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Das Kleingedruckte

Der gestreckte Mittelfinger ist keine Veröffentlichung im Sinne des Presserechts. Er ist ein analoger Newsletter von Kidpunx für Kidpunx. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig, wie vieles in diesem Heft. Gewinne werden mit dieser Publikation nicht erzielt. Der Preis deckt lediglich die Kosten.

Herausgeber: Falk Fatal Mitarbeiter dieser Ausgabe: Hnns, Möb, Dirk Le Buzz, Mika Reckinnen, Jan Röhlik, Bäppi, Bene. DANKE! Auflage: 500 Stück Einzelpreis: 1,50 Euro Weiterverkauf ab zehn Heften: je 0,90 Euro + Porto Kontakt: trashrock@gmx.de www.dergestrecktemittelfinger.de

INHALT WELCOME TO GARAGELAND 4 DER GEHEIME ROSENGARTEN 8 SMOGTOWN 15 WIE ICH EIN NESSIE WURDE 23 11 JAHRE OHNE DEADLINE 26 IT‘S EMBARRASSING TO SEE YOU CRAWL 27 PUNX MIT KREUZ 30 KOTZEN 34 YA CAN‘T GO HOME BLOG 41 IN WIESBADEN GIBT‘S NEN LADEN 48 ZEITSPIEL 53 SUNDAY = FUNDAY 60 SPIEGLEIN, SPIEGLEIN AN DER WAND 64 MENDOCINO 67 G.G. WALLRAFF - GANZ UNTENRUM 70 FANZINE REVIEWS 76 MUSIKKRITIK 81

KEIN BOCK JAHRELANG AUF DIE NÄCHTE AUSGABE DIESES SCHUNDBLATTES ZU WARTEN???? BOCK AUF MEHR PUNK??? AB INS INTERNET! DORT GIBT ES FAST TÄGLICH MEHR SIFF, SUFF & SCHLEPPE! WO??? HIER:

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Schöne neue Arbeitswelt. Immer alles mobil. 9 to 5 is out. 24 Stunden sind angesagt. Zumindest, solange es irgendwo W-Lan gibt. Das Resultat: Burnout. Das ist ja der neue Trend jetzt. Jeder hat Burnout. Burnout hier, Burnout da. Ein Glück für die ganze LebenshilfeSzene, die sich darum gebildet hat. Yoga für gestresste Mütter, Tai-Chi für gestresste Manager, Schnaps für gestresste Menschen, die auf den Eso-Mist kein Bock haben. Und kaum ist der Burnout weg, kommt der Nächste. Burnout ist die Zivilisationskrankehit des Jahres! Was rede ich, des Jahrzehnts. Darauf einen Tusch! Doch ein kleines Grüppchen an Menschen verwehrt sich bislang erfolgreich der Burnout-Falle: die Punks. Ihr Motto: Arbeit ist scheiße. Müßiggang ist geil. Jeden Tag bis mittags pennen, dann am Brunnen, Denkmal oder Bahnhof abhängen und palettenweise Dosenbier saufen. Abends dann irgendein Konzi für wenig Euronen anschauen und rumasseln. Und dann wieder bis mittags pennen. Danach am Brunnen, Denkmal oder Bahnhof abhängen und palettenweise Dosenbier saufen. Abends dann wieder ein Konzi. Tag ein tag aus.

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Und täglich grüßt das Murmeltier. Diese Spezies ist wahrlich nicht vom Burnout bedroht. Beneidenswert, nicht? Jahrelang galt der Homo sapiens sapiens punkensies als die Krone der Schöpfung. Von Leistungsdruck befreit, der Arbeitswelt feindlich den Rücken gekehrt geht der Punk einem Leben griechischer Götter gleich nach. Am Bahnhof sitzen, Bier trinken und das Leben genießen. So muss der Himmel auf Erden aussehen. Nichts und niemand schien diesen Siegfrieden der Schöpfung etwas anhaben zu können. Doch jetzt hat ein US-amerikanischer Forscher von der renommierten Southern California University das Lindenblatt des Homo sapiens sapiens punkensies entdeckt. Das Bore Out Syndrom. Oder auf Deutsch: Krank durch Langeweile. Denn seien wir ehrlich: Nur Müßiggang tut dem Menschen auf Dauer auch nicht gut. Und zur Gattung Mensch zählt der Punker schließlich, aller Gottgleichheit zum Trotz, immer noch. Mag es auch Zeitgenossen geben, die das beharrlich verneinen. Der Kreislauf aus lange pennen, viel trinken, Schrammelbands hören, noch mehr trinken, wieder lange pennen, viel trinken, Schrammelbands hören usw. ist auf Dauer doch etwas unter-


fordernd. Gerade, wenn es sich um eine gottgleiche Spezies wie den homo sapiens sapiens punkensies handelt. Dessen Gehirn, das fand ein Forscher der renommierten Procrastination University Miami heraus, ist zwar nicht doppelt so groß wie das eines homo sapiens sapiens, aber es sind mehr Gehirnregionen aktiv, was für deutlich mehr Intelligenz spricht als bei einem normalen Menschen. Aber gerade wenn diese Intelligenzbestien nicht ausreichend gefordert sind, setzt das Bore Out Syndrom ein. Mögliche Folgeerscheinungen sind Müdigkeit, Lustlosigkeit, Gereiztheit und Frustration, bis hin zu Anzeichen einer krankhaften Depression. Andy T. Simmons, ein Neuropsychologe der renommierten Canucks University of Vancouver fand in einem aufsehenerregenden Feldvergleich zwischen Punks und Biebern heraus, dass Punks signifikant häufiger Handtuchrollenspender auf AZ-Toiletten zerstören. Das sie deutlich häufiger Passanten anpöbeln. Dass sie öfters Mülltonnen in Schaufenster werfen, als Bieber das tun. Kurzum, seine Erkenntnis: Punker neigen signifikant häufiger zur sinnlosen Gewalt als Bieber. Bieber werden nur aggressiv, das ergab sein Versuch, wenn sie jemand daran hindern will, einen Staudamm zu bauen. Simmons

Schlussfolgerung: Der Bieber wird situationsabhängig aggressiv. Der Punk situationsunabhängig. Doch was ist jetzt die Conclusio dieser weltbewegenden Erkenntnis? So viele Flüsse können schließlich nicht gestaut werden, um unsere Götter wieder gesund zu machen. Auf diese Frage ist sich die Wissenschaft uneinig. Der Psychotherapeut Wolfgang Schmidt etwa empfiehlt psychotherapeutische Gespräche, eventuell auch mit Körpertherapie, autogenem Training, Qi Gong oder Atemtherapie. Andere Wissenschaftler, wie etwa Prof. Dr. Dr. Philipp Bäppler von der Crust University Flensburg, empfehlen eine sukzessive Erweiterung des Alltags. Beispielsweise sollte ein Punk nicht nur den ganzen Tag am Bahnhof abhängen, sondern sich auch einmal bewegen. Vielleicht Passanten um Geld anschnorren. Wenn das klappt, einen Schritt weitergehen und eine klassische Schreibtherapie verfolgen: Das Erlebte zu Papier bringen. Wenn auch dieser Schritt erfolgreich war, kommt der nächste Schritt: die Basteltherapie. Diese besteht darin, viele Zeitun-


gen zu sammeln und zu zerschneiden, die niedergeschriebenen Erlebnisse aus der Schreibtherapie auszudrucken oder per Schreibmaschine auf Papier zu bringen. Anschließend werden diese Schriftstücke genommen und gemeinsam mit den zerschnittenen Zeitungsstücken auf DIN-A5-große Papierstücke mit Prittstift geklebt. Schritt 4 der Therapie besteht darin, die so entstandenen Seiten in den Copyshop zu bringen, dort zu fotokopieren und anschließend die kopierten Seiten zusammenzutackern. Schritt 5 verlangt, diese Hefte auf den Schrammelkonzerten, bei denen man bisher nur auf der Bühne schlief, ans Publikum zu verschachern. Wenn der Patient alle Schritte geflissentlich befolgt, wird er am Ende der Therapie nicht nur ein paar Silbermünzen im Seckel haben, sondern auch ein ganz anderes Lebensgefühl gewonnen haben. Denn nur wenige Wochen später, wird der Patient sich zwar auf die Bühne pennen legen wollen, doch irgendwelche fremden Menschen werden ihn auf sein Fanzine ansprechen und wissen wollen, wann das nächste kommt. Daraufhin wird sich unser Patient nicht auf die Bühne pennen legen, sondern nach Hause eilen und sofort mit der Arbeit an der nächsten Ausgabe seines Fanzines beginnen. Der Kreislauf des Bore-Out-Syndroms ist durchbrochen. „Diese Therapie war bisher immer erfolgreich“, sagt Prof. Dr. Dr. Bäppler nicht ohne Stolz. Nur ein Patient treibe ihm immer wieder Sorgenfalten auf die hübsche Stirn. „Ganz klar mein härtester Fall. Falk Fatal war bei mir in Therapie. Und sie hat ja auch gefruchtet. Er macht ja jetzt ein Fanzine. Aber das erscheint nur alle Schalljahre. Mal lässt er sich ein Jahr Zeit, dann drei. Er fällt immer wieder in seine alten Verhaltensmuster zurück. Und dann muss ich oder meine Mitarbeiter ihn wieder

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aus dem Delirium wecken und von der Bühne schaffen. Immerhin erinnert er sich noch an unsere Therapie. Er schafft es einfach nicht, eine Regelmäßigkeit reinzubekommen. Schade. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Ich auch nicht. Viel Spaß mit dem neuen Heft, das übrigens eine Jubiläumsausgabe ist. Der erste gestreckte Mittelfinger erschien Ende 2002, also vor ziemlich genau elf Jahren. Um das gebührend zu feiern, habe ich mir einen Jubelperser engagiert, der mich in den Himmel lobt. Danke Jan. Sonst macht das ja niemand. Danke auch an Bäppi, Dirk, Hnns, Möb und Mika für ihre Beiträge. Und natürlich an Bene, fürs Korrekturlesen. Ohne euch wäre das nix. Das nächste Heft erscheint spätestens 2018.

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DER GEHEIME

Er wurde gebaut, um die Bundesregierung vor einem Atom rüsten. Heute wirken die ausgestellten Reste des ehema Ahrweiler, das sind herausgeputzte Fachwerkhäuser, eine gotische Kirche und eine intakte Stadtmauer. Alles aufgeräumt und frisch gestrichen. Kleinstadtidylle pur, die sich an die östlichen Ausläufer des Ahrtals schmiegt, rund 30 Kilometer von der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn entfernt. Rings um das Städtchen reihen sich auf den Hügeln, Weinberg an Weinberg. Nicht weit davon entfernt, versteckt sich unter Baumwipfeln der Eingang in ein unterirdisches Tunnelgeflecht, dass bis 1989 im Kriegsfall der Zufluchtsort der Bundesregierung geworden wäre. Mehr als 30 Jahre lang verbarg sich hier der „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes“, der ehemals größte Atomschutzbunker Europas und das geheimste Bauwerk in der Geschichte der alten Bundesrepublik. Heute erinnert die Dokumentationsstätte Regierungsbunker an dieses Kapitel des Kalten Krieges.

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ROSENGARTEN

mschlag zu schützen. Und um sie für den Gegenschlag zu aligen Regierungsbunkers bizarr. Ein Museumsbesuch. Vom Eingang Ahrweiler aus, frisst sich der Bunkerstollen 17,3 Kilometer lang, wie ein Geschwür durch das Schiefergestein. Ein kalter Luftzug weht den Besuchern entgegen, sobald sie den Regierungsbunker betreten. Ein kurzer Schauer durchfährt den Körper, Nackenhaaren richten sich auf. Die Temperatur in der Röhre beträgt konstante 13 Grad Celsius. Der Hauptstollen ist schmal. Vielleicht vier bis fünf Meter breit. Zwei Lüftungsrohre laufen die Decke entlang. Der Beton glattrasiert und lakkiert. Mausgrau und dunkelgrau dominieren. Immer wieder unterbrochen von rostigen Schlieren und Stellen, an denen der Lack in großen Placken abgeblättert ist. Neonleuchten ziehen sich wie eine Perlenschnur durch den Tunnel und spenden kaltes Licht. Eine Beleuchtung wie in einer Tiefgarage. Oder in einem U-Boot, kurz vor Grund. Dumpf-graue Metalltüren teilen

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den Stollen in erträgliche Häppchen. Engere und beklemmendere Gänge gehen immer wieder links und rechts ab. Im Falle eines atomaren Angriffs hätte der Regierungsbunker 3.000 Menschen Schutz geboten, darunter dem Bundeskanzler samt Regierung, dem Bundespräsidenten, Mitgliedern des Bundestags und Bundesrats sowie ziviles und militärisches Personal. Familienangehörige durften nicht mit. Das Tunnelgeflecht wäre im Fall eines dritten Weltkrieges zur subterranen Hauptstadt geworden. Von dort aus wollte die Bundesregierung den Gegenschlag ausführen, um das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten. Wenige Meter hinter dem Eingang markieren eine schwarz-gelbe Warnfläche auf dem Boden den eigentlichen Eingang des Bunkers. Ein Hinweis mit roter Farbe an die Wand gemalt, warnt ebenso davor. „Achtung Lebensgefahr! Bei Blinklicht und Hupton Bodenmarkierung nicht betreten.“ Dann nämlich wäre unter Sirenengeheul ein 25 Tonnen schwerer und eineinhalb Meter breiter Koloss aus Stahlbeton aus einem Wandschlitz geschossen und hätte den Eingang innerhalb von zehn Sekunden versiegelt.

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Die Planungen zum Bau des Bunkers begannen 1958, die Bauarbeiten 1962. Codename des Projekts: Rosengarten, ganz nach dem Hobby Adenauers: Rosen züchten. Um den Platz optimal auszunutzen, zogen die Planer ein Zwischengeschoss in den ehemaligen Eisenbahntunnel ein. Im Untergeschoss befanden sich die 897 Büros und Konferenzräume, im Obergeschoss 936 Schlafräume. Zwei Etagenbetten für vier Insassen und je ein Metallspind standen in den Zellen. Die Wände kahler Beton. Behaglichkeit auf zwölf Quadratmetern. Nur der Bundespräsident und der Bundeskanzler hatten Einzelzellen. Hinter dem Stahlbeton beginnt der Traum von der strahlungsfreien Oase unter Tage. Wer sie betreten


wollte, musste hier durch: die Dekontaminationskammer. Zwei weiß gekachelte Räume. Im Ersten nur ein Müllbehälter für die radioaktiv verseuchte Kleidung. In der Zweiten, sechs Duschen an der einen, ein kleiner Behälter an der anderen Wand. Während des Kalten Krieges war er gefüllt mit einem Gemisch aus Ameisen- und Salzsäure. Dieser Badezusatz sollte die verseuchte Haut reinigen. Einmal abschrubben bitte. Zwei kastenförmige Föhnhauben vervollständigen ein Bild, das auch eine in die Jahre gekommenen Mannschaftsdusche eines Dorffußkickervereins zeigen könnte.

nannten Herzstück des Bunkers: der Kommandozentrale. Sie sieht aus, als wäre sie direkt aus dem Raumschiff Orion ins Ahrtal gebeamt worden. Nur die Plastikbecher an der Decke fehlen. Von dort wurde der Regierungsbunker gesteuert und überwacht. Vier Mitarbeiter saßen ständig vor der großen Armatur mit den vielen bunten Knöpfen und Lämpchen. Auf drei rechteckigen Bildschirmen beobachteten sie, was vor und im Bunker geschah. Das Ensemble hätte auch jedem JamesBond-Film aus den 60er Jahren gut zu Gesicht gestanden. Nur das hier nicht Dr. Blofeld saß und seine Katze streichelte, sondern die vermeintlich Guten.

Nach der Dekontaminationskammer folgen weitere 25 Tonnen Stahlbeton, die auf Knopfdruck aus der Wand schießen. Sicher ist sicher. Bedient wurden die Tore im soge-

Mit jedem Schritt weiter in den Berg hinein, verliert sich das Zeitgefühl, wächst die Beklemmung, wird es skurriler. Die sechziger Jahre wurden konsequent konserviert. Der Mief

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DER AUSWEICHSITZ DER VERFASSUNGSORGANE DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND Der NATO-Beitritt der Bundesrepublik 1955 hatte den Bau eines Ausweichsitzes der Bundesregierung nötig gemacht. Die Regierung Adenauer wählte dafür zwei nie genutzte Eisenbahntunnel in der Eifel aus. Die Bauarbeiten am Kuxberg und dem Trotzdenberg begannen 1962. Der Bau des Bunkers sollte das teuerste und geheimste Einzelbauprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik werden. Selbst die Bauarbeiter wussten nicht, was sie dort bauten. Das strahlensichere Labyrinth kostete rund fünf Milliarden D-Mark. Der Bau des „Rosengarten“, wie das Projekt in Geheimdienstkreisen genannt wurde, ist vom Bundestag offiziell nie beschlossen, die verbauten Gelder nie in einem Haushalt aufgeführt worden. Vom Eingang Ahrweiler aus, fraßen sich die Stollen durch das Schiefergestein der beiden Eifelberge. Die Gesamtlänge des Bunkers betrug 17,3 Kilometer und hatte eine Fläche von mehr als 83.000 Quadratkilometer. Mittlerweile ist der Bunker zurückgebaut worden. Die Stollen stehen leer. Nur noch die ersten 203 Meter sind für Besucher begehbar und enthalten in zahlreichen Räumen Einrichtungsgegenstände der „Dienststelle Marienthal“, wie der Bunker nach Fertigstellung intern genannt wurde. Der Autobahn-Behelfsflugplatz bei Grafschaft-Gelsdorf an der A61 sollte im Ernstfall als Flugplatz des „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes“ dienen. Die Sendeantennen des Bunkers befanden sich aus Verschleierungsgründen im etwa 30 km westlich gelegenen Bad MünstereifelKirspenich in Nordrhein-Westfalen.


dieser Zeit quillt förmlich aus den Poren der Wände. Im Besprechungsraum des Bundespräsidenten wird der Besucher erschlagen von Wirtschaftswunderbehaglichkeit: Purpurfarbene Kunststoffsessel treffen auf orangefarbene, rundlich gebogene Lampenschirme, die wahrscheinlich nur ungewollt einem Atompilz ähneln. Die Büros, akkurate Amtsstuben. Aktenordner stehen stramm in Metallregalen. Wählscheiben klobiger Telefone verharren auf den Schreibtischen neben grauen Schreibmaschinen und Sperrholz-Karteikästen. In einer Hängevorrichtung drängen sich Stempel mit den Aufdrucken „Herabgestuft“ und „Bewilligt“. Die deutsche Bürokratie trägt auch im Falle eines Dritten Weltkrieges zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung bei! Eine bizarre Vorstellung, wie Beamte an Schreibtischen sitzen und Anträge stempeln, während draußen der nukleare Regen vom Himmel prasselt. Nicht der einzige absurde Gedanke, der sich bei dem Rundgang durch das Museum aufdrängt. Mussten die 3000 wichtigsten Deutschen wirklich 20

Pfennig für die Gesprächseinheit bezahlen, wenn sie aus der Telefonzelle nach Hause telefoniert hätten? Man hört sie in die Muschel sprechen: „Liebling, warte nicht mit dem Essen auf mich. Es wird heute etwas später. Gib den Kleinen einen Kuss von mir.“ Das Foto einer gelben Telefonzelle, die mitten in dem unterirdischen Labyrinth steht, lässt den Besucher rätselnd zurück. Und hätte sich wirklich jemand auf einen der weißen, geschwungenen


Plastikstühle in der Friseurkammer gesetzt, um sich dann die Spitzen schneiden zu lassen, während draußen das gesamte Land in Schutt und Asche liegt? Auch die Küche ein Traum für jeden Gourmet-Magen. Ernährt hätten sich die 3.000 Privilegierten von Bundeswehrkonserven. Bon Appetit. Wenn es noch wirklich Menschen geben sollte, die glauben, es gebe Gewinner in einem atomaren Krieg, finden sie hier treffende Argumente, die das Gegenteil beweisen. Der Hauch des Todes wehte immerzu durch die Stollen. Das unterirdische Tunnellabyrinth war ein Ort, der das Leben allenfalls verlängert hätte, wie ein Beatmungsschlauch im Hals eines todkranken Patienten. 30 Tage hätte er im Hals der 3.000 Insassen gesteckt. Danach hätte die kontaminierte Luft von draußen nicht mehr gefiltert werden können. Die Bewohner hätten den Bunker verlassen müssen und wären spätestens dann der radioaktiven Strahlung zum Opfer gefallen. Gut möglich, dass ihnen nicht einmal dieser Aufschub gewährt worden wäre. Im Ernstfall hätte die 110 Meter dicke Schieferdecke über dem Bunker gerade einmal einer Atombombe mit der Sprengkraft der Hiroshimabombe standgehalten. Und seine Erbauer wussten das. Schon 1962, als die Bauarbeiten begannen, rechneten Fachleute mit Atomwaffen, die eine 250-mal stärkere Sprengkraft als die Hiroshima-Bombe haben würden. Auch war der Bunker keineswegs so geheim, wie er sein sollte.

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Die Stasi wusste über den Rosengarten Bescheid. Die Bomben aus dem Osten hätten ihr Ziel gefunden. So war der Bunker vor allem eine für den Warschauer Pakt in Stein geschlagene Nachricht: „Wenn ihr auf den roten Knopf drückt, drücken wir auch.“ Was dieses Relikt des Kalten Krieges nur noch bizarrer erscheinen lässt. Wenn schon Untergang, dann richtig. FALK FATAL


1998: In Hong Kong bricht die Vogelgrippe aus, der Handel mit TaschentuchDerivaten erlebt einen bisher ungeahnten Boom. Nur wenige Wochen später erblickt der feuchte Traum so mancher nickelbebrillter Desktop-Fummler das Licht des Tages, gezeugt von Bill Gates und seinen Vasallen, getauft Windows 98. Auch für die erektile Dysfunktion wird 1998 mit der blauen Wunderpille Viagra endlich ein Heilmittel gefunden und von der Europäischen Kommission freigegeben, was damals für Bill Clinton sicher kaum von Interesse war, hatte er ja niemals Sex mit einer Angestellten. Doch angesichts des, dem warmen Schoß von Hostage Records entsprungenen, audiophilen Debut-Samenergusses von SMOGTOWN mit dem schnieken Titel „Smog On 45“ dürften sämtliche Ereignisse dieses Jahres in der Chronik der Weltgeschichte verblassen. „Suicide“, „Nobody Cares“ und „I´m A Jerk“ lauten die Landminen, welche Chavez, Chip, Guitardo und Tim im versoffenen Kopf an diversen Stränden in Südkalifornien verbuddeln, um so die körperzerfetzende Freude an den WEIRDOS, CHANNEL 3, THE CROWD, T.S.O.L. und BLACK FLAG wiederzubeleben, ständig die nächste Welle im Kopf und den nach Blut gierenden Hai am Arsch, dabei auch noch STITCHES approved, hatten diese doch die Angewohnheit ausschließlich persönliche Favoriten als Vorband auszuwählen, und SMOGTOWN waren einer dieser Favoriten, die mit Chavez noch dazu einen ehemaligen Mitbewohner von Mike Lohrmann am Mikro zu bieten hatten. Arschkrampe, wer Böses dabei denken mag, denn auch wenn möglicherweise vom Schicksal begünstigt, sind SMOGTOWN bis heute weit mehr als eine austauschbare Eintagsfliege. Spätestens mit der 2000 bei Disaster Records erschienenen LP „Führers Of The New Wave“, deren Weg von der „Blackball“ 7inch und der „Beach City Butchers“ 10inch gesäumt worden war, sollte dies auch der letzte Hinterwäldler verstanden haben. So wurde hier nicht nur, wie heutzutage immer öfter üblich, einfach eine Platte in den Markt gerotzt und auf größtmöglichen Absatz gehofft, sondern es wurden Geschichten erzählt, ein Konzept entworfen.

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Wovon dieses Konzept handelt, warum der Nachfolger „Domesticviolenceland“ zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt veröffentlicht wurde, weshalb die Band offiziell nie aufgelöst war und dennoch zehn Jahre für die Fertigstellung von „Incest & Pestilence“, dem aktuellen Album bei Modern Action Record, benötigte, erzählten mir Tim und Chavez, wobei aufgrund sonnenverwöhnter Faulheit, wie sie für viele kalifornische Bands üblich zu sein scheint, durchaus auch auf Aussagen aus früheren Interviews zurückgegriffen wurden, die jedoch bisher niemals den Weg in den Druck oder gar die deutsche Sprache fanden.

„WIE EINE AUTOBOMBE, DIE AN EINEM SONNIGEN SONNTAGMORGEN VOR EINEM FITNESSSTUDIO IN MALIBU EXPLODIERT, SIND SMOGTOWN ENDLICH MIT EINER NEUEN PLATTE NAMENS „INCEST & PESTILENCE“ ZURÜCK, DIE UNS VON MODERN ACTION RECORDS UM DIE OHREN GEHAUEN WIRD.“ WARUM MUSSTEN WIR SO LANGE AUF EINE ÜBERSCHRIFT WIE DIESE WARTEN, HATTET IHR EUCH DOCH ENDGÜLTIG AUFGELÖST ODER ERFORDERTEN GEWISSE UMSTÄNDE EINE LÄNGERE PAUSE? Tim: Tatsächlich gab es uns für eine Weile in 2005 nicht mehr, da zum einen Ray etwas rumgesponnen hat und dann Guitardo für eine Weile, wie vom Erdboden verschwunden war. Ende 2006 kam dann John Poddy zu uns und hat für Guitardo übernommen, weshalb wir damals auch eine 7“ mit drei Songs für TKO Records aufgenommen haben. 2007 ist dann Guitardo endlich wieder aufgetaucht und Ted übernahm für Chip Beef die Position am Bass. Irgendwie haben wir also immer in der einen oder anderen Besetzung gespielt, dabei allerdings nicht wirklich viel auf die Reihe bekommen. Schließlich haben wir dann auch noch Ewigkeiten damit verbracht, endlich diese verdammte Platte zu einem Ende zu bringen.

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Chavez:

Wie Tim schon sagte, haben wir uns niemals wirklich aufgelöst, weshalb ich es eher als verlängerte Pause bezeichnen würde. Damals in 2002 war es so, dass wir zwar alle in derselben Stadt, San Clemente, lebten, uns allerdings irgendwie die Luft ausgegangen war und wir keinen Dampf mehr hatten, nachdem wir die „Tales Of Gross Pollution“ als CD auf Disaster Records mit Demo Tapes von 1995 & 1996 veröffentlicht hatten, denn für SMOGTOWN und unsere Fans war das schlichtweg das denkbar beschissenste Format, keine Sau hat sich dafür interessiert, was ich auch verstehen kann. Außerdem hatte sich unsere eigentliche Fanbasis nahezu


aufgelöst, sich von uns entfremdet, viele wurden von der damals aufkommenden Szene in Seattle mehr mitgerissen. Irgendwann schmiss dann auch noch Chip Beef das Handtuch, weil er sich mehr um sein Kind kümmern wollte, also haben wir das bis dahin unveröffentlichte Material einfach genommen, um die „All Wiped Out“ Double 7inch zu veröffentlichen. In den Liner Notes stand damals, dass wir uns aufgelöst hätten, doch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren wir eigentlich schon wieder zurück im vollen Angriffsmodus, spielten gelegentlich wieder Shows, mit und ohne Guitardo, und hatten mit John Poddy einen fantastischen zweiten Gitarristen als Ersatz gefunden, weshalb es dann auch 2006 die „Ugly American Makeover“ 7inch bei TKO Records gab. Genau zu diesem Zeitpunkt war es dann, als Chip uns verließ, allerdings mit Ted Hahn von den STAR STRANGLED BASTARDS direkt selbst für adäquaten Ersatz sorgte. Von diesem Moment an begonnen wir, neue Songs für das jetzige Album zu schreiben.

