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Die Zeitung der Roten Fabrik | August 2010 | Nr. 263


Wege zum Glück Zeitung der Roten Fabrik – Die Yoga Ausgabe

ÜB' DICH GLÜCKLICH von IMRE HOFMANN Wenn ich gebeten werde, aus philosophischer Perspektive ein paar Überlegungen zum Thema Yoga anzustellen, dann drängt sich für mich die Frage auf, wie wir – und hier beziehe ich mich mit ein – eigentlich dazu kommen, uns angesichts eines breiten Angebots unterschiedlicher gymnastischer Ertüchtigungsformen für genau jenes zu entscheiden, von dem wir wissen, dass es eigentlich in ein religiös-philosophisches Weltbild eingebettet ist, das wir in der Regel nicht teilen. Ich meine, betrachten wir uns nicht alle als mehr oder weniger vernünftige und aufgeklärte Menschen, die in der Schule so ein paar Grundsätze über Aufbau und Funktion von Körper und Psyche vermittelt bekommen haben? Und dann lassen wir uns etwas von Chakren und Kundalini oder gar vom Atman erzählen und nehmen das ohne den geringsten Widerspruch einfach so hin. Wie komme ich dazu, an die Wirksamkeit von dergleichen Übungen zu glauben, wenn ich weiss, dass die theoretischen Grundlagen, auf denen sie beruhen, meilenweit von meinen Überzeugungen über biologische und psychologische Zusammenhänge entfernt sind? Irgendwie scheint Yoga den Spagat hinbekommen zu haben, diesen intellektuellen Graben einigermassen problemlos zu überbrücken. Der beeindruckende Erfolg von Yoga in den westlichen Gesellschaften scheint sogar viel mehr darauf schliessen zu lassen, dass Yoga gerade einem so aufgeklärten Menschen wie mir auch einiges zu bieten hat, was er anderswo nicht mehr zu bekommen scheint. Mehr als nur Mode Auch wenn die Yogaschulen in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden schiessen, es greift zu kurz, wenn man Yoga bloss als kurzlebige Modeerscheinung abtut. Sicher ist es so etwas wie ein Zeitgeistphänomen, und als solches könnte es unter Umständen auch von etwas anderem ersetzt werden. Zugleich ist es damit aber auch ein aufschlussreicher Reflex unserer Gesellschaft, den man in einen grösseren Zusammenhang stellen kann. Yoga ist ja heute nicht mehr das Yoga, das es einmal in Indien war. Nicht, dass es etwas völlig anderes geworden wäre, aber die Transposition in einen anderen kulturellen Kontext hat den Begriff von Yoga verändert. Das Yoga, das wir heute in den westlichen Gesellschaften antreffen, hat seinen ursprünglichen

philosophischen Überbau grösstenteils eingebüsst und wird stattdessen durch neue kontextuelle Faktoren bestimmt. Ich kann mir aber vorstellen, dass der im Vergleich zu anderen gymnastischen Praktiken so durchschlagende Erfolg von Yoga durchaus damit zu tun hat, dass das moderne Yoga vom Wissen um dieses ehemals dazugehörige philosophische Weltbild profitiert. Um etwas paradox zu formulieren: Möglicherweise ist Yoga heute so erfolgreich, weil es zwar ursprünglich einer Heilslehre entstammt, die einer übergeordneten ganzheitlichen und stark spirituell ausgerichteten Philosophie zugehörte, und weil es mittlerweile als Übungspraxis aus den weiter reichenden theoretischen und ethischen Zusammenhängen dieser Philosophie herausgelöst wurde. Glück statt Erleuchtung Durch diesen Zwitterstatus lassen sich gleichzeitig zwei elementare, sich gegenseitig ausschliessende Bedürfnisse der an ihrer Vereinzelung und Entfremdung leidenden modernen Seele bedienen. Zum einen die Sehnsucht nach etwas, was ich Geborgenheit in der Ganzheit nennen würde, zum anderen der Anspruch, aus einer Vielzahl von Optionen diejenigen auszuwählen, die meinen Bedürfnissen entsprechen. Yoga verheisst heute nicht mehr Erleuchtung. Aber eben auch nicht nur Gesundheit: Yoga verheisst auch Glück. Und gegen den Wunsch, dieses zu erlangen, gibt’s kaum was einzuwenden. Sicher, es kann auch ganz schön anstrengend sein, immer dem eigenen Glück hinterher zu hecheln. Erst recht, wenn man sich dabei von der Werbung oder populären Heftchen leiten lässt. Die Erwartung glücklich zu sein kann einem daher schon fast diktatorisch und totalitär vorkommen oder vielleicht auch nur langweilig und uninteressant, weil ihr schliesslich alle blindlings zu folgen scheinen. Aber ich wüsste keine Alternative. Der Beschluss, sich dem Glück zu verweigern und ihm gezielt aus dem Weg zu gehen, mag zwar als radikale existenzialistische Haltung zur Bejahung von so etwas wie einer absoluten Freiheit literarisch interessant sein, aber ich bezweifle, dass ihn jemand von uns tatsächlich fassen wollte. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen Glückimperativ im Sinne der Formulierung: Werde Glücklich! gibt. Denn das Glück ist per Definition schlicht das, wonach wir von uns aus streben. Danach zu suchen, muss

sich was gutes tun Moira Lenz im Interview mit Dr. hedwig gupta Von allen asiatischen Gesundheitssystemen ist Yoga das wohl beliebteste – oder wie es Boris Sacharow, einer der Wegbereiter Yogas in der westlichen Welt formulierte: «Von Tag zu Tag schiessen neue Yogapilze aus dem durch üppige Phantasie übersättigten Boden der Orientalistik». Doch was ist an Yoga tatsächlich dran? Dr. Hedwig Gupta erklärt im Gespräch mit der Fabrikzeitung, was Yoga kann und wie es sich im Laufe der Jahrtausende verändert hat. Doktor Gupta, jüngst wurde in einer Studie belegt, dass Bittergurke gegen Diabetes hilft – Ayurveda nutzt sie dafür bereits seit Jahrtausenden. Aber was steht eigentlich hinter Ayurveda und Yoga? Hier werden sie mehr als Wellness-Behandlungen denn als «echte» Medizin wahrgenommen: ein bisschen Bewegung, eine angenehme Ölmassage... Ich komme aus einer stark naturwissenschaftlich-schulmedizinisch geprägten Familie. Mit Interesse und Skepsis gleichermassen habe ich mich seit Mitte der 1990er Jahre der ganzheitlichen Vorstellung von Yoga und Ayurveda in Indien genähert: Ayurveda sieht die Welt in klein in jedem Individuum, weil alles aus den gleichen Bausteinen aufgebaut ist – dem Einfluss der fünf Elemente Feuer, Wasser, Erde Luft und Raum. Daraus entstehen im lebenden Organismus zum einen die Gewebe und zum anderen die Doshas, die drei Kräfte, die das Funktionieren des Individuums kontrollieren. Wenn die Energien im Gleichgewicht sind, funktioniert alles gut, wenn sie ins Ungleichgewicht geraten, tragen sie allerdings den Fehler ins System. Sowohl funktionelle als auch schwerwiegende

Erkrankungen können mit diesem ganzheitlichen System behandelt werden: In den Hochzeiten des Ayurveda vor 2000 Jahren nahm man bereits Nasenplastiken oder Linsenentfernungen vor, auf ganz ähnliche Weise wie heute. Und wie passt Yoga in dieses System? Es handelt sich dabei um zwei völlig getrennte Systeme. Yoga wird in der klassischen Literatur des Ayurveda nur einmal genannt, trotzdem sind aber beide vedischen Ursprungs – es gibt also keine Übersetzungsschwierigkeiten. Sie nutzen Yoga in Ihrer eigenen Praxis therapeutisch. Was kann Yoga? Lässt sich die Wirkung von Yoga überhaupt medizinisch nachweisen? Yoga ist wissenschaftlich erheblich besser verstanden als zum Beispiel Physiotherapie, die Bandbreite der Studien hat einen Evidenzgrad, von dem die Schulmedizin auf manchen Gebieten nur träumen kann. Die einzelnen Aspekte haben natürlich verschiedene Wirkungen. Man kann versuchen, die Wirkungen der einzelnen Übungen zu verstehen und mit diesem Wissen die richtigen Übungen herauszusuchen. Was heisst das konkret? Die regelmässige Ausübung von Yoga hat eine breite Wirkung: Die Lungenfunktionsparameter verbessern sich, die Ruheatmung erreicht eine niedrigere Frequenz, der Gasaustausch und Energieumsatz wird optimiert. Yoga sorgt für eine Beschleunigung der Verdauungs- und Ausscheidungsfunktionen, der Blutzucker stabilisiert sich, Stresshormone im Blut nehmen ab.

uns niemand befehlen. Das tun wir einfach. Wir wollen glücklich sein. Die Diskussion, was denn mit «Glück» genau gemeint ist, lasse ich für einmal bleiben und möchte für meine Zwecke bloss festhalten, dass wir, wenn wir nach einem glücklichen Leben streben, wohl weder so etwas wie eine unablässig andauernde Euphorie, also ein endloses Glücksgefühl, noch so etwas wie eine endlose Aneinanderreihung von uns wohlgesonnenen Zufällen meinen. Glücklich sein hat sicher etwas mit einer subjektiven Befindlichkeit zu tun, aber eben auch mit Dingen, die man getan und erreicht hat. Und es sollte uns am Schluss unseres Lebens die Bilanz gestatten, dass wir ein bejahenswertes Leben geführt haben. Der Begriff des Glücks enthält daher zumindest auch einen Rest von Ganzheitlichkeit. Doch viel Konkreteres lässt sich dazu dann auch schon kaum mehr sagen, geschweige denn vorschreiben. Denn was mich glücklich macht, ist nicht unbedingt das, was dich glücklich macht. Da gibt es beträchtliche individuelle Unterschiede und man muss in der Regel einige Erfahrungen gesammelt haben, bis man selber weiss, was einen glücklich macht. «Glück» ist insofern ein formales Konzept, als wir zwar alle danach streben, die konkreten Inhalte aber für jede und jeden variieren. Leider bringt das Streben nach Glück noch einen anderen leidigen Aspekt mit sich. Es hat so etwas rational Kalkulierendes an sich, dass sich einem der Verdacht aufdrängt, das Glück sei letztlich eine Erfindung des bösen Kapitalismus. Denn es gibt zwar keinen ethischen Imperativ, glücklich zu sein, aber es gibt durchaus einen, sein Glück zu verfolgen. Und das sollte man natürlich möglichst zielstrebig und strategisch und effizient und so weiter tun. Lauter Attribute, die man eher unsympathisch findet. Man ist doch lieber spontan, kreativ und emotional als so kühl und auf seinen Vorteil berechnend. Bloss, für das Glück ist das kein Problem. Schliesslich kann es auch eine Glücksstrategie sein, es ab und zu mal weniger strategisch anzugehen. Loszulassen. Übt man im Yoga. Warum mir so viel am Glück liegt? Weil es mir allemal lieber ist als sämtliche Heils- und Erlösungsversprechen, die auf ein Jenseits rekurrieren. Das Glück ist eine ethische Kategorie, mit der wir unser Tun und Lassen im Diesseits unseres Lebens verorten. Wenn es sich bei dem Begriff um ein Modephänomen handeln sollte, so doch zumindest um Eines, das dafür zu sprechen scheint, dass unsere Gesellschaft tatsächlich in einem säkularen Zeitalter angekommen zu sein scheint. Sprung in die Postmoderne geschafft Und genau diesen Übergang von einer metaphysisch aufgeladenen Heilslehre hin zu einer säkularen Glückstechnik scheint Yoga besser zustande gebracht zu haben als beispielsweise die westliche Philosophie. Schliesslich war es vor ziemlich langer Zeit auch einmal das Geschäft der Philosophie den Leuten zu erklären, was ein glückliches Leben ausmacht und wie man es womöglich erreichen könnte. Dummerweise geriet auch die Philosophie in

Muskeln arbeiten effektiver, man muss weniger Kraft für die gleiche Leistung aufwenden, die Beweglichkeit wird gefördert. Yoga hat auch neuropsychologische Wirkungen: Reaktionszeiten verkürzen sich, Nervosität nimmt ab, Konzentration wird gesteigert. Und Yoga hat eine nachweislich positive Wirkung auf das Selbstbild, es lässt sich eine geringere Neigung zu neurotischem Verhalten und Depressionen feststellen, Menschen beschreiben sich als offener, extrovertierter. Die Schlaffähigkeit verbessert sich, ebenso die Stressresistenz. Das gilt für gesunde Menschen, was aber kann Yoga bei Kranken? Yoga ist kein Allheilmittel, dementsprechend ist es insbesondere bei den Krankheiten empfehlenswert, bei denen unspezifische und funktionelle Prozesse im Vordergrund stehen: Bei fiebriger Grippe zum Beispiel wäre Yoga eher kontraproduktiv. Wenn jemand bereits Yoga macht, dann sind zwar Atemübungen oder Mantras möglich, starke körperliche Übungen aber nicht zu empfehlen. Auch bei strukturell fortgeschritten Krankheiten wie zum Beispiel einem die Nervenwurzel abdrückenden Bandscheibenvorfall hilft Yoga nicht, weil das strukturelle Problem dann nicht mehr mit funktionellen Methoden behoben werden kann. Wenn aber eine generelle Neigung zu Rückenschmerzen besteht, kann man über Yoga sehr viel erreichen. Yoga direkt nach einem Herzinfarkt ist nicht angebracht, da ist es besser, sich auf die moderne Intensiv-Medizin zu verlassen. In der Rehabilitation und Prävention hingegen ist Yoga extrem effektiv – aber man muss wissen wann und wie. Dafür ist es extrem wichtig, gut ausgebildete Yogalehrer aufzusuchen. Wie kann man einen ernsthaften Yogalehrer von andern unterscheiden? Das ist in Deutschland relativ einfach, es gibt einen Dachverband, den Bund der Deutschen Yogalehrer, BDY, der mit der Europäischen Yoga Union, EYU, die Minimalkriterien für Yoga-LehrerAusbildung festlegt. Bei Yoga-Therapeuten sieht es schon anders aus: Ich bilde zwar selbst Yogalehrer mit BDY/ EYU-Abschluss weiter zu Therapeuten aus, aber das steckt alles noch sehr in den Kinderschuhen, es gibt noch keinen anerkannten Abschluss. Wenn man auf Grund von bestimmten Erkrankun-

den Sog der allgemeinen Ausdifferenzierung und Spezialisierung der modernen Gesellschaften, und so verkam sie zur akademischen Disziplin und zur begrifflichen Spitzfindigkeit. Im besten Fall können die PhilosophInnen heute gerade noch theoretisch erörtern, was es heisst, glücklich zu sein, aber sie haben sich längst davon verabschiedet, uns praktische Anleitungen, geschweige denn konkrete Übungen zur guten Lebensführung mit auf den Weg zu geben. Und dabei wissen wir doch alle, dass alles Schwierige – und da gehört das Leben nun mal mit dazu – nicht nur theoretisch gelernt, sondern auch praktisch geübt werden muss, will man es können. Yoga springt hier in die Bresche, indem es sich als praktisch ausübbare Methode anbietet. Dabei profiliert es sich dadurch, dass es zwar ein ganzheitliches Menschenbild propagiert, bei dem Körper und Geist und was da sonst noch dazu gehören mag in ein harmonisches Verhältnis gebracht werden, das auf ausgeglichene Befindlichkeit abzielt. Zugleich, und damit ist es wieder voll zeitge mäss, verfolgt es dieses Anliegen vor allem durch eine körperliche Herangehensweise, man macht also insbesondere gymnastische Übungen. Zeitgemäss ist das, weil es unserem wissenschaftlichen Weltbild entspricht, das sich ja immer lieber an die physischen, weil leichter objektivierund messbaren Entitäten hält, und weil es wiederum Ausdruck des voran schreitenden Säkularisierungsprozesses ist. Die Sorge ums endliche Selbst beginnt am eigenen Leib. Das unmittelbare Ziel von Yoga ist daher zunächst einmal auch nicht Glück, sondern Gesundheit. Aber eben eine Gesundheit, die als körperliches und seelisches Wohlbefinden, sprich Wellness, schon sehr nah ans Glücklichsein reicht und dieses als Versprechen mit sich führt. Weil das moderne, westliche Yoga sich aus seinem traditionellen philosophischen Kontext weitestgehend herausgelöst hat, entspricht es zudem einer anderen zentralen Anforderung unserer Gesellschaft, mit der beispielsweise Religionen mit Totalitätsanspruch viel weniger gut klar kommen. Yoga kann heute als einzelnes Versatzstück in die alltägliche Gestaltung unseres Lebens problemlos mit anderen, völlig anders gearteten Aktivitäten und Engagements zusammen gefügt werden. Auch als Schweizer Demokrat, und selbst als Christin kann ich problemlos Yoga machen. Yoga passt heute daher trotz seines ursprünglich universalistischen und ganzheitlichen Ansatzes bestens zum postmodernen Eklektizismus und Individualismus, der uns gleichzeitig die unterschiedlichsten Angebote nach eigenem Belieben kombinieren lässt, ohne dass wir dafür die weiter reichenden ethischen und theoretischen Verbindlichkeiten eingehen müssten, die mit der Übernahme eines religiösen oder philosophischen Weltbildes einher gehen. Yoga kommt diesem Trend selber entgegen, indem es eine Vielfalt von Varianten entwickelt hat, unter denen für jeden Geschmack was zu finden ist. Es füllt damit die Lücke, die sich heute bei der Frage nach zeitgenössischen Lebensbewältigungspraktiken zwischen Religion und Wissenschaft bzw. Philosophie auftut.

