Page 1

No. 1 2012

Januar 2012 12. Jg. ISSN 1860-2827

Zur Zukunft der Wirtschaftsmedien Zwischen Existenzkrise und Erfolgskalkül

Wer hat an der Uhr gedreht? Zeitmanagement für Fachjournalisten

Es grünt so grün Nachhaltigkeitsthemen in den Medien – eine Bestandsaufnahme


02 INHALT Fachjournalist No .1 2012

04

Zur Zukunft der Wirtschaftsmedien Zwischen Existenzkrise und Erfolgskalkül Lothar Lochmaier

09

Ergebnisse aus dem Projekt „Zukunft des Journalismus“ der Stiftung Neue Verantwortung Leonard Novy und Dominic Schwickert

04 FINANZJOURNALISMUS Quo vadis Wirtschaftsmedien?

Jan Apr Jul Okt

20XX

Jan Apr Jul Okt

20XX

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

20XX

20XX

20XX

Jan AprJul Okt

Jan Apr Jul Okt

20XX

20XX

Journalismus in der digitalen Moderne

13

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

20XX

20XX

20XX

20XX

Es grünt so grün Nachhaltigkeitsthemen in den Medien – eine Bestandsaufnahme Kira Crome

18

Wer hat an der Uhr gedreht? Zeitmanagement für Fachjournalisten Cordula Nussbaum

22 18 ZEITMANAGEMENT Mehr Effizienz am Arbeitsplatz

Rechtspraxis für Journalisten Frank C. Biethahn

26

TRENDSTUDIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION Die Chancen und Risiken der nächsten Entwicklungsstufe Alexander Gerber

30

Verlieren die Wachhunde ihre Zähne? Zum Rollenselbstverständnis von Nachwuchsjournalisten Rebekka Merholz

32

DFJV Intern

22 RECHT Rechtspraxis für Journalisten

13

02 INHALT 03 EDITORIAL 35 IMPRESSUM

NACHHALTIGKEIT Wie "grün" ist die Medienberichterstattung?


EDITORIAL 03 Fachjournalist No .1 2012

Liebe Leserin, liebeR Leser,

das Thema Nachhaltigkeit gewinnt in den Medien an Gewicht. Eine zentrale Herausforderung liegt darin, dem komplexen Thema und den globalen Zusammenhängen gerecht zu werden, gleichfalls aber auch eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Denn – dies belegen Studien – die meisten Medienformate richten sich beim Thema Nachhaltigkeit bislang an die „Bildungselite“ und die Zielgruppe der sogenannten „LOHAS“ (Lifestyles Of Health And Sustainability), in deren Lebenskontext die Thematik bereits fest verankert ist. Wollen Medien ihrem Auftrag als Förderer eines gesellschaftlichen Wandels gerecht werden, müssen sie Nachhaltigkeitsthemen mit der Lebenswirklichkeit der breiten Öffentlichkeit koppeln. Es wird darauf ankommen, inwieweit sie es schaffen, komplexe Inhalte über innovative Formate auf affektive Weise verständlich zu vermitteln. Bestehende Formate lediglich mit einem „grünen Anstrich“ zu versehen, reicht dabei nicht aus. Hier ist fachjournalistische Kompetenz gefragt – die in ihrer Ausgestaltung freilich noch (weiter-) entwickelt werden muss. Dieses Spannungsfeld beschreibt Kira Crome ab S. 13. Einen „Geist der Zuspitzung, Vereinfachung und Übertreibung“ bei auflagenstarken Wirtschaftstiteln erkennt Lothar Lochmaier. Es herrsche hier eine (zu sehr) am Massengeschmack und an der breiten medialen Aufmerksamkeit orientierte Berichterstattung vor; eine differenzierte, kritische Analyse finde zu wenig statt. Gerade diese sei aber essenziell, um beispielsweise eine Frühwarnfunktion im Vorfeld von Wirtschaftskrisen auszuüben. Nach Lochmaier besteht der „inhaltliche Megatrend zur Differenzierung“ nun darin, „neue Wege im konstruktiven Kapitalismus aufzuzeigen.“ Chancen sieht er in einer weniger stereotypen, weniger hierarchisch geprägten Wirtschafts- und Finanzberichterstattung. Diese sollte beispielsweise profilierte Wirtschafts- und Finanzblogs in ihre Berichterstattung einbeziehen, eine Dialog-und Kollaborationsbereitschaft stärker verinnerlichen und so eine tiefere thematische Durchdringung und auch Vielfalt erreichen. Der Trend zum „personalisierten Wirtschafts- und Finanzmedium im Netz“ werde sich zweifellos verstärken. Welche Herausforderungen und Potenziale für den Wirtschafts- und Finanzjournalismus der Zukunft bestehen, lesen Sie ab S. 4.

Eine lohnende Lektüre wünscht Ihnen IHR LARS VON HUGO (Chefredakteur)


04 FINANZJOURNALISMUS Fachjournalist No .1 2012

Zur Zukunft der Wirtschaftsmedien zwischen Existenzkrise und Erfolgskalkül von Lothar Lochmaier

Jan Apr Jul Okt

20XX

Jan Apr Jul Okt

20XX

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

20XX

20XX

20XX

Jan AprJul Okt

20XX

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

Jan Apr Jul Okt

20XX

20XX

20XX

20XX

20XX

Zweifellos befindet sich der Finanz- und Wirtschaftsjournalismus im Umbruch. Sinkende Erlöse, eingeschränkte Entwicklungsperspektiven und eine personelle Ausdünnung der Redaktionsstäbe zehren an Substanz und Qualität. Doch es gibt auch positive Zeichen: Neue Formate verändern den Blickwinkel auf die Finanzwelt und treiben eine bunt gefächerte mediale Innovationskultur voran, von der alle Beteiligten profitieren.


FINANZJOURNALISMUS 05 Fachjournalist No .1 2012

Erst wenn vermeintliche Außenseiter sich vom äußeren Rand in die Mitte der Gesellschaft vorgearbeitet haben, nehmen die Leitmedien in der Regel davon Notiz. Ein beredtes Beispiel hierfür ist die Protestbewegung Occupy Wall Street1, die sich in den USA gebildet hat, um aus Sicht der Demonstrierenden gegen die Auswüchse eines aus dem Ruder gelaufenen Finanzmarktkapitalismus zu demonstrieren.2

richtig eingeschätzt worden? Hat man insbesondere die Reichweite der Krise bis hin zu den systemgefährdenden Folgen erkannt? Ist die Berichterstattung während der anhaltenden Krise nachhaltig beziehungsweise reflektiert und reicht sie über eine episodische und punktuelle Darstellung von Ereignissen hinaus? All diese Fragen stellen sich mit jedem Aufflammen neuer Turbulenzen seit 2008 an den Finanzmärkten.3

»Wirtschafts- und Finanzpresse setzen sich gerade in der Frühphase kaum ernsthaft mit relevanten sozialen Phänomenen auseinander.«

Herdentrieb verhindert differenzierten Blickwinkel

Unabhängig davon, welche Haltung der Beobachter gegenüber dieser Bewegung beziehen mag, ist ein mediales Aufmerksamkeitsdefizit offensichtlich geworden: Die Protagonisten in der Wirtschafts- und Finanzpresse setzen sich gerade in der Frühphase kaum ernsthaft mit relevanten sozialen Phänomenen auseinander. Im Falle von Occupy Wall Street dominierte zu Anfang sogar vielerorts die überhebliche Tendenz, deren Protagonisten als idealistische Träumer, Weltverbesserer oder gar linke Sektierer abzustempeln.

Vor drei, vier Jahren schien kaum jemand in der Expertenriege diese Fragen wirklich beantworten zu können. Warum antizipieren die Medien die Geschehnisse hinter der großen Fassade in der Finanzwelt so wenig oder erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung? Führt der Herdentrieb zu kollektiver Verdrängung? Der mediale Durchschnitt legt den Fokus auf den Massenmarkt. Er funktioniert ähnlich wie ein Optionsgeschäft an den Börsen.

»Es dominiert in den auflagestarken Wirtschaftstiteln der Geist der Zuspitzung, Vereinfachung und Übertreibung.«

Mehr als eine Randerscheinung Erst als sich einige prominente Fürsprecher aus Wirtschaft, Finanzbranche und Politik für eine gerechtere Verteilung von Reichtum aussprachen, erreichte die Diskussion um die „soziale“ Zukunft der Finanzwelt erneut die Titelseiten der einschlägigen Wirtschaftstitel, die sich sonst verstärkt nackten Zahlen, Prognosen und Geschäftsbilanzen widmen, also vor allem mit den Erfolgreichen dieser Welt beschäftigen. Noch ist völlig offen, ob sich im Falle von Occupy Wall Street1 aus einem anfänglich kleinen Proteststurm von heterogenen Gruppierungen in den USA überhaupt eine konstruktive Ideenbewegung hin zu einer sozialeren Marktwirtschaft, etwa nach deutschem Vorbild, entwickeln kann. Die relevanten Fragen, die sich im Zuge dessen aber stellen, sind kaum anders zu bewerten als bereits unmittelbar nach Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008. Können Medien ihrer Frühwarnfunktion im Vorfeld von Krisen nachkommen? Gelingt es, ausreichend frühzeitig auf neue Blasenbildungen oder Missstände an den Finanzmärkten hinzuweisen – oder dominiert der blinde Fleck?

»Führt der Herdentrieb zu kollektiver Verdrängung?« Sind die Konsequenzen, etwa aus den jüngsten Geschehnissen in Griechenland, von den Leitkommentatoren

Analog zur „Call-and-Put“-Funktion an den Kapitalmärkten herrscht in den wirtschaftlichen Leitmedien die Tendenz vor, relevante Nachrichten „nur“ zu pointieren und zu verdichten, also quasi nach oben oder nach unten zu spekulieren, wie es gerade opportun erscheint: so, wie es dem allgemeinen Kenntnisstand des Bevölkerungsdurchschnitts entspricht, oder wie es auch nur eine auf die jeweilige Lesergruppe situativ verstärkte Gerüchteküche widerspiegelt, um ein möglichst breites mediales Aufmerksamkeitsfenster zu erzeugen. Kurzum: Es dominiert in den auflagestarken Wirtschaftstiteln, gerade mit Blick auf komplizierte Zusammenhänge in der Finanzwelt, der Geist der Zuspitzung, Vereinfachung und Übertreibung nach oben beziehungsweise nach unten. Bislang halten die Macher an diesem Erfolgsrezept fest, freilich mit den bekannten Nebenwirkungen von Schwarz-Weiß-Malerei und dem Reproduzieren von oftmals gängigen Klischees. Als Schutzbehauptung dient dabei das gelegentlich vorgetragene Argument, wirtschaftliche und fachliche Komplexität zu demonstrieren könne kaum für Auflage und damit Wirtschaftlichkeit sorgen. Intelligente und differenzierte Beiträge über komplexe Zusammenhänge zu publizieren, die selbst Insider in der Finanzwelt kaum verstünden, (so betont es das Gros der Macher fast gebetsmühlenartig) sei etwas für Randgruppen und Nischenmärkte – und lasse sich somit kaum mit entsprechend großer Reichweite vermarkten. Unabhängig davon, ob man dieser These zustimmt oder nicht: Das Innovationsdilemma in den Wirt-


06 FINANZJOURNALISMUS Fachjournalist No .1 2012

schafts- und Finanzmedien bleibt bestehen. Der mediale Durchschnitt liegt gerade bei einschneidenden Veränderungen und Umbrüchen letztlich falsch. Es ist eine Art von systemimmanenter Betriebsblindheit, in der die Akteure gerade in drastischen sozialen und wirtschaftlichen Umbruchzeiten strukturell gefangen sind. Als Beleg für diese These mag die Aussage dienen, dass rund drei Viertel aller Menschen an der Börse regelmäßig Geld verlieren. Höchstens ein Viertel der privaten Marktteilnehmer ist überhaupt in der Lage, das Spiel an den Kapitalmärkten erfolgreich zu gestalten. Wer gewinnen will, muss dort gegen den Strom schwimmen, also Zukunftstrends rechtzeitig antizipieren. Vor diesem nüchternen Hintergrund sollte die anhaltende Finanzkrise im Lichte der Berichterstattung neu eingeordnet werden. In einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung zum Status quo des Wirtschaftsjournalismus4 aus dem Jahr 2010 hatten die Autoren die gravierenden Defizite einer am Massengeschmack orientierten Berichterstattung herauskristallisiert. Mit Blick auf die Oberhoheit über die Stammtischmeinung gelangte die Otto-Brenner-Stiftung in einer jüngeren Studie5 zu der eindeutigen Schlussfolgerung, dass mit dem griechischen Volk nun der ideale Sündenbock für die Verwerfungen in der Finanzwelt gefunden sei.

Modernisierung: Greift das propagierte Erfolgskalkül? Um den Mechanismus zu verstehen, lohnt ein Exkurs in die Massenmedien, die breite Bevölkerungsschichten ansprechen, statt sich wie die reinen Wirtschaftsmedien auf spezielle, meist gut gebildete Leserzielgruppen zu fokussieren. Für die mit einem unterdurchschnittlichen Wissensstand ausgestatteten Leser ließe sich die gängige Formel geradezu symptomatisch auf den Umstand herunterbrechen, dass Griechenlands Schuldenkrise identisch mit der Eurokrise sei. Gerade Deutschlands auflagenstärkstes Printmedium BILD habe sich, so die Autoren der OttoBrenner-Stiftung, der überaus eingängigen Losung verschrieben, sich aus billigem Populismus nur einseitig um die Perspektive der deutschen Steuerzahler zu kümmern. Die Griechen hingegen, mit ihren „satten Sünden“, hätten die Welt betrogen und deshalb keine Hilfe verdient. Ihnen bei der Bewältigung der Schuldenkrise nicht beizustehen,

komme somit einer gerechten Strafe gleich. Die gelernte Lektion dieses stark verkürzten Blickwinkels auf die Finanzökonomie lautet: Die Wirtschafts- und Finanzmedien bedienen zwar einerseits ein höher gebildetes Klientel, das in wirtschaftlichen Fragen zu einer differenzierten Sichtweise in der Lage ist. Jedoch gab es nach Auffassung der Otto-Brenner-Stiftung auch hier, zumindest bis zum Ausbruch der Finanzkrise, eine starke Neigung zum Herdentrieb, indem man die Dimension einer heraufziehenden Krise nicht wirklich hat kommen sehen. Dies ist ein Grund, warum die Mehrheit der einschlägigen Wirtschaftstitel erst über eine sich zuspitzende Krise berichtet, wenn diese von der breiten Masse nicht mehr zu übersehen oder gar zu verleugnen ist. Oder wie es Ariana Huffington, die Gründerin der amerikanischen Online-Zeitung Huffington Post, ausdrückte: „Und sie [die Wirtschaftsmedien; Anmerkung der Redaktion] waren mehr Cheerleader des TurboKapitalismus als Kritiker“.6 Wer nun jedoch anhand einer offensichtlichen Sinnkrise eilfertig das Ende des Wirtschafts- und Finanzjournalismus in der bisherigen Funktionsweise proklamiert, übersieht eines: Erprobte Alternativen jenseits des selektiven Qualitätsjournalismus liegen für die breite Masse angesichts eines niedrigen ökonomischen Grundwissens um komplexere Zusammenhänge kaum auf der Hand. Aber auch Wirtschaftsblätter und insbesondere die Leitmedien sind keine „höhere moralische Bildungsanstalt“, sondern in erster Linie Wirtschaftsbetriebe, die den jeweils herrschenden Spielregeln verpflichtet sind. Dies führt zu einem Stärken-Schwächen-Profil, das folgende Aspekte umfasst:

O ccu py Wall Street


FINANZJOURNALISMUS 07 Fachjournalist No .1 2012

• • • • • • •

Die Wirtschaftsberichterstattung lebt vom Massengeschmack, nicht von den Randmeinungen. Es dominiert der Fokus auf die „Global Player“ in der Wirtschaft. Das Gros der Finanzmedien huldigt dem Herdentrieb an der Börse. Home Stories sind glatt und langweilig. Eine differenzierte Sicht auf die Wirtschaft interessiert nur wenige Leser. Eine „Sowohl-als-auch“-Tendenz in der Berichterstattung erscheint langweilig. Der zweite Blick hinter die Nachricht findet kaum statt.

Wo aber liegt die Zukunft? Mit technischen Lösungen, allein im Zuge einer Modernisierung der redaktionellen Prozesse und Abläufe, lässt sich kaum ein neues tragfähiges Geschäftsmodell generieren. Manche sehen mobile Endgeräte wie das iPad, mit deren Hilfe die Leser bequem und zeitnah Informationen abrufen können, als neue Heilsbringer an. Jedoch entbindet dies die Verantwortlichen nicht von der brennenden Frage, mit überzeugenden Inhalten beim Leser zu punkten, gerade wenn es um neue Bezahlmodelle im Netz geht.