HIER IN EUROPA HAT DAVON KAUM JEMAND ETWAS MITBEKOMMEN, BIS PLÖTZLICH DIE NACHRICHT DIE RUNDE MACHTE, DASS BEI MODERN ACTION RECORDS EINE NEUE FULL-LENGTH VON EUCH ERSCHEINEN WÜRDE. Tim: Das lag wohl daran, dass wir

zwar live gespielt haben, es allerdings bis auf ein paar Leute aus der Gegend keinen gejuckt hat, weil wir keine aktuelle Veröffentlichung hatten. Also haben wir kurzum die Platte fertiggestellt und Johnny von den BODIES, den wir schon eine ganze Zeit lang kennen, hat direkt zugesagt, sie bei Modern Action zu veröffentlichen, wobei sie wirklich großartige Arbeit geleistet und sich eine Menge Mühe gegeben haben. Chavez: Unser eigentlicher Plan für das Comeback war die Platte für TKO aufzunehmen und sie auch dort zu veröffentlichen, allerdings hat Mark aufgrund unserer Lahmarschigkeit irgendwann die Geduld verloren. Außerdem hatten damals bei uns drei von fünf Leuten in der Band bereits Kinder, um die wir uns kümmern mussten, weshalb Proben und Aufnahmen immer schwieriger wurden. Glücklicherweise war Jerry Adamo so nett, dass wir die

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wollte, haha. Guitardo und Ted hatten jedenfalls nichts dagegen, da die Band ja zum größten Teil sowieso identisch war, sodass unsere zukünftigen Singles nun aus diesen neu bearbeiteten Songs bestehen werden, die wirklich verdammt gut sind.

Songs nach und nach bei ihm aufnehmen konnten, und er uns zudem noch einen „Kredit“ gab, um alles überhaupt finanzieren zu können. Als die Platte dann endlich fertig war, hatte Mark kein Interesse mehr, weshalb wir ein ganzes Jahr auf den fertigen Aufnahmen hockten, bis sich schließlich Johnny anbot, dem Tim von den Aufnahmen erzählt hatte.

WAS HABT IHR EIGENTLICH GETRIEBEN, WÄHREND DIE BAND AUF EIS LAG? Chavez:

Guitardo gründete zusammen mit Brian von den NEGATIVES (die damals auch eine Single auf Hostage Records hatten), Ted Hahn, einem jungen Typen namens Jack und Guitardo die PISS POPS. Vor Kurzem haben wir uns übrigens dazu entschlossen einfach die Musik von deren Songs zu klauen und sie mit neuen Texten und Vocals zu versehen, da ich der Meinung war, dass die Stimme Scheiße ist und lieber meinen eigenen Senf von mir geben

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Tim:

HING EURE UNZUFRIEDENHEIT UND ANTRIEBSLOSIGKEIT VIELLEICHT AUCH DAMIT ZUSAMMEN, DASS EURE ZWEITE FULL-LENGTH „DOMESTICVIOLENCELAND“ DAMALS NICHT DIE AUFMERKSAMKEIT BEKOMMEN HAT, DIE SIE EIGENTLICH VERDIENT GEHABT HÄTTE?

Wir selber waren mit der Platte an sich überhaupt nicht unzufrieden, ganz im Gegenteil, meiner Meinung nach war sie wirklich gut, aber der Zeitpunkt der Veröffentlichung war denkbar schlecht, denn sie erschien am 11.09.2001 und jeder weiß ja, was an diesem Tag passiert ist, von den gesamtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen ganz zu schweigen. Vielleicht hat es aber auch einfach keinen interessiert. Chavez: Ich bin auch der Meinung, dass es mit dem Veröffentlichungsdatum zusammenhing, und dass die Platte deswegen nicht die entsprechende Aufmerksamkeit bekommen hat, denn für mich persönlich ist „Domesticviolenceland“ das Beste, was wir jemals gemacht haben, doch auch hier hat


unser damaliges Label Disaster Records wieder eine unglückliche Entscheidung getroffen, indem sie den Song „Domesticviolenceland“ zusammen mit den beiden exklusiven Songs „Never Us“ und „Suburban Lords“ als CD-Single anstelle auf Vinyl veröffentlicht hat, was vor allem angesichts unserer damals schnell wachsenden Fanbase eine völlig bescheuerte Idee war. Abgesehen davon wurde die Scheibe damals im Maximum Rock´N´Roll als zu „Hollywood“ bezeichnet, was immer das auch heißen mag. Nicht vergessen sollte man auch, dass sich aufgrund der Ereignisse am 11.9.2001 auch das Gesicht des Punk in den U.S.A. verändert hat, die Leute wurden politisch völlig einseitig polarisiert und in der Öffentlichkeit wollte man nichts mehr von Meinungsfreiheit wissen oder gar kritische Worte zum eigenen Lebensstil hören.

DEN ANSPRÜCHEN IN EUREN EIGENEN TEXTEN STEHT DAS JA EIGENTLICH VÖLLIG ENTGEGEN, DENN IHR ZEICHNET EUCH JA VOR ALLEM AUCH DURCH EINE SPEZIELLE HERANGEHENSWEISE AUS, WAS EURE TEXTE ANGEHT. „FÜHRERS OF THE NEW WAVE“ BEISPIELSWEISE KANN IN DIESEM ZUSAMMENHANG DURCHAUS ALS KONZEPTALBUM GESEHEN WERDEN. WAS SIND DIE HINTERGRÜNDE FÜR DIESE GESCHICHTEN IN EUREN TEXTEN, WODURCH ZEICHNEN SIE SICH AUS UND WELCHEN BEZUG HABEN SIE ZUR REALITÄT?


Tim:

Das ist die perfekte Frage für Chavez, um sich auszutoben. Chavez: Ja, wir haben ein Konzeptalbum gemacht, völlig uncool, was auch der Grund ist, warum wir das getan haben. Jeder hat doch diese idiotischen Regeln in seinem Kopf, wie ein Punk Album auszusehen hat, wie es sich anhören muss und wovon die Texte zu handeln haben, weshalb wir uns einfach dagegen gestellt und unser eigenes Konzeptalbum gemacht haben. Die Story handelt von ein paar Teenagern in der fiktiven Stadt Surf City, die von der Schule und ihrem Leben in den Vororten so dermaßen gelangweilt sind, dass sie sich entschließen, eine Band mit dem Namen „Führers“ zu gründen. Aufgrund dieser Entscheidung müssen sie sich plötzlich mit einem stetig wachsenden Druck durch die Polizei, ihre Eltern und die Menschen in ihrer Nachbarschaft auseinandersetzen, der soweit geht, dass sie ohne Grund plötzlich wie Kriminelle behandelt und als Krebsgeschwür der Gesellschaft betrachtet werden. Um gegen dieses Geschwür vorzugehen, gründet sich eine Bürgerwehr, die unter dem Namen Bodie 601 auftritt und diese Jugendlichen,

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die ihren Vorort vergiftet haben, so behandelt, wie man auch ein Krebsgeschwür behandelt, mit radioaktiver Strahlung. Die Reihenfolge der Songs auf dem Album entspricht dabei auch dem Verlauf der Geschichte dieser Jugendlichen. Eine Ausnahme gibt es allerdings, „Replay“ handelt einfach nur von meiner Obsession für Flipper. Tim: Kurz gesagt, das Leben in der Gesellschaft, der wir ausgesetzt sind, all die Idioten, die uns umgeben, mich eingeschlossen. Chavez: Man kann das Ganze mit der Platte zum Musical „Jesus Christ Superstar“ vergleichen, die ich deswegen mag, weil die Charaktere der Handlung alle in das Konzept integriert sind. Völlig nebensächlich, dass die Hauptfigur dabei Jesus ist, denn durch die Wirkung des Albums in seinem Ganzen habe ich nicht das Gefühl, dass es sich hierbei um den Jesus handelt, der einem immer von den Eltern oder der Gesellschaft eingebläut wird, sondern einfach um einen Typen, der bestimmte Ideen hat und alles dafür tut, diese umzusetzen, wofür er von der Gesell-


INWIEFERN UNTERSCHEIDET ES SICH DENN ALS PUNK IN O.C. ODER IN DER GROSSSTADT, WIE DU SAGST, AUFZUWACHSEN? Chavez: Eigentlich genau an dem

schaft verachtet wird, sie vollends zum Durchdrehen bringt. Das Konzept ist also dasselbe wie auch bei den „Führers“, denn jeder behandelt sie so, wie sie auch diesen verrückten Typen behandeln würden. Wobei die „Führers“ selbst sich die ganze Zeit nur wundern, warum die Leute um sie herum eigentlich so abdrehen und sich sagen: „Alles was ich will, ist von meinen Ideen erzählen und sie vertreten können und dafür werde ich jetzt von euch gekreuzigt ?“ Diese ganzen Leuten und ihre persönlichen Geschichten, die schließlich zur Kreuzigung führen, sind es, die mich an diesem Album begeistern.

Punkt, wo irgendwann der eigentliche Grundgedanke von Punk verlorengegangen ist, nämlich dann, wenn du als Band aus den Vororten wegen deiner Herkunft nicht ernst genommen wirst. Dabei geht es doch eigentlich um Rebellion, darum herkömmliche Denkmuster zu durchbrechen. Was durchbricht man schon, wenn man als Punk in der Großstadt lebt, wogegen rebelliert man? Eigentlich ist man dort doch nichts weiter als der nächste Freak, der dort lebt, wo er zu leben hat und sich in diesem Umfeld genau so verhält, wie es von ihm als Freak erwartet wird. Du erfüllst also nur Erwartungen und spielst deine Rolle.

WAS HAT ES MIT DER NEW BEACH ALLIANCE AUF SICH UND WO LIEGT DER ZUSAMMENHANG ZWISCHEN PUNK UND SURFEN?

WELCHE BANDS HABEN EUCH, WAS DIESE SICHTWEISE ANGEHT, AM MEISTEN BEEINFLUSST? Chavez:

Das erste Album der ADOLESCENTS, es war der Soundtrack zu meinen jugendlichen Verfehlungen, denn es verkörperte genau das, was ich auch selbst gefühlt habe. Diese Revolution aus den Vororten, die nicht vergiftet, war von all dem Übel aus der großen Stadt wie Gangs oder Gewalt, sondern die einfach nur überwältigend war.

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Tim:

Eigentlich gibt es keinen wirklichen, also zumindest ursprünglichen, Zusammenhang. Wir sind einfach ein paar Typen, die Surfen und Punk Rock lieben und mit der New Beach Alliance, das Ganze zusammengebracht haben, um den ganzen Surf-Jocks, den Schönlingen etwas entgegenzusetzen. Chavez: Zuerst war da die New Beach Invasion als es mit dem neuen Beach Punk Hype in Orange County losging und daraus entstand irgendwann die New Beach Invasion. Eigentlich haben sich da nur ein paar Typen aus Bands immer samstags am Strand getroffen, sind zusammen surfen gegangen und haben dem Ganzen irgendwann einen Namen gegeben. Irgendwann haben wir dann diesen Teil des Strands „übernommen“, sind rausgepaddelt und haben gesagt: “Ok, dieser Ort gehört jetzt uns.“

WELCHE REGELN SOLLTE MAN ALS SURFENDER NEULING BEACHTEN, UM ALLE ZÄHNE ZU BEHALTEN?

Tim:

Derjenige, der die Welle zuerst hat, dem gehört sie. Man sollte ihm Platz machen und die Welle keinesfalls stehlen. Chavez: Ich würde mich allerdings niemals wegen einer Welle mit jemanden rumprügeln, obwohl mir das selbst schon einmal fast widerfahren ist.

GIBT ES EIGENTLICH DIE SMOG CITY WAVERS NOCH, DEN EXKLUSIVEN FANCLUB FÜR ALLE SMOGTOWN ABHÄNGIGEN? Tim:

Na klar, der ist immer noch aktiv und wir wollen jeden einzelnen von euch dabei haben, was natürlich viel einfacher wäre, wenn wir endlich einmal in Europa einfallen könnten, was wir schon immer tun wollten und immer noch vorhaben. DAS INTERVIEW FÜHRTE DIRK LE BUZZ SMOGTOWN Homepage: http://www.facebook.com/pages/Smogtown/169540823518


Ich bin jetzt 42 Jahre alt und Elektroingenieur. Nun kann ich es ja mal sagen: Mike Ness ist ein Guter. Ehrlich. Der Mann hat so viele, so gute Platten veröffentlicht. Da muss ich jetzt mal öffentlich die Batschkapp ziehen. Man könnte fast sagen, ich bin ein Nessie. Aber nur fast! Pomade kommt mir (noch?) nicht ins Haar. Sondern nur das gute Biershampoo von Alnatura. Aber zurück zu Mike Ness. Mensch, was hat der Mann Hits geschrieben. Die Liste ist länger als eine Rolle Klopapier. Und beständig schwirrt mir ein anderer Song durch den Kopf. Das muss was heißen (Ok, manchmal schwirrt mir auch Matze Reim, Marianne Rosenberg oder 2Unlimited durch den Kopf, aber das ist was anderes. Wirklich!). Das nicht nur ich das so sehe, belegt die Tatsache, dass er neulich Platz 5 bei der Wahl zur Miss Guitar 2012 belegte. Ich weiß, ich weiß, bei ihm überwiegen die männlichen Attribute. Klar. Aber bei der Wahl ging es um sein Gitarren-

spiel. Und das ist doch, da sind wir uns ja wohl einig, gefühlvoll, fast feminin, und zupackend zugleich. Und dann diese Stimme. Dunkel, melancholisch, vom Leben gezeichnet. Kurzum: unter die Haut gehend. Und wie er den Mundwinkel beim Singen verzieht: ein Traum. Deshalb war ich richtig enttäuscht als Mikey und seine Jungs von der Sozialen Verzerrung voriges Jahr ihr aktuelles Album „Hard Rhymes and Nursery Crimes“ (Harte Rhythmen und Krankenschwester Verbrechen, was muss da im Krankenhaus passiert sein, um seine Platte so zu nennen?) veröffentlichte. Mein Gott! Was war das? Das Herr Ness eine Vorliebe für Country hat, ist bekannt. Wer kann es ihm verübeln? Im Alter fängt man an, sich für Countrymusik zu interessieren. So ist das. Auch bei mir. Aber wenn ich eine Platte von Social Distortion kaufe, dann will ich kein Tom Petty hören. Etikettenschwindel ist das, würden bösgestimmte Menschen sagen. Und ich würde ihnen zustimmen, wenn

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ich nicht fast ein Nessie wäre. Aber toll war das trotzdem nicht. Da versprühte ja Johnny Cash auf seinen letzten Alben mehr Leben als Social Distortion. Auch das Vorgängeralbum mit diesem schrecklich kitschig-hässlichen Cover war schon nicht der Knaller. Es scheint, als sei die Band auf dem absteigenden Ast (übrigens eine komische Metapher, findet ihr nicht? Ein Ast, der absteigt. Gibt es das? Vielleicht wenn er Eintracht Frankfurt heißt. Oder FC St. Pauli. Aber sonst?). Nicht wenige sachkundige Kenner der Szene behaupten ja, „White light, white heat, white trash“ wäre das beste Album gewesen und danach wäre es abwärtsgegangen, mit den Mannen um Mike Ness. Ganz so, wie bei Jesus. Dessen Höhepunkt war ganz klar, mit fünf Broten und zwei Fischen 5.000 Menschen zu füttern. Und anschließend noch Wasser in Wein zu verhandeln. Das war, sind wir

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mal ehrlich, der Karrierehöhepunkt von Jesus. Danach ging es bergab. Na gut, es ging noch einmal rauf nach Golgatha. Aber dann ging es wirklich bergab (und ich erspare mir und euch jetzt den „Mehr-Nägel-ich-rutsche-Witz“. Das wäre ja Blasphemie. Und zu was die führt, seht ihr ja täglich in den Nachrichten. Das wollen wir ja nicht.). Mit dieser Einschätzung liegen die sachkundigen Kenner der Szene zwar nicht falsch. Aber richtig auch nicht. Denn kurz nach der „White light, white heat, white trash“ veröffentlichten Social Distortion ein weiteres Album: „Live at the Roxy“. Das ist, wie der Name vermuten lässt, live im Roxy in Los Angeles eingespielt worden. Ein Livealbum also. Und was für eins! Die 17 größten Hits (inklusive zwei Coverversionen) der Band werden gespielt. Another State of Mind, Mommys Little Monsters, Don't drag me down, Story of my life,


1945, Bad Luck, Under my Thumb, Prison Bounds, Cold Feelings, Telling them, I was wrong, Ball and Chain, hach und noch fünf andere Knaller. Die Band ist in Spiellaune, treibt Mike Ness gut nach vorne. Dessen Stimme ist auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Nicht so piepsig wie auf „Mommys little Monsters“ und nicht so müde, wie auf „Hard Rhymes and Nursery Crimes“. Sondern voll im Saft. Dazu eine klasse Aufnahme, die perfekt die Balance hält zwischen Band, Gesang und Publikum. Und dann diese prolligen Ansagen, wie etwa diese: „Hey you got nine more of those fingers? Then take

all ten and stick em up your ass - that might feel kind of good.“ Ein Traum. Diese Platte ist ein Monument-. Ein auf Polycarbonat (Makrolon, um genau zu sein) gepresster Traum von Musik. Eine Platte, die auch nach 14, bald 15 Jahren nicht langweilig wird.Die, wenn ich sie mal wieder in den CD-Player werfe oder auf meinem MP3-Player laufen lasse, in heavy Rotation läuft. Und ganz egal, was Herr Ness in den kommenden Jahren noch so aufnehmen wird. Wegen dieser Platte werde ich ihn ewig lieben. Danke! FALK FATAL


DER GESTRECKTE MITTELFINGER WIRD ELF JAHRE ALT Etwas mehr als zehn Jahre ist es jetzt her, dass die erste Ausgabe des gestreckten Mittelfingers erschienen ist. Im Oktober 2002 kam damals das Debütheft heraus. Grund genug, um ein Glas Wein darauf zu trinken. Wein trank ich übrigens auch, als ich das Vorwort zur Erstausgabe schrieb, womit der Kreis wieder geschlossen wäre. Aber jetzt erst mal trinken. Mmh, schmeckt. Weiter im Text. Ursprünglich hatte ich mal vor, da ein dickes Jubiläumsheft zu machen. Aber da ich ein fauler Hund bin, habe ich den Plan wieder fallengelassen. Denn inklusive dieser Ausgabe sind bisher nur sieben Hefte erschienen. Damit ist der Mittelfinger im Schnitt sensationellerweise alle 1,5 Jahre erschienen. Come on, wir sind ja nicht bei der Tagespresse hier. Qualität braucht halt ihre Zeit. Wie guter Wein. Den ich gerade trinke, stammt aus dem Jahr 2003. Keine Ahnung, ob das ein guter Jahrgang war. Ich habe leider immer nur die ersten dreizehn Seiten des tollen Buches „Weinkenner in 60 Minuten" gepackt. Immerhin ist mir ein fantastischer Satz daraus in Erinnerung: „Wein ist für mich Ausdruck von Lebensqualität.“ Prost. Aber zurück zum Text. Ein Jubiläumsheft sollte es also

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doch nicht werden. Aber gar nicht darauf eingehen, wollte ich dann auch nicht. Und so kam mir die Idee, jemanden etwas über den Mittelfinger schreiben zu lassen, der das Heft bisher nur als Leser kannte. Meine Wahl fiel auf Jan. Wir kennen uns schon seit Jahren. Wir laufen uns häufig in Frankfurt bei Konzerten in der Au oder im Exzess über den Weg und verlabern dann manchmal im Bierrausch langweilige Bands. Es ist mir jedes Mal eine Freude ihn zu treffen. Er ist auch nach zig Bier eloquent. Als Musiknerd und Fanzinemacher (Er ist der Typ, der immer die interessanten und guten Geschichten im Trust macht) gehen uns die Gesprächsthemen nie aus und es macht einfach Spaß mit ihm zu trinken und zu quatschen. Ich laberte ihn also besoffen an, er sagte zu und kurze Zeit bekam ich den auf den nächsten Seiten folgenden Text von ihm zugeschickt. Als ich ihn das erste Mal gelesen habe, bin ich rot geworden. Jetzt übrigens auch. So rot werde ich normalerweise nicht mal nach zwei Flaschen Rotwein. Danke Jan! Ich trinke auf Dein Wohl! Das dicke Jubiläumsheft kommt dann 2018 oder so, wenn Ausgabe 10 erscheinen wird. FALK FATAL


Mal ehrlich jetzt: Falk Fatal. Er sieht besser aus als wie ich. Er kann klarer schreiben. Er spielt in (erfolgreicheren) Bands. Er hat ein (gut gehendes) Label. Wahrscheinlich ist auch seine Wohnung größer und trotzdem billiger, seine Plattensammlung gigantischer und alles in mint-Zustand für alle Pressungen, er kann einen Kasten Bier trinken und trotzdem noch über die neuste Entwicklung des Leuchtenden Pfades in Peru bereitwillig Auskunft geben... Gerne schreibe ich etwas zu dem Jubiläum des von mir geschätzten „Der gesteckte Mittelfinger“ Fanzine aus Wiesbaden. Ich gestehe, dass ich fatalerweise (sic!) trotz der nahen Distanz von meinem Wohnort Frankfurt am Main nur selten in Wiesbaden bin. Wenn es um Konzerte geht, dann auch „nur“ mal im Schlachthof. Dabei schneide ich das schon mit, wenn was im Kulturpalast ist und ich bilde mir immer ein, an der Bandauswahl zu erkennen, dass Falk hinter bestimmten Konzerten steckt. Auch sehe ich regelmäßig im Copyriot-Unterground-Monatsprogramm, dass dieser Punkrock Tausendsassa, gesegnet mit einer Bräune von einem in Stutenmilch massiertem Kobe-Rind, im Cafe Klatsch in der hessischen Landeshauptstadt auflegt. Wissen Sie, das hat überhaupt nichts mit einer „Großstadt“-Arroganz oder so

zu tun, dass ich es selten dorthin schaffe. Mir ist Frankfurt trotz Heimstatt seit sechs Jahren immer noch oft neu und unbekannt. Ich komme ursprünglich aus Leverkusen und ich liebe kleinere Städte, am Rande von größeren. Wahrscheinlich zog ich deshalb nach Potsdam, um dort mein Studium zu Ende zu machen. Apropos Studium. Dass Falk ebenfalls studiert hat, das merkt man an seiner strukturierten „Schreibe". Das ist durchaus als Kompliment gemeint. Mich nervt immer bei PunkzineSchreibern dieses unterkomplexe Dicke-Eier-Gehabe („Wo warst denn du 1985/1977/1969/1955/1946 bei Slayer/Pistols/Velvet Underbground/ Little Richard/Hank Williams, weil, wenn du nicht dabei warst, kannst du ja gar nichts drüber sagen/urteilen“). Wie bereits erwähnt: Falk schreibt sehr klar. Das ist schwer, einfach zu schreiben. Es hat nichts mit fehlender Komplexität zu tun. Fast jeder kann Ramones nachspielen. Aber es klingt nie so, wie es sein sollte. Was Falk auszeichnet, zumindest ist das mein Eindruck, ist seine Empathie. Er zynisiert und kritisiert, aber er ist mitfühlend, fordert Werte ein, er zeigt Anteilnahme und ist nicht einer der vielen Langweiler-Punks, die sich in ihrer eigenen Ignoranz, ihrem "ich bin, besser wie du“, ihrem apathischen Nihilismus, in ihrem

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Jan, vor einem Plattenregal, mit einer Flasche Bier in der Hand. „Ja hier, Adorno sagte, dass es kein richtiges Leben im falschen Leben gibt, ist doch dann eh alles umsonst und vor allem falsch und du redest von Idealismus, im Jugendzentrum, aber dein Bier ist ja nun auch von Becks, hehe" – Langweilertum aalen. Falk macht Sachen. Einfach weil. Immer einer der guten Gründe, etwas zu machen. Wie sagt man so schön: „Kunst kommt nicht von können, sondern von müssen“. Nicht immer liegen Falk und ich geschmacklich auf einer Linie (auch hier gilt der alte Spruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“). Wo er ästhetisch eher den frühen deutschen Punk um ChaosZ und Fehlfarben und so weiter gut findet, tendiert es bei

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mir zum amerikanischen Hardcore aus der gleichen Zeit. Deshalb kann ich nicht sagen, dass ich alle von ihm gemachte Musik immer (positiv besprach und oder) gut fand. Oder dass ich mit jedem Detail seines Fanzines d´accord gehe. Sind wir ehrlich, jeder freut sich mehr über ein Kompliment. Aber wenn man was woanders hinschickt zum besprechen, dann muss man damit rechnen, dass andere es eben anders sehen. Mir ist klar, dass man Zeit und Geld in sein Hobby (oder bei einigen den Beruf) investiert, aber ...nun ja, jeder Fanzine-Schreiber kennt dieses Problem, jeder, der in einer Band spielt, ein Label macht, hat das erlebt...und Falk auch. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass


von ihm mal eine Beschwerdemail kam, als wir Front in der TrustSingles-Review-Donnerstagsrunde bei Joachim in Frankfurt nicht gut fanden. Hey, und wenn schon; wenn jemand eine wie auch immer intensive Bekanntschaft mit jemand anderen „brechen“ mag, weil man das von ihm geliebte Bild/Cover/T-Shirt-Motiv/ Band-CD nicht mag, dann war die ganze Bekanntschaft eh nie wichtig. Es wurden beinahe schon zu viele Bücher dahingehend geschrieben, dass Punk mehr wäre wie ein bestimmter Geschmack, sondern eine Haltung zur Welt, die sich mal mehr mal weniger in Distanz und gleichzeitig Affirmation zeigt. Falk hält in seinem literarisch-kreativen Schaffen aus meiner Sicht eine gute Balance aus all den wilden Seiten von Punk, dem vitalen, spontanen, grobschlächtigen und den ernsteren Seiten (ich erinnere mich da an eine sensationelle Kurzgeschichte, wo es um ein Klassentreffen in dem alten Heimatdorf geht, sehr sehr gut). Es passiert einfach zu viel Scheiße, um guten Gewissens sich jedes Wochenende völlig aus dem Leben zu schießen. Na gut, ich mache es ja auch nicht unseltenst, aber

Sie wissen schon, wie es gemeint ist. Es ist von daher immer wieder eine große Freude für mich, in der gleichen Ausgabe einen kritischen Artikel zu dem Überwachungsstaat 2.0 und leichteren Themen zu lesen und all das fürs Trust zu rezensieren. Wenn ich denn Falk mal treffe, so wie fast jedes Jahr beim AuFest oder letztens bei 7 Seconds an gleicher Stelle, so nagt dieser gottverdammte Penner einfach schon ob seiner Existenz immer an meinem schlechten Gewissen, nie mal im Gegenzug die subkulturellen Begegnungsstätten in Wiesbaden aufzusuchen. Ah, ein Witz am Ende? Ok. „Wo ist die Toilette?“ „In Indien“. „Häh?“ „Am Ende des Ganges.“ Äh ja. Auf jeden Fall: dieser Falk Fatal. Guter Mann. Gutes Fanzine. Herzlichen Glückwunsch und weitermachen. Jan Röhlk / Trust Fanzine


Die Welt ist ein seltsamer Ort. ich verrate euch da nichts Neues. Doch ich bin jedes Mal überrascht, wie sehr mich manche Dinge dann doch überraschen können. Nehmen wir christlichen Punk als Beispiel. Ich dachte immer, Punk und Christentum sind Kulturen, die sich gegenseitig abstoßen, so wie Bulle und Demonstrant, Demokrat und Republikaner oder Straight Edge und Hannen Alks. Doch falsch gedacht. Auch Straight Edger hören Hannen Alks. Und Punks huldigen Jesus und Gott. Doch wie kann das sein? Was treibt junge und alte Menschen zu so etwas? Hält das Leben nicht schon genügend Widersprüche bereit? Muss man jetzt auch noch Gott huldigen, während man gleichzeitig „no gods, no masters“ brüllt? Warum tut man sich so etwas an? Ich bin mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Aufgehört an Gott zu glauben (falls ich das überhaupt jemals habe) hatte ich schon viel früher. Kurz gesagt: Ich kann mit Religion nichts anfangen. Egal, ob es sich dabei ums Christentum handelt, den Islam, Hinduismus oder das Judentum. Auch den Hippiescheiß von Buddhismus kann ich nicht ab. Ich halte es da mit dem alten Karl Marx und seinem Ausspruch, das Religion Opium für das Volk sei. Ich brauche keine Religion, um mir die Welt zu erklären. Ich brauche auch keine Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits. „Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute“, heißt es nicht ohne Grund aus Volkesmund. Aber genau das macht Religion. Und da habe ich keine Lust darauf. Ganz zu schweigen von den Millionen von Menschen, die wegen irgendwelcher Religionen sterben mussten. Ohne mich. Umso unverständlicher ist es für mich deshalb, wenn Menschen einer doch eigentlich unreligiösen Subkultur versuchen, diese mit dem Christentum zu verbinden. Wie gut, dass Mika Reckinnen mich bat, für sein Fanzine „Alleiner Threat“, welches übrigens ein super Heft ist, auf Spurensuche zu gehen und darüber einen Artikel zu schreiben. Das tat ich. Und ich wurde fündig. Bei Facebook in der Gruppe „Christian Punx“. Das Resultat könnt ihr in etwas anderer Form und in englischer Sprache in der jüngsten Ausgabe des „Alleiner Threat“ lesen. Oder hier.

