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No. 4 2010

Oktober 2010 10. Jg. ISSN 1860-2827

Vom professionellen Entscheidungshelfer zum Community Manager Fachmedien setzen nicht allein auf Online Gesundheitswissenschaftliche Kontroversen als journalistische Herausforderung Mehr Ăœberblick statt nur Diskursfragmente

Der Zeitzeuge im deutschen TV-Journalismus Erinnerung im Fokus


0 INHALT Fachjournalist No .4 2010

04 04

Vom professionellen Entscheidungshelfer zum Community Manager Fachmedien setzen nicht allein auf Online Lutz Frühbrodt

FACHMEDIEN Vom professionellen Entscheidungshelfer zum Community Manager

11

Gesundheitswissenschaftliche Kontroversen als journalistische Herausforderung Mehr Überblick und Hintergrund statt nur Diskursfragmente Stefan Riedl

17

DER ZEITZEUGE IM DEUTSCHEN TV-JOURNALISMUS Erinnerung im Fokus Holger Möhlmann

11 FACHJOURNALISMUS Wissenschaftliche Kontroversen als journalistische Herausforderung

22

MEDIENRECHT Zur Haftung von Journalisten bei Text-, Wort- und Bildbeiträgen Christian Zappe

26 22 MEDIENRECHT Zur Haftung von Journalisten

26 PRINT Die besondere Geschichte einer Studentenzeitung

Im Augenblick der Befreiung war die Freiheit am grössten Die besondere Geschichte einer Studentenzeitung Wolf-Christian Ulrich, Konstantin Sacher

30

DFJV Intern

17

02 INHALT 03 EDITORIAL 34 IMPRESSUM

TV Der Zeitzeuge als Medienfigur


EDITORIAL 0 Fachjournalist No .4 2010

Liebe Leserin, liebeR Leser,

bereits zum fünften Mal lädt der

DFJV

zum Deutschen Fachjournalisten-Kongress nach

Berlin ein. Am 29. Oktober 2010 werden renommierte Referenten und Teilnehmer der Veranstaltung aktuelle Fragestellungen und Entwicklungen im Journalismus diskutieren. Ein Schwerpunkt wird dabei der vielzitierte Qualitätsjournalismus sein: Wie kann dieser auch zukünftig gesichert werden – etwa vor dem Hintergrund einer Fragmentierung der Märkte, neuer Distributionskanäle und schwindender Loyalität aufseiten der Re­ zi­­pienten? Welche Chancen eröffnet das Internet? Muss Journalismus experimenteller werden und werden sich gar neue Betätigungsfelder entwickeln (müssen)? Schließlich steht auch die Frage im Raum, welche Spezifika und Anforderungen moderner Fach­ journalis­mus erfüllen muss, um den steigenden Bedarf an fundierter Orientierung und vertiefter Information decken zu können. Unmittelbar praxisrelevanten Fragen freier Jour­nalisten widmen sich zudem zwei Fachforen: Wie lässt sich der Qualitätsanspruch auch in Honorarverhandlungen entsprechend abbilden und vertreten? Und durch welche Stra­tegien und Tools lassen sich im Web 2.0 Potenziale der an Bedeutung gewinnenden Eigenvermarktung ausschöpfen? Weitere Informationen zum Kongress, für den Sie sich noch bis zum 11. Oktober anmelden können, erhalten Sie in der vorliegenden Ausgabe des

FACHJOURNALIST

und auf www.fachjournalistenkongress.de.

In Zeiten von Bürgerjournalismus, Boulevardisierung und Web 2.0 werden journa­ lis­tische Standards immer wichtiger. Eine steigende Bedeutung bei der Ver­mittlung fundierter, vertiefter Informationen und Erkenntnisse kommt dabei dem Fach­ journalismus zu. Systematisch erfasst wird dieser in dem gerade er­schienenen Buch „Fachjournalismus. Expertenwissen professionell vermitteln“, das in grund­legend über­arbeiteter Form vom

DFJV-Präsidenten

Prof. Dr. Siegfried Quandt und dem

DFJV

in zweiter Auflage herausgegeben wurde. Das Handbuch stellt Grundlagen, Praxis und besondere Aspekte des Fachjournalismus dar; wichtige fachjournalistische Felder erfahren eine ausführliche, systematische Behandlung. Bestellen können Sie das Buch mit dem Bestellschein in dieser Ausgabe des Eine lohnende Lektüre wünscht Ihnen IHR LARS VON HUGO (Chefredakteur)

FACHJOURNALIST.


0 FACHMEDIEN Fachjournalist No .4 2010

VOM PROFESSIONELLEN ENTSCHEIDUNGSHELFER ZUM COMMUNITY MANAGER FACHMEDIEN SETZEN NICHT ALLEIN AUF ONLINE von Lutz Frühbrodt

Nach den Publikumsmedien wurden nun auch die Fachmedien von einer Strukturkrise erfasst. Umsätze im Printbereich brechen weg und können nur teilweise durch Onlineangebote kompensiert werden. Doch viele Fachmedien suchen ihr Heil nicht allein in kostenpflichtigen digitalen Angeboten wie „Apps“ für Mobile Content. Aufbauend auf ihrer ursprünglichen Funktion als berufliche Entscheidungshilfe versuchen Fachmedienhäuser zunehmend, in eine neue Rolle als „Community Manager“ zu schlüpfen und sich als aktiver Moderator zwischen Lesern und Werbekunden zu profilieren. Daraus ergeben sich zwei Fragen: Ist dieses neue Geschäftsmodell dauerhaft tragfähig? Und: Führt dieser Ansatz zu einer weiteren Entgrenzung des Journalismus?

Eine Branche, die anders tickt Die größeren und deshalb meist auch bekannteren Titel heißen DEUTSCHES ÄRZTEBLATT oder LEBENSMITTELZEITUNG, TEXTILWIRTSCHAFT oder VERKEHRSRUNDSCHAU, MM MASCHINEN-MARKT oder COMPUTERWOCHE. Unter den mehr als 3.850 Fachzeitschriften in Deutschland existieren freilich auch welche, die man auf den ersten Blick für abseitig halten mag: DER PLASTVERARBEITER oder SCHÜTTGUT, BESTATTUNGSKULTUR oder SUS – SCHWEINEMAST UND SCHWEINEZUCHT. Diese Titel sind sehr speziell. Aber das wollen sie auch sein.1

Der deutsche Markt für Fachzeitschriften ist extrem aus­ differenziert und auf deutlich kleinere Zielgruppen zugeschnitten als der Markt für Publikumsmedien, der unter anderem Tageszeitungen und Hobbyzeitschriften umfasst. Das thematische Spektrum, das Fachzeitschriften ab­ decken, ist enorm. Entsprechend vielfältig sind auch die eingesetzten journalistischen Formate. Und entsprechend unterschiedlich ist das erreichte publizistische Niveau. Allen Fachzeitschriften ist jedoch gemein, dass sie als periodische Druckerzeugnisse stark eingegrenzte fach­


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bezogene Themen bearbeiten und sich in Fachsprache an eine klar umgrenzte Zielgruppe wenden, die dieses Spezialwissen primär für die berufliche Entscheidungsfindung oder Fortbildung nutzt. Kurz: Es handelt sich um Business-to-Business-(B2B)-Kommunikation.2 Damit grenzen sich Fachzeitschriften von Special-InterestMagazinen aus dem Publikumssektor ab, die zwar thematisch auch sehr spezialisiert sein können (etwa FISCH & FLIEGE für Fliegenfischer), in erster Linie aber rein private Interessen ihrer Leserschaft bedienen. Im Gegensatz zu Special-Interest-Medien sind Fachzeitschriften in der Regel auch nicht frei verkäuflich. Das Geschäftsmodell vieler Fachverlage basiert aller­ dings nicht allein auf dem Vertrieb von Fachzeitschriften. Traditionell bildet das Publizieren von Fachbüchern eine weitere Ertragssäule. Seit einigen Jahren spielen zudem digitale Angebote wie Websites oder Mobile Content eine zunehmend wichtigere Rolle. Hinzu kommt schließlich der weit gefasste Bereich „Dienstleistungen“. Hierunter fallen vor allem Aktivitäten des Corporate Publishing, also die Produktion von Kunden- und Mitarbeiterzeitschriften für Unternehmen. Darunter werden aber auch Events subsumiert, wie die Veranstaltung von Fachseminaren und Konferenzen. Dies zeigt, dass der Markt für Fachmedien sehr viel breiter angelegt ist als sein Pendant für Publikumsmedien, das fast ausschließlich auf Print und seit einigen Jahren zusätzlich auf Online fußt. Der VERBAND DEUTSCHER ZEITSCHRIFTENVERLEGER (VDZ) definiert Fachmedien in ihrer Funktion symmetrisch zu den Fachzeitschriften, nämlich als beruflich relevante Informationsquelle im B2B-Sektor, geht aber noch einen Schritt weiter: „Sie [Fachmedien] bieten darüber hinaus die Plattform für die Generierung qualifizierter Geschäftskontakte.“3

Rein funktional betrachtet ist damit gemeint, dass sich Leser bzw. Onlinenutzer bei einem Fachmedium registrieren lassen können oder müssen, wenn sie zum Beispiel an bestimmten weiterführenden Informationen zu einem Thema oder Produkt interessiert sind. Das Fachmedium verkauft diese Kontaktdaten an die Hersteller weiter, die dann wiederum die Interessenten mit Info- und Werbematerial beliefern können. Über diese technische Erklärung hinausgehend sagt das fachmedienspezifische Geschäftsmodell viel über das Selbstverständnis der Gattung aus: Nicht Kritik und Kontrolle von öffentlichen Akteuren, wie beim klassischen Informationsjournalismus der Publikumsmedien, stehen im Mittelpunkt. Vielmehr verstehen sich Fachmedien vor allem als Überbringer „guter“, das heißt nutzwertiger Nachrichten, als Bindeglied zwischen den Lesern auf der einen und den werbetreibenden Kunden auf der anderen Seite. Mag dies auch in der Natur der Sache liegen, so hat dieser Ansatz doch zumindest einem Teil der Fachmedien den Ruf ein­ge­tragen, es mit der journalistischen Unabhängig­keit nicht ausreichend ernst zu nehmen und verkappte Public Relations für Unternehmen zu betreiben. Diese Neigung ist bei dem Teil der Fachzeitschriften ausgeprägter, der über den Freiversand an die Leserschaft geht, also kostenlos an eine weithin anonyme Leserschaft verschickt wird. Bei den Publikationen, die per Abonnement vertrieben werden, erwartet die zahlende Kundschaft von vornherein eine höhere journalistische Qualität. Der Gesamtmarkt bewegt sich jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Der Anteil der Verkauften an der Gesamtauflage ist bei den Fachzeitschriften zwischen 2001 und 2009 von 54 auf 45 Prozent gesunken.

ABB. 1: Umsatz mit Fachzeitschriften

1.987*

1.887*

1.797*

1.781*

1.838*

1.913*

1.988*

2.016*

1.796*

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

*Angaben in Mio. € Quelle: www.deutsche-fachpresse.de/statistik-aktuell/, Stand: 04.08.2010


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Der Umbruch: Heftig, aber eher langsam Die Fachmedienbranche durchläuft ganz ähnlich wie der Markt für Publikumsmedien derzeit eine tief greifende Strukturkrise. Die Umsätze mit Zeitschriften und Büchern sinken, die Anzeigen- und Vertriebserlöse aus dem Onlinebereich können diese Verluste bei Weitem nicht auffangen (Steinröder, M. 2010).4 In Zahlen: 2009 sind die Gesamterlöse der Branche um rund vier Prozent auf drei Milliarden Euro und damit auf das Niveau von 2006 zurückgegangen. Der Umsatz mit Fachzeitschriften sank sogar auf den Stand von 2003 (→Abb. 1).5 Es existieren zwar keine konkreten Angaben über die Ertragslage der einzelnen Unternehmen, da die überwiegende Mehrheit keine jährliche Gewinn- und Verlustrechnung vorlegt, jedoch wird in der Branche immer wieder der drastische Verfall der Margen beklagt. Gleichwohl verläuft der Umbruch bei den Fachmedien bisher sanfter als bei den Publikumsmedien, der dort bereits im Jahr 2002 einsetzte. Aus mehreren Gründen: → Eine zentrale Ursache liegt in der Marktstruktur. Im Printbereich konkurrierten bisher nur ein bis maximal drei Titel um jeweils eine – wenn auch meist relativ kleine – Zielgruppe. Dieses Quasi-Monopol ist zwar aufgebrochen, weil Fachinformationen im Internet nun leichter verfügbar geworden sind, zum Beispiel über Websites von Unternehmen, Universi­täten oder unabhängigen Leserforen. Zugleich aber gibt das Internet den Fachmedien die Möglichkeit, neue Zielgruppen – besonders „interessierte Laien“ – zu erschließen. Und höhere Klickzahlen bedeuten im Regelfall auch höhere Werbeeinnahmen. → Fachinformationen sind, im Unterschied zu den Publikumsmedien, meist von einer Ausführlichkeit und Detailgenauigkeit, dass es Papier zum Lesen erfordert. So bieten einige Internet-Fachportale vorwiegend aktuelle Kurzinformationen. In einigen Branchen wie Industriebetrieben oder freien KfZWerkstätten wird das Internet zudem bisher kaum als Fachinformationsquelle genutzt. → Die Schnittmenge zwischen Lesern und Online­ nutzern ist deutlich größer als bei den Publikumsmedien, denn die meisten (Fach-) Abonnementtitel gewähren nur einen verschlüsselten Zugang zu ihren Websites. Durch diese Konstellation ist die Bindung des Nutzers an bewährte Marken auch im Internet vergleichsweise hoch. Eine weitere Determinante für den Verlauf des Um­ bruchs sind die Personalkosten. Im Gegensatz zu den Publikumsmedien hat es bei den Fachmedienhäusern

bisher keine umfassenden Entlassungswellen gegeben. Zu einer breiteren öffentlichen Wahrnehmung von Per­ sonal­abbau kommt es ohnehin nur, wenn die größeren Medienkonzerne mit Jahresumsätzen von über 100 Millionen Euro, wie WEKA, IDG oder der DEUTSCHE FACHVERLAG, drastische Sparmaßnahmen ankündigen. So hat sich WEKA BUSINESS INFORMATION im ersten Halbjahr 2010 von 50 seiner insgesamt 1.000 Mitarbeiter getrennt.6 Geprägt wird die Branche mit ihren über 400 Unternehmen jedoch von den kleineren Verlagen. Die durchschnittlichen Jahreserlöse eines Fachmedienhauses in Deutschland belaufen sich gerade einmal auf 7,3 Millionen Euro.7 Im Durchschnitt gibt ein Verlag aber neun bis zehn Fachzeitschriften heraus. Dieses Geschäftsmodell erfordert, dass sich die Redaktionen meist nur aus sehr wenigen fest angestellten Redakteuren zusammensetzen, welche die eingehenden Manuskripte von Gastautoren und freien Mitarbeitern „ins Blatt heben“ und selbst kaum oder gar nicht als Autoren auftreten. Regionalkorrespondenten oder allein für das Schreiben und Recherchieren abgestellte Reporter kennt dieses System ebenfalls nicht – jedenfalls nicht im Regelfall. Da es sich bei den – ohnehin wenigen – Redakteuren meist um erfahrene Journalisten handelt, die sich über Jahre, manchmal auch Jahrzehnte ein enormes Fachwissen angeeignet haben, verfügen die Fachmedienhäuser über nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich von diesen Experten zu trennen und damit die Personalkosten zu reduzieren. Dazu müssten meist ganze Titel eingestellt oder mit anderen zusammengelegt werden, was bisher nur in geringem Maße geschehen ist. Folglich versehen die Fachmedienhäuser ihre fest angestellten Redakteure oft mit zusätzlichen Aufgaben wie der Betreuung der neuen Onlineauftritte. Meist haben die Verlagsleitungen aber auch Fremdhonorare und Vertreterprovisionen im Vertrieb gekürzt, Heftumfänge verringert und ihre Aufwendungen für die Leserwerbung heruntergefahren, um Kosten zu reduzieren. Diese Maßnahmen reichen jedoch nicht aus, um die Fachmedienhäuser für die Zukunft gut zu positionieren. Im Jahr 2009 sind die Werbeerlöse um 22 Prozent eingebrochen – ein Wert, der deutlich über dem Durchschnitt der gesamten Printbranche lag. Auch zum Jahresbeginn 2010 zeichnete sich keine Normalisierung im Anzeigengeschäft ab. Die Wirtschaftskrise hat die Fachmedienhäuser zusätzlich unter Druck gesetzt, neue Geschäftsfelder zu erschließen.