»Die Grenzen zwischen der Innen- und Außenwahrnehmung beim kollaborativen Journalismus lösen sich weiter auf.« Eine Blaupause für ein funktional logisches Geschäftsmodell scheint hier bislang nirgendwo erkennbar. Somit bleibt es fraglich, für welche Qualität der Kunde bereit ist zu zahlen, wenn andernorts – etwa in der Blogosphäre oder auf weiteren einschlägigen Seiten – sich die Inhalte genauso gut aufspüren und nachvollziehen lassen. Aber auch das von Medienmachern gelegentlich ins Spiel gebrachte Credo, alternativ mit kostenlosen Inhalten plus flankierender Werbung zu punkten, erweist sich kaum als zielführende betriebswirtschaftliche Lösungsformel. Fest steht vielmehr, dass sich die Grenzen zwischen Innenund Außenwahrnehmung beim kollaborativen Journalismus weiter auflösen werden. Der inhaltliche Megatrend zur Differenzierung am Markt besteht darin, neue Wege im konstruktiven Kapitalismus aufzuzeigen. Lesercommunities und eine dadurch erhöhte Dialogbereitschaft ge-

hören nicht nur zur schicken Fassade, wenn Macher und Rezipienten sich auf Augenhöhe begegnen. Eine weniger hierarchisch strukturierte Wirtschafts- und Finanzberichterstattung dürfte die Folge sein, bei der sich Fach- und Gastbeiträge um aktive Feedback-Elemente über unterschiedliche Frequenzen und Kanäle ergänzen.

Social Media: Versierte Blogformate hauchen frisches Leben ein Am Beispiel der Resonanzanalyse zur Bewegung Occupy Wall Street1 lassen sich erste Umrisse einer neuen Informationspluralität in der Finanz- und Wirtschaftsberichterstattung erkennen. Unzählige Blogs und Beiträge in sozialen Netzwerken zeigen das große Spektrum an Ideen und Meinungen auf, anhand derer sich die Leser ein intensives Bild über die aktuellen Geschehnisse und deren Hintergründe machen können. Natürlich führt die steigende Zahl von Blogformaten auch dazu, dass die Ware Information zum rasch veröffentlichten und oftmals wenig aussagekräftigen Allgemeingut wird – und indirekt den medialen Überfluss sogar verstärkt. Jedoch geht es in diesem Szenario nicht darum, klassische Medien durch individuelle Blogs gänzlich zu ersetzen, sondern diese hinter dem „Eisernen Vorhang“ hervorzuholen und durch vielseitige Blickwinkel von gewissen Erstarrungsritualen und Schablonen zu befreien.

»Onlineportale sind längst vom Schattendasein ins Rampenlicht getreten.« Zweifellos spielen profilierte Wirtschafts- und Finanzblogs künftig zumindest in der qualitativ hochwertigen Nische eine prägende Rolle. Dessen Charme wird sich auch der mediale Durchschnitt nicht entziehen. Eine visionäre Entwicklung in Richtung „Finanzjournalismus 2.0“ scheint greifbar, die ihren Markt von den medialen Rändern her ins Zentrum ausweitet. Onlineportale mit Blogcharakter wie Businessinsider, Zerohedge oder Credite Writedowns kombinieren bereits heute auf geschickte Art und Weise die Welt der Nachrichten mit hintergründiger Berichterstattung. Und einige dieser Onlineportale sind längst vom Schattendasein ins Rampenlicht getreten. Mittlerweile verfügen Businessinsider und Co. in den USA nicht nur über


10122100000120 10 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0

08 FINANZJOURNALISMUS Fachjournalist No .1 2012

nennenswerte Reichweiten, Werbeeinnahmen und personelle Ausstattung. Sie gehören auch zu den von gängigen Leitmedien immer öfter zitierten Quellen, wenn es sich um exklusive Geschichten oder persönlich eingefärbte Hintergrundberichte handelt.

»Es besteht ein „Trend zum personalisierten Wirtschafts- und Finanzmedium im Netz“.« Dies führt dazu, dass gerade die Leitmedien nicht umhin kommen, neue Spieler wie Blogs, soziale Medienkanäle oder andere vermeintlich rudimentäre Nachrichtenseiten ernst zu nehmen und sukzessive kreative Spielelemente in ihr eigenes Geschäftsmodell einfließen zu lassen. Dadurch wächst die Nische für „echte“ Geschichten mit unterschiedlichen Akteuren und Unternehmern zum Anfassen. Die Berichterstattung bewegt sich damit partiell, verstärkt durch den sozio-ökonomischen Paradigmenwandel in der Finanzwelt, weg von Stereotypen und Hochglanzbildern, zumindest wenn diese einer genaueren Überprüfung durch die Gesellschaft nicht mehr standhalten. Dieser Trend birgt für die künftige Generation von Wirtschafts- und Finanzjournalisten eine große Chance in sich, indem sie den neuen Charakter einer ungleich stärker vernetzten Ökonomie 2.0 in seiner ganzen medialen Vielfalt widerspiegelt und aktiv begleitet. Eine Studie von Deutsche Bank Research zum Umbruch im Verlagswesen8 bündelt diese Einschätzung in der Überzeugung, dass sich die Trennlinie zwischen Medienkonsument und Medienmacher über dezentral gruppierte Kommunikationskanäle, die sich mit Begrifflichkeiten wie Social Media und anderen dezentralen Medienformaten verbinden, weiter auflösen wird. Dieser Umstand eröffnet Medien nicht nur die Chance, jenseits von modischen Accessoires eine bi-direktionale Beteiligungswelle mit effizientem Zuschnitt einzuleiten. Das neue Rollenspiel bietet darüber hinaus die Option, die eigene Wertschöpfungskette gründlich an die neuen Erfordernisse anzupassen sowie belebende Konzepte daraus zu entwickeln. Daraus könnten schließlich neue Formate und Chancen erwachsen, um das eigene Profil, die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Verweildauer zu schärfen oder gar zu erhöhen. Eine deutlich größere Medienvielfalt von unten bietet somit gerade Fachverlagen, aber auch versierten und offenen Wirtschafts- und Finanzjournalisten die Chance, sich über Mehrwertdienste am Markt zu (re)differenzieren.

Fazit Mediale Einbahnstraßenkanäle und selektives Nachrichtenmanagement mit vermeintlich exklusiven Geschichten verlieren angesichts einer neuen Medienvielfalt an Gewicht. Zweifellos verstärkt sich dadurch der Trend zum personalisierten Wirtschafts- und Finanzmedium im Netz, mit einer weiteren Vertiefung in Richtung Themen- und Spartenkanäle, die der geneigte Leser in einer Art Baukastenprinzip individuell konfigurieren kann.//

Der Autor Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören Energiefragen, Informationstechnologie und die Finanzbranche. Im Mai 2010 erschien im Heise Verlag sein Buch „Die Bank sind wir – Chancen und Perspektiven von Social Banking“. Er betreibt außerdem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie“ (http://lochmaier.wordpress.com/), gemäß Süddeutscher Zeitung eine der lesenswerten Adressen unter den deutschen Finanz- und Wirtschaftsblogs. Über Twitter kann man regelmäßig seinen Gedanken zur Bankeninnovation folgen: http://twitter.com/#!/LotharLochmaier ENDNOTEN: http://occupywallstreet.org Zur medialen Entstehungsgeschichte der Rezeption um die Bewegung Occupy Wall Street siehe folgenden Beitrag: From a single hashtag, a protest circled the world. Quelle: Nachrichtenagentur Reuters UK vom 17.10.2011, http://reut.rs/opTH29 3 Siehe dazu die Publikation der Columbia University von Schiffrin, A. (Hg.) (2011): Bad News. How America's Business Press Missed the Story of the Century. The New Press, New York / London 2011. Siehe dazu auch die Rezension in der Neuen Züricher Zeitung v. 18.10.2011: Mitschuld an der Finanzkrise? Amerikanische Experten beleuchten die Rolle des Wirtschafts journalismus, http://bit.ly/u3pPDf 4 Otto-Brenner-Stiftung (2010): Wirtschaftsjournalismus in der Krise – Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik, http://bit.ly/sRGNSf 5 Siehe dazu auch die „BILD-Studie“: Otto-Brenner-Stiftung v. 06.04.2011, http://www.bild-studie.de 6 Interview von Ariana Huffington mit Spiegel Online v. 07.02.2011, http://bit.ly/hIQvlY 7 http://www.businessinsider.com, http://www.zerohedge.com, http:// www.creditwritedowns.com 8 DB Research: Verlage im Umbruch – Digitalisierung mischt Karten neu v. 30.10.2010, http://bit.ly/vLmrZI 1 2


Zukunft des Journalismus 09 Fachjournalist No .1 2012

Journalismus in der digitalen Moderne Ergebnisse aus dem Projekt „Zukunft des Journalismus“ der Stiftung Neue Verantwortung von Leonard Novy und Dominic Schwickert

Im Mediensektor erleben wir zurzeit einen tief greifenden Strukturwandel, der nicht nur die Mediennutzung verändert, sondern jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodelle und letztlich ein ganzes Berufsbild infrage stellt. Dies ist sowohl für die Medienhäuser als auch die Redaktionen eine große Herausforderung. Klar ist: Die verantwortlichen Akteure in Medien, Politik und Zivilgesellschaft müssen die gewaltigen Umbrüche in der Medienbranche stärker als Chance begreifen. Die Ergebnisse des interdisziplinären Forschungsprojekts „Zukunft des Journalismus“ des Berliner Think Tanks „Stiftung Neue Verantwortung“ geben einige Anhaltspunkte, wie die Alleinstellungsmerkmale von Journalismus unter veränderten Rahmenbedingungen verteidigt und sogar ausgeweitet werden können.

Im Journalismus sind wir heute mit einer paradoxen Situation konfrontiert: Wir können auf eine größere Vielfalt an Informationsangeboten denn je zugreifen und müssen gleichzeitig feststellen, dass der Markt allein bestimmte kostenintensive journalistische Inhalte nicht mehr oder nicht mehr ausreichend bereitstellen kann. Und auch wenn sich der Journalismus zumindest in der Spitze des Segments wahrscheinlich so gut wie zu keinem Zeitpunkt seiner jahrhundertealten Geschichte präsentiert, ist er gleichzeitig so gefährdet wie nie zuvor – mit Auswirkungen nicht zuletzt auch auf die kommunikative Infrastruktur unserer Demokratie. So prägt der Journalismus als zentrales Element unserer „allgemeinen Erfahrungsstruktur“ (Isaiah Berlin) Inhalte, Strukturen und Prozesse von politischer Öffentlichkeit.

aus Anlass des Abhörskandals um die britische News of the World oder wenn es um den publizistischen Einfluss autokratischer Führungsfiguren wie Silvio Berlusconi geht, sind Medien und Journalismus Gegenstand breiter öffentlicher Debatten. Dabei ist eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Zukunft des Journalismus im Zeitalter der „Massen-Selbstkommunikation“ (Manuel Castells) notwendiger denn je: politisch, weil der technologisch, ökonomisch und sozial befeuerte Strukturwandel der Medien Herausforderungen impliziert, die mit dem klassischen Regulierungsinstrumentarium nicht zu lösen sind. Gesellschaftlich, weil trotz aller Schwierigkeit, ihre Wirkung zu quantifizieren, die Bedeutung der Medien für sozio-politische Verständigungsprozesse unbestritten ist.

Strukturkrise des Journalismus »Guter Journalismus ist das kulturelle Tafelsilber moderner Demokratien!« Und doch stehen die Allgegenwart und die Bedeutung der neuen Medienrealitäten in einem krassen Missverhältnis zur gesellschaftlichen Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Medienpolitik ist in Deutschland mehr denn je ein Nischenthema für hochspezialisierte Fachkreise. Sie erschöpft sich in ritualisierten Grabenkämpfen zwischen privatwirtschaftlichen Verbänden und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, komplexen Regulierungsdebatten und floskelhaften Appellen zur Förderung von „Medienkompetenz“. Nur punktuell, etwa

Demokratien brauchen professionell betriebenen Journalismus, der aufklärt und staatliches Handeln kontrolliert, Relevantes von Unwichtigem trennt, als eine Art Frühwarnsystem für gesellschaftliche und politische Krisen fungiert und vor allem Orientierung stiftet. Gerade infolge der Expansion und Professionalisierung von Public Relations (PR) und Lobbyismus ist guter, unabhängiger Journalismus notwendiger denn je. Und auch wenn die Zeit der Einsparrunden, Entlassungen und Einstellungen ganzer Zeitungen ausgestanden scheint und sich vorsichtiger Optimismus, beinahe sogar wieder Euphorie verbreitet: Die Krise des Journalismus ist nicht ausgestanden. Denn


10 ZUKUNFT DES JOURNALISMUS Fachjournalist No .1 2012

nur ein Teil der Probleme des Journalismus war zyklischer Natur, Ausfluss der Wirtschaftskrise. Der andere Teil ist strukturell bedingt und hat mit umfassenden technologischen und sozio-kulturellen Veränderungen zu tun. Wir erleben einen maßgeblich, aber nicht ausschließlich durch die Verbreitung des Internets hervorgerufenen digitalen Strukturwandel, der klassische, jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsmuster infrage stellt, tradierte Arbeits- und Denkweisen herausfordert und bestehende Rezeptions- und Nutzungsverhalten verändert. Ein schier unaufhaltsamer Auflagenschwund bei den Tageszeitungen, Konkurrenz durch neue Akteure im Internet, dazu die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den Werbemarkt – die massiven Umbrüche in der Medienbranche sind an den Befindlichkeiten vieler Journalisten nicht spurlos vorübergegangen. Doch trotz spürbarer Verunsicherung glaubt die überwiegende Mehrheit der Journalisten an eine digitale Zukunft des Journalismus. Das ist das Ergebnis der vom Berliner Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“ in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen IFOK durchgeführten Onlineumfrage „Journalismus 2020“, an der sich zwischen März und Juni 2011 mehr als 800 Redakteure und freie Mitarbeiter aus Online, Print, TV und Radio beteiligt haben.

Ausgewählte Ergebnisse der Umfrage „Journalismus 2020“

ABB. 1: Wie stehen Sie zur Prognose für das Jahr 2020:

"Der professionelle Journalismus hat seine zentrale Aufgabe als Themenfilter verloren, da er nicht mehr über die Auswahl von Nachrichten und deren Schwerpunktsetzung entscheidet."

26

66 2

1

7

Stimme zu (218) Keine Meinung (58) Stimme nicht zu (550)

Mit der Umfrage sollte herausgefunden werden, wie Journalisten in Deutschland den aktuellen Zustand und die Perspektiven ihrer Branche einschätzen. Ein überraschendes Ergebnis: Trotz Etatkürzungen, Lohndumping und Redaktionszusammenlegungen würden sich fast 80 Prozent wieder für ihren Beruf entscheiden. Nur jeder Fünfte würde sich – noch einmal als Berufsanfänger vor die Wahl gestellt – einen anderen Job suchen. Als häufigste Gründe nennt die frustrierte Minderheit der Befragten den gestiegenen Alltagsdruck und die schlechte Bezahlung.

»Über 80 Prozent der Journalisten sind der Meinung, dass der wirtschaftliche Druck Kreativität und Motivation gefährdet.« Hinsichtlich der Zukunft der eigenen Zunft fürchtet der Großteil aller Befragten (84 Prozent), dass der wirtschaftliche Druck Kreativität und Motivation gefährdet. Beklagt wird zudem der zunehmende Einfluss der PR (63 Prozent) sowie das schlechte Management von Medienunternehmen (56 Prozent). Wie die Umfrage gezeigt hat, wird die Verunsicherung über die Folgen der Digitalisierung durch Kommunikationsprobleme zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten noch verstärkt. So gibt rund die Hälfte der Teilnehmer

Keine Antwort (9) Nicht gezeigt (1)

Alle Angaben in Prozent; N=836 Quelle: Stiftung Neue Verantwortung / IFOK

der Befragung an, die Planungen ihres Medienhauses für die Zukunft nicht zu kennen (45 Prozent). Knapp jeder Fünfte kann im eigenen Unternehmen keine schlüssige Strategie erkennen, die Zukunft erfolgreich zu gestalten. Doch so groß die Verunsicherung auch sein mag: Hinweise für die oft beklagte Zukunftsverweigerung bzw. Resistenz von Journalisten gegenüber Veränderungen liefert die Umfrage nicht. Vielmehr ist die Selbstkritik beachtlich: So glaubt jeweils über die Hälfte der Befragten, dass sich Journalisten statt mit gesellschaftlich relevanten Themen zu sehr mit Banalitäten beschäftigen und sich allgemein mehr Gedanken über die Risiken als über die Chancen der Zukunft machen. Und Chancen gibt es nach Einschätzung der Befragten im Zeitalter der Digitalisierung genug. Fast die Hälfte (47 Prozent) glaubt, dass die Verlage Ende des Jahrzehnts mehr Geld im Internet umsetzen werden als mit ihren Printprodukten. Zwar glaubt nur eine Minderheit an den Durchbruch von allgemeinen Bezahlschranken (27


Zukunft des Journalismus 11 Fachjournalist No .1 2012

Prozent), Einzelzahlungen wie Crowdfunding und Social Payments (14 Prozent) bzw. Micropayments (36 Prozent) oder Onlineabos (38 Prozent). Hingegen sieht eine Mehrheit von 62 Prozent in Bezahl-Apps große Potenziale, auch im Netz mit Journalismus gutes Geld zu verdienen. In sozialen Netzwerken wie Facebook sehen 53 Prozent die Chance für neue Formen von Journalismus. Dass Leser, Zuschauer und Hörer an Einfluss gewinnen und stärker eingebunden werden, bewerten 60 Prozent als positiv. Der Erfolg der Enthüllungsplattform Wikileaks wird ebenfalls von der Mehrheit als Chance (57 Prozent) und weniger als Bedrohung (7 Prozent) für den eigenen Berufsstand betrachtet. Knapp zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) glauben, dass professioneller Journalismus auch in Zukunft „zentraler Themenfilter“ bleiben wird. Nicht einmal jeder fünfte Teilnehmer (18 Prozent) erwartet demnach, dass Plattformen wie Facebook und Twitter im Jahr 2020 als Informationsquelle wichtiger sein werden als klassische Nachrichtenagenturen.

