut K AR IN CHL ADEK getan.

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Nachrichten aus Nachhaltigkeitsutopia

Mikrophysik der globalen Machtpolitik

„New York Times“-Kolumnist und Pulitzer-Preisträger Thomas Friedman will auf gewohnt hohem Niveau die Welt retten

Fareed Zakaria glaubt, dass das „postamerikanische Zeitalter“ westlicher wird, obwohl der Westen an Dominanz verliert

ls hätten sich die Ganoven abgeA sprochen, häufte sich ab 2004 global eine neue, bisher unbekannte

m staatlichen chinesischen FernseIzwölfteilige hen lief vor eineinhalb Jahren eine Dokumentation über den

Verbrechensart: Erst einzeln, dann immer häufiger verschwanden überall auf der Welt Gullydeckel von Straßen und Gehwegen. In Chicago wurden innerhalb eines Monats mehr als 150 Deckel geklaut. In Schottland im „Großen Eisenraub“ etwa 100 in nur wenigen Tagen. Und auch in Montreal, Gloucester und Kuala Lumpur stolperten ahnungslose Fußgänger in Kanallöcher. Der Grund: Die Nachfrage aus China trieb die Altmetallpreise auf Rekordhöhe. Exempel wie diese sammelt Thomas Friedman zuhauf in seinem Buch „Was zu tun ist“. Das Thema ist nicht ganz neu: Wenn immer mehr Menschen auf diesem Planeten am Wohlstand teilhaben wollen, dann gehen die Ressourcen aus und dann kollabiert das Ökosystem. Wir pumpen CO2 in die Atmosphäre, können nicht mehr genügend Nahrungsmittel für die gesteigerte Nachfrage produzieren und schaffen mit der Art, wie wir unsere Ressourcen heute sichern, nur zusätzliche Probleme. So führt die Abhängigkeit vom Öl dazu, dass Despoten wie Wladimir Putin und menschenfeindliche Puritaner wie die saudischen Wahabiten in Geld nur so schwimmen. Friedmans neues Buch ist wieder ein-

mal sehr dick geworden, und es hat sich diesmal nichts weniger als die Weltrettung zum Ziel gesetzt. Trotzdem ist es ein „echter“ Friedman: Ein wichtiger Journalist reist um die Welt, redet mit den wichtigsten Leuten, sieht sich alles an und schreibt dann ein kluges Buch. Friedman, Pulitzer-Preisträger und New York TimesKolumnist, beherrscht dieses Strickmuster aus dem Handgelenk. Noch den trockensten Abhandlungen vermag er so eine reporterhafte Leichtigkeit zu geben. Auf diese Weise ist er in den vergangenen Jahrzehnten zu einer Marke geworden: der Linksliberale als glühender Anhänger der Globalisierung und freier Märkte, der bei seinen Reisen in chinesische Fabriken und osteuropäische Metropolen sieht, dass sie die Welt besser machen. Das gab seinen Schriften in den letzten Jahren einen etwas rosaroten, optimistischen Sound. Sein neues Buch ist anders und ähnlich zugleich: Er beschreibt eine Welt, die kollabiert, wenn wir so weitermachen wie bisher. Aber er beschreibt auch, dass wir das verhindern können, wenn wir ganz viel ändern. „Wir können Gebäude mit dichteren Fenstern ausstatten und mit einer besseren Wärmedämmung versehen. Wir können Stahl mit weit weniger Eisenerz und weit weniger

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Wärme herstellen. Wir können Häuser bauen, deren Innentemperatur sich sehr viel effizienter auf dem gewünschten Niveau halten lässt. Wir können mehr Nahrungsmittel pro Hektar Fläche anbauen.“ Symbolischer Ökoschick hilft da nicht

