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Kinder der WestKurve Die Geschichte der HSV-Fans


12 | Einleitung

Die Ultras

Jahren Lachs oder Rosa. Ein paar ganz verrückte VIP-Fans werfen sich frech einen nagelneuen Fanschal um den Hals, um ihren Geschäftspartnern zu zeigen, wie authentisch der ganze Ausflug ist. Der Großteil hingegen beschränkt sich auf eine HSV-Krawattennadel oder einen dezenten Pin. Während die VIP-Fans im alten Stadion ausschließlich im sogenannten »Kuchenblock« der Haupttribüne saßen, verteilen sie sich heute auf immerhin drei Tribünen der modernen Arena. Der Verein hat längst erkannt, welch finanzielles Potenzial sich dort verbirgt. Und obgleich die VIP-Fans dafür sorgen, dass ein Heimspiel mit erheblichen Einnahmen für den Verein verbunden ist, schlägt ihnen oft die Abneigung der anderen Fan-Charaktere entgegen. Der Grund dafür liegt in der nahezu unerschütterlichen Passivität der VIPs. Weil es sich nicht schickt oder sie einfach nicht interessiert, zeigen sie kaum Regungen hinsichtlich des Spiels, was den restlichen Fans gleichermaßen unverständlich und unverschämt erscheint. Bezeichnenderweise lässt sich der größte Gefühlsausbruch seit Stadionumbau dem Champions-League-Heimspiel gegen Juventus Turin zuordnen: Nach einem denkwürdigen 4:4-Spektakel ließen sich einige der VIP-Fans zu wahren Gefühlsexplosionen hinreißen – sie warfen ihre Sitzkissen in die Luft und auf das Spielfeld.

Ähnlich elitär und dennoch denkbar weit entfernt von den VIP-Fans ist die nächste Gattung unter den HSVern aufgestellt. Die Ultras sind, so glauben sie zumindest, die Speerspitze der Fanszene. Auch wenn der normale Ultra oft noch minderjährig ist und die Dauer des Fanlebens dementsprechend überschaubar ist, fühlt er sich einem Großteil der anderen Stadionbesucher überlegen. Denn anstatt die Spiele des HSV einfach zu konsumieren, folgt der Ultra höheren Missionen. Er versteht sich als Hüter der Tradition – obwohl er nie etwas anderes als den modernen Fußball kennen gelernt hat – und versucht, die wachsende Kommerzialisierung des Fußballgeschäfts zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen. Er mischt sich in vereinspolitische Prozesse ein, auch wenn er nicht immer auf das dazu notwendige Hintergrundwissen zurückgreifen kann. Den Ultra allein an seiner Einstellung zu erkennen, ist wahrlich einfach: Er ist dagegen. In seinen Adern fließt das Blut eines Revolutionärs, und er sieht sich umgeben von Feinden. Polizei, Politik, Vereine und Sponsoren – alle bedrohen den Ultra und seine Subkultur. Dabei kündigen die Ultras stets großspurig an, ihr restliches Leben ausschließlich dem Verein widmen zu wollen. Diese Schwüre halten in der Regel ein oder zwei Jahre, bis der Ultra ein Studium beginnt, eine Freundin findet oder schlicht das Interesse verliert, weil in seiner Gruppe »echt nur noch Kinder abhängen«. Der Ultra sieht es als die Aufgabe seiner Gruppe – er hat einen ausgesprochenen Herdentrieb und tritt fast ausschließlich im Rudel auf –, die Stimmung im Stadion zu verbessern. Durch die Herstellung und Durchführung von aufwändigen Choreografien sorgt er für optische Spektakel auf den Tribünen. Auch akustisch versuchen die Ultras, Leben ins Stadion zu zaubern. Dem Vorsänger mit dem Megafon folgen sie nahezu blind. Dieses Alphatier der Gattung Ultra gibt alle Gesänge vor, sein Rudel folgt und versucht, die restlichen Zuschauer zu animieren. Da der Ultra einfache Schlachtrufe langweilig findet, versucht er es mit komplizierten Texten und Melodien, die das restliche Publikum jedoch nicht verstehen kann oder will. Für den Ultra ist neben dem Spielergebnis der Wettkampf mit den gegnerischen Ultras wichtig. Der Vergleich von optischer und akustischer Unterstützung nimmt einen ähnlich hohen Stellenwert ein wie das eigentliche Spiel auf dem Rasen. Die Ultras (nicht zu verwechseln mit den früheren

Hooligans des HSV, die sich ebenfalls so nannten) gibt es in Hamburg erst seit der Jahrtausendwende und dem Stadionumbau. Zunächst hielten sie sich komplett im A-Rang der Nordtribüne auf, heute ist eines der beiden großen Rudel in den Block 22C ausgewichen. Bei Auswärtsspielen finden sich die Ultras stets in den untersten Reihen des Gästeblocks ein und fallen dort durch das permanente Fahnenschwenken auf, das andere Fans zuweilen ärgert. Obwohl der Ultra aufgrund seiner kommerzkritischen Haltung auf offizielle Fanartikel des Vereins verzichtet, ist er äußerlich leicht zu erkennen. Neben selbst hergestellten Artikeln, die oft die eigene Ultragruppe repräsentieren, trägt er eine nahezu uniformierte Kleidung: Schwarze Kapuzenjacke, schwarzer Kapuzenpullover, Jeans, teure Turnschuhe, Sonnenbrille (unabhängig von Wetter und Uhrzeit) und Bauchtasche machen ihn leicht als Mitglied dieser Spezies erkennbar. Und obgleich die Ultras nicht unumstritten sind, geben sie den Ton an. Ihren Aufrufen zu Fanmärschen oder besonderen Veranstaltungen folgen viele andere Charaktere. Diese Tatsache untermauert ihr Gefühl, der Nabel der Fanwelt zu sein.


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Die Hooligans Wer das Heimspiel standesgemäß in den dunklen Spelunken des Kiezes ausklingen lässt, kann dort unter Umständen auf eine Fan-Art treffen, die das Rampenlicht scheut. Die Hooligans des HSV haben aus nachvollziehbaren Gründen wenig Interesse daran, als solche erkannt zu werden. Und während sich die damals noch größere Gruppe im Block 34 der Südtribüne deutlich erkennbar niederließ, verteilen sich die verbliebenen Schläger heute auf mehrere Blöcke im Stadion oder verfolgen die Spiele aufgrund von Stadionverboten oder Desinteresse im Fernsehen. Der Hooligan ist entgegen mancher Vermutung in aller Regel sehr wohl Fan des HSV, und er hält sich wie der Ultra für die Elite der Fanszene. Das liegt eventuell daran, dass er früher vielleicht mal Ultra war, aber in der Ultra-Gruppe ja »nur noch Kinder abhängen«. Seine Art, den Verein auch außerhalb der Stadien zu unterstützen, wird von anderen Fan-Typen mit Bewunderung, Neugierde oder Kopfschütteln bedacht. Der Hooligan selbst sieht sich als tapferen Vertreter seines Clubs. Wenn er gegen andere Vereine antritt, tut er das seinem Gefühl nach deutlich leidenschaftlicher als so mancher Profi. Wer glaubt, dass

der typische Hooligan ein arbeitsloser Alkoholiker ist, der keinerlei soziale Kontakte pflegt, liegt häufig falsch. Ein nicht unerheblicher Anteil dieses Typus’ geht unter der Woche einer seriösen Arbeit nach und führt ein geregeltes Familienleben. Der Hooligan ist im Alltag und außerhalb der Spieltage wenig an körperlichen Auseinandersetzungen interessiert, da er ungern in den Fokus der Gesetzeshüter gerät. Äußerlich erkennbar ist der Hooligan nur schwer. Sofern ihn nicht eine nach mehreren Brüchen schiefe Nase, blaue Augen oder auffällige Narben verraten, muss man sich auf szenetypische Kleidung verlassen. Doch unter Hooligans verbreitete Nobelmarken wie »Stone Island«, »Burberry« oder »Barbour« werden auch von Leuten getragen, die gern Hooligans wären oder einfach modebewusst sind. Eine Hooligan-Kleidungsgarantie gibt es also nicht. Ärgern müssen sich die unterschiedlichen FanParteien übrigens immer wieder über den inflationären Gebrauch des Begriffs »Hooligan« durch die Medien. Der Einsatz von Pyrotechnik wird dort genauso als Hooliganismus verkauft wie betrunkene Kutten, die sich medienwirksam auf öffentlichen Plätzen schubsen. Von den verabredeten Schlägereien der »echten« Hooligans sind sie dabei genauso weit entfernt wie die jeweiligen Pressevertreter von seriösem Journalismus.

Die Cyber-Fans Wer nach einem langen Heimspieltag endlich zu Hause eintrifft, kann die letzte Gattung der HSV-Fans treffen. Die Cyber-Fans haben jetzt, etwa drei Stunden nach Spielende, bereits unzählige Threads in unzähligen Foren eröffnet, um sich dort über wichtige und vor allem unwichtige Ereignisse des Tages auszutauschen. Das ist zeitlich möglich, weil sie das Spiel im Gegensatz zu den von ihnen als »Berufsfans« titulierten Stadionbesuchern entweder direkt von zu Hause verfolgt, schon auf dem Heimweg vom Stadion mittels Handy erste Bilder und Beiträge gepostet haben oder zumindest auf direktem Wege nach Hause gefahren sind, um sich direkt ihrem virtuellen echten Leben zu widmen. Das ist selbst an einem Samstagabend kein Problem, da der Cyber-Fan kaum Freundschaften im realen Leben pflegt und daher nichts Besseres zu tun hat. Eigentlich wäre diese Fan-Gattung harmlos und eher bemitleidenswert. Doch das Geltungsbedürfnis vieler Cyber-Fans hat zur Folge, dass sie

mit gefährlichem Halbwissen hantieren, das sie nicht als solches kenntlich machen. In der Anonymität des Internets verbreiten sie Halbwahrheiten und Lügen, sie denunzieren Einzelpersonen oder Gruppen. Den Angeboten, ihre Anliegen im Zuge »realer« Möglichkeiten vorzutragen, kommen sie fast nie nach. Stattdessen reagieren sie beleidigt, wenn ihnen im Forum nicht schon zwei Tage vor einem Spiel verraten wird, ob es beim Derby eine Choreografie gibt und niemand direkt nach dem Spiel ihre Frage nach dem Hintergrund dieses dubiosen Spruchbands erläutert, um anschließend in eine von ihnen selbst angezettelte Grundsatzdiskussion einzusteigen. Statt eine Versammlung, Info-Veranstaltung oder ein Treffen zu besuchen, beglücken sie die restliche Internetgemeinde mit zeitgleichen fragwürdigen Äußerungen. Doch selbst den Cyber-Fans muss man zugute halten, dass sie ihr Fachgebiet hin und wieder sinnvoll nutzen, wichtige Informationen verbreiten oder in seltenen Fällen auch sachliche Diskussionen führen. Am Ende eint alle Fan-Typen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, die Liebe zum großen Hamburger Sport-Verein, der stolz darauf sein kann, von so unterschiedlichen Menschen auf so unterschiedliche Weise unterstützt zu werden.


Fotos: Martin Apitzsch

46 | Stadien

Die für den Autokorso bereitgestellten Geländewagen wurden von den Fans gestürmt.

Die HSV-Spieler brachten teilweise körperliche Gewalt auf, um sich den Weg in den Kabinentrakt zu bahnen. Untermalt wurde die Szenerie nahezu durchgehend von Rettungssirenen und verzweifelten Aufrufen des Stadionsprechers, die zur Besonnenheit mahnen sollten. Wohl niemand hatte mit einer derartigen Ausartung der zuvor so euphorisch angekündigten Feierlichkeiten gerechnet. Die Mannschaft um Kapitän Nogly fuhr anschließend im Doppeldeckerbus via Rothenbaum zum Rathausmarkt. Ein geplanter Zwischenstopp an der Rothenbaumchaussee,

Auf der Tartanbahn wird erste Hilfe geleistet

Foto: Hans-Dietrich Kaiser/Nordbild

Spontan wurden zusätzliche Rettungshubschrauber herbeigerufen, die am Mittelkreis landeten und 62 Verletzte in fünf verschiedene Hamburger Krankenhäuser brachten, die meisten von ihnen ins AK Altona. Weitere 65 Leichtverletzte konnten nach ambulanter Behandlung entlassen werden. Gegen 19.30 Uhr hatten die Einsatzkräfte die Lage im Griff, und das Stadion leerte sich endgültig. Der »Schlachtfeld«-Vergleich passt an dieser Stelle wörtlich: Umgestürzte Tore, entrissene Rasenstücke, zerschnittene Netze, herumliegende Fan-Utensilien, ein zerstörter WestkurvenZaun und umgeknickte Wellenbrecher erinnerten an die vergangenen Stunden. Zuvor hatte sich die Szenerie auf dem Rasen als sehr unwirklich dargestellt: hier jubelnde HSV-Anhänger, dort Verletzte. Wieder andere hatten es auf eine Störung der DFB-Zeremonie in Anwesenheit des damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger und des ungeliebten Bundestrainers Jupp Derwall abgesehen. Die latent ablehnende Haltung der HSV-Fans gegen den DFB schlug in offene Gewalt um. So musste Bundestrainer Derwall, der von aufgebrachten Fans drangsaliert wurde, sogar Fußtritte einstecken (vgl. »HSV und die Nationalmannschaft«, Seite 330). Weitere Gruppen waren damit beschäftigt, auf Souvenir-Jagd zu gehen: Tornetze, Torstangen, Rasenstücke. Es gab kaum etwas, das nicht geplündert wurde. Auch die für den Autokorso bereitgestellten Wagen wurden von Fans besetzt.

wo etwa 30.000 HSVer auf die Spieler warteten, entfiel. Sicherheitskräfte hatten angesichts der Ereignisse zuvor im Volksparkstadion plötzlich Bedenken bekommen. Einerseits gab es auch dort bereits enormes Gedrängel und Geschiebe rund um ein kleines Podium, auf dem sich die Spieler zeigen sollten; andererseits hatten die Organisatoren offensichtlich nicht mit einem solchen Ansturm gerechnet und sahen sich erheblichen Versorgungsengpässen ausgesetzt. Der Bus mit den Spielern fuhr also im Schritttempo an den jubelnden Anhängern vorbei, und auch am Rothenbaum gab es angesichts der »Programmänderung« einigen Unmut, Rangeleien und Leichtverletzte. Doch insgesamt blieb es dort friedlich, und die Mehrheit der dort versammelten HSVer machte sich anschließend auf zum Rathausmarkt, wo schließlich Zigtausende ihre Mannschaft zu Gesicht bekamen. Eine Szene am Rande: Während des Rathausmarkt-Auftritts der Spieler versuchten 2.000 Fans, das »Café Kranzler« am Dammtor zu stürmen. Dort fand die offizielle Vereinsfeier statt. Erst gegen Mitternacht war der Spuk vorbei, die Fußballfans zogen ab. Die Feier am Rathausmarkt hingegen verlief stimmungsvoll und friedlich. Es hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass es im Stadion keine Toten zu beklagen gab. Direkt nach dem Spiel wurden noch im Innenraum des Stadions Offizielle des Vereins befragt, wie eine solche Katastrophe geschehen konnte. Hatten die Verantwortlichen die


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»Das kannst du nicht kapieren. Der HSV ist größer als Gott.« Zeichen nicht erkannt oder unterschätzt? Als Antwort kam der damals für alle Opfer beschämende Satz: »Im Nachhinein ist man immer schlauer.« Nachträglich lässt sich dazu sagen: Kein Beteiligter wollte es zu dieser Katastrophe kommen lassen, es handelte sich vielmehr um eine unglückliche Verkettung von Umständen, die im Vorwege nur schwer zu erkennen gewesen sind. Günter Netzer besuchte im Anschluss einige Schwerverletzte in den Kliniken, unter anderem Anette, 14 Jahre alt. Das Mädchen hatte innere Verletzungen und starke Schürfwunden im Gesicht, lag einige Tage im Krankenhaus. Auf dem Nachttisch stand ein Blumengruß von Bürgermeister Hans Ulrich Klose mit einer Genesungskarte. »Ich habe erfahren, dass Du Dich nach den bedauerlichen Vorfällen noch im Krankenhaus befindest. Ich wünsche Dir gute Besserung«, stand darauf. Stolz erzählte Anette später ihrer Mutter, dass Günther Netzer im Krankenhaus war und ihr eine Dauerkarte für die nächste Saison versprochen habe. Anettes Mutter wurde blass, erinnert sie sich noch heute. Für die Tochter aber war klar, dass sie zurück ins Stadion gehen wird, sobald sie wieder gesund

trugen die Pfosten davon. Von den Netzen wollte jeder ein Stück abbekommen. Wir setzten uns auf die Trainerbank, rissen ein Büschel Gras aus dem Boden und feierten die Deutsche Meisterschaft. Irgendwie schien auch keiner der Ordnungshüter irgendetwas gegen die Menschen auf dem Spielfeld zu haben. Zu diesem Zeitpunk bemerkten wir noch nichts von dem Unglück in der Westkurve. Das taten wir erst, als plötzlich ein Hubschrauber über dem Volksparkstadion kreiste. Wir nahmen erst wahr, dass etwas passiert sein musste, als der Helikopter innerhalb des Stadionbereichs landete und einige Notarztwagen in Richtung Westkurve fuhren. Relativ schnell verließen wir anschließend das Stadion und erfuhren erst später im Hotel, was tatsächlich geschehen war. 1982 war alles ganz anders. Wir waren auch diesmal wieder vor Ort. Kräftig gefeiert haben die Fans auch, doch kam es meines Wissens nach zu keinen Ausschreitungen. Und dieses Mal waren wir anschließend auf dem Rathausmarkt und haben den Deutschen Meister gefeiert.«