gen Yoga therapeutisch einsetzen will, muss man also immer noch etwas suchen. Der Therapeut sollte über medizinisches Wissen verfügen, muss untersuchen und behandeln können und wissen, wo er anfangen und wo er aufhören soll. Am besten ist eine Therapie mit einem Yoga-Therapeut in Zusammenarbeit mit einem Arzt. Was macht Yoga so populär? Yoga macht man heute, wenn man «sich etwas Gutes tun» will. Aber in Indien ist es eine spirituelle Praxis, die über Jahrtausende keineswegs allen zugänglich war. Früher war es eine männlich dominierte Disziplin, das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Frauen praktizieren bis auf wenige Ausnahmen erst seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts Yoga. Damals haben einige Swamis erkannt, dass Yoga nicht nur für die spirituelle Entwicklung, sondern auch für ein ausgeglichenes, gesünderes und glückliches Leben sinnvoll ist, was für alle Menschen zugänglich sein sollte. Die Grundtechniken des Yoga sind schon Jahrtausende alt Entwickelt sich Yoga überhaupt noch weiter? Die Grundlagen ändern sich nicht, aber die Toleranz: Yoga wird natürlich banaler, wenn es nicht mehr primär um Erleuchtung geht, sondern darum, keine Rückenschmerzen mehr zu haben oder einen schöneren Körper. Vielfach gibt es dann zwischen Yoga und Gymnastik kaum noch Unterschiede. Aber positive Wirkungen lassen sich feststellen, auch wenn solche statistischen Untersuchungen schwierig sind, weil bei Yoga immer das individuelle System betrachtet wird. Und im Veda werden Krankheiten als Chance zur Veränderung und Vertiefung des Lebens gesehen. Manch einer beginnt Yoga wegen Rückenschmerzen und entdeckt dann die tieferen Erkenntnisse des Yoga für sich. Zur Person: Dr. Hedwig Gupta ist Fachärztin für Orthopädie und Rheumatologie mit weiteren Ausbildungen in Manueller Medizin, Akupunktur, Ayurveda und Yoga. In ihrer Arbeit vereint sie die schulmedizinische mit östlichen Diagnose- und Therapieformen. Sie lebt und arbeitet in Ludwigsburg. www.dr-gupta.de

Wenn frauen den pfau machen von milena moser «Ja, den Pfau schaff ich jetzt mühelos!» «Der Intensiv-Workshop hat es echt gebracht!» «Deine Arme sehen super aus!» «Und vom Pfau in den Handstand – kannst du das auch?» Ich stehe in der Garderobe eines Zürcher Yogastudios inmitten einschüchternd wohlgeformter Frauen in prächtigen Yogafederkleidern und fühle mich wie eine alte Ente. Der Pfau, genauer, die Pfauenfederstellung (Pincha Mayurasana) heisst nicht nur so, weil man, auf den Unterarmen balancierend, die Beine in die Luft streckt wie ein Pfau seine Federn, sondern auch, weil sie einen unweigerlich dazu verleitet, sich wie ein stolzer Vogel aufzuplustern: Schau mich an, schau, was ich kann! Auch wenn Gockelkämpfe eher Männern zugeschrieben werden: Frauen sind von Klein auf trainiert, sich miteinander zu vergleichen und aneinander zu messen. So auch in der Yogastunde. Ich merke, wie höchst unyogische Gefühle in mir aufsteigen. Doch wie sagt der gütige Mr. Desikachar? «Was immer dich zum Yoga bringt, ist gut.» Der Wunsch nach straffen Oberarmen ist ebenso legitim wie der nach Erleuchtung. Wobei Yoga weder das eine, noch das andere verspricht. Yoga ist ein Zustand. Yoga citta vrtti nirodah – Yoga ist das Innehalten der Bewegungen des Geistes. Diesem Zustand nähert man sich schrittweise, vom Einhalten bestimmter Verhaltensregeln im Alltag über Körperund Atemübungen bis zu Konzentrations- und Meditationstechniken. Das «Yoga Sutra» von Patanjali, das diese Schritte beschreibt, widmet gerade mal 3 von 246 Versen den Asana, den Körperstellungen, die geschätzte 99,9% des westlichen Yogaunterrichts ausmachen. Der hierzulande so beliebte Vinyasa-Yogastil mit seiner schnellen Abfolge von anstrengenden Stellungen basiert ironischerweise auf einer Uebungsreihe, die einst für pubertierende Jünglinge entworfen wurde. Ihr Ziel ist es, einen körperlich so auszupowern, dass man sich nachher, ohne von sexuellen Regungen abgelenkt zu werden, umso besser auf seine Studien konzentrieren kann. In Unkenntnis dieser Vorgabe werden diese Stunden heute mehrheitlich von meist jüngeren Frauen besucht und auch geleitet. Traditionell war Yoga allerdings Männern vorbehalten, bis Krishnamacharya, der Gründervater des modernen Yogas, anfangs des 20. Jahrhunderts von seinem Guru, mit dem er jahrelang in einer abgelegen Höhle geübt hatte, in die Welt hinaus geschickt wurde. «Heirate, gründe eine Familie, lebe ein ganz normales Leben», befahl der Guru. «Nur so kannst du erfahren, was ein ganz normaler Mensch braucht.» Die Herausforderung des Familienlebens in grosser Armut erfüllte Kirshnamacharya mit neuer Hochachtung für seine Frau, die er zur ersten Yogalehrerin überhaupt ausbildete. Der «Zustand Yoga», das Kontrollieren des Geistes, war von nun an nicht mehr das Ziel, sondern Mittel zum Zweck: Um den Alltag bewältigen, sein Potential ausschöpfen, und der Gemeinschaft von Nutzen sein zu können. Moderne westliche Frauen, die sich Yogaunterricht leisten, leben meist hochkomplexe Leben. Multitasking und Kontrolle heissen die (notorisch bröckligen) Stützpfeiler ihres Alltags. Im verzweifelten Bestreben, «alles» zu erledigen, und dabei ihren eigenen Ansprüchen an Perfektion zu genügen,

rollen sie den Felsbrocken ihres Lebens unermüdlich immer wieder den selben Steilhang hinauf. Genau so gehen sie anfangs auch ihr Yoga an: mit zusammengebissenen Zähnen. Mit dem festen Willen, es zu schaffen, es gut, und dann noch besser zu machen. Mit der ständigen Angst auch, nicht zu genügen. Nicht so beweglich, so stark zu sein, wie die da vorne, auf der Matte links. Doch so lässt sich Yoga langfristig nicht praktizieren. Die einen wenden sich deshalb bald einer effektiveren Form der Körperertüchtigung zu, während die anderen ihr Yogastudium vertiefen. Frauen, die seit zehn Jahren oder länger Yoga machen, beschreiben fast ausschliesslich eine Entwicklung weg von der reinen Asanapraxis. «Das Leben einer Frau ist schon anstrengend genug», sagt Gita Iyengar, Autorin von «Yoga für die Frau» und empfiehlt in erster Linie regenerierende Stellungen im Liegen, auf Kissen und Polster gestützt. Sich einfach nur hinzulegen - das fällt vielen Frauen erst einmal schwerer, als die Füsse im Nacken zu verschränken. Doch die Frage, ob man wie ein Pfau seine Federn spreizen kann, verliert mit der Zeit an Bedeutung. Yoga lehrt einen, sich auf das zu konzentrieren, was man gerade tut. Die Arme heben. Einatmen. Die Arme senken. Ausatmen. Den Atem mit der Bewegung zu verbinden: yogisches Multitasking. Kontrolle nur da auszuüben, wo sie auch möglich ist: über das eigene Verhalten, über den Atem, die Bewegung. Nicht aber über das Ergebnis. Der Moment der Stille zwischen dem Einatmen und dem Ausatmen lässt sich weder festhalten noch vorführen. Und doch, die Fähigkeit, im richtigen Moment auszuatmen, hat schon manche Frau vom Rand des Nervenzusammenbruchs auf den festen Boden zurückgeholt. Und manche alte Ente sanft von ihren gehässigen Gedanken befreit.


Wege zum Glück Zeitung der Roten Fabrik – Die Yoga Ausgabe

Ich werde erwachen. Ich werde das Glück am richtigen Ort suchen. Ich werde meinen Körper besser kennen lernen. Ich werde mich aktiv dem Glück öffnen. Ich werde Körper und Geist vereinigen. Ich werde meinen Geist beherrschen. Ich werde loslassen, was ich zu wissen glaube. Ich werde mich von der Illusion der Dualität befreien. Ich werde aus Liebe handeln. Ich werde mein Gleichgewicht gewinnen. Ich werde Momente ungetrübten Glücks erleben. Ich werde Lebensfreude in den Alltag bringen. Ich werde Bewunderung und Liebe erlangen. Ich werde über mich selbst hinaus wachsen. Ich werde die tieferliegenden Zusammenhänge erkennen. Ich werde ewig gesund sein. Ich werde die Ursachen meines Leidens erkennen. Ich werde mein Leiden beenden. Ich werde mich zur Glückseligkeit führen. Ich werde endlich in mir zu Hause sein. Ich werde Kräfte entdecken, die in mir schlummern. Ich werde eins sein mit der Wahrheit. Ich werde nicht denken. Ich werde Ruhe in die Wechselfälle des Lebens bringen. Ich werde meine verborgenen Wurzeln finden. Ich werde meine Gesamtpersönlichkeit finden. Ich werde in grosser Achtsamkeit mit mir umgehen. Ich werde ewig glücklich sein.


it is your right to be happy Be happy and free be happy all the time true happiness for ever enjoy the flow open your doors


find your inner paradise for your body and mind lift your spirits because you deserve it be yourself it’s all in (U)


Wege zum Glück Zeitung der Roten Fabrik – Die Yoga Ausgabe

Nimm nur, Entspannen was mit Lynch funktioniert Von Idolen, Sekten und Insekten von Anna K. Becker

von Etrit Hasler Der Asia-Boom der Siebziger Jahre bleibt nach wie vor verhaftet mit einer der prägendesten Figuren der damaligen Popkultur: Bruce Lee – Schauspieler, Kung-Fu Lehrer und nicht zuletzt Prediger eines etwas anderen Zugangs zu traditionellen Systemen. Als die Nachricht von Bruce Lees Tod im Juli 1973 durch die damals noch nicht ganz so global vernetzten Medien kursierte, schien es insbesondere in seiner Heimat Hong Kong zuerst wie ein schlechter Scherz. Gerüchte darüber, dass Lee erschossen, erstochen, enthauptet worden sei, entweder in einem Untergrund-Kampfsportturnier oder von einem geheimen Orden, kursierten zur damaligen Zeit alle paar Monate. Lee selber hatte noch kurz vor seinem Tod einem seiner Schüler erzählt, wie ihn ein Journalist aus Hongkong angerufen hatte und ihn gefragt hatte, ob er noch lebe. Seine Antwort: «Wenn ich tot bin, sind sie entweder ein Medium oder verrückt.» Doch dieses Mal war es kein Gerücht mehr: Bruce Lee, der wohl bekannteste Kampfsportler aller Zeiten war zuhause tot umgefallen. Hätte er nicht noch seinen letzten Film «Enter the Dragon» (dt. «Der Mann mit der Todeskralle») bereits abgedreht gehabt, wahrscheinlich wäre er eine Randnotiz in der Filmgeschichte Hollywoods geblieben: In seiner Heimat war Lee zwar bereits ein Star, dessen Filme alle Rekorde brachen, doch in den USA war er nur wenig bekannt. Ein paar erfolglose Filme, ein paar Rollen in eher schlechten TV-Serien (unter anderem in der heute nur noch bekifft erträglichen Batman-Serie mit Adam West) – nicht einmal die Hauptrolle für die von ihm erdachte Western-Kampfsportserie «Kung Fu» hatte er erhalten, weil sich das Studio entschied, ein asiatischer Hautpdarsteller sei ein zu grosses Risiko. Erst im Tod eine Ikone Doch nicht unähnlich, wie der Tod seines Sohnes Brandon Lee die Verfilmung des wenig bekannten Underground-Comics «The Crow» zum Blockbuster machen sollte, war Bruce Lees Tod mit schuld daran, dass «Enter the Dragon» und mit ihm sein Hauptdarsteller sich in die Annalen der Filmgeschichte einschreiben würden. Der erste asiatische Kampfsportfilm überhaupt, der von einer amerikanischen Filmgesellschaft (Warner Brothers) produziert wurde, entwickelte sich zum Kassenschlager des Jahres 1973 und spielte weltweit um die 90 Millionen US-Dollar ein – das bei einem Budget von 850‘000. Doch viel mehr als das löste der Film – und der Tod Lees – eine veritable Kung Fu-Manie in den USA aus: Die bereits erwähnte Fernsehsehserie «Kung Fu» - deren Hauptrolle an Lees Stelle David Carradine erhalten hatte -, die bis dahin kurz vor der Absetzung gestanden hatte, wurde plötzlich zum Hit – so sehr, dass Carradine die Rolle des Kwai Chang Caine nie mehr los würde; sein Comeback-Auftritt in Quentin Tarantinos «Kill Bill» spielt an mehreren Stellen auf die Serie an, sei das mit Carradines Flötenspiel oder der famosen «Fünf-Punkte-Pressur-HerzExplosions-Technik». Die Single «Kung Fu Fighting» des Jamaikanischen Soul Sängers Carl Douglas eroberte in England wie in den USA die Charts.