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Elisa aus Italien bezeichnet sich selbst nicht als christliche Punkerin, aber sie liebt gute Musik und Jesus. Sie sieht zwar den Gegensatz zwischen dem Nihilismus der Punks der ersten Stunde, wie etwa den Sex Pistols, “aber ich denke, Punks nutzen Punkmusik um sich auszudrücken. Sie verwandeln uninteressante Philosophie in eine Lebenseinstellung.“ Wenn sie einfach gute Musik hören will, dann unterscheidet sie nicht zwischen christilicher und nicht-christlicher Musik, fügt sie hinzu. “Aber wenn ich erbauliche Worte hören will, dann erwarte ich diese von christilichen Musikern. Ich kann sie aber auch von nichtchristlichen Musikern hören.“ Irgendwie nicht sehr aufschlussreich. Also weiter mit der Spurensuche. Aber auch Alix kann mir nicht wirklich weiterhelfen. Im Gegenteil: Seine Antwort verwirrt mich noch mehr: “Gott sieht nicht, welche Klamotten du trägst, welche Farbe deine Haare haben oder welche Frisur du hast. So wie Punk nicht den kranken Klischees der Gesellschaft entspricht, verhält es sich mit den Vorstellungen der Gesellschaft wie ein Christ aussehen sollte. Jesus ist für uns alle gestorben und jeder kann ihn lieben, preisen und ihm sein Leben hingeben. Und was

gibt es besseres, als eine Huldigung im Punkrockgewand?“ Ich würde sagen einiges. Und noch etwas überrascht mich. Ich dachte, Gott ist allmächtig und sieht alles. Falsch gedacht. Halten wir also fest: Gott ist blind.

“WENN ICH ERBAULICHE MUSIK HÖREN WILL, ERWARTE ICH DIESE VON CHRISTLICHEN MUSIKERN.“ Chris antwortet, dass Punk keine einheitliche Definition besitzt. Jeder Punk würde Punk anders definieren. Damit hat er nicht ganz unrecht. Doch ich kenne niemand, der dabei Gott mit ins Spiel bringt. Chris hält dagegen: “Der christliche Glaube hat für jeden Menschen eine andere Bedeutung, ähnlich wie Punk. Wenn Du die langweiligen alten Kirchen weglässt und deren erstarrte Religion, kommen da ein paar gute Themen durch. Etwa eine herausfordernde Botschaft, einen Liebe-Deinen-Nächsten-Ethos und eine große Unzufriedenheit mit dem aktuellen Zustand der Welt. Die Verbindung von von Punk und Christentum ist also nicht so lächerlich, wie Du denkst. Viele Punks


sind nationalistisch und pro-sozialistisch. Ich akzeptiere, dass die meisten Punks Atheisten sind, aber die meisten sind auch keine Imker. Bedeutet das, dass man als Punk kein Imker sein darf? Interessanter Einwurf. Aber im Namen der Bienenzüchter oder des Honigs wurden immerhin keine Kriege geführt oder Frauen als Hexen diffamiert und umgebracht. Chris selbst war erst Punk und wurde dann Christ. „Ich las die Predigten von Jesus und sie waren rebellischer als alles, was ich von den Ramones jemals gehört habe. Es gibt da einen Vers in der Bibel. Römer 12,2: 'Und stellet euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch die Erneuerung

eures Sinnes, auf dass ihr prüfen möget, welches da sei der gute, wohlgefällige und vollkommene Gotteswille.' Eine sehr rebellische Aussage, wenn Du darüber einmal nachdenkst. Sei nicht so wie die Menschen auf dieser Welt, dieser Gesellschaft, dieser Nation. Sei Du selbst.“

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Doug bläst ins selbe Horn: „Punk brachte mir bei, mein Ding zu machen und ich selbst zu sein. Zu hinterfragen, was die Gesellschaft mir anzubieten hat. Immer wenn ich Jesus Predi-

“DIE VERBINDUNG VON PUNK UND CHRISTENTUM IST NICHT SO LÄCHERLICH, WIE DU DU DENKST.“ gen lese, denke ich, dass er uns dasselbe lehren wollte: Lebe rechtschaffen und lebe so gut wie du kannst mit dem was du hast.“ Auch Doug war zuerst Punk und wurde dann gläubig. Doug und Chris haben aber nicht aufgehört auch nicht-

christliche Punkbands zu hören. Chris geht immer noch zu Konzerten von nichtchristlichen Punkbands. Die Reaktion der Ungläubigen wäre meist: “Hohn, Spott, Gleichgültigkeit.“ Aber Ärger hätte er deshalb noch nicht gehabt. “Ich wünschte mir nur, sie wüssten, was ihnen entgeht. Aber Gott


liebt sie auch so.“ Doug liebt zum Beispiel Oi Polloi, External Menace, the Casualties oder auch Dead Kennedies. Wirklichen Ärger mit nicht-christlichen Punks hat er bisher noch nicht gehabt. Nur manche hätten komisch reagiert und würden ihn sofort mit Klischees überschütten und in die Schublade des fanatischen Christen einordnen. “Aber ich bin kein homophobes, waffenliebendes, rechtskonservatives Arschloch“ fügt er hinzu. Und ich glaube ihm das sogar. Doch warum Punk und Christentum gut zueinanderpassen, verstehe ich trotz Bibelzitaten immer noch nicht. Klar, wenn man das Neue Testament als historische Geschichte nimmt, dann hat Jesus sein Ding gemacht und ist seinen Weg gegangen - direkt in den Untergang. Lemminge machen das übrigens auch so. Die laufen auch einfach immer weiter, selbst wenn es sie das Leben kostet. Unter Punk verstehe ich was anderes. FALK FATAL


Es gibt Bands, von denen hast Du noch nie etwas gehört. Doch irgendein blöder Zufall will es, dass auf einmal ein paar Leute vor dir auf der Bühne stehen und einen Sound spielen, der dich wegbläst. Bei mir war das Anfang 2011 in Hamburg im Störtebeker der Fall. Wir sollten da mit meiner Band FRONT spielen. Die Band, mit der wir spielen sollten, trug den tollen Namen KOTZEN. Dass ich dabei zunächst an schlimmsten Rumpelpunk dachte, werden mir die Hamburger hoffentlich verzeihen. Ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Drei unscheinbar wirkende Mitdreißiger betraten irgendwann die Bühne und spielten um ihr Leben. Und ihr Sound? Typisch Hamburg. Nordisch unterkühlt, trotzdem angepisst, fern von 08/15, ein Schuss Melancholie gepaart mit Wut und Unzufriedenheit. Irgendwoher muss der Bandname ja herkommen. Ich war begeistert. Leider betraten wir dann die Bühne und nach unserem Auftritt laberte ich mit allen Leuten, nur nicht mit den Jungs von KOTZEN. So versäumte ich es mitzuteilen, wie toll, wie großartig ich diesen Auftritt, ihre Musik fand.

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Umso mehr freute ich mich, dass ich einige Monate später ihre neue EP zugeschickt bekam. Eine von 16 Stück, die extra für Fanzinedeppen wie mich, hergestellt wurde. Der Rest der Menschheit darf sich die EP kostenlos auf der Bandhomepage herunterladen, wie übrigens auch alle älteren Aufnahmen und EPs der Band. Denn KOTZEN bringen ihre Musik ohne Tonträger heraus. Aufmerksame Leser werden sich erinnern, in der letzten Ausgabe handelte ein beträchtlicher Teil des Heftes um illegale Downloads. Doch wie verhält es sich mit Bands, die ihre Musik gar nicht auf einem Tonträger veröffentlicht sehen wollen, sondern diese direkt zu ihrem Publikum bringen wollen? Diese Frage stellte ich leider nicht. Das hole ich jetzt nach. Und mein Rat an euch: Besucht http://ichmusskotzen.blogsport.de und ladet herunter, was das Zeug hält. Und lest euch dabei die Texte durch und was die Band sonst noch zu sagen hat. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bands, haben KOTZEN etwas zu sagen. Tolle Band! Timo war so freundlich meine Fragen zu beantworten. Danke!


NICHT JEDER WIRD KOTZEN KENNEN. STELLT EUCH DOCH MAL VOR. KOTZEN sind: Nico/Schlagzeug, Marius/ Bass, Alex/Gitarre und ich, Timo, Gesang und Gitarre. Das Ganze hat ursprünglich mal als Reines zwei Mann Probe-, bzw. Studioprojekt begonnen, hat dann dafür aber zu viel Bock gemacht und den Anreiz geboten, das Ganze als Band umzusetzen.

IHR KLINGT NICHT GERADE WIE EINE ANFÄNGERBAND. HABT IHR VORHER SCHON IN ANDEREN BANDS GESPIELT. WENN JA, IN WELCHEN?

Ja, jeder von uns hat bereits in Bands gespielt, bzw. spielt parallel in anderen Bands. Nico und ich vorher bei DER TRICK IST ZU ATMEN, Marius war bei KURHAUS und den gerade aufgelösten HONIGBOMBER unterwegs und spielt aktuell bei SOLEMN LEAGUE. Alex hat Bass bei EGOZID gespielt, von deren Abschiedskonzert wir ihn direkt weggecastet haben. Das war ganz lustig, weil wir eigentlich gar nicht bewusst auf der Suche waren. Nico stand vorne und ich hinten am Tresen und beim ersten Lied musste ich schon aufgrund seines Bassspiels grinsen und beim Zweiten dreht sich Nico um, sucht Blickkontakt und grinst mich über beide Ohren an, beide mit dem glei-

chen Gedanken...Dann war nur noch die Frage, ob er Bass oder Gitarre spielen will, bzw. was Marius weiterhin wollte, der ja sonst eigentlich auch eher Gitarrist ist. Und seitdem verzweifeln im Proberaum regelmäßig drei Zählroboter an einem intuitiven „hier muss doch irgendwo die Eins sein“- Sucher, nämlich mir, haha.

WAS AUFFÄLLT, WENN MAN EURE HOMEPAGE BESUCHT, DASS IHR DORT NEBEN BANDINFOS REGELMÄSSIG BEITRÄGE ÜBER PERSÖNLICHE ERLEBNISSE UND POLITISCHE THEMEN POSTET, SOWIE BÜCHER UND FILME EMPFEHLT. WARUM DIESES MITTEILUNGSBEDÜRFNIS ABSEITS DER MUSIK? Ich finde, dass eine Band gerne mehr sagen darf, bzw. sollte, als sie in ihren Songs verarbeitet. Das gibt doch auch einen Einblick, wie das dort Gesagte in Relation zu setzen ist. Hinter der Band stehen ja schließlich Personen, Menschen, die sich irgendwie so entwickeln, dass diese Art von Texten und Musik dabei rauskommt. Da ist das Internet ideal, ungefragt andere daran teilhaben zu lassen, was einen denn gerade beschäftigt oder beeinflusst. Ich würde von mir behaupten,


dass ich persönlich eher kein großes Mitteilungsbedürfnis habe, bzw. glaube, kein besonders interessanter Mensch zu sein. Trotzdem schreibe ich den Großteil der Updates. Irgendwie auch für mich selbst, als Reminder, zum Vergewissern.

PUNKROCK IS MORE THAN MUSIC. SEHT IHR DAS AUCH SO?

Yep, sollte so sein, isses aber häufig nicht. Das ist ja nun aber auch nicht neu, weil DER Punk per Definition sich von jeher ja erstmal auf die Fahne schreibt, keine Standards zu setzen. Der Punk, den wir mögen, tut das aber eben doch. Definitionssache halt. Koran und Bibel, nichts als Wörter. Also mal direkt auf das Wort Punk an sich geschissen.

UND WAS SIND DAS FÜR STANDARDS?

Hm…plakativ: Keine Dogmen, keine Nazis, keine Grauzone, Freiheit, Frieden, Gleichheit. Dieses alte Crust-„Equality“-Zeichen, dieses Peacezeichen mit dem eingebundenen „E“, trifft es eigentlich sehr gut.

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Sich bewusst in der Welt bewegen. Sich selbst und sein Handeln und dessen Auswirkungen auf andere hinterfragen, versuchen ein besserer Mensch zu sein. Nicht besser als sie oder er, sondern besser als vorher. Dieses Menschenbild zusammen mit der Art Musik ist dann wohl das, was ich Punk nenne.

BEI EURER NEUSTEN EP „ENDLICH DER SICHERE SAND“ HABT IHR ERSTMALS LINERNOTES EUREN TEXTEN BEIGEFÜGT. SIND DIE NEUEN TEXTE SO ERKLÄRUNGSBEDÜRFTIG?

Die stehen so auch für sich, denke ich. Unser Ansatz ist ja generell, zu schreiben, um verstanden zu werden und nicht um beliebig interpretierbare Bilder entstehen zu lassen. Gerade bei diesen Songs waren aber sehr spezifische Situationen die Auslöser des Schreibens, auf denen dann zahlreiche weiterführende Gedankengänge in andere Richtungen aufbauen. Zum Beispiel bei „Endlich der sichere Sand“, dessen Patriarchats- und Religionskritik offensichtlich an den Erfahrungen


IHR VERÖFFENTLICHT EURE LIEDER KONSEQUENT NUR ALS KOSTENLOSEN DOWNLOAD. WARUM NICHT AUCH ALS HAPTISCHEN TONTRÄGER? FÜR DIE MEISTEN BANDS IST ES DAS GRÖSSTE EINEN TONTRÄGER ZU VERÖFFENTLICHEN. HABT IHR DIESEN WUNSCH NICHT?

des jemenitischen Mädchens Nojoud Ali anknüpft. Um da einer einseitigen Lesart in eine bestimmte religiöse Richtung entgegen zu wirken, war es uns wichtig, noch mal deutlich zu machen, dass sich unsere Kritik gegen jegliche Unterdrückungsmechanismen und -folgen richtet! Ich will nicht diskutieren, ob etwas zum Islam, Christentum, Zierfischanglerkonglomerat oder whatever gehört. Das ist mir egal. Um diese Begrifflichkeiten geht es nicht. Das sind leere Variablen, wie z.B...äh, Punk, haha. Das habe ich direkt in der ersten Strophe versucht deutlich zu machen, fand aber eine explizite An-/Aussprache nochmals angebracht. Und dazu sind Linernotes ideal.

Nein, den Wunsch haben wir als KOTZEN definitiv überhaupt nicht. Abgesehen von der Relation Kosten zu Tonverbreitung finde ich haptische Tonträger auch absolut unzeitgemäß. Aber irgendwie besteht allgemein immer noch diese Untrennbarkeit von Band und haptischem Tonträger. Genau das finde ich so angreifbar. Der Gedanke, man hätte irgendwas geschafft, wenn der Ton erst auf Vinyl oder Cd konserviert ist. Und das damit Verbundene in einer vermeintlich Liga mitspielen zu wollen. Ich meine, die eigentliche Bestimmung eines TonTRÄGERS, nicht die Zugewiesene, ist doch eine ganz andere. Damals hast du halt in Memphis an der Ecke kurz oben deinen Song reingetan und ihn unten auf Vinyl zum Mitnehmen/Verbreiten rausgekriegt. Es war das Optimum der Verbreitungsmöglichkeit. Top für die damalige Zeit. Heute musst du für das gleiche Ergebnis, mal übertrieben gesagt, erstmal n Kredit aufnehmen, obwohl du deinen Ton eigentlich tausendmal einfacher und kostengünstiger verbreiten könntest. Dabei noch wesentlich umweltfreundlicher. Was ich sagen will, ist: es geht doch um Töne, also die Musik und nicht zuletzt die Inhalte, die möglichst vielen Interessierten zugänglich gemacht werden

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wollen und nicht das Medium, das sie trägt. Wenn ich also Inhalte habe, wieso sollte ich diese auf eine kalkulierte Anzahl reduzieren und dann noch hoffen, mit dem Tropfen, den richtigen Stein getroffen zu haben? Ich glaube bei vielen kleineren Bands und auch Konsumentinnen geht es darum, sich selbst und anderen etwas vorzeigen zu können, was mit Downloads natürlich nur weitaus abstrakter möglich ist. Oder aber auch im Größeren, dieser Gedankengang, „die und die haben soviel für die Szene gemacht, jahrelang die Ochsentour gegangen, da isses doch fair, wenn die jetzt was verdienen?!“ Wann ist denn das alles hier nur zu „einem Weg“ verkommen, mit dem Ziel vom Kuchen was haben zu wollen? Sind unkommerzielle Locations, besetzte Häuser, Freiräume nicht mehr der heiße Scheiß? Fairer und bewusster Umgang miteinander? Gleichberechtigung, Gleichstellung? Und jetzt sagt jemand „is ja für euch einfach zu sagen, weil ihr eh nichts verkaufen würdet“, dann sag ich „Hast recht! Aber guck dir doch mal mit ehrlichem Blick an, warum du was ins Presswerk schickst! Um deine zweieurofünfzig Proberaumaufnahmen im befreundeten Selbstausbeutungspreisestudio wieder rein zu kriegen? Die kannst du bei der ganzen Sache doch eh schon vorher abschreiben.

WIE REAGIERT DAS PUBLIKUM DARAUF, DASS IHR KEINE PLATTEN ZUM VERKAUF ANBIETET, WENN SIE EUCH NACH DEM KONZERT BEGEISTERT NACH TONTRÄGERN FRAGEN?

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Haha, „begeistert“...das ist tatsächlich bisher genau NOCH NIE vorgekommen! Nee, wir kommunizieren das ja auch von der Bühne runter, dass es die Songs alle und umsonst online gibt. Und da dann ja auch entsprechend aufbereitet mit Covern, allen Texten, Linernotes; halt allem, was ein schönes Release unserer Meinung nach ausmacht. Dafür bedarf es unserer Meinung nach aber eben keines haptischen Produktes.

ES HEISST JA IMMER, DASS BANDS DAVON PROFITIEREN WÜRDEN, WENN IHRE LIEDER KOSTENLOS HERUNTERGELADEN WERDEN KÖNNEN, WEIL DANN MEHR LEUTE AUF DIE KONZERTE KOMMEN UND MERCHANDISE KAUFEN. KÖNNT IHR DAS BESTÄTIGEN?


Sorry, aber da sind wir echt die Falschen, mit den paar Konzerten im Jahr und ohne jegliches Merch. Volles Haus sieht jedenfalls anders aus. Persönlich glaube ich aber, dass das in (sehr viel) höheren Ligen durchaus funktioniert, dann aber eben als Marketingtool.

GLAUBT IHR, DASS ES SCHWERER IST, OHNE TONTRÄGER BEKANNT ZU WERDEN ALS MIT?

Ja, im Moment noch. Wegen der erwähnten Untrennbarkeit Band/ Tonträger in Zusammenhang mit der Vorstellung, welchen Mehrwert eine Band für einen persönlich haben könnte. Das befindet sich aber an einem Umbruch, denke ich.

EURE PLÄNE FÜR DIE ZUKUNFT? Wir sind gerade dabei neue Songs feinzuschleifen, die wir im Frühjahr/Anfang des Sommers aufnehmen

WENN ICH MICH NICHT GANZ IRRE, HABT IHR BISHER MEIST NUR IM HAMBURG UND UMGEBUNG GESPIELT. SPIELT IHR BALD AUCH WEITER SÜDLICHER? Immer gerne! Aber bei uns funktioniert das ja tatsächlich so, dass wir nur spielen, wenn wir angefragt werden. Tonträger müssen wir ja glücklicherweise auch nicht loswerden. Wir wollen da keinen belästigen und uns Enttäuschungen ersparen. Das ist eigentlich die konsequente Umsetzung des Nur-Online-Releasens. Konzerte-On-Demand, haha. Wir sind praktisch nur da, wo auch ein Grundinteresse besteht. Und unangefixte

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Menschen finden sich dort immer noch genug. Fragt keiner, spielen wir eben kein Konzert. Und wie sich unsere Konzertedisco liest, hält sich das Interesse an uns in sehr überschaubaren Grenzen. Deshalb auf jeden Fall vielen Dank für Deines!

EURE PLÄNE FÜR DIE ZUKUNFT? Wir sind gerade dabei neue Songs feinzuschleifen, die wir im Frühjahr/Anfang des Sommers aufnehmen wollen. Die werden dann as usual mit Texten, Linernotes, Cover in Druckqualität und allem Pipapo auf der Seite ergänzt werden. Wer Bock hat `ne Info zu kriegen, wenn’s soweit is oder auch sonst, wenn die Seite geupdatet wurde, schreibt uns

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einfach ne Mail mit seiner eMail-Adresse. Dann gibt`s n Einzeiler, kein Newslettergeschreibsel oder so und die Frequenz liegt auch eher bei Erdzeitaltern als bei Twitter. Das ist eher gedacht, dass Interessierte da nicht n halbes Jahr täglich gucken muss, ob`s was Neues gibt. Nutzt die Zeit was Sinnvolles zu machen! SCHÖNES SCHLUSWORT! ICH BIN GESPANNT AUF EURE NEUEN AUFNAHMEN.VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW. FALK FATAL


„MUSIK IST FÜR MICH ABSOLUT ESSENTIELL, WIE DIE LUFT ZUM ATMEN“ In der letzten Ausgabe drehte sich ja viel um Punk und illegale Downloads. Dazu hatte ich Bands, Labels und Nutzer befragt. Bands, die ihre Songs freiwillig im Netz für umme anbieten, fehlten ebenso wie Betreiber von Blogs und Seiten, auf denen Alben kostenlos (und oft illegal) heruntergeladen werden können. Diese Lücke wird mit dieser Ausgabe geschlossen. Das Interview mit Kotzen, die ihre Songs ausschließlich im Netz kostenlos anbieten, konntet ihr ja schon auf den Seiten zuvor lesen. Das Interview mit Werecrow, die das Ya-Can't-go-home-Blog betreibt und dort massig Alben von Punkbands zum Download anbietet, bildet sozusagen den Abschluss des Schwerpunkts. Werecrow ist natürlich nicht ihr richtiger Name, aber der richtige Name tut hier auch nichts zur Sache.

WERECROW, STELL' DICH DOCH MAL VOR? Im Netz hab ich den Nickname Werecrow (alias Anarchia). Ich bin seit mehr als drei Dekaden „Musik-Junkie“, das heißt, der weitaus größte Teil aus meiner Musiksammlung ist für mich nicht einfach nur so zur Unterhaltung da, sondern Musik ist für mich absolut essentiell, wie die Luft zum Atmen. Ich empfinde Musik als Seelennahrung – ohne sie wüsste ich nicht, wie ich den ganzen Irrsinn auf dieser Welt überhaupt ertragen könnte! Dass was mir Musik und Konzerte geben, kann mir sonst Nichts und niemand geben. Und dank

der unzähligen Musik-Plattformen des Internets kann ich mein Bedürfnis nach immer neuen Bands und Genres aus allen möglichen Ländern stillen.

SEIT WANN BETREIBST DU DEINEN BLOG UND WAS WAR DER GRUND FÜR DICH DAMIT ZU BEGINNEN? Der Hauptgrund war, dass vor gut zehn Jahren meine komplette und recht beachtliche Musiksammlung durch einen Brand vernichtet wurde und damit ein Großteil der Tonträger unwiederbringlich verloren ging. Mit dem Musiksammeln wieder von vorne anzufangen, war und ist nicht nur

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langwierig, aufwendig und kostspielig, sondern auch häufig aussichtslos, weil es Vieles einfach nicht mehr gibt. Über diverse Musik-Seiten und Blogs konnte ich im Laufe der Jahre wenigstens einen Teil davon durch Downloads wiederbekommen und vor allem so unglaublich viel tolle neue Musik entdecken, was ohne das Netz völlig undenkbar gewesen wäre! Etwa 2007 hab ich mich dann zunehmend ins virtuelle Leben geflüchtet, weil es mir (im Real Life) nicht gut ging. Zu dieser Zeit war ich in einem großen Board für Anti-Mainstream-Music unterwegs. In dieser Community war es nicht nur wichtig, Musik auszutauschen, sondern auch Alben ausfindig zu machen, an die man nicht mehr rankommt. Dort hab ich auch angefangen, Alben hochzuladen. Als dieses Board sich dann langsam aber sicher in Luft auflöste, wollte ich die ganze Arbeit, die dahinter steckte, samt den Dateien auf den Hostern nicht einfach verloren gehen lassen und fing Anfang 2008 mit meinem eigenen Blog an. Darüber kann ich auch einen Teil wieder zurückgeben an all die anderen, die sich dieselbe Arbeit machen und mir damit so unglaublich viel geniale Musik geben konnten und an diejenigen, die genauso auf der Suche sind wie ich. Der Blog sollte aber vor allem auch eine Art Hommage an die Mitbegründer und Macher des sogenannten Crack Rock Steady/Skarcore sein, weil das etwas ganz Besonderes für mich bedeutet – das zu beschreiben, würde aber echt zu sehr ausarten, außerdem gibt es für Manches einfach keine Worte…

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DEIN BLOG IST MITTLERWEILE SEHR UMFANGREICH. NACH WELCHEN KRITERIEN WÄHLST DU DIE ALBEN AUS, DIE DU AUF DEIN BLOG HOCHLÄDST?

Zum einen nach Lust und Laune – sprich, was mich anspricht, zum andern versuche ich neuerdings auch eine Mischung aus all den Genres zusammenzustellen, die mir wichtig sind. Außerdem bitten mich immer wieder mal Bands (bisher fast 50!), ihre Sachen auf meinem Blog zu posten, was mich natürlich freut – wenn mir deren Musik gefällt, mach ich das auch gerne! Ein paar lassen mir sogar regelmäßig ihre neuen Alben zukommen. Allerdings muss ich schon sagen, dass ich seit einiger Zeit nicht mehr so viel Zeit und Lust für den Blog hab und die viele Rumhockerei vorm PC (auch bedingt durch meinen Job) mir inzwischen gesundheitliche Probleme macht. Keine Ahnung, wie lange ich noch Neues draufpacken werde oder nur noch die bisherigen Sachen drauf lasse oder ob ich das Teil auch irgendwann ganz lösche…?