viel – etwa wenn eine Initiative grüner Juden dazu aufruft, beim Chanukkafest „eine Kerze weniger anzuzünden“, weil jede Kerze 15 Gramm Kohlendioxid produziert. Um das Ziel zu erreichen, die CO2-Emissionen bis zur Jahrhundertmitte nicht zu verdoppeln, müssen wir Folgendes schaffen: Senkung des Kraftstoffverbrauchs von zwei Millionen Autos von acht auf vier Liter pro 100 Kilometer. Anhebung der Energieeffi­zienz bei 1600 großen Kohlekraftwerken von 40 auf 60 Prozent. Verdoppelung der heutigen Zahl der AKWs zum Ersatz aller Kohlekraftwerke. Vervierzigfachung der Windkraftanlagen. Vollständige Beendigung der Abholzung und Brandrodung von Wäldern. Verringerung des Stromverbrauchs in Haushalten, Büros und Geschäften um 25 Prozent. Und noch mehr. Einfach ist das nicht. Klappen kann es, wenn Ingenieure, Technologiefreaks und Bastler das Stromnetz und die Geräte so energieintelligent machen, wie sie heute schon anwenderintelligent sind. Was Friedman vorschwebt, ist eine Art Energieinternet: technologisch avanciert, mit realen Preisen für Strom, sodass die Verbraucher Anreize haben, Energie zu sparen. Wenn dieses Problem gelöst ist, lösen sich andere gleich mit. Das Klima wäre dann wieder ein Wetter, die Abhängigkeit vom Öl würde sinken, und al-Qaida bekäme weniger Petrodollars. Mehr Nahrungsmittel mit weniger Energieaufwand gäbe es dann quasi nebenbei. Ein bisschen liest sich das wie Nachhaltigkeitsutopia. Besonders in den Passagen, in denen Friedman die energieeffiziente Stadt beschreibt, erinnert es auch ein wenig an ­Science-Fiction. Aber Friedman ist nicht irgendwer. Insofern sind seine Bücher immer auch Indikatoren für den nächsten Trend. Und wenn nur ein Teil davon zum politischen Programm der Obama-Regierung würde, wäre das großartig.  ROBERT MISIK

Thomas L. Friedman: Was zu tun ist. Eine Agenda für das 21. Jahrhundert. Suhrkamp, 543 S., € 25,50

„Aufstieg großer Nationen“. Die Reporter waren um die Welt geflogen und hatten recherchiert, wie die das machten, die Briten, Portugiesen, Spanier, die Russen, die Japaner und vor allem die Amerikaner. Was sie richtig, was sie falsch machten. „Die Hauptbotschaft der Serie lautet“, fasst Fareed Zakaria zusammen, „dass wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Nation zu Größe verhilft, Militarismus, imperiale Bestrebungen und Aggressionen dagegen in eine Sackgasse führen.“ Die chinesische Führung ist heute sehr gut darin, aus der Geschichte zu lernen. „Der Aufstieg der Anderen“, heißt das neue Buch von Fareed Zakaria, dem indischstämmigen Chefredakteur von Newsweek International und Kommentator des TV-Senders ABC. Zakaria ist einer der klügsten Köpfe des diplomatischen Establishments der USA, und man darf sein Buch auch als Versuch lesen, eine außenpolitische Doktrin für die Obama-Ära zu schreiben – für eine Ära, in der die USA immer noch Hegemon sind, aber nicht mehr die alleinige Hypermacht. Noch lässt sich leichter definieren, welche Ära zu Ende geht, daher wählt Zakaria den Begriff des „postamerikanischen Zeitalters“. Der kometenhafte Aufstieg Chinas und Indiens, aber auch die Fortschritte Brasiliens, Russlands und Mexikos waren zunächst ein wirtschaftliches Ereignis: der dramatischste Wohlstandsgewinn und die rapideste Machtverschiebung in der Geschichte. 2040 könnten die fünf fortgeschrittensten Schwellenländer eine größere Wirtschaftsleistung erbringen als die heutigen G7-Länder. Gewiss machen die dramatischen Unabwägbarkeiten der gegenwärtigen Finanzkrise solche Prognosen etwas sehr volatil. Aber die Prophezeiung wird nicht weniger realistisch, trifft doch die Kernschmelze an den Finanzmärkten im Augenblick Japan, die USA und Westeuropa stärker als China und Indien. Chinas gigantische Devisenreserven geben dem Land einen Spielraum, den andere Volkswirtschaften so nicht haben. Aber Zakaria ist kein Ökonom, ihn interessiert eher die Mikrophysik der globalen Machtpolitik, die sich verändert. Ökonomisch sind die USA jetzt schon von China abhängig – China leiht den Amerikanern Geld, damit sie chinesische Produkte kaufen können. Freilich: Gemessen am ProKopf-Einkommen ist China noch ein Entwicklungsland, Amerika bleibt die ökonomisch avancierteste Macht. Aber schon jetzt gibt es spürbare Machtverschiebungen.