Dirk Mansen: »9. Juni 1979: ein Datum, das Auswirkungen auf die gesamte Fanszene haben sollte. Das letzte Spiel der Saison stand an, Heimspiel gegen Bayern, Highlight des Jahres, und wir bereits Meister! Natürlich war Feiern angesagt: erst im Stadion, und anschließend auf dem Rathausmarkt. Welch ein Tag! Glücklicherweise hatte ich damals mit 15 schon meine

Schülerdauerkarte: Stehplatz im so begehrten Block E der Westkurve. Am Spieltag war wie immer vor den Heimspielen für alle Bergedorfer HSV-Fans ab morgens der Treffpunkt der Bergedorfer Bahnhof. Die Bahnen waren proppevoll, genau wie das Stadion. Wir waren bereits zwei Stunden vor dem Spiel am Eingang zur Westkurve, weil viele von uns versuchen wollten, ohne Ticket in den Block E zu kommen. Vor und im Block sammelten sich bereits die damals bekannten Fanclubs, der HSV-Fanclub Farmsen, die Niendorfer Wild Horses, die Leberkranken, Bunny Hill und natürlich die Löwen. Ganz oben im Block standen die Rothosen und viele andere ältere Fanclubs, die dort schon lange ihre Stammplätze hatten. Für uns ging es erst mal darum, unsere Freunde reinzuholen. So wurden Karten im Block eingesammelt und wieder herausgebracht, andere kletterten über die Trennzäune zwischen den Blöcken. Es wurde voller und voller. Mich zog es nach unten in Richtung Spielfeld, um so nah wie möglich am Geschehen zu sein. Die Sonne schien, die Fans um mich herum waren fröhlich angetrunken, und schon zur Halbzeit war es unten im Block so eng, dass wir uns nicht mehr bewegen konnten. Alles fieberte der Feier entgegen, und die ersten Leute kletterten auf die Zäune, da wir im Vorwege gehört hatten, dass die Mannschaft im Autokorso um den Platz fahren sollte. Das Spiel wurde zur Nebensache. Es wurde immer enger im Block, die ersten bekamen Panik, immer mehr drängten nach


86 | Frühzeit

»Wir fahren zum Endspiel des HSV. Zieh’ bitte einen Anzug an und binde eine Krawatte um.«

Elf Hamburger Spieler holen 1960 nach 32 Jahren den Meistertitel

E

s war wie eine Erlösung. Am 25. Juni 1960 gewann der HSV in Frankfurt mit einem 3:2 über den 1. FC Köln nach 32 Jahren endlich wieder die Deutsche Meisterschaft. Aber es war ein langer und entbehrungsreicher Weg, bis dieser vierte Meistertitel endlich unter Dach und Fach war: Das Endspiel in Frankfurt war für die Rothosen das vierte Finale innerhalb von fünf Jahren, die drei vorherigen hatte die Mannschaft verloren. Ihren Anfang nahm die Serie mit dem DFBPokalfinale 1956. Nachdem sich der HSV im Pokal auf NFV-Ebene durchgesetzt hatte, folgte auf Bundesebene bereits das Halbfinale. Dort sicherten sich die Rothosen mit einem 1:0-Auswärtssieg bei Fortuna Düsseldorf den Einzug ins Endspiel gegen den Karlsruher SC. Von Euphorie war aber kaum etwas zu spüren, ganz im Gegenteil: Im Spielbericht des »Hamburger Abendblatts« findet die Tatsache, dass der HSV mit diesem Sieg ins Endspiel gelangte, erstaunlicherweise nicht mit einem einzigen Wort Erwähnung. Der Pokal hatte zu diesem Zeitpunkt offensichtlich bei Weitem noch nicht den heutigen Stellenwert. Das spiegelt sich auch in der Terminierung wider: Das Finale fand erst am 5. August 1956 und damit

Foto: Hans-Dietrich Kaiser/Nordbild

Zuversichtliche HSVer im Glutofen von Frankfurt

drei (!) Monate nach dem Halbfinale in Düsseldorf statt. Genau genommen fiel es damit schon in die darauf folgende Saison, denn die Oberliga Nord startete bereits am 19. August 1956. Ebenso kurios mutet aus heutiger Sicht die Tatsache an, dass beide Vereine auf die Austragung an einem neutralen Ort verzichteten und einem Losentscheid zustimmten. Der KSC hatte das Glück auf seiner Seite, das Los entschied auf das Karlsruher Wildparkstadion als Spielstätte. Echte Fußballbegeisterung konnte der Wettbewerb daher kaum auslösen, und es war wenig überraschend, dass knapp 25.000 Zuschauer eine enttäuschende Kulisse bildeten. Der Vorjahressieger KSC nutzte seinen Heimvorteil dennoch und verteidigte mit einem ungefährdeten 3:1-Sieg seinen Titel. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkten Öffentlichkeit und Medien der Regeländerung, die der DFB zeitgleich für die Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft eingeführt hatte. Anstatt einer Doppelrunde mit Hin- und Rückspiel war fortan nur eine einfache Runde mit drei Spielen vorgesehen – und zwar auf neutralen Plätzen. Als Begründung nannte der Verband Terminnot. Bei Vereinen und Anhängern sorgte die Entscheidung nicht gerade für Begeisterungsstürme,

da es keine Heimspiele mehr gab und sowohl attraktive Paarungen als auch Einnahmen wegfielen. Der HSV profitierte aber zumindest sportlich von dem neuen Modus. In der Saison 1955/56 war der Verein in der Endrunde als Gruppenzweiter lediglich aufgrund des schlechteren Torverhältnisses am späteren Meister Borussia Dortmund gescheitert. In der Saison 1956/57 gelang dann endlich der Sprung in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft: Das entscheidende dritte Gruppenspiel gewann der HSV in Düsseldorf mit 2:1 gegen den 1. FC Saarbrücken – nach dem Pokalhalbfinale im Jahr zuvor bereits der zweite Finaleinzug. Die Rheinmetropole entpuppte sich für den HSV anscheinend als gutes Pflaster. Dabei hatte es im Vorwege des Spiels noch reichlich Aufregung gegeben, denn der HSV erhielt für seine mitreisenden Anhänger vorab nur 500 Sitzplätze und 250 Stehplätze. Das waren eindeutig zu wenig, insbesondere der Bedarf nach Sitzplatzkarten konnte nicht gedeckt werden. Und das, obwohl das Stadion fast 60.000 Zuschauern Platz bot. Darunter waren allerdings nur 3.300 Sitzplätze, von denen jedem Verein lediglich ein Kontingent von 15 Prozent zugesprochen wurde. Das war mit 500 Karten komplett ausgeschöpft, weitere Nachbestellungen waren nicht möglich. Spätestens nach dem Erreichen des Endspiels hatte sich der Ärger allerdings gelegt, und die Begeisterung in Hamburg kannte kaum Grenzen. Als die Mannschaft gegen 23 Uhr mit dem »Merkur« der Deutschen Bundesbahn am Hauptbahnhof eintraf, wurde sie trotz vorgerückter Stunde auf dem völlig überfüllten Bahnsteig von einer unüberschaubaren Menschenmenge empfangen. Hätte der HSV das Endspiel nicht erreicht, wäre übrigens Hamburg vom DFB als Austragungsort für das Endspiel gewählt worden. Das aber interessierte in diesem Moment natürlich niemanden mehr. Nach 29 Jahren hatte der HSV endlich wieder das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft gegen Borussia Dortmund erreicht. Austragungsort war das für beide Vereine fast gleichermaßen gut zu erreichende Niedersachsenstadion in Hannover. Und ganz Hamburg wollte dabei sein. Auf die 14.000 Karten,


Foto: Hans-Dietrich Kaiser/Nordbild

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die in der Hansestadt in den Vorverkauf gingen, setzte ein wahrer Run ein. Tausende HSVAnhänger standen am Rothenbaum und am Haus des Sports Schlange, um sich die begehrten Billets zu sichern. Viele fragten gar nicht nach dem Preis, sondern nannten nur die Anzahl der gewünschten Karten. »Wir würden ja gerne jedem geben, was er wünscht«, sagte ein Mitarbeiter des HSV damals dem »Abendblatt«, »doch was man nicht hat, kann man nicht verteilen.« Die Nachfrage war so groß, dass wohl auch ein Stadion mit 150.000 Plätzen zu füllen gewesen wäre. Zum Vergleich: Im Vorjahr hatten die beiden Finalteilnehmer Borussia Dortmund und der KSC noch 15.000 der ihnen zugeteilten 20.000 Karten für das Endspiel in Berlin zurückgeschickt. Am 23. Juni 1957 machten sich knapp 20.000 HSV-Schlachtenbummler auf den Weg nach Hannover. Der war damals zumindest für die Autofahrer beschwerlicher als heute, denn zwischen den beiden Städten gab es keine direkte Autobahnverbindung. Nach einem kurzen Stück auf der Bremer Autobahn bog die Kolonne der HSV-Anhänger in Rade auf die Bundesstraße 3 ab. Wer selbst kein Auto hatte, postierte sich mit einem HSV-Fähnchen an der Autobahnabfahrt und hoffte auf einen freien Platz in einem der unzähligen beflaggten Wagen. So bildeten sich auf dem Weg zum Endspiel viele spontane HSV-Fahrgemeinschaften. Sie kannten sich zwar nicht, aber sie halfen sich wie selbstverständlich. Das war unter HSVern Ehrensache. Die Invasion aus Hamburg rollte auf der Straße und der Schiene. Die Bahn hatte

zahlreiche Sonderzüge eingesetzt, der Hamburger Hauptbahnhof glich morgens um 10 Uhr bereits einem Tollhaus. Das »Abendblatt« schickte zwei Beobachter auf die Reise: »In den Hauptbahnhof war so etwas wie ein Orkan gefahren. Aber es war nur einer der Sonderzüge zur Fußballschlacht. Fanfaren gellten. Hupen hupten. Glocken bimmelten. Klingeln klingelten wie zum Jüngsten Gericht. Die konzentrierte Lebensfreude von einigen hundert Schlachtenbummlern entfaltete ihre Schallwellen. Würdige, graumelierte Herren, die sonst nur auf seriösen Kontorstühlen zu finden sind, lächelten halbstark und schwenkten Fahnen und stießen ins Horn. Sie wetteiferten mit dem jungen, fröhlichen Fußballvolk um die Wette. Man trug weiße Strohhüte, als ginge es zum Vatertag.« Die Hannoveraner Innenstadt wurde von den Anhängern beider Vereine förmlich überschwemmt, aus Dortmund kamen ebenfalls knapp 20.000 BVB-Schlachtenbummler. König Ernst August auf seinem Reiterdenkmal fand sich bald blau-weiß-schwarz und schwarz-gelb geschmückt. Wer ohne Karte angereist war, sollte es nicht bereuen, denn der Schwarzmarkt brach schnell zusammen. Eine Stunde vor Spielbeginn war der Normalpreis erreicht, und kurz vor Anpfiff wurden die Karten, die noch wenige Tage zuvor wie Goldstaub gehandelt wurden, sogar verschenkt. Das Niedersachsenstadion platzte aus allen Nähten. Fast 80.000 Zuschauer sorgten für eine beeindruckende, lautstarke Kulisse. Bei den HSV-Anhängern machte sich allerdings schnell Ernüchterung breit, denn der

Titelverteidiger aus Dortmund dominierte das Spiel gegen eine chancen- und mutlose HSVElf nahezu nach Belieben. Den Ausgleichstreffer zum 1:1 durch Gerd Krug beantwortete der BVB mit zwei schnellen Gegentreffern zum 3:1-Halbzeitstand. Danach ließen es die Dortmunder etwas ruhiger angehen und erhöhten trotz vieler Torgelegenheiten nur noch auf ein für den HSV schmeichelhaftes 4:1. Während die Dortmunder Zuschauer den Meistertitel feierten, machten sich die enttäuschten HSV-Anhänger auf den Rückweg. Wer im Speisewagen seinen Frust hinunterspülen wollte, wurde selbst dort noch einmal unsanft an das Spiel erinnert: Zu allem Übel gab es im Zug nur Dortmunder Bier. Die Enttäuschung über das verlorene Spiel und vor allem über die schlechte Leistung steckte tief in den Knochen und Köpfen von Mannschaft und Anhängern. Als die Mannschaft am nächsten Tag mit dem Bus am Rothenbaum vorfuhr, fiel der Empfang eher verhalten aus. Etwa Tausend HSVer versammelten sich am Vereinshaus. Einige hatten den Mut noch nicht verloren und stimmten sogar ein Lied an: »Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, und beim nächsten Endspiel sind wir wieder dabei.« Sie sollten Recht behalten. Der HSV schaffte in der Saison 1957/58 den erneuten Einzug in das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Wieder in Hannover. Wieder gegen einen Westverein. Diesmal hieß der Gegner allerdings nicht Borussia Dortmund, sondern FC Schalke 04. Aufgrund der Weltmeisterschaft in Schweden fand das Finale bereits


Fotos: HSV Supporters Club(2)

156 | Mythos Westkurve

Choreoversuche des Stimmungsblocks

nie wieder gegeben. Erst am 30. Januar 2002 nach dem Stadionumbau änderte sich das, der HSV bekam nach langen Querelen die Lizenz zum Vollbierausschank. (vgl. »Bierverbot«, Seite 50) Bis heute gibt es keine nennenswerten Zwischenfälle, die auf den Kauf von Alkohol im Stadion zurückzuführen sind. Die HSV- und Gästefans wissen mit den ihnen gegebenen Freiheiten umzugehen. Ob das langjährige Alkoholverbot überhaupt einen Sinn hatte, darf durchaus bezweifelt werden, denn unzählige »Alkoholleichen« lagen Heimspiel für Heimspiel im Block E und F der alten Westkurve. An einigen Stellen bildeten sich im voll besetzten Block dennoch große Lücken, sogenannte Meteoriteneinschläge, wenn wieder einmal jemand an den Wellenbrecher gepinkelt hatte oder in seinem eigenen Erbrochenen eingeschlafen war. Vorglühen war seinerzeit schwer angesagt. Diverse Fans torkelten die Stufen ’rauf und ’runter, und so mancher nutzte die Wellenbrecher zum Abstützen, da er sonst umgekippt wäre. Zu den Schattenseiten des damaligen Alltags in der Westkurve gehörten auch wiederholte Prügeleien unter HSVern, der latente Rechtsextremismus ab Ende der Achtziger Jahre und der gelebte Proll-Sexismus jener Tage. Am 2. März 1991 wurde vor Spielbeginn die erste HSV-Blockfahne bei einem Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf eingeweiht. Darauf zu sehen war oben der Schriftzug »HSV live«, darunter eine große Raute und der Schriftzug

»Westkurve«. Die Blockfahne ging von ganz unten bis ganz oben und war damals angeblich die größte der Bundesliga. Bezahlt hat sie der damalige Präsident Jürgen Hunke. Die zweite Blockfahne gab es Mitte der Neunziger Jahre. Sie war weiß und nur mit der Raute und dem Schriftzug »Auf geht’s, Jungs« versehen. Anfang des neuen Jahrtausends spendierte der damalige Trikotsponsor eine weitere Blockfahne in Trikotform. Die Selbstorganisation der Fanclubs ging zu dieser Zeit immer weiter zurück, vielleicht auch aufgrund der ausbleibenden sportlichen Erfolge. Im Dachverband der Fanclubs waren

Ein Blick hinter die alte Westkurve

im August 1992 nur noch 28 Fanclubs registriert, zu Bestzeiten waren es fast dreimal so viele. Der mitgliederstärkste Fanclub war damals kurioserweise nicht in Hamburg ansässig: der Fanclub »Seehafenstadt Emden« mit 180 Mitgliedern. Die Nordlichter fuhren dank der Organisation von Peter Brockmöller regelmäßig mit ganzen Reisebussen von der Nordseeküste in den Volkspark und nahmen, da ihr Altersdurchschnitt über dem der gemeinen Kutte lag, auf der Haupttribüne in Block 6 unterhalb des »Kuchenblocks« Platz. Der im März 1993 gegründete Supporters Club und die neu eingeführte Fanbetreuung des HSV wollten die Fanclubs wieder näher an den Verein bringen und das Vereinsleben auffrischen. Jedes Mitglied im Supporters Club wurde automatisch Mitglied des Vereins, was für viele Fans eine zusätzliche Motivation bedeutete. In der Saison 1996/97 riefen der damalige Fanbeauftrage Dirk Mansen und der Abteilungsleiter des Supporters Clubs, Holger Criwitz, den OFC-Status (Offizieller Fanclub des HSV) ins Leben und hoben damit den Stellenwert der Fanclubs im HSV an. Der neue Status sorgte dafür, dass die Zahl der organisierten Fanclubs wieder zu steigen begann. Ein Jahr nach der Gründung des Supporters Clubs hatte Holger Criwitz die Idee, einen »Mitgliederblock« auf der Südtribüne zu initiieren. 1994 erfolgte für etwa 150 Anhänger der Wechsel von der Westkurve auf die Südtribüne. Die Karten gab es vom Verein zu einem ermäßigten Preis, und durch Flugblätter und Beiträge in den »Supporters News« suchten die Initiatoren nach weiteren Mitstreitern für den neuen