IST DEIN BLOG AUF BESTIMMTE STILRICHTUNGEN SPEZIALISIERT ODER LÄDST DU DIE MUSIK QUERBEET AUF DEIN BLOG HOCH? Die Auswahl spiegelt schon meinen Geschmack wieder. Das meiste zählt irgendwie zur Kategorie Punk und Hardcore. Ich bin da aber sehr vielseitig und mag die unterschiedlichsten Sound-Variationen – ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man jahre- oder jahrzehntelang immer dieselbe Musik bzw. Genres hören kann – das ist mir viel zu langweilig! Man entwickelt


sich, also entwickelt sich doch auch der Musikgeschmack. Insofern kam neben dem geliebten Skacore immer mehr Härteres und Geböller dazu, von D-Beat und Anarcho/Crust bis hin zu PowerViolence, Thrashcore, Grindcore und alle möglichen Metal-Mixturen, wie Death und immer mehr Sludge oder Post-Metal. Daneben aber auch bestimmte Mucke aus den Bereichen Electro, Experimental, Avantgarde, Industrial und sehr schräge Sachen. Außerdem hab ich einen gewissen Faibel für die sogenannten „Exoten“ aus aller Welt und DDR-Mucke innerhalb der genannten Genres.

FRAGST DU DIE BANDS, OB SIE DAMIT EINVERSTANDEN SIND, BEVOR DU DEREN ALBEN HOCHLÄDST? Wenn ich die Bands kenne, schon. Einige Bands existieren nicht mehr. Bei vielen meiner bevorzugten Genres, vor allem aus dem Skacore,

Anarcho- und Crust-Bereich stammen die Bands meist aus der D.I.Y.-Umfeld und ich bin mir ziemlich sicher, dass es für viele okay ist. Ein Großteil dieser Bands hat definitiv nichts dagegen bzw. befürworten sogar die kostenlose Verbreitung, viele verbreiten ihre Musik selbst kostenlos, manche produzieren inzwischen sogar reine Internet-Alben. Ansonsten steht bei mir auch deutlich zu lesen, wenn eine Band oder Label das nicht möchte, kann er sich über einen Kommentar melden und dann lösch ich das auch sofort!

HAST DU DIE ALBEN ALLE IN DEINEM PLATTENSCHRANK STEHEN ODER WIE KOMMST DU AN DIE MUSIK?

Die allermeisten Alben hab ich irgendwo im Netz gefunden – „Klauen“ gehört zum Handwerk! Aber immer nur von anderen Blogs, Hostern und sonstigen Musik-Download-Seiten oder eben von Bandseiten – also nie von Torrent- oder Tauschbörsen. Einiges hab ich digital von Freunden bekommen.

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Inzwischen hab ich (trotz wenig Kohle) auch wieder gut 500 Tonträger zuhause (hauptsächlich Vinyl). Ein Teil davon befindet sich auch auf meinem Blog, manches wurde von mir selbst digitalisiert, was besonders bei Tapes und Vinyl sehr aufwendig ist. Denn ich lege schon Wert darauf, dass die Tracks korrekt getaggt sind und auch Coverund Booklet-Scans oder Band-Infos in den Files mit dabei sind. Dafür fehlt mir aber meist die Zeit. Umgekehrt habe ich auch schon häufig verdammt geile Bands irgendwo auf Blogs entdeckt und die Platten dann auf Konzis gekauft oder bestellt, vereinzelt sogar schon im Ausland. Man will ja bei bestimmten Alben nicht nur die Musik haben, sondern auch das, was da an Artwork drinne steckt!

GENAU GENOMMEN VERSTÖSST DU DAMIT HÄUFIG GEGEN DAS URHEBERRECHT. HABEN SICH BANDS ODER LABELS SCHON BEI DIR DARÜBER BESCHWERT, DASS IHRE ALBEN AUF DEINER SEITE ZU FINDEN SIND, ODER HABEN GAR SCHON MIT DEM ANWALT GEDROHT?

Ist das so? Vielleicht schon, aber woher will man immer so genau wissen, wer auf dieses Recht pocht? Und was sagt das aus? Wie viele Bands oder Labels insgesamt (aktiv oder stillschweigend) sowas monieren, kann ich natürlich nicht genau sagen, aber ich weiß von andern Blogs, dass es schon einige gibt, die sich dort beschweren, was ja auch völlig in Ordnung ist!

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Aber ich dachte eigentlich, wir bewegen uns in einer „Sub-Kultur“, in der Geld nicht die erste Geige spielt bzw. Anti-Kommerz im Vordergrund steht… Ich kann verstehen, dass Bands oder Labels (zumindest) die ganzen Unkosten reinholen wollen, aber kann man wirklich allein vom PlattenProduktionen und deren Verkauf leben? Ich denke, beides ging in der PunkSzene nie sonderlich gut und das war auch schon vorm Internet-Zeitalter so (Falls doch, ist das doch super!). Bei vielen Bands aus den genannten Genres ist Urheberrecht oder Kohle zweitrangig, weil ihnen der Spaß am Musikmachen wichtiger ist und dass das, was sie machen, in erster Linie als Botschaft bei den Leuten ankommt. Trotzdem verkaufen

sie oft ziemlich viel von ihren Sachen. Einige dieser Bands pressen oft nur 500 Alben, die sogar häufig schnell ausverkauft sind, und packen diese Alben danach selbst auf ihre Web-Seiten zum kostenlosen Download – wenn sie es nicht sogar sofort beim Erscheinen tun. Bei mir gab es bisher vereinzelt Beschwerden, vermutlich eher von Labels, aber nicht direkt auf meinem Blog, sondern meist über die Hoster und zweimal über Google. Bisher haben mich zwei Bands direkt angeschrieben, ihre Sachen runter zu nehmen, was mir in jedem Fall lieber ist, als wenn das anonym über die Hoster läuft. Dort bekomme ich nämlich oft keine konkrete Rückmeldung, welche Bands oder Alben das betrifft! Wenn jemand das also nicht will, dann soll er doch bitte einen Kommentar auf meinem Blog hinterlassen!


GAB ES AUCH SCHON POSITIVE RESONANZ VON BANDS ODER LABELS?

Ja, die gab es sogar schon öfter! Kalle von Bonehouse zum Beispiel meinte, das wird ja mal Zeit, dass ihre Alben endlich mal auf einem Blog erscheinen. Ein Bandmitglied von Red With Anger hat mir gleich noch das gesamte Material gegeben, samt dem unreleased stuff! Und Chris von RiotSka Records hat mich gebeten, alle Skacore-Alben auf meinem Blog, die man bei ihm bekommen kann, mit dem entsprechenden Link zu seiner Seite zu versehen, was ich natürlich auch gemacht hab.

ICH KANN VERSTEHEN, WENN BANDS ES BLÖDE FINDEN, DASS IHRE PLATTEN SCHON KURZ NACH IHRER VERÖFFENTLICHUNG IM NETZ ZU FINDEN SIND. HAST DU EINE GEWISSE SPERRFRIST, BEVOR EINE PLATTE ONLINE GEHT? ODER ANDERS GEFRAGT. WIE ALT MUSS EIN ALBUM SEIN, BEVOR ES AUF DEINEM BLOG ERSCHEINT? Kommt drauf an, seit einiger Zeit hab ich es zunehmend bewusst vermieden, die neuesten Scheiben zu posten und etwa ein Jahr gewartet – selbst dann, wenn die sonst überall im Netz zu finden waren. Bei Bands, bei denen ich mir aber sicher war, dass es ok ist, hab ich sie auch früher gepostet. Und es gibt wie gesagt einige Bands, die mich regelmäßig bitten, ihre neuesten Sachen direkt auf meinem Blog publik zu machen.

ICH DENKE, DEN BLOG ZU PFLEGEN, BEDEUTET EINIGES AN AUFWAND. WAS BEREITET DIR DIE GRÖSSTE ARBEIT?

Ganz klar dann, wenn ich selbst was digitalisiere, vor allem Vinyl und Tapes. Aber auch sonst ist es schon Arbeit: Die zumeist gefundenen Sachen müssen ja auf Richtigkeit kontrolliert oder vernünftig getaggt werden. Meist suche ich im Netz zusätzlich nach Covern und Infos über Band und Album oder Labels und Vertriebe, wo man die Alben kaufen kann – sofern man diese Infos findet. Das kommt dann alles in die Zip-Datei mit rein. Auch das Hochladen auf die sogenannten One-Click-Hoster und das Posten dauert seine Zeit. Aktuell hab ich das Problem, dass die gesamte Suchfunktion auf dem Blog unerklärlicherweise plötzlich nicht mehr funktioniert – das heißt ich muss alle Alben noch mal einzeln zusätzlich mit allen Bandnamen taggen, was’ne Weile dauern wird. Die meiste Arbeit aber ist das Verwalten von fast 2.500 Uploads – das ist die reinste Sisyphus-Arbeit. Zum einen, weil ich Listen über alle geuppten Alben führe und immer wieder kontrolliere, ob irgendwas wegen zu seltener Downloads von den Hostern gelöscht wurde, was häufig passiert!


Zum andern hat sich die ganze HosterSzene mit der ganzen Copyright-Debatte und spätestens seit der Sache mit MegaUpload (wo fast alle Alben von mir gehostet waren) sehr stark verändert. Einige Hoster haben aufgegeben, andre haben sich nur gebildet, um kurzfristig abzukassiern und dann wieder zu verschwinden und die meisten haben ihre Bedingungen verschärft. Seitdem bin ich eigtlich nur noch damit beschäftigt, ständig sämtliche bisherigen Alben wieder neu zu re-uppen, um sie auf mehreren Hostern zu verteilen, um sie dann aus den genannten Gründen immer wieder zu verlieren, was ziemlich nervt! Ich glaube, ich lade allein dadurch fast die Hälfte gerade zum vierten oder fünften Mal komplett wieder hoch! Das nervte mich zuletzt so sehr, dass ich am liebsten den ganzen Blog mitgekickt hätte!

Übrigens wollte ich noch mal ausdrücklich darauf hinweisen, dass ich weder mit dem Blog, noch mit den Hostern Kohle verdiene und auch keine Kohle an Hoster zahle! WAS DENKST DU, WIE WIRD SICH DIE MUSIKALISCHE NUTZUNG IN DEN KOMMENDEN JAHREN ENTWICKELN? WERDEN LABELS UND TONTRÄGER AUSSTERBEN UND MUSIKBLOGS WIE DEINES WERDEN DER TYPISCHE WEG SEIN, UM AN MUSIK ZU KOMMEN? Natürlich verändern sich Dinge, aber das muss ja nicht unbedingt immer nur negativ sein – es gibt schließlich nicht nur Schwarz und Weiß! Es wird immer Menschen in unseren Szenen geben, denen viel daran liegt, Bands und Labels zu unterstützen, die gern und regelmäßig auf deren Konzerte gehen und deren Merch kaufen,

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selbst dann, oder gerade weil sie deren Alben erst durch das Internet entdeckt haben – wer weiß schon, ob sie es sonst auch getan hätten? Insofern trägt das Netz auch dazu bei, Bands bekannter zu machen, aber es sorgt auch für ein extremes Überangebot an Material, was man aber auch nicht alles kaufen kann! Ich frag mich oft, ob es schon immer SO viele Bands gab!? Allerdings ist die eigentliche Frage doch vielmehr: Führt die kostenlose Download-Möglichkeit grundsätzlich dazu, dass ein Album nicht gekauft wird bzw. dazu, dass immer weniger Musik gekauft wird? Oder andersrum: Würde man tatsächlich mehr kaufen, wenn es die Downloads nicht im Netz gäbe? Diese Fragen sind sicherlich nicht eindeutig zu beantworten – vor allem gerade in unseren Szenen. Auch ein Rückgang von verkauften Alben sagt nicht unbedingt aus, dass das allein am Internet liegt. Insgesamt sehe ich, dass die Leute einfach immer weniger Kohle haben, egal für was. Der einzige Unterschied ist doch, dass man durchs Runterladen einfach nur mehr Musik hat – kaufen könnte ich diese Riesenmenge (250 GB!) niemals, denn dafür bräuchte ich 1. einen Geldscheißer und 2. ein Extra-Zimmer! Und selbst wenn ich das hätte, glaube ich nicht, dass ich mir diese Tonnen von Hart-Plastik in meiner Bude stapeln würde – wofür? Das, was mir wirklich wichtig ist und was ich unbedingt haben will, kaufe ich trotzdem weiterhin, selbst dann, wenn ich auch mal 10 Euro für eine EP aus Schweden hinlege, weil es die hier nicht gibt!


Also hat sich da zumindest bei mir nicht sonderlich viel geändert. Und die Meisten, die ich kenne, handhaben das ähnlich. Das Netz bietet Bands und Labels auch Chancen, diese neuen Alternativen für sich zu nutzen, aber es sollte eben nicht so sein, dass sich nur die Falschen damit dumm und dämlich verdienen. Und man sollte auch mal bedenken, dass das Internet vielen Leuten weltweit ermöglicht, an Musik ranzukommen, die sie sonst niemals hören oder bekommen könnten – sei es, weil sie am anderen Ende der Welt wohnen oder weil ihnen dazu einfach die Möglichkeit oder die Mittel fehlen. Ich hab auch schon vergeblich versucht, Platten zu bestellen. Und vielleicht fährt ja gerade in diesem Moment jemand in Weißrussland voll auf euer FRONT-Demo-Tape ab, das bei mir auf dem Blog gepostet ist – wäre doch geil oder nicht!? Ich denke aber, es wird immer Musiker geben, die einfach Musik um der Musik willen machen oder aus Spaß und denen Kohle nicht so wichtig ist, sondern dass ihre Musik und ihre Message ankommt. VIELEN DANK FÜR DAS INTERVIEW. Werecrows Blog findet ihr hier: ya-cant-go-home. blogspot.de Wenn euch das „PUNKS & DOWNLOAD-SPECIAL“ aus der Nummer 6 entgangen sein sollte, könnt

ihr das hier nachlesen: www.trashrock. de/2011/04/28/copy-kills-musicindustrybut-does-it-kill-punkrock Wer zum Abschluss eine fertige Meinung von mir erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Macht euch euer eigenes Bild. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn Musik (auch die meiner Band oder meines Labels) kostenlos im Netz angeboten wird. Aber mich stört noch immer, dass das oft ungefragt und oft direkt nach Veröffentlichung einer neuen Platte geschieht. Da würde ich mir mehr Kommunikation und vielleicht eine Art Sperrfrist wünschen. Ich denke in einer Szene, wie der Punkszene, die gerne von sich behauptet, anders und besser als der Mainstream zu sein, sollte das doch gehen. Und wer sich Musik irgendwo kostenlos zieht und Gefallen an der Platte findet, sollte das auch honorieren. Oi! Und jetzt Schluss mit Downloads und digitalem Mist. Punk findet auf der Straße statt. Und in kleinen, verruchten Kaschemmen... FALK FATAL

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Wer den Mittelfinger seit seinen Anfangstagen liest, wird mein Lamento kennen: Wiesbaden ist eine tote Stadt. Boring City Spiessbaden, nichts geht hier, Rien va plus, kein Freispiel mehr drin. So ging das jahrelang. Das war zwar Jammern auf hohem Niveau, denn gute Konzerte und gute Läden gab es auch vorher. Aber Schlachthof und Kulturpalast sind halt kommerzielle Läden, von denen viele Menschen einen Teil oder komplett leben müssen. Klar, dass da nur selten zwar geile, aber (noch) unbekannte Punkbands spielen können. Und das Café Klatsch ist ein toller Ort zum Bier- oder Cafétrinken, an dem man oft nette Menschen trifft. Aber man will halt nicht jeden Abend in die dieselbe Kneipe gehen. Was Snobcity Wiesbaden eindeutig fehlte, war ein kleiner, feiner Laden, in dem es möglich ist, unkommerzielle Konzerte zu veranstalten und in dem der DIY-Gedanke hochgehalten wird. In Wiesbaden eigentlich ein Unding, denn geeignete Räumlichkeiten sind rar. Und in der Innenstadt

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haben schon stinknormale Kneipen Ärger wegen Lärmbelästigung mit den Anwohnern. Wie soll es da also möglich sein, gescheite Konzerte zu veranstalten. Doch man höre und staune: Es geht! Seit zwei Jahren gibt es kaum ein Wochenende, an dem nicht ein Konzert stattfindet. Der Grund: das Sabot. Ein schmaler Gewölbekeller. Links eine kleine Bühne, rechts eine Theke. Dazwischen ein langer Schlauch, der fast aus allen Nähten platzt, wenn 50 Leute gebannt auf die Bühne starren. Und auf der stehen oft kleine, unbekannte Bands, die noch kaum einer kennt. Und von denen man sich gerne überraschen lässt. Manchmal positiv, manchmal negativ. Aber immer trifft man nette Leute und hat einen guten Abend, auch wenn die Band ein Totalausfall war. Und wenn man einfach mal so ein Bier trinken will und dabei Punkrock will, geht man donnerstags zur Haifischbar, dem Punkabend im Sabot. Endlich wieder ein Ort, an dem viele Szenemenschen zusammen-


Something Weird kommen und eine gute Zeit verbringen. Der Laden drei bis fünf Tage die Woche offen, geführt wird er ehrenamtlich. Alle Einnahmen dienen dazu die Kosten zu decken und was übrigbleibt, fließt zurück in den Laden. Das hat gefehlt. Mir zumindest. Und ich glaube vielen anderen Szenehasen in Wiesbaden auch. Und dafür gehört den Mädels und Jungs von der Kulturkneipe Sabot, wie sich offizielle genannt wird, mein Dank und Respekt. Neben Punkrock, Hardcore, Ska gibt es regelmäßig Rock’n’Roll-Nighter und -Konzerte, Hip-Hop-Abende, an de-

Am schönsten ist es immer an der Theke

Stage Bottles nen sich MCs um den besten Freestylerap batteln, Elektropartys und Politveranstaltungen. Neben bekannteren Bands wie Stage Bottles, Off with their Heads, Front, Dulac oder Prinzessin Halt's Maul sind neben vielen kleineren Bands aus der Region auch schon zahlreiche Bands aus Europa oder Übersee im Sabot aufgetreten, wie zum Beispiel Flying Over (Frankreich), The Lizards (Spanien), Panic Attack (USA), Pink Flamingos (Frankreich), Red City Radio (USA) oder New Bruises (USA), um nur einige zu nennen. Es geht


wieder etwas in Spiessbaden! Doch wie konnte es passieren, dass plötzlich so etwas in dieser Stadt passieren kann? Und das mitten in der Innenstadt, mitten im Wohngebiet? Dafür brauchte es motivierte, zugezogenen Menschen, denen das subkulturelle Angebot in der Stadt zu wenig DIY war. Und eine Kellerkneipe, dessen Betreiber in den vergangenen Jahren häufiger gewechselt haben, als Kiddiepunker „Haste mal n‘Euro?“ sagen können. „Eine lebhafte Szene braucht DIY, aber das gab es in Wiesbaden nicht“, sagt Raidy, der seit etwa 2008 in Wiesbaden und Umgebung lebt und einer der Mitbegründer des Sabots ist. „Eigentlich haben wir nur einen Raum gesucht, in dem wir boxen können. So sind wir an den Keller gekommen. Und dann wuchs daraus relativ schnell der Plan, daraus eine Knei-

pe und Konzertladen zu machen.“ Ein Trägerverein wurde gegründet und Ende Februar 2011 konnte das Sabot endlich eröffnen. Entscheidungen werden seitdem im Plenum basisdemokratisch getroffen. Und bisher läuft es verhältnismäßig reibungslos. Mitten in der Innenstadt gelegen, könnte man erwarten, dass die Anwohner Amok laufen, wenn die Punkerhorden einfallen, um Party zu feiern. Doch bisher halte sich das in Grenzen, sagt Raidy, den manche vielleicht auch Schlagzeuger von Chaosfront kennen. „Wir achten darauf, dass es vor dem Laden ruhig bleibt. Wir ermahnen die Besucher, wenn sie vor dem Laden stehen, sich ruhig zu verhalten. Das bekommen natürlich auch die Anwohner mit. Von daher sind bisher kaum Klagen von den Anwohnern gekommen“, sagt Raidy. Der größte Ärger kam bisher aus anderer Richtung. Von der Gema, mit einer horrenden Nachzahlungsforderung in vierstelliger Höhe. „Es hat lange gedauert, denen klar zu machen, dass bei uns vie-

The Lizards


le Bands spielen, die nicht Mitglied in der Gema oder einer anderen Verwertungsgesellschaft sind“, sagt Raidy. Mittlerweile habe man sich aber mit der Gema einigen können und sei jetzt in einen vergleichsweise günstigen Tarif einsortiert worden. Existenzielle Bedrohungen seien in der Vergangenheit eher dadurch entstanden, dass sich zu wenig Leute im Laden engagiert hätten, sagt Raidy. „Es wird halt schwierig solch einen Laden am Laufen zu halten, wenn immer dieselben vier, fünf Leute jeden Abend an der Kasse und hinter der Theke stehen.“ Doch Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Ernste Worte ans Publikum, ein Aufruf an Gäste und Sympathisanten: Jetzt flutscht es wieder. Hinter der

Theke sieht man neue Gesichter, das Publikum kauft sein Bier lieber an der Theke als im Netto. Der Eintritt wird ohne Verhandlungen bezahlt. Die Warteschlange der Menschen, die mal ein Konzert im Sabot veranstalten wollen, wird wieder länger. „Momentan läuft der Laden. Die Konzerte sind gut besucht. Die Bands, die hier spielen, sind zufrieden. Ich denke, mittlerweile wird das Sabot gut angenommen“, sagt Raidy. Und hat damit vollkommen recht. Und doch könnte die Vielfalt Raidys Meinung nach größer sein. „Bisher spielen fast nur Punk-, Hardcoreoder Rockabillybands bei uns. Da könnte ruhig noch mehr aus anderen Musikrichtungen kommen.“ Und künftig soll das „Kultur“ im Namen mehr

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zum Tragen kommen. Lesungen, Comedy oder auch Liedermacherabende kann sich Raidy gut vorstellen. „Wir sind offen für alles.“ Nur Stoner- und Indierockbands werden im Sabot keine Auftrittsmöglichkeit bekommen. „Die haben genügend andere Orte, an denen sie spielen können“, sagt Raidy. Für die Zukunft wünscht sich Raidy, dass das Sabot dabei hilft, den DIY-Gedanken in Wiesbaden mehr zu etablieren. Dass sich eine Szene entwickelt, die nicht nur konsumiert, sondern auch selbst aktiv wird. „Es wäre schön, wenn sich aus unserem Engagement im Laden etwas entwickelt und das in zehn Jahren andere Leute hinter der Theke stehen als heute, dass sich eine neue junge Generation entwickelt, die selbst etwas macht und tätig wird.“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer

Die Bühne vielleicht, dass ihr dem Sabot ruhig einmal einen Besuch abstatten solltet, wenn ihr in der Stadt seid. Und wenn ihr aus Stadt seid, dann sowieso. Wir sehen uns. FALK FATAL Öffnungszeiten und das aktuelle Veranstaltungsprogramm findet ihr unter kulturkneipe-sabot.de


ZEITSPIEL Das schlimmste hier war das Warten auf die nächste Bekloppte am anderen Ende der Leitung. Noch einmal die Telefonnummer durchsagen, noch einmal darauf hinweisen, dass die erste Beratung umsonst ist. Umsonst und kostenlos, nur dass man das wiederum nicht sagen darf. „Hallo?“ Wieder eine krächzende, altersschwache Stimme. „Gerda, 109 Jahre alt, mit einem Bein im Grab, das andere könnte noch während des Gesprächs folgen“, denke ich, aber beantworte das Telefonat lehrbuchhaft: „Hallo! Wer ist denn da in der Leitung?“ „Hier ist die Gisela. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ich durchgekommen bin.“ „Ich kann nicht glauben, dass du

in der Lage bist, ein Telefon zu bedienen“, schießt es durch meinen Kopf, doch ich lächele möglichst wenig verlogen und freue mich nach außen mit der Anruferin. „Ja, Gisela, am Samstagmorgen geht das ganz einfach. Viele sind Einkaufen oder anderweitig beschäftigt und so erwischen viele eine freie Leitung. Wie alt bist du denn, Gisela?“ Immer wieder beim Vornamen anreden, das schafft Vertrauen und eine persönliche Basis. Dieses Vertrauen werden wir, im Laufe der Zeit, schamlos ausnutzen. Die Leute rufen immer und immer wieder an, wenn sie einmal durchgekommen sind. Und wenn sie nicht durchgekommen sind, rufen sie erst recht wieder an. Man zweifelt an der Menschheit und insbesondere an alleinstehenden Frauen im Alter von über 50 und mit Beziehungsproblemen. Vorname und Alter reicht für eine Beratung, für „eine seriöse Bera

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tung“, wie ich manchmal erwäge zu ergänzen, es dann aber doch lasse. Natürlich ist das hier alles totaler Quatsch, so seriös wie Wunderheilung von Krebs durch Mineralwasser, Steine in Hosen gegen Potenzprobleme oder Verhütung durch Handauflegen. Doch während Gisela noch anhand der Falten auf der Hand ihre Jahresringe bestimmt, fange ich schon an die Karten zu mischen.