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Das Konzept des Community Managers Eine neue repräsentative Erhebung, die im Auftrag der INTERESSENVERTRETUNG

DEUTSCHE

FACHPRESSE

erstellt wurde, bestätigt, dass Fachmedien im weitesten Sinne vorrangig der professionellen Entscheidungshilfe dienen. Die „B2B-Entscheideranalyse 2010“ hat ergeben, dass sich 65 Prozent der „professionellen Entscheider“ in Deutschland mithilfe von Fachzeitschriften kontinuierlich über das Marktgeschehen in ihrer Branche informieren (→Abb. 2).8 Mit 56 Prozent folgen Hersteller-Websites, dahinter Informationen von Außendienstmitarbeitern von Unternehmen und aus Onlinefachmedien. Bei der Entscheidung zur Anschaffung von Investitionsgütern kamen Fachzeitschriften zwar mit 59 Prozent ebenfalls auf den ersten Platz, hier allerdings sehr dicht gefolgt von den Hersteller-Websites und Fachmessen (→Abb. 3). Dies zeigt, dass Fachmedien – und dabei noch eher Fachzeitschriften als Onlinefachmedien – in erster Linie als fachspezifische, aber doch recht allgemeine Informationsquelle wahrgenommen werden. Bei Anschaffungen sind sie jedoch nur primi inter pares. Der konkrete Nutzwert und der Status bei der Leserschaft haben folglich noch „Luft nach oben“ und weisen in die Richtung neuer Geschäftsideen, die gerade im Zeichen der Krise zwingend notwendig erscheinen. ABB. 2: Kontinuierliche Marktinformation Bedeutung der B2B-Medien

65,0

40,0

ABB. 3: Konkreter Beschaffungsbedarf am Beispiel von Investitionsgütern

FACHZEITSCHRIFTEN

FACHMEDIEN ONLINE

59,0

39,0

FACHMEDIEN ONLINE

23,0

FACHZEITSCHRIFTEN

55,0

DIREKTWERBUNG FACHMESSEN

57,0 50,0

HERSTELLER-WEBSITES AUssENDIENST Angaben in Prozent Quelle: B2B-Entscheideranalyse 2010

Seit einiger Zeit kursiert in der Branche – auf Kongressen, Messen, aber auch in den Fachmedienhäusern – deshalb das Schlagwort vom „Community Manager“. Der Begriff ist der Welt des Mitmach-Internets „Web 2.0“ und seiner sozialen Netzwerke entlehnt, in welcher der „Community Manager“ als Bindeglied zwischen Seitenbetreiber und Nutzern fungiert, indem er zum Beispiel Leserforen moderiert. Das Fachmedienkonzept geht darüber hinaus und ist doch noch reichlich diffus. Im Wesentlichen impliziert es, dass die Fachmedien ihre Funktionen erweitern und dadurch einen starken Bedeutungszuwachs erfahren. Befreit man die Vorstellungen einzelner Fachmedienhäuser von ihren Unternehmensspezifika, so kristallisieren sich folgende fünf Komponenten für einen branchenweiten „Community Manager“-Ansatz heraus (Steinröder, M. 2010, S. 14):

51,0

20,0

DIREKTWERBUNG

FACHMESSEN

56,0 46,0

HERSTELLER-WEBSITES Angaben in Prozent Quelle: B2B-Entscheideranalyse 2010

AUssENDIENST

→ Die bewährte Rolle der Fachmedien als Moderator und Entscheidungshelfer soll ausgebaut werden – und zwar über die Funktion als reine Informations­ quelle hinaus. Fachmedien sollen ihre besondere Nähe zur Zielgruppe – ihrer „Community“ – nutzen, indem sie sie nicht länger nur als Abonnenten oder Leser betrachten, sondern sich noch stärker auf deren berufsspezifische Bedürfnisse und Anforderungen einstellen. Ein zentrales Ziel in diesem Sinne bestünde darin, die Zielgruppe auch physisch mit den Werbetreibenden bzw. Unternehmen in Kontakt


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zu bringen – zum Beispiel über Konferenzen oder Seminare, die das Fachmedienhaus veranstaltet. Damit sollen Interaktion und Bindung erhöht werden. → Zugleich soll mehr Nähe zu den Werbekunden bzw. Berichtsobjekten hergestellt werden, um deren Bindung an das Medium zu vergrößern. Dies soll insbesondere über Corporate Publishing erfolgen, also indem die Fachmedienhäuser Kunden- und Mitarbeiterzeitschriften für ihre Berichtsobjekte erstellen. Es kann sich aber auch um nicht-publizistische Dienstleistungen wie Beratungstätigkeiten handeln. → Die vertieften Kontakte zu Lesern und Werbekunden sollen die Basis für Netzwerke zwischen allen Beteiligten schaffen. In Anlehnung an den aus der Welt des Internets stammenden Begriff „Community“ werden sich demnach vor allem auf den Websites der Fachmedien zielgruppenspezifische Gemein­ schaften zum interaktiven Informations- und Erfahrungsaustausch bilden, möglicherweise auch zur Anbahnung neuer Geschäftskontakte. Hier stehen die Fachmedien allerdings in Konkurrenz zu Plattformanbietern wie XING, die vertikale Portale entwickeln, auf denen sich Berufsgruppen austauschen können. → Die Fachmedien sollen eine Führungsrolle in der Branche übernehmen, indem sie verstärkt selbst Po­ sition beziehen. Dies bedeutet, meinungsäußernde Formate einzusetzen – bisher sind Kommentare oder Leitartikel in Fachzeitschriften eher selten zu finden. Dies bedeutet aber auch, Kampagnen mit zu initiieren oder sich sogar an deren Spitze zu setzen. So hat zum Beispiel „BIKE & BUSINESS“, ein Magazin für den Motorradfachhandel, eine monatelange Kampagne inklusive einer Onlinepetition gestartet, die sich für eine Liberalisierung bei der Vergabe von Zweiradführerscheinen einsetzt. → Fachmedien verstehen sich traditionell als eine Art „Qualitätsfilter“, um relevante Informationen herauszufiltern und an ihre Zielgruppen zu verteilen. Künftig sollen sie aber durch ihre neuen Funktionen (siehe oben) in beide Richtungen Informationen und Kontakte vermitteln und sich so ein viel umfassenderes „Herrschaftswissen“ als bisher aufbauen, das sie nur gegen Geld mit Dritten teilen. Insgesamt betrachtet sollen Fachmedien folglich nicht mehr nur einen Punkt in einem dichten Beziehungs­ geflecht darstellen, sondern vielmehr die Funktion eines Drehkreuzes für eine gesamte Branche einnehmen. Keiner soll mehr so leicht an ihnen vorbeikommen.

Konkrete Umsetzungsversuche Wie ein Blick auf die Diagramme in Abbildung 4 zeigt, gab es allein innerhalb der vergangenen sechs Jahre erhebliche Verschiebungen zwischen den verschiedenen Ertragssäulen von Fachmedien. So ist der Anteil der Fachzeitschriften am Gesamtumsatz der Branche von zwei Dritteln auf 60 Prozent gesunken. Einbußen waren auch bei den Fachbüchern zu verzeichnen. Einen enormen Zuwachs von zwei auf zwölf Prozent konnten hingegen die elektronischen Medien verzeichnen. Der Sprung ist mit dem der Publikumsmedien vergleich­ bar, allerdings hinkt die eher konservative Fachmedienbranche bei der Digitalisierung „gefühlt“ hinterher. Auch wird der Einsatz von „Web 2.0“-Instrumenten wie FACEBOOK oder TWITTER lebhaft diskutiert. Und es werden auch Geschäftsmodelle entworfen, die ähnlich wie bei den Publikumsmedien mit kleinen Web-Programmen („Apps“) für die mobile Kommunikation experimentieren. Doch die reale Umsetzung ist noch längst nicht so weit gediehen und beschränkt sich auf sehr wenige Vorreiter. Der relativ hohe Onlinewert kommt zustande, weil vor allem die wissenschaftlichen Fachverlage – sie erwirtschaften circa ein Fünftel der Branchenerlöse – ihr Geschäft oft radikal auf Onlinestrategien ausgerichtet haben. Aber auch innerhalb der „berufsorientierten“ Fachmedien gibt es gravierende Unterschiede: So sind zum Beispiel auf das Feld Recht, Wirtschaft, Steuern spezialisierte Medienhäuser viel weiter in der Digitalisierung als andere, weil sie ihre Geschäftsmodelle von veralteten Loseblattsammlungen auf moderne Datenbanksysteme umstellen mussten. Dies ist zugleich ein Hinweis darauf, dass das Onlinemodell bei Fachmedien oft nicht auf Werbung als primäre Erlösquelle setzt, sondern andere Formen sucht. Dazu gehören zum Beispiel auch „Webinare“ – über das Internet ausgestrahlte kostenpflichtige Fortbildungsseminare. Der für das Konzept des „Community Managers“ be­son-­ ders relevante Bereich „Sonstige Dienstleistungen“ stag­ nierte indes bei einem Wert von sechs Prozent. Dies zeigt, dass die Medienunternehmen hier zwar eine durchaus bedeutsame Ertragssäule aufweisen, in ihrer Gesamtheit aber noch keinen Fokus auf die neuen Geschäftsfelder gelegt haben. Bisher sind es einzelne Fachmedienhäuser, die Pionierarbeit leisten. Erstes Beispiel: Corporate Publishing.9 Der Bereich weist dauerhaft zwar hohe, zumeist zweistellige Wachstums­ raten auf, ist aber auch extrem konjunkturanfällig. Hauptkonkurrenten der Fachmedien sind hier PR-


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ABB. 4: Verschiebungen zwischen verschiedenen Ertragssäulen von Fachmedien: Anteile am Gesamtumsatz 6% Dienstleistungen (Events, Corporate Publishing, etc.) 2% Elektronische Medien / Online

2003 in Prozent

26% Fachbücher

66% Fachzeitschriften

6% Dienstleistungen (Events, Corporate Publishing, etc.) 12% Elektronische Medien / Online

2009 in Prozent

22% Fachbücher

60% Fachzeitschriften

Quelle: http://www.deutsche-fachpresse.de/statistik-aktuell/, Stand: 04.08.2010

Agenturen. Der DEUTSCHE FACHVERLAG aus Frankfurt am Main hat im Jahr 2008 verschiedene kleinteilige Aktivitäten in einem eigenständigen Geschäftsbereich zusammengefasst, um deutlich sichtbar auch als Dienstleister für Unternehmen auftreten zu können. Diese Maßnahme wurde aber auch deshalb ergriffen, um die journalistische Unabhängigkeit der einzelnen Redaktionen zu gewährleisten. Dahinter steht der Gedanke, dass Redakteure, die PR-Texte für bestimmte Kunden schreiben, bei ihrer journalistischen Arbeit diesen gegenüber nicht mehr kritisch-neutral auftreten könnten. Eine sehr viel „pragmatischere“ Haltung nimmt dagegen der renommierte Gesundheitsverlag GEORG THIEME aus Stuttgart ein. Das Unternehmen hat für das Corporate Publishing keine separate Abteilung geschaffen, vielmehr bearbeiten die Redaktionen der einzelnen Fachtitel die jeweiligen Projekte. Die Glaubwürdigkeit des Verlags und seiner Marke soll hier durch die sichtbare Kennzeichnung der Produkte gewahrt bleiben. THIEME hat seine Dienstleistungen sogar auf nicht-publizistische „Corporate Services“ ausgeweitet: Medizinische Mitarbeiter betreuen im Auftrag von Krankenkassen zum Beispiel BurnoutPatienten. Zweites Beispiel: Veranstaltungen. Die Verlagsgruppe HANDELSBLATT, die auch Fachmedien herausgibt (ABSATZWIRTSCHAFT, DER BETRIEB etc.), hat 2007 die WSF WIRTSCHAFTSSEMINARE, eine Tochter der Unternehmensberatung ERNST & YOUNG, übernommen. In enger Zusammenarbeit mit den Fachredaktionen veranstaltet WSF rund 250 Seminare und Konferenzen pro Jahr. Durch eine Mehrheitsbeteiligung an dem B + P MANAGEMENT FORUM konnte der Fachverlag in der HANDELSBLATT-Gruppe außerdem sein Ver­anstalt­ ungs­angebot über die bisherigen Zielgruppen Recht, Wirtschaft, Steuern auf die Bereiche Handel und Marketing erweitern (vgl. Brechtel, D. 2008).

Die IDG COMMUNICATIONS MEDIA AG, Tochtergesellschaft eines US-amerikanischen Medienkonzerns, hat in den vergangenen Jahren den Eventbereich stark ausgebaut. Der Verlag, der vor allem IT-Titel herausgibt (COMPUTERWOCHE, CIO etc.), organisiert rund 80 Konferenzen im Jahr. Die Besonderheit hier: IDG verzahnt viele seiner Seminare und Konferenzen mit zusätzlichen Onlineangeboten wie „Webinaren“. Andere Fachmedienhäuser setzen hier zudem auf „virtuelle Messen“, also Produktschauen im Internet. IDG erzielte im Geschäftsjahr 2006/07 allein mit Veranstaltungen rund sechs Prozent seines Gesamtumsatzes und 15 Prozent seines Gewinns (vgl. Schüür-Langkau, A. 2008).

Conclusio Es ist sicher sinnvoll, wenn Fachmedienhäuser bei ihrer Zukunftsplanung nicht allein auf das Onlinegeschäft setzen und dabei blindlings die Strategien der großen Publikumsverlage kopieren. Bei den Fachmedien herrscht allein schon aufgrund ihrer längeren Erscheinungsintervalle ein anderes Aktualitätsverständnis. So ist zum Beispiel schwer vorstellbar, dass sich in diesem Bereich kostenpflichtige mobile Anwendungen durchsetzen werden, deren großer Vorteil ja gerade in der Echtzeitinformation besteht. Deshalb ist es sicher richtig, dass die Fachmedien Gedankenspiele und ernsthafte Versuche unternehmen, um andere Geschäftsmodelle zu entwickeln und bisher eher dünne Ertragssäulen zu stärken. Aber auch wenn die Fachmedienszene derzeit die Idee des „Community Managers“ lebhaft diskutiert, so fehlt doch bisher ein stimmiges und kohärentes Konzept. Möglicherweise muss erst ein größerer Verlag ein Leuchtturmprojekt erfolgreich umsetzen, welches dann andere Fachmedienhäuser in ähnlicher Form adaptieren.


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Bislang profilieren sich einzelne, wenngleich größere Verlagshäuser – allerdings nur in einzelnen der neuen Geschäftsfelder. Während das Feld „Veranstaltungen“ als logische Erweiterung des fachlichen Austausches erscheint – jedenfalls solange Redakteure auf Konferenzen keine Produkte von vertretenen Unternehmen an­ preisen müssen – so sind die Aktivitäten der Fach­ver­­lage im Bereich Corporate Publishing kritischer zu betrachten. Vor allem dann, wenn es keine strikte personelle und institutionelle Trennung zwischen Fachredakteuren und PR-Auftragsautoren gibt. Aber auch die Ausweitung auf andere Dienstleistungen, wie medizinische Beratung, muss bedenklich erscheinen, führt sie doch zur Erosion des journalistischen Kerngeschäfts. Die Nähe zum Kunden könnte so auf Dauer Distanz und Glaubwürdigkeit, zwei eherne Prinzipien des Journalismus, verdrängen. Es wäre sicher unangemessen, ein Pauschalurteil über die Fachmedien zu fällen. Doch wenn man ihnen generell eine größere Anfälligkeit für PR-Beeinflussung unterstellt, mögen die neuen Aktivitäten solche Tendenzen nur verstärken. Die von Wissenschaftlern und namhaften Journalisten befürchtete „Entgrenzung“ des Journalismus durch verschiedene

Wirkkräfte – durch PR-Infiltration, aber auch durch neue publizistische Formen des Journalismus im Internet wie in Blogs – könnte so in einem seiner Teilsysteme besonders schnell vorangetrieben werden. Gemessen an den oft schlagzeilenträchtigen Ereignissen bei den großen Publikumsverlagen mag die Fachmedienbranche ein Schattendasein führen. Dies schließt allerdings nicht aus, dass sie als Impulsgeber für die gesamte Branche wirkt – im Guten wie im Schlechten. So haben inzwischen auch große Publikumsverlage wie GRUNER + JAHR im Zeichen der Krise das neue Geschäftsfeld Corporate Publishing für sich entdeckt (vgl. Karle, R. 2008). Und vor Kurzem wartete HANS-WERNER KILZ, scheidender Chefredakteur der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, mit dem scheinbar unkonventionellen Vorschlag auf, Unternehmen sollten Journalisten doch auch als Unternehmensberater und Redenschreiber engagieren können.10 Die wirtschaftliche Existenznot drängt die ethischen Grundsätze des Journalismus offenbar zunehmend in den Hintergrund – und dies nicht allein über das klassische Einfallstor der PR.