Und nicht zuletzt boomten die Kampfsportschulen. Kaum eine amerikanische Kleinstadt, in der nicht plötzlich eine Kung-Fu oder Karate Schule aus dem Boden schoss. Dabei hatte Lee, der sich selber gerade nicht als Schauspieler, sondern als Philosoph und Kampfkünstler (und eben nicht Sportler) verstand, immer wieder betont, dass er das «alte» System der Kampfkunst ablehnte. «Die lange Geschichte der Kampfkünste zeigt, dass der Instinkt zu folgen und Nachzuahmen den meisten Kampkünstlern, Lehrern und Schülern anhaftet», schrieb er in seinem Lehrbuch «Jeet Kune Do», in dem er die Grundlagen einer Kampfkunst erläutert, in der jeder Mensch seine eigene Form finden soll, anstatt sich einer bestimmten Schule zu verschreiben. «Diese Stile werden zu starren Einrichtungen mit ihren Erklärungen des Weges. Sie verzerren und isolieren die Harmonie von Festigkeit und Sanftheit.» Die Wahrheit vergessen Diese Ablehnung der klassischen Systeme fand denn auch ihren Weg in die mitunter bizarr anmutenden Verschwörungstheorien zu seinem Tod: So förderte nicht zuletzt das Bio-Pic «Dragon-the Bruce Lee Story» von 1993 zuletzt wieder die Theorie, Lee habe alteingesessene Kung-Fu-Meister verärgert, weil er das «wahre» Kung Fu verwässere und es obendrein auch noch nicht-Asiaten beibringe (eine Geschichte, die im latent rassistischen Plot von Karate Kid II 1986 wieder aufgenommen wird). Lee sei demnach von einer solchen Gruppe ermordet worden, und das Hirnödem, an dem er starb, sei von einem «Dim Mak»-Schlag (der Realwelt-version der «Kill Bill»-Fünf-Punkte-Technik) ausgelöst worden. Lee hätte zu seinen Lebzeiten über solche Thesen wohl nur müde gelächelt. Der bekennende Atheist bekundete immer wieder Mühe mit grossen, geheimen Wahrheiten. «Nicht das Erlernen der Wahrheit ist das Ziel, sondern das Vergessen der Wahrheit», schrieb er. Und: «Nimm nur das, was funktioniert, und nimm es woher du nur kannst.» So gesehen, hätte er wohl auch keine Mühe damit, wenn heute «Yoga für Manager» und «Kung Fu als Selbstfindung» angeboten werden, oder sich eine klassische Sauna im asiatischen Dekor «Asia Spa» nennt. Die wohl schönste Annäherung an diese Form des Denkens findest sich im Schluss der Kung Fu Komödie «Shaolin Soccer» von Stephen Chow: Kung Fu ist so alltäglich, dass Menschen ihre Autos mit Kicks in Parklücken treten, anstatt mühsam einzuparkieren.

David Lynch, Idol einer ganzen Generation von Kunstschaffenden, verbringt einen Grossteil seines Lebens mit Transzendentaler Meditation. Muss ja gut sein, wenn es einen auf solche Ideen bringt, sagt sich Anna K. Becker und macht sich auf zum Selbstversuch. Filme von David Lynch «treffen» mich in besonderer Weise. Da bin ich nicht die Einzige, der das so geht, im Gegenteil. Es gehört geradezu zum Habitus der Kunstschaffenden, zu denen ich mich als freie Theatermacherin zähle, Lynch-Filme zu mögen, ja zu verehren, zu analysieren, zu diskutieren, ebenso wie es zum Habitus der Kunstschaffenden gehört, immer wieder Selbstfindungsversuche zu betreiben. Dass der Filmemacher David Lynch sich der Transzendentalen Meditation TM verschrieben hat, ist im Grunde nichts Neues. Er erlernte diese Technik bereits während den Dreharbeiten zu seinem ersten Spielfilm «Eraserhead». In den Fokus rückte er diese Tatsache im Jahr 2005 als er seine «David Lynch Foundation for Consciousness Based Education and World Peace» ins Leben rief, die Stipendien zum Erlernen der TM vergibt und ein auf Bewusstseinsbildung gegründetes Bildungs- und Erziehungswesen propagiert. Hommage an den Guru Seit 2009 ist er mit den Dreharbeiten zu seinem neuen Film beschäftigt, einer Art Dokumentarfilm über den Begründer der TM Bewegung, Maharishi Mahesh, Yogi der das TM Programm seit 1975 weilweit lehrte und der 2008 verstarb. Ein Lynchfan im cinefacts Internetforum findet: «Naja, es wäre mir zwar lieber, wenn er einen neuen Spielfilm ankündigen würde, aber besser als nichts» und da ist er bestimmt nicht der Einzige. Nach «Inland Empire» wartet man schon lange auf seinen nächsten «richtigen» Kinofilm. Aber Lynch will nun mal seinen Guru Maharishi portraitieren, dessen Popularität besonders anwuchs, als ihn die Beatles, die Stones und andere Stars für sich entdeckten, danach erst ein bisschen in Verruf, und dann etwas in Vergessenheit geriet, was sich jetzt wieder ändern soll. «Es wird kein sogenannter David Lynch Film: Es wird um Maharishi gegen und das

Wissen, das er mit brachte, da werden viele Abstraktionen enthalten sein,» verkündet Lynch in einem Interview. Als Recherche ziehe ich plötzlich einen Selbstversuch in Erwägung, das Meditieren auszuprobieren. Aber wie? Auf der offiziellen deutschen Homepage der TM-Organisation lerne ich, dass diese Meditationsform sich von allen andere unterscheidet, da sie für jeden mühelos erlernbar ist. Unabhängig von religiöser Ausrichtung, kulturellem Hintergrund und Intelligenz sei TM eine ganz natürliche Praxis, die keine Konzentration bedarf, keine Anstrengung, im Gegenteil. Sie soll mich an einen Ort des reinen Bewusstsein bringen, der mich mit einem universellen Wissen vereint, Kreativität und Intelligenz die allen Menschen gleichermassen als Quelle zur Verfügung steht – so weit, so gut. Auch bedarf es dafür lediglich einen ruhigen Raum, und 20 Minuten Zeit, in denen man lediglich sitzend und mit geschlossenen Augen ein Mantra still wiederholt, und transzendiert... Das sollte möglich sein, denke ich und sehe mir ein paar Fernseh-Interviews auf «youtube» an, in denen Lynch über die TM spricht. Das sie ihn zu einem anderen, besseren Menschen gemacht haben, das er früher ein wütender Mensch war, und durch die TM eine bessere Lebensqualität gewonnen hat, im stressigen Filmgeschäft besser zurechtkommt, auf seine innere Stimme hören und in Ruhe Ideen «fischen» und seinen Fang bestaunen kann, ohne sich von der fordernden, Filmindustrie dabei stören zu lassen. Überhaupt sei die TM der weg zur Glückseligkeit, in Schulen unterrichtet, könne sie Aggressionen und Gewalt verhindern, und global gesehen kann die TM zu einer friedlichen Welt führen. Das klingt toll, denke ich, wer braucht das nicht? Eine erfolgsdruck-resistente Gelassenheit... Auch seiner Interviewerin legt Lynch nah, die TM auszuprobieren, und berichtet vom Ablauf einer solchen Meditation. Das er sogar 2 mal täglich 20 Minuten meditiert, und seit über dreissig Jahren keine einzige Sitzung mit sich selbst ausgelassen hat. Das beeindruckt auch die Interviewerin, die - um es sich vorstellen zu können, nach seinem Mantra fragt. Das kann Lynch ihr aber leider nicht verraten, da es jedem

Unterwegs in indien Ein selbstversuch von Dieter Stocker Es ist Morgen. Auf dem Weg von meinem Gasthaus zum Yogaunterricht gehe ich der Hati Gali entlang, was auf Hindi soviel wie Elefantengasse heisst. Ein gewagter Name für eine so enge Gasse. Eine Hupe ertönt hinter mir. Ich schrecke auf und gehe zur Seite. Eine indische Familie fährt auf dem Motorrad neben mir vorbei, die Mutter mit dem Kind auf dem Rücksitz. Es grenzt an ein Wunder, dass es hier kaum Unfälle gibt. Auf dem Markt verkaufen die Bauern ihre Milch und die Händler rufen ihre Angebote aus oder streiten mit dem Nachbarn, der seine Preise zu tief angesetzt hat. Schon frühmorgens herrscht hier ein grosses Menschengedränge. Zügig gehe ich weiter zum Quai des Ganges. Von weitem rufen mir die Bootsmänner zu - Obwohl ich schon seit einigen Wochen jeden Tag hier vorbei komme, scheinen sie ihre Hoffnung nicht aufzugeben, dass ich vielleicht eines Tages doch noch ihr Boot für eine Stunde zu 100 Rupien mieten würde. Mein Weg führt am heiligen Fluss entlang. Hier waschen sich jeden Morgen die Inder mit dem Wasser ihrer Mutter Ganges. Auf den Dächern tummeln sich kleine Äffchen. Hungrige Ziegen und streunende Hunde mit nur drei Beinen und blutigen Kopfwunden begleiten mich. Ein Drogendealer fragt mich, ob ich mich für «something special» interessiere. Er scheint selbst sein bester Kunde zu sein. Masseure, Rickshaws und Strassenhändler Ich komme am Burning Ghat vorbei. Es riecht nach verbranntem Fleisch. Ich verdecke mir die Nase und Mund. Hier werden die Leichen nach religiösem Ritus verbrannt. Auch an diesem Ort herrscht emsiges

Geschäftstreiben. Hier wird über den Preis des Holzes zur Verbrennung der Angehörigen gefeilscht. Etliche Inder rufen mir zu und wollen sich mit mir unterhalten, ich stelle mich taub. Zu viele Male bin ich in die Falle irgendwelcher Händler und falscher Stadtführer getappt. Ich komme am Mainghat an, hier treffen sich die Masseure von Indien. An den Touristen sind sie besonders interessiert, da diese besser bezahlen. Sie beginnen meistens mit der Massage bevor ich überhaupt zusage, ich versuche sie abzuwimmeln, indem ich die Treppe hochgehe, vorbei an den verkrüppelten Bettler zur Hauptstrasse. Hier fahren die Velo- und Motorickshaws, die indischen Taxis und die Polizeiautos. Die Kühe sitzen gemütlich mitten auf der Strasse und werden umfahren. Verkehrsregeln gibt es keine, es herrscht konstanter Stau und Huplärm. Die Rikshawfahrer halten neben mir an und bieten mir ihre Dienste an. In Indien scheint man kein «Nein» zu akzeptieren. Ich verschwinde in die Menschenmenge. An der Strasse wollen mir etliche Verkäufer Souvenirs, Schmuck, Esswaren, Kleider, Zeitungen und Spielwaren andrehen, ich ignoriere sie und gehe meines Wegs. Es duftet intensiv. Ich rieche Chai Tee, den die Inder bei jeder Gelegenheit trinken, und das siedende Öl der Restaurants. Eine Welle unterschiedlichen Gewürzdufts steigt mir in die Nase - und dann der bekannte Geruch eines Kuhdungs, in den ich gerade getreten bin. Ich biege in eine schmale Gasse, der Lärm verstummt. Ich bin bei meiner Yogaschule angekommen. Während der Lektion gibt es nur mich und meinen Körper. Ich konzentriere mich auf den Atem und beruhige meinen Geist. In dieser Stadt

persönlich zugewiesen wird, und als Geheimnis gehütet wird. Aha: Ohne Mantra kein Selbstversuch. Zurück auf der deutschen TM Seite, erfahre ich, dass es mir nicht möglich ist, die TM selbständig zu erlernen, und dass ich dafür nach einem Einführungsvortrag, einen vorbereitenden Vortrag, ein Einzelgespräch mit dem MT Lehrer, eine persönlichen Einweisung und ca. sechs Praxis-Sitzungen von Nöten sein werden. Ein solches Einführungsseminar soll mich 2.380 Euro kosten. Monatliche Ratenzahlung ist möglich. Selbstfindung oder Geldmacherei? Ich bin irgendwie ernüchtert. Es geht um Geld, und damit ich bereit bin, dieses auszugeben, verspricht man mir «Entspannung pur und mehr Lebensqualität» (der übliche Wellness-Jargon), aber auch «Selbstfindung», «persönliche Entfaltung», «glückliche Partnerschaft» und «Erfolg im Beruf», was dann schon fast nach Scientology klingt. Zu guter Letzt gibt es noch ein paar Tabellen und Kurven, die Ergebnisse medizinischer Studien darstellen sollen, in denen z.B. eine Senkung von zu hohem Blutdruck durch TM nachgewiesen wird... Mir werden die kritischen Stimmen verständlich, von denen beim Wikipedia Eintrag berichtet wurde, von medizinischen, religiösen und anderen Seiten. Und mir wird klar, warum David Lynch und seine Stiftung Geld brauchen. Und warum man ein Stipendium benötigt, wenn jeder in der Lage sein soll, TM zu lernen. Es geht hier um die finanzielle Lage. «Donate NOW» rät mir ein Button in rot... Aber wie geht das alles zusammen, wenn die Lehre der transzendentalen Meditation die Antwort auf alle Fragen, die Möglichkeit zum Weltfrieden, der Weg zur Erleuchtung ist, wie kann man sie dann verkaufen wollen? Muss man nicht Verschenken, was uns alle retten kann? Wie passt mein Idol Lynch in diese offensichtliche Sekte? Wie passen die kostspielige Suche nach Erleuchtung zusammen mit den düsteren Welten, die Lynch in seinen Filme präsentiert, in denen es brutal und unverständlich zugeht, die traumhafte Räume eröffnen? Reise zu den Käfern Nun gut, das Verlassen der Realität in eine andere Bewusstseinsebene, das ist ja schon eine Gemeinsamkeit. Und nicht umsonst werden die Lynch-Filme oft als Reisen ins Unbewusste gelesen. Das verstehen im Nicht-Verstehen, in einem Urwald aus «leeren Zeichen» folgt man der Lynch-Zuschauer keiner eindeutigen Narration, sondern erkennt im Halbdunklen, dass er nichts erkennt. Er ahnt Figuren, die sich kaum von ihrem spärlich ausgeleuchteten Hintergrund abheben, betritt Welten durch abgetrennte Menschenohren, Zigaretten-Brandlöcher in Synthetik-Unterwäsche, kleine blaue Metallkästchen, zu denen plötzlich ein Schlüssel auftaucht, und in die Welt der Käfer

herrscht eine konstante Reizüberflutung. Es gibt wenige Gelegenheiten, die Eindrücke zu verarbeiten. Yoga hilft in dieser hektischen und lärmigen Atmosphäre. Ich bin dankbar für die paar Stunden Ruhe in meinem Alltag. Das vergangene Ausbildungsjahr hat mich sehr strapaziert. Ich habe mich deshalb entschieden, eine Auszeit zu nehmen und nach Indien zu reisen. Eigentlich habe ich nur einen Monat Aufenthalt geplant, nun sind es doch sechs Monate geworden in Varanasi bei Ram und seiner Familie. Ram ist ein indischer Yogaguru, der schon meinen Onkel und meine Cousine unterrichtet hat. Er empfängt mich daher wie ein Familienmitglied. Bei ihm nehme ich Yogaunterricht. Rams Frau kocht jeden Tag für mich und ich bin immer zum Essen eingeladen, obwohl die Familie nicht sonderlich wohlhabend ist. Indische Yogis praktizieren Karma Yoga. Selbstlos geben sie, ohne Erwartung an eine Gegenleistung. Ram ist überzeugt, dass auf andere Weise alles irgendwie zurückkommt. Ich lerne viel von Ram und erkenne bald, dass indisches Yoga mehr ist als die Körperübungen, die ich schon in der Schweiz kennengelernt habe. Hier ist Yoga ein integrierter Bestandteil des Lebens. Am morgen treffen sich täglich, vorwiegend ältere Männer zum rituellen Bad und anschliessenden Sonnengruss am Ganges. Das ist der Auftakt zu ihrem Arbeitsalltag. Einfache Arbeiter sitzen auf der Strasse in Yogapositionen und verrichten meditativ den ganzen Tag dieselbe monotone Arbeit. Sie arbeiten ohne Widerwillen, akzeptieren ihre Situation, ihr Karma. Yoga als Wettkampf? In der Stadt bin ich immer zu Fuss unterwegs. Nur wenige Male reise ich mit dem Zug, als ich Ram und ungefähr 20 Kindern, seine Yogaschüler, zu den Yogachampionships begleite. Ram ist Mitglied in einer Organisation, die Yoga-Wettkämpfe für Inder veranstaltet. Wir sind im Zug und fahren nach Neu Delhi. Ram und ich spielen Schach. Um uns hat sich eine Gruppe von interessierten Indern versammelt, die gespannt zuschauen und untereinander Möglichkeiten für den nächsten Schachzug diskutieren. Weite Landschaften ziehen an uns vorbei. Die Kinder sind aufgeregt und übermütig. Es kommt selten vor, dass sie ohne ihre Eltern eine Reise unternehmen. Sie schreien und turnen auf den Sitzen. Die restlichen Inder scheint es nicht zu stören. Alle 10 Minuten geht

