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So ähnlich sehe ich das auch mit dem Handwerk. Das Handwerk ist eigentlich Kunst ... eben Handwerkskunst. Nehmen wir doch mal einen Metzgermeister, der sein Handwerk nach allen Regeln der Kunst ausübt. Bestenfalls kennt er die Bauern und seine Tiere und kann somit eine Auswahl des Tieres treffen. Daraufhin folgt eine humane und respektvolle Tötung mit kurzen Transportwegen und einem für das Tier stressfreien Tod. Die Zerlegung und Verarbeitung des Fleisches ist eine Wissenschaft für sich. Dafür ist eine gute Ausbildung und auch Begabung und Leidenschaft für den Beruf unumgänglich. Aber nur so erhält man wirklich gutes und schmackhaftes Fleisch. Dies alles ist in der Massentierhaltung und der industriellen Verarbeitung heutzutage gar nicht mehr möglich. In den Herrmannsdorfer Werkstätten wollen wir hochwertige Nahrungsmittel herstellen, die ein gesundes und nachhaltiges Leben ermöglichen. Alle Tiere, die wir verarbeiten, kommen aus dem direkten Umland. So werden die Transportwege kurz gehalten, die Tiere kommen zunächst wieder in Ställe, beruhigen sich. Am Schlachttag werden sie bei ihrem letzten Gang zum Schlachthaus begleitet, ruhig und ahnungslos, mit Respekt und Würde. Die stress- und qualfreie Situation vor der Schlachtung steigert die Qualität des Fleisches immens. Auf diese Weise sind die vielen Stufen der Verarbeitung unter einem Dach vereint. Es wird die Nähe hergestellt zwischen dem Ort, an dem die Tiere und Pflanzen wachsen und dem Ort, wo sie zu Lebensmitteln umgewandelt werden. Hinter diesem Verbund steht ein neues umfassendes Leitbild des achtsamen Umgangs mit allem Leben und Lebensnotwendigem, mit dem Boden, dem Wasser, der Luft, den Pflanzen, den Tieren und den Menschen.

Erdchartaweg:

Die meisten Menschen würden sicherlich lieber Fleisch essen, das so gewonnen wird, aber es ist natürlich wesentlich teuerer als im Supermarkt, oder?

Schweisfurth:

Wenn man darüber nachdenkt ist das ja eine Sache der Selbstverständlichkeit. Die zeitaufwändige und pflegeintensive Tierhaltung mit hochwertigem Futter und einer ausreichend langen Zeit für das Wachstum der Tiere ist natürlich viel teurer. Die zunehmende BilligMentalität finden wir ja auch in anderen Bereichen der Industrie. Die Folge von Billig heißt immer, dass die Herstellung auf Kosten anderer Menschen und vor allem der Umwelt geht. Es ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig um die Verbraucher davon zu überzeugen, dass ehrliche, qualitativ höchsten Ansprüchen genügende Produkte einfach mehr kosten. Beim Fleisch ist die Grundvoraussetzung für beste Qualität möglichst naturnahe Lebensbedingungen für die Tiere zu schaffen. So entstand im Laufe der Zeit durch Erfahrung und Beobachtung der Tiere das, was ich heute die „symbiotische Tierhaltung“ nenne ...

Erdchartaweg:

Was ist darunter zu verstehen?

Schweisfurth:

Durch meine Beobachtungen kam ich natürlich immer mehr dahinter, dass Tiere, die in einem Verbund miteinander leben, einen gegenseitigen Nutzen voneinander haben. Früher war das etwas ganz

Selbstverständliches. Erst durch die Massen- und Käfigtierhaltung ist das verloren gegangen. Zum Beispiel leben bei mir die Schweine mit den Hühnern zusammen auf der Weide. Die Schweine beschützen die Hühner vor dem Fuchs und sie wühlen für sie den Boden auf. Die Hühner sitzen dafür liebend gerne auf den Schweinen herum und machen für sie Körperpflege. Viele wissen noch, dass in Pferdeställen oft Ziegen mit gehalten werden, denn diese halten so manche Krankheiten von den Pferden fern. Diese Art der Tierhaltung möchte ich heute gerne weiterentwickeln und habe auch mittlerweile einige Bücher darüber geschrieben.

Erdchartaweg:

Wenn heute jemand seinen Betrieb auf Bio umstellen möchte, welche Tipps würden Sie ihm geben?

Schweisfurth:

Wer auf ökologische Erzeugung umstellen möchte, ist am Besten aufgehoben in einem größeren Verbund. So wie es zum Beispiel Bauern und Metzger tun, das erhöht für alle die Chancen auf Erfolg. Man braucht Mut und die innere Bereitschaft, vielleicht erst einmal gegen den leider noch vorherrschenden Strom zu schwimmen, eine innere Überzeugung und Leidenschaft sich für ein gesundes Leben, eine gesunde Umwelt und Natur einsetzen zu wollen. Ich kann aus Erfahrung nur eines sagen: es lohnt sich ... ...

Erdchartaweg:

Herr Schweisfurth, wir bedanken uns von ganzem Herzen für das Interview und die Zeit, die Sie uns geschenkt haben und wünschen den Herrmannsdorfer Landwerkstätten weiterhin alles erdenklich Gute. Es ist eine wahre Freude ein solch vorbildhaftes und wegweisendes Familienunternehmen besucht und besichtigt zu haben. Vielen Dank. Verena Gerhardt-Hüttner

Karl Ludwig Schweisfurth in „Über-Lebens-Mittel“

„Wir alle waren lange begeistert von den Möglichkeiten des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts. Wir sprachen vom Wunder der grünen Revolution, obwohl bald erste Zweifel aufkamen. Trotzdem geht die Entwicklung in der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion heute immer noch in Richtung industrieller Automation in zentralen Großbetrieben: Tiere - Schmerz und Freude empfindende, sensible Wesen - werden produziert wie technische Güter. In Mega-Fabriken werden daraus Nahrungsmittel gemacht. Was tun wir da eigentlich? Wo ist das Leben in den Lebensmitteln geblieben? Wo bleiben ethische Grundwerte, auf die wir uns so gerne berufen? Was sagt unser Gewissen? Wo bleibt die Würde von Mensch und Tier? Was wird aus unserem schönen Land, unseren Bauern, unseren Handwerkern?“

Herrmannsdorfer Landwerkstätten Glonn GmbH & Co. KG Herrmannsdorf 7 | 85625 Glonn | Deutschland

Tel. 0049 (0)8093 / 90 94 – 0 | Fax 0049 (0)8093 / 90 94 – 10 glonn@herrmannsdorfer.de

www.herrmannsdorfer.de

v i t a s ausgabe 1 | 2013

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Infomagazin zum Erdchartaweg Amberg-Sulzbach  

Beiträge und Vorstellung der Vereinmitglieder

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