Wenn früher ein Land in Schwierigkeiten

war, musste es sich von amerikanisch dominierten Institutionen wie Währungsfonds und Weltbank die Bedingungen für Kredite diktieren lassen. Heutzutage springt immer häufiger China ein. Früher, schreibt Zakaria, hatte eine „aufstrebende Macht nur zwei Optionen: Entweder sie integriert sich in die westliche Ordnung, oder sie lehnt diese ab und wird zu einem Schurkenstaat.“ Heute gibt es einen dritten Weg: „Sie schließen sich der westlichen Ordnung an, allerdings zu eigenen Bedingungen – und gestalten das System dadurch selbst um.“ Dabei verdankt sich der Aufstieg natürlich, und das ist nicht ohne Ironie, der Anziehungskraft amerikanischer Ideen und der Verbreitung westlicher ­Technologien. Die Welt wird „westlicher“, zugleich verliert „der Westen“ aber seine Dominanz. Amerika als Supermacht herauszufor-

dern, daran hat weder China noch Indien auf absehbare Zeit Interesse. Im Gegenteil, China versuche seine Macht eher zu verstecken, als sie zu ostentativ zur Schau zu stellen. Die Strategie lautet: Konfliktvermeidung, weil alles dem Ziel des wirtschaftlichen Aufstiegs untergeordnet ist. Die Taktik: mit Geschick und Beharrlichkeit wirtschaftlich stark werden – die Verschiebung der ­Machtgravitation folge, ist man überzeugt, dann, aufgrund der schieren Größe, schon von selbst. Wenn Amerika klug ist, kann es auch in einer solchen „Uni-Multipolarität“ Führungsmacht bleiben, so lautet das Resümee Zakarias, der als Gewährsmann für die richtige Strategie überraschenderweise Otto von Bismarck einführt. Der wollte Deutschland vor 120 Jahren zum Angelpunkt des internationalen Systems machen, indem er bessere Beziehungen zu allen Großmächten pflegte als diese untereinander. Für eine solche freundliche Hegemonie habe Amerika die besten Voraussetzungen. Amerika müsse nur lernen, mit den Augen der anderen zu sehen und seine Arroganz aufgeben. Amerika könnte da der lachende Erste sein, wenn es den Holzhammer ein- und das Florett auspacken ­w ürde.  ROBERT MISIK 

Fareed Zakaria: Der Aufstieg der Anderen. Das post­ amerikanische Zeitalter. Siedler, 303 S., € 23,60

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Politisches buch

Komplizenschaft, Wegsehen, Verschleiern

„Unsere Werte waren einen feuchten Dreck wert“

Pünktlich zur Wiedereröffnung des irakischen Gefängnisses Abu Ghraib erscheint eine virtuose Pflichtlektüre zum Thema

Der junge Journalist Emir Suljagić liefert den ersten autobiografischen Bericht über das Massaker von Srebrenica

ässt sich Abu Ghraib erklären? WaL rum sich Amerikaner im Namen der Freiheit selbst zu Folterknechten

önnen Sie sich erinnern, wo sie K am 11. Juli 1995 waren?“ Das ist die einzige Frage, die Emir Suljagi´c sei-

degradierten. Wie das System funktionierte, das Fotos produzierte, auf denen lächelnde US-Soldaten zu sehen sind, hinter denen nackte Iraker zu einer Menschenpyramide aufgestapelt wurden. „Die Geschichte von Abu Ghraib“ von Philip Gourevitch und Errol Morris nimmt sich nicht weniger vor, als genau diese Erklärungen zu liefern. Angesichts des hochpolitischen und nicht minder komplexen Themas erscheint der Buchtitel als ein großes, vielleicht zu großes Versprechen für 300 Seiten. Tatsächlich: Es wird gehalten. Für seinen Oscar-prämierten Film „Standard Operating Procedure“ führte Morris hunderte Interviews, sammelte tausende Seiten offizieller Dokumente, Tagebucheinträge und Briefe. Der langjährige New Yorker -Journalist Philip Gourevitch hat daraus ein so virtuoses Stück Zeitgeschichte gestrickt, dass man selbst das fehlende Quellen- und Personenverzeichnis verzeihen kann. Die amerikanische Geschichte von Abu

Ghraib beginnt im Sommer 2003. Damals fällt die Entscheidung, die verwaisten Mauern von Saddams einstigem Folterkeller zur größten Haftanstalt des Irak und zum Vorzeigeprojekt der US-Staatsaufbauhilfe zu machen. Im Rahmen seiner größten Operation seit dem Zweiten Weltkrieg ist der US-Heeresnachrichtendienst für die Informationsbeschaffung zuständig. Abu Ghraib, das vor wenigen Wochen in neuem Glanz wiedereröffnet wurde, bestand zu dieser Zeit aus mehreren Zellenblöcken, in der Mitte der sogenannte harte Kern. Hier saßen mutmaßliche Terroristen ein, offiziell: „ungesetzliche Kombattanten“ – ein Begriff, den US-Präsident Bush 2002 prägte, als er verfügte, die Genfer Konventionen seien nicht auf jene Häftlinge anwendbar, die man im „war on terror“ gefasst habe. Das Führungspersonal für Abu Ghraib wird damals vom Verhörlager im afghanischen Bagram angeheuert, wo die „neuen Verhörmethoden“ bereits Usus waren: Entkleidung, Schläge, Waterboarding, sexuelle Erniedrigung. Der Leiter des Gefangenenlagers Guantánamo, das sich ebenfalls außerhalb des Völkerrechts befand, unterrichtete die neuen Wärter im Umgang mit den Gefangenen. Vom ersten Tag an wurden täglich hunderte überwiegend unschuldige Iraker nach Abu Ghraib gebracht. USKampfeinheiten ersetzten die fehlenden Wärter: junge Soldaten ohne Ausbildung in der Strafjustiz, oft in fensterlosen und feuchten Betonkobeln untergebracht, die unter Be-