ENDNOTEN:

LITERATUR:

Eine Übersicht über die verschiedensten Fachtitel findet sich unter www.fachzeitungen.com, Stand: 04.08.2010. 2 Rund ein Fünftel der Fachzeitschriften in Deutschland dürfte nach Schätzungen wissenschaftlichen Charakter haben. Die Definitionsproblematik wird diskutiert bei Dernbach (2010), Kap. 3. 3 www.vdz.de/branchen-definitionen.html, Stand: 04.08.2010. 4 In der Studie wurden ausführliche Telefoninterviews mit 20 Fachverlegern durchgeführt. 5 www.deutsche-fachpresse.de/statistik-aktuell/, Stand: 04.08.2010. Alle weiteren Angaben stammen, sofern nicht anders angegeben, aus dieser Quelle. 6 Werben und Verkaufen, www.wuv.de, „Fachverlag Weka streicht weitere Stellen“, Stand: 02.06.2010. 7 Die Daten basieren auf einer jährlichen Umfrage der Deutschen Fachpresse, einer gemeinsamen Marketingplattform des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger und des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Die Deutsche Fachpresse repräsentiert zwar den Großteil, aber nicht alle Fachmedienhäuser in Deutschland. Nach Branchenschätzungen sind rund 100 kleinere Verlage nicht bei der Deutschen Fachpresse organisiert. Es handelt sich allerdings um die einzigen verfügbaren, soliden Daten über die deutsche Fachmedienbranche. 8 Als „professionelle Entscheider“ werden Personen definiert, die funktional leitend sind oder bei Anschaffungen zumindest an der Bewertung von Produkten und Herstellern beteiligt sind. 9 Die folgenden Aussagen entstammen einer Podiumsdiskussion von Vertretern der Fachmedien zum Thema „Corporate Publishing und Corporate Services – neue Geschäftsfelder für Fachverlage?“ auf dem Kongress der Deutschen Fachpresse am 18.05.2010 in Wiesbaden. 10 „Kilz: Die Süddeutsche sollte auch Beratung anbieten“, www.carta.info, Stand: 03.05.2010.

Brechtel, D. (2008): Events erschließen neue Erlösquellen, in: Media Spektrum, Nr. 5, S. 25-26. Dernbach, B. (2010): Die Vielfalt des Fachjournalismus. Eine systematische Einführung. Wiesbaden. Karle, R. (2009): Auf Bestellung. Die Zahl der Kunden- und Mitarbeiterzeitschriften wächst, in: Journalist, Nr. 8, S. 62-65. Schüür-Langkau, A. (2008): „Bei uns gilt Online first“. Interview mit York von Heimburg, Vorstand IDG Communications Media AG, in: Media Spektrum, Nr. 5, S. 12-15. Steinröder, M. (2010): Wege in die Zukunft – Herausforderungen für Fachverlage 2010/2013, in: Brancheninformation der Deutschen Fachpresse Nr. 1.

1

Der Autor PROF. DR. LUTZ FRÜHBRODT, promovierter Volkswirt, ist seit 2008 Leiter des Studiengangs „Fachjournalismus mit Schwerpunkt Technik“ an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zuvor war er Technologiereporter im Wirtschaftsressort von WELT und WELT AM SONNTAG. Zum gerade von PROF. QUANDT und dem DFJV herausgegebenen Buch „Fachjournalismus“ hat PROF. FRÜHBRODT das Kapitel „Wirtschaftsjournalismus“ beigetragen.


Gesundheitswissenschaftliche Kontroversen als journalistische Herausforderung von Stefan Riedl

Foto: Stefan Riedl

Mehr Überblick und Hintergrund statt nur Diskursfragmente Wenn sich Wissenschaftler aus verschiedenen Lagern streiten, weil sich Wissenschaftstraditionen, Denkgebäude oder Paradigmen unvereinbar gegenüberstehen, haben Journalisten eine schwierige Aufgabe: Die Suche nach einer angemessenen Position auf widersprüchlichem Terrain. Der Autor greift die gesundheitswissenschaftlichen Kontroversen über Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin (TCM) und Near-Death-Experiences (NDEs) auf und legt dar, dass ergebniszentrierte Berichterstattungen über solche Themen einige Probleme bergen. Ein Lösungsvorschlag ist, die Kontroverse selbst zu thematisieren. Sieben Empfehlungen helfen bei der Umsetzung.


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Für die Herausgeber des Sammelbandes „Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft?“ hat die Mehrzahl der Personen außerhalb der Scientific Community keine klare Vor­stellung davon, was es heißt, wissenschaftlich zu arbeiten. Die Ursachen hierfür seien leicht zu identifizieren: Wissen­schafts­kommunikation in der Schule, der Universität und in Magazinen beschränke sich hauptsächlich auf Ergebnisse, die als „geradlinige Erfolgsgeschichte“ dargestellt werden. Vor diesem Hintergrund fehle häufig das Verständnis für die kontroverse Struktur wissenschaftlicher Debatten (Weitze, M.-D., Liebert, W.-A. 2006, S. 8-9). Gemeint sind hier hauptsächlich die Naturwissenschaften inklusive der medizinischen Forschung, also Bereiche, in denen Wissen oft wertfrei ver­mittelt wird. In der Wis­senschaftskom­mu­ nikation haben Kon­tro­ver­sen dann mehr Ge­wicht, wenn es um geiste­swis­sen­schaftliche oder politische Themen geht. Dass aber auch naturwissenschaftliche Forschung häufig von verschiedenen Meinungen und Diskussionen innerhalb der Scientific Community geprägt ist, wird im Fachjournalismus mitunter vollends ausgeblendet.

Im Kontinuum der Kontroversen Der Sprachphilosoph Marcelo Dascal hat wissenschaftliche Kontroversen genauer untersucht und festgestellt, dass sie sich auf einem Kontinuum zwischen Diskussion und Disput bewegen. Kontroversen über Pandemie-Vor­sorgeimpfungen oder das Ge­sund­heits­­ system können relativ un­­auf­ge­regt aus­disku­tiert werden. Stoßen jedoch Welt­bilder, Denk­gebäude oder Wis­­ sen­schafts­tra­di­tionen un­ver­ein­bar aufeinander, arten diskursive Prozesse häufig in einen Disput aus. Sprich: Hier wird im wissenschaftlichen Auf­satz­diskurs, aber auch auf Kongressen richtig gestritten. Dascals Gegen­ überstellung in Abbildung 1 verdeutlicht, warum die journalistische Darstellung besonders dif­fe­renziert erfolgen sollte, wenn die wissen­schaft­liche Kontro­verse über einen Themenkomplex als Disput ausge­tragen wird. Streiten sich die Fachleute aus verschiedenen wissen­ schaft­lichen Lagern, steht dem Jour­nal­isten eine eher neutrale Position meist gut zu Gesicht. Ergebniszentrierte Berichterstattung über aktuelle Dis­ kurs­­fragmente in Dis­puten kann hingegen dazu füh­ren, dass lediglich die Wahrheit (oder: die Interpretation, die Theorie, das Denkgebäude) eines der involvierten wissenschaftlichen Lager berücksichtigt wird.

Eine Themati­sierung diskur­siver Prozesse findet nicht ­statt, wenn nur reine Ergebnisse als abgesicherte Er­kennt­ nis präsen­tiert werden. Ins­besondere bei Kurzmeldungen ist das der Fall – schließlich stand auch in der Pressemit­ teilung, die den Ausgangspunkt für einen entsprechenden Beitrag lieferte, ABB. 1: Dichotomie Diskussion – Disput nichts von Streitge­sprächen, Gegen­ stimmen und alternativen In­ter­pre­ Diskussion tationen hinsicht­lich der er­mit­telten Die Wahrheit Sachverhalte. Die Frage kann gelöst werden Logik Werden im Fachjournalismus tat­ Rational sächlich echte Kontroversen the­ma­ Richtet sich an Inhalte tisiert, dann häufig unter negativen Führt zur Meinungsänderung Vorzeichen in Form eines Vorwurfs,

Disput Meine Wahrheit Die Frage kann nicht gelöst werden Rhetorik Irrational Richtet sich an Einstellungen Führt zu keiner Meinungsänderung

da die Wissenschaft offenbar nicht Quelle: Dascal, M. (2006), S. 25 ordentlich als „Produzent von Wahr­ heit“ gearbeitet hat (Weitze, M.-D., Liebert, W.-A. 2006, Auch im Lichte journalistischer Grundsätze zu SorgS. 10). Eine ergebniszentrierte Berichterstattung blendet falts­pflicht und Ausgewogenheit ist die Problematik diskursive Prozesse unter den Anhängern verschiedener ergebniszentrierter Berichterstattung über wissenschaftwissenschaftlicher Theorien regelmäßig also vollends lichen Konfliktstoff erkennbar: Michael Haller weist aus. Ergebniszentrierte Berichterstattung – das bedeutet, darauf hin, dass die im römischen Zivilrecht entwickelte dass Kurzbeiträge auf Basis von Pressemitteilungen Verfahrensregel „audiatur et altera pars“ auch für den oder einzelnen Publikationen erstellt werden, die das recherchierenden Journalisten gilt: „Man höre auch die Ergebnis eines Forschungsprojektes präsentieren. Das andere Seite“ (Haller, M. 2008, S. 244). Haller findet Problem dabei: Wenn sich das Forschungsprojekt um zudem: „Der recherchierende Journalist sollte zu keiner Konfliktstoff dreht, den verschiedene wissenschaftliche Zeit versucht sein, einen urteilenden Richter zu spielen, Lager unterschiedlich interpretieren, wird häufig nur die der per Beweis eine unter vielen Versionen für die einzig Interpretation des Lagers berücksichtigt, aus dem die wahre erklärt.“ (Haller, M. 2008, S. 111) Pressemitteilung stammt.


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Die erste Empfehlung für die objektive Darstellung wissenschaftlicher Kontroversen lautet daher: I: Wird ein wissenschaftliches Thema kontrovers dis­ kutiert, ist es objektiver, die Kontroverse selbst zu thematisieren, als nur über aktuelle Diskursfragmente zu berichten. Aber welche Themen sind es denn eigentlich, über die sich Wissenschaftler so richtig streiten? Als Anschauungsbeispiele eignen sich die relativ bekannten gesundheitswissenschaftlichen Kontroversen über Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin (TCM) und das Bewusstseinsphänomen Nahtoderlebnis [Fachausdruck: Near-Death-Experience (NDE)]. Seit Jahrzehnten tragen die unversöhnlichen wissenschaftlichen Lager hier ihre Dispute aus. Doch wie können Kontroversen wie diese thematisiert und wie können aktuelle Forschungsergebnisse besser eingeordnet werden? „Zur Richtigkeit der Darstellung gehört [...], dass ich die in der Diskussion aufgetauchten Argumente vollständig und ausgewogen wiedergebe“, formuliert der Journalist und Autor Walther von La Roche einen Grundsatz, der auf die Darstellung von Meinungsvielfalt abzielt (La Roche, W. von 1999, S. 116-117). Daher lautet die nächste Empfehlung: II: Das Wesen einer wissenschaftlichen Kontroverse wird erfasst, indem die relevanten Meinungen der wichtigen Lager dargestellt werden. Angenommen die Homöopathie rückt in den Fokus der Medien, weil es – wie vergangenen Sommer in Deutschland – Forderungen aus der Politik gibt, entsprechende Krankenkassenzuschüsse zu streichen oder weil neue wirkungswiderlegende Studien publiziert wurden. Die Kernaussagen journalistischer Beiträge über diesen Diskurs werden häufig folgerichtig darauf hinauslaufen, dass homöopathische Behandlungen offenkundig lediglich auf Placebo-Effekten beruhen. Werden hierbei aber auch die wichtigsten Standpunkte der Homöopathie-Befürworter dargelegt, ist das Bild ausgewogener. Es wird verdeutlicht, warum diese Therapieform trotz begründeter Einwände aus der evidenzbasierten Medizin – einer auf Beweismaterial gestützten Heilkunde – so viele Anhänger hat und über welche Fragen gestritten wird.

Wo liegen die Knackpunkte? Journalismus soll letztlich Antworten liefern und nicht nur Fakten auflisten. Standpunkte, Meinungen und Argumente sollten also auch kritisch bewertet werden. Wolf-Andreas Liebert weist darauf hin, dass es in wissenschaftlichen Diskursen wichtig ist, zu unterscheiden, was denn konkret bezweifelt wird. Schließlich könne der Zweifler die Existenzbehauptung,

die Beschreibung oder die Erklärung von etwas anzweifeln. „Naturwissenschaftliche Artikel besitzen daher in der Regel einen Teil, in dem Daten, die von oder über X gewonnen wurden, dargestellt und beschrieben werden, bevor sie in einem separaten Teil interpretiert werden.“ (Liebert, W.-A. 2006, S. 132-135) Meistens werden jahrzehntelang geführte Kontroversen vom Medienakteur zu vorschnell als beendet erklärt, wenn nicht verschiedene Diskursebenen unterschieden werden. Sofern Wissenschaftler den Streit auf einer Ebene beilegen können, wird die Auseinandersetzung meist auf einer anderen Ebene fortgesetzt. Außerdem gilt es zwischen verschiedenen Konfliktstoffen innerhalb eines Themenkomplexes zu differenzieren. Denn innerhalb einer Kontroverse beziehen sich verschiedene Standpunkte und Hypothesen häufig auf voneinander abgegrenzte Konfliktstoffe. Wenn beispielsweise im Disput rund um traditionelle chinesische Medizin die Wirksamkeit von Akupunktur durch eine bestimmte Studie angezweifelt wurde, ist damit der Streit zwischen westlicher und fernöstlicher Wissenschaftstradition rund um Energieflüsse im Körper, die von Chakren, Meridianen und der Lebensenergie Qi geprägt sein sollen, noch lange nicht vollständig beendet. In der ergebniszentrierten Berichterstattung neigt man indes dazu, den Ausführungen eines Lagers zu folgen und die gesamte Kontroverse in derem Sinne für beendet zu erklären – beispielsweise wenn auf Basis einer aktuellen Studie Akupunktur als reiner Placebo-Effekt bezeichnet wird. Studien, die zu einem anderen Ergebnis kamen, und andere Interpretationen der ermittelten Sachverhalte werden hierbei einfach ignoriert. Für eine seit Jahrhunderten praktizierte Heiltradition ist jedoch ein differenzierteres Bild angemessen. Als dritte Empfehlung lässt sich daher formulieren: III: Werden einzelne Argumente thematisiert, sollte differenziert werden, welcher zugrunde liegende Kon­ fliktstoff betroffen ist und welcher nicht. In aufgeheizten wissenschaftlichen Disputen und Paradigmenauseinandersetzungen werden Argumente häufig mit Hohn, Spott und Schmähkritik „gewürzt“. Kleinere wissenschaftliche Lager, die Theorien vertreten, welche sich nicht mit der etablierten Lehrmeinung eines Fach­ gebietes decken, werden mitunter als „Endohäretiker“ bezeichnet. Das jeweils gegnerische wissenschaftliche Lager führt häufig an, dass diese Pseudowissenschaft betreiben. In vielen Fällen wird der Ausdruck „Pseudowissenschaft“ aber in unangemessener Weise als Kampfbegriff missbraucht und das nicht selten zu unrecht. Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung, führt


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aus, dass der Begriff stets in verächtlicher Absicht ausgesprochen werde, „um eine bestimmte Lehre oder Praxis zu isolieren, sie aus dem wissenschaftlichen Bezirk auszugrenzen“ (Hagner, M. 2008, S. 22). Ob und in welcher Form die Standpunkte der „Endohäretiker“ berücksichtigt werden sollten, ist im Einzelfall zu entscheiden. Meist dürfte es jedoch unangemessen sein, wenn sich Journalisten den Vorwürfen eines Lagers vollends anschließen, und sich damit als urteilende Instanz in langjährigen wissenschaftlichen Kontroversen verstehen, um die Wahrheit zu präsentieren. Bei der Darstellung von Kontroversen sollten „Endohäretiker“ dann eine Rolle spielen, wenn sie einen ernst zu nehmenden wissenschaftlich arbeitenden Gegenpol zu anderen Lagern bilden. Beim Beispiel der Homöopathie dürfte das wissenschaftliche Lager der Befürworter groß genug sein, um den Ausdruck „Endohäretiker“ unpassend erscheinen zu lassen. Der kontroverse Charakter des Themas wird jedoch schon nach einer kurzen Eingangsrecherche deutlich: Einerseits verleiht der Bundesadler dem „Homöopathischen Arzneibuch“ Gewicht. Das Wappentier ziert die erste Seite, denn homöopathische Arzneimittel zählen zu den anerkannten „besonderen Therapierichtungen“, deren Kosten von einigen

gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Außerdem werden universitäre Master-Studiengänge für Homöopathie-Experten angeboten. Andererseits weisen skeptische Physiker darauf hin, dass bei den üblichen Hochpotenzen homöopathischer Arzneimittel kein einziges Wirkstoffmolekül mehr vorhanden ist und es damit keine bekannte physikalische Kraft gibt, die eine Wirksamkeit begründen würde (Lambeck, M. 2005, S. 10).