ABB. 2: SEHEN SIE FOLGENDE ENTWICKLUNG EHER ALS CHANCE ODER BEDROHUNG:

"Leser, Zuschauer und Hörer gewinnen an Einfluss und wollen stärker beteiligt werden."

59

Dialog und Offenheit für Veränderungen Das Internet galt vielen Medienakteuren lange nur als weiterer Verbreitungsweg, als Spielplatz der Banalitäten oder sogar als Gefahr. Immer wieder war die Rede vom Qualitätsverfall, vom Verlust an Objektivität und dem Ende der sozial-integrativen Funktion der Medien – kurz: dem Ende des Abendlandes. Auf die damit einhergehenden Veränderungen, auf neue Nutzungsverhalten und Mitsprachebedürfnisse, wie sie sich etwa im Bürgerjournalismus manifestieren, reagierten Redaktionen zu spät. Mit diesem Strukturkonservatismus machen die Medien sich überflüssig. Wie die Umfrage „Journalimus 2020“ zeigt, sieht die Mehrheit der Journalisten in der zunehmenden Digitalisierung viele neue Chancen und ist durchaus veränderungsbereit. Statt sich vorwiegend Gedanken über Sparrunden zu machen, sollten die Medienhäuser diese Offenheit nutzen – und viel stärker im Dialog mit ihren Redaktionen überlegen, wie man den Wandel im Journalismus aktiv gestalten kann. Konkret müssen sich die handelnden Akteure früher oder später von der liebgewonnenen Betrachtung der Probleme des Journalismus aus der Partikularperspektive einzelner Gattungen und Organisationsformen lösen und stattdessen den Blick darauf richten, wie Journalismus angesichts sich rasant verändernder technischer, kultureller und ökonomischer Rahmenbedingungen der Vielfalt der an ihn gerichteten Erwartungen gerecht werden kann. Welche Kanäle die Konsumenten vorziehen, ob Druck, Online oder Apps, ist sekundär gegenüber Anspruch und Notwendigkeit, funktionsfähige Apparate der Nachrichtenbeschaffung und -verbreitung zu haben („Society doesn’t need newspapers.

32 2

1

7

Chance (492) Sowohl als auch (270) Bedrohung (61) Keine Antwort (12) Nicht gezeigt (1)

Alle Angaben in Prozent; N=836 Quelle: Stiftung Neue Verantwortung / IFOK

What we need is journalism.“, Clay Shirky). Ein solcher Perspektivwechsel ermöglicht es, statt nur Gefahren auch die großen Potenziale zu sehen, etwa:

• dass Druck und Vertrieb über die Hälfte der Kostenbasis

• •

von Zeitungen ausmachen und dass mit der Migration von Printprodukten ins Netz potenziell auch Ressourcen für journalistische Inhalte frei werden; dass Nischenangebote so präziser und kosteneffizienter an die jeweiligen Zielgruppen gebracht werden können; dass das Internet hinsichtlich Transparenz und Qualität journalistischer Recherche (u.a. durch Nutzereinbindung über Social Communities, Datenjournalismus) zu wichtigen Verbesserungen führen kann.

Die kumulierte tägliche Zeitungsauflage liegt in Deutschland immer noch bei über 24 Millionen, von den Millionen Internetnutzern abgesehen. Auch Letztere haben


12 ZUKUNFT DES JOURNALISMUS Fachjournalist No .1 2012

die Wikileaks-Enthüllungen mehrheitlich nicht direkt beim „Anbieter“ gelesen, sondern in den Angeboten etablierter journalistischer Marken, die die verfügbaren Informationen sorgfältig ausgewählt, ausgewertet und aufbereitet haben. Der Journalismus wird seine gesellschaftliche Funktion, Akzeptanz und damit auch ökonomische Tragfähigkeit in dem Maße bewahren, indem er den gesellschaftlichen und technologischen Wandel, für den das Internet steht, annimmt und sich ihm stellt. Diese Entwicklung verortet die Funktion des Journalisten nun umso deutlicher inmitten der Gesellschaft. Dies bedeutet nicht, dass Journalisten ihre Alleinstellungsmerkmale – professionelle Recherche, Einordnung und sprachliche Qualität – aufgeben, im Gegenteil. Es gilt, diese Alleinstellungsmerkmale unter veränderten Rahmenbedingungen zu verteidigen und sogar auszuweiten.

»Was Redaktionen und Medienhäusern fehlt, ist eine institutionalisierte „Beta-Kultur“ hinsichtlich der journalistischen Produkte und der Einbindung der Nutzer.« Dafür müssen Journalisten und Management ihre Kommunikationsprobleme überwinden und gemeinsam innovationsfreudiger werden. Schließlich erfordert ein hochdynamisches Umfeld kontinuierliche Innovation hinsichtlich Organisation (Redaktionsstruktur, Arbeitsabläufe), Kultur (mehr Zusammenarbeit mit Endverbrauchern und Nischenangeboten) und Produkten (Format). Was den Redaktionen und Medienhäusern fehlt, ist ein mutiges und experimentierfreudiges Handeln, eine institutionalisierte „Beta-Kultur“ und, damit zusammenhängend, die Bereitschaft, in den Dialog zu treten und auch Misserfolge in Kauf zu nehmen. Allein die Tatsache, dass weit über die Hälfte der Umfrageteilnehmer (56 Prozent) der Meinung sind, dass das schlechte Management von Unternehmen die Perspektiven des Berufsstands gefährdet, unterstreicht den Mangel an internem Dialog. Wenn stattdessen Medienhäuser und Redaktionen gemeinsam experimentieren, können Ideen für kreative Ertragssteigerungen und jene wirtschaftlichen Freiräume entstehen, die es ermöglichen, in der nächsten Konjunkturkrise nicht nur auf simple Kostensenkungen setzen zu müssen.

offenbar der überwiegende Teil der europäischen Medien Kommunikationsangebote an ihre Nutzer – wenn überhaupt – vor allem aus Marketinggründen ein. Das Vertrauen in das eigene journalistische Produkt wird durch solche Teilhabeillusionen freilich nicht gesteigert. Was die Einbindung des Publikums anbelangt, zeigen sich auch (und gerade) die deutschen Medien bislang eher zugeknöpft: Statt Transparenz über redaktionelle Strukturen, Prozesse und Entscheidungen herzustellen und – wo möglich und sinnvoll – die Weisheit der Vielen zu nutzen, erschöpft sich das Teilhabeverständnis der Verlage, Sender und Journalisten hierzulande nach wie vor meist in bloßen Kommentarfunktionen oder im Verweis auf die sozialen Netzwerke. Beispiele für weitergehende Dialogangebote – sei es in Form von Leserbeiräten, Webcasts von Redaktionskonferenzen, Ombudsmänner, die die Rolle einer Beschwerdeinstanz einnehmen, oder gar Redaktionsforen, bei denen die Mediennutzer über grundlegende redaktionelle Entscheidungen (mit-) diskutieren können – sind kaum zu finden.

Fazit Das Internet kann Journalismus beleben, reichhaltiger und stärker machen. Es bietet neue Möglichkeiten für ein vielfältigeres mediales System, in dem die großen traditionellen Marken als multimediale, interaktive Nachrichtenorganisationen neben den unzähligen Nischenprodukten des Long Tail fortbestehen. Das identitätsstiftende Moment, das Theoretiker und Essayisten den „klassischen“ Massenmedien TV („Lagerfeuer der Nation“), Radio und Zeitung zugeschrieben haben, ist damit endgültig passé. Doch die Idee der einen, monolithischen Öffentlichkeit war ohnehin stets ein Mythos, eine Chiffre für eine Vielzahl von Teilöffentlichkeiten. Diese müssen sich journalistische Medien nun stets aufs Neue erschließen. Genau darin liegt die Herausforderung der digitalen Moderne.//

Der Autor Dr. Leonard Novy ist Direktor für den Bereich

Forschung und Entwicklung am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien und Mitglied der Institutsleitung beim Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin. 2010 / 2011 war er Fellow im Projekt „Zukunft des Journalismus“ der Stiftung Neue Verantwortung.

Nutzerbindung durch Nutzereinbindung Der Autor Dominic Schwickert arbeitet beim Beratungsun-

Doch die Forderung nach mehr Dialog bezieht sich nicht nur auf die interne Kommunikation. Wie eine kürzlich vom European Journalism Observatory veröffentlichte, international vergleichende Studie festgestellt hat, setzt

ternehmen IFOK und lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster. Er war 2010 / 2011 Associate im Projekt „Zukunft des Journalismus“ der Stiftung Neue Verantwortung..


NACHHALTIGKEIT 13 Fachjournalist No .1 2012

Es grünt so grün Nachhaltigkeitsthemen in den Medien – eine Bestandsaufnahme von Kira Crome

„Grüne“ Themen haben Konjunktur: Klimawandel, Unternehmensverantwortung, Bio- und Fair-Trade-Zertifizierung, Energie sparen und umweltfreundliches Reisen – solche nachhaltigkeitsrelevanten Themen machen vermehrt in Zeitschriften und Tageszeitungen Schlagzeilen oder sind Gegenstand von Fernseh- und Radiobeiträgen. Trotzdem klagen Nachhaltigkeitsexperten, dass das Leitthema Nachhaltigkeit keinen angemessenen Raum in den Massenmedien einnimmt. Medien- und Kommunikationsforscher kritisieren außerdem, dass die Medienmacher die breite Masse nicht erreichen und letztlich ihrem Auftrag als Förderer eines gesellschaftlichen Wandels nicht gerecht würden. Wie also steht es um die mediale Vermittlung der komplexen Themen, welche neuen Ansätze gibt es und welche Herausforderungen ergeben sich für Fachjournalisten?


14 NACHHALTIGKEIT Fachjournalist No .1 2012

Erinnern Sie sich noch an Stefan Kappers? Der Düsseldorfer Werbetexter war 1999 und 2000 Held einer bundesweiten Kampagne des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger mit der Botschaft: Prominenz braucht keine Voraussetzung. Eines der 20 Motive zeigte den bis dahin unbekannten Nobody auf einem Traktor mitten in einem Kornfeld. Der Slogan: „Das Leben ist wie Traktor fahren.“ Die Aussage: null. Das Ergebnis: Am Ende der Kampagne kannte ein Viertel aller Deutschen Stefan Kappers (vgl. VDZ 2001). Ein interessantes Experiment, mit dem es gelungen ist, einem Unbekannten ohne besonderen Nachrichtenwert in der breiten Öffentlichkeit einen hohen Bekanntheitsgrad zu verleihen. Lässt sich dieses Konzept auch auf die mediale Vermittlung eines so komplexen und schwer transportierbaren Themas wie Nachhaltigkeit übertragen? Noch im Jahr 2004, als der Hollywood-Ökothriller „The Day After Tomorrow“ den Klimawandel zum Kassenschlager machte und für große Aufmacher in der BildZeitung sorgte, beklagten Nachhaltigkeitsexperten und Medienforscher, dass Nachhaltigkeit in den Medien „kein Gesicht“ habe – so das Fazit einer Studie des AdolfGrimme-Instituts im Auftrag des Rates für Nachhaltige Entwicklung. Dafür werteten die Medienforscher exemplarisch Programme aus unterschiedlichen Genres von verschiedenen Fernsehsendern aus und befragten deren Macher (vgl. Rat für Nachhaltige Entwicklung 2004). Sie fanden heraus, dass die meisten der Redakteure, Autoren und Produzenten zwar persönlich wesentliche Aspekte des Leitbildes Nachhaltigkeit befürworteten – wie etwa soziale Verantwortung, Generationengerechtigkeit oder Umweltschutz. Sie dienten ihnen jedoch nicht als Maßstäbe oder Orientierung für die Programmgestaltung. Der Begriff Nachhaltigkeit und die mit ihm verbundenen Ansprüche wurden als zu komplex, zu kopflastig, zu anspruchsvoll, zu unattraktiv – und daher insgesamt ungeeignet für die mediale Vermittlung angesehen. Und das betraf sogar solche Sendungen, die in der Studie als durchaus nachhaltigkeitsorientiert bewertet wurden, weil sie die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge eines Themas aufgezeigt hatten. Sie wurden aber von den verantwortlichen Redakteuren und Autoren nicht mit dem Nachhaltigkeitsbild in Verbindung gebracht (vgl. Rat für Nachhaltige Entwicklung 2004, S. 4).

Aus der Expertennische zum grünen Trendthema Eine Erklärung für diese Diskrepanz lautet, dass heutzutage Nachrichten immer kürzere Halbwertszeiten haben und deshalb kaum Raum bleibt, Hintergründe, Zusammenhänge und Wirkungen eines Problems ausführlich zu erklären. Hinzu kommt, dass das Sachthema Umwelt den besonderen Nachrichtenwert, den es zuletzt in

den 1980er-Jahren zu Zeiten von Waldsterben, Seveso und Tschernobyl hatte, im Fahrwasser von Klimakatastrophen, Polschmelze, Artensterben und erneuerbaren Energien zwar wiedererlangt hat. Die klassische Umweltberichterstattung ist heute jedoch hinter globale und komplexe Kontexte zurückgetreten.

»Nachhaltigkeitsthemen widersprechen den medialen Erfordernissen nach Einfachheit.« Aktuelle Fragen nach einer zukunftsorientierten Nutzung knapper Ressourcen und einer generationengerechten Lebensweise, die das Postulat einer nachhaltigen Entwicklung heute stellen, ergeben sich aus einer neuen Qualität von Umweltproblemen, die nicht nur zeitlich und räumlich entgrenzt sind. Ihre Wirkungen schlagen sich auch noch in naturfernen ökonomischen oder sozialen Bereichen nieder. Nachhaltigkeitsthemen sind deshalb nicht einfach erklärt – und widersprechen damit den medialen Erfordernissen nach Einfachheit. Peter Unfried, Chefreporter und Umweltfachmann der taz, vermisst in seiner Branche ein Bewusstsein für die Komplexität des Themas: „Generell herrschte und herrscht nach meiner Einschätzung Sprachlosigkeit zwischen den Experten für das Thema und dem Rest von Redaktionen“ (Unfried, P. 2010). Sie sei Hauptgrund dafür, warum die meisten Medien der wachsenden Bedeutung nachhaltiger Themen und Perspektiven in der Gesellschaft nicht gerecht würden. Mehr noch: Die Sprachlosigkeit spiegele zudem eine gesellschaftliche Befindlichkeit wider: „Sie entspricht der zwischen öko-affinen Bürgern und dem großen Rest der Gesellschaft“ (Unfried, P. 2010).

»Den Medien kommt bei der Förderung eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels hin zu nachhaltigen Konzepten eine Schlüsselrolle zu.« Die Autoren der jüngsten Medienstudie zum Thema vom Wuppertal Institut Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) aus dem Jahr 2010 kommen nach einer qualitativen Analyse von ausgewählten Medienformaten zu einem ähnlichen Schluss: Zwar seien in den letzten Jahren zunehmend Medienformate entwickelt worden, die das Potenzial hätten, Menschen für nachhaltige Themenfelder zu öffnen und sie mit entsprechenden zuverlässigen und authentischen Informationen zu versorgen. Doch richteten sich diese hauptsächlich an die „Bildungselite“ und die Zielgruppe der sogenannten LOHAS, kurz für „Lifestyle Of Health And Sustainability“ – eine schwer im Trend liegende Zielgruppe, die die Konsumforschung als neuen hedonistischen Konsumtyp beschreibt, der auf einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil Wert legt. Für die breiten Bevölkerungsschichten, die laut Sociovision Institut zusammen über 50 Prozent


NACHHALTIGKEIT 15 Fachjournalist No .1 2012

der Gesellschaft ausmachen, fehle es aber an der entsprechenden medialen Ansprache (CSCP 2010).

