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Nachhaltige Zivilgemeinschaft In den letzten Jahrzehnten hat ein stetig zunehmender Wandel, eine Veränderung in unserer Gesellschaft stattgefunden. Vor gut hundert Jahren gab es ca. 180 sogenannter „ Nicht-RegierungsOrganisationen“. 2010 sind es weltweit geschätzt mindestens 10 Millionen solcher Bürgerinitiativen. Darunter werden kleine, lokale Initiativen oder große Organisationen wie Greenpeace gezählt. Gemeinsam bilden sie die größte Massenbewegung aller Zeiten. Der Einfluss reicht bis in alle Winkel des modernen Lebens hinein. Sie gestalten Sozialpolitik, treiben den Umweltschutz voran und leisten Friedensarbeit, bauen Städte nachhaltig um oder gestalten den Umbau hin zu einer grünen Landwirtschaft. Dabei leisten sie oft mehr als gewählte Regierungen, ihre Politiker und Minister. Manchmal gelingt es ihnen, Dinge durch zu setzen, an denen internationale Konferenzen mit all ihren Spezialisten scheitern. Jüngster Ausdruck dieser erstaunlichen Macht von einfachen Bürgern ist die sogenannte Transition-Town Bewegung. Diese hat sich vorgenommen, alle großen Städte vor dem Ende der Ölförderung so nachhaltig verändert zu haben, dass es in Folge weder zu Energie noch zu Transportengpässen noch zu Hungersnöten kommen wird. (…)

Wer sind die Leute, die da scheinbar ohne koordinierende Leitung , ohne Hierarchien und Verwaltungsapparat einfach so die Welt verändern? Menschen wie Du und ich. Ehrenamtliche Mitarbeiter von Bürgerinitiativen, die sich gegen lokale wie globale Fehlentwicklungen engagieren. Sie beginnen vor ihrer eigenen Haustüre, leisten Widerstand und setzen immer öfter naheliegende Lösungen um, ohne lang zu planen und zu fragen. Eine soziale Bewegung aus Einzelpersonen , Initiativen, Vereinen, Verbänden aber auch kirchlichen und religiösen Institutionen , ja sogar Gewerkschaften und alternativen Wirtschaftunternehmen, die ihrem Gewissen folgen und mit neuen Werten eine andere Welt bauen wollen. Jenseits der Politik finden sich überall in der Welt Menschen zusammen, die sich sorgen. Sorgen um die Schönheit des Landes, die Vielfalt der Pflanzen, die Schätze der Kultur, der Gesundheit, die Lebensbedingungen ihrer Kinder. (…) Es ist das Engagement und die Phantasie das scheinbar Unmögliche in die Welt zu bringen , was die globale Zivilgesellschaft so erfolgreich macht, einen Keimling zu setzen, der dafür sorgt, dass die Zukunft anders wird als die Vergangenheit. Letztlich geht es dabei darum, eine Lösung für Probleme zu finden, bevor sie der Politik über den Kopf wachsen. Flöße zu bauen für den möglichen Untergang der Titanic. Eine kranke Gesellschaft zu heilen, bevor sie zerbricht. Lösungen zu finden, die von Herzen kommen, ein neues Denken und neue Werte zu verbreiten, aus denen dann eine andere Politik und Ökonomie erst entstehen können (…)

Inseln der Zukunft brauchte es schon immer. Deshalb ist die Idee einer Zivilgesellschaft auch schon alt wie die europäische Zivilisation. Aristoteles prägte das Wort schon vor 2300 Jahren. (…)

„Der inhaftierte Reformkommunist Antonio Gramsci schuf in den 30er Jahren mit seinen Gedanken die Grundlage für die heute weltweite moderne Zivilbewegung“, sagt der alternative Nobelpreisträger Nicolas Perlas Inhaltlich sagt er in etwa, wir müssen anerkennen, dass es sich bei der Zivilgesellschaft um ein unabhängiges Forum für Ideen handelt. Bevor wir das staatliche System verändern können, muss ein Kampf um die Ideen geführt werden. Denn wir müssen die Menschen von ihrer Angst und ihrem Gefühl der Hoffnungslosigkeit befreien. Als es in den 80er und 90er Jahren zu einer Wiedergeburt der Zivilgesellschaft kam, spielten besonders die osteuropäischen Bürgerbewegungen eine Rolle, weil sie zivilgesellschaftliche Ansätze nutzten um das kommunistische System zu untergraben. Hier wurde ironischer Weise die Idee des italienischen Kommunisten Gramsci intensiv genutzt, dass die Menschen zuerst von ihrem Gefühl der Hoffnungslosigkeit befreit werden müssten, bevor der diktatorische Staat selbst gestürzt werden könne. Im Untergrund blühten eben in Gestalt der Bürgerbewegungen ganz besonders die zivilgesellschaftlichen Organisationen auf, die weder mit der Wirtschaft noch mit dem autoritären Staat verknüpft waren. Das war dann die Geburt der modernen Zivilgesellschaft. Unlängst nannte man sie noch den 3. Sektor, der sich irgendwo zwischen Staatsgewalt und ökonomischer Macht ansiedelte und so etwas war wie das Zünglein an der Waage. Der heutige Begriff der Zivilgesellschaft steht eher für eine unabhängige Kraft, die durch ihre Größe und Vielfalt neue Werte schafft Damit wird sie für Reformkräfte für Staat und Wirtschaft zum interessanten Kooperationspartner. (…) Doch die neue Rolle als 3. Weltmacht ist vielschichtig. Ohne organisierte Macht und hierarchische Struktur ist sie zwar allgegenwärtig, aber wenig berechenbar. Sie hat keine Macht außer der, die aus kreativer Aktion wächst. Sie muss versuchen, Kultur, Staat und Wirtschaft zu verändern und darf sich von keiner der 3 Säulen der Gesellschaft über den Tisch ziehen lassen. Sie muss gleichzeitig gegen Fehlentwicklungen protestieren und neue überzeugende Modelle erschaffen. Sie muss an den Wurzeln der Gesellschaft arbeiten und zugleich das ganze System erreichen. (…)

v i t a s ausgabe 1 | 2013

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Infomagazin zum Erdchartaweg Amberg-Sulzbach  

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