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schuss von Aufständischen standen. „Nach einer Zeit vergeht die Furcht und du wirst nur noch wütend“, schrieb eine Soldatin, die im harten Kern arbeitete. Unter diesen Bedingungen wandeln sich enthusiastische Greenhorns innerhalb weniger Tage zu Folterknechten, die ihre Taten knipsen und bei alledem nichts empfinden: Gefangene werden nackt ausgezogen und sexuell gedemütigt, geschlagen und unter Schlafentzug gesetzt, in Eiswasser gesteckt und von Hunden angefallen. Alles mit dem Ziel, die Häftlinge für die Verhöre „weichzuklopfen“. „Diese Leute“, sagt eine der Wärterinnen, „werden unsere Terroristen der Zukunft.“ Die große Stärke des Buchs liegt darin,

dass Gourevitch jene Erklärungslücken, die eine noch so minutiöse Faktenschilderung offen lassen muss, durch die persönlichen Geschichten der Beteiligten füllt. Manche der Protagonisten führt er über zehn Seiten hinweg ein. Da tritt etwa Sabrina Harman auf, eine morbid veranlagte Hobbyfotografin. Oder Charles Graner, der hartgesottene Justizwachebeamte, der sich endlich austoben kann. Und seine Freundin Lyndie England, die naive 20-Jährige, die Graner verfallen ist und deshalb auf Fotos alles mit sich machen lässt – von Sex bis Folter. Auch von den Geschichten hinter den berühmt gewordenen Fotos erfahren wir: von der Vergewaltigung, die jene Männer begangenen haben sollen, die die Wärter dann nackt zu einer Pyramide stapelten. Und vom unschuldigen „Giligan“, der mit Kabeln an den Fingern und einem Sack über dem Kopf auf einer Kiste balancieren musste. Meldungen einzelner Soldaten wurden ebenso zur Seite geschoben wie ein Bericht des Roten Kreuzes. Selbst nachdem die Bilder im August 2004 um die Welt gegangen waren, geschah nichts. Eine Handvoll Wärter wurde zu kurzen Haftstrafen verurteilt, kein ranghoher Offizier auch nur gerügt: „Die Komplizenschaft, das Wegsehen und Verschleiern (...) durchdrangen alle Glieder der Befehlskette, vom MI-Block bis hinauf zum Pentagon und zum Weißen Haus.“ STEFAN APFL 

Philip Gourevitch, Errol Morris: Die Geschichte von Abu Ghraib. Hanser, 301 S., € 20,50

nen Freunden stellen möchte. Doch er wagt es nicht, „weil ich weiß, dass ich am Ende allein dastehen werde, ohne irgendeinen Menschen“. Am 11. Juli 1995 überrannten serbische Verbände die UN-Schutzzone Srebrenica. 25.000 bosnische Flüchtlinge suchten damals in der Enklave Zuflucht. 8000 Männer wurden auf Lastwagen verschleppt und erschossen. Serbische Militärs unter dem Kommando des noch immer flüchtigen Generals Ratko Mladi´c hatten die Aktion geplant. Dem Serbenführer Radovan Karadži´c wird noch in diesem Jahr in Den Haag der Prozess gemacht. Die Weltöffentlichkeit erfuhr schon bald von jenem Genozid, der vor den Augen der UN-Schutztruppen geschah. US-Satellitenbilder zeigten die von Planierraupen zugeschütteten Massengräber. Doch was geschah in der von Serben belagerten Stadt in den Jahren und Monaten zuvor? Es gibt beklemmende Reportagen darüber, wie biedere Bauern, Beamte und Dorflehrer im Balkankrieg zu Mördern ihrer Nachbarn wurden. Doch es gab bislang keinen literarischen Bericht eines Überlebenden des Massakers und der vorangehenden Belagerung von Srebrenica.