Sehr kontrovers: Nahtoderfahrungen In der Kontroverse über Near-Death-Experiences (NDE) sind Endohäretiker leichter zu identifizieren. Die NDE-Kontroverse ist mit einem sehr heftig geführten Paradigmenstreit verknüpft, der die wissenschaftlichen Lager polarisiert, seit die Forschung rund um das Be­ wusstseinsphänomen in den 1970er-Jahren ihren Weg in die akademische Welt fand. Hier geht es um die Frage, warum Menschen in extremen Situationen (beispielsweise nach schwerwiegenden Operationen, Verkehrsunfällen, Herzattacken, Selbstmordversuchen oder während Abstürzen im Gebirge) häufig sich ähnelnde Bewusstseinsphänomene erleben. Sie berichten von einem bis­lang nicht gekannten Glücks- und Friedensgefühl in Todes­ nähe, dem Eindruck, von oben auf den eigenen Körper zu blicken und dann durch einen Tunnel in ein Licht einzutreten, um schließlich Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen. Mediziner diagnostizieren dies meist als „Durchgangssyndrom, Hal­lu­zi­na­tion, Oneiroid oder dreamy state“ (Hartl, L.-A. 1999, S. 130). In der NDE-Forschung ist die sogenannte Halluzinationshypothese eine lo­ gi­sche Konsequenz der geltenden Lehrmeinung, nämlich der Identitäts­ lehre. Nach dieser ist Bewusstsein allein auf neurologische Prozesse zurückzuführen.

Abb. 2: Mittelalterliche Darstellung eines Tunnelerlebnisses von Hieronymus Bosch

„Endohäretiker“ wie der Kardiologe Willem van Lommel sind anderer Meinung, denn in der Frage nach möglichen Ursachenhypothesen im Sinne der Identitätslehre will der NDE-Forscher die gängigen An­ nahmen widerlegt haben: Im Laufe von vier Jahren nahmen van Lommel und sein Team gemeinsam mit Ansprechpartnern aus zehn nieder­ländischen Krankenhäusern konsekutiv „344 Patienten mit


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insgesamt 509 erfolgreichen Reanimationen“ in eine prospektive Studie auf. Das Fazit hieraus: „Keine der Ursachen, die bis dahin für die Entstehung einer NTE [Nahtoderfahrung] in Betracht gezogen worden waren, konnte in dieser ersten großangelegten vorausblickenden Studie bestätigt werden, weder eine physiologische oder medizinische Erklärung (Sauerstoffmangel) noch eine psychologische (Todesangst) oder pharmakologische (eine verabreichte Medikation).“ (Lommel, W. van 2009, S. 150-156) Die Ergebnisse wurden im Jahr 2001 in der medizinischen Fachzeitschrift THE LANCET ver­ öffentlicht (Lommel, W. van et al. 2001, o. S.).

„Endohäretiker“ fordern Paradigmenwechsel Van Lommel fordert wie viele „Endohäretiker“ aus

der NDE-Forschung, den Bewusstseinsbegriff neu zu überdenken. Statt Erzeuger von Bewusstsein könne das Gehirn auch als Empfänger desselben verstanden werden. Auch die Ergebnisse bildgebender Verfahren aus der Hirnforschung, wie Elektroenzephalografie (EEG), ließen sich in diese Richtung uminterpretieren. Somit sei auch die Überlebenshypothese denkbar, die zweite zentrale Hypothese in der NDE-Forschung. Nach der Überlebenshypothese kann das menschliche Bewusstsein den Tod überleben und in eine andere Existenzebene wechseln. Wissenschaft trifft hier auf religiöse Vor­ stellungen, was dazu beiträgt, dass die Kontroverse besonders aufgeheizt und emotional geführt wird. Knackige Statements und narrative Stilelemente, wie der Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit an ein Lager innerhalb der Scientific Community, machen journalistische Darstellungen in mehrerlei Hinsicht lesens­wert. Andererseits sollten Journalisten um eine neutrale Position bemüht sein. Es erscheint daher weder sinnvoll, sich vorgetragenen Hohn, Spott, Schmähkritik und einen als Kampfbegriff vorgetragenen Vorwurf der Pseudowissenschaft­­lich­keit aus einem emotional geführten Diskurs zu eigen zu machen, noch derlei Äußerungen einfach zu ignorieren. Eine mögliche Lösung besteht darin, mit solchen konflikthaltigen Aussagen genauso zu verfahren, wie in der Regel mit besonders spektakulären Aussagen umgegangen wird. Die vierte Empfehlung lautet daher: IV: Hohn, Spott und Schmähkritiken aus einem wissenschaftlichen Diskurs sollte sich der Medienakteur nicht zulasten einer neutralen journalistischen Position zu eigen machen, sondern sprachlich eng an die Quelle binden.

Abhängig von der jeweiligen Fachwissenschaft kann es Verständnisprobleme geben, wenn die Argumente und Standpunkte aus der Kontroverse nicht ohne Weiteres nachvollzogen werden können. Wenn beispielsweise van Lommel für ein „nicht-lokales Bewusstsein“ plädiert (Lommel, W. van 2009, S. 284-285), ergibt dies aus naturwissenschaftlicher Sicht nur im Kontext des quantenphysikalischen Phänomens der nicht-lokalen Verschränkung Sinn. Hier geht es um Sachverhalte aus der modernen Physik, die – entsprechend gedeutet – „Endohäretikern“ eine physikalische Grundlage für einen al­ter­nativen Bewusstseinsbegriff bieten. Bewusstsein wäre demnach nicht messbar, aber auf einer Quanten­ ebene angesiedelt. Wird als Ursachenhypothese hingegen das so­ge­nannte Schläfenlappensyndrom diskutiert, das eben­falls eine Erklärung für NDE bietet – allerdings im Sinne der Halluzinationshypothese – ist dies ohne Zusatz­in­for­ma­ tionen über die Anatomie des menschlichen Gehirns schwer zu verstehen. Bislang nicht berücksichtigte Hinter­ grund­informationen über komplexen Konflikt­stoff müs­ sen daher zum Verständnis in die Darstellung einfließen. Die fünfte Empfehlung für die objektive Darstellung von Kontroversen und Paradigmenausein­andersetzungen lautet daher: V: Die Positionen einzelner Lager im Diskurs werden oft erst durch die Vermittlung von Hintergrundinformationen verständlich. Soll tatsächlich die Kontroverse dargestellt werden, kommen Wissenschaftsjournalisten häufig nicht an Deutungen vorbei, die mitunter stark umstritten sind. So ist beispielsweise die oben beschriebene Überleben­s­ hypothese zwar eine nicht wegzudiskutierende Grund­ theorie in der NDE-Forschung, allerdings gehen mit ihr auch stark umstrittene Annahmen einher. Beispiels­ weise geht der Physikprofessor Markolf Niemz in seinem Buch „Lucy im Licht“, für ein Axiom, welches das Tunnel- und Lichterlebnis physikalisch erklären soll, von der Existenz einer spekulativen Größe aus, die sich der rationalen Betrachtungsweise der Naturwissenschaften entzieht: der Seele (Niemz, M. 2007, S. 20). Derlei umstrittene Facetten einer Kontroverse werden vom Medienakteur mitunter gerne vollends ausgeblendet, um nicht sich selbst oder das journalistische Medium auf spekulatives und umstrittenes Terrain zu bringen. Werden umstrittene Deutungen allerdings von einem ernst zu nehmenden Lager oder Vertreter aus der Scientific Community vorgenommen, sollten sie nicht pauschal ausgeklammert werden. Objektiver wäre es, den spekulativen Charakter umstrittener, bislang


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unbewiesener Interpretationen hervorzuheben oder auf gänzlich anders gelagerte, nicht beweisbare philosophische Grundhaltungen zu verweisen. Der Leser sollte den Unterschied zwischen Fakten und Deutungen klar erkennen können. Als sechste Empfehlung gilt daher:

journalistischer Darstellungen, kann dies darüber hinaus zu einem authentischeren Bild wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse in der Öffentlichkeit beitragen.

VI: Durch eine klare Trennung von Sachverhalten und Deutungen bleibt auch auf schwierigem journalistischen Terrain die Objektivität gewahrt. In wissenschaftlichen Disputen schwelt im Hinter­grund meist eine Paradigmenauseinandersetzung, die zur Po­­­la­ risierung, zur Emotionalisierung und zur Unver­ein­bar­keit der vertretenen Standpunkte aus verschiedenen Lagern geführt hat.

LITERATUR:

Bei der Homöopathie dreht sich dieser Paradigmen­streit darum, ob es überhaupt einen weiter zu erforschenden Wirkungsmechanismus gibt. Dem Streit um NearDeath-Experiences liegt in gewisser Weise das LeibSeele-Problem aus der Philosophie als Paradigmenstreit zugrunde, also die Frage nach der Natur von Bewusstsein. Bei alternativmedizinischen Behandlungsformen aus der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) dreht sich die Frage darum, ob jenseits des materiell erfassbaren Körpers die Lebensenergie „Qi“ existiert, das Yin-und-Yang-Prinzip Gültigkeit besitzt und die Lehre von den Meridianen – in der TCM Kanäle, in denen die Lebensenergie „Qi“ fließt – stimmt. Verständnis für die Hintergründe des wissenschaftlichen Streits gewinnen Rechercheure und deren Leser, wenn die unvereinbaren Paradigmen, Denkgebäude oder Wis­ senschaftstraditionen der zerstrittenen Lager erläutert werden. Als siebte Empfehlung gilt daher: VII: Wird eine wissenschaftliche Kontroverse aufgrund einer Paradigmenauseinandersetzung als Disput geführt, zeigt dieser Zusammenhang die Hintergründe des Streits auf.

FAZIT In langjährigen Kontroversen nur aktuelle Diskurs­ fragmente aufzugreifen, birgt die Gefahr der einseitigen und unausgewogenen Berichterstattung. Liefert der Fachjournalist mehr Hintergrundinformationen über die Kontroverse selbst und bettet die dargelegten Informationen in einen größeren Kontext ein, steigert das die Objektivität und die Verstehbarkeit des zugrunde liegenden Konfliktstoffes. Rücken wissenschaftliche Kontroversen häufiger in den Fokus

Dascal, M. (2006): Die Dialektik in der kollektiven Konstruktion wissenschaftlichen Wissens, in: Liebert, W.-A., Weitze, M.-D. (Hrsg.): Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft? – Wissenskulturen in sprachlicher Interaktion, Bielefeld, S. 19-38. Hagner, M. (2008): Bye-bye science, welcome pseudoscience?, in: Rupnow, D., Lipphardt, V., Thiel, J., Wessely, C. (Hrsg.), Pseudowissenschaft – Konzeption von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt am Main, S. 21-50. Haller, M. (2008): Recherchieren, 7. Aufl., Konstanz. Hartl, L.-A. (1999): Grenzerlebnisse in Todesgefahr – Erschütternd beängstigend oder erschütternd verheißungsvoll?, in: Knoblauch, H., Soeffner, H.G. (Hrsg.): Todesnähe, Konstanz, S. 129-158. La Roche, W. von (1999): Einführung in den praktischen Journalismus, 15. Aufl., München. Lambeck, M. (2005): Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, 2. Aufl., München. Liebert, W.-A. (2006): Ein Mehrebenenmodell für naturwissenschaftliche Kontroversen, in: Liebert, W.-A., Weitze, M.-D. (Hrsg.): Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft? – Wissenskulturen in sprachlicher Interaktion, Bielefeld, S. 129-147. Lommel, W. van et al. (2001): Near-death experience in survivors of cardiac arrest: A prospective study in the Netherlands, in: The Lancet, Vol. 358, Issue 9298, S. 2039-2045. Lommel, W. van (2009): Endloses Bewusstsein – Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, Düsseldorf. Niemz, M. (2007): Lucy im Licht, München. Weingart, P. (2005): Die Wissenschaft der Öffentlichkeit: Essays zum Verhältnis von Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit, Weilerswist. Weitze, M.-D., Liebert, W.-A. (2006): Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft – Probleme, Ideen und künftige Forschungsfelder, in: Liebert, W.-A., Weitze, M.-D. (Hrsg.): Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft? – Wissenskulturen in sprachlicher Interaktion, Bielefeld, S. 7-18.

Literaturempfehlungen Kontroversen als Schlüssel zur Wissenschaft? Wissenskulturen in sprachlicher Interaktion (Sammelband) 2006, 210 Seiten, ISBN 3-89942-448-4 www.transcript-verlag.de Pseudowissenschaft (Sammelband) 2008, 466 Seiten, ISBN: 978-3-518-29497-0 www.suhrkamp.de

Der Autor Dipl.-Wirt.-Inf. (FH) Stefan Riedl ist als leitender

Redakteur beim Fachmagazin „IT-BUSINESS“ tätig. Berufsbegleitend promoviert er gegenwärtig an der Universität für medizinische Informatik und Technik (UMIT) über das Thema „Gesundheitswissenschaftliche Kontroversen in der journalistischen Darstellung“.


Der Zeitzeuge im deutschen TV-Journalismus Erinnerung im FoKus von Holger Möhlmann Fotograf: S. Sonntag

Sie haben viel erlebt und erzählen davon vor der Kamera – Zeitzeugen in Geschichtsmagazinen. Sie sollen die Vergangenheit mit ihrer Persönlichkeit beleben, sollen Geschichte anschaulich, erlebbar, zum Medienevent machen. Sie sind wichtig – doch es gibt auch Kritik an der Art, wie sie zum Einsatz kommen. Welche Möglichkeiten haben Zeitzeugen im Fernsehen? Und welche Probleme? Er lebt in Auschwitz, aber nicht etwa 1943, sondern heute. Er hat das KZ überstanden – und ist freiwillig dageblieben. In ROBERT THALHEIMS 2007 entstandenem Film „Am Ende kommen Touristen“ spielt RYSZARD RONCZEWSKI den kauzigen Stanislaw, der in einem Nebengebäude der heutigen Gedenkstätte ein Zimmer und eine kleine Werkstatt hat. Hier repariert er Koffer von Ermordeten für die Dauerausstellung – und zwar, zur Verzweiflung der Restau­ratoren, auf seine ganz spezielle Art. Doch Stanislaw hat noch einen zweiten Job. Er ist Zeitzeuge. Wann immer in Auschwitz ein neues Mahnmal eingeweiht wird, ist der ehemalige Häftling zur Stelle. Er hält einen Vortrag und posiert mit den Sponsoren fürs Erinnerungsfoto. Oder auch nicht. Regisseur THALHEIM nimmt es genau mit den Widersprüchen seiner Figur: Stanislaw hat Routine in der Vermarktung seiner Geschichte und unterlegt seine Erzählung gern mit gründlich eingeübtem, effektvollen Pathos. Andererseits geht von ihm immer auch eine schlichte, aufrichtige Würde aus, die ihn das „Gruppenbild mit Häftling“ schon mal trotzig verweigern lässt, wenn er merkt, dass es nicht um ihn als Person

geht, sondern um Staffage im Rahmen pflichtschuldiger Gedenkstätten-Charity. Doch die anderen sind keine Bösen: Die Geldgeber und Bürgermeister schwanken in ihren Reaktionen dem Verfolgtem gegenüber – sind ehrlich betroffen und doch peinlich berührt, wenn sie brav Fragen stellen oder Honorare zustecken, sind aber auch rüde und taktlos, wenn sie ihm das Wort abschneiden oder sich die eintätowierte Häftlingsnummer zeigen lassen.