„Nur noch kurz die Welt retten“ Wissenschaftler, Medienforscher und Kommunikationsexperten haben deshalb in den letzten Jahren diskutiert, wie Medien den Bekanntheitsgrad des Nachhaltigkeitsgedankens in der breiten Öffentlichkeit steigern können, um die Kluft zwischen den Lagern zu überwinden. Dass die Medien diese Aufgabe grundsätzlich leisten können, ist Konsens: „Den Medien kommt bei der Förderung eines grundlegenden gesellschaftlichen Wandels hin zu nachhaltigen Konzepten qua definitionem eine Schlüsselrolle zu“ (CSCP 2010, S. 6). Sie sind einerseits meinungsbildend und deshalb verpflichtet, nachhaltigkeitsbezogene Inhalte in der eigenen Berichterstattung zu liefern. Medien sind andererseits meinungsabbildend und deshalb verpflichtet, die öffentliche Meinung zu Nachhaltigkeitsthemen genau wiederzugeben (Moutchnik, A. 2009). „Mithilfe einer optimalen und effektiven Nutzung von Medienformaten können die Menschen mit Nachhaltigkeitsbotschaften erreicht werden. Sie können lernen und bestenfalls ihre Einstellungen und Verhaltensweisen ändern“, resümieren die Autoren der CSCP-Studie den aktuellen Forschungsstand (CSCP 2010, S. 6). Einig sind sich Medienforscher und Nachhaltigkeitsexperten ebenfalls darin, dass Medienmacher die Aufgabe haben, die Komplexität der nachhaltigkeitsbezogenen Themen zu reduzieren und die Inhalte auf emotionale und affektive Weise zu vermitteln. Die „reine Lehre“, das umfassende Nachhaltigkeitsverständnis mit den Dimensionen Ökologie, Ökonomie und soziale Balance, wird demnach auch weiterhin nur schwer redaktionellen Platz finden. Das Rezept einer erfolgreichen medialen Vermittlung lautet, den offenbar wachsenden Bedarf an Ratschlägen und Hinweisen, wie die Menschen persönlich mit Klimawandel, knapper werdenden Ressourcen und insgesamt wachsenden ökologischen und sozialen Herausforderungen umgehen können, punktgenau und zielgruppengerecht zu treffen. Es sind zumeist einfache Botschaften, mit denen Medienmacher versuchen sollten, Lesern und Zuschauern nachhaltige Lebensstile schmackhaft zu machen.

gabe fiel das Projekt durch. „Das wirtschaftliche Umfeld bietet trotz guter Medienresonanz zur Zeit weder in Print noch Online eine notwendige Perspektive“, ließ der Verlag verlauten. Die Blattmacher änderten ihre Strategie und setzten auf einzelne „grüne“ Schwerpunktausgaben von Titeln wie Focus oder Focus Money. Quer durch die Redaktionen produziert der Burda-Verlag jährlich über 150 redaktionelle Seiten mit „grünen“ Inhalten. Aber auch das Nachrichtenmagazin Stern widmete eine Ausgabe dem Thema Nachhaltigkeit und stellte dafür das Logo statt auf roten auf grünen Hintergrund. Modemagazine wie Madame fahren 15-seitige Strecken über High-End- und Luxus-Produkte aus ökologischer und fairer Produktion. Tageszeitungen wie der Kölner Stadt-Anzeiger oder die Financial Times Deutschland veröffentlichen „grüne“ Sonderbeilagen. Auf dem Fernsehmarkt beobachten Medienforscher einen ähnlichen Trend. Martin Kreeb, vom Lehrstuhl für Umweltmanagement an der Universität Hohenheim und MitInitiator eines Forschungsprojektes zur Medialisierung der Nachhaltigkeit, registriert einen spürbaren Anstieg der TV-Beiträge mit Nachhaltigkeitsbezug in den vergangenen Jahren (Schwender, C., Schulz, W. F., Kreeb, M. 2008). Hatten Wissenschaftsmagazine wie „Quarks & Co.“ im WDR oder „Welt der Wunder“ auf RTL 2 verstärkt auf serviceorientierte Themen mit konkretem Alltagsbezug wie Burn-Out, Kraftstoffsparen oder Wärmedämmung im Haus gesetzt, gehen die Fernsehsender in jüngster Zeit zu imageträchtigen Sendeschwerpunkten über: Im Oktober 2011 hat VOX unter der Überschrift „Planet Blue“ an einem quotenträchtigen Samstag zum zweiten Mal ein 12-Stunden Programm zum Thema Klimawandel gesendet. Im Jahr davor hatte der erste „Planet Blue“-Tag zum Thema Wasser einen Tagesmarktanteil von 7,5 Prozent bei Zuschauer von 14 bis 49 Jahren erzielt und lag damit 0,5 Prozentpunkte über dem durchschnittlichen Samstags-Marktanteil von 7,0 Prozent. Der Fernsehsender ProSieben machte im Mai 2011 nach einigen ersten Pilottagen gleich einen ganzen Monat unter der Überschrift „Green Seven“ zum Themenschwerpunkt mit vielen Bausteinen in unterschiedlichen Formaten und Magazinen, ohne eine Aussage über Zuschauerzahlen treffen zu können.

Keine einfachen Rezepte

Quote, Werbeeinahmen, Gewinn – und CSR

Dass das in der Praxis nicht immer einfach ist, zeigt der Blick über den Medienmarkt der letzten drei Jahre. Im Jahr 2008 wollte der Burda-Verlag mit Ivy, einem ambitionierten Lifestylemagazin samt flankierendem Onlineangebot, den wachsenden Markt für grüne Themen und bewussten Lebensstil beliefern. Mit 21 Millionen potenziellen Lesern hatte man gerechnet. Doch schon nach der zweiten Aus-

Es scheint kein Zufall, dass die Debatte um die adäquate Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen in eine Zeit fällt, in der Unternehmen zunehmend in die Pflicht genommen werden, sich um ihre gesellschaftliche Verantwortung zu kümmern. Der neue gesellschaftliche Anspruch, dem internationale Unternehmen wie die BBC schon vor Jahren begegnet sind, erhöht einerseits den Druck auf die Medienun-


16 NACHHALTIGKEIT Fachjournalist No .1 2012

ternehmen, sich des Themas ernsthaft anzunehmen. Sender wie die Gruppe ProSiebenSat.1 haben eine eigene Corporate Social Responsibility (CSR)-Abteilung gegründet oder veröffentlichen wie die RTL-Gruppe einen Nachhaltigkeitsbericht. Andererseits verzerrt der neue gesellschaftliche Anspruch die Argumentationslinien einer in wissenschaftlichen Kreisen geführten Debatte, die vor allem daran krankt, dass es überhaupt nur eine Handvoll Forschungsvorhaben gibt, die sich mit der Erfassung und der Rezeption von Nachhaltigkeitsthemen in den Medien beschäftigen.

»Die Rezeptionsforschung hat keine Antworten darauf, wie Nachhaltigkeit oder Nachhaltigkeitsrelevanz zu definieren und zu ermitteln sind.« Auch wenn grüne Themen unter dem kühlen Kalkül von Marketingstrategen eindeutig zum Trend gemacht werden und durchaus Konjunktur haben: Die vielen guten Beispiele sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nachhaltigkeitsbotschaften zumindest im direkten Sinne nach wie vor nur vereinzelt ins Mainstream-Programm Einzug halten. Bislang, so warnt Medienforscher Friedrich Hagedorn, hat sich kein Königsweg zur Verknüpfung von nachhaltigen Ansprüchen und massenmedialer Wirksamkeit offenbart (Hagedorn, F. 2008). Wie langfristige Strategien zur Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen in publikumswirksamen Medienformaten auszusehen haben und welchen Regeln eine optimale und effektive Nutzung folgen soll, ist nach wie vor eine offene Frage. Trotz interdisziplinär angelegter Forschungsvorhaben, die neueste Erkenntnisse aus der Konsumforschung in den Blick nehmen, hat die Rezeptionsforschung keine Antworten darauf, wie Nachhaltigkeit oder Nachhaltigkeitsrelevanz zu definieren und zu ermitteln sind. Auch wenn der Begriff in den letzten Jahren Konjunktur hat, bleibt seine Zuordnung doch schwierig (Hagedorn, F. 2009). Zum anderen weist Alexander Moutchnik von der Münchner Mediadesign Hochschule darauf hin, dass eine quantitative Feststellung von nachhaltigkeitsrelevanten Inhalten in Medien allein noch nichts darüber aussagt, ob das Konzept bei den Lesern und Zuschauern wirklich ankommt. „Die tatsächliche Rezeption des Konzepts Nachhaltigkeit in der Bevölkerung ist quantitativ kaum erfassbar, denn zum einen schränkt die Analyse von nur einem Massenmedium – beispielsweise Zeitung – in den Zeiten der Medienkonvergenz und geänderten Mediennutzungsverhaltens die Betrachtungsperspektive stark ein, und zum anderen wird dadurch noch keine Aussage getroffen, ob die Prinzipien und die Grundlagen des Konzepts durch die Gesellschaft verbreitet und wahrgenommen werden.“

„Love Green“: nicht reden – einfach machen Wie es gelingen könnte, nachhaltigkeitsrelevante Botschaften zuschauernah, inhaltlich relevant und dramaturgisch

überzeugend zu gestalten, will die im Sommer 2010 im deutschen Fernsehen angelaufene Medieninitiative „Love Green“ zeigen. Mit reichweitenstarken TV-Spots und „grünen“ redaktionellen Schwerpunkten in Magazinen und Themensendungen wollen die Kommunikationsprofis Markus Schmidt und Philipp A. Thode von der Münchener Kreativagentur UnitedSenses mit ihrem Medienpartner Sat.1 das wenig prominente Thema Nachhaltigkeit aus der Expertennische holen. Die cross-medial angelegte Kampagne soll die breite Öffentlichkeit zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt inspirieren. Die beiden Kreativköpfe setzen auf einen hohen Wirkungserfolg. Deshalb wird das Sendeprogramm von einem Onlinemagazin flankiert, das täglich Fakten und „grüne“ Nachrichten liefert.

»So einig man sich ist, dass Nachhaltigkeit in den Medien kein „Quotenkiller“ mehr ist, so wenig ist klar, welche konkreten fachlichen Kompetenzen Journalisten, Redakteure und Autoren mitbringen müssen, um Nachhaltigkeitsthemen erfolgreich in traditionellen Redaktionsstrukturen unterzubringen.« Mehrere Hunderttausend Leser verzeichnet das Magazin seit dem Start. Innerhalb der stetig wachsenden FacebookFangemeinde wurden die „good News“ sogar schon in den ersten Monaten über eine Million Mal abgerufen. Die Botschaft der Kampagnenmacher ist einfach: Wenn viele Menschen ihr Verhalten nur ein bisschen verändern, wird aus der Summe der kleinen Aktionen ein großer Beitrag – zum Wohle der kommenden Generationen. Damit liegen sie voll im Trend, ganz nach dem Motto „Nur noch kurz die Welt retten“. Für die Medienforschung wird dieses Projekt spannend sein. Denn so einig man sich ist, dass Nachhaltigkeit in den Medien kein „Quotenkiller“ mehr ist (Schwender, C., Schulz, W. F., Kreeb, M. 2008), so wenig ist klar, welche konkreten fachlichen Kompetenzen Journalisten, Redakteure und Autoren mitbringen müssen, um Nachhaltigkeitsthemen erfolgreich in traditionellen Redaktionsstrukturen unterzubringen. Es gibt kaum spezifische Weiterbildungsangebote, die sich speziell an Journalisten richten. Wie der jüngst veröffentlichte Leitfaden für ein entsprechendes Weiterbildungsangebot für zukünftige Journalisten, der auf Grundlage der CSCP-Studie in Kooperation mit der Grimme-Akademie entstanden ist und als Anregung für Journalistenschulen dient, aufgenommen werden wird, bleibt abzuwarten (CSCP 2011). Unterdessen warnen aber Nachhaltigkeitsexperten und Kommunikationsprofis davor, bestehenden Medienformaten lediglich einen grünen Anstrich zu verleihen. Um einen Wertewandel zu initiieren, brauche es vor allem überzeugende Stoffe und Geschichten, denen es gelingt, Nachhaltigkeitsthemen


NACHHALTIGKEIT 17 Fachjournalist No .1 2012

ABB. 1: Wie kommen nachhaltige Themen verstärkt in die Medien? ein eigenes Gesicht zu verleihen. „Die massiven Herausforderungen, mit denen wir uns zukünftig nicht nur in ökologischer, sondern auch in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht sowie in der Gestaltung unserer gesamten persönlichen Lebenspraxis auseinandersetzen müssen, sind eine Chance für engagierte, kreative und unterhaltsame Konzepte“, erklärt Medienforscher Hagedorn (Hagedorn, F. 2009, S. 4). Nur so könnten sich neue mediale Ansätze ergeben, die die Lebenswirklichkeit der Zuschauer ansprechen – und die diese deshalb auch entsprechend goutieren würden. Dies gelte nicht zuletzt dann, wenn das Fernsehen seinen medialen Horizont erweitert und verstärkt cross-mediale Konzepte entwickelt. „Denn vor allem im Internet sind Nachhaltigkeits-Themen längst angekommen“ (Hagedorn, F. 2009, S. 4). Es bleibt also abzuwarten, was die Wirkungsanalysen der „Love Green“-Initiative ergeben werden und ob das Konzept aufgeht. Ein vielversprechender nächster Schritt ist gemacht, damit es demnächst heißt: „Wir alle sind grün – wir alle sind Kappers.“//

Erfolgsfaktoren des Fernsehens zur Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen • Das Fernsehen bietet den Zuschauern Entspannung und Unterhaltung, die deren alltäglichen Bedürfnissen angepasst sind (z. B. nach einem anstrengenden Arbeitstag). • Das Fernsehen hat Orientierungsfunktion, da die Zuschauer das (nachhaltige) Verhalten ihrer TV-Vorbilder übernehmen können. • Fernsehsendungen erzählen Geschichten aus dem täglichen Leben. Hierdurch können Zuschauer das Gezeigte leichter in Verbindung zu ihrem eigenen Leben bringen. • Das Medium Fernsehen erreicht alle Altersstufen. • Schließlich bietet das Fernsehen ergänzende Kommunikationsmöglichkeiten an (z. B. durch Internetseiten oder TelefonHotlines).

Erfolgsfaktoren der Printmedien zur Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen

Literatur: Hagedorn, F. (2009): Green-TV sells? Neue Ansätze für Umwelt und Nachhaltigkeit im Fernsehen, in: uwf – UmweltWirtschaftsForum, Berlin, Heft Nr. 1 / März 2009. Hagedorn, F. (2008): Nachhaltigkeit im Fernsehen: anspruchsvoll und populär?, in: BNE-Journal, Ausgabe 5 / 2008. Moutchnik, A. (2009): Nachhaltigkeitsdimensionen in der Medienbranche, in: uwf – UmweltWirtschaftsForum, Berlin, Heft Nr. 1 / März 2009. Rat für Nachhaltige Entwicklung, Adolf-Grimme-Institut (2004): TV-Medien und Nachhaltigkeit. Kurz-Studie zur Ermittlung von Formen, Hindernissen und Potenzialen der Darstellung von Nachhaltigkeitsthemen in ausgewählten deutschen Fernsehprogrammen, Berlin. Schwender, C., Schulz, W. F., Kreeb, M. (Hg.)(2008): Medialisierung der Nach- haltigkeit. Das Forschungsprojekt balance [f]: Emotionen und Ecotainment in Massenmedien, Marburg. UNEP / Wuppertal Institut Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) (2010): Wie kommen nachhaltige Themen verstärkt in die Medien? Tools für politische Institutionen. Nachhaltigkeit und Medien – Integration von Nachhaltigkeitsthemen in Medienkooperationen in NRW. Ein Projekt im Auftrag des und gefördert vom Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (MUNLV) des Landes Nordrhein-Westfalen, Wuppertal. UNEP / Wuppertal Institut Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP), Grimme-Akademie (2011): Was denken, was zeigen, was sagen? Medienmacher und Nachhaltigkeit. Ein Leitfaden für einen Kurs für zukünftige Journalisten, Wuppertal. Unfried,P. (2010): Ende der Eiszeit! Zeitungen und Gesellschaften brauchen eine Klimakultur, in: forum Nachhaltig Wirtschaften, Heft 3 / 2010. VDZ Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (Hrsg.)(2001): Stefan Kappers und die Zeitschriften. Ein Experiment zur Wirksamkeit von Printwerbung, Berlin.

Die Autorin Kira Crome ist Fachjournalistin und Texterin.

Sie führt das Redaktionsbüro ecoContent in Köln. Zuvor war sie mehrere Jahre Referentin in der Geschäftsstelle des Rates für Nachhaltige Entwicklung in Berlin und hat in der Stabsstelle Unternehmenskommunikation der Fachverlagsgruppe Bertelsmann Springer Science + Business Media gearbeitet. Während ihres sozialwissenschaftlichen Studiums mit Schwerpunkt Politische Kulturforschung arbeitete sie für die Smithsonian Institution in Washington D.C., die Deutsch-Indische

• Printmedien schaffen Serviceangebote (z. B. Checklisten zum Energiesparen). Hierdurch können das Wissen über Nachhaltigkeit sowie Einstellungen und Verhaltensweisen aktiv beeinflusst werden. • Printmedien wiederholen Nachrichten und tragen somit zu deren Verständnis bei: Nachrichten zu einem bestimmten Thema können wieder aufgegriffen und vertieft werden und bleiben so in der Diskussion (ein Beispiel wäre eine Serie von Nachrichten über neue soziale Geschäftskonzepte). • Printmedien präsentieren sich in ständig neuen, funktionellen Medienformaten mit starkem Alltagsbezug, z. B. zum Thema gesunde Lebensweise. So können sie Wissen vermitteln und Einstellungen und Verhaltensweisen in Richtung Nachhaltigkeit positiv beeinflussen.

Erfolgsfaktoren des Web 2.0 zur Kommunikation von Nachhaltigkeitsthemen • Das Web 2.0 bietet themenspezifische Diskussionsplattformen. • Es ermöglicht eine Kommunikation in Echtzeit. Innerhalb des Web 2.0 entstehen partizipative und interaktive Formate der Kommunikation (Blogs und Web-Communities). • Durch das Web 2.0 ist eine cross-mediale Nutzung in Kombination verschiedener Medienformate wie Print, TV und Radio, und somit eine multi-mediale Nutzung möglich. • Weiterhin ermöglicht das Web 2.0 die Bildung und Verbreitung von detaillierten Nachrichten und Hintergrundinformationen. Ergebnisse lt. UNEP / Wuppertal Institut Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) (2010): Wie kommen nachhaltige Themen verstärkt in die Medien? Tools für politische Institutionen. Nachhaltigkeit und Medien – Integration von Nachhaltigkeitsthemen in Medienkooperationen in NRW, S. 17, 19, 20.

Handelskammer in Bombay und für verschiedene Unternehmen im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

H


18 ZEITMANAGEMENT Fachjournalist No .1 2012

Wer hat an der Uhr gedreht? Zeitmanagement für Fachjournalisten von Cordula Nussbaum

Den ganzen Tag sind Sie auf den Beinen, doch abends haben Sie nicht einmal die Hälfte von dem geschafft, was Sie schaffen wollten? Erfahren Sie, wie Sie kompetenter mit Ihrer Zeit umgehen und mehr Energie für die wirklich wichtigen Aufgaben finden. Fachjournalisten brennen sehr häufig für Themen – und verlieren dann beim Recherchieren, Schreiben und Redigieren oftmals die Zeit aus den Augen. Dann werden Deadlines zum echten Motivationskiller – und unter dem Zeitdruck leidet nicht nur der Journalist, sondern auch die Qualität. Ein Bumerang. Denn wer jetzt „halbfertige“ Beiträge liefert, der bekommt nicht nur die Sachen zum Vollenden zurück, sondern auch noch Stress mit Redaktionen, Kollegen und Chefredakteuren. Stellen Sie deshalb rechtzeitig die Weichen, um Energieeinsatz und Stresspegel für die eigenen Beiträge in die richtige Balance zu bringen.