Emir Suljagić war 17 Jahre, als er im Jahr 1992 mit seinem Vater aus einem dieser serbischen Dörfer oberhalb der Drina flüchten musste, weil dort, wo er einst als Kind badete, die ersten Leichen trieben. Die Serben begannen, Dorf um Dorf zu „säubern“, wie es bald nüchtern hieß, die Überlebenden flohen nach Srebrenica. Was diese Stadt in den nächsten drei Jahren erleben sollte, das hat der heute in Sarajevo und Hamburg lebende Journalist und Politologe in seinen „Notizen aus der Hölle“ aufgeschrieben. Seine Aufzeichnungen geben nicht nur Einblick in die „Rohheit der bis dahin anonymen Leute“, sie zeigen auch, wie Menschen auch im Europa des ausgehenden 20. Jahrhunderts zur Hölle der anderen werden konnten: „Unsere Erziehung und Intelligenz, unsere Werte waren einen feuchten Dreck wert“ in diesem „Ghetto“, das immer mehr einem „Konzentrationslager“ ähnelte. Man muss sich beim Lesen dieses Buchs immer wieder vergegenwärtigen, dass das, was Suljagi´c da beschreibt, keine archaische Welt ist, sondern sich auf die jüngste Geschichte unserer Nachbarn bezieht. Suljagi´c, der später für das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag arbeitete, gibt dem unseligen Wort „ethnische Säuberung“ Namen und Geschichten. Da ist von Busfahrer Idriz zu lesen, der mit seinem Bus so lange an die Wand gedrückt wurde, bis

er starb. Da wird von Gefangenen berichtet, denen die Serben in Lagern Gewehrläufe in den Schlund steckten. Suljagi´c beschreibt die Warteschlangen vor den wenigen Funkgeräten in der Stadt. Jeder wollte doch erfahren, ob seine Liebsten bei den unzähligen Kämpfen umgekommen waren. Wieder und wieder beschreibt Suljagi´c auch die Opfer der Bombardierungen und der Heckenschützen. Sie lagen „stundenlang sich krümmend auf Waldwegen, bevor sie ihr Leben aushauchten“. Vor den Augen aller verwesten die Toten. gibt Suljagi´c diesen Opfern die Menschenwürde zurück. Etwa wenn er den Teig an den Fingern einer Leiche beschreibt, einer Mutter, die am Markt schnell ein paar fehlende Zutaten für den Kuchen kaufen wollte, ehe sie eine Bombe zerriss. Oder wenn er an die Schulkinder erinnert, die am Pausenhof spielten, als die Bombe einschlug. Suljagi´c überlebte den Genozid, weil er als Dolmetscher der Uno arbeitete und weil ihn Ratko Mladi´c bei einem Treffen verschonte. Auch seine Mutter und seine Schwester konnten die Enklave rechtzeitig verlassen, sein Vater starb – so wie sein Großvater, der in einem Massengrab verscharrt wurde. Trotz familiärer Opfer scheut er sich nicht, auch die Verbrechen bosnischer Verbände zu beschreiben. Sein Buch liest sich auch als Anklage gegen das Versagen der Uno-Blauhelme, die sogar in Srebrenica nicht darauf verzichten wollten, sich mit Prostituierten versorgen zu lassen – entlohnt wurde die zur Zuhälterei gedrängte bosnische Dorfjugend übrigens mit Zigaretten. Es sind nicht nur die Beschreibungen der durch Krieg brutalisierten Menschen, sondern auch die Beobachtungen des Alltags, die Suljagi´cs Notizen so beklemmend machen. Im Jahr 1994 etwa sei „die ganze Stadt von Drähten durchflochten“ gewesen. „Sie hingen von jedem Mast, jeder Straßenlampe, jedem Gebäude. Es war beinahe gefährlich, in der Stadt umherzugehen, besonders wenn es regnete, weil sprühender Draht auf die Straße fiel.“ Das war während der Fußball-WM in den USA. Ein Jahr vor dem 11. Juli 1995.  FLOR IAN K LENK  Durch seine Beschreibungen

Emir Suljagić: Srebrenica. Notizen aus der Hölle. Zsolnay, 237 S., € 18,40

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Mit diesem alten Messgerät lässt sich die Höhe der Lettern feststellen. Sie müssen ja in die Druckerpresse passen. Oben: Aus solchen Bleiplättchen formt Richard Pinter Wortabstände. Ihre Größe wird in Punkt angegeben – dieselbe Maßeinheit wie bei modernen Computerschriften

Immer wiederkehrende Sehnsucht nach Wärme Zygmunt Baumann reflektiert ohne Jargon über Gemeinschaft und Klasse, Individualisierung und soziale Gerechtigkeit

