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Was ist los mit unseren Schulen? Bildung ist eines der wichtigsten Themengebiete, wenn es um unsere Zukunft geht. Zeiten und Zeitepochen verändern sich, die menschliche Entwicklung geht rasant voran. So dürfte es eigentlich ein Akt der Selbstverständlichkeit sein, dass sich Bildungseinrichtungen an stattfindende Veränderungsprozesse anpassen, Entwicklungen fördern, unterstützen und mitgestalten. Wir jedoch stehen vor unseren altertümlichen Bildungseinrichtungen wie vor fest einbetonierten Denkmälern und sind verwundert über das Ergebnis ... Wenn es um das Thema Bildung geht, erscheint Prof. Dr. Gerald Hüther wie ein heller Sonnenstrahl am dunklen, wolkenverhangenen Bildungshimmel. Prof. Dr. Gerald Hüther zählt mittlerweile zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er leitet die Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung der psychiatrischen Universitätsklinik Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Er schreibt Sachbücher, hält Vorträge, organisiert Kongresse, arbeitet als Berater für Politiker und Unternehmer. Als Mitherausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften, Mitbegründer des Netzwerkes für Erziehung und Bildung und häufiger Gesprächsgast in Rundfunk und Fernsehen ist er Wissensvermittler und -umsetzer in einer Person. Da das ganze Thema rund um die „Bildung“ eines der zentralen Anliegen des Erdchartaweges ist, bemühen wir uns natürlich auch in diesem Themenbereich um Aufklärung und Verbreitung von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und wo erkundigt man sich da am Besten?

und alle Lehrer solche Schulen wünschen. Und die Schüler erst recht. Woran also liegt es, wer oder was ist dafür verantwortlich, dass noch immer so viele Schulen nicht das sind, was sie sein sollten: Lernwerkstätten für ein gelingendes Leben?

Auf diese Frage gibt es nur eine einzige Antwort. Um darauf zu kommen, ist es möglicherweise ganz gut, wenn man Hirnforscher ist. Es liegt nämlich nicht an den Schülern, nicht an den Eltern, nicht an den Lehrern oder Schulleitern und auch nicht an den für die Schule verantwortlichen Bildungspolitikern, sondern es liegt an den Vorstellungen, die sie alle in ihren Köpfen haben. Diese Vorstellungen, diese festen Überzeugungen und inneren Einstellungen davon, wozu die Schule da ist, wie sie zu funktionieren hat und worauf es dort ankommt, sind fest in den Gehirnen aller Beteiligten verankert. Diese Verschaltungsmuster müssten sich verändern, damit sich endlich auch das ändern kann, was sie hervorgebracht, gestaltet und stabilisiert haben: unser gegenwärtiges Schulsystem, mit seinen, wie heilige Kühe behandelten Begabungskonzepten, Auswahlkriterien, Unterrichtsformen, Leistungskatalogen und Bewertungsmaßstäben.

Wir danken Herrn Prof. Dr. Gerald Hüther für seine Zeit, seine Kooperation und seine freundliche Art des persönlichen Umgangs mit den Vertreterinnen des Erdchartawegvereins. Ein großes und herzliches Dankeschön nach Göttingen. Verena Gerhardt-Hüttner

Bericht von Prof. Dr. Gerald Hüther:

Skandal Schule - Macht Lernen dumm?

„Einigermaßen unbefangen, erwartungsvoll und froh, endlich in die Schule gehen zu können um zu lernen, dürften wohl vorwiegend nur noch die Schulanfänger sein. Wie lange wird es wohl dauern, bis ihnen diese Freude vergangen ist? Man braucht kein Hirnforscher zu sein, um zu begreifen, dass es nicht gut sein kann, wenn Kinder ihre angeborene Lust am Lernen, am eigenen Entdecken und Gestalten verlieren. Und das auch noch genau dort, wo sie doch eigentlich all das lernen sollten, worauf es im Leben ankommt.

Weshalb ist das so? Weshalb lassen wir zu, dass es so ist? Weshalb sorgen wir nicht dafür, dass sich das ändert? Ist uns gleichgültig, was in den Schulen mit unseren Kindern geschieht? Oder halten wir das insgeheim sogar für notwendig? Sollen sich unsere Kinder schon in der Schule an das gewöhnen, was später draußen im Berufsleben auf sie wartet? Durchhalten, durchboxen, Zähne zusammenbeißen, nicht lange nachdenken, keine dummen Fragen stellen, sich irgendwie durchmogeln, tun was getan werden muss.

Woran liegt es?

Klar, es gibt auch Schulen, in denen das nicht so ist, auf die sich die Schüler freuen, wenn die Ferien zu Ende sind. Aber weshalb ist das nicht überall so? Eigentlich müssten sich doch alle Eltern

Wie aber lassen sich solche fest im Hirn verankerten inneren Einstellungen und Überzeugungen verändern? Sicher nicht, indem man den betreffenden Personen kluge Ratschläge erteilt. Auch nicht durch das in Aussicht stellen von Belohnungen oder die Androhung von Bestrafungen. Diese festen Vorstellungen und inneren Überzeugungen sind ja im Hirn aufgrund von Erfahrungen entstanden, die diese Personen im Lauf ihres Lebens gemacht und die ihnen selbst irgendwie weitergeholfen haben. Deshalb sind diese Vorstellungen und Überzeugungen auch sehr stark an Gefühle gekoppelt und deshalb schmerzt es so sehr, sie loszulassen. Man kann sie nicht umdenken, man müsste sie „umfüllen“. Und das geht nur,

v i t a s ausgabe 1 | 2013

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Infomagazin zum Erdchartaweg Amberg-Sulzbach  

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