TIPP 1: Eine Aufgabe füllt stets die Zeit aus, die wir ihr einräumen. Legen Sie deshalb lieber knappe Zeitfenster fest. Die gute Nachricht: Sie haben es in der Hand, ob Sie sich für Ihren Journalismus aufopfern oder ob Freizeit und Spaß ebenbürtige Partner sind. Nutzen Sie diesen Beitrag, um die häufigsten Zeitfresser eines Journalisten kennenzulernen und rechtzeitig Ihr persönliches Arbeitszeitmodell zu kreieren.

Klare Vorstellung vom Einsatz Regelmäßige Arbeitszeiten gelten in der kreativen Zunft als eher exotisch. Dennoch: Legen Sie fest, wie viele Stunden Sie im Schnitt pro Woche in Ihre journalistische Tätigkeit investieren wollen. 30, 40 oder 50 Stunden? Wie oft wollen Sie abends oder nachts arbeiten? Wenn Sie selbst-

ständig sind: Notieren Sie auch, wie hoch Ihr gewünschter Umsatz und Ihr gewünschter Gewinn sind, den Sie mit diesem Zeitaufwand erwirtschaften wollen. Seien Sie realistisch, um sich nicht zu überfordern, und berücksichtigen Sie, dass mehr Umsatz zunächst auch einmal mehr Arbeitseinsatz erfordert.

Zeitlimits setzen Nehmen Sie sich das „Parkinson-Prinzip“ zu Herzen: Eine Aufgabe füllt stets die Zeit aus, die wir ihr einräumen. Das haben Sie sicherlich in Ihrer täglichen Arbeit bereits beobachten können. Sie haben nur 30 Minuten Zeit, um ein Interview zu führen? Dann werden Sie es in 30 Minuten auch schaffen. Sie haben zwei Stunden dafür Zeit? Dann werden Sie auch die zwei Stunden locker damit füllen können. Berufstätige, die sorgfältig mir ihrer Ressource Zeit haushalten, legen sich deshalb für bestimmte (Routine-) Tätigkeiten ein knappes Zeitbudget fest.


ZEITMANAGEMENT 19 Fachjournalist No .1 2012

TIPP 2: Arbeiten Sie an Ihrer Berufstätigkeit, statt immer nur in ihr. Viele Journalisten schuften 80 Stunden die Woche – und schlagen sich in dieser Zeit häufig nur mit unwichtigen Kleinkramarbeiten herum, die sie langfristig überhaupt nicht weiterbringen. Nach einer Studie des Kaizen-Institutes gehen rund 40 Prozent eines Arbeitstages bei unproduktiven Arbeiten verloren (vgl. Kaizen-Institut, 2004). Gut, manche Dinge müssen eben sein, wie das Dokumentieren oder die Reisekostenabrechnung. Achten Sie jedoch darauf, dass Sie zunehmend mehr Anteile Ihrer Arbeitszeit für Tätigkeiten investieren, die Ihre Beiträge oder Ihre beruflichen Ziele fördern. Erfolgreiche Berufstätige agieren nach dem Prinzip „Nicht härter, sondern cleverer arbeiten“. Klar, dass man als Freiberufler oder Experte in seinem Fachgebiet oft Mädchen für alles ist. Die Kunst besteht darin, sich immer wieder aus dem Hamsterrad zu befreien und sich zu fragen: Ist es zielführend (wichtig), was ich gerade treibe? Nein? Macht es zumindest Spaß oder bringt Entspannung? Nein? Dann sollten Sie diese Tätigkeiten künftig streichen, delegieren oder versuchen, diese Dinge effizienter zu erledigen, damit Sie schneller wieder bei Ihren wichtigen Aufgaben sind.

»Lösen Sie sich vom Anspruch, alles akribisch planen zu wollen. Denn der Alltag eines Journalisten ist nicht immer planbar.« TIPP 3: Machen Sie Konzepte für Ihre Tage, Wochen und Monate. Wer Konzepte macht über die Dinge, die in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten auf ihn zukommen, der befreit sich ein Stück weit von der Fremdbestimmung durch andere. Wichtig dabei: Lösen Sie sich vom Anspruch, alles akribisch planen zu wollen. Denn der Alltag eines Journalisten ist nicht immer planbar. Da können Sie noch so viele Listen und Pläne erstellen – die Aktualität bestimmt sehr häufig, was in den Medien thematisiert werden muss. Und Sie können nicht einfach sagen „Heute schreibe ich den Artikel über den Schuldenschnitt für Griechenland fertig“, wenn der Ministerpräsident zurücktritt. „Planen“ hilft Journalisten also nicht – aber ein Konzept als Arbeitsentwurf und eine grobe Skizze –, mit der Erlaubnis, jederzeit etwas zu ändern – können viel Ruhe bringen. Und: Brechen Sie vor allem auch dann Ihre „großen“ beruflichen Ziele auf die „kleinen“ Alltäglichkeiten in Ihrem Berufsalltag herunter. Was wollen Sie in fünf Jahren machen? Welche Themen behandeln, für welche Redaktionen schreiben? Denken Sie dabei in Etappen: Stecken Sie sich Tages- und Wochenziele, aber auch längerfristige Monatsbzw. Jahresziele. So verschiebt sich auch automatisch Ihre

Prioritätensetzung, weil manche Projekte an Dringlichkeit verlieren, andere dafür in den Vordergrund rücken. Nehmen Sie sich mindestens ein Mal im Jahr ein paar Tage am Stück frei, schaffen Sie sich Zeit für Aufstiegsträume, für „Dreamdays“ und für die weitere strategische Planung Ihrer Zukunft oder der Ihres Unternehmens. Große Konzerne sind hier ein gutes Vorbild: Diese schicken ihre Führungskräfte regelmäßig auf Strategie-Klausur-Tage.

So konzeptionieren Sie richtig. Es genügt, wenn Sie rund fünf bis zehn Minuten pro Tag die Aktivitäten und Termine der kommenden Tage aufschreiben und ein wenig „Ordnung“ in den jeweiligen Tages- und Wochenablauf bringen. Das kann Ihnen bis zu zwei Stunden freie Zeit bescheren, in der Sie sich dann auf die Ihnen wichtigen Aufgaben konzentrieren können. Nehmen Sie sich ein Mal im Monat Zeit, die kommenden Monate und Jahre zu überdenken. Nehmen Sie sich gegen Ende der Woche (Donnerstag oder Freitag) die neue Woche vor und lassen Sie Ihre Termine und Aufgaben Revue passieren. Konzeptionieren Sie am besten ca. 30 bis 60 Minuten vor Ihrem Feierabend den kommenden Tag im Groben. Notieren Sie Ihre Aufgaben und Termine und vergeben Sie dabei nur 50 Prozent Ihrer Zeit. Die restlichen 50 Prozent brauchen Sie als Puffer: Stau, Verspätungen eines Geschäftspartners, Kopfschmerzen, Krankheit. Das gibt Ihnen bereits zu diesem Zeitpunkt – und damit rechtzeitig – den Spielraum, einen zu engen Zeitplan zu entzerren.

»Die Hoffnung, „irgendwann, wenn es ruhiger wird, fahre ich mit meiner Familie weg“, erfüllt sich nie.«

Widerwillen gegen Planung? Sie spüren einen großen Widerwillen in sich, wenn Sie das Wort „Planung“ hören? Dann kann es sein, dass Sie eher zu den „Kreativen Chaoten“ gehören – den flexiblen, ideenreichen, visionären Menschen, die einfach andere Hilfsmittel brauchen, um sich und Ihre Aufgaben erfolgreich und mit Spaß dauerhaft zu organisieren. Unter www.kreative-chaoten.com finden Sie die kostenlose Denkstil-Analyse „Chaot oder Systematiker“, die Ihnen zeigt, wie Sie „ticken“, und wertvolle Tipps für jede Denke liefert.

Auszeiten einplanen Planen Sie unbedingt Auszeiten mit ein. Die Hoffnung, „irgendwann, wenn es ruhiger wird, fahre ich mit meiner Familie weg“ erfüllt sich nie. Im Leben der meisten Journalisten bedeutet das Wort „Privatleben“ oft die Zeit, die nach


20 ZEITMANAGEMENT Fachjournalist No .1 2012

dem Job noch übrig bleibt. Und das übliche Verhaltensmuster eines Kreativen ist, bei überraschenden Geschäftsterminen immer als Erstes den abendlichen Saunabesuch, das intime Abendessen mit der Frau, die Ballettaufführung der Tochter oder den Kurzurlaub mit der Familie sausen zu lassen. Schließlich ist man ja pflichtbewusst. Doch auf Dauer machen Sie sich so zum Sklaven Ihrer Abgabe- und Fremdtermine. Planen Sie deshalb freie Zeiten schriftlich ein und verteidigen Sie diese. Treffen Sie sich nicht zähneknirschend am Samstagnachmittag – während die Tochter ihre erste Ballettaufführung hat – mit einem potenziellen Informanten. Als proaktiver Berufstätiger schlagen Sie bei so einer Anfrage Alternativen vor. Damit zeigen Sie ein gesundes Selbstbewusstsein.

Arbeitsläufen auf die Spur – und seien Sie so mutig, sich auch von Strukturen in Ihrer Organisation zu verabschieden, die sich nicht bewähren. Arbeiten Sie im Team (und nicht alleine im Home Office), dann holen Sie die Kollegen mit ins Boot. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zähe Abläufe nicht nur Sie ärgern, sondern alle im Team. Und gemeinsam haben Sie mehr „Macht“, Veränderungen durchzusetzen.

Kopf abschalten

Ordnung ist das halbe Leben?

Achten Sie darauf, dass Sie in Ihrer Freizeit auch den „Kopf abschalten“, also wirklich voll bei Ihrer Freizeit sind – und nicht nur körperlich anwesend. Denn Erholung ist in erster Linie Kopfsache.

TIPP 4: Setzen Sie Prioritäten. Lernen Sie, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und sich bewusst zunächst den wichtigen Aufgaben zu widmen. Ist die Aufgabe, die Sie gerade angehen, wirklich (!) wichtig fürs persönliche Vorankommen oder für die Qualität Ihres Beitrags? Überwinden Sie Ihren Widerwillen – und setzen Sie sich direkt an die Aufgabe, die Priorität hat. Klar, Sie sind Ihr eigener Chef und die Verlockung ist groß, sich die Dinge „rauszupicken“, die mehr Spaß machen. Doch: Der Spaß hört spätestens dann auf, wenn Sie wegen Überarbeitung auf dem Zahnfleisch kriechen. Motivieren Sie sich, indem Sie sich immer wieder den Gewinn des Prioritätensetzens vor Augen halten: die Erfolgserlebnisse, die freien und schönen Stunden, mit denen Sie sich im Anschluss belohnen. Weil Sie keine Zeit mit unnötigem „Krimskrams“ verplempert haben – und Ihr freier Abend früher beginnt als sonst.

TIPP 5: Finden Sie die richtigen Hilfsmittel für die richtigen Arbeitsabläufe.

Manchmal liegt es auch an den fehlenden Hilfsmitteln. Was bietet sich gerade auf dem Markt an bunten, übersichtlichen „Helfern“ an, um das eigene Arbeitsterrain übersichtlicher zu gestalten? Klicken Sie sich durch einen Onlinekatalog von Büroausstattern oder gönnen sich einen Shopping-Nachmittag für das neue Ablagesystem.

Auf dem Schreibtisch stapeln sich die Unterlagen und je größer der Stapel an „To do’s“ wird, desto stärker werden Zeitdruck und innerliche Unruhe. Das muss nicht sein! Lassen Sie Unordnung und Chaos an Ihrem Platz erst gar nicht zu groß werden. Lösen Sie sich aber auch vom Anspruch eines „leeren“ Schreibtisches. Vor allem, wenn Sie eher der „kreative Chaot“ sind. Den lähmt komplette Leere nämlich auch komplett. Finden Sie Ihr persönliches Wohlfühl-Level an Chaos oder Ordnung – dann verlieren Sie weder Zeit wegen unnötiger Suche von wichtigen Arbeitspapieren noch investieren zuviel Zeit, um Ordnung zu schaffen. Zudem bewahren Sie viel leichter den Überblick und den „kühlen Kopf“, wenn Sie Ihr Wohlfühl-Level haben.

1

2

Gehen Sie wachsam durch Ihren Alltag und verbessern Sie konsequent Arbeitsabläufe und Zusammenarbeit. Nichts ist so gut, als dass es nicht noch besser werden könnte. Halten Sie die Augen offen. Wie organisieren sich Ihre Kollegen? Was können Sie in der eigenen Organisation von anderen lernen? Lernen Sie dabei unbedingt von Menschen, die die gleichen Talente haben wie Sie. Sonst kann es nämlich sein, dass Sie sich einen total systematischen Kollegen als Vorbild nehmen – und sich als „kreativer Chaot“ daran die Zähne ausbeißen. Kommen Sie Zeitfallen in Ihren internen

3 4

Egal, ob am Schreibtisch oder sonst irgendwo in Ihrem Unternehmen: Bei Ihnen hat alles seinen eigenen Platz. Dann reicht ein zielsicherer Griff anstelle minutenlanger Suche. Sie sind ein visueller Typ. Dann gestalten Sie es sich bunt an Ihrem Arbeitsplatz. Weisen Sie bestimmten Arbeitsabläufen, Projekten oder Auftragsarbeiten Farben zu. Zum Beispiel ist von jetzt an Ihre Buchhaltung grün (für Hoffnung), Ihre Lieblingsaufgaben sind rot, etc. Beschriften Sie Ihre Ordner, Hefter und sonstige Ablage in auffälliger Schrift und Farbe. Geben Sie ruhig etwas mehr Geld für Ihre neuen „Ordnungshüter“ aus. Wertvolle Hilfsmittel füllen Sie nicht so unbedacht mit wertlosem Inhalt. Sie sammeln automatisch weniger Zeug – und weniger Zeug bedeutet sofort weniger Zeitaufwand für das Sortieren, Ablegen und Wiederfinden.


ZEITMANAGEMENT 21 Fachjournalist No .1 2012

5

Nutzen Sie das Direkt-Prinzip: Sachen, die Sie innerhalb von vier Minuten erledigen können, erledigen Sie sofort. Damit ersparen Sie sich hohe Papierstapel auf dem Schreibtisch – und Sie ersparen sich, die Unterlagen ein zweites Mal in die Hand nehmen zu müssen. Beschränken Sie Ihre „DirektErledigen-Blöcke“ z.B. auf 20 Minuten, denn sonst erledigen Sie den ganzen Tag Dinge, die jeweils nur vier Minuten brauchen – und erfüllen wieder nicht Ihre wichtigen Aufgaben.

TIPP 6: Seien Sie zuverlässig. Redaktionen wünschen sich heute neben einer guten Qualität der Arbeit vor allem Zuverlässigkeit und einen perfekten Service. Das klingt sehr banal. Aber im täglichen Geschäftsalltag schießen sich immer mehr (freie) Fachjournalisten ins Aus, weil Sie Abgabetermine verbummeln oder Interviewpartner stundenlang warten lassen. Punkten Sie deshalb in der Gunst der Redaktionen einfach mit Zuverlässigkeit und Service. Auch, wenn Sie viel um die Ohren haben. Ihren Geschäftspartner interessiert nicht, was bei Ihnen möglicherweise für Schwierigkeiten auftauchen. Machen Sie sich bewusst: Menschen, die von Ihrer schlampigen Arbeit oder zeitlichen Unzuverlässigkeit genervt sind, kommen nicht mehr auf Sie zurück und geben diese schlechte Erfahrung im Durchschnitt elf Mal an andere (potenzielle Kunden, Informanten etc.) weiter (vgl. Nussbaum, C., Grubbe, G. (2007), S. 137). Damit schaffen Sie sich selbst eine große Zeitfalle: Einerseits müssen Sie die verärgerten Menschen besänftigen – und dann müssen Sie sich auf die Suche nach neuen Kunden, Informanten etc. machen. Effizient ist das nicht, denn es ist fünf bis sieben Mal teurer und zeitaufwendiger, neue Kontakte zu finden als bestehende Kontakte zu binden (vgl. Nussbaum, C., Grubbe, G. (2007), S. 123).//

Die Autorin Cordula Nussbaum gilt als Deutschlands

Expertin Nummer Eins für kreativ-chaotisches Zeitmanagement. Sie unterstützt in Seminaren und im persönlichen Coaching Journalisten zu den Themen Marketing / Positionierung, Selbstmarketing sowie Selbst- und Zeitmanagement. Sie ist u. a. Autorin der Bücher „Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für Kreative Chaoten“, welches auch als Hörbuch unter www.kreative-chaoten.com erhältlich ist sowie „Bunte Vögel fliegen höher – Die Karrieregeheimnisse der Kreativen Chaoten“.

Literatur:

Kontaktdaten, Seminarinformationen, weitere Buchtipps und zahlreiche Checklisten sowie Onlineanalysen finden Sie unter: www.kreative-chaoten.com

Kaizen-Institut (2004), NWZ online vom 24.2.2007, http://bit.ly/vc38yZ Nussbaum, C., Grubbe, G. (2007): Die 100 häufigsten Fallen nach der Existenzgründung, München.