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»Stimmungsblock«. Die Plätze befanden sich auf der unüberdachten Vortribüne, aber da zur damaligen Zeit insbesondere die Seitenblöcke der Südtribüne nur bei Spitzenspielen verkauft wurden, saßen und standen die Leute fast immer in den hinteren Reihen unterm Dach. Zu Beginn war angedacht, mit gezielten Gesängen die häufig durchschnittliche Stimmung der Westkurve zu verbessern, die Menschen zu animieren und mitzureißen. Das Vorhaben gelang allerdings nicht, denn die Kutten in der Westkurve hielten die Leute auf der Südtribüne

für keine »richtigen Fans«, boykottierten deren Lieder und begannen teilweise sogar, gezielt dagegen zu singen. Bis zum Abriss des alten Stadions nach der Saison 1998/99 konnte der »Mitgliederblock« dennoch einen kontinuierlichen Anstieg verzeichnen, so waren zuletzt etwa 450 Supporters auf der Südtribüne vertreten. Zusammenfassend lässt sich der Block als Schmelztiegel von Allesfahrern, Szeneleuten sowie sonstigem »Fußballvolk« charakterisieren, denen der Verein sehr am Herzen lag. Die Lautstärke und vor allem die Qualität ihrer

Gesänge wurden immer besser und unterschieden sich deutlich von der immer bedeutungsund führungsloser werdenden Westkurve. Die letzten engagierten Fanclubs wie etwa die »Sexmachines«, die nicht auf die Südtribüne wechselten, waren zu diesem Zeitpunkt bereits in den Block A umgezogen und hatten dort einen neuen Stimmungsblock gegründet. Auch das Drumherum prägt WestkurvenErinnerungen bis heute. Stadionsprecher war geraume Zeit die Radiogröße Carlo von Tiedemann. In Richtung Westkurve kam von ihm

Ich wollte ein Teil der Westkurve werden! Angekommen auf dem Parkplatz Braun, pinkelten wir uns beinahe kollektiv vor Aufregung in die Hosen. Das Stadion betraten wir bereits kurz nach Öffnung. Wir hatten unsere Plätze auf der Südtribüne, ein Umstand, den einige der älteren Jungs etwas missmutig zur Kenntnis nahmen. Und mir wurde augenblicklich klar, warum sie so reagiert hatten. Während weite Teile des Stadions noch vollkommen leer waren, hatten sich in der Kurve links von uns bereits zahlreiche, bunt gekleidete Menschen eingefunden und suchten scheinbar fest vergebene Plätze auf. Umgehend ließ ich meine kleine Papierfahne unauffällig verschwinden, denn dort drüben hatten die Typen riesige Fahnen aus Stoff, teilweise zusammengenäht aus zahlreichen

einzelnen Fahnen, jede für sich genommen bereits fantastisch. Das also war der Ort, von dem die Jungs erzählt hatten. Das war der Ort, den wir laut Ansage unserer erwachsenen Begleiter in den nächsten Jahren unseres Lebens nicht betreten würden. Das war der Ort, der während der folgenden drei Stunden meine ungeteilte Aufmerksamkeit genießen sollte. Der über kurz oder lang mein Ziel sein sollte: die Westkurve. An das Spiel selbst erinnere ich mich nicht mehr. Ein Unentschieden gegen den 1. FC Köln, aber das war mir beinahe egal. Ich wollte jetzt unbedingt und umgehend eine Weste mit HSV-Aufnähern haben, eine riesige Fahne, viele Schals und eine Rassel. Ich wollte Teil der Westkurve werden.

Das Ziel aller Fan-Träume: Westkurve, Block E

Foto: Martin Friesecke

Erinnerungen von Thorsten Eikmeier Meinen zweiten Besuch im Volksparkstadion konnte ich erst mit geschlagenen elf Jahren verbuchen. Ein Umstand, der mich im Vergleich oft schlecht abschneiden lässt, doch im Gegensatz zu anderen kann ich mich dafür einigermaßen detailliert an das erinnern, was am Beginn einer grenzenlosen Leidenschaft stand. Mein Papa trainierte damals eine Jugendmannschaft des TV Gut Heil Wrist im Herzen von Schleswig-Holstein. Die Sache wurde für mich spätestens dann interessant, als besagtes Team einen Ausflug nach Hamburg plante. Zu einem Heimspiel des HSV. Eine Fahrt, die Spannung versprach, und da der Papa bei der Tour dabei war und der Sohn den HSV schon immer super fand, gab er nach einigem Gebettel grünes Licht. Eine gute Vorbereitung des Stadionbesuchs ist die halbe Miete, und so liefen die Planungen für alle 50 Teilnehmer auf Hochtouren. Ich allerdings steckte in einer Misere: Während viele der großen Jungs schon ein paar Mal im Stadion gewesen waren und sich mit Fanartikeln ausgestattet hatten, konnte ich lediglich ein trostloses Halstuch vorweisen, das ich auf dem Flohmarkt ergattert hatte – schlechte Voraussetzungen, sollte doch jeder sehen, dass ich eingefleischter Fan war. Doch Not macht erfinderisch, und ich hatte die rettende Lösung: Eine Fahne sollte her. Selbstgemacht, versteht sich. Nähen konnte ich noch nicht, und Mama wollte leider keinen Express-Auftrag entgegennehmen. Es blieb also nur ein Ausweg: Ich musste das Teil auf einem großen Stück Papier malen. Am Ende entstand auf diesem Weg eine HSVPapier-Fahne in Postergröße.


200 | Hooligans

Einige Passagiere beschwerten sich beim Flugpersonal, dass es nicht auszuhalten wäre und kündigten an, rechtliche Schritte gegen die Lufthansa einzuleiten.«

Nicht nur Lippenpraller … Eintracht Frankfurt vs. HSV (23. April 1994)

»Am Freitag, 22. April 1994, wurde Kaufhauserpresser Arno Funke, der unter dem Pseudonym »Dagobert« Bomben- und Brandanschläge in Karstadt-Filialen verübte und den Konzern um Millionen erpresste, in Berlin verhaftet. Er hatte nicht nur in der Bevölkerung hohe Sympathiewerte, auch bei uns Hooligans genoss er ein hohes Ansehen. Es gelang ihm immer wieder mit seinen spektakulären Geldübergaben, die Polizei zum Narren zu halten und auf’s Glatteis zu führen. Dies nahmen einige Rahlstedter zum Anlass, für das anstehende Bundesligaspiel SG Eintracht Frankfurt gegen den Hamburger SV am darauf folgenden Sonnabend T-Shirts mit dem Konterfei der Walt-Disney-Comicfigur Dagobert Duck anfertigen zu lassen, hinter Gitter sitzend und mit dem Schriftzug ›Freiheit für Dagobert‹. Die Shirts wurden am Hauptbahnhof bei ›Nagels‹ verteilt. Eine stattliche Zahl Hamburg Ultras trug diese kurzärmligen Hemden an diesem Tag. Die Hinfahrt verlief aufgrund von Streitigkeiten mit dem Zugpersonal nicht so reibungslos wie angedacht, sodass der Haufen in Hannover aus dem Zug steigen und dort eine Stunde auf den nächsten Zug warten musste. Laut Schaffner war der Gruppenfahrschein nicht vorhanden, lediglich die Teilnehmerabschnitte hatte jeder in der Tasche. Nachdem das Problem aus der Welt geschafft

war, brachte uns der ICE mit 80 Leuten in die Mainmetropole. In Frankfurt verließen wir den Zug und gingen ganz ruhig, ohne einen Mucks zu machen, in Richtung Bahnsteigtreppe, die zum Ausgang führte. Einige Leute mussten sich schon arg zusammenreißen, um nicht aufzufallen. Die Wirkung von Alkohol und pharmazeutischen Produkten konnte kaum unterdrückt werden. Beim Durchlaufen der Bahnhofshalle war keinerlei Polizei oder sonstige Security zu sehen. Wir wunderten uns doch sehr über die Abwesenheit der Staatsmacht. Heutzutage unvorstellbar, dass es Zeiten gab, in denen 80 jugendliche Gewalttäter unbehelligt mit dem Zug in eine Großstadt fahren konnten, ohne von der Polizei bemerkt zu werden – Weltklasse. Als wir realisierten, welche Möglichkeiten wir hatten, suchten einige von uns eine Kneipe auf, die an einem Seitenausgang direkt gegenüber dem Bahnhof lag und ›Gleis 25‹ hieß. Vor dieser Lokalität lungerten ein paar junge Männer, die Hooligan-typisch gekleidet waren. Sie saßen auf weißen Plastikstühlen und tranken Bier. Die ersten zehn Hamburger liefen direkt zu denen rüber und forderten sie per Anklatschen zu einem Faustkampf auf. Die verdutzten Frankfurter wollten es unbedingt vermeiden, mit uns ein Tänzchen zu machen und blieben in ihren Stühlen sitzen, in der Hoffnung, wir würden sie in Ruhe lassen. Nach mehrfacher Aufforderung, sich jetzt mal gerade zu machen, wurden sie aus ihren Plastikstühlen getreten und geprügelt. Es wurden einige Ohrfeigen verteilt. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann waren die Bullen vor Ort und prügelten enthemmt dazwischen. Etwa 50 Leute von uns wurden von der Polizei festgehalten und per S-Bahn zum Stadion verbracht. Die restlichen Hamburger gingen erneut zum ›Gleis 25‹ und provozierten die

Hamburger (vorne) und Frankfurter laufen aufeinander zu

Foto: Hamburg Ultras

sich die Schlägerei auf, wir versuchten, heil davonzukommen. Viele flüchteten in die Nebenstraßen. Für die Polizisten war es einfach, uns als Ortsunkundige einzusammeln und in Gewahrsam zu nehmen. Dabei war die bayrische Polizei nicht zimperlich. Wohl noch beleidigt, dass wir sie mit unserer Kneipen-Aktion ausgetrickst hatten, bekamen einige die Retourkutsche unvermittelt zu spüren. Viele Hamburger kamen mit Hämatomen an Kopf und Rumpf im Polizeigewahrsam an, sie berichteten, dass die Polizei sie bei der Festnahme nicht gerade mit offenen Armen empfangen hatte. Selbst Mitarbeiter der Fan-Projekte aus Nürnberg und Hamburg wurden nicht von der bayrischen Ordnungsmacht verschont und waren unter den Festgenommenen. Nach und nach war fast die gesamte Reisegruppe auf dem Polizeirevier angekommen und in Zellen gesperrt worden, um auf den Bustransport zum Flughafen zu warten. Die Geschäftsleute im Flugzeug waren begeistert, als sie den dreckigen, betrunkenen und von Kampfspuren gezeichneten Hamburger Mob sahen. Auf dem Rückflug begannen sofort die Verhaltensweisen vom Hinflug.


Fotos: Hamburg Ultras (2)

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Adler Front Frankfurt (links) und Hamburg Ultras schlagen aufeinander ein

Frankfurter. Es kam dann ein weiteres Mal zu körperlichen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf auch Mobiliar der Kneipe eingesetzt wurde. Auf dem Bahnhofvorplatz des Frankfurter Hauptbahnhofs wurde sich ebenfalls geprügelt. Vorm Stadion am Gleisdreieck gab es vereinzelt Schlägereien, welche die Adlerfront für sich entscheiden konnte. Das Spiel endete trostlos mit 1:1, nur die Gelb-Rote Karte für Carsten Kober in der 63. Minute sorgte für ein bisschen Aufregung. Nach dem Abpfiff gingen wir aus dem Stadion, in der Hoffnung, auf Frankfurter zu treffen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie aber nicht vor Ort, und so zogen wir es vor, dem massi-

– alle!‹ Wir sammelten uns vor dem Lokal und gingen gemeinsam auf die Straße, die unendlich lang erschien, und bauten uns auf. Einige von uns zogen ihre Gürtel, da die Frankfurter bei den Hauereien vor dem Spiel am Stadion auch welche benutzt hatten. Unser Pöbel ging den Frankfurtern langsam und ruhig entgegen. Es kam uns vor wie eine Ewigkeit. Als der Mob der »Adlerfront« nur noch knapp 50 Meter entfernt war, lief einer von uns vor den Hamburger Mob, fing rhythmisch an zu klatschen und rief im Takt das Wort ›Blut‹. Die Leute nahmen das Kampfgeschrei gerne auf, und so schrie unser ganzer Haufen voller Inbrunst ›Blut, Blut, Blut‹ und klatschte dazu rhythmisch in die Hände.

»Einige von uns zogen ihre Gürtel, da die Frankfurter bei den Hauereien vor dem Spiel am Stadion auch welche benutzt hatten.« ven Polizeiaufgebot aus dem Wege zu gehen. Da auch unsere Szenekundigen Beamten dabei waren, teilten wir uns in kleine Gruppen auf und liefen zur S-Bahn, mit der wir bis zur Haltestelle Niederrad fuhren. Dort angekommen, suchten wir uns eine Kneipe und guckten erstmal in aller Ruhe Fußball. Einige Zeit später kam eine Autobesatzung Frankfurter zum Laden und teilte uns mit, dass sie demnächst vorbeikommen würden. Auch sie hätten die Bullen abgehängt und sammelten sich bereits. Die Zeit verging überhaupt nicht, bis auf einmal am Ende der Adolf-Miersch-Straße im Frankfurter Stadtteil Niederrad in ungefähr 400 Meter Entfernung der Mob der Adlerfront zu erkennen war. Einige Leute schrien Richtung Kneipe: ›Los jetzt, die sind da, rauskommen

Langsam kam die Adlerfront näher, es baute sich eine unendliche Spannung auf. Eine Mischung aus Angst, Hass und Wut kam in uns hoch. Es war jedem von uns klar, dass wir, wenn wir hier laufen gehen, nur schlecht wegkommen würden. Da sich niemand von uns richtig in diesem Viertel auskannte, mussten wir mit dem Schlimmsten rechnen, denn die Adlerfront galt als sehr gute Truppe. Und offen gesagt stand einigen die nackte Angst ins Gesicht geschrieben. Dann war es soweit: Beide ersten Reihen der Gruppen liefen unter lautem Geschrei ineinander und bildeten ein wahres Knäuel. Es kam zu heftigen Schlägereien. Es wurde völlig enthemmt aufeinander eingeschlagen und getreten. Zuerst hatte die Adlerfront uns gut im

Frankfurter am Boden

Griff, bis auch unsere zweite und dritte Reihe voller Entschlossenheit und Hass in das Geschehen eingriff. Nach etwa zweiminütiger Kampfzeit drehte sich das Blatt zu unseren Gunsten und es gab kein Halten mehr. Die Frankfurter, die noch nicht am Boden lagen, ergriffen zu unser aller Überraschung die Flucht. Nun jagten wir die Adlerfront diese verdammt lange Straße hinunter bis zur S-BahnStation Niederrad. Wir ließen von ihnen ab und konnten es kaum fassen. Wir, die Hamburg Ultras, schlugen die Frankfurter in ihrer eigenen Stadt. Unser Mob war wie elektrisiert und euphorisch nach dieser klaren Niederlage der Frankfurter »Adlerfront«. Die Polizei muss in dieser Zeit wohl einige Panikattacken gehabt haben. Weder die Hamburger noch die Frankfurter konnten von den jeweiligen Szenekundigen Beamten der beiden Städte geortet werden. Als wir nach den Ereignissen von Niederrad mit der S-Bahn ins Bahnhofsviertel zurückkehrten, erwartete uns eine Überraschung: keine Polizei und wieder nur einige wenige Frankfurter an der Kneipe ›Gleis 25‹ seitlich des Bahnhofsvorplatzes. Ein Teil des Haufens hatte immer noch nicht genug, und die Kneipe wurde das dritte Mal an diesem Tag angegriffen. Die Insassen wehrten sich nach Kräften mit Barhockern, aber es gab Backpfeifen und Lippenpraller. Die Fensterfront der Kneipe musste noch ziemlich leiden, und zwei Frankfurter erwischte es schwer. Die gesamten Neunziger Jahre kam es immer wieder zu heftigen Aufeinandertreffen beider Hooligangruppierungen. Diese Kämpfe, ob nun in Frankfurt oder Hamburg, wurden von beiden Seiten bestens organisiert – und meist kam die Polizei zu spät.«


258 | Ultraszene

2012: Ein feuriger Saisonabschluss in Augsburg

Vielzahl an Choreografien und neuen Gesängen sprechen für sich. Während in der eigenen Szene die Meinungen über das »Ultra-Gemurmel« und die italienische Art des Anfeuerns weiterhin geteilt sind, ist man selbst beim Rivalen Werder Bremen der Ansicht, dass sich in dieser Hinsicht nach beinahe 13 Jahren des Bestehens etwas getan hat. Niyazi Orhan, ExMitglied der »Eastside« und heute bei »Rolands Erben«, sagt: »Okay, am Anfang haben wir uns über sie lustig gemacht und sie eher belächelt als ernst genommen. Im Laufe der Jahre aber – ich denke, das sehen auch andere bei uns so – hat die CFHH sich einen gewissen Respekt erarbeitet. Vor allem die übergreifende Mitarbeit

bei ›ProFans‹ und so weiter wird durchaus anerkannt. Und wenn man sich die aktuelle Situation anschaut, muss man sich zähneknirschend eingestehen, dass sie in Sachen Support – Block 22C sei genannt – und Choreos an uns vorbeigezogen sind.« Neben der Unterstützung vor Ort arbeitet die CFHH auch hinter den Kulissen fieberhaft. Gespräche mit dem Team und der Schulterschluss zwischen Spielern und Fans in der heißen Phase der Saison wurden initiiert, um das rettende Ufer zu erreichen und dafür zu sorgen, dass der HSV nicht in der zweiten Liga in sein 125. Jubiläumsjahr geht – denn die Pläne dafür lagen im Frühjahr 2012 längst bereit.