Fotos: Martin Fuchs

in 83-Jähriger auf der Höhe der zeitgeE nössischen Diskurse; ein jüdischer Pole der Vorkriegsgeneration mit größtem Ver-

ständnis für gegenwärtige Lebensformen; eine sprachliche Eleganz, die, unprätentiös und gelassen zugleich, jeglichen Jargon vermeidet: Zygmunt Baumann, der große alte Mann der Soziologie, hat ein neues Buch geschrieben: „Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt“. Es setzt mit einer Lobpreisung ländlicher und sonstiger Kleingemeinschaften ein, die den Leser ob so viel Gemeinschaftspathos den Kopf schütteln lässt. Aber gleich darauf, mit Einsetzen der „ursprünglichen Akkumulation“ des Kapitals und beginnender Industrialisierung, ändert sich der Ton. Und nun versteht man erst, wozu Baumann die Romantisierung der Gemeinschaftsvorstellung dient: Er weist sie als unstillbare, immer wiederkehrende Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit aus. Die Urszene der Industrialisierung erscheint da wie eine Erbsünde, die uns endgültig aus dem Paradies der Gemeinschaften vertrieben hat, nach dem wir uns bis heute sehnen. In dem epischen Konflikt zwischen Schutz und Freiheit ist die „Suche nach Sicherheit“ aus dem Untertitel ein bleibendes gesellschaftliches Movens.

Und dann kommt ein furioses Kapitel über die heutigen Eliten. Diese bestimmen sich wesentlich dadurch, dass sie die „Geschich-

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te der großen Bindungen der Moderne, das Abenteuer der sozialen Lenkung durch Manager und Ingenieure“ hinter sich gelassen haben. Die heutigen Eliten haben kein Interesse mehr daran, andere zu regulieren, so Baumanns Definition von Deregulierung. Statt zu herrschen, haben sie sich für die Abspaltung entschieden, statt die Massen zu binden, haben sie sich von ihnen verabschiedet und in die Exterritorialität eines elitären Kosmopolitismus zurückgezogen, in „eine soziokulturelle Blase“ zwischen Tokio, New York, London und Los Angeles.

Baumann antwortet mit einer vehementen ­A brechnung mit dem Multikulturalismus.

Auf diese Weise tritt der Gemeinschaftsbegriff

an die Stelle der Kategorie „Klasse“. Die flexiblen Eliten sind so individualisiert, dass sie nicht mehr als Klasse bestimmt werden können, was ja einen gewissen Grad an Kollektivität voraussetzt, sondern nur noch als „Gemeinschaft der Nichtzugehörigen, als Vereinigung der Einzelgänger“. Was dieser Elite gegenübersteht, ist kein Proletariat, keine Klasse der Ausgebeuteten und Unterdrückten. In unserer „liquiden Moderne“ ist auch die Masse zu keiner dauerhaften Gemeinschaftsbildung mehr fähig, die sie als politischer Akteur allerdings brauchen würde. Gemeinschaft wird im Verlauf des Buches immer mehr zu einer Kategorie, die ihre eigene Abwesenheit markiert. Aber was ist mit den ethnischen Gemeinschaften, die um ihre Anerkennung kämpfen – sind das keine politischen Akteure?

Zygmunt Baumann: Gemeinschaften. Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt. Suhrkamp, 181 S., € 12,40

Er sieht sehr wohl die Notwendigkeit solcher Kämpfe, gleichzeitig aber warnt er vor der Verabsolutierung der kulturellen Differenzen. Reine Identitätskämpfe sind für ihn gar nicht so demokratisch, wie das die Kulturlinke seit den 1970er-Jahren behauptet. Sie verbergen vielmehr einen fundamentalistischen Zug, wenn sie nur als Selbstverwirklichung betrieben werden, und gelten ihm nur dann emanzipatorisch, wenn sie im Kontext von Umverteilung geführt werden. Baumanns zentrales Credo lautet: Gerechtigkeit lässt sich heute nur dann erzielen, wenn sie sich auf soziale Gerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit beruft. Nur so führen Forderungen nach Anerkennung zu dem, worum es ihm zu tun ist und woran es heute mangelt: zu einer „ethischen Gemeinschaft“, die sich durch Gleichheit der Ressourcen und durch kollektive Absicherung gegen individuelle Defizite und Schicksalsschläge auszeichnet. Spätestens hier wird klar, warum das Fehlen des Jargons eingangs so gelobt wurde. Was Baumann hier vorlegt, ist ein Pamphlet gegen die Kulturlinke, das nicht hinter deren Errungenschaften zurückfällt. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne den Duktus der dogmatischen Linken bezieht er eindeutig Stellung für soziale Gerechtigkeit. Ein wirklich lesenswertes Buch. ISOLDE CHAR IM 