22 RECHT Fachjournalist No .1 2012

Rechtspraxis für Journalisten von Frank C. Biethahn

Der Medienbereich unterliegt rechtlichen Rahmenbedingungen, die der juristisch nicht ausgebildete Journalist im Detail oft nicht überblicken kann. Mitgliedern des DFJV steht in solchen Fällen eine kostenlose Rechtsberatung zur Verfügung. Diese wird von unserem Vertragsanwalt Frank C. Biethahn durchgeführt, der für den Verband auch das Seminar „Presserecht“ anbietet. Im Fachjournalist widmet sich Frank C. Biethahn fortan in lockerer Folge rechtlichen Themen, die für Journalisten von zentraler Bedeutung sind und veranschaulicht diese anhand von konkreten Fällen. Ein Wunsch, der von DFJV-Mitgliedern im Rahmen der Rechtsberatung wiederholt geäußert wurde und dem wir gerne nachkommen wollen. Im Fachjornalist sollen an dieser Stelle weniger juristische Details behandelt werden – DFJV-Mitglieder finden entsprechende thematisch geordnete Leitfäden unter http://www.dfjv.de/infopool/studien_und_dokumente.html – vielmehr soll die Rechtspraxis zu für Journalisten relevanten Fragestellungen allgemeinverständlich dargestellt werden.

Die Reihe beginnt mit Erläuterungen des Autors zum Ziel, welches mit den Beiträgen verfolgt wird. Den Schwerpunkt des ersten Beitrags bildet einen Praxisbericht, der das Thema Honorarstreitigkeiten behandelt. Der nächste Beitrag behandelt dann u. a. die Themen Urheberrecht und Kostenfallen für Journalisten.

Warum Beiträge dieser Reihe bewusst aus Journalistensicht geschrieben sind Die nachfolgenden Beispiele stellen eine kleine Auswahl von für Journalisten relevanten Fällen aus der Praxis dar. Die Mehrzahl der alltäglichen Fälle ist natürlich weit weniger spektakulär und selbstverständlich gibt es auch redliche und anständige Nutzer journalistischer Leistungen – nur sind diese in der anwaltlichen Praxis naturgemäß weniger relevant und deswegen hier auch nicht berücksichtigt. Selbstverständlich liegen Ärgernisse nicht nur auf der einen Seite, und auch Nutzer haben immer wieder Anlass, sich über Journalisten zu beklagen; das ist aber nicht Ge-

genstand der Beiträge dieser Reihe. Um der zielsetzungsbedingten Einseitigkeit etwas entgegenzuwirken, sei darauf hingewiesen, dass Nutzer sich beispielsweise darüber beklagen, dass Journalisten Absprachen nicht einhielten (z. B. zu spät lieferten oder in anderer Weise als vorgesehen) oder dass sie rechtswidriges Material (z.B. gegen Urheberrecht verstoßendes) abgäben.

Recht – für Journalisten von existenzieller Bedeutung Rechtsangelegenheiten werden immer bedeutender – dies gilt für die gesamte Gesellschaft. Für Journalisten können sie existenziell sein. Zum einen geht es oft um die Durchsetzung der ihnen zustehenden Vergütung,


24 RECHT Fachjournalist No .1 2012

der Höhe. Die wenigen Fälle, in denen Journalisten sich wehren und in denen der Rechtsstreit für den Nutzer verloren geht, sind dann schon „eingepreist“, sie werden „gegenfinanziert“ durch die Vielzahl an Fällen, in denen sich Journalisten nicht wehren. Anders sieht es jedoch aus, wenn Urheberrechte verletzt werden: Hier können die Kosten eines Rechtsstreits für den Rechtsverletzer durchaus abschreckende Wirkung entfalten. Trotzdem lassen sich auch hier viele Nutzer nicht von widerrechtlichem Verhalten abschrecken. Teils aus Unkenntnis (vgl. nächster Abschnitt), teils bewusst und darauf spekulierend, dass der betroffene Journalist seine Rechte nicht durchsetzen wird. Tut er das dann doch, geht die Rechnung des Nutzers allerdings in aller Regel nicht auf.

Rechtsbruch aus Unkenntnis Größer als die Gruppe der bewussten Rechtsverletzer ist sicherlich die Gruppe derjenigen, die aus Unkenntnis die Rechte von Journalisten verletzt. Allgemein entsteht der Eindruck, dass auf der Nutzerseite immer weniger Kenntnis des einschlägigen Rechts besteht, dass rechtsverletzendes Verhalten oft als normal empfunden wird. Je mehr Rechtsverletzungen auftreten, desto „normaler“ wird dieser Zustand dann auch aufgefasst, sodass das Unrechtsbewusstsein größerer Kreise für Rechtsverletzungen abnimmt. Das Vorbild der Rechtsverletzer – gleich ob diese nun bewusst oder unbewusst Rechte verletzen – wirkt sich aus. Die Verletzer berufen sich dann auch oft darauf, dass das verletzende Verhalten „branchenüblich“ sei bzw. dass es sich um die „üblichen Praktiken“ handele, die „schon immer“ betrieben worden seien, dass das also nicht rechtswidrig sein könne. Um solche Zustände nicht weiter einreißen zu lassen, sollten auch Rechtsverletzungen dieser Gruppe nicht unbeanstandet bleiben. Hier wird man eher eine gütliche Einigung erreichen können – das ist natürlich oft besser als ein gerichtlicher Rechtsstreit. Obwohl die Nutzer dieser Gruppe sich zwar gütlichen Erledigungen nicht genau so umfassend wie diejenigen der ersten Gruppe verschließen, nimmt nach der Erfahrung des Autors die Bereitschaft zu gütlichen Einigungen auch in dieser Gruppe ab, müssen Rechte immer öfter auch hier gerichtlich durchgesetzt werden. Dies mag seinen Grund in einem fortgesetzten Verkennen der Sach- und Rechtslage haben oder einfach darin, dass darauf gesetzt wird, dass der Journalist sich schon nicht gerichtlich wehren wird. Auch hier macht es dann natürlich Sinn, wenn der Journalist den Nutzer eines Besseren belehrt. Nur auf diesem Wege kann er erwarten, dass diese Unsitte nicht weiter einreißt.

Rechtsverfolgung für Journalisten Um dem Unwesen bewusster Rechtsverletzer entgegenzuwirken, kommt nur die konsequente Rechtsverfolgung in Betracht. Gerade in Urhebersachen, wo die Erfolgsaussichten für den Urheber oftmals sehr gut sind und zudem festzustellen ist, dass die Verteidigung oft weit hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt, ist nicht recht zu verstehen, warum sich die Nutzer einer gütlichen Einigung verweigern – der Weg eines gerichtlichen Rechtsstreits kommt sie oft um ein Vielfaches teurer zu stehen. Dass Journalisten oft ihre Rechte wirklich nicht durchsetzen, fördert diese Verhaltensweisen natürlich. Für diejenigen Journalisten, die sich die Rechtsverfolgung finanziell nicht leisten können, sieht der Staat Finanzierungshilfen vor in Form von Beratungshilfe (außergerichtlich) und Prozesskostenhilfe (gerichtlich). Allgemein ist zu beobachten, dass die Bereitschaft zu rechtmäßigem Verhalten immer weiter sinkt – auch die öffentliche Hand ist beteiligt –, und wer sich einschüchtern lässt, wird auch in Zukunft sicherlich nicht besser behandelt.

Streit ums Honorar Um das Honorar wird immer wieder gestritten, ebenso um die damit zusammenhängende Frage der Erstattung von Auslagen (z. B. Reisekosten).

„Rahmenverträge“ Viele Auftraggeber verwenden „Rahmenverträge“ bzw. „Rahmenvereinbarungen“, die auf die eine oder andere Art die Vergütung des Journalisten gering halten sollen, beispielsweise indem gegen eine – niedrige – pauschale Vergütung sämtliche urheberrechtlichen Nutzungen eines Textes oder Fotos gestattet sein sollen. Obwohl diese Regelungen in „Rahmenverträgen“ oft unwirksam sind, hält dies den Auftraggeber oft nicht davon ab, sich auf diese Regelungen trotzdem zu berufen – sei es nun aus Unkenntnis oder im Bewusstsein, dass der Journalist sich schwer tun wird, seinen Auftraggeber auf Zahlung zu verklagen. Wie schon aufgezeigt, lässt es der Nutzer oftmals auf Klagen ankommen.

Vertragsbasis Journalisten sollten darauf achten, dass ihre Zahlungsansprüche möglichst eindeutig (und in Bezug auf Höhe und Konditionen vernünftig) geregelt sind. Besteht keine oder keine eindeutige Regelung, sehen sich viele Auftrag-


RECHT 25 Fachjournalist No .1 2012

geber veranlasst, einen Vergütungsanspruch ganz oder teilweise zu verneinen. In einem (extremen) Fall hatte ein Journalist etliche Jahre lang für einen Auftraggeber jeweils auf Anforderung bestimmte Rechercheleistungen erbracht und diese für den Auftraggeber journalistisch verarbeitet. Honorare wurden oft nicht vorab vereinbart, sondern man einigte sich danach. Es bestand also ein gewisses Vertrauensverhältnis. Nach einer auftragsgemäßen mehrtägigen Auslandsrecherchereise nahm der Auftraggeber zwar die journalistischen Leistungen ab (und verwertete sie), wollte aber weder eine Vergütung zahlen noch für die dem Journalisten entstandenen Kosten aufkommen. Erst vor Gericht konnte – auf dringendes Zuraten des Gerichts – eine gütliche Einigung im Sinne des Journalisten erreicht werden.

Zahlungspraxis Selbst wenn die vertragliche Grundlage nicht zu beanstanden ist, bedeutet das natürlich noch nicht, dass der Auftraggeber sie auch einhält. Allgemein ist zu beobachten, dass die Zahlungsmoral vieler Auftraggeber schlecht ist. Journalisten klagen immer wieder darüber, dass viel zu spät – beispielsweise nach etlichen Monaten – oder nur teilweise oder gar nicht gezahlt werde. Manche Auftraggeber verzögern oder verweigern die Zahlung ohne jegliche Begründung, andere führen rechtlich unerhebliche – oft wohl nur als abenteuerlich zu bezeichnende – Begründungen an. Inzwischen fast schon „übliche“ Begründungen gehen beispielsweise in die Richtung, dass die Rechnung bereits beglichen sei – auch wenn das nicht der Fall ist –, dass die Buchhaltung für die Bearbeitung der Rechnung länger brauche (z.  B. weil sie gerade völlig überlastet sei oder gerade umstrukturiert werde), dass man immer erst nach einigen Monaten zahle; andere dahin, dass die Qualität der abgelieferten Arbeit zu wünschen übrig ließe (obwohl man den Text bzw. das Foto weiterhin weiter und auch gleich in mehreren Medien verbreitete) oder dass mehr geliefert worden sei als vereinbart und die vorher vereinbarte Vergütung deshalb geringer ausfalle als wäre nur das Vereinbarte geliefert worden (die Logik dieses mehrfach angetroffenen Arguments erschließt sich dem Autor allerdings – von Sonderfällen abgesehen – bislang nicht). In einem besonderen Fall war die Gegenseite ein Verlag, der wiederum zu einer Verlagsgruppe aus mehreren Einzelgesellschaften gehörte – als solches nicht ungewöhnlich. Ungewöhnlich war allerdings, dass der Verlag rechtswidrig versuchte, sich durch eine Vielzahl von Maßnahmen seinen Pflichten aus Verträgen mit Journalisten

zu entziehen. Abgesehen davon, dass er falsche Angaben zum Verkauf von provisionspflichtigen Werken machte und diese mit wahrheitswidrigen Unterlagen versuchte, um Autoren so über die verkaufte Stückzahl ihres Werkes zu täuschen, beabsichtigte er, sich durch verschiedene rechtliche Gestaltungsmaßnahmen seiner Zahlungspflicht zu entziehen. Nach Vorstellung des Verlags sollte eine Gesellschaft die für die Veröffentlichung notwendigen Rechte haben, während eine andere – die, im Gesamtzusammenhang wenig überraschend, insolvent war – die Vergütung schulden sollte.

Zahlungsdurchsetzung Wenn es keinen berechtigten Grund für eine Kürzung oder Nicht-Zahlung gibt – wie es oft der Fall ist –, sollte der Journalist seine Ansprüche auch durchsetzen. Ein Auftraggeber, der nicht zahlt, ist kein Auftraggeber, auf den man besondere Rücksicht nehmen müsste. Zur Durchsetzung solcher Ansprüche hält der DFJV einen vom Autor verfassten Leitfaden bereit (http://bit.ly/rXkYZE ). Die schlechte Zahlungsmoral beruht – wie schon dargestellt – nicht zuletzt darauf, dass Journalisten ihre Rechte in der Regel nicht gerichtlich durchsetzen; zudem sind die Kosten eines bloßen „Zahlungsstreits“ (wenn es also nur um das Honorar geht, nicht auch etwa um Unterlassung urheberrechtswidriger Nutzungen) relativ gering, sodass der Auftraggeber es wirtschaftlich oft ohne Weiteres auf einen solchen Streit ankommen lassen kann. Fortsetzung folgt.//

Literatur: Hamann, G., Marohn, A. (2011): Der lange Arm aus Berlin, in: „Die Zeit vom“ 25.8.2011, http://bit.ly/qvtyya, abgerufen am 14.11.2011.

Der Autor Frank C. Biethahn ist Inhaber einer eigenen

Kanzlei bei Hamburg und bundesweit u. a. in Urhebersachen tätig. Als Vertragsanwalt des DFJV ist er für die Mitglieder-Rechtsberatung zuständig, zugleich führt er als Dozent das Seminar „Presserecht“ des DFJV durch. Er ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen in Hamburg.


26 WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION Fachjournalist No .1 2012

TRENDSTUDIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION DIE CHANCEN UND RISIKEN DER NÄCHSTEN ENTWICKLUNGSSTUFE von Alexander Gerber

Wo steht die deutsche Wissenschaftskommunikation angesichts der fundamentalen Veränderungen im Mediensystem aktuell? Welches sind die größten Herausforderungen und vielversprechendsten Lösungswege? Diesen Fragen geht seit zwei Jahren eine umfangreiche Trendstudie nach, die alle drei Perspektiven der Wissenschaftskommunikation betrachtet – Journalismus, PR und innerwissenschaftliche Kommunikation. Ein erster Ergebnisbericht ist jetzt als Buch erschienen sowie dank Förderung durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft zudem als E-Book zum kostenfreien Download. Sinkende Printauflagen (→Abb. 1) und niedrige Honorare auf der einen Seite und eine immer professionellere und personell aufgerüstete PR auf der anderen Seite prägen die Wissenschaftskommunikation seit Jahren. Nun fällt der Vorhang für diese historisch betrachtet vierte Entwicklungsphase, das „Public Understanding of Science“1, und der nächste, fünfte Akt beginnt mit der Suche nach neuen Konzepten, Formaten und Werkzeugen. Wie sehr diese Entwicklungen der Medienlandschaft und PRPraxis schon heute den Alltag in der Wissenschaftskommunikation verändern, macht der intensive Diskurs der mehr als 30 Experten im Rahmen unserer Trendstudie deutlich. Demnach ist besagte Phase 5 vor allem gekennzeichnet vom Bedeutungszuwachs der zunehmenden Interaktion im Internet als neuem Leitmedium der Wissenschaft. So erlebt die PR, wie ihre über Jahre hinweg professionalisierte „Verpackungsindustrie“ aus den Angeln gehoben wird. Mehr noch bekommen aber vor allem die klassischen Wissenschaftsmedien zu spüren, wie die Grenzen zwischen Individual- und Massenkommunikation verschwimmen. Ob die Verlage und Sender es schaffen, diesen Veränderungsdruck für eigene Innovationen zu nutzen, wird letztlich über die weitere Zukunft der Wissenschaftspublizistik entscheiden.

»Krise als Chance: Werden Verlage und Sender den Veränderungsdruck für eigene Innovationen nutzen oder nicht?« PARADIGMENWECHSEL DURCH DAS SOCIAL WEB Mit dem Internet und vor allem den Sozialen Medien sind ganz neue Kommunikationsmuster entstanden, die

aus zwei Gründen erstmals einen echten Dialog auf Augenhöhe ermöglichen, versprechen oder vielleicht sogar erfordern: Erstens führt die Mediennutzung, beziehungsweise die veränderte Erwartungshaltung der „Prosumenten“2, zu grundlegenden Kontrollverlusten in der PR, da neben Pressestelle und Medien nun eine Vielzahl weiterer, unkalkulierbarer Akteure ins Spiel kommt. Man kann hier ohne jede Übertreibung von einem Paradigmenwechsel sprechen. Zweitens erodieren durch die neue, aktive Rolle der einstigen „Rezipienten“ die Fundamente des Journalismus, wenn Nachrichten nicht mehr „konsumiert“ werden, sondern eigenständig ihre Zielgruppen finden, und wenn über die Relevanz einer Information nicht mehr journalistische „Gatekeeper“ entscheiden, sondern die Empfehlungen des eigenen, persönlichen Netzwerks. Klassische Vermittlungsansätze greifen hierbei einfach zu kurz.