Fotos: Patrick Franck (2)

Schuld an Hoffmanns und Kraus’ Demission war ihres Erachtens die CFHH: Vor den Aufsichtsratswahlen im Januar 2011 hatten die Ultras via Homepage und New Social Media eine Wahlempfehlung abgegeben. Am Ende allerdings waren es schließlich deutlich mehr als die drei von der CFHH unterstützten Aufsichtsräte, die den Umbruch im Verein vollzogen. Das negativste Erlebnis der Saison war das verlorene Stadtderby im eigenen Stadion. Im Anschluss boykottierten CFHH und zahlreiche andere Fanclubs das folgende Heimspiel gegen Bremen. Die meisten konnten sich ganz einfach nicht vorstellen, den Derbyverlierern beim Kicken zuzusehen. Erstaunlicherweise zeigte die Verweigerungshaltung Wirkung, denn bereits am folgenden Tag bat die Mannschaft Vertreter der CFHH nach dem Training in die Kabine. Es wurde von beiden Seiten Klartext geredet und sich in der Folgewoche noch einmal getroffen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Das Ergebnis ist, dass Mannschaft und Fans künftig regelmäßig kommunizieren und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. Zudem wird seither auch den Spielern nähergebracht, was es bedeutet, für den Hamburger SV zu spielen. Die Saison 2011/12 war auch für die »Chosen Few« eine Saison im Zeichen des Abstiegskampfs. Der Fokus lag eindeutig auf der Unterstützung der Mannschaft und dem fortwährenden Versuch, das Team durch akustischen wie auch optischen Support zu beflügeln. Eine


Fotos: HSV Supporters Club (4)

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Die ersten Choreo-Schritte in der Saison 1997/98 waren noch echte Handarbeit

Choreografien 1999-2001 Anlässlich der Champions-League-Partien gegen Juventus Turin und Panathinaikos Athen präsentierte die CFHH jeweils eine Aktion im B-Rang der Nordtribüne. Es war der Beginn einer langen Entwicklung, die beim Spiel gegen den AS Rom mit einer weiteren Aktion ihre Fortsetzung fand. Auch dort organisierte die CFHH eine Choreo im B-Rang der Nordtribüne, dieses Mal mit dem Schriftzug »Hamburg«. Das erste Spiel um die Stadtmeisterschaft im neuen Volksparkstadion fand am 2. Dezember 2001 statt. Auf Hamburger Seite konnten die Zuschauer eine kombinierte Choreo aus Pappen und Seemann-Blockfahne bestaunen, die für die damaligen Verhältnisse auf der Nordtribüne etwas wirklich Besonderes darstellte.

Folienbahnen gegen Gladbach…

Choreografie gegen Borussia Dortmund im Jahr 2000

2002-2004 Nachdem in den ersten drei Jahren viel Lehrgeld gezahlt werden musste, sollten einige große und gelungene Aktionen folgen, die ein wirklich nettes Bild abgaben – wie zum Beispiel die Choreo gegen Bayern München im Jahr 2003 anlässlich des 40-jährigen Bundesligajubiläums des HSV. Aber auch andere Aktionen wussten zu gefallen, wie etwa die Abschiedschoreo für Hermann Rieger – trotz des kleinen Fauxpas einer um 90 Grad gedrehten Blockfahne, die das noch heute über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannte Kultwort »Dazke« hervorbrachte. Aber nicht immer konnte die CFHH mit ihren Aktionen zufrieden sein. So mussten die Mitglieder besonders bei Pappenchoreos feststellen, dass die Mitmachquote (noch) nicht optimal ist und generell auf größeres Material

zurückgegriffen werden muss. Im Gegensatz zu heute lässt Einen zudem der Anblick der einen oder anderen Blockfahne mit dem Kopf schütteln… Das konnte die Gruppe aber zum Glück im Laufe der Jahre enorm verbessern. Allerdings muss auch konstatiert werden, dass der heutige Organisationsgrad und die Kontakte zu Lieferanten sowie insbesondere Schulen, die der CFHH ihre Turnhallen für die Choreovorbereitung zur Verfügung stellen, in den Jahren 2002 bis 2004 undenkbar waren. Da erfreut es umso mehr, dass auch kleine Aktionen begeistern konnten, wie etwa die »Penisneid«-Aktion gegen Werder Bremen anno 2003, als die Bremer Szene es noch nicht geschafft hatte, sich die Aufmerksamkeit des »geliebten Feindes HSV« zu erarbeiten. Heute ist das bekanntlich anders. Damals sind viele Blockfahnen mehrmals in verschiedenen Choreografien verwendet worden. Heute wird zwar

… und Krepprollen in Kopenhagen


296 | Fanorganisationen

ganz zutreffend, unter den Hooligans war sie jedoch durchaus verbreitet und zeigte, dass man in den »Sozis« durchaus auch Verbündete sah. Ohnehin hat sich im Laufe der Jahre eine klare Rollenverteilung der Beteiligten ergeben, und die Polizei akzeptiert, dass sie das Fanprojekt nicht zum Erkenntnisgewinn nutzen kann.

»Das sind unsere Anführer!« an anderer Stelle der Fanladen gegründet, der später als Fanprojekt des Lokalrivalen fungierte. Die Betreuung der HSV-Fans richtete sich zu Beginn übrigens nicht nur an die Besucher der Fußballspiele, sondern auch die Eishockey-Fans zählten zur Zielgruppe, bevor die Zuschauerzahlen dort immer weiter sanken. Zu Beginn der 1980er-Jahre unterschied sich die Arbeit des Fanprojekts gravierend von der heutigen. Das lag am Zeitgeist, den Rahmenbedingungen und der damaligen Klientel. Joachim Ranau ist mittlerweile mehr als 20 Jahre im Fanprojekt tätig und leitet es heute. Er sagt: »In den 1980er- und 1990er-Jahren waren die Hools die dominante Gruppe im Stadion, heute treten sie dort nicht mehr erkennbar auf. Jetzt sind es die Ultras, die eine besondere Stellung eingenommen haben. Dieser Wandel hat natürlich einen entscheidenden Einfluss auf unsere Arbeit gehabt. Früher standen außerdem Streetwork, Begleitung und Sozialarbeit im Vordergrund, heute setzen wir eher auf Projekte und die Arbeit mit Multiplikatoren der Szene. Dabei liegt unser Fokus jetzt weniger auf den Problemen, mit denen Fans in Verbindung gebracht werden, sondern auf ihren positiven Eigenschaften und Ressourcen.« Innerhalb der Fanszene gab es dabei gerade zu Beginn geteilte Meinungen über das Projekt. Während sich die einen freuten, dass es nun Personen gab, die sich ernsthaft mit ihnen auseinandersetzten, waren andere Teile eher misstrauisch. Sie hatten die Befürchtung, dass »Sozialspitzel« am Werk waren, die im Auftrag der Polizei Informationen generieren sollten. Doch im Laufe der Zeit wuchs das Vertrauen, und den Fans wurde klar, dass die Bedenken unbegründet waren. Die Aussage »das sind die, die uns aus dem Knast holen« ist zwar nicht

Nach 20 Jahren Fanprojekt kann sich Joachim Ranau an manche lustige Geschichte erinnern: »Anfang der 1990er-Jahre gab es eine verabredete Schlägerei zwischen den Hooligans des HSV und des 1. FC Nürnberg. Im Nachgang wurden auch wir Fanprojektler in Gewahrsam genommen und erkennungsdienstlich behandelt. Als wir samt Kabelbindern an unseren Händen zu den eigentlichen Schlägern in die Sammelzelle geführt wurden, lachten die Jungs herzlich. Umgehend erklärten sie den Polizeibeamten, dass sie nun endlich die Richtigen erwischt hätten und es sich bei uns ohne Zweifel um die Anführer der Hooligans handeln würde.« Im Nachhinein waren die Sozialarbeiter der Polizei allerdings fast dankbar für ihren Fehlgriff, erklärt Ranau: »Die Ingewahrsamnahme lieferte nicht nur eine gewisse Situationskomik, sondern hatte auch einen ernsten Hintergrund. Schließlich glaubten zu der Zeit sowohl viele Fans als auch Polizisten, Fanprojekte würden mit der jeweils anderen Seite gemeinsame Sache machen. Die Nürnberger Einsatzleitung machte bei uns keine Ausnahme mit ihren Maßnahmen. Sie stärkte das Vertrauen der Fans in uns und verhalf uns zu einigen berufsrelevanten Erfahrungen: zwei Stunden gefesselt im Schnee auf der Straße stehen, erkennungsdienstliche Behandlung, Verbringen in eine Sammelzelle und Vernehmungen.« Das Fanprojekt begleitete die Hamburger Anhänger gerade in der Vergangenheit auch zu Spielen der Nationalmannschaft und erlebte rund um diverse Welt- und Europameisterschaften schöne und weniger schöne Augenblicke. Die Fahrt zur WM 1994 in den USA zählte definitiv zu den positiven Erfahrungen. Eine Gruppe Hamburger und OstBerliner Hooligans reiste mit Wohnmobilen mit den Fanprojekten durch die Vereinigten

Staaten – und kann von folgender Anekdote berichten: Auf dem Weg von Chicago nach Dallas machte die bunte Truppe einen Zwischenstopp, um die Nahrungsvorräte aufzufüllen. Die Mitarbeiter des kleinen Supermarkts zeigten sich vollkommen überrascht, sie hielten die Hooligans für die Nationalelf aus Deutschland – und die Jungs ließen sich nicht lange bitten und gaben großzügig eine spontane Autogrammstunde. Auch die aus der Bretagne stammende Geneviève Favé, ebenfalls mehr als 20 Jahre beim Fanprojekt tätig, erinnert sich mit einem Schmunzeln an ihre ersten Begegnungen mit der neuen Klientel. Denn sie traf auf die »Löwen« – schon rein optisch eine echte Erscheinung. »Freunde und Verwandte in Frankreich haben sich zunächst darüber gewundert, warum Fußballfans überhaupt eine Betreuung brauchen«, erzählt Geneviève Favé. Das verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass sich das Treiben auf den Tribünen bis heute wesentlich von einem Großteil der französischen Stadien unterscheidet. »Als ich dann ein Foto von einem Kickerturnier an meine Familie geschickt habe, kam die Antwort in Anbetracht der tätowierten Rocker umgehend: ›Komm sofort nach Hause!‹« Gerade zu Beginn der Arbeit musste sich die junge Frau durchbeißen: »Viele Leute waren gegen die Arbeit des Fanprojekts. Dass ich als Frau in der Szene auftauchte und dazu noch Ausländerin bin, machte die Sache nur noch schwerer.«

Fanhaus und Fahrten Nachdem das Fanprojekt zunächst im Haus des Sports am Schlump beheimatet war, wechselte die Einrichtung 1988 in das deutlich größere und komfortablere Fanhaus an der Stresemannstraße in Altona. Dort befinden sich seitdem die Büroräume in den oberen Etagen, im Erdgeschoss die eigentlichen Fanräume. Sie werden intensiv genutzt: An Heimspieltagen kommen Fans vor und nach den Partien ins Haus, Fan-Gruppen treffen sich wöchentlich, Abteilungen des HSV halten Sitzungen, der HSV Supporters Club lädt einmal im Monat zur öffentlichen Abteilungsversammlung, und jugendliche Anhänger führen unterschiedlichste Projekte durch. Darüber hinaus bietet auch das Fanprojekt selbst zahlreiche Aktivitäten wie Poker-, Kickeroder Skatturniere an und nutzt die Räume für Arbeitsgruppen und Informationsabende.


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Das Fanhaus liegt direkt am S-Bahnhof Holstenstraße

Die Westkurvenmeisterschaft gehört zu den Highlights des Jahres

um Pokale, inoffizielle Titel und natürlich die Ehre. Mit dem »Indoor-Cup« spielen die Fans alljährlich in der Alsterdorfer Sporthalle den Hallenmeister unter sich aus, im Sommer finden sich bis zu 64 Teams zu den »Westkurven-Meisterschaften« (WKM) zusammen. Das Turnier ist für viele Fans fester Bestandteil der Saisonplanung, was sich unter anderem in den Teilnehmer- und Besucherzahlen widerspiegelt: Bei der 25. WKM kamen mehr als 1.000 Fans auf das HSV-Trainingsgelände in Norderstedt, um die Atmosphäre und das bunte Rahmenprogramm zu genießen. In den 1990er-Jahren war allein die Finalteilnahme für die Teams ein großer Erfolg. Denn das Endspiel des Fanturniers, bislang auf den Grandplätzen hinter der Haupttribüne ausgetragen, fand vor einem Heimspiel des HSV auf dem Rasen des Volksparkstadions statt – ein unvergessliches Erlebnis für jeden

beteiligten Fan. Mit dem Umbau des Stadions verschwanden später die Grandplätze der Stadionperipherie, auch die Vorspiele durch Jugendmannschaften oder eben WKM-Finalisten wurden aus dem Spieltagsprogramm gestrichen. Seither findet das Turnier in Norderstedt statt. 2011 konnten die Fan-Teams nach vielen Jahren endlich noch einmal im Stadion antreten, denn die Hauptrunde des Turniers wurde während der Sommerpause auf dem »heiligen Rasen« ausgetragen. Das Fanprojekt wird auch in Zukunft Altbewährtes fortführen und neue Projekte anstoßen. Und selbst wenn das Fußballgeschäft noch schnelllebiger wird – das Projekt wird weiterarbeiten und durch Kontinuität und Fannähe einen Gegenpol dazu bilden.

