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SPIELFELD

Text: Alexander Nortrup · Fotos: Roman Pawlowski

Da ist der Wurm drin Der Sportjournalist Oliver Wurm hat WM-Magazine veröffentlicht, verdient seine Brötchen mit Panini-Städte-Alben und will nicht, dass an der Alster in Zukunft der falsche Mannschaftsbus parkt.

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ls er Sven und diesen Umzugswagen mit HH-Kennzeichen sah, wusste Oliver Wurm, was die Stunde geschlagen hatte. Seine Lieblingsdisziplin rief: das Ergreifen von Chancen. Und natürlich konnte er einfach nicht widerstehen. Er wusste noch nichts von der WM-Hefte-Reihe, nichts von 36 XL-Fußball-Sonderheften zum Auffalten. Und am wenigsten wohl von 27 Panini-Städtealben. Denn in dieser lauen Sommernacht 1994 brauchte Wurm nur ganz dringend ein Zimmer. Am Vortag hatte der Student an der Kölner Sporthochschule – Berufswunsch: Sportreporter – sich den Schlamassel bei einer Podiumsdiskussion eingebrockt. Er hatte den damaligen Chefredakteur der Sport Bild, Gerhard Pietsch, frei heraus gefragt, warum sich dieser so auffallend lustlos den Fragen der Studenten entzogen hatte. Der mächtige Springer-Mann knurrte eine eher ausweichende Antwort. Doch der Treffer saß. Die Mischung aus Wahnwitz und Kaltschnäuzigkeit hatte Pietsch gefallen. So sehr, dass dieser Wurms Nummer notierte und bereits am nächsten Tag anrief, um den Grund seiner schlechten Laune nachzureichen – und dem vorlauten Studenten nebenbei ein Praktikum anzubieten. Der Haken: sofort. Spontan einen Zug nach Hamburg nehmen – das war kein Problem. Aber von heute auf morgen in der hoffnungslos überlaufenen Stadt ein Zimmer finden? Das war 1994, lange vor Facebook und Online-Zimmerbörsen, durchaus eine Mission. Pietschs Angebot, in eine Verlagswohnung zu ziehen, sagte Wurm in einem Anfall von Übermut ab: „Wenn ich nicht kurzfristig eine Wohnung in Hamburg organisiert bekomme, werde ich wohl kaum eine SportBild-Geschichte anschleppen.“ Vielleicht auch deshalb, weil das Glück mit den Waghalsigen ist, sah er in derselben Nacht den Umzugs-Lkw mit Hamburger

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Kennzeichen in seine Straße einbiegen. Ein Banker zog in die Nachbarschaft. Und ein Kollege, besagter Sven, half ihm beim Möbelschleppen. Von Köln aus ging es für Sven im Anschluss in einen dreieinhalbwöchigen Urlaub. Vier Wochen sollte das Praktikum gehen, aber das wusste Glückskind Wurm noch nicht. Er half, das sperrige Sofa durch das Treppenhaus zu schleppen. Erzählte seine Geschichte. Und erhielt spontan die Schlüssel für Svens Wohnung.

Fußball ist der Treibstoff

Für den inzwischen 45-Jährigen ist die Geschichte bis heute Teil seiner privaten Legendensammlung. Auf das erste Praktikum bei der Sport Bild folgte ein zweites, schließlich ein Redakteursvertrag. Pietsch wurde nicht nur Wurms erster Chef, sondern auch „eine Art journalistischer Ziehvater“. 2015, Sommer. Der Ziehsohn sitzt bequem auf dem Schreibtischstuhl seiner Büro-Gemeinschaft im Hamburger Schanzenviertel, die Beine liegen ausgestreckt auf der Tischkante. Wurm trägt bunte Turnschuhe, Jeans, ein blaues T-Shirt. Eine Sonnenbrille thront auf den dunklen Haaren. Und der Ausflug in seine Vergangenheit weckt erkennbar den kleinen Jungen in ihm. „Solche Geschichten passieren mir irgendwie immer wieder“, schwärmt er. „Und natürlich prägt so was dann auch.“ Das Gefühl, dass eigentlich immer was geht, wird früh zu einem seiner Lebensmotive. Vor allem aber ist Fußball der Treibstoff, mit dem Wurm seinen Tank füllt. Mit kindlich-fiebrigem Blick und sich mitunter auch mal überschlagender Stimme berichtet er aus seinen ersten Berufsjahren im Bundesliga-Business wie ein Kind vom ersten Besuch im Bonbonladen. Der Mann ist mit 45 Jahren ja noch nicht wirklich alt. Aber er hat allen Grund, einen dankbaren Blick zurückzuwerfen: Er ist inzwischen ein renommierter

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Das Magazin des HSV Supporters Club

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