»Die Konzentration des Wissenschaftsjournalismus auf Forschungsergebnisse zeichnet ein verzerrtes Bild wissenschaftlichen Arbeitens.« Je mehr die massenmedialen Konzepte an Bedeutung verlieren, sprich die tradierten Abgrenzungen zwischen Individual- und Massenkommunikation verschwimmen, desto stärker müssen klassische Wissenschaftsmedien den Veränderungsdruck für Innovationen nutzen – von neuen Recherchetechniken über interaktive Formate bis zu neuen Formen der Distribution und natürlich entsprechend angepassten Geschäftsmodellen. Indem das „Vermitteln und Erklären“ immer mehr vom mediatisierten Wissenschaftsbetrieb selbst übernommen wird, muss der Wissenschaftsjournalismus seine Rolle grundsätzlich neu definieren. Auch in der PR entsteht ein immenser Bera-


WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 27

Fachjournalist No .1 2012

ABB. 1: Wissens- und Wissenschaftstitel kämpfen mit Auflagenverlusten

600000

500000

- 36 % GEO

400000

+ 114 % Welt der Wunder

- 32 % P.M.

300000

- 40 %

National Geographic (D)

- 15 %

Bild der Wissenschaft

200000

- 19 %

Spektrum der Wissenschaft

+ 11 % ZEIT Wissen

100000

- 32 %

Technology Review

- 41 %

0 2011Q1

2010Q1

2009Q1

2008Q1

2007Q1

2006Q1

2005Q1

2004Q1

2003Q1

2002Q1

2001Q1

2000Q1

Sterne und Weltraum

Quelle: IVW. Die Prozentzahlen weisen die Entwicklungen zwischen dem ersten Quartal 2000 und dem ersten Quartal 2011 aus.

Nahezu alle Wissens- und Wissenschaftstitel auf dem deutschen Printmarkt verlieren seit Jahren kontinuierlich an verkaufter Auflage – im Durchschnitt um gut 30 Prozent binnen der letzten zehn Jahre, wie eine Auswertung der IVW-Daten im Rahmen dieser Studie zeigte. Selbst Flaggschiffe wie GEO oder National Geographic (D) verzeichneten einen etwa 40-prozentigen Einbruch beim Verkauf. Auch im Mittelfeld oder bei den kleinen Wissenstiteln sieht es kaum anders aus. Einzige Ausnahmen in dieser Auswertung sind das redaktionell vergleichsweise aufwendig produzierte Magazin ZEIT Wissen, das von anfangs knapp 72.000 verkauften Exemplaren (Ende 2006)

auf 80.000 bis 100.000 Exemplare gewachsen ist (je nach Titelthema stark schwankend), sowie das Wissensmagazin Welt der Wunder, dessen Auflage allerdings 2010 ebenfalls um 19 Prozent abnahm. Insgesamt gehen die von uns befragten Experten davon aus, dass dies ein Indiz für einen fundamentalen Wandel der Wissenschaftspublizistik ist. Die Geschäftsmodelle der Verlage müssen überprüft und auf dieses geänderte Umfeld ausgerichtet werden. In welchem Maße die Verlage das nachlassende Leserinteresse an gedruckten Wissenschaftstiteln durch entsprechende Onlineangebote kompensieren können, lässt sich mangels verfügbarer unabhängig erhobener Daten kaum sagen.

tungsbedarf, wie mit den durch das Web 2.0 entstehenden kommunikativen Chancen und Risiken umzugehen ist. Und Wissenschaftler müssen in Aus- und Weiterbildung

deutlich besser auf den direkten Dialog vorbereitet werden, nicht zuletzt auch, um im Sinne des Pluralismus die mediale Dominanz einiger Weniger zu vermeiden.


28 WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION Fachjournalist No .1 2012

ABB. 2: Quo Vadis - Zukunftsszenarien für die Wissenschaftspublizistik

POTENTIAL

GEFAHREN • zunehmend unwirtschaftlich

+ neue Recherchekompetenzen

• schwindender Einfluss der

+ neue Distributionswege + neue Formate + mehr Investigation

(data-driven journalism etc.)

für Verlage und Journalisten

demokratischen Kontrollinstanz

FORMATE • journalistische Weiterbildung • neue Ausbildungsinhalte

HERAUSFORDERUNGEN • •

journalistische Weiterbildung neue Ausbildungsinhalte

FORMATE Bedeutungsverlust insbesondere im Printsegment

• • •

Slidecasts, Animationen Mashups, Online-Deliberation interaktive Infografiken

inhaltliche Verflachung

Journalisten als Wissensarbeiter im Web 3.0

(künstliche) Nischen für Qualitätsjournalismus

Konsolidierung statt Erneuerung

Innovationsfähigkeit / neue crossmediale Geschäftsmodelle

OPTIONEN + +

Stiftungs-Modelle wie bei ProPublica Crowdfinanzierung

WISSENSCHAFTSPUBLIZISTIK

Quelle: Alexander Gerber / innokomm Forschungszentrum

Verlage und Journalisten stehen unter zunehmendem Veränderungsdruck. Werden sie diesen für Innovationen nutzen und als „Wissensarbeiter“ zu Vorreitern im Web 3.0? Oder halten sie handwerklich an Bewährtem fest, sind letztlich vielleicht auf staatliche oder private Subventionen angewiesen? Droht ein weiterer Bedeutungsverlust des (ohnehin historisch betrachtet nur wenig investigativen) Wissenschaftsjournalismus als „Kontrollinstanz“?


WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION 29 Fachjournalist No .1 2012

KULTURWANDEL STATT PR-VERPACKUNGSINDUSTRIE

ENDNOTEN:

Transparenz in der Wissenschaft ist mehr als ein Gebot der Legitimation öffentlicher Mittelverwendung. Ziel sollte eine neue „Kultur der Kommunikation“ sein, die die ganze Bandbreite gesellschaftlicher Gruppen im Sinne einer „Scientific Citizenship“ einbezieht. Noch führt die Konzentration auf Forschungsergebnisse zu einem Zerrbild wissenschaftlichen Arbeitens. Medien sollten deshalb Formate entwickeln, mit denen sich authentischer zwischen ergebnis- und prozessorientierter Perspektive hin- und herschalten lässt. Wissenschaftler und PR sind gefordert, die Sicherheit des von ihnen erzeugten Wissens transparenter zu machen als bisher – also deutlich zu machen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse immer relativ, begrenzt und somit nie endgültig sind.

1

Während das wachsende Interesse an Wissenschaft in den 1950er Jahren zunächst durch positiv besetzte Utopien und Science Fiction befriedigt wurde (Phase 1), ging es in den 1960er und frühen 1970er Jahren vor allem darum, es auch Laien Wissenschaft nahe zu bringen, dies allerdings meist lehrbuchartig mit dem Ziel der „Aufklärung“ (Phase 2). Die Gründung von Bild der Wissenschaft im Jahr 1964 durch den TV-Journalisten Heinz Haber war hier sicherlich ein wichtiger Meilenstein im deutschsprachigen Raum. Mit der zunehmend kritischen Haltung der Bevölkerung zu neuen Technologien, vor allem der Kernenergie, nahm auch die Berichterstattung über Wissenschaft zu (Phase 3). Die These damals: Wer mehr von Technik versteht, wird diese auch eher akzeptieren. Seit den 1990er Jahren weiß man, dass diese Rechnung nicht aufgeht und vielmehr ein vertrauensbildender Dialog von Nöten ist, der die Bedenken der Öffentlichkeit ernst nimmt. Und doch besteht dieser Dialog auch 12 Jahre nach dem „PUSH-Memorandum“ (Beginn von Phase 4) bei näherem Hinsehen meist nur aus einer Einwegkommunikation, die von personell aufgerüsteten Pressestellen an Hochschulen, Instituten und Unternehmen gespeist wird, wie etwa Michael Sonnabend vom Stifterverband jüngst in seinem Blog zu Recht kritisierte.

2

Personen, die gleichzeitig Konsumenten und Produzenten des von ihnen Verwendeten sind. Alvin Toffler, Schriftsteller und Futurologe, führte 1980 in dem Buch „Die dritte Welle“ („The Third Wave“) den Begriff ein.

Die „1. Trendstudie Wissenschaftskommunikation“ ist als Band 1 der Reihe edition innovare des Deutschen Forschungszentrums für Wissenschafts- und Innovationskommunikation (innokomm) erschienen, ISBN 978-3-9814811-0-5 (16,90 EUR). Die Publikation wurde gefördert vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der eine eletronische Fassung kostenfrei auf seinen Internetseiten bereitstellt: http://www.stifterverband.de/wk-trends Weitere Informationen zum Projekt und versandkostenfreie Buchbestellung: http://wk-trends.de

Literatur: Brumfiel, G. (2009): Supplanting the old media?, in: NATURE, 458: 274-277, http://bit.ly/WK-Trends-1, Abruf: 08.11.2011. Forthmann, J. (2011): Social Media-Trendmonitor 2011, http://bit.ly/WK- Trends-2, Abruf: 08.11.2011. Gerber, A. (2008): Antennen müssen auf Empfang stehen, in: Wissenschaftsmanagement 4, 20-29. Gerber, A. (2011): Schluss mit der Isolationspolitik!, in:, Lisowski et al. (Hrsg.): Wissensbasierte Stadtentwicklung, S. 134-139, http://bit.ly/WK-Trends-3, Abruf: 08.11.2011. Paál, G. (2010): Professor Querdenker kann gut reden, http://bit.ly/WK-Trends-4, Abruf: 08.11.2011. PUSH-Memorandum, http://bit.ly/WK-Trends-5, Abruf: 08.11.2011. Sonnabend, M. (2010): Austausch auf Augenhöhe, http://bit.ly/WK-Trends-6, Abruf: 08.11.2011. Sorg, J. (2011): Wissen, Infrastruktur und Sozialität in der Digitalen Gesellschaft, in: Fachjournalist 3, S. 18ff. Toffler, A. (1983): Die dritte Welle. Zukunftschancen und Perspektiven für die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. (Übers.: The third wave, 1980), München.

Hintergrundmaterial zur Studie: http://wk-trends.de

Grundsätzlich wandeln sich Selbstverständnis und Anforderungsprofil des „Wissenschaftskommunikators“ langsam aber sicher in Richtung Moderator und Mediator. Denn Vermittlungsleistung wird sich künftig immer stärker dran messen, ob es gelingt, auch innerhalb der eigenen Institution oder Organisation die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen und über alle Disziplinen hinweg zum „Big Picture“ zu synthetisieren, anstatt bloß Projektergebnisse zu verbreiten und Markenpflege zu betreiben. Statt die eigenen Themen durch verengte Informationskanäle zu zwängen, ist ein „Agenda Surfing“ auf gesellschaftlich-politischen Wellen gefragt. Das Themenradar künftiger PR muss also mindestens ebenso viele sozioökonomische Trends und regulatorische Entwicklungen zurück in die eigene Organisation spiegeln wie Informationen aus der Organisation nach außen getragen werden.//

Der Autor Alexander Gerber ist Informationswissenschaft-

ler, von Hause aus Fachjournalist für Wissenschaft und Innovation sowie seit 2010 Geschäftsführer des Deutschen Forschungszentrums für Wissenschafts- und Innovationskommunikation (innokomm). Davor leitete er für sieben Jahre Kommunikation und Strategisches Marketing des Verbunds der 20 Fraunhofer-Institute im IuK-Bereich und initiierte 2006 das Wirtschaftsmagazin „InnoVisions“. Herr Gerber ist DFJV-Beirat „Wissenschaft“ und berät weitere Verbände wie HPC, TELI, WPK und Euroscience. Außerdem ist er Gutachter in Akkreditierungsverfahren für Kommunikationsstudiengänge.


30 NACHWUCHSJOURNALISMUS Fachjournalist No .1 2012

Verlieren die Wachhunde ihre Zähne? Zum Rollenselbstverständnis von Nachwuchsjournalisten von Rebekka Merholz

Eine Onlineumfrage unter deutschen Journalistenschülern kommt zu dem Ergebnis, dass sich Nachwuchsjournalisten deutlich stärker als etablierte Journalisten der kritischen Berichterstattung verpflichtet fühlen. Es stellt sich die Frage, wann und wieso sich das Rollenselbstverständnis von Journalisten im Laufe der beruflichen Tätigkeit verändert. Geschichten aufspüren, Missstände aufdecken und die Öffentlichkeit darüber informieren – so wird das Idealbild eines Journalisten umschrieben. Dass die tägliche Praxis anders aussieht, hat die Journalistenbefragung von Weischenberg, Malik und Scholl aus dem Jahr 2005 gezeigt. Vor allem die unter dem Oberbegriff „Information und Orientierung“ eingeordneten Rollenbilder haben große Zustimmung erfahren. So gaben beispielsweise 89 Prozent der Befragten an, dass sie eine möglichst neutrale Berichterstattung anstreben. Nur etwas mehr als „die Hälfte der Journalisten (58 Prozent) hat die Absicht, in ihrem Beruf Missstände in der Gesellschaft zu kritisieren“ (Weischenberg, Malik, Scholl, 2006, S. 106). Doch wie ist es um den journalistischen Nachwuchs bestellt? Wie definieren junge Berufseinsteiger ihre Rolle? Gibt es noch die „jungen Wilden“, die Missstände aufdecken wollen? Oder sehen sich Nachwuchsjournalisten heute eher als Vermittler oder Unterhalter? Die wissenschaftliche Literatur beschreibt eine große Bandbreite an journalistischen Rollenkonzepten. Ein Vergleich der unterschiedlichen Modelle fällt jedoch schwer, da an verschiedenen Dimensionen der beruflichen Wirklichkeit angesetzt wird. Einige Konzepte sind rein normativ, andere wiederum leiten sich aus empirischer Forschung ab. Dennoch hat sich die Unterteilung der verschiedenen Rollenbilder in drei Kategorien bewährt. In die erste Rubrik fallen alle Rollenbilder, die mit Information und Orientierung zu tun haben. Die zweite beinhaltet Kritik, Kontrolle und Engagement und in der dritten Kategorie sind Service und Unterhaltung beheimatet. In der im Rahmen einer Bachelorarbeit durchgeführten Studie zum Rollenselbstverständnis von Nachwuchsjournalisten wurden unter dem Oberbegriff „Sonstige Rollenbilder“ zusätzlich neue Berichterstattungsmuster, die in Europa bisher wenig verbreitet sind, aufgenommen. Abgefragt wurde zum Beispiel, wie stark der Nachwuchs der Vermischung von Fakten und Fiktion

zustimmt und ob bei der Berichterstattung die Interessen des Auftraggebers eine Rolle spielen. Zur Beantwortung dieser Forschungsfragen wurde das Mittel der Onlinebefragung gewählt. Sie war vom 09. Mai bis zum 25. Juni 2011 für einen geschlossenen Personenkreis im Internet verfügbar. Grundgesamtheit waren Nachwuchsjournalisten, die zum Zeitpunkt der Umfrage eine der 17 deutschen Journalistenschulen besuchten, und Studenten, die parallel zu ihrem Studium eine Journalistenausbildung absolvierten, im Rahmen der Journalistischen Nachwuchsförderung der KonradAdenauer-Stiftung e.  V. oder am Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses e. V. (IFP). Dank der Kooperationsbereitschaft der Journalistenschulen ist eine Vollerhebung gelungen. Insgesamt haben 312 Nachwuchsjournalisten an der Befragung teilgenommen. Die Ausschöpfungsquote liegt damit bei rund 31 Prozent. Zur Stichprobe: 64 Prozent der Befragten sind weiblich, 36 Prozent sind männlich. Im Durchschnitt sind die befragten Nachwuchsjournalisten etwa 26 Jahre alt (Spanne: 20 bis 39 Jahre), seit 5,4 Jahren journalistisch tätig, arbeiten für 3,2 verschiedene Medien und das 28 Stunden in der Woche. Insgesamt zeigten sich bei allen oben genannten Abfragen große Unterschiede in den Angaben der Befragten. Auffällig ist, dass Journalismus scheinbar für viele junge Menschen immer noch ein Traumberuf ist, auf den sie hinarbeiten. So gaben 77 Prozent der Befragten an, dass es ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen sei, Journalist zu werden. Lediglich 22 Prozent sagten aus, eher zufällig zu diesem Beruf gekommen zu sein. Im Zentrum der Analyse stand die Frage nach dem beruflichen Selbstverständnis. Dazu wurden den Befragten 20 verschiedene Aussagen präsentiert. Sie sollten bei jeder dieser Aussagen angeben, inwieweit sie ihr zustimmen oder sie ablehnen. Für die größte Zustimmung wurde


NACHWUCHSJOURNALISMUS 31 Fachjournalist No .1 2012

die Zahl „fünf“ vergeben, für die stärkste Ablehnung die Zahl „eins“. Der größte Zustimmungswert bei den Nachwuchsjournalisten liegt, genau wie bei den Befragten von Weischenberg, Malik und Scholl, in der Oberkategorie „Information und Orientierung“. Die Aussage „In meinem Beruf geht es mir darum, komplexe Sachverhalte zu erklären und zu vermitteln“ erhält mit einem Wert von 4,44 die größte Zustimmung. Ebenfalls sehr hohe Zustimmungswerte erzielen die Aussagen „In meinem Beruf geht es mir darum, meinem Publikum Wissen zu vermitteln und dessen Horizont zu erweitern“ (4,30) und „In meinem Beruf geht es mir darum, Kritik an Missständen zu üben“ (4,12). Die größte Ablehnung erfährt das Statement „In meinem Beruf geht es mir darum, Rechercheergebnisse mit fiktiven Beispielen zu untermauern und so eine unterhaltsame Geschichte zu präsentieren“ (1,89), gefolgt von „In meinem Beruf geht es mir darum, die Anliegen meines Auftraggebers möglichst überzeugend darzustellen“ (2,04).