Die Decke des Tresenraums vor dem Umbau 2007

HSV Fanprojekt (3)

Nahezu täglich herrscht in dem roten Backsteinhaus gegenüber der Neuen Flora Betrieb – das Fanleben zeigt dort eindrucksvoll seine unterschiedlichen Facetten. 2007 wurde das Fanhaus, damals dank zahlreicher Souvenirs und Geschenke einem FanMuseum ähnlich, umfangreich renoviert, und zwar zum großen Teil durch Fans des HSV, die dafür ihre Feierabendstunden und freien Tage opferten. Auch einen Teil der Renovierungskosten haben Fans getragen: Mitarbeiter und Freiwillige hatten rund um die Spiele des Vereins Spenden dafür gesammelt. Die hauptamtlichen Mitarbeiter des Fanprojekts begleiten die Fans außerdem bei Heimund Auswärtsspielen des HSV, und zu jedem Pflichtspiel des Vereins reisen mindestens zwei Fanprojekt-Mitarbeiter an, um vor Ort ansprechbar zu sein, zwischen Fans und Ordnungsdiensten zu vermitteln und das Geschehen als »neutrale« Instanz zu verfolgen und gegebenenfalls im Nachgang eigene Einschätzungen abgeben zu können. Rund um die Spiele wirbt das Fanprojekt bei allen beteiligten Parteien (Fans, Vereinen, Ordnungsdiensten, Polizei und anderen gesellschaftlichen Institutionen) für gegenseitiges Verständnis. Dem Fanprojekt ist es in den vergangenen Jahren immer wieder gelungen, die Welt der Fußballfans um kulturelle Projekte zu bereichern. Die eindrucksvollsten Erfolge konnten sicher mit dem Theaterstück »Hinter euren Zäunen« und dem Bühnenprogramm »Volksparkett« (vgl. »Kulturgestein«, Seite 562) verbucht werden. Einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad erlangten auch die Fan-Turniere. Seit Jahren spielen Fan-Teams und Fanclubs bei Hallen- oder Feldturnieren


310 | Fans der besonderen Art

Auswärtssiegen geradezu phänomenal. Natürlich feierten wir ausgelassen den Sieg im damals noch als ›Städtisches Stadion‹ bekannten Ground, was bei unserer Anzahl recht merkwürdig ausgesehen haben muss. Zumindest haben uns die Franken nach dem Anfangsstress einfach machen lassen. Dies war das erste Mal, dass ich einheimische Fans als faire Verlierer erlebte, und es bestätigt mich auch heute noch in meiner guten Meinung über die Nürnberger. Glücklich über den Ausgang der Auswärts-

»Mit insgesamt höchstens 15 Leuten stellten wir den Auswärtsmob« Rund aufgrund der abgerissenen Gegentribüne eine riesige Lücke. Als wir das Stadion betraten, suchten wir zunächst weitere HSVer, was sich als nicht ganz einfach herausstellte, nach einiger Zeit aber gelang. Mit insgesamt höchstens 15 Leuten stellten wir den ›Auswärtsmob‹ dar, allerdings mitten unter den rot-schwarzen Heimanhängern. Ordner oder gar Polizei waren im näheren Umkreis nicht auszumachen. Nach meinen Erlebnissen im Mai 1987, als die Kölner den HSVGästeblock stürmten und ordentlich austeilten, wurde mir etwas mulmig. Speziell, weil meine Mitfahrer gut angeheitert und entsprechend lautstark und mutig waren. Die Franken schauten bereits recht grimmig ob der in ihren Augen wohl zu gut gelaunten Hamburger Gäste. Zu allem Überfluss verstarb an diesem Tag der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß. Selbstverständlich wurde eine Schweigeminute abgehalten, was einige Nordlichter aber nicht ganz einsehen wollten. Das wiederum erzürnte die ›Glubberer‹, und es wurde heftig gepöbelt. Einem meiner Freunde wurde sein Alleingang zur Toilette zum Verhängnis, kam er doch mit dickem Auge und ohne HSV-Cap wieder. Zu unserem Glück beruhigte sich die Lage aber recht schnell, und wir konnten das Spiel relativ problemlos verfolgen. Was umso erstaunlicher war, weil unsere Jungs den FCN klar beherrschten und letztlich mit 4:1 besiegten. Interessant waren dabei die Namen der Torschützen: Bierhoff, von Heesen, Bein und Spörl. Unser ehemaliger Trainer Bruno Labbadia wurde dabei gegen einen seiner Vorgänger, Benno Möhlmann, ausgewechselt. Diese Zeit stellte übrigens die Startphase dar für eines der geilsten SpielerDuos, die ich je im HSV-Trikot gesehen habe. Thomas von Heesen und Uwe Bein zauberten leider nur eine Saison, diese war aber mit acht

tour mit Sieg und ohne größere Blessuren war mir dann auch völlig egal, dass meine Kumpels alle richtig voll waren und die Kasseler Berge im dichtesten je erlebten Nebel lagen, was die Dauer der Rückfahrt arg verlängerte. Das war einfach nur großer Sport.«

Zu zwölft nach Island 21. Juni 1997, Leiftur Olafsfjördur vs. HSV (UI-Cup Vorrunde) Ein absoluter Minusrekord an Fans bei HSVSpielen in Europa waren die zwölf HSV-Anhänger, die in der UI-Cup-Vorrunde 1997 den weiten Weg in den Norden Islands fanden: Ithrottafelgid Leiftur kurz vor dem Polarkreis war der Auftaktgegner am 21. Juni 1997 um 14 Uhr. Gespielt wurde im benachbarten Olafsfjördur. Das Spiel zur Jahreszeit der Mitternachtssonne war das erste Pflichtspiel des neuen Trainers

Frank Pagelsdorf. Neben den rund 40 Spielern, Trainern und Betreuern reisten mit der offiziellen Delegation auch zwei Fans. Zu der oben erwähnten Zehner-Reisegruppe gehörte Nils Benkmann vom Fanclub »KdGH«: »Nach dem grandiosen Saisonfinale in Düsseldorf bescherte uns der erreichte UI-Cup das Traumlos Island. Leiftur Olafsfjördur hieß der Gegner, und das auch noch zur Sonnenwende! Ich plünderte kurzerhand mein Konto und erreichte mit neun Mitstreitern per Flugzeug via Kopenhagen am späten Donnerstagabend das vorläufige Ziel Keflavik. Mit drei Leihwagen ging es, die taghelle Nacht durchfahrend und die von viel Natur und vielen Schafen gekennzeichnete Landschaft bestaunend, zur Pension in Akureyri, einem kleinen Ort rund 150 Kilometer vom Spielort Olafsfjördur entfernt. Am Abend stand dort ein Zweitligaspiel zwischen Akureyrie und Vikinggur auf dem Programm. Der aus der Heimat importierte Alkohol führte zu einem unerwarteten Support für das Gästeteam und allgemeinem Erstaunen bis hin zu Entsetzen bei den vielleicht 150 Zuschauern ob dieser nicht gekannten norddeutschen Fußball-Kultur. Am nächsten Tag stand das Gastspiel des HSV bei Leiftur Olafsfjördur, dem ›Meppen von Island‹ (O-Ton eines Einheimischen) auf dem Plan. Das Spiel fand auf einem Dorfplatz, umrandet von einem Holzgeländer, ohne Tribünen statt, und bei gut 1.000 Zuschauern war wohl das gesamte Dorf auf den Beinen. Zu dem Kick gesellten sich zwei weitere Hamburger, die mit der Mannschaft zum fanfreundlichen Festpreis von 1.600 Mark angereist waren und bei der Ankunft feststellen mussten, dass ein Transfer zum Spielort in dem Preis nicht vorgesehen

Exklusive Reisegruppe beim UI-Cup auf Island

Foto: Hauke Neuendorf

Sportfernsehen (DSF) existierte auch noch nicht. Deshalb war die Ansetzung wirklich sehr außergewöhnlich. Hauke erzählt: »Netterweise überließ mir meine Mutter mal wieder ihren Opel Kadett, und mit vier recht durstigen HSVKameraden vom Trinkclub ›Bontjes Soltau‹ starteten wir zeitig gen Frankenland. Wie früher üblich, kauften wir die Eintrittskarten erst direkt vor dem Spiel am Stadion. Dabei stellten wir fest, dass aufgrund des Umbaus kein separater Gästeblock vorhanden war. So klaffte im


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Der UI-Cup: Unendliche Weiten…

war. Somit war die Hamburger Reisegruppe auf insgesamt zwölf angestiegen. Der HSV-Mannschaft auf dem Platz merkte man den Beginn der Vorbereitung unter Neu-Trainer Pagelsdorf an, und so bekamen die Fans letztlich ein müdes 2:1 gegen das fußballerische Leichtgewicht geboten. Nach dem Spiel ließen wir uns beim örtlichen Barbecue sehen, und ein Mitreisender musste später feststellen, dass von dem Verzehr von rohem Walpenis in größeren Mengen eindeutig abzuraten ist… Den Tag ließen wir schließlich auf einem Campingplatz ausklingen und bestaunten um Mitternacht die Sommernachtswende, was in Island der Tag des Jahres ist. Da wir nicht als Spielverderber dastehen wollten, schlossen wir uns den Feierlichkeiten natürlich an. Leicht verkatert sollte am letzten Tag der unterhaltsame Erstliga-Knaller Akranes vs. Valur Reyklavik (3:2) mitgenommen werden. Der Ground wusste mit einer schmucken Tribüne direkt am Meer durchaus zu gefallen. Ebenfalls unterhaltsam war ein älterer Herr im feinen Zwirn und bedenklicher Schlagseite, der wohl den heimischen Präsidenten darstellte und jeden Tribünen-Gast einzeln begrüßte, lediglich unterbrochen von einer kurzen, eleganten Entleerung seines Mageninhalts mit Verlust des gesamten Zahninventars. Ein köstlicher Abschluss am Nordatlantik. So ging nach vier Tagen ein unvergesslicher Trip mit faszinierenden Eindrücken von Land und Leuten sowie Unmengen an Schafen zu Ende, und wir landeten wohlbehalten in der Heimat. Irgendwie ein komisches Gefühl, als nach vier Tagen die Sonne zum ersten Mal wieder unterging …«

Philipp Markhardt gehört zu den schmerzbefreiten HSVern, die 2003 die Reise zu dem unaussprechlichen Dnipro Dnjepropetrowsk mit dem Zug antraten. Trotz heftigen Vodkakonsums mit der trinkfesten ukrainischen Schaffnerin hat er sich die Eindrücke von dieser Fahrt für uns noch einmal ins Gedächtnis rufen können: »Eigentlich ging die Reise ja schon viel früher los. Es dürfte ungefähr der Dienstag vor der Abfahrt gewesen sein, als das erste Kribbeln und erhöhte Temperaturen einsetzten: die Symptome des Europacup-Fiebers. Am Sonntag bei den Amateuren waren die bekannten Nasen auch schon anwesend, mehr oder weniger von der Krankheit befallen. Nach dem Spiel lautete der Treffpunkt ›Schweinske‹ am Hauptbahnhof, wo einige sich schon warm tranken, während ich noch mein spärliches Gepäck zusammensuchte. 18.45 Uhr Abfahrt nach Berlin, die ersten Bierchen vernichtet. In Berlin dann ein kleiner Schreck: Die Bahn nach Frankfurt/Oder verspätete sich um 20 Minuten. Somit wäre sie vier Minuten nach Abfahrt des Nachtzugs nach Kovel angekommen. Aber der Zug wartete auf uns, und die erste Nacht wurde mit diversen klaren Flüssigkeiten sowie ersten Kontakten zur ukrainischen Weiblichkeit eingeleitet. Irgendwann fielen allerdings auch dem hartnäckigsten Baggerführer die Augen zu. Im Laufe

des Montags sollte es dann zum heikelsten Part der Reise kommen. Grenzkontrolle war angesagt, und wir hatten alle schon einiges über Dollars und Grenzer gehört. Umso überraschender, dass es eigentlich ganz glatt lief. Nur für eine Person nicht: Der gute Mann hatte den falschen Pass dabei, da halfen auch keine  Dollarscheine. Die knapp bekleideten Grenzerinnen blieben hart. Hart war auch die Zeit der Kontrolle und des Spurwechsels. Während die Waggons von den westlichen Achsen auf die ukrainischen umgesetzt wurden, durfte nämlich niemand aufs Klo. Da allerdings die meisten schon wieder gut am Trinken waren, kann sich wohl jeder vorstellen, was das Hauptproblem war. Zum Glück ging es irgendwann weiter, und wir erreichten Kovel. Beim Umsteigen kamen wir in den Genuss ukrainischer Preise: eine Schachtel Zigaretten 40 Cent, ein Bier 50 Cent. So lässt sich auch eine etwas längere Zugfahrt überstehen. Schade, dass die nächste Strecke nur so kurz war. Im Großraumwagen, der uns nun zur Verfügung stand, saßen nämlich Oksana, Alica und ihre Mütter. Mit diesen netten Damen haben wir bis zum nächsten Umsteigen gefeiert und uns unterhalten. Sie luden uns zu ukrainischem Cognac und hartgekochten Eiern ein. In Kassirskijwasweißich suchten wir nach dem schweren Abschied von den Schönheiten die Bahnhofshalle auf. Die hatte irgendwie Jugendzentrumscharakter, dort haben wir Schach gespielt und auf die Abfahrt des nächsten Zuges gewartet. Der war zum Glück

Verpflegungsstand in der Ukraine

Foto: Malte Laband

Foto: Hauke Neuendorf

Mit dem Zug nach Dnjepropetrowsk oder: »Pivo für alle! Sonst gibt’s …«


348 | Fans der besonderen Art

Foto: Walter Ziörjen

und dachte an ›Hamburgerllons‹. ›llons‹ heißt eigentlich nichts, ist aber eine typische heimische Wortendung und phonetisch dem ›Jungs‹ sehr ähnlich. Viele Leute können das bis heute nicht unterscheiden.«

HSV-Fans in der Ferne

Walter Ziörjen mit HSV-Schal in den Schweizer Alpen

Gers ein Heimspiel in Ibrox haben. Dort wird dann u. a. auch die einmal jährlich stattfindende Fanclubfahrt nach Hamburg geplant. Darüber hinaus fahren allerdings viele Mitglieder auch zwischendurch zu Heim- und Auswärtsspielen in der Bundesliga sowie zu Europapokalspielen. Mit ihrer großen Zaunfahne zeigen die britischen HSVer bei ihren Besuchen auch optisch Präsenz. Aufgrund widriger äußerer Umstände musste Big Sam die »Glaswegian Bar« im Jahr 2009 leider aufgeben. Inzwischen wurde diese als »Waterfront Bar« mit neuen Inhabern wieder geöffnet. Die neue städtische Konzession verbietet allerdings eine Weiterführung als »Rangerspub«, so dass neben den Utensilien der Gers leider auch sämtliche HSV-Memorabilia von der Wänden verschwinden mussten. Dennoch dient der Pub dem Fanclub weiterhin als Treffpunkt. Die Tradition der Glaswegian Bar lebt ohnehin im Namen des »Glaswegian Bar Loyal HSV Supporters Clubs« weiter.

2008 – HSV Polish Fanclub Am 28. Oktober 2008 wurde der »HSV Polish Fanclub« als Offizieller Fanclub registriert. Der OFC wurde zwar in Hamburg ins Leben gerufen, eines der führenden Mitglieder aber kommt aus Polen. Ziel ist, die vielen polnischen HSV-Fans zu unterstützen. So werden Fernsehabende in Polen organisiert, damit HSVAnhänger auch in Polen gemeinsam die Spiele des Vereins verfolgen können. Kontakte des

Fanclubs gibt es zum OFC »Rauten-Freunde Liebenau« in Hamburg, zu HSV-Fans in Russland und zum KS Silesia Miechowice, einem polnischen Oberligaverein. Der Fanclub zählt 42 Mitglieder, davon leben 30 in Hamburg und zwölf in Polen. Es gibt Aufkleber, Pullis, TShirts und Schals des »HSV Polish«-Fanclubs. Eine Zaunfahne ist in Arbeit. Eine Info-Internetseite besteht auch: www.hamburgersv.pl, sie soll zeitnah erweitert werden. Die Mitglieder des OFC nehmen auch an Fanclub-Fußballturnieren in Polen teil.

2009 – Hamburgerllons, Barcelona Der spanische HSV-Fanclub wurde im November 2009 gegründet und zählt 23 Mitglieder, die weit verstreut im Land leben. Nur vereinzelt können Fans daher zu HSV-Spielen fahren. »Normalerweise schauen wir uns alle Spiele in der besten deutschen Kneipe Barcelonas an: ›Don Bratwurst‹«, berichtet Johannes Siems von den »Hamburgerllons«. Originell ist übrigens nicht nur der Name der Kneipe, sondern auch die Geschichte der Namensfindung für den Fanclub. »Wir saßen bei ein paar Bier zusammen und versuchten Namen für unseren Fanclub zu finden, die mit dem HSV und der Stadt Hamburg zu tun haben sollten, aber auch mit Barcelona oder Katalonien«, erzählt Johannes Siems. »Auf einmal fing jemand an zu singen: ›Hamburger Jungs, Hamburger Jungs, wir sind alle Hamburger Jungs!‹ Ein Katalane hat das Lied falsch verstanden

Ein Großteil der ursprünglich aus Deutschland stammenden Auslands-HSVer weist eine ähnlich typische Fanbiografie auf wie die meisten heimischen Fans: Ein Besuch mit Papa im Stadion, ein Schwung Lokalpatriotismus und sehnsüchtige Blicke in die Fanblöcke – das sind in der Regel die Zutaten, die für eine lebenslange Verbundenheit ausreichen. Und diese Treue gilt natürlich auch im Ausland. Kein wirklicher Fan würde auf die Idee kommen, aufgrund eines Wohnortwechsels auch den Verein zu wechseln. Eine kleine »Affäre« mit einem Zweitclub bleibt meist das höchste der (Fan-)Gefühle. Mit der Globalisierung und der steigenden Zahl derer, die berufsbedingt in andere Länder der Welt ziehen, verbreitet sich somit auch der Rautenvirus. Auf allen Kontinenten kann der HSV auf Pioniere zählen, die mit Stolz das markante Vereinsemblem präsentieren. Ein Paradebeispiel dafür ist Robert Perdelwitz, der mittlerweile in Qatar lebt. Trotz der großen Entfernung zu seiner einstigen Heimat hat er die Stunden im Block E der alten Westkurve nicht vergessen und erinnert sich gern zurück. Und er vertritt seinen Verein auch außerhalb der Spieltage und unkonventionelle Weise, erzählt er: »Dem HSV bin ich aktiv treu, indem ich als ambitionierter Marathonläufer bei Veranstaltungen weltweit für den HSV antrete.« Unter anderem in New York, Dallas, Miami, Sydney und Kapstadt ist Robert Perdelwitz schon mit dem Hamburger Logo gelaufen. Doch es gibt auch noch eine andere Seite: leidenschaftliche Fans, die nicht aus Hamburg oder Deutschland stammen. Fans des Hamburger SV, die noch nicht einmal deutsche Vorfahren haben, die eine gewisse Affinität erklären könnten. Ein Großteil von ihnen ist entweder zu Zeiten der großen Erfolge auf den HSV aufmerksam geworden oder verfolgt mangels attraktiven Fußballs im eigenen Land regelmäßig die Bundesliga – und hat auf diesem Weg Gefallen am Nordlicht gefunden. Manch anderer hat die Karriere der eigenen Landsleute beim HSV verfolgt und auf diese Weise seine Zuneigung zum Hamburger Verein aufgebaut.