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Sachbuch

Mach dein Kochbuch kurz und saftig Die neuen Kochbücher der Frühjahrssaison kommen angenehm pragmatisch und unaufgeregt daher

K

ochbücher mit einfachen Titeln mag ich. „Fleisch“ gefällt mir gut. „Schokolust“ ist schon fast zu viel. „Ofenfrisch“ macht mich neugierig. Diesbezüglich enttäuscht mich die Frühjahrssaison nicht. Was bei Redaktionsschluss vorliegt, beschränkt sich aufs Wesentliche, Reduzierte. Porträts selbstdarstellerischer Köche, üppige Darstellungen überlegener Handwerkskunst fehlen ebenso wie allzu modischer Schabernack. Führt die Krise zurück zum Wesentlichen? Dieser Schluss wäre wohl voreilig, aber irgendwie muss man sie ja in jedem Artikel unterbringen.

Gebäck“, weiß man, hier kann man nicht falschliegen. Noch sicherer wird man, studiert man die Anweisung für die Herstellung von Pizzateig. Mehl, Wasser und Luft sollten zusammen 64 Grad Celsius nicht überschreiten, lesen wir dort. Die Temperatur des Mehls messen! Dann nur noch nach den Schritt-für-Schritt-Fotos vorgehen, und nichts kann schiefgehen. Gilt auch für Brioche-, Kuchen-, Mürb- und alle anderen Teige, deren Erzeugung Roux gründlich und einfach demonstriert. Zusammen mit den Rezepten wird „Ofenfrisch“ zu einem grundlegenden Backbüchlein.

„Küchenpraxis��� scheint an Schlichtheit kaum zu überbieten. Ein Buch, das so heißt, muss man einfach haben. Vor allem, wenn es hält, was es verspricht. Der Teubner Verlag ist bekannt für seinen Hang zum Enzyklopädischen, in ihm erschienen so feine Titel wie „Fisch“ oder „Fleisch“, die sich meines Wohlgefallens von vornherein sicher sein können. Auch in der „Küchenpraxis“ geht es nicht um einen modischen Koch, der hektisch versucht, sich durch ein neu interpretiertes Rezept von seinen Vorgängern abzuheben. Wie ein richtiges Lexikon hat der Teubner auch keinen Autor. Er will vor allem jene Details präsentieren, die in all den schicken Kochbüchern gerade fehlen – egal ob es sich um die Herstellung von Pizzateig, das Entbeinen eines Lammrückens und dessen Drehung zur Lammkrone handelt oder um die Herstellung von Hummerbutter aus dem Rogen dieses leckeren Tieres. Der Teubner schafft all das in kompakter und doch großzügiger, man ist versucht zu sagen, kulinarischer Form. Step-byStep-Fotografien erläutern schwierige und einfache Vorgänge, dazu kommen Rezepte, die in zeitgemäßer Form das Grundwissen um anregendes Kochbares bereichern, etwa Brokkolitempura oder Blumenkohlcurry. Man lernt mit Gelee umzugehen, Strudelteig zu machen, Eier zu kochen, aber auch mit Hummer und Artischocke zurechtzukommen. Kurz: Das großformatige, mit prächtigen Fotos illustrierte Ding im Schuber ziert jedes Küchenregal und wird allen Kochinteressierten hilfreich zur Seite stehen.

Noch so ein No-Nonsense Büchlein aus dem gleichen Verlag: „Fleisch“. Von modischem Zeugs auch hier keine Rede, dafür sorgt schon der Ton der BBC-erfahrenen Publizistin Joanna Farrow. Sie verspricht Fleisch, und sie bringt Fleisch. Gesotten, gebraten, gepökelt, pochiert, paniert, roh oder gegrillt. Natürlich nichts für Vegetarier – und auch nichts für Diätfetischisten. Dafür was für Leute, denen ab und zu der Sinn nach Steak & Frites steht und die eine ordentliche cremige Kräutersauce dazu nicht scheuen. Für Leute, denen bei Ankündigung eines „auf asiatische Art gebratenen Schweinebauchs“ noch das Wasser im Mund zusammenläuft. Selbst mit Gin flambierte Straußensteaks oder Hase in Clementinensauce enthält uns Frau Farrow nicht vor. Vielfalt in der Einfalt. Fleisch eben.