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„69!“ Die Stimme knarzt richtig unangenehm durch den Hörer. Ein wenig kräuseln sich meine Nackenhaare. Gisela ist definitiv alleinstehend. Ich mische das nullachtfünfzehn Skatkartenspiel und lege wahllos irgendwelche Karten in eine völlig krude Reihenfolge. Dazu sage ich „aha“ und „oh“. Das erwarten die Anruferinnen. „Ich sehe hier den Herzbuben in


der Mitte ihres Hauses.“ Das mit dem Haus habe ich mir nicht ausgedacht. In der Vorbereitung zu meiner ersten Sendung hat irgendein teuflischer Regieassistent drauf gedrängt, denn die Karten lagen zufällig in Haus-Form. Naja, in „Kinder-malen-Nikolaus-Häuser“Form, aber das ist egal. Die senilen Omas, willigen Witwen und frustrierten Alleinstehenden achten

eh nicht darauf, was ich mache. Andere Kollegen und Kolleginnen legen Tarot-Karten, sind selbst ein Medium und können mit den Toten, den guten Geistern oder mit der Zukunft Kontakt aufnehmen oder sie lesen aus Rauch, Kristallkugeln, Steinen oder Bohnen. Ja, richtig, Bohnen! Kollege Karl, der den Scheiß hier schon seit Jahren betreibt und der zynischen Hälfte der Angestellten zuzuordnen ist, liest mittlerweile aus Bohnen. Er schmeißt das grüne Gemüse auf den Tisch vor sich hin, zählt mystisch – „eins, zwei, drei, aha. Ein, zwei, sechs, aha. Eins, drei … das sieht nicht gut aus“ – und erzählt irgendeinen Unsinn. Eigentlich wollte er aus live geschlachteten Eingeweiden lesen, aber das war selbst unserem Sender zu hart. Also Bohnen! Karl und ich gehören zu der Hälfte Zyniker/innen hier, die an nichts glauben. Kein Gott, kein Staat, kein Flaschenpfand – und vor allem nicht an Vorhersagen aus Karten oder von irgendwelchen Bekloppten, die sich für ein Medium halten. Denn das ist die andere Hälfte der Belegschaft, vollkommen wirre Gurus, Wahrsager/innen, Medien, Drogis und Vollidioten, die fast alle mal Monate in Indien oder Tibet verbracht haben, Erleuchtung auf Drogen fanden und in der Regel nicht in der Lage sind, eine Busfahrkarte zu kaufen. Daher fahren die Beklopptesten und Unzurechnungsfähigsten hier im Sender mit dem Auto aus ihrem Ashram in der hessischen Provinz. „Oh, ist das gut, dass der Herzbube in der Mitte liegt?“ Gisela hält die Spannung nicht mehr aus. Natür-

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lich nicht, oder doch, oder es ist so etwas von scheißegal. „Natürlich Gisela, natürlich ist das gut.“ Ich spiele erst Überraschung über die ungläubige Frage, doch dann besinne ich mich der armen Gestalt und kläre sie auf: „Ich sehe einen Herzbuben, auf Sie zu kommen.“ Kreativität ist hier nicht gefordert. „Sie sind momentan nicht in einer festen Beziehung oder zweifeln an dieser!?!“ Eine Aussage, die immer passt. Leute, die so bekloppt sind und ein Euro schlagmichtot pro Minute in unsere Telefonhotline blasen, sind entweder wahnsinnig allein, haben Liebeskummer, sind völlig verzweifelt oder sind so bekloppt, dass sie die Aussage nicht verstehen. „Ja, vor fünf Jahren ist mein Mann verstorben.“ Die ganz Abgebrühten unter uns würden jetzt für die wahnsinnige Walburga Werbung machen, da diese mit den Toten spricht, irgendwann zwischen 23:00 und 1:00 Uhr nachts. Doch so abgebrüht bin ich nicht. Ehrlich gesagt, trotz Ab-

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stumpfung und Zynismus, habe ich ein wenig Mitleid mit den meisten Anruferinnen. Und Wortwechsel mit Walburga würde ich nicht mal meinem schlimmsten Feind zumuten. Doch als ich sehe, dass der Kameramann und sein Assistent nahezu zeitgleich einen Blowjob simulieren, muss ich doch grinsen. „Ich habe gute Nachrichten, ein neuer Mann wird in ihr Leben treten.“ Das erfreut alle, so auch Gisela. „Nur, er wird sie an ihren verstorbenen Mann erinnern. Sie sollten die beiden aber nicht vergleichen und ihr neues Glück ohne Gewissensbisse genießen.“ Was eine verlogene Scheiße. Auf die Nachfrage: „Wann?“, antworte ich „noch im zweiten Quartal des nächsten Jahres“, weil dann Frühling ist und statistisch verlieben sich zu dem Zeitpunkt die meisten Menschen. Hobby-Psychologie, dreiste Lügen und gefährliche Halbweisheiten, das ist mein Leben, das ist meine Arbeit. Wenn ich recht haben sollte, wird Gisela ab dem Zeitpunkt fast täglich anrufen und eine private Beratung verlangen. Das bedeutet für mich extra Einnahmen. Sie wäre nicht die Erste in meinem Fanclub. Ich höre ein glückliches Glucksen am Ende des Hörers, spiele noch etwas mit der Kreuz Sieben und diversen anderen Zahlen, denen ich jedes Mal eine andere Bedeutung zu schiebe. Wie sollte ich mir auch den Scheiß merken, den ich hier erzähle? Wichtig nur, immer erklären, dass während die Bilder eine feste Symbolik haben – Herzdame, Herzbube, Pik Ass – die Zahlen in ihrer Konstellation zueinander


ihre Symbolik verändern können. Das glaubt jede/r und ich muss mir nicht den Mist behalten, den ich hier vor laufenden Kameras verzapfe. Bei Stefan Raab war ich zwar schon ein, zweimal mit völlig gegensätzlichen Behauptungen bei genau dem gleichen Blatt. Doch dann lachen ein paar gutbürgerliche Student/innen, einige Medien und Blogs schreiben was mit „Skandal“, aber seien wir ehrlich, wen juckt das? Mich nicht und auch nicht die Klientel unseres Senders. Die schauen nämlich weder Privatfernsehen nach zweiundzwanzig Uhr, noch nutzen sie das Internet für diese Zwecke. Gabi, Gudrun oder wie die Alte hieß, hat aufgelegt. Namen merke ich mir grundsätzlich nur bis zum Klicken des Hörers auf der Gabel. Oder bis jemand das rote Zeichen gedrückt hat. Wobei, unsere Klientel hat noch Hörer, Gabel und Kabel. Egal, Namen spielen keine Rolle, solange die Damen nicht meinem Fanclub angehören und sich regelmäßig melden. Für diese Fälle führe ich Statistiken, denn mit meinen treuen Stammanruferinnen – und dem einen Typen unter den knapp 50 Fans – darf ich es mir nicht

verscherzen. Über diese Personen weiß ich fast alles und lege Profile an. Normalerweise ist diese Art von Einzelberatung nicht live im Fernsehen und ich kann während des Telefonats mitschreiben. Wenn sie mich doch mal live erwischen, Pech gehabt, dann muss ich mir die Aufzeichnung und somit den ganzen Schwachsinn noch einmal ansehen. Aber nun ist Gerda, Gottlos oder G.Punkt aus der Leitung und die Nächsten versuchen schon verzweifelt in meine Sendung zu kommen. „So, jetzt ist es kurz vor 12, einen Anrufer oder eine Anruferin hat noch die Chance.“ Die

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männliche Form kann ich mir eigentlich schenken, aber das suggeriert Gleichberechtigung, Emanzipation und Glaubwürdigkeit. Generell kann ich in jeder klaren Minute aber gar nicht fassen, was ich hier tue. Samstagsmorgens, bis vier Uhr gesoffen und gekifft, und nun sitze ich hier schon seit zwei Stunden und habe irgendeinen Blödsinn von mir gegeben. Die Leute schnallen nichts. Ich stinke dazu wie ein Otter nach Restalkohol und habe Kopfschmerzen, aber bisher gibt es zu meinem Glück weder Geruchs- noch Gefühlsfernsehen. Wenn das kommt, ist der Samstagmorgen für mich keine Arbeitszeit mehr, soviel steht fest. Es klickt erneut in der Leitung. „Hallo, Beate hier, 95.“ In meinen Kopf rattert es, während ich Beate begrüße. Die war schon zu alt für die Hitler-Jugend. Oh weia! Ich mische wieder die Karten und los geht’s. In dem Alter geht es nicht mehr um Herzbuben und Herzdamen. Hier geht es um die Familie, um die Enkel. „Ich sehe, Du hast viele Enkel, Beate.“ „Ja, insgesamt acht Enkel.“ Ein Treffer. Ich frage mich, ob ich es wagen soll und einen Sohn ins Gespräch zu bringen. Söhne machen häufiger Ärger als Töchter, vor allem weil sie

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Ehefrauen haben, die noch mehr Konkurrenz- und Konfliktpotential mit sich bringen. Bei acht Enkeln muss ein Sohn dabei sein. „Oh, ich sehe, dass das Pik Ass im Zentrum liegt. Du hast Kummer.“ Beate bejaht. Leichtes Spiel für mich. „Bei dem Kreuzbuben könnte es sich um deinen Sohn handeln.“ Wieder ein Treffer. Geil, kurz vor zwölf und so einen Lauf. „Du hast ihn bzw. deine Enkel länger nicht gesehen, richtig?“ Bang, bang, bang. Schützenfest im Astro-Kanal, jeder Schuss ein Treffer. „Ich habe Krebs“, krächzt es leise durch das Telefon, doch ich verstehe es in dem Moment in der Livesendung nicht und werde die Worte erst hören, als mein Chef mir später das Video vorführen wird und ich denke, er prügelt mich gleich durch den Besprechungsraum. Doch in der Livesendung sage ich nur „Du musst dem ganzen Zeit geben“, während irgendetwas zeitgleich mit meinen Worten krächzt.


Wahrscheinlich hatte Beate irgendetwas Unwichtiges gesagt, denke ich, aber es war mir scheißegal. „Wirklich?“ Die alte Schachtel klingt traurig, aber ich beschwichtige sie. „Ja, Zeit ist nun das Wichtigste. Dränge niemanden, nimm dir Zeit und die Zeit löst die Probleme.“ Eine unangenehme Pause, in der ich einfach ein paar Karten über den Tisch schiebe. „Anbau an das Haus“, denke ich. „Oder eine schöne Garage. Vielleicht mache ich mal Beratungen zum Autokauf“, erwäge ich, bis Beates Stimme wieder hörbar zu Worte kommt: „Ja, wenn die Karten das sagen. Danke.“ Dann legt sie auf. „Feierabend“, würde ich am liebsten laut schreien, doch stattdessen gebe ich mich seriös, verweise auf andere Sendungen, verweise auf Privatberatungen und grüße meinen Fanclub. Dann wünsche ich ein

schönes Wochenende und fertig. Erst jetzt bemerke ich, wie die skrupellosen Kabelträger und Regieassistenten laut schreien und lachen. „Alter, die Alte hatte Krebs und Du spielst auf Zeit, was bist du ein abgewichstes Arschloch.“ Sie klopfen sich auf die Schenkel und ich verstehe Bahnhof. „Das hat noch keiner hier gebracht, das sprengt die Grenzen …“ höre ich meinen Chef rufen. Er zitiert mich sofort in den Besprechungsraum. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“ fragt er mit lauter Stimme. Ich verstehe nur Bahnhof. Er zeigt mir den Ausschnitt, als die Frau „Ich habe Krebs“ sagt, während ich gerade abgelenkt bin. „Jetzt werde ich meine Papiere bekommen“, vermute ich. Diesmal werde ich nicht nur bei Stefan Raab zitiert, sondern auch vor den Fernsehrat und in der Bild-Zeitung. Der Chef knallt mir irgendwelche Papiere hin und sagt nur: „Neuer Vertrag, Gehaltserhöhung! Das war brillant!“ MIKA RECKINNEN

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„Das sind die schnellsten Laufschuhe, die jemals hergestellt worden sind. Die wurden speziell für meine angepasst“, sagt er und strahlt den Verkäufer im Zeitschriftenladen im Bahnhof an. Zuvor hatte er dem Armen schon erklärt, dass Jochen Rindt in Mainz geboren wurde (was stimmt), dass er Berater und Profi sei und vor jedem Termin mindestens fünf Stunden vor der vereinbarten Zeit am Ort ist. Hoffentlich hat er nie Termine um 9 Uhr denke ich mir, während ich durch die reichhaltige Auswahl an Heimwerkermagazinen blättere, die der Zeitschriftenladen im Wiesbadener Hauptbahnhof dem DIY-Freund zu bieten hat. „Aber wirkliche Profis findet man nur selten in diesem Metier“, ruft er lautstark durch den Laden. Der Verkäufer schaut ihn leicht irritiert an und nickt dann doch verständnisvoll. Das kennt er bestimmt auch, das man viel zu

selten mit Profis zusammenarbeitet. „Ohm, ja“, murmelt er noch. Vielleicht will er auch nur weiter seine Bianca-Romane einräumen und hofft, dass der Spinner möglichst bald weiterzieht. Eine Zeitschrift

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hat er übrigens nicht in der Hand. Ich linse über die Ausgabe von „Baumarkt aktuell“, die ich in den Händen halte, und betrachte mir den Menschen mit den schnellsten Laufschuhen der Welt genauer. Die Schuhe sind von Nike. Und sehen abgewetzt aus. Oberhalb der Schuhe trägt er einen Laufbody(namen finden). Braungebrannt ist er auch. Und die Haare sind graumeliert. Ich schätze mal, dass er Anfang 50 ist. Einen gut gefüllten schwarzen Rucksack trägt er zudem. Aber irgendetwas stimmt nicht an ihm. Es ist seine Stimme. Beziehungswei


se die Lautstärke derselbigen. Er will nicht einfach nur smalltalken. Er will vor allem von allen dabei gehört werden. „Und kennen Sie den Randolf Beitinger? Das ist der einzige Profi, mit dem ich zusammenarbeite“, ruft er daraufhin. Ich kann mir das gut vorstellen, wie er und Beitinger um 4 Uhr morgens an irgendeinem Provinzbahnhof stranden, sich erst einmal eine Automatensuppe ziehen, den Laptop aufklappen und sich dann gewissenhaft auf ihr Meeting vorbereiten. Fünf Stunden vor der Zeit ist die rechte Pünktlichkeit! Sagte ja auch schon meine Mutter. Ich bin zufrieden. „Baumarkt aktuell“ ist ein gutes Blatt! Sozusagen die Plastic Bomb der DIY-Szene – und gehe damit zur Kasse. Der Profi erzählt weiter. Ich verlasse den Laden und laufe durch die Bahnhofshalle weiter zu „Ihr Platz“. Ich brauche Labello. Meine Lippen sind rau wie Schmirgelpapier. Das kommt beim Küssen nicht gut. Ich gestehe, ich habe mir zuvor noch nie Labello gekauft und irre erst einmal ein wenig durch den Laden, bis ich die Labello-Auslage gefunden habe. Die Auswahl ist

für einen Unwissenden wie mich viel zu groß. Doch die Katze im Sack kaufe ich deshalb trotzdem nicht. Ich studiere gründlich die mir feilgebotenen Produkte. „Labello normal“, für normale Lippen. „Labello Ultra“ für trockene Lippen. „Labello Urea Ultra“ für sehr trockene Lippen. „Labello Dry“ für feuchte Lippen. Letzteres kann ich für mich ausschließen. Aber die anderen Sorten könnten etwas für mich sein. Welcher LabelloTyp bin ich? Eine Frage, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Diese Gedankenlosigkeit rächt sich jetzt. Denn ich habe keine Ahnung, welche Labello-Sorte für meine Lippen die richtige ist. Und eine der Verkäuferinnen fragen, traue ich mich nicht. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe trockene Lippen, aber ich weiß nicht, ob ich jetzt der Ultra oder Urea Ultra-Typ bin. Können Sie mir vielleicht weiterhelfen?“ Am Ende würde sie vielleicht noch sagen: „Küssen Sie mich mal, dann kann ich sagen, welches Lippenpflegeprodukt, das richtige für Sie ist.“ Gruselige Vorstellung. Also starre ich weiter gebannt und interessiert auf die verschiedenfarbenen Labelloröllchen. Und dann betritt mein Freund vom Lauftreff den Laden. Das Handy am Ohr. Lautstark spricht er Worte in das Gerät. „Der Schmidt von der Buchhaltung sieht das aber ganz anders. Ich habe gerade eben mit ihm gesprochen. Nein, nein, nein, Klaus, so läuft das nicht!“ Habe ich übrigens erwähnt, dass es Sonntag ist? Aber egal, Schmidt ist ein Gewissenhafter, denke ich mir, als er plötzlich das Handy vom Ohr nimmt (ich

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gestehe, von dem Moment an, wo er den Laden betrat, habe ich ihn aus dem Augenwinkel aus beobachtet) und brüllt: „Bezahlen Sie das! Bezahlen Sie das! Das ist Diebstahl, was Sie da machen. Haltet den Dieb!“ Und dann tragen ihn die schnellsten Laufschuhe der Welt aus dem Laden. Ich blicke mich um. Ich sehe in den Gesichtern der übrigen Kunden und Angestellten nur Fragezeichen. Sollte der einzige Profi im Laden wirklich einen fiesen, gemeinen Ladendiebstahl bemerkt haben und sonst niemand? Ich entscheide mich schließlich für „Labello Ultra Urea“. Keine Ahnung, ob meine Lippen nur trocken oder sehr trocken sind. Aber ich will schnell wieder küssen. Und im Zweifel hilft viel, viel. Zufrieden mit meiner Entscheidung, schlendere ich zur Kasse, als plötzlich er wieder laustark polternd den Laden betritt. Im Schlepptau einen Bahnhofsbullen und einen Mann, schätzungsweise Ende 30, schwerbepackt mit einer Reisetasche. „Und dann läuft mir dieser Typ schreiend durch den Bahnhof hinterher und brüllt 'haltet den Dieb!' Keine Ahnung, was der will“, sagt der Enddreißiger sichtlich empört. „Erzählen Sie keinen Quatsch. Das haben Sie haben Sie geklaut“, ruft der Profi und hält triumphierend eine Packung mit Hustenbonbons in die Höhe. „Das haben Sie doch in der Hand und

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sind damit aus dem Laden gerannt. Nicht ich. Wenn einer etwas gestohlen hat, dann Sie“ antwortet der Enddreißiger (dunkles Haar, etwa 1,75 Meter groß, auf teuer gemachte Pseudo-Armeehosen und ein Longsleeve am Leib). „Das ist ja wohl die Höhe! Sie unterstellen mir, ein Dieb zu sein? Dass lasse ich mir nicht bieten. Es steht Aussage gegen Aussage. Ich rufe jetzt meinen Anwalt an. Den Detlef Unterstaller. Kennen Sie den? Der macht Sie fertig“, brüllt der Profi und reißt sein Handy ans Ohr. Mittlerweile haben sich alle Gäste und Angestellte im Frankfurter Halbkreis vor dem Triumvirat versammelt. „Detlef? Ich brauche Dich“ sagt er. Eine Nummer hat er übrigens nicht gewählt. Vielleicht eine Schnellwahltaste gedrückt, aber das dann sehr geschickt. Denn seine Finger haben das Display des Handys nicht berührt. Ich habe mich mittlerweile übrigens vom LabelloKäufer zum Gaffer verwandelt. Meine Adleraugen sehen alles! Soll mal noch wer erzählen, Sundays wären NoFun-Days. Der Bulle kommt noch nicht so ganz mit. Sein Kopf bewegt sich gleichmäßig von links nach rechts und zurück. Wie ein Schiedsrichter beim Tennis. Ich würde ja sagen, es steht „Deuce“. Doch dann sagt der Bulle zu dem Enddreißiger: „Öffnen Sie doch


mal Ihre Tasche.“ „Nö, das ist mir zu blöd“, sagt der Mitdreißiger, schnappt seine Tasche und geht. Der Bulle schaut ihm verdutzt nach. „Advantage Enddreißiger“, höre ich den imaginären Schiri sagen. Der Profi kämpft. Er will wieder Einstand, sich vielleicht in den Tie-Break retten. Er brüllt, sichtlich außer sich: „Sie können den doch nicht gehen lassen!“ Das macht den Bullen kurz nachdenklich. Er senkt sein Kinn auf die Brust, ballt die Hände kurz zu Fäusten und lässt sie dann in den Hosentaschen seiner Uniform wandern. „Schönen Tag noch“, sagt er zum Profi. Dann dreht er sich um und verlässt die Drogerie. „Aber Sie können den Dieb doch nicht laufen lassen. Das können Sie doch

nicht. Das ist Amtsvereitelung. Ich zeige Sie an“, brüllt der Profi dem Bullen hinterher. „Sie stecken mit dem doch unter einer Decke!“ „Entschuldigen Sie“, stupst eine Verkäuferin den Profi an. „Wollen Sie das kaufen“, fragt sie ihn und zeigt auf die Packung Hustenbonbons, die der Mann mit den schnellsten Laufschuhen an den Füßen immer noch in seiner rechten Hand hält. „Wenn nicht, legen Sie es bitte in die Auslage zurück.“ Zum ersten Mal in der letzten halben Stunde ist er sprachlos. Das Signal zum Aufbruch. Die Party ist vorbei. Ich schlendere zur Kasse bezahle, reiße dann die Packung auf, schmiere meine Lippen mit „Labello Urea Ultra“ ein und küsse jetzt wieder, ohne zu kratzen. Gefällt mir. FALK FATAL

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Es ist wieder einer dieser Tage, an denen ich deine Scheiß-Visage nicht sehen will. Dein selbstgefälliges, grenzdebiles Grinsen einfach nicht ertragen kann. Du kotzt mich an, dein aufgesetztes, heuchlerisches Weltbild ist für'n Arsch, du lebst eine Lüge und belügst dich jeden Tag aufs Neue. Bist du zufrieden? Sieht so dein Traum aus? Sind das die Ideale, nach denen du leben möchtest? Auch morgen früh wird dich dein Wecker wieder aus dem Bett schmeißen und deinen tristen Alltag einläu-

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ten. Duschen, Zähne putzen, anziehen und ab zur Arbeit. Wie jeden Tag. An der Kasse lächelst du dem netten Streifenpolizisten von der Wache gegenüber freundlich ins Gesicht, machst vielleicht einen kleinen Scherz und lässt ihn mit seinem Frühstück von dannen ziehen und Streifenpolizistenarbeit erledigen. Warum spuckst du ihm nicht in den Kaffee, warum steckst du dir nicht den Finger in den Po, bevor du sein belegtes Brötchen schmierst, oder schreist ihm ins Gesicht, das Drecksbullen hier nicht bedient werden?


Deine Arbeit fordert dich nicht, bietet keine Genugtuung, keine Erfüllung, keine Befriedigung. Deine Arbeit ist lediglich Mittel zum Zweck um deinen Wohlstand und Luxus zu finanzieren, um einmal in der Woche Essen zu gehen, das Kino zu besuchen, irgendwo eine Platte zu bestellen, das Auto vollzutanken und deine Nikotinsucht zu befriedigen. Hast du mal darüber nachgedacht, wie viel zeit deines Lebens du auf der Arbeit verbringst, wie viel Zeit du damit verschwendest, für deine Firma und deine Chefs zu buckeln und wie tief du schon in ihre Ärsche gekrochen bist? Klar, Geld verdienen muss sein und irgendeine Beschäftigung brauchst du ja auch. Wie willst du sonst deine Miete bezahlen, Telefon, Internet und Kabelanschluss, den Einkauf im Biomarkt oder jeden Sonntag das Bingolos? Nachdem du dir eine vegetarische Tiefkühlpizza in den Ofen geschmis-

sen hast, verbringst du deinen Feierabend auf dem Sofa bei seichter TV-Unterhaltung. Einschalten, um abzuschalten. Viel zu erzählen hast du deiner Freundin nicht und so lebt ihr mehr und mehr nebeneinander her, als das ihr euch miteinander beschäftigt. Sex? Nein, heute nicht, Befriedigung verschaffen dir diverse Internetseiten, wo auf Knopfdruck Hüllen fallen und immer eine Chantal oder Violetta bereitwillig ihre Beine für dich breitmacht. Letzte Woche warst du mal wieder auf einem Konzert und hast ordentlich die Sau rausgelassen. Hast die alte Lederjacke aus dem Schrank geholt, die Stiefel geschnürt und dich brav in die Individualisteneinheitsfront eingereiht. Am Wochenende geht das auch in Ordnung. Eine alte Deutschpunkband hat gespielt und dich an vielen Stellen angenehm an deine Vergangenheit erinnert. Eine Zeit


voller Wut, Hass und Aggression, die aber längst vergangen ist. Ein Drittel Heizöl und zwei Drittel Benzin, verteidigt euren ScheißStaat, wisst selbst nicht warum... Stopp, das ist zu krass. Hängt die Schleimer auf und röstet ihre Schwänze! Lauthals singst du Texte mit, reckst Fäuste in die Lüfte und merkst dabei nicht, dass alles nur noch zu einer inhaltslosen Hülse und nichtssagenden Floskeln verkommen ist. Und weißt du warum? Weil du Kompromisse eingehst, weil du Konsequenzen fürchtest, weil du angepasst bist und nicht aus der Reihe tanzen willst. Weil du genau das Leben lebst, dass du nie leben wolltest, weil du zufrieden und satt und träge und faul geworden bist, weil du dich einlullen und weichspülen lässt, weil du deinen Mund nicht mehr aufmachst, weil du nicht mehr in der ersten Reihe stehen willst... weil du alt geworden bist. Es ist wieder einer dieser Tage, an denen ich mein eigenes Spiegelbild nicht sehen will. Das selbstgefälliges, grenzdebiles Grinsen einfach nicht ertragen kann. Ich kotze mich selbst an, mein aufgesetztes, heuchlerisches Weltbild ist für'n Arsch, ich lebe eine Lüge und belüge mich jeden Tag aufs Neue. Bin ich zufrieden? Sieht so mein Traum aus? Sind das die Ideale, nach denen ich leben möchte? BÄPPI

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Es ist wirklich Jahre her, dass ich einem Alleinunterhalter lauschen durfte. Das letzte Mal dürfte auf irgendeiner Familienfeier gewesen sein, als ein schnurrbärtiger Trottel sich durch das Oeuvre der Flippers mit seinem Keyboard spielte. Das ist mindestens 15 Jahre her. Eine Erinnerung, die schon fast erloschen war und bestenfalls noch mit Sepiaanstrich existierte. Doch am 29. September 2012 hatte ich die Möglichkeit meine Erinnerung aufzufrischen. Was ich auch tat. Ich lieh nicht irgendeinem daher gelaufenen Alleinunterhalter mein Ohr, sondern ihm: San Pedro. Die Mutter, ach was, der Vater aller

Alleinunterhalter. Ein Typ “Felsin-der-Brandung”. Unerschütterlich, ehrlich und mit jeder Menge Gefühl. Und trotz lichtem Haar mit einem buschigen Schnauzer gesegnet. Schnurrbert, wie ihn seine Fans auch liebevoll nennen, ist ein ganz Großer. Und ich bin jetzt auch Fan. Denn an jenem 29. September 2012, es war ein Samstag und spielte Schnurrbert in der Lobby des JS Hotels in Portocolom auf. Und wie er das tat. Diese gefühlvollen Ansagen, dieses schmachtvolle Timbre. Wie sanft seine Finger die Tasten seines Keyboards von Yamaha streichelten, wie eine Meeresbrise, die sanft den Fels umspült. Und welch

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beglückende Bontempisounds seine göttlichen Finger diesem eigentlich trögen Gerät entlockten. Ich bin noch heute, Wochen später, verzückt. “Massachusetts” von der verrückesten, craziestens Bruderboybad ever, den Bee Gees, ist ja eigentlich ein Stück, das so schlimm ist, dass es nicht schlimmer gehen kann. Noch schlimmer als Eintracht Frankfurt. Doch Schnurrbert wäre nicht Schnurrbert, wenn er diese Herausforderung nicht mit Bravour meistern würde. Ich bin sicher, er würde mit seiner Orgel auch die kehligen Gröhlgesänge der Eintracht-Fans in einen veritablen Kuschelrockklassiker verwandeln. Also startfrei für Bontempi deluxe und traumhaften Schmachtgesang mit spanischem Akzent. Welche Chica würde nicht dahinschmelzen, wenn sie diese Stimme hören darf? Ich bin jedenfalls verzückt und ordere einen weiteren Weißwein. Das Publikum reagiert noch verhalten. Damit sind sie nicht zu locken. Es handelt sich hier übrigens um All-Inclusive-Gäste, die seit 10 Uhr morgens mit Alkohol abgefüllt werden. Dickbäuchige Männer, mal mit, mal ohne Schnurrbart. Dafür

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viele mit Nackenspoiler. Ihre Frauen tragen ebenfalls Nackenspoiler. Oder Fönfrisur. Auch das macht sich am Strand gut. Doch statt die leere Tanzfläche zu entern, nuckeln die lieber weiter an ihrem Automatencocktails (ja, das gibt es. Automaten, die Cocktails zubereiten. Verrückte Welt. Was kommt demnächst? Autos, die selbständig einparken? Haare, die sich selbst schneiden? Verrückte Welt!). Doch Schnurrbert ist Profi. Gestählt durch 20 harte Jahre als Tourianimateur. (Hat er mir erzählt. Ich glaube ihm). Er lässt sich nicht beirren. Nicht von diesen (span. Für Deutsch). Da müssen ganz andere kommen. Nach jedem Lied geht die Stimme etwas nach oben, um das Nächste anzukündigen oder ein Gracias in die Runde zu werfen. Dann wird weiter mit ausdrucksloser Stimme und geübten Griffen am Keyboard die Show am Leben gehalten. Doch heute ist das Publikum wirklich zickig. Der große Zeiger steht schon kurz vor der Elf, gleich ist es mit der All-Inclusive-Fröhlichkeit vorbei, dann müssen die Drinks extra bezahlt werden und die Tanzfläche ist immer noch leer. Doch Schnurrbert weiß, wie er sein Publikum vom


Kartenspielen oder Kniffeln weg auf die Tanzfläche holt. Apropos Kniffeln: Ist euch schon einmal aufgefallen, wie viele Menschen im Urlaub Kartenspielen, Kniffeln oder Würfeln? Ich bin sicher, zu Hause würden sie das nie tun. Es handelt sich dabei häufig um Paare. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Zum Beispiel diese beide jungen Paare, die jeweils für sich an der Theke sitzen, und trübsinnig in ihre Automatencocktails starren und dabei den Würfelbecher schütteln. Das hat so etwas Trauriges, Endzeitliches. Ist dieser Urlaub, sind die Automatencocktails, ist der beste Alleinunterhalter der Welt und die Nachsai-

retten will. Er will. “Viva l’Amor” ist seine Antwort auf die Lethargie in der Hotellobby. Und wer will da widersprechen. Langsam rücken Körper aneinander und schmiegen sich im Takt der Melodie. Der Grundstein ist gelegt. Das Fundament ist gesetzt. Jetzt kann es nur nach oben gehen. Jetzt werden die Kracher ausgepackt. Es folgt “Alice (who the fuck is Alice)” - aber in Spanisch und in Bontempi. Ihr glaubt gar nicht, welchen Sog dieser Song dergestalt auslösen kann. Plötzlich bebt die Tanzfläche. Die ersten Paare lösen sich von ihren Automatencocktails und tanzen. „Endlich macht sich die Tanzschule bezahlt“, denken sich

son, der Höhepunkt des gemeinsamen Lebens? Ist das die Geschichte, von der sie ihren Freunden, Kindern und Verwandten ein Leben lang erzählen werden? „Schatz weißt Du noch, wie wir damals auf Mallorca an der Bar gekniffelt haben?” Und beide werden sich dabei trübsinnig in die Augen schauen. Gut möglich also. Aber zurück zum Kniffeln: Gibt es so wenig Gesprächsstoff, dass schon der schon bei der Ankunft so weit aufgebraucht ist, dass man würfeln muss, um das eisige Schweigen in konzentriertes Denken umdeuten kann? Ich glaube ja. Schnurrbert ist Profi genug, um zu merken, dass er jetzt eine Hitrakete zünden muss, wenn er Abend noch

wohl die Männer. Die Frauen wohl auch.Grund als ich. Schnurrbert kennt keine Gnade. „By the Rivers of Babylon” ist die logische Folge. Sogar ohne Ansage. Direkt hinterher. Dank Bontempi ist ja alles in Takt, Rhythmus und Fluss. „By the rivers of Babylon, there we sat down. Ye-eah we wept, when we remembered Zion.)“ Die Tanzsohlen qualmen. Gracias. Applaus brandet auf. Jetzt noch „Mendocino“, dann ist es vorbei. Glücklich und verschwitzt poltert die Crowd auf ihre Zimmer. Nur Schnurrbert bleibt einsam zurück und wickelt das Mikrokabel auf. Gracias und gute Nacht. FALK FATAL

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» […] man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden. «

Günter Wallraff: Vorwort zu Ganz unten, 1985

Beinahe 30 Jahre nach Erscheinen seines Bestsellers »Ganz unten« enthüllt sich der Enthüllungsjournalist Wallraff erneut und legt mit »GG Wallraff – Ganz Untenrum« eine Fortsetzung vor, die sich nicht gewaschen hat. Und eines vorneweg, was Wallraff hier zutage fördert, ist tatsächlich schier unglaublich, verstörend, widerwärtig und, um es deutlich zu machen, dringend nötig und progressiv.