unter dem Rasen. All das erscheint abstossend-faszinierend, das Böse in uns, das Schöne im Hässlichen? Allein ein Zitat von Lynch, dessen Ursprung ich nicht zurückverfolgen kann, versöhnt die Frage nach Schönheit mit den Bildern die er schafft (Nicht das Internet, sondern meine Freundin Katharina erinnert mich an dieses «Käfer-Zitat», das wir vor Jahren entdeckten und das unsere ProjektKonzepte und Diplomarbeiten verschönerte. Jetzt, da ich es Jahre später wieder-lese, vergesse ich für einen Moment meine Souveränitäts-Zweifel gegenüber Lynch, und denke: wie wahr- wie schön: «Sobald man die Dinge nicht bei ihrem Namen nennt, sondern sie als ein Bild sieht, können sie unglaublich schön sein. Wenn man zum Beispiel auf der einen Seite eine Werbeanzeige für einen Diamanten nimmt, einen Diamanten in einer Schachtel, die mit Samt ausgeschlagen ist, und dann nimmt man auf der anderen Seite altes Schweineschmalz und schmiert es auf den Rücken einer Frau, die eine Hautkrankheit hat. Dann schneidet man den schillernden Kopf eines Käfers ab und steckt ihn genau in die Mitte des Schweineschmalzes, dann hat man ästhetisch ziemlich genau dasselbe, aber das eine Bild ist für die einen schön und das andere ist abstossend, aber es ist so ziemlich das gleiche...» p.s. Auf der Suche nach Informationen zum Lynch Film über Maharishi und sein geplantes Erscheinungsdatum gebe ich «Maharishi Film Lynch Kinostart» in die Suchmaschine ein und finde eine Ankündigung über einen Film mit dem Titel: David Wants to Fly der angeblich bereits im Mai 2010 Premiere hatte. Ich bin verwirrt, der neue Lynch-Film ist schon draussen? Mit einem so untypisch selbstreferentiell-lustigen Titel? Ich lese weiter: «Ein deutscher junger Filmemacher will sich auf den Spuren seines Idols Lynch begeben und mehr über die transzendentale Meditation als Quelle der Kreativität erfahren. Laut Synopsis wird er dabei herbe enttäuscht sowohl von Lynch, der ihn erst ermutigt neben TM seine eigene Wahrheit zu finden, ihn aber bei ersten kritischen Fragen gegenüber der Bewegung verunglimpft und nach Hause schickt, als auch vom der sektenartigen Wesen der TM–Organisation, die sich am Wunsch der Menschen nach ‚Erleuchtung‘ bereichert.» Schon wieder Enttäuschung meinerseits. Wieso habe ich von diesem Film, der sogar auf der Berlinale zu sehen war, nichts mitbekommen? Und: Schon wieder der doofe Künstler-Habitus, alles machen wir gleich, sogar die gleichen Fragen stellen wir uns. Mist! Filmstart in meiner Stadt ist ausgerechnet heute Nachmittag, ein Zufall? Ein Zeichen. Ich verlasse jetzt meinen Computer und mach mich auf den Weg ins Kino. p.p.s.: sehr sehenswert!

ein Verkäufer durch die Gänge des Zuges, er ruft sein Angebot, entweder Chai Tee, oder Snacks monoton aus wie ein Mantra. «Ein Wettkampf für Yoga?» frage ich Ram, «ist das nicht ein Widerspruch?» Ram erklärt mir, der Wettkampf sei notwendig, um die Inder zum Praktizieren von Yoga zu motivieren. Die Tradition sei gefährdet, junge Inder hätten heute mehr Interesse an Krafttraining, Cricket oder Tanzkursen. Die Strategie funktioniert. Sobald die Möglichkeit besteht, eine Medaille zu gewinnen, werden Rams Yogaklassen von indischen Kindern gut besucht. Auch Ram war einst ein Wettkampfyogi, sein Haus ist überfüllt mit Pokalen, Trophäen und Medaillen. Ram erklärt mir, wie der Wettkampf abläuft. Die Organisation entscheidet, welche Asanas – Yogastellungen – vorgeführt werden. Die Anwärter üben sie mit ihren Yogalehrern und führen sie an der Championship vor. Die Performance wird von den Experten bewertet. Ram ist einer dieser Experten. Als Europäer bin ich eine sehr exotische Erscheinung an dieser Veranstaltung. Alle wollen sich mit mir unterhalten oder sich mit mir fotografieren lassen. Standing werden mir dieselben Fragen gestellt: «What’s your good name? What is your father’s name? What does he work? How much does he earn?» Mit der Zeit wird mir klar, dass sich meine Gesprächspartner nicht für den Inhalt unseres Gesprächs interessieren, sondern lediglich stolz sind, sich einmal mit einem Europäer unterhalten zu haben. Rams Gruppe hat schliesslich keinen Preis gewonnen, er vermutet einen Betrug, da ein Jurymitglied eine alte Fehde mit ihm austrägt. Ich sehe jedoch keine Enttäuschung in den Gesichtern der Kinder. Sie haben alles gegeben und das Wichtigste für sie ist es, dabei gewesen zu sein. Als ich wieder in der Schweiz bin, macht sich eine leichte Enttäuschung bemerkbar. Ich habe eine intensive Zeit in einer anderen Welt erlebt und erwartet, dass sich auch die Umstände Zuhause verändert haben. Aber hier scheint mir alles so wie ich es verlassen habe. In der alten Umgebung stellen sich die altbekannten Herausforderungen. Und doch habe ich das Gefühl, während der Zeit in Indien gewachsen zu sein. Das Wissen um den ganz anderen indischen Alltag hat meine innere Welt grösser gemacht und relativiert doch auch vieles, was mir am Leben in der Schweiz zu schaffen macht.


Wege zum Glück Zeitung der Roten Fabrik – Die Yoga Ausgabe

Gesundheit oder Glück? Wellness im Widerstreit der Imperative von Pravu Mazumdar Der freigewordene Mensch, um wie viel mehr der freigewordene Geist, tritt mit Füßen auf die verächtliche Art von Wohlbefinden, von dem Krämer, Christen, Kühe, Weiber, Engländer und andre Demokraten träumen. Nietzsche1 Gleich zu Beginn dieser Überlegungen fallen einem zwei Filme ein, die vor einigen Jahren die Stadt unsicher machten, indem sie erneut das Problem der Gesundheit aufwarfen. Coffee and Cigarettes von Jim Jarmusch erweckt beim Zuschauen den Eindruck eines riskanten Unternehmens. In der dunklen Geborgenheit des Kinosaals hat man plötzlich das Gefühl, in einem abgedunkelten Kellerloch inmitten einer Versammlung in Schwarz gehüllter Verschwörer zu sitzen und einen verbotenen Film zu sehen, in der bangen Erwartung, dass jeden Augenblick die Tür aufgestoßen wird und die Sittenwächter hereinstürmen, um die junge Rebellion gegen die mächtige Antikoffein- und Antinikotin-Republik gleich im Keim zu ersticken. Egal, wo sich das Kino befindet, scheint uns der Film zu sagen, ob in New York, London oder sogar München: Teheran ist überall, zumindest in Fragen der Gesundheit. Der zweite Film, Supersize me von Morgan Spurlock, geht die Sache von der anderen Seite an. Ganz im Sinne der Tradition aufklärerischen Widerstands wird hier der eigene Körper, genauer, die Gesundheit des eigenen Körpers, eingesetzt: nicht gegen eine katholische Orthodoxie, nicht gegen einen Feudalherrn oder eine koloniale Gewaltherrschaft, sondern gegen das Fastfoodregime von McDonald’s. Wie bei Gandhi und seiner «Wahrheitstaktik» wird hier – im Panoptikum des Kinos – die Macht ungesunder Ernährung in ihren Wirkungen auf den Körper sichtbar gemacht, indem man sich von ihr mästen lässt, bis sie an der einsetzenden Fettleibigkeit greif- und angreifbar wird. Auch im Kampf gegen die gesundheitsfeindlichen Mächte zählt das Maß physischer Opferbereitschaft. Spurlock frohlockte, dass Supersizing bereits eingestellt wurde, bevor der Film die Kinos erreichte, und rechnete mit der Zuwendung seiner Zuschauer, denn «viel Leid und Schmerz wurden ertragen (am meisten von mir selbst), um ihn [den Film, Verf.] zu machen.»2 Tatsächlich nahm McDonald’s quer durch England und bereits im Vorfeld des Films vegetarische Speisen in ihr Menü auf.3 All das scheint zu signalisieren, dass die Gesundheit ein machtvolles Objekt von - nicht nur ökonomischen - Machtkämpfen geworden ist, mit einer diffusen aber mächtigen Lobby auf ihrer Seite. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an, diese Lobby dingfest zu machen und die Individuen, Gruppen, Institutionen – mitunter sogar ganze Bevölkerungen4– zu identifizieren, die mittlerweile bereit sind, für die Gesundheit nicht nur eine Lanze zu brechen, sondern sie als das höchste Gut und Ziel der Menschheit zu besingen.5 Entscheidend ist eher, dass die Jagd auf die Gesundheit im Herrschaftsbereich eines Imperativs stattfindet. Gleichgültig, ob man «dafür» oder «dagegen» ist, ob man für die eine oder die andere Auffassung von Gesundheit oder Krankheit ist: man hat gesund zu sein.6 Lange hatte man den Eindruck, dass die Gesundheit als eine zugleich physiologische und ästhetische Norm funktionierte – als die Forderung nach Kraft und Schönheit, Kraft durch Freude7, wie es wieder einmal die Nazis auf den Punkt brachten -, die nicht nur jeder Abweichung mit Ausschluss drohte, sondern sich förmlich über den Ausschluss konstituierte. Eine kapitalistische Gesellschaft musste zur Sicherung der Produktivität ihrer Produktivkräfte die Züge einer Wohlfahrtsgesellschaft annehmen, die sich unter anderem auch für die gesundheitliche Versorgung ihrer werktätigen Bevölkerung verantwortlich erklärte. In einem solchen ökonomischen und gesellschaftlichen Kontext genügte es, die Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit zu definieren. Ein enges Band verknüpfte Gesundheit und Krankheit miteinander und das Bündnis zwischen Arzt und Laien schien bloß der Bekämpfung und Überwindung von Krankheit zu dienen. Wo aber die Krankheit bedingungslos zu verschwinden hatte, war freilich die Liquidierung des Kranken selbst nicht fern, was in den Euthanasiepraktiken der Nazis den Gipfel der Sichtbarkeit erreichte.

Mittlerweile scheint sich das Band zwischen Krankheit und Gesundheit gelockert zu haben, insofern sie unabhängig von einander ihre Spuren durch die gesellschaftlichen Räume ziehen. Auf der einen Seite meldet sich seit etwa dem Beginn der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Krankheit in immer globalerem Ausmaß und schickt ihre Impulse durch die Nervenbahnen moderner Mediengesellschaften, um diese regelmäßig in Aufruhr zu versetzen. Es scheint, als hätte die «kopernikanische Mobilmachung», die nach Sloterdijk zur Modernität moderner Gesellschaften gehört8, auch die Krankheiten erfasst. In regelmäßigen Abständen macht sich die Krankheit auf den Weg, die Viren steigen ins Flugzeug und jede neue Krankheit - AIDS, SARS, H5N1 (Vogelgrippe), H1N1 (Schweinegrippe), um nur ein paar der medienwirksamsten zu nennen - erscheint potentiell als eine globale Epidemie, worauf man mit den bekannten pathogenetischen Strategien reagiert: Definition und Identifikation der Krankheitserreger, Isolierung der Kranken, fieberhafte Suche nach dem rettenden Impfstoff. In diesem krisenhaften Kontext gilt weiterhin der Grundsatz: die Gesundheit ist nicht mehr und nicht weniger als Abwesenheit von Krankheit. Auf der anderen Seite aber etabliert sich seit den achtziger Jahren eine neue Vorstellung von Gesundheit, sowohl im Gesundheitsdiskurs als auch in den diversen alternativen Therapien, die mit den gerade einsetzenden ökologischen Auseinandersetzungen einhergingen und wie die Pilze aus dem gesundheitspraktischen Boden der achtziger Jahre schossen. Nach dieser neuen Vorstellung ist Gesundheit mehr als das summierte Fehlen von Krankheiten: sie ist von neuen und positiven Werten aufgeladen. Gegen Ende der achtziger Jahre mündete diese Gesundheitsauffassung in den Begriff Wellness, der mittlerweile die Gesundheitsdiskussion in den Medien beherrscht und die Idee der Gesundheit in eine neue begriffliche Konstellation einzubetten scheint, in so fern sich darin das Band zwischen Gesundheit und Krankheit lockert, während dasjenige zwischen Gesundheit und Glück enger geknüpft wird. So heißt es in einem der ersten Wellnessratgeber dieser Zeit: «Ein Verhängnisvoller Irrtum vieler Menschen ist die Annahme, Genuss und Gesundheit seien unvereinbare Gegensätze, das Erleben der einen Qualität bedeute Verzichten im anderen Bereich.»9 Im engeren Bereich des gesundheitswissenschaftlichen Diskurses entspricht diesem Wandel der Definitionen und Gesundheitspraktiken ein «Paradigmenwechsel»10, der auf drei Ebenen stattgefunden hat.11 Auf der Ebene der Pathologie wurden die ehemals privilegierten akuten Krankheiten von chronisch-degenerativen Krankheiten aus dem Zentrum ätiologischer Aufmerksamkeit verdrängt. Das implizierte einen Übergang von einer kurativen Medizin hin zu einer präventiven und eine verstärkte Berücksichtigung der psychischen und sozialen Krankheitsfaktoren sowie der Lebensumstände im therapeutischen Prozess, was insgesamt zu einer Lockerung des Bandes zwischen Krankheit und Gesundheit führte und der Gesundheit einen eigenständigen Prozesscharakter verlieh. Auf der Ebene der Gesundheitspraktiken, einschließlich der therapeutischen, erschien die Gesundheit als eine lebenslange Tätigkeit sowohl von Gesunden, als auch von Kranken. Damit wurde der Begriff der Gesundheit zusehends vom Begriff des Wohlbefindens absorbiert und das Band zwischen Gesundheit und Glück immer enger. Auf der Ebene der therapeutischen Relation wurden Arzt und Patient als gleichberechtigte Subjekte betrachtet und die Arbeit der Heilung als eine partnerschaftliche Zusammenarbeit beider. Historisch scheint sich dieser Paradigmenwechsel zwischen zwei Ereignissen vollzogen zu haben. Am Beginn des «Umdenkens» über die Gesundheit stand der salutogenetische Ansatz von Aaron Antonovsky12 im Jahr 1979. Gemäß diesem neuen Ansatz tritt an die Stelle des pathogenetischen Dualismus von Gesundheit und Krankheit ein Kontinuum, in dem Gesundheit und Krankheit als fließende Zustände erscheinen. Darin erscheint die Gesundheit im Sinne Antonovskys eng verwandt mit dem ungefähr gleichzeitig auftauchenden Glücksbegriff von Mihaly Csikszentmihalyi13, in dem das Glück als flow14 bestimmt wird: als die vollständige Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein, die unter bestimmten Bedingungen eintrifft. Jedenfalls erscheint in salutogenetischer Sicht die Gesundheit nicht als ein statischer