Andere – und das ist heute kaum noch vorstellbar – sind durch die Erfolge der Mannschaft aufmerksam geworden auf den Verein. Der Schweizer Walter Ziörjen aus dem Kanton St. Gallen ist einer von ihnen: »Die damaligen Erfolge und die Sympathie für den HSV, vor allen Dingen aber die sportliche Leistung und die Bescheidenheit von »Uns« Uwe Seeler sowie anderer Erfolgsträger wie Klaus Stürmer, Charly Dörfel, Manfred Kaltz, Rudi Kargus, Georg Volkert und anderer waren die Gründe dafür, dass ich HSV-Fan wurde. Nicht zu vergessen der Gewinn des Europapokals 1977.« Ist dann die Leidenschaft für den HSV erst einmal geweckt, ernten viele der ausländischen Fans zunächst nicht selten irritierte Reaktionen ihres Umfelds. Doch anstatt sich beirren zu lassen, leisten viele regelrecht Pioniersarbeit und stecken Freunde und Verwandte an. Auffallend viele ausländische Fans legen übrigens gesteigerten Wert darauf, gerade fernab der Hansestadt als HSV-Fan erkennbar zu sein. »Natürlich bekenne ich auch in der Ferne Farbe zum HSV und habe verschiedene Kleidungsstücke aus der Supporters-Kollektion, die ich auch im Alltag trage«, erzählt der Schweizer Mathias Aeschimann stellvertretend für viele.

Foto: Lutz Harkensee

Lutz Harkensee als Jugendfußballer beim HSV

Foto: Mathias Aeschimann

»In der Schweiz sah ich als großer Fußballfan jeden Samstag die Sportschau und war ein großer Fan des Schweizer Nationalspielers – und damaligen HSVers – Raphael Wicky«, berichtet etwa Pascal Wettler aus Bern. Und wie ihm erging es vielen.

Foto: Sören Söe Jensen

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Mathias Aeschimann mit Kumpels

Sören Söe Jensen und sein Bruder Henrik aus Dänemark

Deutlich schwieriger als für Anhänger aus Hamburg oder der direkten Umgebung gestaltet sich jedoch häufig der Besuch von Spielen. Ein Großteil der Fans berichtet von einer pragmatischen Lösung des Problems: Anstatt sich, wie oftmals üblich, überwiegend Heimspiele live anzusehen, werden die Auswärtsspiele in räumlicher Nähe gewählt. So besuchen Fans aus der Schweiz die Spiele in München, Stuttgart und Freiburg, während Fans aus Belgien und den Niederlanden regelmäßig zu den Auswärtsauftritten im Ruhrgebiet reisen – und in solchen Fällen nicht selten weniger Reisezeit

benötigen als die Hamburger selbst. Besonders bequem wird es natürlich immer dann, wenn der Verein dank des internationalen Geschäfts im eigenen Land gastiert. Dann dienen die Fans nicht selten schon im Vorwege als »Reiseführer« und versorgen die Hamburger Gäste über Internetforen mit hilfreichen Informationen. Wem die vereinzelten Besuche von Spielen nicht genügen, der muss teilweise abenteuerliches Engagement auf sich nehmen. Und selbst von dieser Spezies finden sich in unterschiedlichsten Ländern nicht wenige. Der Kopenhagener Søren Søe-Jensen zum Beispiel hat nach eigenen Angaben seit dem ersten Spiel 1977 schätzungsweise 400-mal den HSV spielen sehen und berichtet weiter: »Seit der Saison 2008/09 bin ich Besitzer einer Dauerkarte. Mein Bruder Henrik hat ebenfalls eine Dauerkarte und fährt mit mir zu jedem Heimspiel.« Unglaublich.

2010 – Hamburger Jungs Norway Seit dem 1. Januar 2010 gibt es in Norwegen die »Hamburger Jungs Norway«. FanclubGründer Lutz Harkensee ist schon von Kindesbeinen an HSVer, denn aufgewachsen ist er in Norderstedt, nahe dem dortigen HSVGelände. Als 6-Jähriger hat er bereits stolz die Fußballstiefel für den HSV geschnürt, war immer wieder Zaungast bei den damaligen Trainingseinheiten der Profis und eifriger Autogrammkartensammler. Sein damaliger


390 | Endspiele

die Auslandsfahrten bis Griechenland dann das »Twen-Ticket«. Der Preis von 180 D-Mark war ein für damalige Verhältnisse attraktives Angebot. HSV-Fan Carsten aus Hamburg stieß zu dem Tross in München dazu: »Als unser glorreicher HSV den Einzug ins Europapokalfinale 1983 in Athen geschafft hatte, stand für uns fest: Da müssen wir hin. Aber wie? Wir, das waren acht Jungs, damals zwischen 18 und 23 Jahren. Da wir noch nicht viel Geld verdienten und Flüge damals noch sehr teuer waren, entschieden wir uns für die Anreise mit der Bahn. Also machten wir uns am Pfingstsonntag mit dem Zug auf den Weg. Erste Station war München. Es wurden auf dem Weg natürlich schon diverse Getränke vernichtet. Wir hatten ungefähr 15 Paletten Bier und diverse Spirituosen an Bord und waren schon bester Dinge, als wir nachts in München ankamen. Dort trafen wir noch einige Lübecker, die auch auf den »Balkanexpress« nach Athen warteten.

Nachdem wir uns zwei schöne Abteile gesichert hatten, widmeten wir uns den Getränkevorräten. An der deutsch-österreichischen Grenze stiegen einige Herren im Anzug ein. Wir pichelten fröhlich weiter und sangen diverse Fußballhits. Den Strom für unseren Radiorekorder zapften wir per Verlängerungskabel von der Bordtoilette ab. Nach einiger Zeit kam ein Typ ins Abteil, machte auf besoffen und schnorrte Bier. Irgendwann sagten wir, er solle verschwinden und machten uns über Österreich lustig. Nach einigen Minuten tauchte er mit den Anzugträgern wieder auf, die an der Grenze zugestiegen waren. Sie zückten ihre Ausweise, stellten sich mit »österreichische Staatspolizei« vor und teilten uns mit: »Meine Herren, für Sie sans die Fahrt beendet.« Im heute slowenischen Jesnice (damals jugoslawische Grenze) mussten wir aussteigen, einem von uns wurde die Fahrkarte weggenommen. Da standen wir nun auf einem gottverlassenen Dorf bahnhof am Arsch der Welt. Sofort kamen irgendwelche Jugo-Cops auf uns zu, die uns nach unseren Pässen und Devisenvorräten fragten. Dann wurde eine neue Fahrkarte gekauft. Es fuhr aber an diesem Tag nur noch ein Zug nach Belgrad. Die Fahrt dorthin verlief ereignislos, weil alle in einen tiefen Schlaf verfielen. In Belgrad angekommen, suchten wir nach einem Anschlusszug nach Athen. Dieser fuhr rund sechs Stunden später – Zeit genug, um auf einige Getränke in einer Bar in der Nähe des Bahnhofs einzukehren. Der Preis für ein

Bier und einen Slivowitz (serbischer Pflaumenbrand) betrug ungefähr 1,50 Mark. Zu späterer Stunde fiel ein besoffener Einheimischer vom Barhocker, und die Umstehenden versuchten, uns die Sache anzuhängen. Die Stimmung war ziemlich aufgeheizt, wir zogen von dannen. Wir bestiegen den Zug nach Athen und hatten noch 16 Stunden Fahrtzeit vor uns, die wiederum mit mehr oder weniger geistreicher Beschäftigung verbracht wurden. An der griechischen Grenze stiegen rund 100 wehrpflichtige Soldaten zu. Mit diesen Herren wurde dann noch schwer einer genommen. Die Jungs hatten reichlich Ouzo (griechischer Anisbrand) dabei. Am Dienstag, 24. Mai 1983, kamen wir gegen 15 Uhr endlich in Athen an. Am Bahnhof wurden wir von diversen Schleppern empfangen und wir fanden schnell eine ordentliche Absteige. Der Preis pro Nacht im 4-Bett-Zimmer belief sich auf schlappe acht Mark pro Nase. Hinterher sind wir noch etwas um die Häuser gezogen und dann zeitig zu Bett gegangen, am Abend vor dem großen Tag.«

Der Finaltag Der Schiedsrichter Nicolae Rainea aus Rumänien, damals 50 Jahre alt, leitete dieses Endspiel als letzten großen Auftritt in seiner Schiedsrichterkarriere. Die Partie Juventus Turin gegen den Hamburger SV war ihm keine unbekannte Konstellation: 1975 leitete er das Spiel im UEFA-Pokal mit Endstand 2:0, was

Foto: Torsten Rerrer

Reisen statt Rasen: HSVer im Zug nach Athen


nach einem 0:0 im Hinspiel das Aus für den HSV bedeutet hatte. Vor dem Spiel gab Jimmy Hartwig noch Anlagetipps im ZDF, nach dem Motto »So lege ich mein Geld vernünftig an«. Bei der Fußballübertragung, live aus Athen kommentiert von Günther-Peter Ploog, trug er selbstbewusst schwarze Slipper mit weißen Tennissocken. Seinen Humor hatte er trotz seines unglücklichen Fehlens nicht verloren: Als Wunsch für den Fall eines Sieges hatte er ausgegeben, eine Woche mit dem Pokal in seinem Ehebett schlafen zu wollen und das Trikot von Platini zu bekommen. Der wäre sein regulärer Gegenspieler gewesen. Neben den mitgereisten 8.000 Schlachtenbummlern aus der Hansestadt und Millionen an den Radiogeräten und Fernsehern bekamen die Rothosen auch aus Übersee Unterstützung: Denn über die Schaltstelle Norddeich Radio kamen die Informationen aus Südeuropa auch bei den diversen deutschen Touristen-, Handels- und Marineschiffen auf allen Ozeanen der Erde an. Natürlich wurde auch dort auf das Team von Felix Magath angestoßen, den jeweiligen Möglichkeiten entsprechend. Selbstverständlich wollten auch die Frauen und Freundinnen der HSV-Profis ihre Männer unterstützen und hofften auf eine Einladung durch die Vereinsführung. Die Gegner aus Norditalien machten es schließlich entsprechend vor. Doch daraus wurde nichts, die Vereinsbosse Dr. Wolfgang Klein und sein Vize Ernst Naumann lehnten die Begleitung auf offiziellem Wege ab. Wie schon drei Jahre zuvor beim Endspiel in Madrid mussten die Spieler allein in ihren Hotelzimmern nächtigen. Zwei Spielerfrauen reisten trotzdem auf eigene Faust nach Athen, Birgit Milewski und Gaby Jakobs. Der humorvolle Manfred Kaltz ließ seine Frau Heike wohlwissend zu Hause. Manni sagte aus Jux, dass seine Frau jüngst erst zur Kur gewesen sei und nicht gleich danach nach Athen reisen könne. Der Aufenthalt sei schließlich nicht gerade billig gewesen. Die italienischen Signoras hingegen durften erstmals in der Vereinsgeschichte mit der offiziellen Delegation reisen. Die wohl weiteste Anreise hatte ein Fan der Rothosen aus Südafrika. Da ein Direktflug nach Europa aufgrund der rassistischen Apartheidspolitik Südafrikas und des damit verbundenen Landeverbots von südafrikanischen Maschinen in Europa nicht möglich war, musste er einen Umweg über Brasilien und Hamburg nehmen. Von dort ging es per

Chartermaschine mit anderen HSV-Fans nach Athen. Eine bis heute folgenreiche Anekdote weißein ehemaliges Mitglied des HSV-Fanclubs »Die Löwen« zu berichten: »Natürlich bin ich mit dem HSV durch Europa gefahren. Der absolute Hammer war sicherlich das Endspiel des Europapokals der Landesmeister 1983 in Athen. Zu der Zeit war ich arbeitslos und hatte wenig Geld. Ich musste mir also was einfallen lassen, um die Reise zum größten Spiel des HSV zu finanzieren. Ich war damals stolzer Eigentümer einer Stereoanlage mit Fernbedienung, die in den 1980er-Jahren ein Heidengeld gekostet hat. Die habe ich dann verscheuert, das war mir scheißegal, ich wollte dort nur hin. Im Stadion fiel mir eine wunderschöne Griechin auf, die etwa 10 Meter entfernt saß und mich beobachtete. Schon bald trafen sich dann unsere Blicke und wir begannen zu flirten. Es dauerte nicht lange und wir »unterhielten« uns mit sehr schlechtem Englisch, aber ehrlich gesagt eher mit Händen und Füßen. Wir tauschten unsere Adressen und Telefonnummern aus. Nach dem grandiosen Sieg des HSV feierten wir wie die Bescheuerten und drehten völlig durch. Das gefiel ihr wohl so gut, dass es für sie selbstverständlich war, später noch mit mir und vielen anderen HSV-Fans in eine Athener Diskothek einzukehren. Dort hatten wir auf der Toilette einen Quickie und benahmen uns wie die unsterblich Verliebten, wir waren uns total vertraut. Dieses Gefühl, gepaart mit dem größten Erfolg, den eine Clubmannschaft erreichen kann, war schon krass.

Fotos: Sven Borchers (2)

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Die meisten HSVer machten sich im Flieger auf den Weg in die griechische Hauptstadt

Das habe ich nie wieder gehabt. Ein paar Monate später stand sie dann mit einem Babybauch vor meiner Tür und teilte mir mit, dass ich Vater werde. Wie es der Zufall so wollte, hatte ein Teil ihrer Familie in Hamburg mehrere griechische Restaurants. Sie meinte ich solle doch mal bei ihrer Familie vorsprechen und meine sozialen Verhältnisse darlegen. Ich fuhr dort mit meiner Löwen-Kutte hin und erklärte mich. Zu einer Beziehung hatte es damals zwar nicht gereicht, aber ich habe heute noch

Aus Deutschland flogen 25 Sondermaschinen zum Finale, aus Italien über 160


410 | Fanfreundschaften

Schwarz-weiß-blau! Arminia und der HSV! Fotos: Heiko Reimers (2)

Zwischen Hamburger und Bielefelder Anhängern stimmt die Chemie bis heute

Die Anhänger von Arminia Bielefeld und dem HSV passen allein schon aufgrund der Vereinsfarben gut zusammen

S

ie nennen sich die »Blauen von der Alm« und »Alm Buben« – die Fans von Arminia Bielefeld. Die ersten Kontakte zu ihnen entstanden Mitte der Siebziger Jahre über Mitglieder des HSV-Fanclubs »Rothosen«, und zwar durch Einladungen zu Fanclub-Fußballturnieren. Die Arminia aus Bielefeld stand aber auch bei anderen HSV-Fans hoch im Kurs, Grund genug für die Sympathie waren die gleichen Vereinsfarben: schwarz, weiß, blau. Neben den »Rothosen« hatten auch die Fanclubs »Altona«, »Rothenbaum« und andere gute Kontakte zu den Ostwestfalen. Mit einigen ausgewählten Geschichten soll der Werdegang dieser ersten tatsächlich übergreifenden Fanfreundschaft dargestellt werden. »Schwarz-weiß-blau! Arminia und der HSV!« Schon vor 30 Jahren skandierten das die Fans. Michael, Mitglied der »Rothosen«, erinnert sich: »Die Bielefelder waren oft bei unseren Spielen. Die hatten damals schwarz-weiß-blau gestreifte Fahnen, die gab’s bei uns noch nicht und hingen immer am Zaun. Das ist besonders gut auf Fotos von den Europapokalspielen in den 1970er-Jahren zu sehen, daran war immer zu erkennen, dass Bielefelder dabei waren: ›Alm Sheriffs‹ und wie sie alle hießen. Das ging ungefähr 1975 los. Das hat sich so ergeben, man war sich wegen der gleichen Vereinsfarben sympathisch. Wir hatten aus demselben Grund ja auch mit Eintracht Trier ganz gute Kontakte

und mit einem von den Würzburger Vereinen. In Bielefeld sind wir zudem auch immer fürstlich bewirtet worden.« Alfred ergänzt: »Da gab es immer ein großes Fußballturnier. Die einen haben eine Wiese zur Verfügung gestellt, auf der wir gezeltet haben, die anderen haben Kartoffelsalat in einer großen Babybadewanne gemacht, und wieder andere brachten Würstchen zum Grillen mit.« Am vorletzten Spieltag der Meistersaison 1978/79 spielte der HSV in Bielefeld 0:0 und wurde, da der VfB Stuttgart zu Hause mit 1:4 gegen den 1.FC Köln verlor, am 33. Spieltag Deutscher Meister. Tausende HSV-Fans waren nach Bielefeld gekommen, um die Meisterschaft zu feiern. Weil der HSV einen Punkt auf der Bielefelder Alm erkämpfte und Schalke 04 zeitgleich zu Hause gegen den MSV Duisburg Nach der Meisterschaft wollte jeder ein Souvenir haben

mit 2:1 gewann, war die Arminia aus Bielefeld an diesem Tag in die zweite Liga abgestiegen. Das tat allerdings der Feierei um die gewonnene Meisterschaft des HSV keinen Abbruch: Tausende HSV-Fans stürmten von der Gästetribüne auf den Rasen, um ihre Helden zu feiern. Sie überkletterten die Absperrungen zum Spielfeld, und nach einer kurzen Trauerphase über den Abstieg ihrer Arminia überwanden auch hunderte Fans von Arminia Bielefeld die Absperrungen und feierten gemeinsam mit den Gästen die erste Deutsche Meisterschaft in der Bundesliga für den HSV. Der Abend ging gemeinsam in diversen Kneipen in Bielefeld zu Ende.