Klaren darüber ist der Autor sich allerdings, dass heute niemand mehr der Effekthascherei erliegen würde, derer er sich in den letzten Jahrzehnten bediente und, und das war der wohl ausschlaggebende Punkt für Wallraffs Umorientierung, an den sozialen Missständen, die er stets anprangerte, änderte er bekanntlich wenig bis gar nichts. Während einer Pressekonferenz vor einigen Tagen bemerkte Wallraff dazu richtig: »Ich fühle mich ausgebrannt und missverstanden – für wen schrieb ich denn die ganzen Bücher? Wallraff, seit Äonen federführender Wenn diese Prolos das Bisschen was Investigator, lies bereits vor Jahihre Unterdrücker ihnen geben lieber ren verlauten, er habe nun endgültig in Kohlenhydrate und Alkohol anlegenug von jammernden Ausländern, gen statt in meine Bücher – na dann Sozialschmarotzern und unterdrücksieht’s aber ganz schön düster aus ten Bildreportern. Zur Erinnerung: hier.« Standing Ovations erhielt er Wallraff flog in den Siebzigern, ge- anschließend für seine Feststellung, tarnt als Hans Esser, bei Bild raus, dass es anscheinend unverbesserlinachdem er sich mehrfach in Artiche Verlierer gebe, für die es sich keln über Israel und dessen Kriegsnicht lohne, auch nur einen weiteren treiberei echauffierte. In »Der Tropfen Tinte zu verschwenden. AnAufmacher« riss Wallraff Springers erkennend schrieb der Spiegel-Online Maulkorb herunter und öffnete damit Kolumnist Jan Fleischhauer gewohnt Tür und Tor für den heute selbstdurchdacht: »Man muss es Wallraff verständlichen Volkssport, Dinge, hoch anrechnen, zwar spät aber immerdie einfach auch mal gesagt werden hin, zugegeben zu haben, uns, seinen müssen, einfach mal zu sagen. Im Lesern, jahrzehntelang ein schlech-

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tes Gewissen gemacht zu haben, dass meine Generation quasi mit der Muttermilch aufsog. Es war anscheinend wohl doch nicht alles so schlecht als Türke Ali, wie er es uns in »Ganz unten« weismachen wollte. Wenn man irgendetwas irgendwohin schieben oder tragen kann und am Ende des Tages sein Werk betrachtet, ist das ja doch vielleicht auch irgendwie erfüllend für so Leute. Es war ja damals auch nicht unbedingt die geistige Elite, die nach Deutschland geholt wurde. Und ich kenne jetzt auch nicht wirklich einen Dönerverkäufer, der ernsthaft Ambitionen nach »Ganz oben« hätte, hihi.« Folgerichtig und überraschend frisch dokumentiert der vorliegende Band Wallraffs Abkehr, vom belehrenden Moralapostel hin zum kompromisslosen Scumfuck Soziopathen. Kritisieren war gestern, der moderne, der neue Wallraff pisst, scheißt, wichst und fickt, was sein Körper hergibt. Aber Wallraff wäre nicht Wallraf, der auch schon mal als lebende Überwachungskamera der Nation bezeichnet wird, wenn er nicht auch dieses Mal Schlimmes, von der Öffentlichkeit Unbemerktes, zu berichten hätte. Als verdreckter Verdeckter schlüpfte er in die Rolle des berüchtigten Sängers und Penners GG Allin und lebte für über ein Jahr als mieses Arschloch GG Wallraff. Bekannt dafür sich in das unmittelbare Kernumfeld des Reportage-Ziels einzuschleusen, gelingt es

Wallraff den dunklen und traurigen Alltag als Punksänger unverblümt zu schildern, der erschreckender kaum sein könnte. Schon bald drogenabhängig und mit Selbstverstümmelung, Depression und Frauen konfrontiert nähert er sich der Schwelle zu Wahnsinn und Verderben und verliert sukzessive die Kontrolle über seine Genitalien. Der Reihe nach. Im ersten Kapitel befasst sich Wallraff sehr detailliert mit der Vorbereitungsphase. Seinen Penis beispielsweise, den Wallraff für den Dokumentarfilm »Schwarz auf Weiß«, indem er als Kwami Ogonno auf seine Fremdenfeindlichkeit aufmerksam machen wollte, extra hatte vergrößern lassen, ließ er sich auf überschaubare 3 cm (stehend) einkürzen. Das war angeblich nötig um, so der Autor selbst, besser eintauchen zu können. Und um dem Original Allin so ähnlich wie nur irgend möglich zu werden, folgten auf die Genitalmodifikation zahlreiche schlechte Tätowierungen, die ihm ein seit Jahren neidischer Hermann L. Gremliza nach 5 Flaschen Dunkelrotwein mit, in den Füßen gehaltener Maschine, stach. Hierauf sinniert Wallraff: »Hat man dann so ein eigentlich doch schönes Symbol wie das Hakenkreuz erstmal für immer auf der starken Brust, versteht man einige Dinge gleich viel besser«. Als Leser versteht man an solchen Stellen gleich wieder viel besser, warum der Günter Wallraff so tief unter die Haut geht, warum man ihn gerne liest. Hier ist alles echt, nichts wird dem Zufall überlassen. In den folgenden Kapiteln geht Wallraff auf die schwierige Infiltration in die Scumpunk-Szene ein. Nächtelanges herumliegen im eigenen Erbrochenen vor Konzertläden und das bange Warten auf Beachtung lesen sich spannend wie die ICD-10. Bereits delirierend und an der Sinnhaf-

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tigkeit seiner Aktion zweifelnd wird GG nach einigen Wochen endlich Aufmerksamkeit zuteil. Nach dem Auftritt einer Band treten deren Gitarrist und Schlagzeuger den am Boden liegenden Wallraff zusammen, zertrümmern Nasen- und Schlüsselbein und schleifen ihn anschließend an die Theke um ihn davon abzuhalten, die Polizei zu verständigen. »Angst überkam mich, die Brüder könnten mich erkannt und durch Stiefeltritte ihre Abneigung Intellektuellen gegenüber zum Ausdruck gebracht haben«, beschreibt Wallraff die brenzlige Situation. Bei Fusel und Amphetamin wird allerdings rasch klar, die Truppe sucht händeringend nach einem Sänger der bereit ist, durch die eigene Scheiße zu gehen und diese gegebenenfalls auch zu verspeisen. Wallraff wittert seine Chance. Er hat es geschafft. Ab sofort ist er Sänger der Scumpunk-Combo »GG & The Concentration Campers«. Sicher werden einige bereits an dieser Stelle den knapp 450 Seiten starken Wälzer angewidert zuklappen, ob der rauen Brutalität, die beileibe nichts für Zartbesaitete ist. Allen anderen sei gesagt, es wird noch schlimmer und ich genoss es. Kapitel 4 bis 7 geben Einblicke in den Touralltag und Wallraffs Widerwärtigkeiten auf der Bühne. Eine extreme Live-Performance war zu erwarten, insbesondere der Referenz Allin wegen, vor dessen Show bereits Günter Grass in seinem Gedicht »Was gesagt werden muss« hasenfüßig den Hut zog und warnte: »Warum schweige ich, ver-

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schweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.« Und so ist es auch wenig überraschend, was Wallraff auf über 150 Seiten zu berichten weiß. Lediglich das Ausmaß an Gewalt und die Konsequenz der Exzesse ist doch beeindruckend. »Nie zuvor berührte ich derart oft meinen Schwanz«, so Wallraff, »und nie zuvor erlebte ich dies als derart befreiend, eine Katharsis, wenn sie so wollen«. Das lässt ganz tief blicken. Ein alter linker Spießer, der nie viel mit Fickificki und untenrum zu tun hatte, lässt hier ganz offensichtlich die Sau raus. Und was für eine. Was der schrullige Grass noch halluziniert, wird bei Wallraff Wirklichkeit. Er ist auf Vernichtung aus, Zerstörung und Verzweiflung, Angst und Schrecken. Detailliert wird beschrieben, wie GG sich während des Sets in Scherben wälzt, um sich anschließend Ejakulat in die Wunden zu reiben. Dem verblüfften Publikum wird fauchend gedroht die Brut aus dieser Übereinkunft werde ihnen in der Nacht die Scheiße raus prügeln, sollten sie nicht auf der Stelle tot umfallen. Es folgen Ausführungen über Stuhlgeschmack beeinflussende Lebensmittel. Anfangs stopft, der mittlerweile voll in seiner Rolle aufgehende Scumpunk Wallraff, sämtliches Catering wahllos in sich hinein und muss feststellen, dass Wurstbrote ihm nicht bekommen. Zu schmieriges Resultat. Als Flugkörper nur bedingt geeignet. Er scheißt es, er frisst es, er wirft damit, er reibt es in Gesichter. Und wem das nicht gefällt, dem steckt der stets betrunkene und mit Speed gepuschte Wallraff das Glied in den Schlund und pinkelt munter drauflos.


Als eher schwer verdaulich möchte ich einige Absätze bezeichnen, in denen Wallraff sehr ehrlich von Übergriffen auf weibliche Konzertbesucher schreibt. Anspucken und schlagen, daran ist man nach der Lektüre von ungefähr 300 Seiten gewöhnt. Aber die beinahe Vergewaltigung der Tochter eines Besuchers vor der Bühne geht auch mir etwas zu weit. Wallraff skizziert schemenhaft, wie er sich zitternd im BackstageBereich nach Abbruch der Show wiederfindet. Erschrocken muss er sich eingestehen: »Ich gehe zu weit, ich stecke schon fast zu tief drin.« Nur mit Mühe gelang es den anderen Musikern, GG von dem Mädchen wegzuzerren und bewusstlos zu schlagen. Ernsthafte Zweifel sind allerdings nicht erkennbar. Zu viel Genuss und Hingabe stecken in jeder einzelnen Zeile von Wallraffs »Ganz Untenrum«.

kleinerer Probleme, in seiner Undercovermission pudelwohl.

Weiter beschreibt Wallraff in Kapitel 9 die Wochen zwischen dem Touren. Die Wunde der Penis-OP heilt schlecht. Langeweile macht sich breit. Wallraff lungert mit den anderen Rockern in einer Mietwohnung ohne Jakuzzi und Putzfrau. Ein Leben ohne Alkohol ist nicht mehr vorstellbar, woAllerdings neigt ein Linker wie durch Sätze wie »die Penner, deren Dasein ich früher verbessern wollte, hams doch Wallraff doch auch immer zur eigentlich ganz geil«, nachvollziehbar Reflektion seiner Handlungen. werden. Nach etlichen Wochen des DahinKapitel 8 bietet diesem Laster vegetierens ohne Aufgabe erkennt Wallraff Raum. Kot, Urin, Kotze, Sperma, Blut, Schweiß und weiteren, allerdings wie gefangen er mittlerweiinsgesamt 13 unerwünschten Kör- le in seiner Rolle ist. Er braucht die Bühne, er braucht das Publikum und sei perflüssigkeiten stellt Wallraff preußische Sekundärtugenden es nur zum Anpinkeln. Eindrucksvoll und vergleichend gegenüber und kommt beklemmend schreibt Wallraff von düsteren Gedanken über Selbstamputation und zu dem Ergebnis, dass diese ja wohl viel eher unerwünscht sein Sodomie. Sein Glied schmerzt. Er beginnt damit, seinen Kopf gegen Wände zu stoßen sollten. Er sieht sich hier und das austretende Blut als Gleitmittel bereits ganz klar entfremdet zur Masturbation zu verwenden. Er fühlt von der bis zu den Arschbacken sich einsam. Eingeengt. Hass auf Konverklemmten Gesellschaft und fühlt sich offensichtlich, trotz ventionen überkommt ihn. Kurz bevor er

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soweit ist auf die Straße zu stürmen um Passanten anzufallen reicht ihm einer der Concentration Campers eine Spritze, befüllt mit Heroin. Wallraff kann und will gar nicht widerstehen. Der erste Schuss. Noch nie verspürte er solche Wärme und Liebe in sich. »Ich dachte, ich müsse mich sofort von meiner Frau trennen. Das hat die ja noch nie hingekriegt«, schreibt Wallraff über den König der Schmerzstiller. Im Scumpunk-Biz ist nicht viel zu holen, wenn gerade keine Tour gespielt wird. Aber Wallraff braucht Geld und sein Budget ist knapp bemessen. Die Heroinsucht war wohl nicht mit eingeplant. In Kapitel 10 beschreibt er daher seine ersten, recht unbeholfenen, Versuche als Einbrecher. Spätestens hier wird die Diffusion von Rolle und Realität überdeutlich. Wallraff ist längst nicht mehr Herr seiner Sinne oder gar des Geschehens. Schon bald muss er sich prostituieren, um seinen immensen Bedarf zu decken. Sein Verleger schüttelt angewidert den Kopf als Wallraff eines Tages bei ihm auf der Matte steht und einen Blowjob gegen ein wenig Geld anbietet. Den Vorschuss auf das hier besprochene Buch ist zu dem Zeitpunkt schon längst verschossen. Gedemütigt wendet sich Wallraff ab und versichert, alles noch im Griff zu haben. »Es war ja noch eine Tour geplant – diese eine musste ich noch durchziehen.« Aber auch seine Bandmitglieder sind mehr und mehr von ihm angewidert. Mehrmals wird Wallraff zusammengeschlagen und bedroht, wenn er die Band zerstöre, würde es ihm bald richtig schlecht gehen. Die Campers wissen schon hier, dass ein solches Wrack die hochenergetischen zehn Mi-

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nuten Show nicht mehr durchstehen kann, und schauen sich, wie Wallraff später erfahren wird, bereits nach Ersatz um. Denn nach zwei Songs im Proberaum bricht Wallraff zusammen, kotzt und pisst sich ein und frisst das Erbrochene postwendend. Bühne, Probe, Straße für Wallraff macht das keinen Unterschied mehr. Die Campers lachen ihn aus, sagen er solle diese Scheiße auf der Bühne abziehen, nicht aber im Proberaum. Doch Wallraff kann nicht mehr anders. Wochen darauf fährt die gesamte Band in Richtung Proberaum, als der Drummer plötzlich Wallraffs Ausweis hochhält. »Sie fanden meinen Personalausweis, wie und wo weiß ich bis heute nicht.« Noch im Wagen übergießen sie ihn mit Bier und bespucken den ohnehin von der Abhängigkeit schwer gezeichneten Wallraff. Der Autor muss sich anhören. er sei eine »Journalistenfotze«, die zum Kotzen langweilige Bücher schreibe. Vor dem Axel-Springer-Haus in Berlin schmeißen sie den verstörten Wallraff schließlich aus dem Wagen, treten ihn zusammen und fahren grölend davon. Stunden später erwacht Wallraff als der warmherzige Henryk M. Broder ihn in sein Büro schleppen will. »Ja Günter, hier kannst du bleiben, wenn du mir versprichst, nie wieder ein Buch zu veröffentlichen.« So endet Wallraffs Trip. »... in der Höhle des Löwen. Schlimmer hätte es nicht kommen können.« Im Nachwort geht Wallraff auf die bei Punk-Sängern am häufigsten auftretenden psychischen Probleme ein. Darüber hinaus schildert er


sehr persönlich seinen Drogenentzug, die daran angeschlossene Entwöhnungstherapie und den nur langsam voranschreitenden Prozess der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Noch heute gerate er häufig ins Grübeln und fühle sich ständig deprimiert. Lediglich der Blick auf sein Bankkonto lindere ein wenig die seelischen Schmerzen. Die Narben allerdings, so Wallraff, seien tief und würden wahrscheinlich ewig jucken. Dann taucht doch noch der bei Wallraff nicht zu vermeidende, erhobene Zeigefinger auf. Angeprangert werden die Ignoranz der Gesellschaft, das Wegschauen, das Verdrängen. Sänger stünden mit ihren Problemen völlig alleine da. Nur wenn es ums Feiern gehe, ja da sind sie gefragt, aber dann ist auch schon Schicht im Schacht. Niemand wolle den Menschen hinter den ausgeflippten Partytieren erkennen. Als sich stets reflektierender Schlauberger sieht er aber auch bei sich selbst eine Mitschuld. Nicht zuletzt seiner früheren Schriften wegen werde dem wahren Abschaum der Gesellschaft viel zu viel Aufmerksamkeit zuteil. Großen Respekt habe er vor Scumpunkern, die es schaffen ununterbrochen ein Sammelsurium an Substanzen in sich hineinzukippen und trotzdem jeden verdammten Abend eine andere Bühne zu erklimmen und ein anderes Publikum mit Mageninhalt zu beschmieren. Dagegen seien zum Kiosk schlurfen, die Jogginghose wöchentlich wechseln und den Arteknopf der Fernbedienung ignorieren keine Leistungen, die eine demokratische Gesellschaft

subventionieren sollte. Um längerfristig Abhilfe zu leisten, weißt Wallraff zu guter Letzt auf die von ihm ins Leben gerufene Stiftung S.S.S.A. hin. Die S.S.S.A. – Support Sad Scumfuck Artists – unterstützt Künstler monetär und leistet seelischen Beistand, wo immer dieser von Nöten ist. Als Fazit bleibt zu sagen, dass Wallraff erneut ein Geniestreich gelungen ist. Seine Arbeit ist ungemein wichtig und wegweisend. Und mag sein Glied auch noch so klein sein – Eier hat der Mann allemal noch. Unbedingte Kaufempfehlung! MÖB.

Günter Wallraff: GG Wallraff – Ganz Untenrum. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 453 S., br., 13,95 Euro.

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ALEX GRÄBELDINGER - Die Hölle ist hoffentlich ein warmes Plätzchen, um sich zu erholen Hörbuch-CD Kopfnuss Verlag Der supersympathische Alex Gräbeldinger sollte euch ja bekant sein. Entweder weil ihr regelmäßig seine Kolumnen im Ox lest oder seine beiden Bücher “Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen" und "Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zum meinem Lebensgefühl?" gelesen habt. Aus eben beiden Büchern stammen die 15 Kurzgeschichten, die das Hörbuch enthält. Vorgetragen werden sie von dem Schauspieler Oliver Korritke, unter anderem bekannt aus dem Film “Bang Boom bang” oder der ZDF-Serie “Wilsberg”. Auf mich macht der ja einen sympathischen Eindruck und so passt das denke ich ganz gut. Als ich dann jedoch die ersten Geschichte höre, finde ich es doch ein bisschen komisch Oliver Korritkes tiefe und sehr genau betonte Stimme zu hören. Irgendwie passt die nicht zu Alex Gräbeldinger. Doch das gibt sich und relativ schnell überwiegt der Spaß, der die sympathischen Loserstorys von Alex Gräbeldinger machen. Getreu Murphys Law, geht darin schief, was schief gehen kann. Kein Wunder ist ja meist eine Menge Alkohol mit im Spiel. Und wer Alex Gräbeldinger noch nie auf einer seiner zahlreiche Lesungen erlebt oder mal mit ihm irgendwo getrunken hat, der hat das eingangs geschilderte Problem sowieso nicht. Tolles Teil, das eine Menge Spaß macht und zudem noch durch die hübsche Aufmachung und einem von Aku gezeichneten Comic zu Gräbeldingers Story “Wer ficken will, darf keine Körbe flechten” zu gefallen weiß. DER GOSSENDELPHIN #1 2,50 Euro, bockaufaffen@gmail.com Ein neuer Stern am Fanzinehimmel geht auf: Der Gossendelphin ist da! Pickepacke voll mit kleinen Storys aus dem Alltag zwischen Späti, Arbeitsamt, geifernden Omis in Supermärkten, Friedhöfen, Idioten und und und. Dazu gut geführte Interviews abseits der üblichen Phrasen (Eure neue Platte soll ja sehr gut sein. Ja, unsere Platte ist die bisher beste blablabla) mit Jimmy Pistole (HC aus Berlin), Neonbone (Pop-Punk aus Münster) und Lee Hollies.

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Super Erstausgabe, die ich in Windeseile durchgelesen hatte. Aber das ist kein Wunder, wenn man weiß, dass neben Don Chrischan noch David Visconte vom Schlammrock Zine, Gary Flanell vom Renfield und Zoschke von der Poetry Island Lesebühne mit an Bord sind. Ich hoffe die Nummer 2 ist bald am Start. Große Fanzineliteratur! HULLABALLOO #25 2 Euro, www.rockraketetonk.de Hipp Hipp Hurra, eine neue Ausgabe des Hullaballoo ist da! Damit hätte ich ja echt nicht mehr gerechnet, dass mein einst liebstes Fanzine solch eine phänomenale Auferstehung feiert. Aber es geschehen noch zeichen und Wunder. Herr Tonk beschert auf 64 Seiten Punkrock, Frohsinnn und Gute Laune. Die Jubiläumsausgabe ist kunterbunt (das Cover) und granatenstark (der Inhalt). Man muss das gelesen haben, statt jetzt hier groß zu referieren. Ich habe teilweise Tränen gelacht und mich königlich amüsiert. Herr Tonk kann es einfach. Kauft euch das Heft, bessere Unterhaltung findet ihr so schnell nicht wieder. Ich mache mir jetzt lieber ein Wicküler auf. Und schade, dass es dieses Mal keine Plattenbesprechungen gibt. HUMAN PARASIT #11/ A PARASITES LIFE #1 2,50 Euro + Porto, humanparasit@web.de Der Human Parasit ist ja schon seit Jahren mein Lieblingsheft. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Post von Bäppi bekomme und eine neue Ausgabe des Human Parasits in meinem Briefkasten landet. Bäppi ist ein sehr reflektierter Mensch, der seine Umwelt und sich kritisch beobachtet. Und daran lässt er seine Leserschaft immer wieder, teilweise sehr intim, teilhaben. Zum Beispiel seine Beziehung zu Ina, die in einer ganzen Reihe von Vorwörtern thematisiert wurde. Darauf hat er in Ausgabe 11 verzichtet. Doch die Liebe und das Modell Beziehung lässt ihn nicht ganz los. Im Interview mit Tati und Davide von der Bremer Band Insonnia, die beide zumindest zum Zeitpunkt des Interviews ein Paar waren, taucht das Thema immer wieder mal auf. Mit Andreas Cräck gibt es ein langes Interview über Homophobie in der Punkszene


und Punk auf Gran Canaria sowie seinen diversen anderen Aktivitäten wie seinem Banderas Negras Label. Ein langer, leicht zäher Reisebericht über Bäppis und Inas eigenen Gran Canaria Urlaub darf da natürlich nicht fehlen. Spannend ist das ausführliche Interview mit dem Stefano Stiletti vom Pankerknacker, der in der Vergangenheit ja mehrere Konflikte mit anderen Zines wie dem Punkrock, dem Useless oder die Auseinandersetzung mit Joachim Hiller vom Ox hatte und darauf ausführliche Antworten gibt und viele kluge Sachen sagt. Eine gute Idee ist die Tour von Baboon Show mit jeweils einem Konzertbericht von Leuten vor Ort schreiben zu lassen und so einen Tourbericht zu bekommen, die Umsetzung ist dann mal besser, mal schlechter. Mehrere Seiten räumt Bäppi dann dem Thema Cannabis und Sucht ein. Neben einem eigenen Erfahrungsbericht erzählt Latex vom Ketten & Ketchup Zine über die paranoiden Erfahrungen, die er mit Hasch gemacht hat. Und ein Clemens berichtet auch noch über seine Kiffergeschichte. Eine kleine anonyme Umfrage unter Bekannten ergänzt das gut und fördert einige weitere interessante Details empor. Des Weiteren werden noch Red with Anger, Pestfest und Exilent interviewt. Und damit habe ich nur einen Teil des Inhalts des 100-seitigen Hefts wiedergegeben. Wieder ganz großes Kino! Ich hoffe, dass da bald wieder eine neue Ausgabe kommt. Wie schaut’s aus Bäppi? An einem Schwerpunkt über Kuckucksuhren würde ich mich beteiligen! Das Bäppi eine Vorliebe für Punk aus Schweden hat, dürften Menschen, die sein Treiben ein wenig verfolgen, mitbekommen haben. Ich möchte an dieser Stelle mal an den Doppeltapesampler voll mit Punk aus Schweden erinnern. Tolles Teil! Und aus dieser Leidenschaft entstand die Idee, ein Zine voll mit Schwedenpunk zu machen. Damit seine Gesprächspartner das auch lesen können, sind alle Texte in Englisch. Es gibt Interviews mit Eskatologia, Sista Sekunden, Beyond Pink und Dörrterror sowie mit Menschen von dem Label D-Takt & Rapunk Records, den Veranstaltern des Punk Illegal Festivals und dem Machern des Schizofrehn Fanzines. Dazu gibt es noch Artikel über H&M und Ikea, die den Schweden erklären sollen, wie böse diese Unternehmen doch sind. Keine Ahnung wie das in Schweden aussieht, aber ich könnte mir vorstellen, dass das in Schweden auch bekannt sein könnte - zumindest innerhalb der Punkszene. So wirkt das ein bisschen wie “Preaching to the Converted”. Egal, lesenswert sind die Beiträge allemal. Wie das komplette Heft überhaupt. Der Bäppi ist halt ein Teufelskerl, der es schafft, auch in Englisch ein tolles Heft auf die Beine zu stellen. Und jetzt brauche ich unbedingt Nachschub Bäppi!

interviewt und vorgestellt. Und auch die Punkgeschichte kam nicht zu kurz. So wurde zum Beispiel in den Ausgaben #44 und #45 die Geschichte des Skintonic Fanzines erzählt und nebenbei auch einiges über die Geschichte der Skinheads in Deutschland. Oder aktuell das Interview mit Ralf Real Shock, der einst das geniale 3rd Generation Fanzine herausgab (und von dem ein ein Best of allen Abonennten beiliegt). Dieses tolle und informative Interview erstreckt sich ebenfalls über zwei Ausgaben. Nachzulesen in der #45 und in der aktuellen Ausgabe, der #46. Gleiches gilt für den BonecrusherReport. Machte auch Spaß zu lesen. Ich könnte jetzt hier noch weitere Highlights aufzählen, beschränke mich jetzt mal aber auf die aktuelle Ausgabe, die Nummer #46. Die erscheint erstmals seit langer Zeit wieder im Quaderformat. Vorbei die Zeiten, als das Moloko Plus im 7inch-Format erschien. Mir soll es recht sein, solange der Inhalt darunter nicht leidet. Und der kommt auch im neuen Format sehr süffig daher. Es gibt ein Interview mit Smart Attitude, die sehr sympathisch rüberkommen. Der zweite Teil des Interviews Ralf Real Shock weiß zu begeistern, ebenso die Geschichte über Aufstieg und Fall von Helen of Oi! Records und die Fortsetzung der Bonecrusher. Geschichtsinteressierte Leser werden mit der Story über die Werner Gladow Bande und dem Horst Wessels Mörder Ali Höhler ihre wahre Freude haben. Menschen mit gutem Geschmack freuen sich über Teil 1 des Interviews mit den Huntington Beach Punklegende The Crowd. Des Weiteren werden die Penny Cocks aus Katalonien, Marching Order aus Melbourne und Jenny Woo aus Kanada vors Mikrofon gezerrt. Ach ja, die Boys dürfen auch etwas sagen. Dazu werden die chinesischen Skins von Misando in ihrer Heimat besucht und wer sich für Maori-Tätowierungen interessiert, wird auch auf seine Kosten kommen. 84 prall gefüllte, abwechslungsreiche Seiten, die mich mal wieder bestens unterhalten haben. Umso trauriger stimmt es mich, dass Torsten das Moloko Plus mit Ausgabe 50 einstellen will. Ab dann soll es nur noch online weitergehen. Eine Entscheidung, die ich nachvollziehen kann, denn vier Mal im Jahr so ein Heft auf die Beine zu stellen und das schon seit mehr als zehn Jahren, erfordert eine Menge Arbeit und Herzblut - vom finanziellen Aspekt ganz zu schweigen. Trotzdem ist das eine Entscheidung, die ich sehr bedauere, da mir das Moloko Plus in den vergangenen acht, neun Jahren sehr ans Herz gewachsen ist und einen guten Freund verliert man nur sehr ungerne. Vier Ausgaben wird es noch geben. Ich freue mich darauf.