Zustand, sondern als ein dynamisches Gleichgewicht zwischen den physischen, psychischen und sozialen Schutz- und Abwehrmechanismen des Organismus auf der einen Seite und den potentiell krankmachenden Einflüssen der physikalischen, biologischen und sozialen Umwelt auf der anderen. Gesundheit bzw. Gesundsein ist gewissermaßen nicht mehr ein Zustand, sondern eher ein Prozess. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, wie die Risikofaktoren (Stressoren) auszuschalten sind, sondern, in welchem Maße der Organismus diese Faktoren zu bewältigen vermag. Deshalb kommt im Zusammenhang einer positiven Gesundheitstheorie dem Begriff der Bewältigung (coping) eine entscheidende Rolle zu. Die Gesundheit ist kein passiver Zustand, sondern ein labiles, aktives und sich dynamisch regulierendes Geschehen zwischen den Risikofaktoren und dem coping. Sie ist eine strategische Tätigkeit: eine strategische Ausübung der Stressbewältigung, die im Einzelnen auf spezifische menschliche Ressourcen zurückgreift und im Allgemeinen auf das Bewältigungsvermögen des Organismus, das für Antonovsky kaum noch unterscheidbar ist von der Glücksfähigkeit des Individuums. Parallel dazu taucht das Motiv der Bewältigung im eben erwähnten glückswissenschaftlichen Diskurs von Csikszentmihalyi: «Die Reaktion eines Menschen auf Belastungen bestimmt, ob er dem Unglück etwas abgewinnt oder unglücklich wird»15. Auf den salutogenetischen Ansatz folgt im Jahr 1986 ein zweiter Wandlungsschub in der Gesundheitsdiskussion, als in der Ottawa Charta der Weltgesundheitsorganisation das Wort Wohlbefinden eingeführt wird, das von nun an die bisherige Stelle der Gesundheit einnehmen wird. Dieser Begriff treibt einerseits die Entmedikalisierung der Gesundheit um einen weiteren Schritt voran, gestattet andererseits kaum noch zwischen Gesundheit und Glück zu unterscheiden. Das Ziel der Gesundheitsförderung, so die Ottawa-Charta von 1986 16, ist ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden, das man in einen aktuellen und einen habituellen Zustand unterteilen kann17, die generell als Glückszustände zu kennzeichnen sind. Das aktuelle Wohlbefinden umfasst «positiv getönte Gefühle, Stimmungen und körperliche Empfindungen sowie das Fehlen von Beschwerden»18. Das habituelle Wohlbefinden «wird im Sinne des allgemeinen Glücklichseins bzw. der allgemeinen Lebenszufriedenheit erfasst und lässt sich am treffendsten als Lebensfreude charakterisieren ...» 19 So wird auf der Seite des Gesundheitsdiskurses die Gesundheit als ein dynamischer Zustand des sich Wohlfühlens bestimmt. Parallel dazu erscheint das Glück des glückswissenschaftlichen Diskurses (Csikszentmihalyi) als ein Zustand, in dem man sich wohlfühlt: «Was den Menschen wirklich befriedigt, ist nicht, schlank oder reich zu sein, sondern sich in seinem eigenen Leben wohlzufühlen.»20 In der Idee des Wohlbefindens wird also im Zuge der eben skizzierten zwei Ereignisse in den achtziger Jahren das Band zwischen Gesundheit und Glück enger gezogen. Zu diesem generellen Wandel im Gesundheitsdenken gehört eine bemerkenswerte Transformation des Gesundheitsimperativs. Was zunächst auffällt, ist, dass durch den genannten Wandel der Idee der Gesundheit hindurch eine gewisse Grundeinstellung erhalten bleibt. Ob die Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit erscheint und folglich nur negativ über deren Bekämpfung zu erlangen ist, oder als Anwesenheit von Wellness oder Leben und folglich positiv durch die Arbeit an sich selbst zu generieren: die theoretische Scheue vor der prinzipiellen Unabwendbarkeit von Krankheit und Unglück bleibt in diesen Diskursen ungebrochen. Was den Paradigmenwechsel von dem pathogenetischen und reduktiven Begriff der Gesundheit zum biopolitischen und produktiven des Wohlbefindens unversehrt überlebt, ist der Wille zur Gesundheit. Bekanntlich heißt Wille bei Kant, sofern er dies nicht in seiner höchsten Form als «göttlichen» oder «heiligen» Willen im Sinne der Ununterscheidbarkeit von theoretischer und praktischer Vernunft zu bedenken gibt 21 , eine Art Schlachtfeld, auf dem die objektiven Gesetze der Vernunft und die zufälligen Triebfedern des einzelnen menschlichen Handlungswillens mit einander um die Vorherrschaft ringen. Siegt die Vernunft, um den Willen und seine Handlung maßgeblich zu bestimmen, so liegt eine Nötigung durch die notwendigen

Vernunftgesetze vor, die über Imperative auf den handelnden Willen einwirken. 22 Auch den Willen zur Gesundheit könnte man in gut Kantischer Manier auf einen Imperativ beziehen: den Gesundheitsimperativ, der nach Kant zu den von ihm so genannten technischen Imperativen oder Imperativen der Geschicklichkeit23 gezählt werden müsste. Diese Imperative, die den größten Teil alltäglicher Handlungen regeln und die Mittel zu möglichen aber ansonsten nicht eigens reflektierten Zwecken bestimmen, sind nach Kant als hypothetische Imperative und modallogisch als problematische Imperative zu kennzeichnen. 24 Als problematischer oder technischer Imperativ sagt der Gesundheitsimperativ nicht, «ob der Zweck vernünftig und gut sei ..., sondern nur, was man tun müsse, um ihn zu erreichen. Die Vorschriften für den Arzt, um seinen Mann auf gründliche Art gesund zu machen, und für einen Giftmischer, um ihn sicher zu töten, sind in so fern von gleichem Wert, als eine jede dazu dient, ihre Absicht vollkommen zu bewirken.»25 Das «Sei gesund!» des Gesundheitsimperativs enthält beispielsweise im Rahmen der kurativen Medizin ein «Willst du gesund sein, so musst du Antibiotika schlucken.» Doch ist Gesundheit gerade in diesem Rahmen nicht nur ein möglicher Zweck, sondern zugleich auch Mittel zum Glück: «Willst du glücklich sein, so sei gesund!» Im Rahmen des pathogenetischen Diskurses ist also der problematische Gesundheitsimperativ in einen anderen hypothetischen Imperativ eingebettet: in den pragmatischen Glücksimperativ, den Kant auch einen Imperativ der Klugheit nennt. 26 Das Glück ist aber nicht nur ein möglicher Zweck, es ist der eigentliche, d.h. wirkliche Zweck hinter den technischen Imperativen, so dass man den Glücksimperativ modallogisch einen assertorischen Imperativ nennen müsste. 27 Wenn jedoch im Zuge der oben skizzierten Transformation des Gesundheitsdiskurses der Gesundheitsbegriff und der Glücksbegriff in der Idee des Wohlbefindens zusammenfließen, dann findet eine bemerkenswerte Hybridisierung des Gesundheitsimperativs statt: er wird zu einem zugleich technischen und pragmatischen Imperativ, der zugleich problematisch und assertorisch ist. Die Annäherung zwischen Gesundheit und Glück im Begriff des Wohlbefindens führt dazu, dass sich die Beliebigkeit und Undefinierbarkeit des Glücksbegriffs zusehends am Gesundheitsbegriff abfärben und die Versuche, die Gesundheit zu definieren, immer stärker zur Zirkularität neigen. «Willst du dich wohlfühlen, so musst du dich eben wohlfühlen!» Der Weg zur Gesundheit scheint zwar unter Zuhilfenahme des technischen Imperativs konkretisierbar. Zugleich aber verdunkelt sich der Weg, da das Ziel selbst, nämlich die Gesundheit, ebenso dunkel und unbestimmbar geworden ist wie das Glück. Der Weg zum Wohlbefinden ist eben das Wohlbefinden selbst. Es ist aber bekannt, dass die Kantischen Unterscheidungen zwischen dem guten und dem unvollkommen Willen; zwischen notwendiger Bestimmung und Nötigung; zwischen der Form und der Materie einer Handlung; zwischen objektiven moralischen Gesetzen und den zufälligen Triebfedern usw. auf die transzendentalphilosophische Isolierung eines vorempirischen und ungeschichtlichen Bereichs der Regeln zurückgehen, die man prinzipiell in Frage zu stellen hat. Diese Verpflichtung, die Unterscheidung der transzendentalen Ebene in Frage zu stellen, gehört seit dem Deutschen Idealismus beinahe zu den Grundpflichten modernen Denkens. Eine kritische Transformation der Transzendentalphilosophie, wie dies seit Hegel eingesetzt und über Nietzsche, Heidegger, Adorno im poststrukturalistischen Diskurs ihren Höhepunkt (und vielleicht auch Abschluss) erreicht hat, hat erwartungsgemäß auch Konsequenzen für den Begriff des Imperativs, den Kant entschieden an die Idee der Repräsentation koppelt. Ein Imperativ in transzendentalphilosophischer Sicht ist die Formel (oder Repräsentation) eines Gebots, verstanden seinerseits als die Repräsentation eines Prinzips, «sofern es für einen Willen nötigend ist». 28 Der Imperativ ist also die Repräsentation einer Repräsentation, die doppelte Repräsentation objektiver und den Willen nötigender Prinzipien. Das heißt aber: Ein Imperativ ist die für den Willen vernehmliche Spitze eines Diskurses, wobei dieses Wort seinerseits im Sinne der repräsentationalistischen Semiologien und «Ideologien» des achtzehnten Jahrhunderts zu verstehen ist: als die Doppelung der Repräsentation im Element der Zeit. 29 Treten aber an die Stelle der transzendentalphilosophischen Vernunft eine historische Vernunft und ein historisches Apriori, dann signalisiert der Imperativ nicht nur einen Diskurs, sondern auch dessen Einbindung in das strategische Feld eines Dispositivs, wie dies in den Forschungen Michel Foucaults zutage getreten ist. Die Implikationen dieses neuartigen Begriffs des Imperativs für die Analyse des Gesundheitsdiskurses sind nicht schwer zu erkennen. Aus Platzmangel können wir uns abschließend leider nur mit einer knappen Skizze dieser Implikationen begnügen. Solange der Wille zur Gesundheit von einem bloß problematischen Imperativ bestimmt war, wie im Falle des pathogenetischen Diskurses noch vor dessen Übergang in den salutogenetischen, konnte das Glück noch unter der Voraussetzung der Gesundheit verheißen werden. Der Gesundheitsimperativ funktionierte

gewissermaßen im Rahmen eines «Zubringerdispositivs», das an die Glücksdispositive wie die des Tourismus, der Werbung oder der Sexualität gekoppelt war.30 «Nur wenn du gesund bist, kannst du den Weg zum Urlaubsparadies auf dich nehmen, das vom Tourismusdispositiv geboten wird!» Oder: «Erst wenn du gesund bist, kannst du die Luxusgüter auch genießen, die das Werbungsdispositiv präsentiert.» Oder: «Erst wenn du gesund bist, bist du qualifiziert für die sexuellen Freuden, die durch das Sexualitätsdispositiv verfügbar werden.» Doch der Wandel des Gesundheitsdenkens führte zu einer Verschiebung der Position der Gesundheit in dieser Logik. Seitdem die Gesundheit kaum mehr vom Glück zu unterscheiden ist, seitdem sie ein gegebener und unhinterfragter aber kaum noch definierbarer Zweck ist, seitdem der Gesundheitsimperativ sich hybridisiert hat, kann sich das Verhältnis zwischen dem Gesundheitsdispositiv und dem Glücksdispositiv jederzeit umdrehen. Jetzt kann es heißen: «Nutzt die Segen des Tourismus, denn die Reise ist förderlich für das Wohlbefinden!» Oder: «Sind eure Körper von den neuesten Markenartikeln behangen, damit ihr euch wohlfühlt?» Oder: «Mehr Sex, guten Sex, safen Sex – denn Sex hält fit!» Somit werden wir seit den achtziger Jahren immer stärker einem kaum entscheidbaren Widerstreit zwischen den Glücks- und den Gesundheitsdispositiven überantwortet. Der Text stützt sich auf den Aufsatz «Der Gesundheitsimperativ» in Hensen, Gregor u. Hensen, Peter (Hg.), Gesundheitswesen und Sozialstaat. Gesundheitsförderung zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Wiesbaden 2008: S. 349-360. Friederich Nietzsche, «Götzendämmerung» in Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hg. v. Giorgio Colli u. Mazzino Montinari, München u. a. 1980, Bd. 6: S.139f.

1

Der Film «helped push McDonald’s to end Super Sizing before it even hit the theatres! … I hope you enjoy it – a lot of pain and suffering (mostly by me) was endured to create it.» www.supersizeme.com, About the Director, März, 2004.

2

Ibid., Recent reviews & press, «McDonald’s adds vegetarian fare in Britain», 10. Januar 2004.

3

So war am jüngsten bayerischen Volksentscheid am 4. Juli 2010 gegen das Rauchen in geschlossenen und öffentlich zugänglichen Räumen prinzipiell die ganze Landesbevölkerung beteiligt.

4

Siehe Manfred Lütz, Lebenslust: Wider die Diät-Sadisten, den Gesundheitswahn und den Fitness-Kult. Ein Buch über Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheit und darüber, wie man länger Spaß am Leben hat, München 2002.

5

6 «Räsonniert so viel ihr wollt, und worüber ihr wollt; aber gehorcht!» Immanuel Kant, «Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?» (A 484) in Werke in zehn Bänden, hg. v. Wilhelm Weischedel, Darmstadt 1975 [im Folgenden KANT (W)], Bd. 9: S. 55.

So der Name der 1933 gegründeten nationalsozialistischen Gemeinschaft, die sich in Nazideutschland durch ihre organisierten Billigreisen profilierte.

7

Siehe Peter Sloterdijk, Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung, Frankfurt/M. 1987.

8

Franz Lautenschläger, Michael Hamm, Dieter Lagerstrøm, Wellness: Die neue Fitness. Ihr persönliches Ernährungs-, Bewegungs- und Harmonieprogramm für die neunziger Jahre, München 1987: S. 9.

9

Siehe D. Armstrong, Political Anatomy of the Body. Medical Knowledge in Britain in the Twentieth Century, London 1983.

10

11 Siehe W. Schüffel, U. Brucks, R. Johnen (Hg.), Handbuch der Salutogenese: Konzept und Praxis, Wiesbaden 1998.

Aaron Antonovsky, Health, Stress and Coping, San Francisco 1979.

12

13 Siehe Csikszentmihalyi, M., Beyond boredom and anxiety, San Francisco 1982; «Towards a Psychology of optimal experience» in L. Wheeler (Hg.), Review of Personality and Social Psychology, Bd. 2, Beverly Hills 1982; «Learning, flow and happiness» in R. Gross (Hg.), Invitation to lifelong learning, New York 1982.

«Als flow beschreiben Menschen ihren seelischen Zustand in Augenblicken, wenn das Bewusstsein harmonisch geordnet ist und sie etwas um der Sache selbst willen tun.» Mihaly Csikszentmihalyi, Flow. Das Geheimnis des Glücks, Stuttgart 1992: S. 20.

14

15

Ibid.

Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der WHO 1986, in Helmut Hildebrandt, Alf Trojan (Hg.), Gesündere Städte – kommunale Gesundheitsförderung, Hamburg 1987: S. 10-13. 16

Siehe «Theoretische Grundlagen» in Andrea Abele, Peter Becker (Hg.), Wohlbefinden, Theorie – Empirie – Diagnostik, Weinheim u. München 1994: S. 13.

17

18

Ibid.

Ina Wegener, Dimensionen von Gesundheit und Gesundheitsförderung. Subjektive Gesundheitsvorstellungen als Orientierung für die Praxis der Gesundheitsförderung, Stuttgart 2003: S. 50.