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Das Bielefelder »OWT«-Urgestein »Onkel-Heini« erinnert sich: »Es war in der Saison 1984/85, als plötzlich morgens etwa 50 Hamburger vor unserer Kneipe am Jahnplatz standen. Außer dem Wirt und mir war noch niemand vor Ort. Ich ging hinaus und konnte die Hamburger, von denen ich die meisten kannte, dazu bringen, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Die Stimmung war tagsüber geladen, aber niemand rechnete damit, dass unsere Kneipe abends nach dem Spiel noch überfallen werden sollte. Solche organisierten Übergriffe waren damals noch nicht an der Tagesordnung. Es kam aber so, dass sich die Hamburger mit Autos nach Halle/Westf. zurückzogen und etwas später nach Bielefeld zum Jahnplatz zurückkamen. Völlig überraschend klirrten bei uns die Scheiben, und unser Haufen ging sofort nach draußen, wo es

für damalige Verhältnisse sehr hart zur Sache ging. Unvergessen ist auch der Mercedes des Hamburgers ›Elvis‹, der direkt vor der Tür stand. Einer der Insassen stieg mit einem geklauten Kegel aus, um ihn als Waffe zu benutzen. Das Resultat war, dass er das gute Stück abgenommen bekam und der Kegel durch die Autoscheibe seinen Weg wieder zurück in den Mercedes fand. Dass einige Hamburger diesen Angriff schmerzhaft bereuen sollten, steht bis heute außer Frage.« Dirk Mansen meint sich zu erinnern, dass es bereits zu Beginn der Achtziger, 1981 oder 1982, einen Zwischenfall gegeben habe, bei dem Hamburger nach dem Spiel auf der Alm von Bielefeldern in der Altstadt angegriffen worden waren. Mansen kann sich zwar nicht genau erinnern, vermutet allerdings, dass es sich bei dem Kneipenangriff 1985 um einen Racheakt gehandelt habe.

Die Blue Army, Bielefelder Fans der härteren Gangart

Foto: Hans-Michael Heyn

In dieser Zeit war es üblich, dass auf den Hamburger Fan-Kutten neben den Aufnähern von Dortmund und Frankfurt stets ein Bielefeld-Aufnäher prangte. Es gab verschiedene Freundschaftsaufnäher, und wenn der HSV im Westen zu Gast war, waren immer Bielefelder auf Hamburger Seite vor Ort. Bis zum Gastspiel des HSV 1985 in Bielefeld wurde die Freundschaft ständig weiter gepflegt und ausgebaut. Doch dann zogen dunkle Wolken am Freundschaftshimmel auf. Anfang der Achtziger Jahre hatte sich in Hamburg eine neue Generation an Fans und Fanclubs etabliert, die Mitglieder von »Hamburg Nord« und »Halstenbek« gingen vermehrt nach ihren englischen Vorbildern zivil ins Stadion. Neben den »Löwen« gehörten sie zu damaliger Zeit zu den führenden Fanclubs in Sachen Fußballgewalt in der Hansestadt. Schon vor dem Spiel des HSV 1985 in Bielefeld hatte es zwischen Mitgliedern der drei neuen Hamburger Fanclubs und den Bielefeldern kleinere Auseinandersetzungen gegeben. Nach dem Spiel kam es schließlich zur ersten großen Schlägerei: Die Hamburger fuhren zunächst aus Bielefeld heraus, kamen einige Stunden später aber wieder und griffen, für die Bielefelder völlig unverständlich, die Kneipe »Herforder Pils Stuben« an. Die Bielefelder verteidigten ihren Laden unter der Führung des »Ostwestfalen Terrors« (OWT), sodass es zu wilden Auseinandersetzungen vor der Wirtschaft und in den umliegenden Straßen kam. Die überforderte Polizei bekam die Lage nur schwer in den Griff. Als sie endlich Herr der Lage war, bewies ein Hamburger, der einiges von einem Bielefelder abbekommen hatte, die ganze Dreistigkeit des Angriffs: Er zeigte ihn wegen Körperverletzung bei der Polizei an.


Fotos: Oliver Drückler (2)

438 | Fanfreundschaften

Die Südtribüne beim Hinspiel des UEFA-Cupfinales gegen Juventus 1993

Dortmunder Vereinsführung hat sich mehrfach von der »Borussenfront« distanziert, offiziell existiert sie heute nicht mehr. Eine bedeutende Rolle bei der »Beseitigung der Borussenfront« wird laut »Wikipedia« bis heute dem Dortmunder Fanprojekt zugeschrieben. Mit Hilfe sozialer Projekte im Vereinsumfeld sei es gelungen, einem Großteil der Gruppe neue Perspektiven aufzuzeigen. DFB-Präsident Theo Zwanziger zeichnete das Dortmunder Fanprojekt 2006 »in Anerkennung seines besonderen Einsatzes für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit und gegen nationalistische, rassistische und fremdenfeindliche Erscheinungsformen« mit dem Julius-Hirsch-Preis aus. Die aktive Dortmunder Fanszene hat sich in den Folgejahren insbesondere unter der Federführung der aktiven Ultragruppierung »The Unity« zudem verstärkt gegen rechtsradikale Tendenzen im Stadion zur Wehr gesetzt. Einen offen ausgetragenen Konflikt zwischen den Ultras und einer der drei Generationen der »Borussenfront« hat es – anders als z. B. in Bremen – aber nicht gegeben. Das mittlerweile eher »dezente« Auftreten der restlichen »Frontler« bei BVB-Spielen schreiben Insider eher dem oben beschriebenen Umstand des Generationenwechsels zu. Unter der Hand gilt Dortmund in entsprechenden Kreisen allerdings sogar als Sammelbecken für Rechte, ganz nach dem extrem polarisierenden Motto: Wer in NRW rechts ist, geht zur Borussia. Ein Dortmunder Szenekenner berichtet: »An die bei ›Wikipedia‹ beschriebene,

Immer zahlreich in Hamburg vertreten – der BVB-Anhang

konsequente Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen glauben wohl nur die Autoren – oder es handelt sich um Wunschdenken«

Erste Risse hinterließen tiefe Furchen Die Fanszene hatte sich Mitte der Achtziger gewandelt, die Trennung zwischen Hooligans und Kutten war manifestiert, »normale« Zuschauer waren in den Fankurven anders als heute eher selten. Die Hooligans waren ab Mitte des Jahrzehnts die dominierende Gruppe in den deutschen Stadien – auch in Dortmund. Über die Jahre und die neue Fan- und Hooligan-Generation wurde die Freundschaft der Dortmunder und Hamburger weitergetragen,

Die Hooligans beider Clubs waren sich schon Ende der 1980er-Jahre nicht mehr grün


Foto: Malte Laband

Foto: Peter Kupka

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HSV-Fans feiern 1995 auf dem Rasen des Westfalenstadions die Dortmunder Meisterschaft

Der letzte »Prügel-Sieg« auf Schalke war der HSV-BVB-Allianz am 4. Juni 1983 gelungen, als der HSV auf Schalke Meister geworden war und eine gewaltige Gruppe aus »Borussenfront«, Hamburger Löwen, Skinheads und sonstigem Pöbel die Schalker quer durch ihr eigenes Stadion gejagt hatte. Diesem letzten Sieg auf dem Nebenschauplatz des Spiels folgten fünf Jahre voller Niederlagen. Nicht selten wurden Dortmunder und Hamburger auf Schalke aus dem Stadion geprügelt und regelrecht aufgerieben. Spiele auf Schalke ähnelten damals einem Himmelfahrtskommando.

Auf Schalke fand auch das Spiel statt, das die Freundschaft zwischen den Hooligans beider Vereine und damit dem dominanten Teil der damaligen Fanszene beenden sollte: das Viertelfinalspiel des DFB-Pokals am 10. Dezember 1988. Bereits seit 1987 hatte sich das Verhältnis abgekühlt, auch das HSV-Heimspiel gegen Dortmund am 29. Juli 1988 sorgte für schlechte Stimmung zwischen Fans und Hools: In der Ostkurve des Volksparkstadions rief eine Minderheit der Dortmunder Fans fortwährend »St. Pauli, St. Pauli«. Die Dortmunder Kutten fanden das damals lustig, bei den HSV-Fans kam

Meisterfeier im Westfalenstadion

Foto: Jörn von Ahn

ausgebaut und gelebt. Sowohl die Dortmunder als auch die Hamburger gehörten in den Achtzigern stets zu den »Top Ten« der Hooligans in Deutschland. Über allen ragten damals jedoch die Schalker: Keine Gruppierung in Deutschland konnte mit dem Erzrivalen der Dortmunder mithalten. Die Gelsenszene mit ihren Top Boys wie Pele, Scooter, Pluto, Picco, Hamster oder Gorden waren damals das Maß aller (Hooligan-)Dinge in Deutschland. Zu diesen Zeiten waren Spiele auf Schalke daher extrem gefährlich. Bereits am Gelsenkirchener Bahnhof gingen meist hunderte Gästefans direkt in Polizeigewahrsam, weil sie Pistolen oder Messer zur Selbstverteidigung dabei hatten. Auf dem steilen Schotterweg hinauf zum Parkstadion, dem so genannten »Klopperhügel«, warteten oft schon die Schalker der Gelsenszene, die die Hamburger und Dortmunder regelmäßig mit Steinen und Flaschen in Empfang nahmen. Nicht selten trugen Fans Platzwunden der »Flächenbombardements« der Schalker Heerscharen davon. Zum Revier-Derby zu fahren, bedeutete damals nicht selten: Fahrt in den Ausnahmezustand am Rande des Bürgerkriegs. Deshalb begleiteten die befreundeten Hamburger immer zahlreich und unterstützend den BVB in die Niederungen des Ruhrpotts und halfen den Dortmundern, den Gästeblock gegen die anstürmenden Schalker Hooligans zu verteidigen.

Freundschaftstätowierung


Foto: HSV Fanprojekt

Foto: Fanladen St. Pauli

478 | Rivalen

Der Übersteiger ist seit 1993

Spieß umgedreht: heute bezeichnen sich

So sieht das Vereinswappen aus.

ein etabliertes Fanmagazin

die Fans des Clubs selbst als Zecken

Einen Totenkopf sucht man vergebens

Die vergiftete Stimmung spiegelte sich auch am Rande der Spiele wider. In der Saison 1989/90 endeten beide Derbys bei mäßigem Zuschauerinteresse vor jeweils knapp 40.000 Besuchern torlos. Handfest aber waren die Auseinandersetzungen nach den Spielen. HSV-Hooligans versuchten beim Hinspiel die Ostkurve zu stürmen, auf dem Kiez und am Rathausmarkt kam es zu Schlägereien, Dutzende wurden festgenommen. Am Saisonende landete der HSV nur knapp vor dem Lokalrivalen – und das nur, weil Pauli im letzten Saisonspiel mit 0:7 in Düsseldorf unter die Räder kam. HSV-Fan Thomas »Ali« Albers hat gute Erinnerungen an den letzten Spieltag der Saison 1989/90: »Da mein Herz seit 1976 für den HSV schlägt, war für mich der Lokalrivale schon immer ein Dorn im Auge, ich mochte den Stadtteil-Club von der Feldstraße noch nie. Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger hat er mir aber immerhin zwei Jahre hintereinander zwei Kisten ›Bacardi‹ eingebracht, als ich gegen meinen Schwager gewettet habe, dass der HSV am Ende der Saison vor seinem Club steht. Unvergessen bleibt für mich der Moment, in dem ich in der letzten Sekunde der Saison die zweite Kiste gewann. Der Club von der Feldstraße lag 7:0 zurück, beim HSV stand es gegen Mannheim bis zur 90. Minute 0:0, dann machte Furtok das 1:0 für den HSV, und der HSV zog in der Tabelle an dem Stadtteilclub vorbei. Mein Schwager war an dem Wochenende nicht mehr ansprechbar für mich.

Am Montag stand er mit der Kiste bei mir vor der Tür. Mittlerweile hat er zu meiner Freude aber die Seiten gewechselt und ist auch HSVFan geworden. Aber bis heute tische ich ihm diese Geschichte immer wieder gerne auf.« Am 18. April 1993 wurde der »Millerntor Roar!« eingestellt. Etwa vier Monate später erschien die Erstausgabe des Nachfolgehefts »Übersteiger«. Es hat mittlerweile mehr als 100 Ausgaben hinter sich und erreicht eine Auflage von 5.000 Stück. Im Februar 1990 eröffnete der St. Pauli-Fanladen, der sich in den kommenden Jahren fest in der Fanszene etablieren sollte und zu einem wichtigen Anlaufpunkt für die Anhänger wurde. Zunächst beschränkte sich der Laden auf 25 Quadratmeter eines ehemaligen Friseurladens, 1992 ging es in die Thadenstraße, und seit der Spielzeit 2001/02 liegt er in der Brigittenstraße 3. Die Politisierung der Fanszene führte vor allem nach der Wiedervereinigung 1990 dazu, dass mehr und mehr »Fußballfremde« zu Pauli strömten: In Berlin 1990/91 zum Beispiel erhielt Pauli im eigenen Fanblock Besuch von fast 400 Punkern aus der Hauptstadt, ohne zuvor jemals mit ihnen Kontakt gehabt zu haben. Henning Trolsen kritisierte die Entwicklung beim Lokalrivalen frühzeitig: »St. Pauli steht als bisher unvergleichbares Beispiel, wie Fußballbesucher einen durchschnittlichen Verein als Mittel der Selbstdarstellung und politischer Agitation missbrauchen! Man änderte für eigene Zwecke sogar das Clubwappen;

vorher zeigte es eine Variante des Hamburger Stadtwappens, nunmehr sieht man die St. Pauli-›Fans‹ mit einem Totenkopf im ›FC St. Pauli von 1910 e.V.‹-Schriftzug: Für jeden echten Fußballfan ist das Abzeichen seines Vereins heilig, und eher würde ihm die Hand abfallen, als dass er pseudo-kreativ tätig würde, um es zu verschandeln. (…) Aber die Steigerung des Zuschauerpotenzials ist nicht allein auf diesem Weg zu erklären: Ein weiterer Faktor war (und ist) ohne Zweifel die Hamburger Presse. Wohl seit jeher ein Faible für den vermeintlichen Underdog habend, griffen die Herren der schnellen Halbwahrheit zur Feder, um aus dem eher schlecht als recht aufspielenden Fußballclub vom Millerntor ein ›Freudenhaus der (zweiten) Liga‹ zu machen. Konnte der Verein noch so armselige Leistungen zeigen, gelobt wurde zur Not ausschließlich die ›tolle Atmosphäre im Freudenhaus‹. Mit dieser Darstellung, die dann auch ungeprüft vom Fernsehen übernommen wurde, trat ein weiteres, hochinteressantes Phänomen zutage: Angelockt vom positiven Medienecho trieb es vermehrt Zuschauer ins Wilhelm-Koch-Stadion, die hauptsächlich ›weil da so ne geile Stimmung ist‹ ihr Eintrittsgeld entrichteten. Dies wiederum ließ die Medien voll des Lobes sein über die zahlreich erschienenen Zuschauer, welches wiederum Zuschauer veranlasste zu kommen – eine Spirale der Unwissenden war losgelassen. St. Pauli ist der Club der Fußballdesinteressierten. So lange das Bier schmeckt, so lange ›St.


