Page 38

Ein Besuch bei den Herrmannsdorfer Landwerkstätten „Die Qualität des Essens ist der Gradmesser für die Wertschätzung, die der Mensch sich selber schenkt.“ Vor einiger Zeit unternahm eine Delegation des Erdchartawegvereins einen Besuch zu den Herrmannsdorfer Landwerkstätten im Chiemgau. Zu einem persönlichen Interview mit Herrn Schweisfurth angemeldet, sahen wir uns vorab in dem Hofladen der Herrmannsdorfer Landwerkstätten um. „Viele fragen uns, warum wir „Landwerkstätten“ heißen, ein ungewöhnlicher Begriff. Der Begriff stammt aus unserem Credo der handwerklichen Produktion, und die findet in Werkstätten, nicht in Fabrikhallen statt. Da wir auf dem Land sind und für die Region – d. h. auch für die Städte in der Region – arbeiten, haben wir das Wort „Land“ den „Werkstätten“ vorangestellt“, lautet die Erklärung des Familienunternehmens. Seit 1986 zeigen die Herrmannsdorfer Landwerkstätten vorbildhaft auf, wie ein ökologisches Unternehmen für Ackerbau und Viehzucht sowie zur Erzeugung und Vermarktung von frischen Lebensmitteln in handgemachter, ökologischer Qualität regional wirtschaften kann. Gut 70 ökologisch ausgerichtete Bauern der näheren Umgebung sind Zulieferer für die Landwerkstätten geworden. Sie bilden damit eine Synthese aus landwirtschaftlicher Erzeugung von Pflanzen und Tieren, der Lebensmittelverarbeitung in Metzgerei, Bäckerei, Brauerei und Käserei und der Vermarktung im Hofmarkt in Herrmannsdorf und eigenen Geschäften in und um München. Aufgrund der großen Nachfrage werden die Herrmannsdorfer Lebens-Mittel inzwischen nicht ausschließlich in eigenen Läden, sondern auch an Dritte vermarktet, wie beispielsweise Naturkostläden, Bio-Supermärkte, Restaurants und Metzgereien, die ihr eigenes Sortiment mit hochwertiger Biowurst und anderen Produkten aus Herrmannsdorf ergänzen möchten. Es folgt ein Interview mit Karl Ludwig Schweisfurth, dem ehemaligen Besitzer der „Herta“ Fleischwarenfabrik und Begründer des Unternehmens.

Erdchartaweg: Herr Schweisfurth, Sie waren Besitzer einer der größten Fleischwarenfabriken in Europa und haben dennoch auf der Höhe Ihres Erfolges nicht nur „Herta“ verkauft, sondern danach einen vollkommen anderen Weg eingeschlagen. Wie kam es dazu?

Schweisfurth:

Tja, so genau kann ich das gar nicht mehr sagen ... es war wohl mehr ein schleichender Prozess.

Es fühlte sich so an, als ob ich mich irgendwann mit einem Virus mit langer Inkubationszeit infiziert hatte. Denn zunächst war es ja so, dass mich mein Vater 1955 nach Amerika schickte. Damals

war ich erst 25 Jahre alt und als junger Mensch natürlich begeistert von den Massenställen der Schlachthöfe in Chicago und von den technischen Möglichkeiten der industriellen Verarbeitung

von Fleisch (Er zeigt uns ein Foto vom Schlachthof in Chicago mit einer riesigen Fläche mit wartenden Tieren, die sich gegenseitig fast zerdrückend eingepfercht stehen).

Begeistert kam ich nach Hause zurück und konnte meinen Va-

ter davon überzeugen, sich dem neuen Wachstum und den erfolgsversprechenden wirtschaftlichen Aussichten anzupassen.

So wurde aus unserem damaligen Handwerksbetrieb ein stetig

wachsendes Großunternehmen. Schon bald konnte aus der Um-

„Was verlangen wir eigentlich von den Menschen, die den ganzen Tag an den Fließbändern stehen ? Wie fühlt es sich an, wenn man am Fließband auf einen einzigen Handgriff reduziert wird?“ „Was tun wir eigentlich den Tieren an, wenn wir sie in diesen grausamen Massentierhaltungen leben lassen?“ „Wie können wir ihnen diese grausamen oft endlosen Transportwege antun ... durch ganz Europa manchmal, wo sie teilweise verdursten oder sonst wie qualvoll sterben?“ Mir wurde klar, dass wir Tiere wie Schrauben behandeln und ich sage Ihnen auch woher das meiner Meinung nach kommt. Aus der Zeit der Aufklärung. René Descartes wird der Satz zugeschrieben: „Tiere, die schreien, sind quietschende Maschinen“ und genau das ist heute unser Problem: wir behandeln Tiere wie Maschinen.

Ich konnte mir auch nicht mehr vorstellen, dass das Fleisch derart gequälter Tiere für uns Menschen ein gutes Nahrungsmittel sein kann. So kam es auch, dass ich anfing weniger Fleisch zu essen. Mir war mittlerweile die Qualität viel wichtiger geworden als die Quantität. Lieber esse ich nur noch einmal oder zweimal in der Woche Fleisch, aber dann wirklich richtig Gutes. Tja, und dann war klar, dass sich weder ich noch meine Kinder weiter an dieser Form der Tierbehandlung und Haltung beteiligen wollten und so verkaufte ich 1985 meinen Herta-Wurst Betrieb.

gebung gar nicht mehr so viel Fleisch, also Vieh, eingekauft wer-

Erdchartaweg:

mein Beitrag leistete ...

Ja, der Virus hatte ganze Arbeit geleistet. Der Prozess bewirkte natürlich eine Zunahme an Bewusstheit gegenüber allem Lebendigen, Tieren, Pflanze ... der Natur gegenüber. Für mich hat heute die Ehrfurcht und die Achtsamkeit den Tieren und der Natur gegenüber oberste Priorität. Die Natur hat ihre Gesetzmäßigkeiten und die gilt es zu beachten. Sehen Sie, der riesige Massenbetrieb machte mir auch bewusst, wenn ein System zu groß geworden ist und jegliche Moral verloren hat, dann muss es vergehen ... und man wird wieder klein anfangen müssen. Nur so kann Neues entstehen.

den, wie für ein Großunternehmen nötig war ... so entwickelte sich die Massentierhaltung, zu der ich ja auf die Art und Weise

Ja ... und so nach und nach wirkte der Virus mehr und mehr. Es tauchten zunehmend Fragen auf, wie „was machen wir hier ei-

gentlich“? ... es kamen die Fragen meiner Kinder dazu. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages mit meinem Sohn in den Massenstäl-

len stand , er sah mich an und sagte: “Vater, hier läuft irgendwas total falsch, das kann es nicht sein ...“

Und so kam eine Frage nach der anderen.

38

ausgabe 1 | 2013 v i t a s

Und wie kamen Sie auf den Gedanken einen Biobetrieb aufzubauen?

Schweisfurth:

Infomagazin zum Erdchartaweg Amberg-Sulzbach  

Beiträge und Vorstellung der Vereinmitglieder