19

20

Csikszentmihalyi, Flow, a. a. O.: S. 18.

Siehe Immanuel Kant, «Grundlegung zur Metaphysik der Sitten» in KANT (W), Bd. 6: S. 43. 21

22

Ibid.: S. 41.

23

Ibid.: S. 44-46.

24

Ibid.: S. 48.

25

Ibid.: S. 44.

26

Ibid.: S. 46-48.

27

Ibid.: S. 48.

«Die Vorstellung eines objektiven Prinzips, sofern es für einen Willen nötigend ist, heißt ein Gebot (der Vernunft) und die Formel des Gebots heißt Imperativ.» Ibid.: S. 41.

28

29 Siehe Foucault, M. Die Ordnung der Dinge, Frankfurt/M. 1971, 98 ff. 30 Zur Erörterung moderner Glücksdispositive siehe Mazumdar, Pravu, Die Macht des Glücks, München 2003.


Fabrikzeitung August 2010

«ohne musik WÜrde mein koPF eXPlodieren»

Prinz Pi, der vielleicht beste Rapper Deutschlands kommt Ende August zurück in die Schweiz. Die Fabrikzeitung traf den König der Verschwörungstheorien Ende 2009 und sprach mit ihm über sein letztes Album «Teenage Mutant Horror Show 2», übers Vater werden und wieso Musik verhindert, dass sein Kopf explodiert. Du hast ein ziemlich wildes Jahr hinter dir, die Trennung von deinem langjährigen Label «No Peanuts», du bist Vater geworden...

Trotzdem: Ein Projekt zu verlassen, das man mit aufgebaut hat - das ist schon ein ziemlicher Schnitt.

Das war schon ein wildes Jahr. Ich glaube, die Platte bildet das auch ab. Ich mache meine Platten so wie andere Leute Photoalben machen. Ich fange Stimmungen und Atmosphären ein, die ich selber erlebt habe. Bei so einer Zeit in meinem Leben sind das dann nicht nur positive Momente, aber das macht ja nichts.

Das ist manchmal einfach nötig. So wie eine Wohnung zu entrümpeln. Jetzt kann ich wieder mit meinen Kumpels zusammenarbeiten und muss nicht immer mit einer ganzen Horde von Leuten reden, bevor ich was machen kann. Der kreative Prozess ist wieder viel flüssiger. Da wurden ein paar Zahnräder raus genommen, und jetzt läuft die Maschine wieder viel effizienter.

Die Vorgängerplatte «Neopunk» wurde dir von den Fans ja ziemlich über genommen. Deine erste Produktion auf einem Major Label... Ich hätte nicht gedacht, dass das nach so vielen Platten jemanden interessiert, welches Label da drauf steht. Meine Fans sind wohl ziemliche Hardliner. Aber ich mache die Musik ja nicht nur für die Fans, sondern auch für mich selbst. Und die Dinge, die mir extrem wichtig sind, oder besonders gut gefallen, müssen nicht notwendigerweise dieselben sein, die den Fans gefallen. Du bist nach «Neopunk» nicht nur von Universal weg, sondern hast auch gleich noch «No Peanuts» verlassen, ein Label, das du selber mit aufgebaut hast... Das war aneinander gekoppelt. Die beiden Verträge liefen gleichzeitig aus. Das mag die faktische Ebene sein. Aber da steckte doch mehr dahinter? Natürlich hatte das auch mit «Neopunk» zu tun. Da war halt einfach die Luft raus. Es gab kein böses Blut, aber die Chemie stimmte einfach nicht mehr.

Und dabei kommen dann Tracks wie «Der Druck steigt» raus, der weniger nach Neuaufbruch klingt als danach, dass du dir gleich eine Kugel in den Kopf jagst? Ganz ehrlich: Zu dem Zeitpunkt hab ich echt darüber nachgedacht. Das war kurz nachdem mir meine Freundin gesagt hat, dass sie schwanger ist. Das hat dich gleich so schockiert? Nee, überhaupt nicht. Aber ich hab mich halt gefragt, was jetzt noch kommt. Jetzt hab ich den biologischen Imperativ erfüllt und mich fortgepflanzt. Was gibt es da noch für einen Grund, weiter durch die Welt zu gehen und sich anzusehen, wie die Menschen alles kaputt machen? Und die Welt ist ja jetzt schon ziemlich kaputt, wieviel schlimmer wird das sein, wenn meine Kinder erstmal erwachsen sind? War das Kind ungeplant? Das nicht. Nur etwas unerwartet. Und so schwierig ist das nun auch nicht, Kinder zu machen...

Der schwierige Teil kommt erst nachher… Da kommt wohl auch der Song her. Ich hab mich halt echt hinsetzen müssen und mich gefragt, ob ich dafür überhaupt noch die Kraft habe. Und das musste irgendwie raus aus mir. So geht es mir häufig mit meinen Songs, als ob da ein Teil ist von mir, den ich wegschneiden muss. Und Jahre später kann ich mir das wieder anhören und denken, ach, stimmt, so war das damals. Wieviel ist sonst in deinen Texten autobiografisch? Gerade auf der neuen Platte sind ja einige eigentliche «Science-Fiction» Tracks drauf, wie die «Genozid-Show», eine Geschichte über eine Fernsehshow, bei der die Zuschauer bestimmen, welches Land mit welchen Waffen ausgelöscht wird? Oder der «Höhlenmensch»... Aber gerade der ist zutiefst autobiografisch. Die Reise ins Innere des modernen Menschen? Ok. Und was ist mit dem «Regenmacher»? Eine Erzählung über einen Menschen, der mit seinem Bus durch eine postapokalyptische Welt fährt, um den Menschen Regen zu bringen... Regenmacher war eine Hommage an Lem und Asimov. Und an Chuck Palahniuk, natürlich, den Autor von Fight Club. Den mag ich sehr. Seine Ideen sind so verdammt gut, ich bin überzeugt, der muss total auf Drogen sein. Ist das bei dir so? Nee, gar nicht. Drogen sind nicht so mein Ding. Ich hab vor einiger Zeit mal voll euphorisch mit dem Kiffen begonnen, aber sechs Monate später hat mich das schon wieder gelangweilt. Drogen vernebeln dich nur. Auch Alkohol mag ich nicht wahnsinnig. Klar, zum Auftreten gehört‘s irgendwie dazu, aber ich sauf mich jetzt nicht voll zu vor den Gigs, das würde schief gehen. Das ist eher untypisch, wenn man dem SzeneKlischee glauben will. Wie kommt ein selbsterklärter Nerd wie du eigentlich überhaupt zum Rap?

Ich bin wohl irgendwie in die Scheisse reingerutscht. Wahrscheinlich waren falsche Freunde schuld. (Lacht) Nee, im Ernst: HipHop war halt «die» Bewegung meiner Jugend. Ich war auf einem HurenElitegymnasium, lauter Kids von reichen Eltern, mit entsprechenden Hierarchien, die mir überhaupt nicht passten. Was kriegst du für ein Auto, wenn du 18 wirst, wer trägt die besten Markenklamotten? Und im HipHop wurdest du danach beurteilt, was für Fähigkeiten du hast. Ich hab ja zuerst vor allem Graffitti gemacht: Da siehst du nur das Bild und beurteilst den Künstler nach seiner Arbeit, nach seinem Mut, seinen Ideen, seinem Können. Das ist viel ehrlicher. Das hat mir imponiert. Beim Rappen, auf der Bühne kannst du dich dem aber nicht entziehen... Ja, aber das waren noch andere Zeiten. Da hatte noch nicht jeder Newbie gleiche eine eigene Website. Da hast du für dich selber begonnen und Tracks auf Mixtapes gestreut. Da gings dann auch um die Musik und nicht um deinen Background, deine Eltern, dein Geld, dein Aussehen. Das gab mir ein Gefühl von Tiefe. Und heute ist das anders? Ja schon. HipHop ist eine lächerliche, kindische, engstirnige, Szene geworden, leider… Sind nicht die meisten Szenen so? Klar. Aber in der Metal Szene findest du kaum zwei Bands, die Songs schreiben, um sich gegenseitig zu beleidigen. Hängt das nicht auch mit dem Battle zusammen, das nach wie vor die gängigste Bühnenform für Rap ist? Natürlich. Aber das macht es ja nicht besser. Hast du deswegen zwischendurch aufgehört mit Musik? Ja. Ich hatte die Schnauze voll. Also, eigentlich hab ich die Schnauze immer noch voll, aber ich hab gemerkt, dass ich mich nicht dagegen wehren kann. Die Ideen stauten sich in meinem Kopf und ich fand kein anderes Ventil dafür. Ich hab zu der Zeit auch

noch Kunst studiert, und das hat auch nicht geholfen, ganz im Gegenteil. Und so kam ich halt zurück. Ich liebe diese Musik, egal, wie viele Vollidioten das sonst noch machen. Wenn du sagst, du hast die Schnauze voll, kommt da auch mal noch was anderes? Du bist jetzt 30, bist Vater – du könntest locker vollberuflich in die Werbung gehen... Vielleicht wär das ja Zeit. Ich könnte ja Bücher schreiben. Ich schreibe schon länger an einem Roman herum. Echt? Ich schreib schon länger, Kurzgeschichten, theoretische Aufsätze, alles Mögliche halt. Vielleicht bring ich ja mal was raus. Vielleicht in der Schweiz, ihr habt doch coole Verlage hier wie Niggli. (lacht). Nee, aber ich bleib schon auch bei der Musik. Muss ich ja. Musik treibt meinen Geist an und hilft mir, meinen Kopf zu reinigen. Sonst würde mir der früher oder später explodieren. Interview Etrit Hasler Zur Person: Prinz Pi, damals noch Prinz Porno und mit bürgerlichem Namen Friedrich Kautz, wurde 1998 erstmals bekannt, als sein Track «Keine Liebe» im Internet veröffentlicht wurde, und sieht sich als Begründer des Dandy-Raps. Nach einem Rücktritt 2005 mischte Pi die deutsche Rap-Szene immer wieder auf, unter anderem mit dem Fantasy.-Rap-Hörspiel «Der Herr der Dinge» (einer Bonus-CD zu seinem Album «Donnerwetter») oder mit dem AggroElektro Album «Neopunk», welches 2008 unter Universal Records erschien. Sein letzter Longplayer «Teenage Mutant Horror Show 2» erschien auf seinem neuen eigenen Label «Keine Liebe Records», gefolgt von einer «Illuminati» - EP Anfangs dieses Jahres. Pi und seine musikalischen Mitstreiter sind insbesondere für energiegeladene LiveKonzerte bekannt, was es in der Schweiz das nächste Mal am Donnerstag, den 26. August an den Winterthurer Musikfestwochen zu bestaunen gibt. www.prinzpi.biz www.musikfestwochen.ch


Fabrikzeitung August 2010

30 Jahre rote Fabrik: tonmodern 1982 & 1983 Dieses Jahr feiert die Rote Fabrik ihr 30-jähriges Bestehen. Die Fabrikzeitung feiert mit, in einer losen Reihe von Beträgen aus der und über die Geschichte des Gebäudes sowie der Bewegung, welche das Kulturzentrum begründete.

Die hier abgedruckten Bilder wurden vom Zürcher Fotografen (und Gründungsmitglied der IG Rote Fabrik) Klaus Rosza an verschiedenen Austragungen des Tonmodern-Festivals in den Anfangsjahren 1982/83 gemacht. www.photoscene.ch

Bühne frei für Tonmodern 1982 in der Roten Fabrik in Zürich. 23. Januar 1982

Soapy & Wet. 29 Januar 1982

Astrid Spirig von Liliput am Bass. 11. März 1983

Konzert der Honeymoon Killers. 23 April 1982


Fabrikzeitung August 2010

Tonmodern 1982 in der Roten Fabrik in Z端rich. 23. Januar 1982

Konzert der Strassenjungs mit Hartmut B端chner, Gesang und Gitarre. 23 April 1982.

Klaudia Schifferle von Liliput beim Singen. 11 M辰rz 1983.

Bassist Roger M端ller von Putsch. 31. Januar 1982


Fabrikzeitung August 2010

... und kommt bloss nicht Wieder! Und plötzlich sind alle so verdammt optimistisch. Pfeifen Sommerlieder durch die Gänge, gehen Nacktbaden oder hören mit dem Rauchen auf. Ein Zeitalter der Helden. Das Böse ist besiegt. Moritz Leuenberger zurückgetreten und der Hans Rudolf Merz wird ihm bald folgen. In den Ruhestand oder Limbo, je nachdem wie gutmütig Gott gerade drauf ist. Stierkämpfer bekommen ein Horn mitten durch die Fresse gerammt. Und mit etwas Glück, ist Toni Brunner der Nächste. Die allgemeine Grundstimmung ist sowas von relaxed: Aus den Gangstern von gestern sind Funk-Djs geworden oder Bundeshauskorrespondenten. Kaum ist ein Schwarzer Präsident, ist sogar an den HipHop-Parties Frieden eingekehrt, da kann es in Palästina auch nicht mehr weit sein. Wir haben Hoffnung und sind guter Dinge. Die Sonne scheint und wir leben immer noch, sagen sich die alten Recken von damals und raffen sich noch ein letztes Mal auf zum Revival, zum Best-of Album, zur Abschiedtour. Keiner kann sich so genau erinnern, wie es damals war und wann es war, aber das ist nicht so schlimm. Auch angestaubte Botschaften funktionieren noch, solange du nur daran glaubst – sie dir nur Yoga an. Die Welt ist gut. «So müsste es immer sein», sagen wir. Und: «Schön, wenn‘s nichts Schlimmeres war.» Da muss man für

IMpRESSUM Kontakt: Fabrikzeitung Seestrasse 395 Postfach 1073 8038 Zürich zeitung@rotefabrik.ch Tel. 044/ 485 58 08 Herausgeberin: IG Rote Fabrik Seestrasse 395, 8038 Zürich www.rotefabrik.ch Redaktion: Etrit Hasler, Hannes Grassegger & Reto Aschwanden Konzept & Gestaltung: Gregor Huber & Ivan Sterzinger in Zusammenarbeit mit Adam Thompson Artwork (2. / 3. Bund): Violeta Tschäppeler Fotografie Cover und Seite 8: Alessandro Fischer Fotografie 2. Bund: Klaus Rózsa (www.photoscene.ch) Mit Beiträgen von: Anna K. Becker, Milena Moser, Imre Hofmann, Pravu Mazumdar, Moira Lenz, Dieter Stocker, Etrit Hasler Yoga Zitate & Werbeclaims: Zusammengetragen und editiert von Esther Becker (Seite 3) Druck: Ropress Genossenschaft Baslerstrasse 106 8048 Zürich Website: www.rotefabrik.ch/fabrikzeitung Auflage: 3‘500 Exemplare Erscheinungsweise: monatlich Abonnemente: 35 Fr. pro Jahr/10 Ausgaben 60 Fr. Soliabonnement zeitung@rotefabrik.ch

einmal auch keine Übersetzungsarbeit leisten. Alles ist klar, so wie es ist und wie es gesagt ist. Die Rote Fabrik ist die Rote Fabrik, und wir liegen morgens um vier am See, trinken Pastisse und warten auf den Sonnenbrand und die Glückseligkeit in Gottes Namen Amen. Wieso auch nicht? Es ist Sommer, da macht sogar der Feind mal Ferien, richtig? Falsch. Alle Hoffnung ist verloren, singen Slipknot, und auch wenn sie doof aussehen, haben sie recht: Die Berge sind verbaut, die Zeitungen voll mit Scheisse und dieses Land ist immer nur dann zu ertragen, wenn ihr alle in den Ferien seid. Das BP-Leck ist nicht einfach nur eine Platzwunde in der Kopfhaut des Planeten, sondern das schwarze Loch, das unseren Planeten fressen wird. Die NaziMaster-Planer hocken schon wieder in ihren dunklen Kellern und basteln an der nächsten Kampagne – bis ihr alle wieder da seid, sind die Balkan-Raser ausgeschafft, die Moslems zwangsgetauft und statt des freundlich nickenden Kantonspolizisten empfängt euch der Staatsschutz am Zoll: «Waren oder Ideen zu verzollen?»

katis Welt

Entspannt euch: Ich erzähle euch das doch nur in der dumpfen Hoffnung, dass ihr euch in die Hosen macht vor lauter Schiss und nie mehr aus den Ferien zurück kommt. Weil das Land so angenehm gelassen war ohne euch alle. Aber so ist es natürlich nicht: Nichts wird sich verändern. Alles wird genau gleich sein wie vorher. Die grösste List des Teufels ist es, uns glauben zu machen dass es ihn nicht gibt. Und meine grösste List ist es, dass ihr eines Nachts erwacht mit diesem Satz im Ohr: Wir gehen mit unserer Freiheit um, als ob sie anzuwenden wäre wie in den Wind zu pissen. Von Hangman


Fabrikzeitung August 2010

Lethargy

Theaterspektakel

Musikbüro

Ziischtigmusig

Film am See

Lethargy 2010

Sofort geniessen

Mogwai «Burning»

Françoiz Breut

Alle Jahre wieder: Was zu Anfangszeiten noch ein Grund war, dass die gesamte BG kollektiv in die Retraite verreiste, hat sich zum festen Dreh- und Angelpunkt des Fabriksommers gewandelt. Immer an dem Wochenende, wenn sich die Zürcher Innenstadt in ein Mekka für Red Bull-Trinker und Lastwagen-House-FreakShow-Tänzer verwandelt, feiert die Lethargy die Tatsache, dass es noch eine Kultur elektronischer Musik abseits von Big Bucks und Gehörschäden gibt. Wer tanzen mag, sich aber kein neues Outfit für die Techno-Demo leisten kann, ist jederzeit gern bei uns willkommen.