Michel Roux ist ein erfahrener französischer

Küchenchef, den ich seit seinem Buch „Eier“ ins Herz geschlossen habe. Ein Klassiker, kein aufgeregter Modernist. Wenn man bei ihm Sätze findet wie „eine kühle Küche ist der Schlüssel zum gelungenen

Die große Teubner Küchenpraxis. Gräfe und Unzer, 607 S., € 102,70

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Michel Roux: Ofenfrisch. Umschau, 304 S., € 17,40

vermischt werden sollen). Kindgerecht, ich weiß, aber trotzdem pfui. Martina Willmann ist vielen noch als Köchin

„Porträts selbstdarstellerischer Köche, üppige Darstellungen überlegener Handwerkskunst fehlen ebenso wie allzu modischer Schabernack. Führt die Krise zurück zum Wesentlichen?“ Armin Thurnher

Etwas komplizierter liegt der Fall bei Sophie

Dudemaine, dem – glaubt man der Propaganda – Liebling aller Franzosen. Sie hat Rezepte des Kochgotts Alain Ducasse vereinfacht und erfreut das Land der Gourmets mit einem Kochbuch nach dem anderen. Muster: simple Idee, trotzdem große Küche. Diesmal hat sie sich des Haschees als Thema angenommen, was so viel bedeutet wie „Gehacktes“, „Kleingeschnittenes“. Wir Österreicher bevorzugen den Terminus „Faschiertes“, was aber allzu sehr auf Fleisch bezogen bleibt. Frau Dudemaine aber schneidet für „Gourmet-Haschees“ alles kurz und klein, was auch mit Gemüse, Fisch und Süßem ganz interessante Varianten ergibt. Sie teilt ihr Kochbuch nicht nach diesen Kategorien, sondern nach Handgeformtem, in Gläser Füllbarem, für kleine Formen, für Dessertringe und für große Formen Geeignetem. Das geht manchmal gut, missglückt aber mitunter fürchterlich (etwa im Fall von „Schinken und Hörnchennudeln“, die tatsächlich mit Ketchup

Joanna Farrow: Fleisch. Umschau, 144 S., € 20,50

Sophie Dudemaine: GourmetHaschees. Gerstenberg, 173 S., € 20,50

Martina Willmann: Nicht ohne eine Prise Salz. MLO Medien bei Pichler, 207 S., € 24,50

des Novelli und des Schwarzen Kameel in Erinnerung. Sie betreibt nun in Wien eine Kochschule und hat, unterstützt von den Salinen, ein eigenes Kochbuch herausgebracht. Sponsoring ist in diesem Fall relativ unverdächtig, denn Salz braucht man immer. „Nicht ohne eine Prise Salz“ ist angenehm unprätentiös und teilweise recht originell, wenn auch nicht besonders inspiriert fotografiert; warum allerdings für den Nudelteig 15 Eidotter auf ein halbes Kilo Mehl gebraucht werden, kann mir kein Mensch erklären (ich weiß, diese Schnapsidee kursiert seit Jahrzehnten unter Wiener Spitzenköchen, das macht sie aber nicht besser). „Schokolust“ – man kann es kurz machen – ist ein kleines Büchlein, das hält, was es verspricht. Birgit Rademacker ist leitende Redakteurin des Verlags, in dem das Buch erscheint, und sie weiß, was sie tut. Von Keks, Konfekt und Praline bis zur geilen Schokotartelette ist alles da, leicht verständlich erklärt, ohne Schnickschnack fotografiert. Quadratisch, praktisch, gut, wie es einem Schokobuch ansteht. Sephi Bergerson war Modefotograf, ehe er

von New York nach Neu-Delhi zog. Seinem Buch „Streetfood Indisch“ merkt man das insofern an, als den Straßenszenen viel Gewicht beigemessen wird. Das leichte Kartoffel-Curry, das knusprige Fladenbrot, die Gemüsetäschchen und was es sonst noch alles gibt, verzehrt man wohl lieber an Ort und Stelle, als sie zuhause nachzukochen. Immerhin wird man von diesem Buch da­ rüber informiert, was in den Sachen wirklich drin ist.

Von Modeströmungen gänzlich unangekränkelt ist das Buch „Friaul genießen“ des deutschen Kochbuchautors Gerd Wolfgang Sievers. Das Buch bietet nicht nur eine ultimative friulanische Rezeptsammlung, den Restaurantfotos nach zu schließen bringt es auch Hinweise auf die richtigen Gasthäuser. Die Speisenfotos halten leider das Niveau von Rezepten und Berichten nicht ganz; aber man isst ja nicht das Buch, sondern das, was man selber auf den Teller bringt oder sich im Ristorante an den Tisch bringen lässt. A rmin T h u rnher 

Birgit Rademacker: Schokolust. Gräfe und Unzer, 80 S., € 13,30

Sephi Bergerson: Streetfood Indisch. Christian, 192 S., € 30,80

Gerd W. Sievers: Friaul genießen. Brandstätter, 160 S., € 19,90

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09.03.2009 15:15:27 Uhr


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