Zeitzeuge im deutschen TV – ein Job zwischen Chance und Schwierigkeit zeichnet das facettenreiche Bild eines sensiblen Phänomens – der Zeitzeuge als öffentliche Figur. Die Möglichkeiten, die er hat, um historische Ereignisse lebendig und gewinnbringend zu vermitteln, stehen offenbar im direkten Zusammenhang mit der Art, wie andere ihm begegnen. Ein Thema, das vor allem dann an Relevanz gewinnt, wenn Zeitzeugen in den Medien präsent sind, und zwar hauptsächlich im Fernsehen. Wenn sie in Geschichtsmagazinen auftreten, die ein breites THALHEIM


18 ZEITZEUGEN IM TV Fachjournalist No .4 2010

Publikum ansprechen und hohe Einschaltquoten erzielen sollen. Es stellen sich dann gleich mehrere Fragen zum Umgang mit ihnen: Wann kommen sie zum Einsatz? Was sieht, was hört der Zuschauer? Und welche Funktion sollen die Zeitzeugen erfüllen? Wer sich näher mit der Thematik befasst, stößt auf weitere Fragen: Wer sind sie eigentlich, diese zumeist älteren Personen, die seit etwa 1990 in so großer Zahl den Bildschirm bevölkern und vor der Kamera ihre Erlebnisse schildern? Wer sucht und wer findet sie? Was bewegt sie, ihre oft belastenden Erfahrungen mit einem Millionenpublikum zu teilen? Wie sieht ihre Zusammenarbeit mit den Redaktionen aus – ist da alles so, wie es sein sollte? Und wie sollte es denn sein? Eines ist sicher – Zeitzeugen sind hip. TV-Sender suchen aktiv nach ihnen, und die Zahl der Geschichtsmagazine mit Zeitzeugenbeteiligung wächst. Andererseits ist die fernsehkompatible Zeitzeugenaussage schon seit Längerem in die Kritik geraten. Skeptiker wittern Zerschnipselung und Manipulation seitens der Redakteure, fehlerhafte Erinnerung bei den Erzählenden und bewusste Emotionalisierung bei allen Beteiligten. Zeitzeuge im deutschen TV – offenbar ein Job zwischen Chance und Schwierigkeit. Der Zeitzeuge, so wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen, ist ein Produkt der Nachkriegszeit. Nicht nur, weil es vorher kein Fernsehen gab, sondern vor allem, weil erst durch die unmittelbar vorangegangene Epoche, die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, überhaupt möglich wurde, dass so viele Menschen zu potenziellen Zeitzeugen wurden. Mit zwei Weltkriegen, mit Revolutionen und Inflationen, Drittem Reich und Stalinismus, mit deutscher Teilung und Luftbrücke, mit Millionen Gefallenen, Ermordeten, Ausgebombten, Verschleppten und Vertriebenen waren die ersten 50 Jahre des letzten Jahrhunderts eine Zeit, wie es sie noch nie gegeben hatte. Nie zuvor war das Leben so vieler Menschen so unmittelbar vom Lauf der Geschichte erfasst worden. So gut wie jeder, der damals lebte, hatte teil an den historischen Ereignissen – auf oft schreckliche, manchmal absurde und immer ganz persönliche Weise. Diese einschneidenden Erlebnisse sind im kollektiven Gedächtnis vieler Menschen noch heute vorhanden. In engem Zusammenhang mit der Tatsache, dass so viele Menschen von den Auswirkungen politischer und sozialer Geschichte unmittelbar betroffen waren, steht sicherlich das Aufkommen der sogenannten Oral History. Da nur die wenigsten Menschen schriftliche Zeugnisse hinterlassen, wurde in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Methode zur wissenschaftlichen Auswertung mündlicher Erinnerungen entwickelt. Ihre Blütezeit erlebte die Oral History in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, als systematisch Archive

transkribierter, auf Tonband aufgezeichneter und später gefilmter Zeitzeugenberichte angelegt wurden. Ziel war es, die akademische Geschichtsschreibung „von oben“ durch persönliche, mündlich vorgetragene Erzählungen direkt Beteiligter zu ergänzen und so einen umfassenderen Eindruck über bestimmte Ereignisse und Epochen zu erlangen. Dabei galt die Grundregel, die Zeitzeugen in ihrer Erzählung möglichst nicht zu unterbrechen, sie nicht durch Fragen zu lenken und sie ihre Erinnerungen unbeeinflusst schildern zu lassen. Wie sieht die Sache nun bei jenen Zeitzeugen aus, die im Fernsehen auftreten? Wo Sendezeiten knapp, Zuschauerinteressen wichtig und Einschaltquoten alles sind, ist vieles eine Frage des richtigen Konzepts: In welchem Rahmen wird der Zeitzeuge präsentiert? Wie viel Zeit räumt man ihm ein? Was macht ihn interessant? Und vor allem – wer soll es sein? Infrage kommende Personen gibt es genug, denn die Zeitzeugenszene in Deutschland ist vielfältig und bestens organisiert. In zahlreichen Städten haben sich Menschen in Zeitzeugen­börsen und Erzählcafés zusammengeschlossen, in Online-Communities, Geschichtsvereinen und Archiv­ge­ meinschaften. Zeitzeugen referieren vor Schul­klassen und Besuchergruppen, veröffentlichen Memoiren und Buch­ beiträge. Ins Fernsehen gelangen sie häufig über diese Art von Engagement, aber auch auf anderen Wegen. STEFAN BRAUBURGER, stellvertretender Leiter der Redaktion Zeitgeschichte im ZDF, nennt Auf­rufe in Zeitungen als eine Möglichkeit, bittet aber auch „in unserem sonntäglichen Magazin ZDF-HISTORY, dass sich Zeitzeugen zu einem bestimmten Thema melden“1. Manchmal sind es aber auch die später Interviewten selbst, von denen die Initiative ausgeht, so BRAUBURGER: „Immer wieder erhalten wir Zuschriften und Anrufe von Menschen, die uns ihre Erlebnisse schildern und sich als Interviewpartner für Sendungen anbieten.“2

Unbefahrene Wege der Geschichte – das Potenzial der Zeitzeugen Dass Zeitzeugen für das Geschichtsfernsehen so wichtig sind, begründet BRAUBURGER mit der „persönlichen Perspektive, die sich von allgemeinen Betracht­ungen unter­ scheidet. Neben den ‚großen‘ Ereignissen interessiert auch, was die Menschen in ihrem Alltag bewegte. Schein­bar un­­ wichtige Randerscheinungen, persönliche Erlebnisse und Anek­doten spiegeln den Zeitgeist mitunter eindringlicher wider als Gipfelkonferenzen oder Staatsaktionen. Oft zeigen sich in Momentaufnahmen von Einzelschicksalen die Erfahrungen ganzer Generationen.“


ZEITZEUGEN IM TV 19 Fachjournalist No .4 2010

Es gehe eben „nicht nur um Menschen, die Geschichte machten, sondern auch darum, was Geschichte mit den Menschen machte, und das erfahren wir vor allem von den Zeitzeugen.“3 DR. KATJA WILDERMUTH, Leiterin der Redaktion Geschichte und Gesellschaft beim MDRFernsehen und Initiatorin des zweiwöchentlichen Geschichtsmagazins BARBAROSSA, sieht das ähnlich: Für sie bedeuten Zeitzeugen vor allem „Lebendigkeit, Anschaulichkeit und Emotionalität. Da sie unmittelbare Kenntnis vom jeweiligen Thema haben, sind sie sehr gut geeignet, auf ihre Art und Weise dem Zuschauer das Thema zu vermitteln. Wir können damit also einen nicht unkontrollierten, aber nahezu ‚ungefilterten‘ Zugang zu Geschichte ermöglichen.“4 Und auch THOMAS GRIMM, Gründer der Berliner Film- und Fernsehproduktionsfirma ZEITZEUGEN TV, die die Lebenswege zahlreicher, auch prominenter Zeugen des letzten Jahrhunderts in Porträts und Dokumentationen nachzeichnet, erkennt das Potenzial der Erzähler vor der Kamera: „Offizielle und gelehrte Geschichte braucht immer wieder das individuelle Schicksal, um Teile der ausgesparten, vergessenen Geschichte ans Tageslicht zu bringen. Erinnerungen an persönlich Erlebtes sind sozusagen Motoren, welche die unbefahrenen Wege der Geschichtsschreibung in das historische Kartenmaterial zurückbringen. Die Aura des Zeitzeugen erzeugt eine Atmosphäre von Vertrautheit insbesondere gegenüber jüngeren Menschen, mündliche Überlieferung kann den emotionalen Graben der Generationen leichter überbrücken.“ Geschichte werde durch den Zeitzeugen zum „Erlebnisraum und nicht zur Abfolge von Zahlen und Namen.5“

Es gehe eben „nicht nur um Menschen, die Geschichte machten, sondern auch darum, was Geschichte mit den Menschen machte, und das erfahren wir vor allem von den Zeitzeugen.“

Was also gibt es an der Medienpräsenz dieser interessanten Menschen zu bemängeln? Eine Form der Kritik ist eher genereller Art: Dass die Geschichtswissenschaft den Zeitzeugenbericht als mögliche Quelle akzeptiert hat, bedeutet nicht, dass mit ihm weniger vorsichtig verfahren werden muss wie mit anderen Quellen. Es ist bekannt, dass Zeitzeugen sich nicht nur lückenhaft und verfälschend an manche Ereignisse erinnern, bei denen sie zugegen waren, sie „erinnern“ sich zuweilen sogar an Ereignisse, bei denen sie nachweislich nicht dabei waren – oder die gar nicht stattgefunden haben. Böse Absicht ist das nicht, sondern ein unbewusstes Verknüpfen erlebter, gehörter und falsch abgespeicherter Sachverhalte. Der Historiker PROF. LUTZ NIETHAMMER nennt ein Beispiel: Wenn im Mai 1945

so gut wie alle Westdeutschen als ersten amerikanischen Soldaten einen Schwarzen gesehen haben wollen, kann daran etwas nicht stimmen. NIETHAMMER ergänzt: „Ich halte das für einen Gewinn, dass wir uns öffnen für die Mit­ wirkung der Gedächtnisse unserer Mitmenschen. Umso mehr betone ich, dass man sehr kritisch und professionell damit umgehen sollte.“ (Stadler, S., Niethammer, L. 2009) Worte, die wenig Widerspruch erregen. STEFAN BRAUBURGER betont: „Natürlich sind Erinnerungen durch nachträgliches Erleben und Reflektieren beeinflusst. Deshalb geht es uns darum, dass die Zeitzeugen möglichst ereignisnah berichten und ihre eigenen Empfindungen schildern. Die Fakten werden mit anderen vorhandenen Zeitzeugenaussagen, Quellen und Dokumenten ab­ge­ glichen.“6 Und dr. KATJA WILDERMUTH sagt: „Selbst­ redend werden alle Schilderungen der Zeitzeugen – das Gedächtnis kann einem ja auch mal ein Schnippchen schlagen – auf ihre historische Wahrscheinlichkeit hin geprüft und gegebenenfalls eingeordnet.“ Übergroße Kritik lässt sie nicht gelten: „Wer die Frage nach dem Zeitzeugen stellt, muss auch die Frage nach den editierten Quellen, den Akten und vielleicht auch nach dem jeweiligen Wissenschaftler stellen.“7 Dennoch wünscht sich LUTZ NIETHAMMER eine stärkere Berücksichtigung des Erinnerungskontextes gerade bei Zeitzeugen, die in den Massenmedien auftreten. Was sie sagen, ist eine Sache – warum sie es sagen, oft interessanter. (Stadler, S., Niethammer, L. 2009)

Zwischen Erinnerung und Sendeplänen – der Zeitzeuge im Dilemma Doch auch das, was sie sagen, steht in der Diskussion – wenn man sie denn überhaupt viel sagen lässt. Wir würden den Zeitzeugen ja gar nicht zuhören, behauptet PROF. WULF KANSTEINER, Historiker an der Binghamton University, im Hinblick auf manche Geschichtsmagazine, in denen sich Spielszenen, Archivmaterial und Zeitzeugenclips in allzu rascher Folge abwechselten: „Die kurzen Interviewausschnitte von durchschnittlich 20 Sekunden sind dem Kommentar zugeordnet, dienen sozusagen als visuelle Fußnoten.“ (Kansteiner, W. 2008, S. 7) Er beklagt noch mehr: Die Zeitzeugen würden allzu häufig nur im Studio befragt, außerhalb des thematischen Zusammenhangs, vor identischem Hintergrund, entindividualisiert und austauschbar. Auch kämen gern „Pseudozeitzeugen“ zum Einsatz – Menschen, die bei den geschilderten Ereignissen gar nicht dabei gewesen seien, sondern nur einem weiteren Umfeld angehörten. Auch diese „Zeitzeugen“ würden lediglich „dazu eingesetzt, einen mit Märchenstimme vorgetragenen, recht ober­fläch­ lichen Geschichtsvortrag zu bebildern und zu bestätigen.“ (Kansteiner, W. 2008, S. 9) Ein Konzept für die Zukunft sei


Berlin / Kriegsende 1945: Ankunft eines Flüchtlingstrecks (am "Knie", heute Ernst-Reuter-Platz), Copyright: akg-images/NordicPhotos

ein stärkeres „dokumentarisches Geschichtsfernsehen“, in dem Augenzeugen wieder mehr Zeit eingeräumt werde – ohne Pathos und ästhetische Geschlossenheit und nicht mehr „mit allen zur Verfügung stehenden digitalen Bearbeitungs­möglichkeiten auf einen emotionalen Effekt hin zugeschnitten“. (Kansteiner, W. 2008, S. 20).

„Ich wollte meinen Beitrag leisten zum Verständnis der oft sehr komplexen Verwicklungen in dieser Zeit.“

als Zeitzeugin im in- und ausländischen Fernsehen auf. Und auch hierüber ließe sich bestimmt allerlei schreiben, denn hinter den Kulissen der TV-Welt hat Frau ARNDT Extreme erlebt – von klaren, aber nicht zu engen Vorgaben und sehr professioneller Interviewtechnik bei der BBC bis zu jenem Talkshow-Auftritt bei einem großen deutschen Privatsender, bei dem sie praktisch unvorbereitet auf die Bühne geschubst wurde und vor mäßig interessierten Jugendlichen aus dem Stegreif von ihrer Vergangenheit erzählen sollte. Nach dem Auftritt gab es vom Sender keine Fotos und keinen Mitschnitt, trotz Mahnung.8

Und die Zeitzeugen selbst – wie sehen sie das Ganze? Alles in allem recht locker: Fast durchweg sprechen sie von kurzen, aber sinnvollen Vorgesprächen, von Interviewern, die sie frei erzählen lassen und deren gelegentliche Rückfragen sie als willkommene Impulse wahrnehmen, von ihrer Zufriedenheit mit dem Ergebnis. Völlig unkritisch sind sie deshalb jedoch nicht. ROSEMARIE ARNDT geb. GRUSDAS ist eine erfahrene Zeitzeugin, die viel zu erzählen hat: 1928 in Ostpreußen geboren gerät sie auf der Flucht vor der Roten Armee in sowjetische Gefangenschaft. Als Zivilinternierte lebt sie in verschiedenen Lagern, haust in Erdlöchern, arbeitet im Bergwerk. 1949 wird sie entlassen und wohnt heute in Berlin. Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben, seit 1994 tritt sie regelmäßig

Schade eigentlich, denn die Motive der Zeitzeugen sind fast immer ehrenwert – und sind genau dort zu finden, wo auch die Stärken der Zeitzeugen liegen: Im persönlichen Eindruck zum abstrakten Ereignis, im kleinen, komplizierten Lebensverlauf, der das oft allzu simple große Gesamtbild ergänzt. HANS-HUGO ECHTERHOFF, Zeitzeuge bei einem Buchprojekt zum Dritten Reich, drückt es so aus: „Ich wollte meinen Beitrag leisten zum Verständnis der oft sehr komplexen Verwicklungen in dieser Zeit.“9 Für LUTZ NIETHAMMER ist ein Zeitzeuge immer dann besonders interessant, wenn er ein bestehendes Geschichtsbild eben nicht bestätigt, sondern unterläuft (Stadler, S., Niethammer, L. 2009): „Hat er ein Sonderschicksal? Hat er vielleicht Recht? Haben sich alle anderen etwas zurechtgelegt, damit sie


ZEITZEUGEN IM TV 21 Fachjournalist No .4 2010

etwas nicht berühren müssen?“ Und THOMAS GRIMM bringt es auf den Punkt: Für ihn füllen Zeitzeugen „die weißen Flecken der Geschichte mit Farbe“10. Und am besten tun sie dies, wenn man ihre kleinen, komplizierten Wahrheiten möglichst wenig in vorgegebene Handlungsoder Sendeverläufe presst – dann verweigern sie auch nicht das Erinnerungsfoto. Der Autor dankt allen Interviewpartnern für ihre freundliche Mithilfe und Herrn PROF. WULF KANSTEINER für die Bereitstellung seines Vortragsmanuskripts.

Endnoten: Per E-Mail am 30.06.2010. Ebd. 3 Ebd. 4 Per E-Mail am 21.06.2010. 5 Per E-Mail am 14.06.2010. 6 Per E-Mail am 30.06.2010. 7 Per E-Mail am 21.06.2010. 8 Telefonisch am 05.07.2010. 9 Per E-Mail am 09.07.2010. 10 Per E-Mail am 14.06.2010. 1 2

Der Autor HOLGER MÖHLMANN, M.A., arbeitet seit 1996 Literatur: Grusdas, R. (1997): Von Ostpreußen nach Berlin. Ein Marjellchen vom Lande auf dem Weg zur Stadt. Berlin.

als freier Journalist für Kultur und Geschichte, unter anderem für die TAGESZEITUNG. Er studierte Kunstgeschichte, Italienische und Französische Philologie

Kansteiner, W. (2008): Der Zeitzeuge als Medienereignis: Inszenierung und publizistische Personalisierung, unveröffentl. Manuskript zum gleichnamigen Vortrag, gehalten am 20.12.2008 an der Friedrich-SchillerUniversität Jena im Rahmen des Symposions „Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945“, ausgerichtet vom Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts und dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

an der UNIVERSITÄT TRIER und beendete 2007

Stadler, S., Niethammer, L. (2009): In welchem Klima öffnet sich der Zeitzeuge?, Siegfried Stadler im Gespräch mit Prof. Lutz Niethammer auf MDR Figaro am 24.09.2009, http://www.mdr.de/mdr-figaro/journal/6717099hintergrund-6716950.html, Stand: 06.08.2010.