Apropos alle Jahre wieder: Natürlich ist die Rote Fabrik auch in diesem Jahr wieder Teil des Zürcher Theaterspektakels. Zum Auftakt der zwei theatergefüllten Wochen gibt es bei uns eine Kooperation der Basler Tänzerin/Choreografin Tabea Martin und des holländischen Regisseurs/Performers Matthias Mooj. Witzig und charmant, doch vorsichtig: Nicht nur Sie als Publikum sollen unterhalten werden, sondern die Künstler erwarten dies von Ihnen. Sie sind gewarnt.

Ein Live-Konzert der anderen Art: Anstatt die Band vor Ort zu haben, begnügen wir uns halt mit ihrem ersten live-Film «Burning». Aufgenommen an den Brooklyn-Shows ihrer letzten Tour und in Szene gesetzt von Vincent Moon und Nathaniel La Souanec, rumpelt es in dem Film so schön und laut, wie wir es uns von den Post-Rock Schotten gewohnt sind. Das nächste Mal gibt’s dann wieder die ganze Band. Versprochen.

Etwas weniger rockig, aber dafür umso melancholisch schöner begleitet uns Françoiz Breut durch den Sommer. Das gefeierte Aushängeschild der Nouvelle Chanson-Szene singt mit zuckersüsser Stimme von gestohlenen Sommern, dunklen Gutmenschen und Worten, die uns in den Weg geraten. Die «Zeit» schwärmt, es sei «als habe sich Morissey in eine Französin verwandelt.» Wir finden sie dann doch noch einen Zacken hörbarer.

Kurzfilmabend - Liebe, Leidenschaft & Illusion

Mittwoch 4. August / 20:30 Uhr // Aktionshalle

Samstag 7. August / 19:30 Uhr // Sommerbühne

Fr 13. und Sa 14. August / jeweils ab 23 Uhr // ganzes Gelände So 15. August / Afterhour ab 8 Uhr

Mo 23. bis Mi 25. August / jeweils 19:30 Uhr // Fabriktheater

Film am See widmet sich in diesem Jahr dem animierten Film. An diesem Abend erwartet uns eine spezielle Auswahl von Kurzfilmen zur Liebe von Polen bis Kanada, von Finnland bis in die Schweiz. Dass die Liebe und der Animationsfilm perfekt zusammenpassen, da beide keine Grenzen kennen, soll an diesem Abend bewiesen werden. Donnerstag 19. August / 21:30 Uhr // Am See


Fabrikzeitung August 2010

LETHARGY 2010

1994 fand im Clubraum und im Backstein eine zweitägige Party statt, als Gegenpol zur und Antwort auf die Streetparade. Sie hiess «Gigantomania 3.5». Grundidee war – und ist bis heute: in einem einzigartigen Rahmen, am Streetparade Wochenende, eine in allen Bereichen qualitativ hochstehende Party durchzuführen, zu niedrigen Eintrittspreisen und ohne Sponsoren. Dass später die Wahl auf den Namen Lethargy fiel – als Gegenstück zu einer nicht weiter erwähnenswerten hochgesponserten Technoparty am jeweils gleichen Wochenende – war denn nur konsequent. Freitag 13. August 23 Uhr bis 6 Uhr Samstag 14. August 23 Uhr bis 7 Uhr Sonntag 15. August 8 Uhr bis Open End Die Lethargy entstand aus der Taifun Gruppe, welche zu dieser Zeit die ersten HipHop, Drum’n’Bass, House und Technopartys in der Roten Fabrik veranstaltete, und das zu einer Zeit, in der die Fabrik vor allem Punk-, World Music- und Rocklastig war. Taifun durchbrach dieses Schema – zum Schrecken einiger Betriebsgruppenmitglieder. Techno als Musikkultur war noch alles andere als nicht akzeptiert und wurde nur auf Party und glorifizierte Disco reduziert. Mit den Jahren begann die Lethargy zu wachsen, Räume kamen hinzu, Radio Lora und

Boombox machten Live Übertragungen, die Website wurde aufgeschaltet und auch seitens der Technik wurde die Veranstaltung immer aufwändiger – das Gelände wurde jeweils mit grösstem Aufwand innen und aussen. Der Erfolg blieb nicht aus: Bereits 1996 war die Lethargy nach ein Uhr restlos ausverkauft. 1998 war die Lethargy mit rund 7’000 Besuchern die meistbesuchte Veranstaltung der Roten Fabrik. Lethargy zwischen Euphorie und Energie - die grossartigsten zwei Party-Nächte des Jahres. Inzwischen hat sich die Streetparade immer mehr zu einer Art Karneval für die ganze Familie gewandelt. In Zürich wird man bereits am Hauptbahnhof von dröhnender Musik empfangen und aus jeder Ecke, jeder Imbissbude

stampfen die Technobeats. Um so wichtiger ist es gerade heute, den Besuchern der Lethargy Musik abseits des Mainstream vorzustellen. Qualitativ hochstehende Musik, die dennoch nicht zu verspielt ist, um zum tanzen einzuladen. Das alles ohne Sponsoring, auf einem aussergewöhnlichen Festivalgelände mit drei Floors, aufwändig gestaltet, mit einer Zirkus-, & Cabaretbühne - und nicht zu vergessen mit der legendärsten Afterhour am Seeufer. Die Party des Jahres! Fürs AMBIENTE sorgen dieses Jahr: Grotest Maru, Kollektif Alambik, Syntosil, Ver«inner»Licht, Ivan E..

FREITAG 13. AUGUST

EBONY BONES

Ebony Bones (live) Beardyman (live) Cosmic DJ (International Pony) Wareika (live) 2020Soundsystem (live) Junior Boys (live) Big Zis & MT Dancefloor (dj-team) Ellen Schneider (live) Der Kutscher und sein Gaul (live) The Sorry Entertainers Ajele Dave Canina Pat Patrisha Sonik

Ebony «Bone» Thomas ist eine der schrillstes Vögel im Pop-Zirkus. Unbekümmert spielt die junge Autodidaktin mit minimaler Hilfe Ihres Mentors Rat Scabies (ehemaliger Schlagzeuger von «The Damned») selber Instrumente ein, komponiert, singt und produziert selbst. Doch nicht genug: Ihre massive Bühnenpräsenz haut jeden vom Hocker. Konzerte mit der siebenköpfigen Band mutieren sehr schnell zu einem Happening, das irgendwo zwischen New York Fashion Week und Carneval do Rio einzuordnen ist. Der Schlagzeuger schwingt sich in ein Hasenkostüm, die Background-Sängerinnen gehen ihrer Zusatzaufgabe als Eintänzerinnen mit vollem Einsatz nach; die Chefin trägt selbstgeschneiderte Kostüme im Voodoo-Priesterinnen-Stil. Hauptsache grell, bunt und auffällig. Selten liess sich ein derartiger Clash aus Style und musikalischen Einflüssen feststellen wie bei der jungen Britin. Die Schublade in die EBONY BONES gesteckt werden kann, muss erst noch gezimmert werden. Spiegel Online nennt es «Pogo reloaded», wir nennen es «damned right for a Lethargy».


Fabrikzeitung August 2010

2020 SOUNDSYSTEM

BEARDYMAN

SAMSTAG 14. AUGUST

HARD TON

SONNTAG 15. AUGUST

2020 Soundsystem hat viele Gesichter, ist aber immer mit dem gleichen Namen verbunden: Ralph Lawson, legendärer «Back To Basics» DJ und Labelchef von 20:20 Vision. Wenn beim Namen Ralph Lawson nicht unbedingt bei jedem Musikliebhaber gleich der Groschen fällt, kann das daran liegen, dass der DJ aus Leeds eines der sogenannten «Best Kept Secrets» der internationalen Szene ist. Denn Ralph Lawson hat die britische Northern Acid House Bewegung mitbegründet und über Jahrzehnte hinweg nur die besten für Gastspiele in seinen legendären B2B (Back To Basics) Club geholt. Daneben hat Lawson als wacher und neugieriger Geist seine Skills als Produzent kontinuierlich geschliffen. DJ- und Audio-Magazine liegen ihm zu Füssen und betteln, dass er seine Tricks verrät, sogar David Bowie bittet zum Remix.

Noch nie war Beatboxen so partytauglich und so lustig. In England ist Beardyman bereits ein Star, die Fans, die sogenannten «Barbist», vergöttern ihren «Deus ex Barba», ihren Gott aus dem Bart. Ausgerüstet mit 4 Kaoss Pads, einer Loopstation, Effektpedal und Keyboard hievt Beardyman mit seinen Live-Perfomances Beatboxing aufs nächste Level. Da hat Ol’ Dirty Bastard dann auf einmal einen schottischen Akzent, Aphex Twin wird von Hummeln angegriffen. Alles nur mit Hilfe seines Mundes.

Super Flu (decks’n’fx) Guillaume & the Coutu Dumonts (live) DJ Hell Lopazz (live) Débruit (live) Hard Ton (live) Peter Digital Orchestra (live) Alec Troniq (live) Galoppierende Zuversicht (live) Nobody Nose feat. Juditta (live) Rizzoknor (live) Wandern mit Bronko (live) Rumory Mitsutek Chiri Moja Fabelhaft Nik! & Soult

Was wäre herausgekommen, wenn Disco Aliens die Drag Queen Divine zu ihrer Zeit gekidnapped und sie in moderneren Zeiten in Italien wieder auf die Erde gebeamt hätten? Die Antwort ist vielleicht näher, als sie glauben, wenn wir uns Hard Ton, die grösste Disco Queen des 21. Jahrhunderts anschauen. Und wenn uns sein Körper schon an John Waters Muse erinnert, zieht sich seine Stimme hinauf zu Sylvesters Falsetto, wie sie zwischen beschleunigten Beats und schamlosen Acid Sounds umher hüpft.

Afterhour am See mit:

Mit dem 2020 Soundsystem hat Ralph Lawson die Form des DJ-Gigs als einer der ersten weltweit innovativ erweitert: Live Musiker und Sänger ergänzen sich mit klassischem Deejaying zu einer fulminanten Party-Fusion. Zum ersten Mal in der Schweiz und exklusiv in der Roten Fabrik.

Der ehemalige UK Beatbox Champion macht Solo Beatboxshows, Live Looping acts, arbeitet mit DJs und Rappern zusammen und dreht für das britische Fernsehen Comedy Serien. Seine Ideen haben offenbar nie ein Ende und er erweitert ständig sein Repertoire. Beardyman erobert mit seinen atemberaubenden Auftritten momentan ganz Europa und die Videos seiner Konzerte sind auf Youtube hochbegehrt. Was die lebende Jukebox an der Lethargy machen wird, wissen wir noch nicht so genau. Wir freuen uns jedenfalls sehr auf den Bartgott.

Hard Ton ist ein Allesfresser, gut genährt an den vielschichtigen Outfits der Leigh Bowery sowie der modernen Popimagination. Mit seinen 150 Kilos ist Hard Ton das Aufeinandertreffen eines Giorgio Moroder low-fat grooves Models und einer schwergewichts ChicagoSound Queen Maschine.

P.Bell Styro2000 Matija Bang Goes Playlove Ida


Monatsprogramm August 2010

MONATSpROGRAMM ROTE FABRIK AUGUST 2010

Musikbüro Mi 4. Aug / 20:30 Uhr // Aktionshalle / Sugarshit Sharp:

Fr 6. Aug / 21 Uhr // Clubraum / Sugarshit Sharp:

MOGWAI LIVE FILM «BURNING»

DUM DUM GIRLS / SUppORT

www.mogwai.co.uk

myspace.com/dumdumgirls

Es brodelt, es wabert, es geht stetig über Stock und Stein: Die Musik der schottischen PostrockGruppe Mogwai ist konstant im Aufbruch. Adjektive wie stimmungsvoll, düster und cineastisch greifen da schlicht zu kurz. Ständig braut sich da etwas zusammen. Dass das nicht nur auf Platte, sondern auch bei ihren Aufritten der Fall ist, zeigt der Film «Burning». Gedreht von dem bekannten Clipregisseur Vincent Moon und Nataniel La Souanec, folgt der Streifen den fünf Männern aus Glasgow auf und hinter die Bühne.

Sie nennen sich Dee Dee, Jules, Bambi und Sandy und machen Musik, die prächtig selbstbewusst daherkommt. So, als wären die vier kalifornischen Mädels einfach mal in die Garage gegangen, hätten sich die Instrumente von der Band des Bruders umgeschnallt und ihre verträumten Gedanken mal eben leicht schief und laut in Stein gemeisselt. Hier treffen SixitiesRomantik auf Surfrock, die Ramones auf die Shangri-Las und Jesus And Mary Chain und LoFi auf Sub Pop. Auf letzterem Label aus Seattle, bekannt durch Nirvana, veröffentlichte die Band aus Los Angeles Ende März dieses Jahres ihr kurz und zügig gehaltenes Album «I Will Be» ein Werk voller Popmelodien und scheppernder Punkattitüde.

Aktuelles Album: «Special Moves»

Aktuelles Album: «I Will Be»

Mogwai

Musikbüro

Ziischtigmusig Fr 27. Aug / 21 Uhr // Clubraum / Woo-Hah!:

D.I.T.C. FEAT. LORD FINESSE, DIAMOND D, AG, OC AND DJ BOOGIE BLIND / DJ K-RIM myspace.com/ditcdiggininthecrates

D.I.T.C. Platte

Dum Dum Girls Single-Cover

D.I.T.C. - grosse Lettern, die für HipHop-Fans fast genauso viel bedeuten wie für Filmfans der Hollywood-Schriftzug. Die 1993 gegründete «Diggin‘ in the Crates Crew» aus New York steht dabei für höchste Authentizität und ausserordentliche Fähigkeiten. Ihr Name bezieht sich auf die Herstellung von HipHopBeats aus Fremdmaterial von staubigen, in Kisten aufbewahrten Vinylplatten. Jedes einzelne der Mitglieder hat sich auch auf Solopfaden bewährt und den HipHop-Untergrund mit schwerem Reim- oder Beatgeschütz erschüttert. Ausser dem verstorbenen Big L, dem erfolgreichsten Mitglied Fat Joe und Produzent Buckwild finden Ende August für einmal alle ruhmreichen Mitglieder gemeinsam den Weg nach Zürich. Ein Ereignis!