MOLOKO PLUS #46 3,00 Euro + Porto, www.moloko-plus.de

ROHRPOST #10 1,51 Euro + Porto, rohrpostfanzine@yahoo.de

Ich glaube, dass erste Moloko Plus, das ich in den Händen hielt, war Nummer #12 oder #13. Ich fand es nicht schlecht, aber mir enthielt es ein bisschen viel Oi, doch zwischen all den Skinheadbands waren auch immer Storys über Bands, die mir gefielen oder die mich interessierten. Ich blieb am Ball und las das Moloko Plus fortan regelmäßig. Und mit wachsender Begeisterung. Und irgendwann begann Torsten damit, unbekannte Sportler zu porträtieren, die sich mit ihrem Verhalten gegen gesellschaftliche Konventionen zur Wehr setzten. Damit traf Torsten bei mir einen Nerv. Ich habe ja im Mittelfinger stellenweise Ähnliches gemacht. Mit der Zeit wurde die Zahl der Oi-Bands immer geringer und mehr und mehr coole 77er-Punkbands oder -labels wurden

Gratulation zur Jubiläumsausgabe lieber Thorben, auch wenn die Gratulation reichlich spät kommt. Das Heft dürfte nämlich knapp zwei Jahre auf dem Buckel haben. Aber mit guten Fanzines ist es ja wie mit einem guten Wein. Man kann sie auch nach Jahren noch lesen bzw. trinken. So verhält es sich auch mit der Rohrpost. Die ist nämlich zeitlos. Ein klassisches Fanzine eben, das nicht den aktuellsten Trends hinterherläuft, sondern über das berichtet, was gefällt oder nervt. Sehr gut ist das Interview mit Steff von Alarmsignal/Ugly Punk Fanzine. Neben den erwartbaren Themen Band und Fanzine geht ein großer Teil des Interviews über das Punkdasein mit Frau und Kind und wie sich das alles miteinander

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verträgt und mit was für Vorurteilen man da leben muss. Sehr interessant! Ein längeres Interview gibt es auch mit der Trashcoreband Over the Top und der Crew der Friese in Bremen. Vor allem Letzteres weiß gut zu gefallen. Dazu gibt es noch etliche Konzertberichte, Kochrezepte, persönliche Storys und und und. Alles schön verpackt im Schnipsellayout. Gute Jubiläumsausgabe! Wenn ihr die seht, greift zu. Und auch bei allen anderen Rohrpostausgaben, die ihr in die Finger bekommt. Es lohnt sich. PANKERKNACKER #27 2 Euro + Porto, www.lambrusco-killers.de Stefano Stiletti hat mit seinem Pankerknacker etwa geschafft, was nur wenigen Fanzinemachern gelingt: Es gibt wohl fast niemand in der Szene, der keine Meinung zum Pankerknacker hat. Die einen lieben sein Heft, die anderen hassen es. Warum es so viele Leute gibt, die den Pankerknacker Scheiße finden, kann ich nicht nachvollziehen. Klar, manche Späße sind derb. Na und?Wir sind doch nicht im Quatsch Comedy Club hier. Oder die Nacktbildchen sind ihnen zu viel (wobei blanke Brüste und Pimmel schon ziemlich lange nicht mehr den Großteil des Layouts ausmachen). Vielleicht ist es auch schlicht Neid? Ich weiß es nicht. Ich gehöre zu denjenigen, die den Pankerknacker nach wie vor für ein großartiges Fanzine halten. Die Mischung aus meist Bandinterviews und Kurzgeschichten gefällt mir gut. Die Bands, die Stefano vors Mikro zerrt, gefallen mir häufig einfach. Dann sind da immer wieder Bands dabei, von denen ich zum ersten Mal im Pankerknacker lese. Aktuell fallen mir Diving for Sunken Treasure ein oder in der Vergangenheit Not Amused oder The Pikes. Stefano scheut sich aber auch nicht, über den Tellerrand der eigenen, kleinen Szene zu schauen und so findet sich dann zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe ein Interview mit Klaus Eberhartinger, dem Sänger der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Und das verehrte Leserschaft ist wirklich mal ein Interview, da sich zu lesen lohnt. Den Kopf der vermeintlichen Blödeltruppe hat eine Menge zu erzählen. Ich habe in letzter Zeit selten so ein interessantes und spannendes Interview gelesen wie dieses hier. Den anderen Schwerpunkt des Heftes bilden die Kurzgeschichten. Stiletti hat sich hier eine illustre Schar an Gastautoren angelacht, die regelmäßig für ihn zur Feder greift. Ach ja, natürlich dürfen die Reiseberichte nach Sardinien von Stiletti himself nicht vergessen werden, die gefühlt in jeder Ausgabe erscheinen. Wahrscheinlich bekommt Stefano Zuschüsse vom sardinischen Fremdenverkehrsamt und kann sich deshalb immer diese dekadente Aufmachung mit durchgängigem Vierfarbdruck leisten. Ausgabe 27 erscheint als Doppelausgabe. Im DIN-A4 Heft befinden sich fast ausschließlich Reviews, im kleinen A5er dann Storys von Don Chrischan, Mani, mir, und Krysztof Wrath, Interviews mit The Spits, dem Beatman, Rummelsnuff, Bernd vom CRKO-Fanzine, den Black Lips und noch einige mehr. Insgesamt wieder rund 100 Seiten Lesestoff, wie im schicken Layout. PLASTIC BOMB #81 3,50 Euro, www.mailorders.de Was soll man zum Plastic Bomb noch groß sagen? Das Heft sollte wirklich jeder kennen. Nicht ohne Grund wird es von manchen als Punkrockbravo bezeichnet. Ich habe

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jedenfalls größten Respekt vor dem, was Micha und Co. da seit 20 Jahren alle drei Monate auf die Beine stellen. Und selten genug: Das Plastic Bomb ist sich dabei treu geblieben. Wer sich mal eine Ausgabe #3 oder #8 oder #23 zur Hand nimmt, wird feststellen: das Layout war damals genauso chaotisch, die Bands genauso untrendy wie heute und das Plastic Bomb war damals sogar näher am Hochglanz als heute. Damals wurde nicht auf RecyclingPapier gedruckt. Klar waren in all den Jahren immer wieder Ausgaben dabei, die meinen Geschmack überhaupt nicht treffen, aber das ist selten. Meistens gibt es genügend Lesestoffe, der unterhält und informiert. Sehr viel davon gibt es in der aktuellen Ausgabe. Neben einem Interview mit Andi von den Toten Hosen gibt es den ersten Teil eines ausführlichen Gesprächs mit einer meiner Lieblings-80erDeutschpunkband, Tin Can Army. Auch das Interview mit dem ehemaligen Black-Flag-Bassisten und SST-Gründer Chuck Dekowski ist sehr interessant. Mit den Modern Pets hat es mal wieder eine deutsche Band in die versucht, in den USA auf Tour zu gehen. Und sie haben es geschafft. Darüber berichten sie in epischer Länge. Feine Sahne Fischfilet dürfen natürlich auch nicht fehlen und berichten über Verfassungsschutz und Indizierungsverhandlung. Ach ja, und Sven Bock, der das Heft mitbegründet hat, vor einigen Jahren aber ausgestiegen ist, hat auf Lehrer umgesattelt und erzählt im Schwerpunkt “Punk und Lehramt” mit einigen anderen Lehrerpunx darüber. Es gäbe hier jetzt noch einiges mehr an Inhalt aufzuzählen, aber das spar ich mir. Ihr habt das Heft sowieso schon auf dem Klo liegen. Und falls nicht, beeilt euch an die Ausgabe zu kommen. Es handelt sich bei der #81 wohl um eine, wenn nicht sogar die meist verkaufte Plastic Bomb Ausgabe ever. da haben wohl einige Toten Hosen Fans mal statt zur Visions oder Musikexpress zum Plastic Bomb im Bahnhofskiosk gegriffen. PUNKROCK! #16 4,00 Euro, www.punkrock-fanzine.de Mit dem Punkrock! hatte ich in der Vergangenheit ja immer so meine Probleme. Ich fand es im Großen und Ganzen schlicht langweilig. So die die ersten sechs, sieben Ausgaben hatte ich gelesen und mir war das immer alles zu oberflächlich. Die Interviews gingen selten in die Tiefe und blieben in dem Platte-Tour-Themenspektrum hängen. Und wenn es doch mal interessanter wurde, war das Interview plötzlich vorbei. Ausnahmen bestätigen die Regel. Da konnten dann auch die meist guten Kolumnen und Bockys Recherchen in der Grauzone wenig ändern. Ich ließ das Punkrock Punkrock sein und nahm erst wieder Notiz von dem Heft, als mit Ausgabe #15 auf A4 umgestellt wurde und der Sprung an die Bahnhofskioske gewagt wurde. Das gefiel mir dann schon besser. Und Nummer 16 stellt dann noch einmal eine Steigerung dar. Die hat mich größtenteils gut unterhalten und informiert. Gut, das Interview mit Casualties hätte es nicht gebraucht. Und auch Kotzreiz sind schon in so vielen Heften gelaufen, dass es die hier nicht unbedingt gebraucht hätte. Immerhin gibt es nicht das x-te Interview mit denen, sondern man lässt sich von den Jungs ihr Berlin zeigen, was ja auch ganz interessant sein kann. Es sind dann auch eher die Geschichten und Interviews, die sonst nicht allen anderen größeren Zines und Musikmagazinen laufen, die mir gut gefallen. Zu allererst ist da natürlich der Bericht über die


Deutschrock-Szene und deren Verbindungen untereinander zu nennen. Allerdings hätte der Teil, in dem die Bands Frei.Schnauze und Skatoons sowie die Labels Impact Records, Nix Gut und Sunny Bastards zu Wort kommen, da dieses Mal mehr oder weniger freiwillig mit der Deutschrock-Szene bzw. Frei.Wild in Berührung gekommen sind, ruhig etwas länger sein können. Auch interessant fand ich das Interview mit dem Model Victoria van Violence, die einen sympathischen, reflektierten und intelligenten Eindruck macht. Und bestens amüsiert habe ich mit Gruppe 80. Sehr lustige Zeitgenossen, die nicht nur tolle Musik machen, sondern auch über viel Humor verfügen. Neben zahlreichen Kolumnen werden noch etliche weitere Bands interviewt, wie Love A, Frau Potz, Auschwitz Rats oder No Weather Talks. Insgesamt ein pickepackevolles Heft, das es aufgrund der Vielfalt nicht jedem recht machen wird, aber für die meisten genügend Lesestoff bieten dürfte. Es scheint, als könnte das nochmal was werden zwischen dem Punkrock und mir. SCHLAMMROCK #4 & #5 1,50 Euro + Porto, hoeppi77@web.de Oh Mann, das ist fast schon peinlich, die Hefte noch zu besprechen. Ich schätze mal, Schlammrock #4 dürfte gut und gerne drei Jahre alt sein, Schlammrock #5 sicher zwei Jahre. Warum ich die erst jetzt bespreche, kann ich mir eigentlich nur mit extremer Faulheit erklären. Denn beide Hefte sind richtig klasse und sprühen vor gutem Humor. Langweilige Interviews mit irgendwelchen Bands, die gerade auf Tour sind und von ihren Promoagenturen wie Sauerbier angeboten werden, sucht man hier zum Glück vergebens. Stattdessen wird in Ausgabe 4 Gott, als Lemmy, gehuldigt, der eigene Punkgeburtstag gefeiert oder Guido Westerwelle einem Fakeinterview unterzogen. Dazu kurzweilige und amüsante Kurzgeschichten unter anderem von Don Chrischan, Mika Reckinnen oder Herausgeber David Visconte. Richtig klasse gefallen mir die satirischen Stücke vom Co-Herausgeber Simon Kramer. Zum Beispiel der Überblick über Barack Obamas Karriere: großartig! Oder der Text, der mit “Angst als Chance zur Differenzierung” überschrieben ist. In der Titanic habe ich schon deutlich schlechtere Texte als diese hier gelesen. In Nummer 5 geht es ebenso niveau- und humorvoll weiter. Themen sind dieses Mal unter anderem eine Hommage an Schleimkeim, eine amüsante Huldigung der Dreckskapelle Monster Magnet und ein Interview mit der Medizinischen Flüchtlingshilfe Berlin. Den größten Teil des Heftes füllen aber auch in Ausgabe 5 wieder Kurzgeschichten und verbale Rundumschläge von Simon Kramer. Wenn ihr euch etwas Gutes tun wollt, dann schreibt dem david mal schnell eine Mail. Vielleicht hat er ja noch ein paar Exemplare des Schlammrock vorrätig. Es wäre euch zu wünschen! TRUST #157 2 Euro, www.trust-zine.de 25 Jahre gibt es das Trust jetzt schon. Unglaublich. Aber meinen  größten Respekt für diese Leistung. Für mich ist das Trust ja immer wie eine kleine Wundertüte. Es gibt Ausgaben, die begeistern mich total, weil interessante Bands oder Menschen interviewt oder tolle Storys die Seiten füllen. Und dann gibt es wieder Ausgaben, die ich

nach einmal Durchblättern und kurz Artikel überfliegen wieder weglege, weil wirklich nichts drin steht, das mich irgendwie anspricht. Diese Ausgabe ist mal wieder eine Ausgabe, die mir gut gefällt. Nach den obligatorischen Kolumnen interviewt Jan den Journalisten Michael Schulze von Glaßer, der sich intensiv mit der PR-Arbeit der Bundeswehr beschäftigt und dazu auch ein Buch veröffentlicht hat. Sehr interessant, wie Truppe versucht Nachwuchs zu rekrutieren (das sie bei Bravo werben dürfte mittlerweile ja bekannt sein) und die Stimmung der Bevölkerung für sich zu gewinnen. Dass die Bundeswehr zum Beispiel Filme unterstützt, in der sie eine positive Rolle spielt, hätte ich mir zwar denken können, gewusst oder erwartet habe ich das aber nicht. Auf das Interview folgt das absolute Highlight der Ausgabe: das VinylSpecial. Wer sich schon immer dafür interessiert hat, wie die Musik seiner Lieblingsband auf das schwarze Gold kommt, sollte sich dieses ausführliche Special zu Gemüte führen. Ein weiteres Highlight ist der Artikel über die philippinische Punkband Istukas over Disneyland. Tolle Band, die hier entsprechend gewürdigt wird. Weitere Interviews gibt es noch mit dem Comiczeichner Schwarwel und der Hardcoreband Blue Note. Dazu der übliche große Reviewteil. Alles in allem eine gute Ausgabe! TRY TO WAKE UP WITH A SMILE ON YOUR FACE! #3 try@posicore.de Ich hatte von dem Heft schon gelesen, es selbst aber noch nie in den Fingern gehabt. Umso mehr habe ich mich gefreut, als vor einigen Wochen die Nummer des Try to Wake up with a smile on your Face! Ins Haus flatterte. Und noch mehr freute ich mich, als ich beim Lesen dann feststellte, dass es sich bei Herausgeber Chriz, um jenen Chriz handelt, der früher auch maßgeblich beim Massenmörder züchten Blumen Zine seine Finger mit im Spiel hatte. Die vorliegende Ausgabe ist so eine Art Reisetagebuch. Chriz muss beruflich immer mal wieder für längere Zeit in die nordenglische Stadt Burnley und so drehen sich die ersten Seiten um die Stadt. Fußballfan ist der gute Chriz auch und wo könnte man da besser aufgehoben sein, als im Mutterland des Fußballs? Doch denkste! Im Vergleich zur Kommerzialisierung der Premier League ist die Bundesliga höchstens dritte Liga. Deshalb lässt Chriz die beiden sehr sympathisch wirkende Geoff and Mary zu Wort kommen, die Fans von FC United of Manchester sind. Nicht zu verwechseln mit Manchester United! Vielmehr handelt es sich beim FCUM um einen relativ jungen Verein, der von ehemaligen Manchester United Fans gegründet worden ist, denen die Kommerzialisierung des ehemaligen Lieblingsvereins zu weit ging und die lieber den puren Sport statt einem unbezahlbaren Entertainmentprodukt sehen wollten. Natürlich darf Mika Reckinnen nicht mit einer Kurzgeschichte fehlen. Ich glaube ja, er versucht als der Mensch, der für die meisten Fanzines Kurzgeschichten geschrieben hat, ins Guiness Buch der Rekorde zu kommen. Liege ich da richtig Mika? Und zum Schluss folgt noch ein Interview mit Luke Schwarzenbrennan, der das Fanzine Ont Road herausgibt und auch einen kleinen Fanzinedistro führt. Liest sich auch gut. Apropos Lesen: Bis auf das Vorwort und Mikas Kurzgeschichte sind alle Texte in Englisch. Gesamturteil: kurzweiliges, aber gutes Heft! Ich freue mich auf Ausgabe #4.

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A HURRICANE’S REVENGE - Partially Ordered Relations CD (Kidnap Music) Normalerweise haben Kidnap Music ja ein Händchen für gute Bands, siehe The Baboon Show. Was sie jetzt aber hier geritten hat? Ich weiß es nicht. Kulinarisch ausgedrückt, gibt es hier Hausmannskost statt Haute Cuisine. Das sei Punkrock, wie man ihn sonst nur aus Gainesville kennen würde, verkündet die Label-Homepage. Jetzt weiß ich nicht ganz, wie der Punkrock in Gainesville klingt, ich denke hier sollen Assoziationen zu Hot Water Music oder As Friends Rust oder ähnlichen raueren Emocore-Bands hergestellt werden. Doch das führt etwas auf die falsche Fährte. Musikalisch geht das manchmal in die Richtung. Gesanglich allerdings gar nicht - Reibeisenorgan ist hier Fehlanzeige. Größtenteils dominiert melodischer Hardcore, wie es ihn in jedem Kleinstadt-JUZ gibt. Und jetzt halt auch in Trier. ALARMSIGNAL – Alles ist vergänglich CD (Antikörper Export) Neustes Album der Deutschpunks aus dem Norden. Auch auf „Alles ist vergänglich“ wird kämpferischer Deutschpunk geboten, der mit Melodien und revolutionärem Pathos nicht geizt. Wer auf Schlachtrufe-BRD-Deutschpunk steht, wird hier bestens bedient. Mein Fall ist das nicht. ANN BERETTA – Wild, Young And Free CD/LP (Gunner Records) Den Namen habe ich doch schon einmal gehört. Achso die Band hat schon wirklich lange nichts mehr rausgebracht. Ann Beretta waren mir irgendwie immer egal. Die Band aus Richmond hat mit „Wild, Young And Free“ jetzt eine Platte veröffentlicht, die einen ganz guten Überblick über ihr bisheriges Schaffen gibt. Wenige neue Songs, und einiges von älteren Platten. Für diejenigen, die sich gerne mit der Band befassen möchten, ist das Album sicherlich ein guter Einstieg, für Eingefleischte steckt da relativ wenig Neues drin. Schade für Fans, dass Ann Beretta nach so einer lange Pause kein neues Album raushauen. Mich hat die Platte irgendwie gelangweilt. Ziemlich viel Rock, hier und da ein Punkrocker, aber nicht der Rede wert. (HNNS) ARLISS NANCY – Simple Machines CD (Gunner Records)

Bei einem Bruce Springsteen oder Gaslight Anthem Lookalike-Wettbewerb hätte das Quintett aus Fort Collins/Colorado gute Chance auf den ersten Platz. Musikalisch sehr rockig und Americana-lastig, stimmlich sehr nahe am Organ von Brian Fallon, dachte ich beim ersten Hören von Simple Machines, bei Arliss Nancy handele es sich um ein Nebenprojekt des Gaslight Anthems-Sängers mit Orgel. Grundsätzlich habe ich nichts auszusetzen an dem Album, es enthält einige starke Songs. Zum Beispiel “Pages” oder “Front Seat”, die beide sehr nach Springsteen klingen, “Saint Forgot” oder “Mountain Story” würden auch auf jeder Gaslight Anthem-Platte eine gute Figur machen, “True Story”, der flotteste und punkigste Song, lädt zum mitgröhlen ein und mit “The Carry” gibt es einen würdigen, ruhigen Abschluss. Einzig, dass Arliss Nancy jegliche Eigenständigkeit fehlt, stört dann ein wenig. BLACKLIST ROYALS – Graveyard Shifts CD/LP (Gunner Records) Blacklist Royals – da war doch mal was. Ach ja, ich glaube vor zwei Jahren habe ich „Semper Liberi“ ziemlich gefeiert. Die Platte hat Spaß gemacht. Leider hat es die Band nie so richtig geschafft aus der Flut der PoppunkBands im Dunstkreis von Against Me, Gaslight Anthem und Co. hervorzustechen. Sie sind mitgeschwommen aber nicht auf der Welle geritten. Das kann auch ganz gut sein. Ich habe irgendwie keinen Bock mehr auf die studentischen Holzfäller mit Hornbrille. Sicher ist „Graveyard Shifts“ für Liebhaber der Band einen Kauf wert. Es befinden sich nicht wirklich neue Songs auf der Platte, denn diese ist eher eine Compilation von B-Seiten und Demos. Da geht es auch mal ruhiger zu. Das Ganze macht aber trotzdem Spaß. Abwechslungsreich und der eine oder andere Kracher ist auch dabei. Bei der Platte mache ich mir eine Flasche auf, bei „Semper Liberi“ habe ich Dosen geschüttelt und im Bierregen gefeiert. (HNNS) CHEAP DRUGS - Demo Tape (Yakuzzi Tapes) Moshiger Skatecore, der auf seinem Rollbrettel in das eine Ohr rein- und aus dem anderen herausfährt, ohne dabei bleibenden Eindruck zu hinterlassen. DIRTBOX DISCO - Legends CD (Wolverine Records) Neue Band aus England, deren Bühnenoutfit an Toy Dolls erinnert. Musikalisch handelt es sich dann zum Glück um keinen Toy-Dolls-Klon, sondern um packenden, melodischen Punkrock. Gewürzt mit einer Prise britischem 77er-Rotz und New York Rock’n’Roll ergibt das ein schmackhaftes Gebräu, das einige Songs enthält, die im Ohr hängen bleiben. Etwa “Rock’n’Rolla”, “Smackhead” oder “Radio Radio”. Auch die anderen zehn Lieder wissen zu überzeugen und so ergibt das ein überraschend gutes und stimmiges Debütalbum. Im Mai kommen die fünf Herren auf Deutschlandtour. Nicht entgehen lassen, das könnte gut werden.