„Schattenkönigin“ Madame De Maintenon, die geheime

seine journalistische Ausbildung an der DEUTSCHEN FACHJOURNALISTEN-SCHULE Berlin mit einer geschichtsjournalistischen Arbeit über die

Ehefrau Ludwigs XIV.

Welzer, H. (2000): Das Interview als Artefakt. Zur Kritik der Zeitzeugenforschung, in: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung und newsaktuellAd_210x148_JPetersen:news_aktuell_Anzeigen_210x148mm Oral History 13, Heft 1/2000, S. 51-63.

30.04.2009

13:45 Uhr

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„Presseportal.de ist das wichtigste Gate zu aktuellen Unternehmensinfos. Deshalb fliegen alle Journalisten Deutschlands darauf.“ Jens Petersen, Leiter Unternehmenskommunikation bei news aktuell

www.newsaktuell.de


Bildautor: R. Naumann

Medienrecht: zur Haftung von Journalisten bei Text-, Wort- und Bildbeiträgen von Christian Zappe

Journalisten sind verschiedenen Berufsrisiken ausgesetzt, die im Extremfall ihre Existenz bedrohen können. Denn durch gerichtliche Auseinandersetzungen können erhebliche Kosten entstehen, nicht zuletzt ist die Reputation des Journalisten gefährdet. Für Urheber­ rechtsverletzungen, Verwechslungen von Bild- oder Textmaterial oder Verletzungen von Persönlichkeitsrechten können freiberufliche und fest angestellte Journalisten, Redakteure, Autoren etc. persönlich haftbar gemacht werden. Gut zu wissen, wer dann zum Schluss die Verantwortung für einen Text-, Wort- oder Bildbeitrag trägt und welche rechtlichen Ansprüche zu erwarten sind. Dieser Beitrag soll zu Ihrer Rechtssicherheit bei Haftungsfragen von Journalisten beitragen, unabhängig davon, ob Sie bei einer Tageszeitung, Nachrichtenagentur, beim Radio oder Fernsehen, als Onlinejournalist oder Pressesprecher tätig sind.


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Die Verantwortlichen Grundsätzlich sind für den Inhalt von Text-, Wort- und Bildbeiträgen alle Personen mitverantwortlich, die an dessen Entstehung und Veröffentlichung mitgewirkt haben (Kühl, K. 2006).1 Deshalb ist es in der Regel problematisch festzustellen, wer letztendlich die Verantwortung trägt und damit zivil- und strafrechtlich haftbar gemacht werden kann.

Hauptverantwortliche Personen können sein: • der Autor, der den Beitrag geschrieben hat, • der verantwortliche Redakteur, der den Beitrag abgenommen hat, • der Chefredakteur, der Geschäftsführer und der Herausgeber des Medienunternehmens, • der Verlag oder Sender, der den Beitrag publiziert hat.

Freie und fest angestellte Journalisten Ein Journalist, der gleichzeitig Autor eines Beitrags ist, haftet grundsätzlich für dessen Inhalt. Dabei ist es nicht entscheidend, in welcher arbeitsrechtlichen Eigenschaft er beschäftigt ist. Haftungsrechtliche Unterschiede zwischen freien und fest angestellten Journalisten gibt es nicht. Unerheblich ist auch, ob der Beitrag aufgrund eines Auftrags, auf Weisung des Arbeitgebers oder aus eigener Veranlassung verfasst oder produziert wurde.

Verantwortlicher Redakteur Um die Durchsetzung von Ansprüchen Dritter zu gewährleisten, regeln die Landespressegesetze der Bundesländer die besondere strafrechtliche Haftung des verantwortlichen Redakteurs,2 im Falle der nicht periodischen Presse die des Verlegers. Verantwortlicher Redakteur ist, wer aufgrund seiner redaktionellen Mitwirkung am Druckwerk die zu veröffentlichenden Beiträge hinsichtlich ihres eventuell strafrechtlich relevanten Inhalts zu überprüfen hat. Er ist damit Verfügungsberechtigter und kann gegen solche Beiträge sein Veto einlegen. Dabei kommt es insbesondere darauf an, dass er das Erscheinen auch hätte verhindern können. Grundsätzlich muss also der Nachweis erbracht werden, dass jemand als verantwortlicher Redakteur am Er­schei­ nen eines Druckwerks oder einer Sendung tat­sächlich mit­gewirkt hat und dass diese strafrechtlich relevante Inhalte aufweist. Nur unter diesen Voraussetzungen kann festgestellt werden, dass er jedenfalls objektiv die ihm obliegende Sorgfaltspflicht verletzt hat.

Chefredakteur, Geschäftsführer und Herausgeber Das Prinzip, dass nur derjenige strafrechtlich haftet, der eine bestimmte Tat begangen hat, gilt auch für die Funktionsträger in den Verlagen und Rundfunkanstalten,

wie Chefredakteur, Geschäftsführer und Herausgeber. Sie können zivil- und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden, wenn ihnen nachzuweisen ist, dass sie jeweils individuelle Beiträge zu der angegriffenen Veröffentlichung geleistet haben. Wird im Einzelfall festgestellt, dass beispielsweise der Herausgeber Kenntnis von dem in „seinem“ Periodikum erscheinenden Beitrag hatte und die Veröffentlichung eines derartigen Beitrages in Kenntnis seiner Strafbarkeit duldete, kann er zwar nicht als Täter, wohl aber wegen Beihilfe selbst strafbar sein.

Verlage und Rundfunkanstalten Eine Sonderstellung gibt es für Verlage und Rundfunkanstalten. Sie sind dazu verpflichtet, sämtliche Beiträge vor Veröffentlichung auf ihre inhaltliche Richtigkeit und rechtliche Unbedenklichkeit zu überprüfen. Außerdem müssen sie dafür sorgen, dass durch deren Inhalt keine Persönlichkeitsrechte und Urheberrechte Dritter verletzt werden. Verbreiterhaftung Für alle an der Veröffentlichung eines Beitrags beteiligten Personen gilt die vom Bundesgerichtshof entwickelte „Verbreiterhaftung“ (Bölke, D. 2005; Fechner, F. 2009).3 Danach kann nicht nur derjenige in Anspruch genommen werden, der eine Äußerung aufgestellt und damit behauptet hat, sondern auch derjenige, der sie verbreitet. Für viele Journalisten ist es deshalb befremdlich, dass sie nicht nur für die eigenen, sondern auch für die von ihnen veröffentlichten Äußerungen Dritter verantwortlich sind. Das gilt sowohl für falsche Tatsachenbehauptungen als auch für Äußerungen, die beleidigenden Inhalt haben. Ziel der Verbreiterhaftung ist es, den Betroffenen besser vor den Medien zu schützen. Insbesondere vor der Verbreitung von unrichtigen und benachteiligenden Äußerungen Dritter.

Beispiel: Verwenden Journalisten beleidigende Worte eines Dritten, können sie sich einer Haftung nicht entziehen. „,A ist ein großes Rindvieh‘, sagte der Geschäftsführer des Unternehmens U.“ Solche Formulierungen gehen stets zulasten des Journalisten, der das Zitat verbreitet hat. Die betroffene Person soll sich vor einer Rufschädigung schützen können, die hier nicht im Behaupten der negativen Äußerung liegt, sondern ausdrücklich in deren Verbreitung durch den Journalisten.


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Beispiel: Rechtlich unbedenklich ist die Verbreitung diskreditierender Äußerungen zwischen Politikern. „,Minister A ist ein großes Rindvieh‘, sagte der Abgeordnete B.“ Die Verbreitung dient hier der öffentlichen Meinungsbildung. Für die journalistische Praxis stellt die Verbreiterhaftung allerdings ein erhebliches Risiko dar. Vor allem bei Interviews sind sich die Gerichte nicht einig, wann die Haftung für eine Äußerung entfällt. Einigkeit besteht dahingehend, dass es auf die Verbreiterhaftung nur dann ankommt, wenn es bei der bloßen Wiedergabe fremder Äußerungen bleibt. Sobald sich jemand allerdings fremde Inhalte zu eigen macht, haftet er immer uneingeschränkt.

Prüfungspflichten bei der Verbreitung fremder Äusserungen Die Maßstäbe für die Verbreiterhaftung richten sich grundsätzlich nach der Art und Weise bzw. der Form der verbreiteten Äußerung Dritter. Aus diesem Grunde hat die Rechtsprechung ein gestuftes Prüfungssystem für Interviewäußerungen entwickelt, an dem sich Journalisten orientieren können. Danach gilt Folgendes:

Zitate Bei Zitaten haben Journalisten eine umfassende Prüfungspflicht. Das gilt auch für Zitate in Werbespots. Will sich der Journalist einer Haftung entziehen, muss er die wiedergegebenen Äußerungen Dritter auf deren Inhalt hin überprüfen und sich eventuell von ihnen „ernsthaft und ausdrücklich“ distanzieren. Eine Distanzierung kann auch darin liegen, dass bei einer Diskussion des Meinungsstandes verschiedene, etwa sich widersprechende Äußerungen einander gegenübergestellt werden. Der sogenannte „Markt der Meinungen“ muss erkennbar sein.

Leserbriefe Bei Leserbriefen gilt eine eingeschränkte Prüfungspflicht für Journalisten. Häufig weisen Zeitungen allgemein darauf hin, dass Leserbriefe nur die Ansicht der Einsender wiedergeben. Doch auch ohne einen solchen Hinweis distanziert sich die Redaktion bereits dann hinreichend vom Inhalt der Leserschriften, wenn etwa durch die Überschrift der Leserbriefe und die Nennung der Namen der Verfasser der Briefe deutlich wird, dass es sich um die Veröffentlichung fremder Meinungen und Behauptungen handelt. Etwas anderes gilt nur im Falle schwerer Beeinträchtigungen von Persönlichkeitsrechten Dritter. In diesen Fällen trifft die Presse stets eine absolute Prüfungspflicht.

Anzeigen Veröffentlichen Medien Anzeigen, verbreiten sie ebenfalls Äußerungen Dritter. Zugunsten der Medien ist die Prüfungspflicht bei Anzeigen eingeschränkt. Medienunternehmen würde es schlicht überfordern, jede Anzeige auf ihre tatsächliche Richtigkeit sowie ihre rechtliche Zulässigkeit zu überprüfen. Eine Prüfungspflicht besteht nur, wenn der Inhalt der Anzeige Anlass zu tatsächlichen und rechtlichen Zweifeln bietet. Solange diese Voraussetzung nicht erfüllt ist, besteht auch keine Verbreiterhaftung für die Anzeigeninhalte.

Presseschauen Privilegiert sind auch Presseschauen, die fremde Pressebriefe zusammengefasst wiedergeben. Ähnlich wie bei der Veröffentlichung von Leserbriefen wird die Recherchepflicht des Verbreiters eingeschränkt. Für die Gerichte ist es ausreichend, wenn eine hinreichende Distanzierung und Kennzeichnung durch den Verbreiter als gekürzter Fremdbericht ersichtlich ist.

Internetforen Keine Rechtsklarheit besteht allerdings für die Betreiber von Internetforen. Welche Prüfungspflichten beispielsweise Onlinejournalisten eines Meinungsforums im Internet treffen, ist nicht eindeutig geregelt. Bisher gilt, dass der Betreiber eines solchen Forums zumindest dann haften soll, wenn er trotz Kenntnis von konkreten unzulässigen Beiträgen diese nicht entfernt. Der Betreiber eines Meinungsforums im Internet hat somit eine eingeschränkte Prüfungspflicht.

Livediskussionen Bei Live- und aufgezeichneten Diskussionen besteht grundsätzlich keine Prüfungspflicht. Für das Bundesverfassungsgericht fungiert das Medienunternehmen dabei als „Markt der verschiedenen Ansichten und Richtungen“. Nur bei beleidigenden Äußerungen Dritter haben der Journalist und das Medienunternehmen eine eingeschränkte Prüfungspflicht. Eine darüber hinausgehende Prüfungspflicht besteht für sie nicht. Ansprüche gegen die Presse Werden Dritte durch Medienberichte in ihren Rechten verletzt, haben sie unterschiedliche rechtliche Ansprüche gegen Journalisten und Medienunternehmen. Selbst wenn keine Absicht dahinter steckt, andere Personen in ihren Persönlichkeits- oder Urheberrechten zu verletzen, können diese juristisch gegen den jeweiligen Autor oder Sender vorgehen.


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Rechtliche Ansprüche können sein: • Unterlassung, • Gegendarstellung, • Widerruf und Richtigstellung, • Schadensersatz und Schmerzensgeld.

Unterlassung Wer sich durch Medienberichte verletzt fühlt, möchte das Gleiche nicht noch einmal erfahren und eine Wieder­ holung verhindern. Mit einer Unterlassung verpflichtet sich die Redaktion, künftige Verletzungen gleicher Art (Meinungen und Tatsachenbehauptungen) zu unterlassen. Die Redaktion gibt dafür eine Unterlassungserklärung ab und muss bei einer erneuten Verbreitung eine Vertrags­ strafe zahlen. Beispiel: „Hiermit verpflichtet sich die Redaktion XY, es gegenüber Herrn Mustermann in Zukunft zu unterlassen, wörtlich oder sinngemäß zu behaupten, Herr Mustermann habe sich wegen Fälschung von Presseausweisen strafbar gemacht, so wie dies in der Zeitung XY am 25.03.2009 geschehen ist. Die Redaktion XY verpflichtet sich gegenüber Herrn Mustermann, bei jeder künftigen Zuwiderhandlung eine Vertragsstrafe von 10.000 Euro zu zahlen.“

Gegendarstellung Mit einer Gegendarstellung dementiert eine betroffene Person Tatsachen (nicht Meinungen) eines Berichtes und präsentiert die Tatsachenlage, die sie für richtig hält. Ziel einer Gegendarstellung ist es, der betroffenen Person zu garantieren, dass die Presse mit ihrer Öffentlichkeitswirkung sie nicht bloßstellt. Die von einem Beitrag betroffene Person erhält somit die Möglichkeit, den Sachverhalt kostenlos richtigzustellen. Mit einem sogenannten „Redaktionsschwanz“ kann die Redaktion einen Hinweis zu der Gegendarstellung schreiben.

Widerruf und Richtigstellung Mit einem Widerruf und einer Richtigstellung werden falsch dargestellte Tatsachen richtiggestellt. Für eine Redaktion ist diese Sanktion besonders schmerzhaft. Sie muss sich damit selbst ins Unrecht setzen und gegenüber ihrem Publikum einräumen, dass sie etwas falsch berichtet hat. Dieser Anspruch besteht unabhängig davon, ob die Redaktion schuldhaft gehandelt hat. Beispiel: „In unserem Bericht über den Vierfach-Mord von Eislingen in der Ausgabe vom 19.04.2009 wurde das Bild eines jungen Mannes veröffentlicht, mit dem Hinweis, es handele sich um den Tatverdächtigen Andreas H. Dies ist unrichtig. Es liegt eine Verwechslung vor. Die abgebildete Person ist in keiner Weise an der Tat beteiligt. Wir entschuldigen uns für das Versehen.“

Schadensersatz und Schmerzensgeld Neben einer Strafanzeige kann der Betroffene, in be­ sonders schweren Fällen der Behauptung von falschen Tatschen oder bei ehrverletzenden Meinungsäußerungen, auch einen finanziellen Ausgleich für materielle oder für immaterielle Schäden verlangen. In der Praxis werden Schadens­ersatzansprüche vor allem von Unternehmen geltend gemacht. Bei immateriellen Schäden handelt es sich um den klassischen Fall der Zahlung von Schmerzens­ geld an das Medienopfer. Das gilt in besonderem Maße für derbe Witze auf Kosten Dritter. Beispiel: „Der Moderator einer TV-Sendung hatte den Namen der 16-jährigen Lisa Loch wiederholt für anzügliche Wortspiele missbraucht. Wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten der jungen Frau wurde der TV-Moderator vom Oberlandesgericht Hamm zu Schadenersatz in Höhe von 70.000 Euro verurteilt.“

Fazit Beispiel: „Die Redaktion bleibt bei ihrer Darstellung.“ Allerdings sollte der „Redaktionsschwanz“ mit großer Vorsicht verwendet werden, da mit der Gegendarstellung auch gleichzeitig eine Unterlassungsverfügung durchgesetzt werden kann. In der Regel unbedenklich und juristisch einwandfrei ist der sogenannte Hinweis. Beispiel: „Unabhängig vom Wahrheitsgehalt sind wir verpflichtet …“

Journalisten haben die Möglichkeit, mit einem eigenen redaktionellen Beitrag den Ansprüchen der betroffenen Person zuvorzukommen oder eventuelle Schmerzens­ geldansprüche abzumildern. Damit lässt sich viel Geld sparen und der eigene Ruf in der Öffentlichkeit schützen. Als Maßnahmen dazu sind geeignet: Erstens die Richtig­ stellung. Sie kann eine Gegendarstellung und den Wider­ ruf ersetzen – allerdings nur, wenn die Richtigstellung alle falschen Fakten korrigiert. Zweitens die Entschuldigung im Namen der Redaktion.