VORSCHAU:

So 1. August / 19:30 Uhr // Sommerbühne

Mi 08.09.10 – Sugarshit Sharp: HEAVY TRASH

TRIGGERFINGER / THE JACKETS pLUS SUppORT

Do 30.09.10 – A Thousand Leaves: LONELADY Sa 23.10.10 – Sugarshit Sharp: DANKO JONES

www.triggerfinger.net

Fr 29.10.10 – A Thousand Leaves: COCO ROSIE So 21.11.10 – Sugarshit Sharp: SHRINEBUILDER Fr 03.12.10 – A Thousand Leaves: SOPHIE HUNGER

Ruben Block von Triggerfi nger

Aktuelles Album: «The Movement»

Mit dem Rock wurde schon viel Schindluder getrieben. Poseure, Progressive und Primitive sind über ihn hergefallen – heute schleift sich das einst strahlende Genre als entstellter Kadaver durch runtergekommene Gassen. Es gibt nicht mehr viele Bands, die das heilige Feuer zum Lodern bringen. Und es ist kein Zufall, dass solche Gruppen oft im Trio operieren, denn beschränkte Ressourcen zwingen zur Bündelung der Energie. Triggerfinger haben dieses Prinzip kapiert. Ihre Songs sind immer saftig, aber nie mastig, kommen mit Punch auf den Punkt und führen den Rock schwer groovend zurück zu seiner ursprünglichen Funktion als Tanzmusik. Zeppelin, ZZ Top und Zabbath dienen als Inspirationen, eine Band wie die Masters of Reality als Referenz. Sind die Alben schon eine Freude, werden Auftritte der unablässig tourenden Antwerpener zum Fest, denn sowohl Zusammenspiel wie Spielfreude suchen ihresgleichen. Aktuelles Album: «What Grabs Ya?»

Ziischtigmusig Sa 7. Aug / 19:30 Uhr // Sommerbühne

Mi 18. Aug / 19:30 Uhr // Sommerbühne

FRANÇOIZ BREUT / FIONA DANIEL

AGAINST ME! / TRASH TALK

www.francoizbreut.be

www.againstme.net

«Als habe sich Morrissey in eine Französin verwandelt», so beschrieb Die Zeit Francoiz Breut. Im Hexagon gilt die Musikern als Königin des Nouvelle Chanson, eine Einschätzung, die in der internationalen Indieszene geteilt wird. The Walkabouts und Calexico coverten ihre Stück, Howe Gelb widmete ihr die Hommage «Letter To Francoiz». Ihre Lieder sind sparsam arrangiert, der Rhythmus stolpert und holpert, allerlei Instrumente von Xylophon bis Trompete sorgen für beschwingte Melancholie und darüber erhebt sich Mademoisselles Stimme, die manchmal mädchenhaft wirkt, aber nie nur niedlich. Mal rockt sie in Americana-angehauchten Songs, dann klackern europäischelektronische Ryhtmusspuren und bei Bedarf beweist la Breut beiläufig, dass sie jederzeit ein sentimentales Chanson draufhat.

Punkrock gehört noch immer zu den zuverlässigsten Stimmungsaufhellern. Seit zehn Jahren verrichten Against Me! diesen Job mit Druck und Dringlichkeit. Dabei drückt das Quartett aus Florida nicht nur stur das Verzerrerpedal durch, sondern sorgt auch mal mit Banjo und Bonanza-Gitarre für Folkfeeling. So oder so – spätestens in den Refrains offenbaren die Jungs um Mastermind Tom Gabel polternden Popappeal. Das pressfrische fünfte Album «White Crosses» wurde von Butch Vig pro-duziert, der schon Nirvana, den Smashing Pumpkins und etwa hundert anderen Indiebands den Spagat zwischen Breitenwirksamkeit und Glaubwürdigkeit beibrachte. Alte Fans mögen nörgeln, wenn die Anarchos der Herzen plötzlich Springsteen, Petty und Young zitieren, doch spätestens wenn’s mit Karacho in einen dieser «Wo-oh-ho»-Refrains geht, werden auch Skeptiker mit erhobenen Tassen Pogo tanzen.

Aktuelles Album: «A l’Aveuglette»

François Breut Artwork

Aktuelles Album: «White Crosses»

Against Me!


Monatsprogramm August 2010

Fabriktheater Mo 23. bis Mi 25. Aug / 19:30 Uhr // Fabriktheater

Di 31. Aug und Mi 1. Sep / 19:30 Uhr // Fabriktheater

Sa 21. bis Di 24. Aug / jeweils 19 und 21 Uhr // Aktionshalle

MARTIN & MOOIJ SOFORT GENIESSEN

NTANDO CELE CYpHER SESSION

Es soll niemand kommen und sagen, man habe ihn nicht gewarnt: «Wir werden Sie nicht verwöhnen heute Abend. Wir sind nicht dafür zuständig, Sie zu unterhalten. Wir wollen geniessen, unterhalten Sie uns!» Die Basler Tänzerin und Choreografin Tabea Martin und der holländische Regisseur und Performer Matthias Mooij lieben die unverblümte Kommunikation mit dem Publikum. In «sofort geniessen», ihrem vierten gemeinsamen Projekt, konfrontiert das vielversprechende junge Duo die ZuschauerInnen witzig und charmant mit der herrschenden Genusssucht. Dabei fliessen die energiegeladenen Choreografien Martins und die leise Ironie der Texte Mooijs sowie Low-Tech-Multimedia-Elemente in einer Weise ineinander, die das Stück trotz der Brisanz des Themas federleicht macht.

Die 1980 geborene Performerin und in ihrer Heimat gefeierte Spoken-Word-Artistin Ntando Cele vertritt eine junge südafrikanische Künstlergeneration, die mit vitaler Kreativität daran ist, sich in der Nachfolge von Choreografie-Stars wie Robyn Orlin und Boyzie Cekwana (beide dieses Jahr im Programm) einen eigenständigen Platz in der Performanceszene zu erarbeiten. Die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte, ihre Identität und ihre Zukunft als schwarze Künstlerin und als Frau sind Themen, um die Ntando Celes expressive Solos aus Sprache, Musik und Bewegung kreisen. Im Stück «Cypher Session», zu dem sie die Songlines der aus-tralischen Aborigines inspirierten, erfahren diese Fragen eine neue Akzentuierung durch den Umstand, dass sie für zwei Jahre in Europa lebt, wo sie an der renommierten Theaterakademie DasArts in Amsterdam studiert.

NIWAGEKIDAN pENINO FRUSTRIERENDES BILDERBUCH FÜR ERWACHSENE

Martin & Mooij

Ntando Cele

«Ich war zu Beginn ein kompletter Amateur.» Als Kuro Tanino nach Abschluss eines Psychiatrie-Studiums mit Freunden die Gruppe Niwagekidan Penino gründete, hatte er keine Ahnung von Theater. Mittlerweile spielt er ebenso geschickt wie hemmungslos mit den Konventionen des traditionellen Theaters und ist mit seinen bizarren, bildstarken Rauminszenierungen zum Liebling der Tokioter AvantgardeSzene avanciert. Am Theater Spektakel ist seine verstörende Arbeit über die Fantasien und Alpträume eines Universitätsprüflings zu sehen. Er konfrontiert darin den Zuschauer mit Figuren, Handlungen und Dialogen, die direkt aus dem Unterbewusstsein des jungen Mannes zu kommen scheinen.

Fabriktheater Sa 28. bis Mo 30. Aug / 21 Uhr // Aktionshalle

Vorverkauf für alle Vorstellungen in der Roten Fabrik im Rahmen des Theater Spektakels:

MApA TEATRO LOS SANTOS INOCENTES

www.theaterspektakel.ch oder www.starticket.ch

Das Mapa Teatro, vor 25 Jahren von Rolf und Heidi Abderhalden gegründet, gehört zu den bedeutendsten experimentellen Theatergruppen Lateinamerikas. Davon zeugten am Theater Spektakel 2005 gleich drei Produktionen. Wie viele ihrer multimedialen Arbeiten beruht auch «Los santos inocentes» auf intensiven (Video-)Recherchen über das Leben in dem von bewaffneten Konflikten beherrschten Kolumbien. Ausgangspunkt ist diesmal das Fest der unschuldigen Kinder: In Guapí, einer von Afrokolumbianern bewohnten und von Staatstruppen, Paramilitärs und Guerillas hart umkämpften Region, hat sich das Fest, das eigentlich an den Kindermord von Herodes erinnert, zu einem bizarren karnevalesken Peitsch-ritual entwickelt. Mapa kontrastieren Aufnahmen des kathartischen Exzesses mit einem Geburtstagsfest auf der Bühne zu einer berührenden theatralen Collage aus Fiktion und Dokumentation, welche die allgegenwärtige Gewalt und ihre Auswirkungen reflektiert.

Abendkasse Landiwiese während des Festivals täglich geöffnet ab 17.00h

Los Santos Inocentes

Film am See

Video

Jeden Donnerstag im Juli und August Filmbeginn um 21:30 Uhr

- Schnittplätze - Begleitete videowerkstatt - Videokurse - Projektbegleitung - Überspielungen DV / DVD / SVHS / Beta

SCHNITT-KURS: FINAL CUT pRO - AUF DEIN pROJEKT BEZOGEN

EINFÜHRUNGSKURS INS AFTER EFFECTS

Du möchtest du unter fachkundiger Anleitung dein Material bearbeiten und die Schnittsoftware Final Cut Pro anwenden lernen?

FILM AM SEE ANIMIERT

Filmprogramm

26. August

Sind Trickfilme etwas für kleine Kinder? Wohl kaum. Der Animationsfilm hat sich längst zur eigenen Kunstform entwickelt. Vom Zeichenstift bis zur 3D-Software setzen die unterschiedlichen Gestaltungsformen der Phantasie keinerlei Grenzen. So lassen die erzählten Geschichten die Realität oft weit hinter sich. Das Openair Kino «Film am See» zeigt diesen Sommer an neun Abenden einen Querschnitt durch die faszinierende Welt des animierten Bildes. Das diesjährige Openair Kino in der Roten Fabrik nimmt die Besucher mit auf eine Reise durch unterhaltende, erheiternde oder skurrile Geschichten. Einige der Filme handeln von abgründigen Visionen und gehören somit nicht vor Kinderaugen.

5. August - Kurzfilmprogramm: Die Reise

Yellow Submarine, Submarine, George Dunning, GB, 1968

Die Seilbahn, Seilbahn, Claudius Gentinetta, CH‚ 08 Harvie Krumpet, Krumpet, Adam Elliot, AUS‚ 03 Banquise,, Claude Barras / Cédric Louis, CH‚ 05 Banquise Carcasses et Crustacés, Crustacés, Zoltán Horváth, CH‚ 99 The Mysterious Geographic Explorations of Jasper Morello, Morello, Anthony Lucas, AUS‚ 05 Même les Pigeons vont au paradis, paradis, Samuel Tourneux, F‚ 07 Der Moderne Zyklop, Zyklop, Daniel Nocke, D‚ 02

Vorfilm: Wallace & Gromit: The Soccamatic & The Tellyscope, Tellyscope, GB‚ 02

Bei schlechter Witterung im Trockenen! - Für den Eintritt gibt es eine Kollekte. Eine Veranstaltung der ag-film, Rote Fabrik, Seestrasse 395, Zürich

12.August The Legend of the Sky Kingdom, Kingdom, Roger Hawkins, Zimbabwe, 03 Vorfilm: La petite fille (Gewinner der Offenen Leinwand Herbst‚ 09) 09) 19. August - Kurzfilmprogramm: Liebe Amourette, Maja Gehrig, CH‚ 09 Amourette, Moja ljubov, ljubov, Alexander Petrov, RU‚ 06 Elukka,, Tatu Pohjavirta, FI‚ 06 Elukka Nosferatu Tango, Tango, Zoltán Horváth, CH‚ 02 Tarte aux pommes, pommes, Isabelle Favez, CH‚ 06 Ei Love you, you, Gabriela Meier, CH‚ 07 Chainsaw,, Dennis Tupicoff, AUS‚ 07 Chainsaw

After Effects wird für die professionelle Gestaltung animierter Grafiken und visueller Effekte in den Bereichen Film, Video, Multimedia und Internet eingesetzt. Der Kurs soll die Philosophie von AfterEffects erläutern. Es kommen folgende Themen zur Sprache: Adjustment, Layers, Motion Path, Animating Layers, Plugins, Masking, Grundlagen der verschiedenen Videocodecs und -settings im Rendermanager. Kurszeit: Sa/So 18./19. Sept 2010, 10-17 Uhr Kurskosten: Fr. 270.Anmeldeschluss: 24. August 2010

Kurszeit: Sa 6./13./20. Nov 2010 10-17 Uhr Kurskosten: Fr. 450.Anmeldeschluss: 14. Oktober 2010 Bürozeiten: Dienstags 10-13 Uhr Donnerstags 17-20 Uhr Tel. 044 485 58 78 video@rotefabrik.ch www.fabrikvideo.ch


Monatsprogramm August 2010

ROTE FABRIK AUGUST 2010

1 So

Ziischtigmusig Triggerfinger Sommerbühne 19:30 Uhr

2 Mo

3 Di

4 Mi

7 Sa

Ziischtigmusig Françoiz Breut Sommerbühne 19:30 Uhr

8 So

9 Mo

10 Di

11 Mi

12 Do

13 Fr

Party Lethargy Ganzes Gelände 23 Uhr

14 Sa

16 Mo

17 Di

18 Mi

Ziischtigmusig Against Me! Sommerbühne 19:30 Uhr

24 Di

Theaterspektakel Sofort geniessen Fabriktheater 19:30 Uhr

19 Do

Film am See Kurzfilmabend Am See 21:30 Uhr

Party Lethargy Ganzes Gelände 23 Uhr

20 Fr

15 So

21 Sa

Party Lethargy After Hour Am See 8 Uhr

Theaterspektakel Frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene Aktionshalle 19 und 21 Uhr

22 So

Film Mogwai «Burning» Aktionshalle 20:30 Uhr

Theaterspektakel Frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene Aktionshalle 19 und 21 Uhr

5 Do

23 Mo

Film am See Kurzfilmabend Am See 21:30 Uhr

Theaterspektakel Sofort geniessen Fabriktheater 19:30 Uhr

6 Fr

Theaterspektakel Frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene Aktionshalle 19 und 21 Uhr

25 Mi

Theaterspektakel Sofort geniessen Fabriktheater 19:30 Uhr

26 Do

Film am See Überraschungsfilm Am See 21:30 Uhr

27 Fr

Woo-Hah D.I.T.C. Crew Clubraum 21 Uhr

28 Sa

Theaterspektakel Los santos inocentes Aktionshalle 21 Uhr Jubiläum 30 Jahre Ziegel Ziegel oh Lac 18 Uhr

31 Mo

Theaterspektakel Cypher Session Fabriktheater 19:30

29 So

Theaterspektakel Los santos inocentes Aktionshalle 21 Uhr Jubiläum 30 Jahre Ziegel Kinderprogramm Ziegel oh Lac 11 Uhr

Sugarshit Sharp Dum Dum Girls Clubraum 21 Uhr

Film am See Legend of the Sky Kingdom Am See 21:30 Uhr

Theaterspektakel Frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene Aktionshalle 19 und 21 Uhr

30 Mo

Theaterspektakel Los santos inocentes Aktionshalle 21 Uhr

Fabrikzeitung 263 - Wege zum Glück  

"Glücklich sein ist einer der wichtigsten Aspekte im Leben", heisst es in einer Wellness-Broschüre. Doch wie schafft man es, sich aktiv sein...

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