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DRIVING FOR SUNKEN TREASURE – Motherfucker Jazz Bar LP/CD (Rookie Records) Hafenpinte. Nachts nach 3. Irgendetwas geht zu Bruch. Stimmen werden lauter. Eine Bierflasche zerbirst auf dem Schädel eines Betrunkenen. Stühle und Tische fliegen durch den Raum, Fäuste treffen auf Wangenknochen, Nasenbeine brechen. In der Ecke spielt eine Band. Sie lässt sich von dem Getöse nicht beeindrucken. Business as usual. Ihren Shanty-Gypsi-Punk kann das nichts anhaben. Das Schlagzeug hämmert im Stakkato, der Kontrabass füllt den Raum und die Akustikgitarren werden in Hochgeschwindigkeit gezupft, raue Kehlen brüllen die Lieder in die Nacht. Driving for Ssunken Treasure sind einfach toll. Stellenweise erinnert mich das sehr an die Black Beach Union. Großartig! Punks ohne Scheuklappen greifen hier zu und freuen sich! DÜSENJÄGER - leben lieben sterben 10” (Grabeland Schallfolien) Auf diese Platte habe ich mich wirklich gefreut! Düsenjäger haben mich das fast das komplette vergangene Jahrzehnt mit ihren beiden 7”s und den beiden LPs begleitet. Dabei waren sie für mich immer eine Band, die weniger wegen bestimmter Songs in Erinnerung geblieben, sondern wegen eines bestimmten Gefühls, das sie mit ihrer Musik vermittelt haben. Bei Muff Potter,  Dackelblut oder Boxhamsters sind es immer gewisse Lieder, die für mich herausragen. Bei Düsenjäger könnte ich jetzt kein bestimmtes Lied nennen, das mich damals besonders geflasht hätte. Es war die Platte in Gänze, die hängen blieb und begeisterte. Diese immer spürbare, latente Unzufriedenheit mit den Zuständen, das Fernweh und die Einsamkeit, dazu treibender Punk, der auch vor Melodien und Schrammelpop keine Angst und natürlich alles in Moll, spürte ich so geballt nur bei Düsenjäger. Vielleicht noch bei Panzerkroiza Polpotkin. Und das machte Düsenjäger zu einer der großartigsten deutschen Bands der 2000er Jahre und eine Referenz für viele nachfolgende Bands. 2008 war dann erst einmal Schluss. Doch jetzt sind sie wieder da. Live waren Düsenjäger schon ein wenig länger wieder zu hören und sehen. Und jetzt endlich auch mit neuer Platte. Eine hübsche 10”, die den düsteren Titel “leben lieben sterben” trägt. Sieben Songs enthält das Polyvinylchlorid. Und es ist alles wieder da: die Melancholie, das Fernweh, die Unzufriedenheit, die Wut und auf die Festung Europa, auf dumpfe Parolen, die Gesellschaft und die Menschen an sich. Sieben tolle Lieder, die jedes für sich herausragend ist. Das neue Jahr ist jung, da kann noch viel kommen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass gerade eine der besten Platten 2013 ihre Runden auf meinem Plattenteller dreht. FEINE SAHNE FISCHFILET - Scheitern und Verstehen CD (Audiolith) Die Band aus MacPom dürfte mittlerweile wohl jedem ein Begriff sein. Es gab in den vergangenen Monaten wahrscheinlich keine andere deutsche Punkband, über die so ausführlich und so positiv auch in Medien jenseits des Punkkosmos wie spiegel.de, taz, Musikexpress oder Tagespiegel berichtet worden ist. Band und Label könnten sich darüber eigentlich freuen, denn bessere und günstigere Promo gibt es kaum, wenn der Anlass nicht so traurig und bezeichnend für die Arbeit deutscher

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Sicherheitsbehörden wäre. Feine Sahne Fischfilet werden im Verfassungsbericht von Mecklenburg-Vorpommern erwähnt. Und ihnen wurde dabei deutlich mehr Platz eingeräumt, als zum Beispiel der NSU oder anderen militanten Naziorganisationen. Verkehrte Welt. Leider nicht nur im Norden der Republik, sondern landesweit, wenn man die Pannen, Fehler, Mutmaßungen der Sicherheitsbehörden in den Ermittlungen zur Mordserie der NSU betrachtet. Ich will nicht wissen, Dreck dort noch im Verborgenen lauert oder durch irgendwelche Aktenschreddereien niemals mehr ans Licht kommen wird. Doch zurück zur Musik und Feine Sahne Fischfilet und ihrem neuen Album “Scheitern und Verstehen”. Ich kannte die Band vorher gar nicht, nur den Namen und habe die immer eher in die Oi-Ecke eingeordnet. Wie falsch man doch liegen kann. Statt Stumpf-ist-trumpf-Mist gibt es elfmal Punkrock mit Bläsern - nicht zu verwechseln mit Skapunk, um den die Band glücklicherweise einen Bogen macht. Tanzbar ist das trotzdem, bisweilen recht poppig. Ich denke Rosa Luxemburgs Ausspruch: “Wenn die Revolution nicht tanzbar ist, bin ich nicht dabei”, werden die sechs Jungs zustimmen. Tanzbar ist das trotzdem, bisweilen recht poppig. Ich denke Rosa Luxemburgs Ausspruch: “Wenn die Revolution nicht tanzbar ist, bin ich nicht dabei”, werden die sechs Jungs zustimmen. Textlich variieren Feine Sahne Fischfilet zwischen politisch-plakativ und eher persönlicheren Themen. Mir gefällt das größtenteils überraschend gut, meine Favoriten sind “Geschichten aus Jarmen” und “Komplett im Arsch”. FRO-TEE SLIPS – Starschnitt Troopers #2 CD (www.myspace.com/frotees ) Fortsetzungen kommen meist nicht an den ersten Teil heran. Ich sage nur Ghostbusters 2, Poltergeist 2 oder auch Rambo 2. Oftmals hätte es eine Fortsetzung auch nicht gebraucht, die wurde nur hinterher geschmissen, um noch einmal richtig Kohle abzukassieren. Letzteres kann man bei den Fro-Tee Slips ausschließen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich mit Starschnitt Troopers #2 viel Geld verdienen lässt. Die Band aus Flensburg gibt es schon seit den 90ern, damals gewannen sie bei Impact einen Bandwettbewerb und durften dort ihr erstes Album veröffentlichen. Den jugendlichen Funpunk, der damals versuchte wie Wizo oder Abstürzende Brieftauben zu klingen, spielt die Band auf Starschnitt Troopers #2 zum Glück nicht mehr. Stattdessen müssen jetzt die Toten Hosen herhalten. Kaum ein Lied auf dem Album, dass nicht an die Düsseldorfer erinnert. Überraschungen Fehlanzeige. Mein Fall ist das nicht. Mich langweilen solche Platten. Fans der Toten Hosen oder von Wilde Zeiten können hier dagegen bedenkenlos zugreifen. HENRY FONDA/NIHIL BAXTER - Uniorns from Hell 7” (Spasti Fantastic Records) Zweimal Grindcore aus dem Gemischtwarenladen. Henry Fonda mit mehr Gegrunze am Gesang, was mehr nach Verdauungsproblemen klingt. Bei Nihil Baxter dominiert Gekreische. Sind Zahnschmerzen der Grund? JEFF ROWE - Bridges/Divides CD (Gunner Records) Wie nennt man das jetzt? Akustik-Punk? So stand zumindest letztens irgendwo. Oder ist das Singer/Songwriter oder gar Country? Wie auch immer man es nennen mag, ich mag so Musik und ich mag Jeff Rowe, dem mit “Bridges/Divides” ein tolles Album gelungen ist. Zehn meist flotte Country


(oder Akustikpunk)-Songs. Nicht ganz so melancholisch wie William E. Whitmore, nicht ganz so euphorisch und rau wie Chuck Ragan, weniger britisch als Frank Turner, liegt Jeff Rowe irgendwo dazwischen und begeistert damit auf voller Länge. JOHNNIE ROOK - Stimmungsgerät LP/CD (Major Label) Johnnie Rook kommen aus Berlin und bestehen aus drei Kerlen an den Instrumenten und einer stimmgewaltigen Frau am Gesang. Gespielt wird melodischer HC-Punk amerikanischer Prägung, der in seiner Gesamtheit doch sehr an Inner Conflict erinnert. Die Songs sind abwechslungsreich und versuchen Standardschemata zu vermeiden. Textlich werden meist eher die persönlichen Aspekte und Schicksalsschläge des Lebens besungen. Die Band hat Spaß, an dem was sie macht, das hört man mit dem jedem Lied. Mir persönlich geht das aber nicht so gut ins Ohr. Sind es die Texte, die mir manchmal etwas pubertär erscheinen, oder die Musik, die halt nicht meins ist, oder liegt es daran, dass ich hier die Eigenständigkeit vermisse. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich denke aber, dass die Band genügend Fans finden wird. Und live ist das bestimmt eine gute Sache. LA LINEA - Revoluzionado CD (Mad Butcher/One Step Records) Bei La Linea handelt es sich um eine alte Politpunkband aus Italien, die es seit 1989 gibt - also seit mehr 20 Jahren, und ihre straighten Songs immer wieder mit Ska-, Hip-Hipoder Reggae-Elementen mischt. Im Gegensatz zu manch anderer Band, die auch verschiedene Stile mischen, hält es sich hier aber wohltuend in Grenzen. Den Grundstein bildet immer ein geradeliniger Punksong. In den Texten, die im Booklet auch ins englische übersetzt stehen, wird schonungslos mit dem politischen System im heutigen Italien und dem Zustand der dortigen Gesellschaft abgerechnet. Wer seine Freude an Bands wie Talco oder Banda Bassotti hat, dürfte auch mit La Linea richtig liegen. KAPELLE3 - Rummel CD (www.kapelle3.de) Kapelle 3 kommen aus Köln und spielen schön entspannten Ska und Rocksteady. Die Texte sind in mal deutsch, mal in englisch. Dazwischen auch mal ein Instrumental. Schön, schön. Live machen die bestimmt gut Rabatz, leider habe ich sie neulich in Spiessbaden verpasst. Aber dank der Wiesbaden-Connection von zwei der elf Bandmitgliedern, wird es sicher nicht das letzte Gastspiel in der hessischen Landeshauptstadt gewesen sein. LEIDKULTUR - For a better World 7” (Spastic Fantastic Records ) Wow, sind die geil! Angepisster Deutschpunk, der mächtig Tempo macht und einmal quer durch den Gemüsegarten zum verbalen Rundumschlag ausholt. Erinnert mich an Buttocks, frühe Toxoplasma oder wer es lieber moderner mag, an Abfukk. Tolle Überraschung, tolle Band, tolle Single, die in hübscher Aufmachung daher kommt. Tipp! MADCAPS – For God Knows In The Sun CD (www.madcaps.de) Neue Mini-CD der Madcaps aus Augsburg, die mir gut ins Ohr geht. Sechs feine 77erg-Punkrocksongs erfreuen meine Gehörgänge. Besonders „Garageland“, eine Hommage

an The Clash, gefällt mir gut. Aber auch die anderen Lieder wissen mit schönen Melodien und ausgefeiltem Songwriting zu gefallen. Hie und da könnte jedoch die Geschwindigkeit etwas höher sein, sonst gibt es hier nix zu meckern. Wer Guitar Gangsters, 2nd District, One Man Army oder natürlich The Clash mag, wird auch mit Madcaps seine Freude haben. MARY'S KIDS – Say No! LP (No Balls Records) Wieder Schweden, wieder Punk, wieder toll. Damit wäre eigentlich alles gesagt. Eigentlich. Sängerin Mary war früher bei Mensen, einer ziemlich geilen Punkband aus Norwegen, die es um Jahrtausendwende gab und deren Platten ich euch nur wärmstens empfehlen kann. Mary' Kids ist ihre neue Band und die ist ziemlich gut. Weniger Rock'n'Roll als bei Mensen, mehr Moll stattdessen. Erinnert mich manchmal ein wenig an Lost Sounds. Und mehr Pop. Ausnahme bildet der Titelsong, der ist herrlich Aggro mit geschrienem Gesang. Nach 22 Minuten sind die 14 Songs dann vorbei. Gute Scheibe! ME AND MY ASSHOLE - Shiver with Disgust CD (www.meandmyasshole.de) Das Wiesbadener Punkrock-Urgestein ist zurück mit ihrer neuen, dritten Platte, die gleichzeitig das Abschiedsalbum für Bassist Olli ist, der die Band vor einiger Zeit verlassen hat. Im Frieden übrigens. Rein optisch ist “Shiver with Disgust” schon einmal das beste Album der Wiesbadener. Endlich wurde jemand an die Covergelastaltung herangelassen, der davon auch Ahnung hat. Auch der erste Song, weiß zu gefallen. “Hippie Girl” ist ein straighter Punkrocksong, der mächtig Geschwindigkeit bolzt und trotzdem mit Melodie und der nötigen Portion Dreck aufwarten kann. ich fühle mich ein wenig an ADZ erinnert. Kennt die noch wer? “Don’t fuck me” ist dann hardcorelastiger und erinnert vor allem im Refrain an die unlängst dahingeschiedenen Smokeblow. Mit “Hard Times” und “Ooops I did it again” kommen dann zwei weitere gute, wen auch unscheinbare Punkrocksongs. Der “Popsong” macht seinem Namen alle Ehre und gefällt vielleicht deshalb bis jetzt am besten. Ab dem 6. Song auf dem Album lassen M.A.M.A. dann neben Punkrock leider ihrer zweiten Leidenschaft vermehrt Lauf: Grunzigen, leicht metallischen Hardcore. So geht bis zum 9. Lied. Der zehnte Song, “Better of Dead” (schreibt man of in dem Fall nicht mit zwei “f”?) versucht sich dann vor allem durch den Gesang den Lemmy-KilmisterGedächtnis-Preis zu sichern. Ich denke zumindest die Endausscheidung sollte drin sein. “Weather”, das danach folgt, ist dann leider wirklich schlimm. Wieder Grunzen und Kreischen. Und Metalgitarre. Doch das Beste kommt am Schluss. So auch hier: “Cast me” ist dieses Mal der einzige Song in Deutsch gesungen und ein sarkastischer Tiefschlag gegen Dieter Bohlen, DSDS und dem Castingwahn überhaupt. Schade, dass es davon nicht mehr gibt auf dem Album. Überhaupt verstehe ich nicht, warum die Jungs so wenig in Deutsch singen. Gerade die deutschen Songs von M.A.M.A. waren bisher die besten Lieder der Band. Insgesamt ein abwechselungsreiches Album, das neben vielen Höhen leider auch etliche Tiefen enthält. Mein Tipp: Lasst das mit dem Gegrunze und konzentriert euch auf Punkrock. Das könnt ihr am besten!

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MORPHOTRON - Modus Brutal CD (www.morphotron.de) Neue Deutschpunkband aus Hamburg mit ihrem Debütalbum. Das Trio muss dem Coverbild zufolge deutlich jenseits der 30 sein. Das macht sich vor allem bei den Texten bemerkbar, die es schaffen trotz deutlicher Antipathie gegen alles und jeden auf gängige Floskeln und Parolen zu verzichten, während die Musik fröhlich rumpelt und poltert. Erinnert mich ein wenig an Canalterror. Nur den Versuch wie Pur zu klingen (bei “Augen zu”), sollte die Band nochmals überdenken. Oder will da jemand etwa zu Hartmut ins Abenteuerland? NO WEATHER TALKS – More Passion Less Paycheck 7“ (Gunner Records) No Weather Talks haben in Gainesville beim FEST 11 gespielt. Das hat mir ein Kumpel erzählt, der jährlich dem wilden Punkrock--‐Treiben beiwohnt und in Turkey Town professionell Kronkorken durch die Gegend schnippt. Ist ja schließlich ein Profi und hat immer wieder den ein oder anderen Musiktipp am Start. So auch diesmal. NWT kommen aus Hamburg und sind eine richtige Allstar–Bande. Juri Gagarin, Just Went Black, Tackleberry, Matula, Talk Radio Talk – da bekommen Szenekenner feuchte Hände. Mir ist das egal und ich höre mir lieber die EP an. Was ich da höre, gefällt mir. Die Band spielt druckvollen Punkrock, mal poppig mal melancholisch, und immer authentisch. Man merkt schnell, dass in der 7“ sehr viel Herzblut steckt. No Weather Talks klingen erfrischend, was auch an dem weiblichen Gesang liegt. Hier wird nicht einfach ausgelutschter Emopunk gespielt – den man schon etliche Male gehört hat. Da liegt Postpunk, Indie und vieles mehr in der Luft. Schon der erste Song der Platte ist ein Hit. Und drei weitere folgen! Ich finde No Weather Talks echt gut und freue mich bald mehr Songs zu hören. Macht mal hin! (HNNS) PLANNER - s/t Tape (Human Parasit Pladden/Yakuzzi Tapes) Planner waren mir bis dato unbekannt, können aber mit ihrem Demo voll überzeugen. Sechsmal wütender HC-Punk irgendwo in der Schnittmenge zwischen Wipers und Tradegy. Da kommt hoffentlich bald eine Platte hinterher. STRAWBERRY BLONDES - Nothin’ left to lose MCD (Wolverine Records) Die Strawberry Blondes kommen aus Wales und spielen melodischen Streetpunk, der sich meist im Midtempo bewegt. Die Songs sind kurz und knackig, verzichten auf unnötigen Ballast und begeistern sicher viele mit fetten Stadionchören in den Refrains. Stellenweise erinnert das stark an Rancid oder Bombshell Rocks. Meinen Segen haben sie dafür. Die vier Songs machen Spaß, der ganz große Überhit, der der Band jedoch eine längere Halbwertszeit verschaffen würde, fehlt. THE BABOON SHOW - Dancehall Killers 7” (Kidnap Music) Die 7” bietet einen Vorgeschmack auf das neue Album der allseits beliebten Schweden. Der Titeltrack, der auch auf der neuen Platte sein wird, punktet auf ganzer Länge. Ein feiner Song, mit Wavetouch und Offbeat. Die Flipside “Break Out” ist exklusiv auf der Single enthalten. Hier geht es deutlich schneller und straighter zu, leider auch nur halb so toll wie auf der A-Seite. Volle Punktzahl gibt es hingegen für das Cover, schön im Stil von Roy Lichtenstein.

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THE BABOON SHOW - The People’s Republic of the Babonn Show formerly known as Sweden CD/LP (Kidnap Music) Die vier Schwedinnen und Schweden zählen zu den Senkrechtstartern der Szene. Vor zwei Jahren höchstens Insidern wie Bäppi bekannt, kennt sie heutzutage jede Sau. Und wahrscheinlich gibt es nicht Wenige, die die Tage bis zur Veröffentlichung von “The People’s Republic of the Baboon Show formerly known as Sweden“ gezählt haben. Jetzt liegt es vor und ich denke, wer die Band mag, wird nicht enttäuscht werden. The Baboon Show klingen immer noch nach The Baboon Show. Musikalisch werden wieder Punk, Garage und New Wave gekonnt zu einem heißen Soundgebräu verquirllt, dem Sängerin Cecillia mit ihrer rotzigen Stimme den nötigen Druck verleiht. Besonders angetan haben mir es die Singleauskopplung “Dancehall Killers”, die mit jedem Mal hören mehr an Klasse gewinnt und vor allem im Refrain an Gang of Four erinnert, das rotzige “I feel like winning”, das durch seinen Killerrefrain besticht, und “Eiffel Tower”, das durch seine Schnörkerlosigkeit gefällt. Auch die restlichen sieben Lieder überzeugen und so gelingt dem Quartett ein würdiger Nachfolger für “Punkrock Harbor”. Im April und Mai sind The Baboon Show wieder in Deutschland unterwegs. Wer die Möglichkeit hat, eines der Konzerte zu besuchen, sollte sich das nicht entgehen lassen. Man erzählt sich wahre Wunderdinge über Livekonzerte der Band. Vielleicht sieht man sich dann. THE BONE IDLES/DANGERMAN – kaos Conspiracy CD/LP (Rookie Records) Schöne Kollaboration zwischen Karlsruhe und Oslo. Bei Bone Idles singt Gunnar, ex-Shouter von So Much Hate, bei Dangerman spielen auch ehemalige Mitglieder von So Much Hate mit. Von daher macht diese Split aus freundschaftlichem Blickwinkel Sinn. Musikalisch haben sich Bone Idles damit leider keinen Gefalllen getan. Ihr doch sehr spröder und schlichter HC-Punk verblasst gegenüber dem grandiosen HC-Punk von Dangerman, der nicht nur durch Ideenreichtum, sondern auch durch einen begnadeten Sänger besticht. Schon ihre Debütscheibe fand ich großartig und bis heute bekomme ich davon nicht genug. Die Split-CD (enthält als Bonus vier Songs einer kürzlich erschienen Split-7“ beider Bands) gibt mir da neues Futter. Danke. Hoffentlich nehmen Dangerman bald ein neues Album auf. Kann es kaum erwarten. Übrigens auch live eine Macht! THE BOATSMEN - s/t LP/digital (Zorch Productions) Ist ja klar, dass die aus Schweden kommen müssen, wenn ich schon nach wenigen Takten wild zu zappeln beginne. Das Quartett legt auf seinem Debüt einen wilden Ritt aus 60s Punk und Rock’n’Roll aufs Parkett als ob Hasil Adkins und die Sonics sich ein Stelldichein geben. Angereichert werden die Tanzflächenbrecher mit eingängigen Melodien und dem nötigen Popappeal. Eine tolle Band, bei der Erinnerungen an die jungen HIves wachwerden und die gut in deren Fußstapfen treten könnten. THE HIGH HATS – and then came cancer LP (Alleycat Records) Verehrte Leserschaft, leiden Sie häufig oder gelegentlich unter schlechter Laune? Ja? Das tut mir leid. Aber ich weiß Hilfe für sie. Die neue Platte, der High Hats ist, das


perfekte Mittel gegen schlechte Laune. Wer beim Hören der High Hats nicht sofort vor Freude durch den Raum hüpft, der kann kein Herz haben. Noch nie in meinem Leben habe ich solch einen schnellen, melodischen und hymnischen Pop-Punk gehört wie bei den High Hats. Als ob die Beach Boys zu viel Speed genommen hätten, klingt „and then came cancer“ in meinen Ohren. Also pures Endorphin. Apropos Speed. Noch nie habe ich eine Band so euphorisch über die Wirkung von Drogen singen hören. Vielleicht kommt da ja die gute Laune her? Egal. Das wirklich Schöne an den High Hats: endlich mal eine Poppunkband, die nicht nach Ramones klingen will. Top Album! Top Band. Die schlechte Laune gehört der Vergangenheit an. Danke. Und jetzt besorgt euch endlich das Album!

THE INSTIGATION - Demo-Tape (Yakuzzi Tapes) Krachiger HC-Punk aus Shanghai mit 82er Englandkante. Zehn angepisste Songs, die das Rad zwar nicht neu erfunden, aber trotzdem Spaß machen. Gutes Teil! Mittlerweile hat die Band auch ein komplettes Album draußen, könnnt ihr anhören auf deren Bandcampseite. THE LANGOLIERS - A Million Ways / Whatever They Say 7" (Fairtrademerch) Kennt ihr noch den alten Steven King Klassiker Langoliers aus dem Jahr 1990? Ein Passagierflugzeug gerät in ein Zeitloch und landet auf einem menschenleeren, ja leblosen Flughafen. Es scheint, als sei alles Leben ausgelöscht worden. Die Vergangenheit hört auf zu existieren. Sie wird von den Langoliers gefressen. Rätselhaft aber blieb

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die Frage, woher kommen die Langoliers. 13 jahre später ist auch diese Frage beantwortet: aus Bielefeld. Und in der gegenwart sind die Langoliers gar nicht böse und gefräßig, sondern machen tollen, melodiösen, leicht melancholischen Pop-Punk mit Old-School-Emo-Einschlag. Deren neue 7” besticht nicht nur durch eine superedle Aufmachung (rosa Vinyl mit Siebdruck auf der Flipside, Gatefold-Singlehülle und dickem Cover in PappkartonOptik), sondern auch zwei wunderbaren Songs. “A Million Ways” ist dabei der eingängigere Song mit schöner Hookline im Refrain, während “Whatever They Say” etwas getragener, dafür aber mit Hammondorgel daher kommt. Was soll ich sagen, die 7” ist ein Schmuckstück für jede Plattensammlung. Wer noch keine hat, sollte sich beeilen, die 7” ist auf 200 Stück limitiert. THE PROWLERS – hate us 7“ (Mad Butcher Records) Starker, melodischer Oi aus Kanada, der gut ins Ohr geht. Hier sind auf jeden Fall Jungs am Werk, die nicht erst seit gestern Musik machen. Der Titelsong besticht durch seine Aggressivität, auf der Flipside wartet das Versatiles-Cover „Spread your Bed“ mit Ronnie „Race“ als Gastänger mit einem netten Trojan-Touch auf die Hörerschaft und „Surburban Trash“ ist ein schöner Mitgröhlstampfer. Hier gibt es nix zu meckern. Gute 7“. Dazu gibt es noch einen gestickten Bandaufnäher. Value for Money also.

THE PUSRAD - Dömd Akta Dig Smarttrams Tape (Vakuzzi Tapes) Kennt ihr das KISS-Prinzip? Falls niht, spätestens nahdem ihr euch das Tape von Pusrad aus Shweden angehört habt, wisst ihr, wofür KISS steht: nämlich für Keep it short & simple. Unglaubliche 31 Songs (von ihren ersten beiden 7”s und der 12”) werden hier in rund 10 Minuten auf die Menschheit losgelassen. Wer jedoch Grindcore oder Powerviolence erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Pusrad spielen Punk, der mit längeren Songs, ein wenig an ihre Landsmänner von Regulations erinnern würde. So bleiben leider nur 31 Songs, die rasendschnell an mir vorbeirauschen und von denen leider kein Einziger irgendwie hängenbleibt. TOLERANZGRENZE - Demo Tape (Yakuzzi Tapes) Neulich meinte Tobi zu mir, das Deutschpunk das nächste große Ding wird innerhalb der Punkzene. Ich glaube mittlerweile, dass er da recht haben könnte. Es ist echt schon ein Weilchen her, dass ich so viele gute Deutschpunkbands gehört habe, wie in letzter Zeit. Aucch Toleranzgrenze gehören zu den Guten. Die zwölf Songs auf dem Demo machen Spaß, was auch an den witzigen Samples zwischen den einzelnen Liedern liegt. Außerdem wird hier leidenschaftlich gehasst und geschimpft, dass es eine Freude ist. Keine Ahnung, ob die Band nur ein Fake ist oder ob die das ernst meinen. Ist mir aber eigentlich egal. Die zwölf rasend schnell gespielten Songs machen einfach Spaß.

Vor einiger Zeit hatte ich auf trashrock.de die neue Platte von Damage besprochen und ziemlich gelobt. Gutes Teil, zehn Lieder in einer Viertelstunde, aggressiv und doch nicht stumpf. Hardcore, wie er sein soll. Labelmacher Levi schrieb mich daraufhin an und fragte, ob ich nicht noch ein paar Platten mehr seines Labels besprechen will. Klar wollte ich und nach einer einmonatigen Reise kreuz und quer durch Europa (danke Post!) erreichte mich schließlich ein dickes Paket mit den letzten Veröffentlichungen des Labels, alle auf Vinyl. Unglaublich. Viele Labels schicken nicht mal mehr CDs und Levi schickt ein Paket voller Platten, das fast nur Kracher enthält. Da schlägt das Herz des Vinyljunkies. Der erste Kracher sind die RED DOVES. Deren LP “Off the Grid” ist der Hammer! Schwer angepisster und rotziger Punkrock, der mich stark an Black Flag zu Nervous-Breakdown-Zeiten erinnert. Aber auch The Lewd, Sick Pleasure oder Circle Jerks könnten hier Pate stehen. Wer auf den Sound ihrer Landsmänner von den Regulations steht, wird hier auch nichts falsch machen. Auf jeden Fall eine großartige Scheibe. Einen völlig anderen Sound spielen DALAPLAN auf ihrer 7” “Ta mig när jag faller”, der mir mindestens genauso gut ins Ohr. Das Quintett spielt astreinen Garagerock, der extrem groovy und tanzbar daher kommt und trotzdem über die nötige Portion Dreck verfügt. Der Titelsong ist etwas energetischer als die Flipside “Alcatraz”, deren Qualitäten sich erst langsam entfalten. So in etwa würde es wohl klingen, wenn Jim Jones Revue auf schwedisch und ohne Reibeisenstimmen singen würden. Ganz ungaragig geht es mit KNIFVEN und deren neuen 7” “Perstorp/Kliniken weiter. “Perstorp” ist ein monotonzackiger Post-Punk-Song, der mir gut gefällt. Die Flipside “Kliniken” ist dann deutlich flotter und melodischer. Erinnert mich ein wenig an Masshysteri erinnert. Klasse! DANIEL GILBERT dagegen ist wohl mehr dem Singer/Songwriter-Genre zuzuordnen, auch wenn die beiden Songs auf seiner neuen 7” “The Soul of a Fool” komplett instrumentiert sind. Klingt für mich wie eine fröhliche Version von The Tallest Man on Earth und gefällt mir ebenfalls gut. Über PUSRAD hatte ich hier schon an anderer Stelle geschrieben, für ihre bei Gaphals erschienene 12” “Dömd” gilt dasselbe wie für das Tape: gute Songs, die aber aufgrund ihrer Kürze einfach nicht hängen bleiben. Deutlich schwerer tue ich mich dagegen mit NOCTURNAL und ihrer “Until the Morning Light” 7”. Hier wird zweimal Classic-Hardrock geboten, der schwer an Black Sabbbath erinnert. Ist eher nciht so mein Fall. Das gleiche gilt auch für die “Stand your Ground” 7” von NIGHT. Glam Metal ist halt nicht mein Ding. Wer aber auf The Darkness, Mötley Crüe, Babylon Bombs oder Konsorten steht, wird hier bestimmt Spaß haben. Alle hier besprochenen Platten sowie alle übrigen Releases von Gaphals könnt ihr auf gaphals.bandcamp.com hören und bestellen. Ihr solltet euch aber beeilen, da es vor allem die 7”s meist nur in 300er bis 500er Auflage gibt und entsprechend schnell weggehen dürften.

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DER GESTRECKTE MITTELFINGER #7  

Punkrock Fanzine mit Stories und Interviews von und mit Mike Ness, Smogtown, Ya can't go home Blog, Christenpunx, Mika Reckinnen.

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