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indem man eine neue, eine andere Erfahrung macht. Dazu aber kann man niemand zwingen oder überreden, dazu kann man die betreffende Person nur einladen, ermutigen und inspirieren.

Drei mögliche Ansätze

Die Vorstellung, dass Schule auch anders gehen könnte, müsste sich für sie irgendwie „gut anfühlen“, müsste ihnen unter die Haut gehen, ihr Herz erwärmen, wie man so schön sagt. Mit der Frage, wie man das erreicht, beschäftige ich mich nun schon seit einiger Zeit, und jetzt zeichnen sich endlich die ersten Ansätze für eine Lösung ab.

Zu einem ist das der Versuch, das alte Begabungskonzept in Frage zu stellen, das ja gewissermaßen das theoretische Gerüst darstellt, auf dem unser gegenwärtiges Schulsystem aufgebaut ist. „Jedes Kind ist hoch begabt“ heißt deshalb ein neues Buch, das ich zusammen mit dem STERN-Reporter Uli Hauser geschrieben habe und das jetzt erschienen ist. Ich bin sehr gespannt auf die Diskussionen, die es auslöst. Der zweite Ansatz verfolgt das Ziel, dem gegenwärtigen Lehrerbild als „Wissensvermittler“ etwas gegenüberzustellen, eine Zusatzqualifikation für Pädagogen in Form eines Masterstudienganges aufzubauen, der einen Abschluss als Potenzialentfaltungscoach zum Ziel hat. Pädagogen mit einem solchen Abschluss verstehen sich als „Schatzsucher für die Entdeckung“ und als „Hebammen“ für die Entfaltung der in jedem Schüler angelegten besonderen Talente und Begabungen. Im Herbstsemester nächsten Jahres soll dieser Studiengang starten.

Der dritte Ansatz ist der Versuch, eine breite zivilgesellschaftliche Bewegung zur Veränderung der bisherigen Lern- und Beziehungskultur in Schulen zu initiieren (www.schule-im-aufbruch. de). Ob das gelingt, hängt davon ab, wie viele Lehrer und Eltern und Schüler sich dieser Bewegung anschließen und sich vor Ort, also in ihrer jeweiligen Schule daran machen, eine Lern- und Beziehungskultur aufzubauen, die künftig niemandem mehr Bauchschmerzen bereitet und die alle Schüler und auch ihre Lehrer einlädt, ermutigt und inspiriert, all das wirklich zur Entfaltung zu bringen, was in ihnen steckt. Alles darf in Schulen passieren, nur eines nicht mehr: dass Kinder und Jugendliche ihre Lust am Lernen, am eigenen Entdecken und Gestalten verlieren. Auch wenn dieser neue Geist nicht gleich in allen Schulen Einzug hält, es wird sich nicht verhindern lassen, dass er sich ausbreitet.“ Herzlichst Ihr Gerald Hüther

Skandal Schule Macht Lernen dumm? Dieser Frage ist Prof. Dr. Gerald Hüther zusammen mit Richard David Precht am 2. September 2012 um 23:25 im ZDF nachgegangen. Auf seiner Homepage: www.gerald-huether.de kann es angeschaut werden.

Jenaplanschule Die Nürnberger Jenaplankinder in Deinsdorf Im Hof stehen schon 25 Koffer nebeneinander aufgereiht, von den Eltern der Jenaplan Kinder voraus geschickt, die Kinder sind mit dem Zug gefahren. Kurz darauf kommen sie angerannt, erhitzt vom steilen Weg vom Bahnhof zum Seminarhaus. „Hoffentlich bin ich wieder im selben Zimmer wie letztes Jahr“. „Du musst aber zu mir ins Zimmer.“ „ Dürfen wir schon hochgehen?“ „Das Karussell ist ja weg!“ „Hoffentlich ist der Fußballplatz gemäht!“ Aufgeregt und atemlos werden gleich die wichtigsten Fragen geklärt, bevor die LehrerInnen beruhigend eingreifen. „Jetzt setzen wir uns erst mal alle her und schauen uns um.“ Seit ca. sechs Jahren kommen immer wieder Klassen der Jenaplanschule Nürnberg nach Deinsdorf ins Schullandheim. Dieses Jahr waren im Januar die Bären und im Juli die Delphine zu Besuch. Da die Klassen ja altersübergreifend von sechs bis zu zehn Jahren zusammengesetzt sind, haben wir immer Kinder dabei, die schon ein- oder mehrmals hier waren und andere, die zum ersten Mal dabei sind. Gleich nach der Ankunft zeigen dann jeweils die Großen, den Kleinen, nicht ohne einen gewissen Stolz, dass sie schon Bescheid wissen, führen sie zu den Schafen, den Schaukeln, der Katze, dem Feuerplatz und was es sonst noch an Attraktionen gibt. Auch bei den Arbeiten, für die die Kinder zuständig sind, etwa Tischdecken oder Geschirrspülen, nehmen die

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Älteren die Jüngeren an der Hand und unterstützen sie wenn nötig. „Du kannst noch nicht mehr als fünf Teller tragen“, meint Ilka, „gib mir die anderen.“

Was nicht bedeutet, dass nicht auch gelegentlich Schwierigkeiten und Streitigkeiten auftreten, wenn zum Beispiel etwas kaputt gegangen ist und keiner will’s gewesen sein. In solchen Fällen ordnen die Lehrer einen Sitzkreis an unter der Linde im Hof, unserem kleinen „Tingplatz“ und dann heißt die Frage: “Wie können wir unser Problem lösen?“ Jede und jeder darf sich äußern. Es wird erklärt, verhandelt und diskutiert. Die Gespräche verlaufen ruhig und geordnet, notfalls muss ein „Everybody ist listening while another one is speaking“ nachhelfen. Die Kinder sprechen ihren Standpunkt offen aus, ohne besorgt sein zu müssen, dass sie für ein Eingeständnis oder eine Meinung bestraft werden.

Infomagazin zum Erdchartaweg Amberg-Sulzbach  
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Beiträge und Vorstellung der Vereinmitglieder

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