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Mein Rat für Ihre journalistische Praxis in jedem Fall: Be­ achten Sie als Journalist die Persönlichkeitsrechte und die Urheberrechte Dritter und vernachlässigen Sie dabei nicht Ihre journalistischen Sorgfaltspflichten. Endnoten:

Überblick über die verschiedenen Haftungsmöglichkeiten von Journalisten. Ausführlich dazu die Landespressegesetze der Bundesländer. § 20 Abs. 2; Berlin,

1 2

→ Empfohlene Seiten im Internet: www.alm.de Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten www.medienrecht-informationen.de Medienrecht-Blog und aktuelle Urteile www.telemedicus.info/urteile Praxisrelevante Urteile zum Medienrecht

Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz § 19 Abs. 2; Bayern § 11 Abs. 2; Hessen § 11 Abs. 1; Brandenburg § 14 Abs. 2; Nordrhein-Westfalen § 21 Abs. 2; Sachen § 12 Abs. 2; Sachsen-Anhalt § 12. 3  Eindrucksvolle Fallbeispiele aus der journalistischen Praxis mit Gerichtsurteilen. Literatur: Der Autor CHRISTIAN ZAPPE ist Jurist und freier Bölke, D. (2005): Presserecht für Journalisten, München. Branahl, U. (2006): Medienrecht, 5. Aufl., Wiesbaden. Fechner, F. (2009): Journalistenrecht, 1. Aufl.; Tübingen. Fechner, F. (2010): Medienrecht, 11. Aufl., Tübingen. Kühl, K. (2006): Das pressespezifische Straf- und Ordnungswidrigkeitenrecht, in Löffler et al.: Presserecht, Kommentar, 5. Aufl., § 20, Rdn. 81. Schwartmann, R. (2008): Praxishandbuch, Medien-, IT- und Urheberrecht, Heidelberg.

Journalist. Sein Schwerpunkt ist das Presse-, Urheberund Medienrecht. Zudem ist er als Dozent und Lehrbeauftragter tätig. Ende November erscheint sein Ratgeber-Buch „Medienrecht 2.0. Jura für Medienmacher“ bei BOOKS ON DEMAND.

Im Augenblick der Befreiung war die Freiheit am grössten Die besondere Geschichte einer Studentenzeitung von Wolf-Christian Ulrich und Konstantin Sacher

Seit über 20 Jahren berichtet die Zeitung UnAufgefordert als erste freie Presse der DDR zur Wendezeit von und für Studenten. Es war ein ungewöhnlich warmer Novembertag im Jahr 1989, die Mauer fiel ein paar Tage zuvor. Ost-Berlin war nach wie vor Hauptstadt der DDR, offiziell regierte die SED. Die Fassade der HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN zeigte sich schwarz vom Ruß der Kohle. Die Fernsehbilder zeigten Menschen auf der Berliner Mauer, während in den Gefängnissen immer noch politisch Inhaftierte saßen. Die DDR war noch kein freies Land. MALTE SIEBER war in diesem Herbst 1989 nicht neu

an der Uni. Er war Ende 20, als die DDR taumelte. Er wollte einen unabhängigen Studentenrat mitgründen, der die FDJ als studentische Interessenvertretung an der Universität ersetzen sollte. Weil die FDJ alle Hebel in Bewegung setzte, um nicht das Zepter aus der Hand zu geben, wollten die Studierenden eine unabhängige Zeitung ins Leben rufen. MALTE SIEBER hängte einen Zettel aus. Das Wort „Zeitung“ kam darauf noch nicht vor: „Presseorgan“ lasen KATRIN NEUHAUS, UWE TIGÖR,

KATRIN KLEIN und eine Reihe anderer Studierender, die

sich daraufhin im November 1989 trafen. Eine kleine Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg. Das Zim­mer voll mit Studierenden. Sie hatten zwar eine Menge Ideen für die Inhalte der Zeitung, auch Texte zu schreiben und Druckvorlagen zu erstellen war kein Problem. Doch wie eine Zeitung drucken, etwas Systemkritisches in der DDR vervielfältigen? Ohne be­ hördliche Genehmigung war das unmöglich. An der CHARITÉ etwa gab es nicht einmal einen Kopierer. Die Studierenden mussten sich in ein Buch eintragen und an­ melden, um im kleinen Computerzentrum Hausar­beiten zu vervielfältigen. Schon um Druckpapier für eine Zeitung zu bekommen bedurfte es einer Lizenz. Und trotzdem gelang es der Redaktion den Druck der ersten Ausgabe zu organisieren:


PRINT 27 Fachjournalist No .4 2010

Dabei half ein persönlicher Kontakt über die Mauer hinweg, nach West-Berlin.

mehr haben. Die Gründer sagen heute rückblickend: „Die Freiheit war im Moment der Befreiung am größten.“

Der Schmuggel

Die Freiheit zu schreiben

DAVID POMMERENKE war einer der unauffälligsten

„Es gab so viele Themen, die wir einer Öffentlichkeit zuführen wollten. Es gab aber kein Organ, über das wir unsere Ideen verbreiten konnten“, sagt ein weiterer Gründer, STEFAN DEUTSCHER. „Die hatten die ganze Seele voller Sachen, die verändert werden mussten“, fährt DAVID POMMERENKE fort. „Die wollten Sprachrohr sein, um der Befreiung von diesen Lasten den Weg zu bahnen.“

und zugleich schillerndsten Studenten der West-Berliner Hochschulen. Er gehörte zu den wenigen, die regelmäßig die DDR besuchten – schon Jahre vor dem Mauerfall. Mit einem amerikanischen, einem West-Berliner und einem bundesdeutschen Pass reiste er ein und aus, kannte den Ostblock wie seine Westentasche. Improvisieren gehörte zu den Grundvoraussetzungen, um in der DDR zu überleben und schnell war klar, wie „der Wessi“ DAVID POMMERENKE helfen konnte. UWE TIGÖR kannte ihn über seine Freundin KATRIN KLEIN. DAVID POMMERENKE hatte Zugang zur Druckerei des AStA der Technischen Uni West und beste Kontakte zum Drucker. Er schmuggelte die Druckvorlagen in seinem blaumetallicfarbenen Opel Kadett Kombi über den CHECKPOINT CHARLIE. In das Auto war ein kleines Fach eingeschweißt, in dem Waren und Schriften regelmäßig die Grenze passierten. An jenem Tag mit den Druckvorlagen, die die Redaktion zusammengeklebt hatte. Viel Text, eine Zeichnung, soviel Information auf einer Seite wie nur möglich, die Seitenzahlen handschriftlich eingefügt. Sechs Seiten hatte die erste Ausgabe. „Unabhängige Zeitung von und für Studenten“ stand darüber. Ihr Titel: NOCH NAMENLOS. Es war der 16. November. In den Rucksäcken von vier Kurieren gelangte die erste Auflage am 17. November 1989 über verschiedene Grenzübergänge zurück in die DDR. Und dann ging es auf die Straße UNTER DEN LINDEN, wo längst die erste große Studentendemo in Berlin lief, die NOCH NAMENLOS im Arm. Und so erschien am 17. November 1989 die erste freie Zeitung der Wendezeit. „Die wurde uns aus der Hand gerissen“, sagt KATRIN NEUHAUS. „Dass da plötzlich eine unabhängige Studentenzeitung auftaucht, war ja eine Neuheit in einem Land, in dem sich Öffentlichkeit, wenn überhaupt, dann hinter vorgehaltener Hand abgespielt hat“, ergänzt UWE TIGÖR. Die Redaktion nahm sich im Spätherbst 1989 das Recht, das Monopol auf Öffentlichkeit zu brechen, welches in der DDR ganz selbstverständlich dem Regime gehörte. Doch sie musste diese Freiheit in den kommenden Jahren immer wieder erkämpfen: In der eigenen Redaktion, in Auseinandersetzungen mit dem Studentenparlament und im Kampf mit den Studienbedingungen, vor allem dem neuen Bachelor, der heute die Kräfte der Studierenden derart bündelt, dass sie für Ehrenämter fast keine Zeit

Schon in ihrer Wirkung nach außen war die Universität ein Käfig, in den man vom wachhabenden Personal nur mit einem Studenten- oder Dienstausweis hineingelassen wird. Auch KATRIN NEUHAUS ging täglich diesen Weg und ihr fiel dabei immer ein großes Schild ins Auge: „Bitte unaufgefordert den Studentenausweis vorzeigen.“ Die Idee für den Namen der neuen Zeitung war geboren. NOCH NAMENLOS hieß ab der zweiten Ausgabe, vom 4. Dezember 1989 an, UnAufgefordert – oder liebevoll abgekürzt: UnAuf.

Die Studierendenzeitung der Humboldt-Universität zu Berlin | 21. Jahrgang | Juli 2010

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 &A?268 9B@A9<@  &.5;&A?26A  ?6::.05 /2@2AGA Cover der UnAuf, Ausgabe 194


28 PRINT Fachjournalist No .4 2010

Alles im Fluss Anfangs fanden sich noch viele Artikel über den politischen Wandel in der DDR. Doch UnAuf war eine Studentenzeitung und die Redaktion merkte, dass sich ihre Leser mehr für die Umstrukturierung der Uni selbst interessierten: Wer lehrt nun an der HU? Wird weiterhin verschult studiert? Und etwas ganz Existenzielles: In den Ausgaben fünf und sechs vom Februar 1990 stand die Forderung nach Kopiermöglichkeiten im Do-it-yourselfVerfahren. In der Ausgabe neun vom April 1990 – immer noch DDR-Zeit – meldete UnAuf schließlich die Ein­richt­ ung eines Kopierzentrums, das allen Studieren­den und Mitarbeitern der Uni zur Verfügung stand. Es brauchte Zeit, bis Öffentlichkeit in der Wende selbstverständlich wurde. UnAuf bekam ab Ausgabe vier ihre Lizenz, die im Impressum genannt werden musste: (36a) 5077 B beim Magistrat von Berlin. Damit gab es schließlich offiziell ein Papierkontingent und eine Druckerei. Die UnAuf erschien im Zwei-Wochen-Rhythmus. Eine enorme Arbeitsbelastung. „Wir haben uns oft getroffen und die Nächte durchgemacht, man war ja auch in den Wohnungen und hatte sein Privatleben total mitgebracht“, erinnert sich KATRIN KLEIN. Nach zwei Jahren war das Zeitungsprojekt fast tot. Die Chef­redakteure suchten ihre persönliche Zukunft. Eine neue Generation musste her. Sie kam mit HANNAH LUNDT und INGO BACH. Beide waren 1991 neu bei UnAuf und wurden gleich Chefredakteure. Die neue Ge­ neration pro­fes­sionalisierte die Zeitung. Das Anzeigen­ge­ schäft löste den Verkauf ab. Die Auflage stieg. Neue Ru­

briken ent­­standen sowie Kolumnen und Glossen. Immer wieder gab und wird es in der Geschichte der Zeitung Re­dak­ti­o­nen geben, die eher politisch ticken – wie einst die Gründer –, und solche, bei denen die Rubriken „Studieren“ und „Leben“ stärker sind. Bei UnAufgefordert spielte sich die große Geschichte der Wende im Kleinen ab. Die Studentenzeitung war der Ort, an dem die Konflikte der Zeit diskutiert wurden: Der Streit um die Tätigkeiten von Professoren zu Ost-Zeiten. Der Umgang mit ehemaligen Mitarbeitern der STASI. Der Umgang von Ossis und Wessis. 1996 war UnAufgefordert erstmals paritätisch mit Redakteuren aus Ost- und West besetzt: In der Medienlandschaft ist dies einzigartig geblieben.

UnAufgefordert im Hier und Jetzt Gegenwärtig sind die Themen andere – aber UnAufgefordert begreift sich noch immer als unabhängiges Forum, in dem der Wandel an der Universität breit diskutiert und begleitet wird. Oft erfährt UnAuf diesen Wandel am eigenen Leib, wie bei der Einführung der verschulten Bachelor- und Masterstudiengänge. Schon in den ersten Ausgaben 1989 forderten die Studierenden eine Abkehr vom verschulten, festgelegten Studium. Heute dasselbe. Die meisten Studierenden finden neben Turbo-Uni und Nebenjob keine Zeit, sich ehrenamtlich zu engagieren. MARGARETE STOKOWSKI, Chefredakteurin der Zeitung bis April 2010, sieht mit Sorge in eine Zukunft, in der Studierende nur noch für das eigene Fortkommen Zeit finden – nicht aber, um das zu beobachten, was sich an ihrer Uni tut. Dass UnAufgefordert zu den ak­tu­ell ältesten Studenten­zeitungen über­ haupt zählt, liegt nur daran, dass sich immer wieder Studentinnen und Studenten mit genügend Nerven und Engagement fanden, den „UnAuf-Job“ neben ihrem Studium zu bewältigen. Dies ist heute notwendiger denn je. Denn die bequemen Zeiten, in denen die Zeitung zur Hälfte von Zuschüssen des Studentenparlaments finanziert wurde, sind seit Kurzem passé. Als Zeitung von einem politischen Organ abhängig zu sein, ist problematisch. Das musste UnAuf lernen.

Wöchentliche Redaktionssitzung der UnAuf, Fotograf: B. Lammel


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Das Verhältnis zu den Studenten­vertretern war anfangs freundschaft­lich und kollegial, die Interessen lagen zu Wendezeiten auch ähnlich: Es ging darum, die FDJ abzulösen und eine demokratische Studentenvertretung aufzubauen. „Aber die Zeitung war von Beginn an unabhängig vom Studentenrat“, betont JENS SCHLEY, der damals beiden Institutionen angehörte. Das 1994 neu gegründete Studentenparlament (StuPa) hatte allerdings zunehmend Schwierigkeiten, die Rolle von UnAuf und das Verhältnis der Zeitung zur Studentenvertretung zu verstehen. Das StuPa ärgerte sich über eine Zeitung, die seiner Meinung nach dem StuPa gehörte, aber nicht so schrieb, wie es dem StuPa gefiel. Es tat sich lange schwer damit, offen zuzugeben, dass es UnAuf gerne als Hauspostille gesehen hätte. Also wurden Scheingefechte geführt, etwa um die Frage, ob UnAuf nun eine Studenten-, eine StudentInnen-, eine Studentinnen- und Studenten- oder eher eine Studierendenzeitung sei. Das StuPa billigte die Förderanträge nicht mehr, gab immer weniger Geld. Es gehört nicht zu den Ruhmestaten des Blattes, dass UnAuf in den folgenden Jahren gar nicht mehr über die Arbeit im StuPa berichtete. Das ist zwar nachvoll­ziehbar, doch verlor die Zeitung die Studentenvertretung dadurch aus den Augen: Eine Studentenvertretung, die demo­kratisch kaum legitimiert war – die Wahlbeteiligung ist seit Jahren erschreckend niedrig (bei der letzten Wahl gaben 7,83 Prozent der Studierenden ihre Stimme ab) – die politisch am Gros der Studierenden vorbeidebattierte. All das wären Themen gewesen. All das blieb lange ungesagt. Im Herbst 2008 kam es zum offenen Bruch. Niemand konnte mehr kitten. Das StuPa beschloss genau am 19. Geburtstag von UnAufgefordert, der Zeitung kein Geld mehr zu geben. Die Auflage von UnAuf war zu gering, um sich allein durch Werbung zu finanzieren. Die Zeitung stand vor dem Aus.