Selbstverständnis verändert. Dazu wäre jedoch eine aufwendige Längsschnittstudie nötig, die im Rahmen dieses Forschungsprojektes nicht durchgeführt werden konnte.

Die Untersuchung hat außerdem ergeben, dass die jüngeren Nachwuchsjournalisten der Aussage „Kritik an Missständen zu üben“ in der Stichprobe stärker zustimmen als die älteren Befragten. Dieses Ergebnis konnte durch einen Vergleich mit der Befragung von Weischenberg, Malik und Scholl aus dem Jahr 2005 untermauert werden. Die befragten Nachwuchsjournalisten haben den Aussagen zum kritischen Journalismus deutlich stärker als die Etablierten zugestimmt. In einem weiteren Schritt wurde untersucht, ob das Rollenbild abhängig vom Medium ist, für das die Nachwuchsjournalisten tätig sind. Ergebnis: Es gibt keine nennenswerten Unterschiede zwischen den verschiedenen Medientypen und der Zustimmung zu den einzelnen Berufsrollen. Die Befragten aller Medien stimmen der Aussage „In meinem Beruf geht es mir darum, komplexe Sachverhalte zu erklären und zu vermitteln“ am stärksten zu, gefolgt von „In meinem Beruf geht es mir darum, meinem Publikum Wissen zu vermitteln und dessen Horizont zu erweitern“. Diese Erkenntnis überrascht, da Rundfunkjournalisten oftmals eine Unterhaltungsorientierung unterstellt wird, während bspw. Printjournalisten vor allem als neutrale Informationsvermittler gelten.

Weischenberg, S., Malik, M., Scholl, A. (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft, Konstanz.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Nachwuchsjournalisten, so die Ergebnisse der Studie, deutlich stärker dem aufdeckenden Element dieses Berufes verpflichtet fühlen als die etablierten Kollegen. Ihr berufliches Selbstverständnis wird nicht durch das Medium beeinflusst, für das sie schwerpunktmäßig tätig sind. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Journalistenschule für Nachwuchsjournalisten eine nicht unwichtige Sozialisierungsinstanz ist, die ihnen Werte und Ideale des Berufes vermittelt. Interessant wären weiterführende Untersuchungen, um herauszufinden, wann sich bei den Nachwuchsjournalisten das

Den Chefredakteuren kann an dieser Stelle eine Erkenntnis mit auf den Weg gegeben werden: Die Freude an der kritischen Berichterstattung ist bei Nachwuchsjournalisten generell gegeben. Die Herausforderung liegt bei den Schulen und Redaktionen, diese Freude zu erhalten, indem sie das Engagement dafür unterstützen und im Berufsalltag die zur Umsetzung notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Dadurch könnte das vielfach gewünschte Potenzial der kritischen Berichterstattung bei den „jungen Wilden“ erhalten bleiben. Nur so können die Medien ihrer Funktion als „vierte Gewalt“ auch in Zukunft gerecht werden.// Literatur:

Die Autorin Rebekka Merholz hat an der Heinrich-

Heine-Universität Düsseldorf Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Kommunikations- und Medienwissenschaft studiert und war parallel journalistisch tätig. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit hat sie das Rollenselbstverständnis von Nachwuchsjournalisten untersucht. Seit November 2011 ist sie als Redaktionsvolontärin bei Radio Wuppertal beschäftigt.

Rechtschreibcoaching für Fachredakteure Stellen Sie Ihr eigenes Programm zusammen!

Fordern Sie Material an: Dr. Ines Jape · schreibrat@gmx.de


32 DFJV INTERN Fachjournalist No .1 2012

Dr. Werner Mussler erhält Deutschen Fachjournalisten-Preis 2011

v. l.: Dr. Werner Mussler, Prof. Dr. Siegfried Quandt; Fotos: F. A. Z. / Frank Röth

Am 14. November 2011 wurde dem Wirtschaftskorrespondenten der Frankfurter Allgemeine Zeitung in Brüssel, Dr. Werner Mussler, im Rahmen einer Feierstunde in Frankfurt der Deutsche Fachjournalisten-Preis 2011 verliehen. Mit dem Preis würdigt der DFJV jährlich besondere fachjournalistische Leistungen bei der kompetenten Vermittlung komplexer und wichtiger Themen. Die Wahl der Preisträger wird vom Präsidium getroffen. Dr. Werner Mussler war bis 1998 in der Wirtschaftswissenschaft tätig. Als Journalist arbeitete er zunächst für das Handelsblatt, 2002 wechselte er zur Frankfurter Allgemeine Zeitung (F. A. Z.). Seit 2004 ist er Wirtschaftskorrespondent der F. A. Z. in Brüssel. Schwerpunkte seiner Berichterstattung sind die Wirtschafts-, Währungs- und Wettbewerbspolitik.

Fragen zu stellen und mit wohltuender Distanz trotz vieler Nebelwörter der Politik ein klares Bild zu entwerfen“.

Die Berichterstattung Dr. Musslers zeichne sich durch eine eindrucksvolle Verbindung zwischen „systematischer Analyse und verständlicher Darstellung aus“, so Prof. Dr. Siegfried Quandt, Präsident des DFJV, in der Begründung für die Auszeichnung. Dies zeige sich zum Beispiel in aktuellen Beiträgen Musslers zur europäischen Staatsschuldenund Finanzkrise. Dr. Mussler wisse „immer die richtigen

Laudator war Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué von der Universität Magdeburg, ehemaliger Finanzminister von SachsenAnhalt. Mussler formuliere sachlich, präzise und prägnant. Kein Brüsseler Korrespondent habe „im vergangenen Jahr so schnell und klar wie Werner Mussler erkannt, dass die Politik die Prinzipien der Europäischen Währungsunion opfert“, so Prof. Paqué in seiner Laudatio.//

v. l.: Laudator Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué, Preisträger Dr. Werner Mussler, Prof. Dr. Siegfried Quandt, Präsident des Deutschen FachjournalistenVerbandes; Fotos: F. A. Z. / Frank Röth


DFJV INTERN 33 Fachjournalist No .1 2012

Premiere von dfjv:konnekt zum Thema Crowdfunding Am Dienstag, dem 25.  Oktober 2011, fand im Berliner Radialsystem V die Premiere von dfjv:konnekt, dem neuen Veranstaltungsformat des DFJV, statt. Das Thema der Auftaktveranstaltung lautete: „Crowdfunding – Finanzierungsmodell für freie Journalisten und Fotografen (-netzwerke)?“ Einen einführenden Vortrag mit Zahlen und Fakten zum Status quo und der Zukunft von Crowdfunding hielt Karsten Wenzlaff, Geschäftsführer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien (ikosom). Welche Potenziale und Herausforderungen, aber auch Grenzen bei der Finanzierung journalistischer Projekte über Crowdfunding bestehen, dazu sprachen Nicole Walter, Chefredakteurin des Blogs „bier statt blumen“, Florian Siebeck, Redakteur und Mitgründer des Herznote Verlags, Dr. Andrea Kamphuis, freie Publizistin und Buchautorin und Hagen Linder, Projektmanager bei der deutschsprachigen Crowdfundingplattform startnext.de. Moderator des Abends war Dr. Leonard Novy vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik und Projektleiter der Umfrage Journalismus 2020 der Stiftung Neue Verantwortung ( → S. 09 ). Für diejenigen, die an dfjv:konnekt weder vor Ort in Berlin noch per Livestream und Twitter teilnehmen konnten, steht der 90-minütige Videomitschnitt der Veranstaltung online zur Verfügung. Ebenso abzurufen sind eine Fotogalerie sowie ein Interview der Fachjournalist-Podcast-Redaktion mit Dr. Andrea Kamphuis, die im Frühjahr 2011 mithilfe von Crowdfunding 8.000 Euro für die Realisierung eines Sachbuchs über Autoimmunkrankheiten eingeworben hat.// Alle Links finden Sie hier: http://conference.make.tv/dfjv-konnekt Wer sich über das Format und die Idee von dfjv:konnekt informieren möchte, findet weitere Informationen hier: http://www.dfjv.de/leistungen/veranstaltungen.html

02

01

03

04

01: Hagen Lindner, Projektmanager der Crowdfundingplattform startnext.de; 02: Es diskutierten v. l.: Karsten Wenzlaff, Nicole Walter, Dr. Leonard Novy, Dr. Andrea Kamphuis, Hagen Linder und Florian Siebeck; 03: Get together; 04: Fragen kamen aus dem Publikum und über Twitter; Fotos: Stephan Pramme


34 DFJV INTERN Fachjournalist No .1 2012

Bundessozialgericht: Onlinejournalist darf sich über Künstlersozialkasse (KSK) versichern Das Bundessozialgericht (BSG) hatte sich kürzlich mit der Frage zu beschäftigen, inwiefern ein Onlinejournalist einen Anspruch darauf hat, sich über die Künstlersozialkasse (KSK) zu versichern, wenn er auf seiner Webseite kostenlos Artikel zum Abruf bereithält, seine Einnahmen jedoch überwiegend durch den Verkauf von Werbeflächen erzielt.

regelmäßig zu Rechtsstreitigkeiten. Dass sich das Führen eines Prozesses lohnen kann, zeigt der betreffende Fall.

Die KSK bietet selbstständigen Künstlern und Publizisten viele Vorteile, beispielsweise eine günstige Kranken- und Pflegeversicherung sowie eine eigene Altersvorsorge. Die Beiträge werden nur zu einem geringen Teil von den Versicherten selbst übernommen; die Finanzierung erfolgt zum großen Teil durch die Abgaben der Auftraggeber sowie eine Bezuschussung durch den Bund. Daher ist die jeweilige finanzielle Belastung für den einzelnen Künstler meist recht überschaubar (vgl. hierzu auch den kostenlos abrufbaren DFJV-Leitfaden zur KSK: http://bit.ly/g4q8M8).

Die hieraus erzielten Einnahmen lagen unter dem Grenzbetrag von 3.900 Euro / Jahr und damit unter der Geringfügigkeitsgrenze des Künstlerversicherungsgesetzes. Danach wäre diese publizistische Tätigkeit grundsätzlich versicherungsfrei. Da der Kläger darüber hinaus jedoch Werbeeinnahmen bis zu 21.000 Euro erzielte und damit deutlich über der Geringfügigkeitsgrenze lag, beantragte er die Feststellung der Versicherungspflicht bei der KSK.

Dementsprechend groß ist das Interesse, bei der KSK versichert zu sein. Häufig ist die Frage, wer tatsächlich berechtigt ist, die Privilegien in Anspruch zu nehmen, immer schwieriger zu beantworten. Auch hinsichtlich der Beitragshöhe kommt es

Der Journalist verfasste seit dem Jahr 2001 eigene Artikel zum Thema „Internet“ und stellte diese kostenlos auf seiner Internetseite zur Verfügung. Nur vereinzelt verkaufte er die Publikationen als Auftragsarbeit.

Diese lehnte ab. Begründung für diese Entscheidung war, dass die aus dem Verkauf von Werbeflächen bezogenen Einnahmen nicht als Einkünfte aus publizistischer Tätigkeit gewertet werden könnten und damit keine KSK-Pflicht bestehe. Der Kläger legte hiergegen Rechtsmittel ein und unterlag in den Vorinstanzen. Damit


35 Fachjournalist No .1 2012

Fachjournalist Fa ch j o u r n a l i s m u s , Fa ch - P R & Fa ch m e d i e n

IMPRESSUM

blieb ihm nur der Weg vor das Bundessozialgericht. Das Bundessozialgericht gab dem Kläger schließlich Recht. Die Vorinstanzen hatten zu Unrecht die Versicherungspflicht bei der KSK abgelehnt. Das Urteil (BSG Urt. v. 21.07.2011 – Az.: B 3 KS 5/10 R) wurde wie folgt begründet: Ein Arbeitseinkommen gilt nach den Vorschriften des Künstlersozialversicherungsgesetzes als „aus selbstständiger künstlerischer und publizistischer Tätigkeit“ erzielt, wenn ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der künstlerischen bzw. der publizistischen Tätigkeit und den Einnahmen bestehe. Dabei reiche nach Ansicht des Gerichts ein mittelbarer Zusammenhang aus. Dieser liege auch dann vor, wenn die Gegenleistung im weitesten Sinn für die journalistische Tätigkeit erfolgt sei. Eine direkte Verknüpfung von Zahlung und Arbeitsleistung sei demnach nicht erforderlich. Damit stehe der Verkauf von Werbeflächen auf der Webseite des Klägers in entsprechendem mittelbaren Zusammenhang mit seiner journalistischen Tätigkeit. In wirtschaftlicher Hinsicht sei der Verkauf von Werbeflächen notwendige Bedingung für die Ausübung seiner Tätigkeit unter Verwendung des Mediums Internet. Gerade im Bereich der Onlinepublikationen habe sich eine GratisKultur entwickelt, durch die es fast selbstverständlich geworden sei, dass auch professionelle journalistische Informationen kostenfrei zur Verfügung gestellt würden. Aufgrund dieser Entwicklung bestehe eine gewisse Notwendigkeit der Refinanzierung, so dass journalistische Leistungen heutzutage grundsätzlich über Werbeeinnahmen finanziert werden. Im Fall des Klägers bejahte das Gericht daher eine wirtschaftliche und organisatorische Verknüpfung. Die Veröffentlichung der Texte und die Refinanzierung durch Werbeeinnahmen bildeten so die geforderte einheitliche Tätigkeit. Für den Kläger war es ein langer und mühsamer Weg, um schlussendlich doch zu seinem Recht zu kommen. Die Mitglieder des DFJV können hiervon nun profitieren und sich in entsprechenden Fällen auf dieses aktuelle Urteil beziehen.//

Herausgeber Prof. Dr. Siegfried Quandt (Präsident des DFJV) DFJV Deutscher Fachjournalisten-Verband AG Verlag DFJV Deutscher Fachjournalisten-Verband AG Hegelplatz 1, 10117 Berlin Telefon 030 / 81 00 36 88 0 Fax 030 / 81 00 36 88 9 Chefredaktion Lars von Hugo (V.i.S.d.P.) fachjournalist@dfjv.de Redaktionsbeirat Gabriele Bartelt-Kircher, Leiterin der Journalistenschule-Ruhr . Markus Becker, Leiter des Ressorts Wissenschaft bei Spiegel-Online . Prof. Dr. Udo Branahl, Institut für Journalistik an der Universität Dortmund . Prof. Dr. Ulrike Buchholz, Fachbereich Informations- und Kommunikationswesen an der Fachhochschule Hannover Prof. Dr. Rainer Burchardt, Lehrbeauftragter für Media Management an der Fachhochschule Kiel . Prof. Dr. Giso Deussen, ehem. Leiter des Studiengangs Technikjournalismus an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg Walter Engstle, Geschäftsführer der UVK Verlagsgesellschaft, ›Reihe Praktischer Journalismus‹ . Prof. Dr. Christoph Fasel, Professur für Medien- und Kommunikationsmanagement, SRH Hochschule Calw . Dr. med. Christoph Fischer, Facharzt und Lehrbeauftragter an der Hamburg Media School Wolfgang Goede, M. A., Wissenschaftsredakteur der Zeitschrift P. M. . Dr. Gabriele Hooffacker, Leiterin der Journalistenakademie München . Prof. Dr. Guntram Platter, Professur für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, FH Eberswalde A. o. Prof. Dr. Dr. Benno Signitzer, Fachbereich Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg . Werner Starz, M. A., Direktor Marketing und Kommunikation bei Eurosport . Prof. (em.) Dr. Jan Tonnemacher, Lehrstuhl für Journalistik II an der Katholischen Universität Eichstätt . Eva Wiese, Technology Communications, Daimler Chrysler Illustration, Satz und Layout Esther Schaarhüls Druck CW Niemeyer Druck GmbH, Hameln Anzeigen anzeigen@dfjv.de Die aktuellen Mediadaten des Fachjournalist erhalten Sie auf www.fachjournalist.de Autoren dieser Ausgabe Alexander Gerber . Cordula Nussbaum . Dominic Schwickert . Frank C. Biethahn Kira Crome . Leonard Novy . Lothar Lochmaier . Rebekka Merholz Leserbriefe wie Statements, Anregungen, Lob und Kritik bitte an: leserbriefe@dfjv.de Erscheinungstermine: Der Fachjournalist erscheint quartalsweise. Mitglieder des Deutschen Fachjournalisten-Verbandes erhalten den Fachjournalist kostenfrei. Rechtliches Der Inhalt namentlich gekennzeichneter Beiträge spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider. Bei Einsendung von Manuskripten wird das Verständnis zur vollen oder auszugsweisen Veröffentlichung (Print und Online) vorausgesetzt. Hinweise für Autoren erhalten Sie unter www.fachjournalist.de ISSN 1860-2827

Angeschlossen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW)


Zur Zukunft der Wirtschaftsmedien Zwischen Existenzkrise und Erfolgskalkül

Journalismus in der digitalen Moderne Ergebnisse aus dem Projekt „Zukunft des Journalismus“ der Stiftung Neue Verantwortung

NACHHALTIGKEIT Wie "grün" ist die Medienberichterstattung?

Wer hat an der Uhr gedreht? Zeitmanagement für Fachjournalisten

Rechtspraxis für Journalisten TRENDSTUDIE WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION Die Chancen und Risiken der nächsten Entwicklungsstufe

Verlieren die Wachhunde ihre Zähne? Zum Rollenselbstverständnis von Nachwuchsjournalisten


Fachjournalist - Januar 2012  

Das Onlinemagazin „Fachjournalist“ wird vom Deutschen Fachjournalisten-Verband (DFJV) herausgegeben. Auf www.fachjournalist.de publizieren w...

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you