Ehemalige Redakteure wurden angerufen, um Rat gefragt. Das Netzwerk hielt. Seit knapp einem Jahr kümmert sich der neu gegründete Freundeskreis, der UnAufgefordert e. V., um die Finanzierung der Zeitung. Der Freundeskreis hat in der HUMBOLDT-UNIVERSITÄTS-GESELLSCHAFT, der BMW STIFT­UNG HERBERT QUANDT und dem DEUTSCHEN FACHJOURNALISTEN-VERBAND Partner gefunden, die unabhängigen Journalismus an der HUMBOLDT-UNIVERSITÄT in diesem besonderen Projekt UnAufgefordert dauerhaft unterstützen. Das Kura­torium des Vereins dient UnAufgefordert seitdem als neues Herausgebergremium. UnAufgefordert ist schließlich erwachsen geworden. Die Studierenden, die heute UnAuf lesen, wissen nicht mehr, dass „einfach mal was kopieren“ an der Uni streng verboten war, als sie 1989 zum ersten Mal erschien. Dass es auch nicht möglich war, die Studentenvertreter frei zu wählen. Und dass das Erscheinen der Studentenzeitung ein kleiner revolutionärer Akt war. Am Anfang stand die Freiheit des Denkens. Es folgte die Freiheit der Presse, des Drucks und des Verlags. Sie machte UnAuf zu dieser eigenständigen Zeitung, die sie heute noch ist. Unterm Strich ist es ein kleines Wunder, dass von Generation zu Generation das zeitund nervenfressende Erbe einer ehrenamtlichen Arbeit für eine Studentenzeitung mit wirklich komplizierten Namen mehr oder weniger schadlos weitergegeben wurde – bis heute. „Was professionelle Zeitungen mit strikter Arbeitsteilung beantworten, bleibt in einem Blatt, wo Studenten immer mit Idealismus und einer gewissen Labilität auf Grund ihres Studiums arbeiten, Stoff ständiger Auseinandersetzung“, schrieb ULRICH MIKSCH, ehemaliger UnAuf-Chefredakteur, zum zehnjährigen UnAuf-Jubiläum 1999, und das gilt heute mehr denn je. Die Konflikte sind immer wieder dieselben: um die Freiheit der Presse, um die Freiheit des Studiums, um das Überleben in einem System, in dem es oft genug ums Geldverdienen geht. Doch die Zeitung überlebte. Und erscheint seit 20 Jahren immer pünktlich viermal im Semester: als UnAuf von und für Studenten.

Der Autor WOLF-CHRISTIAN ULRICH wurde 1975 in

Der Autor KONSTANTIN SACHER wurde 1984 in Hessen

Niedersachsen geboren. Er studierte Musikwissenschaft

geboren. Er studiert evangelische Theologie in Berlin, war

und Nordamerikastudien in Berlin und Vancouver.

von 2009 bis 2010 Chefredakteur der UnAufgefordert

Anschließend absolvierte er ein Volontariat an der RTL

und schrieb bereits für diverse Zeitungen (TAZ,

JOURNALISTENSCHULE KÖLN. Aktuell arbeitet er als

TAGESSPIEGEL).

Reporter im ZDF HAUPTSTADTSTUDIO BERLIN.


30 DFJV INTERN Fachjournalist No .4 2010

Einladung zum fünften Deutschen Fachjournalisten-Kongress am 29. OKTOBER Anmeldung noch bis zum 11. Oktober möglich In seiner fünften Auflage beleuchtet die vom Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV) ausgerichtete Veranstaltung aktuelle Entwicklungen im Journalismus und in der Medienbranche, vermittelt praktisches Wissen und lädt Teilnehmer zum aktiven Austausch ein. Der Kongress behandelt in diesem Jahr folgende The­ menkomplexe: Keynote: Ausblicke auf die Zukunft des Journalismus Welche Formen journalistischer Darstellung und Aufbereitung haben eine Zukunft in Zeiten schwindender Loyalität aufseiten der Medienkonsumenten? Welchen Einfluss hat die fortschreitende Digitalisierung auf den viel zitierten Qualitätsjournalismus? Wie können (freie) Journalisten zukünftigen Anforderungen gerecht werden? Diesen und anderen Fragen geht ULRIKE LANGER, Medienjournalistin und Expertin für Social Media, in dem einleitenden Vortrag nach. Wandel des Journalismus – Was leistet das Netz? Aktuelle Entwicklungen, die sich in deutschen Redaktionen konkret bei der digitalen Recherche und Vermittlung journalistischer Inhalte zeigen, will das anschließende Panel diskutieren. Dabei stehen Fragen im Raum, ob bewährte Instrumente noch ausreichen, um bei Nutzern mit qualitativ hochwertigen Informationen punkten zu können, ob Journalismus zukünftig experimenteller werden

Deutscher Fachjournalisten-Kongress 2009, Fotograf: Sebastian Semmer

Deutscher Fachjournalisten-Kongress 2009, Fotograf: Sebastian Semmer

sollte oder ob sich gar neue journalistische Betätigungsfelder entwickeln müssen. Web 2.0 verstehen und beherrschen Digitale Strategien zur Selbstvermarktung der eigenen fachjournalistischen Arbeit werden immer wichtiger. Fast täglich entstehen neue Trends, werden neue Tools und Techniken für den „Journalismus 2.0“ entwickelt. Hier den Überblick zu behalten, ist nicht leicht. Anhand verschiedener Praxisbeispiele will dieses Fachforum Anregungen und Tipps geben, um im Web 2.0-Dschungel erfolgreich bestehen zu können und gleichzeitig Potenziale für die wirksame Selbstvermarktung im Echtzeitweb aufzeigen.


DFJV INTERN 31 Fachjournalist No .4 2010

Fachjournalismus heute Boulevardisierung, Bürgerjournalismus und die Ausweitung der Internetnutzung haben einerseits zu einer Aufweichung der journalistischen Standards geführt. Andererseits sind der objektive Bedarf und das subjektive Bedürfnis nach vertiefter Information und fundierter Orientierung durch die Medien deutlich gestiegen. Im Bereich der B2BKommunikation ist dieser Bedarf ohnehin langfristig stabil. Auch die zunehmende Bedeutung der Wissenschaft in unserer Gesellschaft verlangt nach gesicherter Erkenntnis. Fachkunde ist also gefragt. Honorare richtig verhandeln Journalistische Qualität hat ihren Preis. Ohne eine angemessene Bezahlung werden die Medien massiv an Qualität einbüßen und somit ihre Leser, Zuschauer und Hörer mittelfristig verlieren. Dieser Qualitätsanspruch sollte bei Honorarverhandlungen von Fachjournalisten offen vertreten werden. Doch wie tritt man in Honorarverhandlungen professionell und selbstbewusst auf? CORDULA NUSSBAUM, freie Journalistin und Coach, stellt reale Fallbeispiele vor und erläutert unterschiedliche Verhandlungstaktiken. Qualitätsjournalismus in Krisenzeiten Verlage haben im Kontext der Wirtschaftskrise und vor dem Hintergrund rückläufiger Werbeeinnahmen bereits weitreichende strategische Schritte unternommen, die sich auch auf die Struktur vieler Redaktionen ausgewirkt haben: Auslagerungen, Redaktionsfusionen und Redaktionskooperationen sind zentrale Maßnahmen. Die Diskussionsrunde will Antworten auf die Frage geben, wie Qualitätsjournalismus auch zukünftig gesichert werden kann. Dabei soll u. a. aufgezeigt werden, welche Konzepte zur Sicherung der Vielfalt der Berichterstattung und zur Profilierung verfolgt werden, wie Qualitätsjournalismus trotz einer Verdichtung redaktioneller Arbeit auch zukünftig geleistet werden kann und welche Wege vor

Deutscher Fachjournalisten-Kongress 2009, Fotograf: Sebastian Semmer

dem Hintergrund einer Fragmentierung der Märkte, einer Ausdifferenzierung von Zielgruppen und neuer Distributionskanäle beschritten werden sollten. Als Referenten und Moderatoren haben u.a. zugesagt: STEFAN BRAUBURGER, stellv. Leiter der ZDF-Redaktion „ZEITGESCHICHTE“, DR. NIKOLAUS FÖRSTER, Chef­ redakteur der Zeitschrift „IMPULSE“, LORENZ MAROLDT, Chefredakteur „DER TAGESSPIEGEL“, DR. RICHARD MENG, Staatssekretär und Sprecher des Senats von Berlin, WALTRAUT VON MENGDEN, Geschäfts­führerin MVG Medien Verlagsgesellschaft mbH & Co., MARTIN NOÉ, stellv. Chefredakteur MANAGER MAGAZIN, JANERIC PETERS, Chefredakteur aller „WELT“-Titel, JÖRG SADROZINSKI, Redaktionsleiter „tagesschau.de“, DR. CHRISTIAN STÖCKER, stellv. Ressortleiter Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE, und viele mehr.

Deutscher Fachjournalisten-Kongress 2009, Fotograf: Sebastian Semmer


32 DFJV INTERN Fachjournalist No .4 2010

Noch bis zum 11. Oktober 2010 haben Sie die Möglichkeit, sich für dieses Event über

www.fachjournalistenkongress.de anzumelden. Der Eintrittspreis für DFJV-Mitglieder be­ trägt € 65,00, Nicht-Mitglieder zahlen € 85,00, Studenten und Auszubildende lediglich € 45,00. Wir freuen uns darauf, Sie am 29. Oktober in der Hauptstadt begrüßen zu dürfen.

Preisträger 2009: Prof. Dr. Guido Knopp, Laudator: Prof. Dr. Arnulf Baring, Fotograf: Sebastian Semmer

Buch „Fachjournalismus“ in überarbeiteter Auflage erschienen Siegfried Quandt, Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hg.) Titel: Fachjournalismus. Expertenwissen professionell vermitteln 2., völlig überarbeitete Auflage 2010, 306 Seiten, br., Abb.: 20 sw. ISBN 978-3-86764-139-5 Preis: Euro (D) 29,90 / Euro (A) 30,80 / SFr 43,90 (Praktischer Journalismus, Band 58)

In grundlegend überarbeiteter Form ist das vom DFJVPräsidenten PROF. DR. SIEGFRIED QUANDT und dem DFJV herausgegebene Buch „Fachjournalismus. Expertenwissen professionell vermitteln“ im UVK-Verlag erschienen. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: A. Grundlagen des Fachjournalismus, B. Praxis des Fachjournalismus – Beispiele, C. Allgemeine Aspekte des Fachjournalismus. Darüber hinaus enthält es Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren sowie ein ausführliches Register. Im ersten Teil begründet der Herausgeber und Autor SIEGFRIED QUANDT den Fachjournalismus systematisch. Er skizziert dessen Geschichte und Organisationsent­­ wicklung, profiliert ihn gegenüber dem sogenannten „Wissenschafts­journalismus“, stellt Modelle des Fach-­

journalismus kritisch dar und beschreibt die fach­ journalistischen An­forderungs­profile und Tätig­keits­­felder. Im Anschluss daran verdeutlicht PROF. DR. BEATRICE DERNBACH die internationale Dimension des Fach­jour­ nalismus. Im B-Teil stellen fachjournalistische Erfahrungsträger und Experten sieben ausgewählte Fachjournalismen im Einzelnen dar; dabei handelt es sich um Wirtschafts­ journalismus, Geschichts­journalismus, Sportjournalismus, Umweltjournalismus, Technikjournalismus, Agrar­ journal­is­mus und die Baufachpresse.


DFJV INTERN 33

Ich unterrichte

Fachjournalist No .4 2010

Teil C beinhaltet neun Beiträge zu besonderen Aspekten und Perspektiven des Fachjournalismus, zum Beispiel „Professionalisierung des fachjournalistischen Schreibens“, „Fachbeiträge für Multimedia, Intra- und Internet“, „Fachjournalismus und Marketing“ oder „Medienrecht für Fachjournalisten“.

mal Ihre Kinder.

Das Feld der Fachjournalismen entwickelt sich zügig weiter. Offenbar gibt es einen zunehmenden objektiven Bedarf und ein steigendes subjektives Bedürfnis nach vertiefter Information und fundierter Orientierung durch die Medien. Merkwürdigerweise haben die Publizistik-, Kommunikations- bzw. Medienwissenschaft und die allgemeine Journalistik den Fach­journalismus bislang kaum beachtet. Dieses Buch könnte praktische Hilfe leisten und theoretische Diskussionen auslösen. DFJV-Mitglieder haben die Möglichkeit, das Buch zum Vorzugspreis von € 23,90 (statt € 29,90 – 20 % Rabatt) zu beziehen. Bitte beachten Sie, dass dieser Rabatt nur gewährt werden kann, wenn Sie das Buch über das entsprechende Bestellformular, dieser Ausgabe beilegend oder abrufbar unter dem Menüpunkt "Leistungen/Fach­ bücher" auf www.dfjv.de, bestellen.

Studie „Journalistische Qualität in der Wirtschaftskrise“ Die Autoren dieser vom Deutschen FachjournalistenVerband geförderten Studie gehen den Fragen nach, welche Strategien die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage in der Krise ergriffen haben und ob sich diese auf die redaktionelle Qualität auswirken. Dazu wurde die Fachliteratur zu Qualitätsjournalismus und Medienmanage­ment ausgewertet und anhand der Fachpresse wurden die Branchenstrategien rekonstruiert. Zur empirischen Analyse wurden die Wirtschaftsmedien von GRUNER + JAHR sowie der BERLINER VERLAG bzw. DUMONT herangezogen. Dazu wurden die Chefredak­ teure und Verlagsgeschäftsführer dieser Unternehmen und ihrer Wettbewerber in Experteninterviews über die Strategien der letzten Monate und ihre Bewertung der Folgen befragt. Es schließt sich eine qualitative Befragung professioneller Mediennutzer und PR-Manager aus Wirtschaft, Politik und Kultur an.

Aller Anfang ist Bildung. Spenden Sie heute für morgen.

Spendenkonto 236 52 52 07 BLZ 100 700 00 www.spendenbildet.de


34 DFJV INTERN Fachjournalist No .4 2010

Klaus Beck, Dennis Reineck, Christiane Schubert, in Kooperation mit dem DFJV Titel: Journalistische Qualität in der Wirtschaftskrise 1. Auflage 2010, 298 Seiten, br., Abb.: 40 sw. ISBN 978-3-86764-268-2 Preis: Euro (D) 34,00 / Euro (A) 35,00 / SFr 48,90

Fachjournalist Fa ch j o u r n a l i s m u s , Fa ch - P R & Fa ch m e d i e n

IMPRESSUM Herausgeber Prof. Dr. Siegfried Quandt (Präsident des DFJV) DFJV Deutscher Fachjournalisten-Verband AG Verlag DFJV Deutscher Fachjournalisten-Verband AG Hegelplatz 1, 10117 Berlin Telefon 030 / 81 00 36 88 0 Fax 030 / 81 00 36 88 9 Chefredaktion Lars von Hugo (V.i.S.d.P.) fachjournalist@dfjv.de Redaktionsbeirat Gabriele Bartelt-Kircher, Leiterin der Journalistenschule-Ruhr . Markus Becker, Leiter des Ressorts Wissenschaft bei Spiegel-Online . Prof. Dr. Udo Branahl, Institut für Journalistik an der Universität Dortmund . Prof. Dr. Ulrike Buchholz, Fachbereich Informations- und Kommunikationswesen an der Fachhochschule Hannover Prof. Dr. Rainer Burchardt, Lehrbeauftragter für Media Management an der Fachhochschule Kiel . Prof. Dr. Giso Deussen, ehem. Leiter des Studiengangs Technikjournalismus an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg Walter Engstle, Geschäftsführer der UVK Verlagsgesellschaft, ›Reihe Praktischer Journalismus‹ . Prof. Dr. Christoph Fasel, Professur für Medien- und Kommunikationsmanagement, SRH Hochschule Calw . Dr. med. Christoph Fischer, Facharzt und Lehrbeauftragter an der Hamburg Media School Wolfgang Goede, M. A., Wissenschaftsredakteur der Zeitschrift P. M. . Dr. Gabriele Hooffacker, Leiterin der Journalistenakademie München . Prof. Dr. Guntram Platter, Professur für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, FH Eberswalde A. o. Prof. Dr. Dr. Benno Signitzer, Fachbereich Kommunikationswissensch aft an der Universität Salzburg . Werner Starz, M. A., Direktor Marketing und Kommunikation bei Eurosport . Prof. (em.) Dr. Jan Tonnemacher, Lehrstuhl für Journalistik II an der Katholischen Universität Eichstätt . Eva Wiese, Technology Communications, Daimler Chrysler

DFJV-Mitglieder erhalten das Buch zu einem Vor­zugs­ preis von € 27,20 (statt € 34,00 – 20 % Rabatt) bei Be­ stellung über den Menüpunkt "Leistungen/Fachbücher" auf www.dfjv.de.

Druck CW Niemeyer Druck GmbH, Hameln Anzeigen anzeigen@dfjv.de Die aktuellen Mediadaten des Fachjournalist erhalten Sie auf www.fachjournalist.de Autoren dieser Ausgabe Lutz Frühbrodt, Holger Möhlmann, Stefan Riedl, Konstantin Sacher, Wolf-Christian Ulrich, Christian Zappe Titelbild Mauer am Brandenburger Tor, November 1989 © picture-alliance / akg-images, Fotograf: akg-images Leserbriefe wie Statements, Anregungen, Lob und Kritik bitte an: leserbriefe@dfjv.de Erscheinungstermine: Der Fachjournalist erscheint quartalsweise. Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes erhalten den Fachjournalist kostenfrei. Rechtliches Der Inhalt namentlich gekennzeichneter Beiträge spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider. Bei Einsendung von Manuskripten wird das Verständnis zur vollen oder auszugsweisen Veröffentlichung (Print und Online) vorausgesetzt. Hinweise für Autoren erhalten Sie unter www.fachjournalist.de. ISSN 1860-2827

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Fachjournalist - Oktober 2010  

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