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»Die Türen gingen auf, und ein Austausch von Gegenständen fand statt. Tritte, Schläge, Flaschenwürfe, auch Unbeteiligte kamen zu Schaden.«

Foto: HSV Supporters Club

Rivalität und Gewalt Wie weit sich die Abneigung zwischen beiden Lagern hochschaukelte, zeigt unter anderem ein Freundschaftsspiel zwischen St. Pauli und dem HSV im November 1992: Trotz eines massiven Polizeiaufgebots kam es zu heftigen Ausschreitungen. Unter den 14.000 Zuschauern befanden sich mindestens 3.000 HSV-Fans. Während des gesamten Spiels beleidigten sich die Fan-Lager massiv gegenseitig. Nach dem 2:1-Siegtreffer in der 85. Minute zündeten die Fans des Hamburger SV mehrere Rauchtöpfe und Seenotfackeln. Eine Hundertschaft der Hamburger Bereitschaftspolizei bezog vor dem Gästeblock Stellung, konnte aber weitere Aktionen dieser Art nicht verhindern. Das Spiel wurde durch den Schiedsrichter unterbrochen, die Spieler zum Mittelkreis gebeten. HSV-Fans versuchten derweil über den Spielertunnel zu Anhängern des FC St. Pauli zu gelangen, die teilweise bereits auf dem Spielertunnel warteten und von dort aus den Gästeblock attackierten. Die Polizei bekam die Situation nur mühsam in den Griff. Nach dem Spiel versuchten einige HSV-Anhänger, den Sicherheitsbereich zwischen Vereinsheim und Südtribüne zu stürmen. Nur der massive Einsatz von Polizei

Zeichnung: Carsten Grab

Pauli-Willi‹ seine Späße macht, so lange die Freunde aus der Wohngemeinschaft oder der politischen Arbeitsgruppe auch da sind, ist der Spaß gerettet. Wenn dann noch das Spiel gewonnen wird; prima – wenn nicht, auch egal.« (aus: »supporters news« Nr. 7, Mai 1995) In der Saison 1990/91 gewann der HSV das Hinspiel mit 2:0 und spielte im oberen Tabellendrittel, während St. Pauli am Ende abstieg, wozu auch ein 5:0-Sieg des HSV im Rückspiel beigetragen hatte. Damals gab es erste und speziell organisierte Sicherheitsmaßnahmen bei Derbys. So wurde für Pauli-Anhänger ein Bus­ transfer zwischen Heiligengeistfeld und Ostkurve eingerichtet. Gegen Pläne, reine Sitzplatzstadien in der Bundesrepublik zu schaffen, protestierten Fans beider Vereine rund um das RückspielDerby noch gemeinsam. Doch als der Abstieg des FC St. Pauli nach einer Niederlage im dritten Relegationsspiel gegen die Stuttgarter Kickers im Gelsenkirchener Parkstadion besiegelt war, gab es auf der Rückfahrt – 15.000 Fans hatten Pauli begleitet – massive Ausschreitungen in einem Sonderzug. Ein Sachschaden in Höhe von 100.000 Mark entstand. Das Bild vom friedlichen Pauli-Fan bekam erste Risse.

und Ordnungsdienst konnte das verhindern. Bis in den Morgen gab es auf der Reeperbahn Ausschreitungen zwischen rivalisierenden Fußball-Fans. Die Medien überschlugen sich – und vor allem die Anhängerschaft des Hamburger SV wurde heftig kritisiert. Anschließend gab es auf der sportlichen Ebene drei Jahre lang keine Berührungspunkte. Erst danach stand wieder ein Erstliga-Derby an. Die Erinnerungen an die Ausschreitungen beim vergangenen Aufeinandertreffen sorgten für Wirbel und Befürchtungen im Vorfeld. Das HSV-Fanprojekt und der St. Pauli-Fanladen, beides Projekte des Trägers »Verein Jugend und Sport e.V.«, entwickelten auf unterschiedlichen Ebenen Ideen und Vorschläge für ein möglichst friedliches Spiel. Entwickelt wurde schließlich das »Glasgow-Modell«, das auf strikter Fan-Trennung und getrennten Anfahrtswegen basierte: Die HSV-Fans sollten sich am Hauptbahnhof treffen, mit Sonderbahnen bis Stellingen fahren und von dort durch den Volkspark zur Westkurve gehen. Für die St. Pauli-Fans war der S-Bahnhof Sternschanze als Treffpunkt vorgesehen, von dort über den Bahnhof Eidelstedt und zu Fuß über die Schnackenburgallee bis zur Ostkurve. Der Plan ließ sich in einer Stadt wie Hamburg aber offensichtlich nur schwer umsetzen, da es zu viele Knotenpunkte gibt und

Die Fans von St. Pauli pflegen eine Freundschaft zu den Fans von Celtic Glasgow, hier beim UEFA-Cup Match 1996


Stolpersteine auf den Weg der Grün-Weißen zu legen. Viele HSVer hatten bereits ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als die Mannschaftsaufstellung bekannt wurde. Wie 1993, als plötzlich Ersatztorwart Nils Bahr aufgestellt wurde, entschied sich Trainer Toppmöller diesmal für Tom Starke anstelle des eigentlichen Stammtorhüters Stefan Wächter. Ein Experiment, das wieder einmal in die Hose gehen sollte. Die völlig wehr- und lustlose HSVElf ließ sich von entfesselt aufspielenden Bremern widerstandslos auseinandernehmen und sorgte für eine unrühmliche Vorentscheidung im Meisterschaftskampf. Entsprechend angefressen reagierte BayernManager Uli Hoeneß auf das Ergebnis aus Bremen: »Das ist eine wahnsinnige Sauerei vom HSV, dass er sich in dieser Phase so abschlachten ließ. Dafür habe ich kein Verständnis. Bereits vor zehn Jahren hat der HSV die Bremer schon einmal so zum Meister gemacht.« In der Tat waren die Parallelen zu dem Desaster von 1993 für jedermann unübersehbar. Während die HSV-Funktionärsebene in Person von Bernd Hoffmann versuchte, die Sache in bester Marketingmanier herunterzuspielen, sprach Uli Hoeneß vielen HSV-Fans aus dem Herzen. Nicht die Niederlage an sich, sondern die Art und Weise, wie der HSV sich vorführen ließ und damit dem verhassten Rivalen den Weg zur Meisterschaft ebnete, brachte das Fass zum Überlaufen. Beim darauf folgenden Heimspiel gegen den VfB Stuttgart zeigten Teile der aktiven HSV-Fanszene ihre Wut und Enttäuschung durch eine Blocksperre. Im Gegensatz zu 1993 wurde die Aktion erfolgreich

Foto: HSV Supporters Club

Der »Seemann« zerstört den Werder-Salmi

Foto: Malte Laband

512 | Rivalen

Die »Eastside« war Bremens erste Ultragruppe

durchgezogen, denn außer einzelnen »Da mache ich nicht mit«-Egoisten blieb der Block 25A zunächst komplett leer. An einem der Wellenbrecher hing stattdessen ein Transparent mit der Aufschrift »Dieser Block ist euer Lohn!«, und auf einem großen Spruchband im B-Rang stand – in Anspielung auf die Äußerungen des Bayern-Managers – »01.05. – Tag der Arbeit – Uli H. sagt die Wahrheit!« Die HSV-Spieler reagierten auf ihre eigene Art und Weise auf die Proteste: Anstatt Verständnis zu zeigen und sich nach dem 2:1-Sieg mit den eigenen Anhängern zu versöhnen, verweigerten die beleidigten Profis recht unprofessionell den Gang zu den Fans.

Die Ultras kommen Ende der 1990er-Jahre übernahmen die Ultras den aktiven Part, die Rivalität zu leben. Waren es zuvor Skinheads, die Hooligans und einige Rocker-Fanclubs, führten ab der Jahrtausendwende vorrangig die Ultragruppierungen »Chosen Few« (CFHH) aus Hamburg und ihr Bremer Pendant, die »Eastside«, das Verhältnis fort: in den Stadien durch Choreografien, Gesänge und Spruchbänder, davor manchmal in der direkten körperlichen Auseinandersetzung. Zu Übergriffen kam es am 30. Juni 2001 beim »Ultra-Feschd«, einer vereins- und fanszenenübergreifenden Party für Ultras im Ostkurvensaal des Weser-Stadions. Die Nordallianz aus Hamburg und Hannover geriet in Streit mit Bremer und Essener Junghools und Ultras. Während sich die Hamburger und Hannoveraner Krawallbrüder mit Schlägereien unrühmlich in den Vordergrund spielten, blieben die befreundeten Bielefelder passiv. Die Ultras aus Bielefeld, die die Aktion überflüssig fanden, blieben mit ihren Leverkusener Freunden auf der Feier in Bremen. An diesem Abend gab es nur wenige Einzelpersonen, die Verständnis für das Auftreten der Hamburger und Hannoveraner hatten. Die Koalition aus Hamburg und Hannover verließ die Feier und fuhr nach Hannover auf das größte Schützenfest Europas. Die Streitereien markierten das Ende des Kapitels »Ultra-Feschd«. Schon im Vorfeld gab es mehrere Gruppen, die nicht teilnahmen – nun aber war es endgültig aus mit dem gemeinsamen Feiern.


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Globalisierung mal anders: United Colours of Scheiß HSV

Hause – die HSV-Amateure stiegen auf. Danach kam es zu Auseinandersetzungen: Die kleine Oldenburger Fanszene hatte sich wieder einmal massiv mit SVW-Fans verstärkt, und die hatten den Auftritt der Hamburger eine Woche zuvor in ihrer Stadt natürlich nicht vergessen.

Rivalität auf andere Art: »Das Tor zur Welt – aber wir haben den Schlüssel« und der fast vollständigen Verwüstung des Inventars. Dass trotzdem alle Reiseteilnehmer ohne Probleme den Zug nach Hamburg besteigen konnten, war einer massiven Deeskalationspolitik der Bremer Polizei zu verdanken, die an diesem Tag beide Augen zudrücken wollte. Das Rückspiel fand eine Woche später im Volksparkstadion statt, mehr als 25 Fan-Busse kamen von Oldenburg nach Hamburg. Der HSV schickte die Oldenburger mit 5:2 nach

Fotos: HSV Supporters Club (2)

Kreativ, bunt und laut – die Fans des HSV

In der Bremer Fanszene gab und gibt es seit der Auflösung der »Eastside« im Jahr 2005 mehrere Gruppierungen: »Infamous Youth«, »Racaille Verte«, »Wanderers«, »Roland’s Erben« und »Ultra Team Bremen«. Die Gruppen haben oder hatten jeweils zwischen 15 und 30 Mitglieder. Insgesamt umfasst die Bremer Ultraszene bis zu 200 Personen. »Roland’s Erben« fühlen sich allerdings nicht zugehörig, sie verstehen sich als klassische Supporter. In Fußballstadien sind ruppige Beschimpfungen

auch heute noch an der Tagesordnung. Bremer und Hamburger Fans haben dabei selten eine Schmähung oder Provokation ausgelassen. Beliebt dafür sind vor allem Spruchbänder, auf denen die Fans beider Vereine zu tagesaktuellen Themen im Fußball und ihren Vereinen kurze und prägnante Aussagen treffen, Stellung beziehen, sich kritisch zu äußern oder die jeweils anderen einfach nur veräppeln. Dabei greifen die Gruppen auch fanpolitische Themen auf, die den eigenen Verein nicht unbedingt direkt betreffen. Das Ziel dabei ist, andere Zuschauer für die Themen zu sensibilisieren. Die Choreografien beider Fanszenen setzten dabei sowohl Glanz- als auch Tiefpunkte. Zunächst schrieben die Bremer in Anlehnung auf die jeweiligen Stadtwappen auf einem großen Banner den durchaus wahren Spruch: »Ihr seid das Tor zur Welt – aber wir haben den Schlüssel«. Andreas Birnmeyer, Geschäftsführer des HSV Supporters Clubs, begrüßt Spruchbänder und Choreografien sehr. Allerdings nur, solange sie nicht inflationär

Die vielzitierte Schlüsselchoreo

Foto: Malte Laband

Ärger in Bremen gab es auch, wenn dort weder gefeiert noch gespielt wurde: So begleitete eine stattliche Anzahl Hamburger Fans die HSV-Amateure zu ihrem Relegationsspiel für den Aufstieg zur Regionalliga im Juni 2002. Vor 13.000 Zuschauern im Oldenburger Marschweg-Stadion trennten sich beide Teams mit 0:0. Auf der Rückfahrt stiegen etwa 100 Mann in Bremen aus und gingen zur Bremer Hoolkneipe, um dort eine Schlägerei anzuzetteln. Doch bis auf den Wirt und eine ältere Dame war niemand da. Die enttäuschten Rauf brüder mussten sich einen anderen Zeitvertreib bis zur Weiterreise nach Hamburg suchen: McDonald’s. Dort kam es trotz einer begleitenden Polizeieinheit zu einem ausufernden Streit mit der Belegschaft – inklusive Tumulten, Schubsereien, Beleidigungen, dem Zünden von pyrotechnischen Gegenständen


540 | Verhältnis zwischen Mannschaft und Fans

Als 1972 mit den »Rothosen« der erste HSVFanclub gegründet wurde, hatte sich das Vereinsleben bereits stark verändert. Kontakte zwischen Fans und Spielern waren zwar weiterhin relativ unkompliziert möglich, erforderten aber Planung, Eigeninitiative und Zielstrebigkeit. Entweder wurden Spieler zu Fanclubbesuchen eingeladen oder die Fans besuchten die Spieler beim Training, das mittlerweile vom Rothenbaum auf das Gelände in Ochsenzoll verlegt worden war. Oder man lief sich zufällig über den Weg, wie Alfred von den »Rothosen« zu berichten weiß: »Früher gab es viel mehr Kontakt zu den Spielern. Die sind nach Auswärtsspielen oft im selben Zug zurück nach Hamburg gefahren wie wir. Da konnten wir uns mit denen ganz normal unterhalten.

Fans und Spielern war viel lockerer. Man hat sich zufällig in Kneipen getroffen oder auf dem Fischmarkt, wenn der eine oder andere Spieler ein bisschen versackt war. Dann haben wir zusammen weiter gesoffen. Das haben wir für uns behalten und nicht an die große Glocke gehängt. Es war ein stillschweigendes Abkommen zwischen den Spielern und uns, weil es für sie in der Öffentlichkeit sicherlich unangenehm gewesen wäre. Im Laufe der Jahre sind dabei einige lustige Geschichten passiert. In Southampton waren wir zum Beispiel durch Zufall im selben Hotel wie die Mannschaft. Das haben wir aber erst bemerkt, als die ersten Spieler und der Trainer zur Tür hineinkamen. Ernst Happel sagte zu uns: ›Jungs, wenn das heute klappt, trinken wir einen zusam-

»Nach dem Spiel saßen wir mit Ernst Happel in der Hotelbar und haben Weinbrand getrunken.« Man kannte sich. Die Spieler wussten auch, dass wir selbst oft Fußball gegen andere Fanmannschaften gespielt haben und fragten uns nach den Ergebnissen. Manfred Kaltz hat uns einmal 150 Mark aus der Mannschaftskasse spendiert für einen Satz neue Trikots. Das war damals eine Menge Geld, heute gibt es dafür ja kaum mehr als ein Trikot.« Alfreds Fanclubkollege Michael kann das nur bestätigen: »Das Verhältnis zwischen

men.‹ Nach dem Spiel saßen wir tatsächlich mit ihm in der Hotelbar und haben ein paar Weinbrand getrunken. Da kam Dr. Klein und meinte zu uns: ›Hier dürfen Sie nicht sitzen!‹ Wir sind aufgestanden und haben uns an einen anderen Tisch gesetzt. Aber Happel ist auch aufgestanden und hat sich wieder mit zu uns an den Tisch gesetzt. Da guckte Herr Klein erst einmal blöd und wusste zunächst nicht mehr, was er machen sollte. Dann kam

Foto: Thomas Steitz

Unkomplizierter Besuch: Peter Hidien ist 1981 zu Gast beim Fanclub »Bad Bramstedt«

er 'rüber und meinte zu Happel: ›Du Ernst, wir müssen jetzt aber auch…‹ Darauf sagte Happel nur: ›Ich muss gar nichts! Ich stehe auf, wenn ich will und nicht, wenn du mir das sagst!‹ Das fanden wir natürlich witzig.« Erleichternd kam hinzu, dass die HSV-Fanszene damals wesentlich überschaubarer war als heutzutage. Zu sehen war das bereits an den Fahrten zu den Auswärtsspielen im Europapokal. Die wenigen Anhänger flogen meist mit der Mannschaft zusammen. Wenn am Mittwoch das Spiel war, ging es Dienstag los und Donnerstag zurück. Im Flieger saßen 250 Leute, davon 70 bis 80 Spieler, Offizielle, Betreuer und Presse sowie höchstens 30 oder 40 Fußballfans. Die übrigen Passagiere waren Geschäftsleute. Dass sich Spieler und Fans unter diesen Umständen leichter näher kamen, liegt auf der Hand. Außerhalb der Spieltage und des Trainings konzentrierte sich der Kontakt zwischen Fans und Spielern oft auf Besuche bei den Fanclubs. Solch einen Spielerabend zu organisieren, war Anfang der 1980er-Jahre noch eine ziemlich unkomplizierte Angelegenheit. Thomas Steitz hatte mit seinem Fanclub »Bad Bramstedt« gleich mehrere Jahre hintereinander prominenten Besuch von Horst Hrubesch, Peter Hidien, Holger Hieronymus und Günter Netzer. Eine Zeit, an die er gern zurückdenkt: »Unser Fanclub hat Kontakt zum HSV aufgenommen und um Spielerbesuche gebeten. Darauf hin hat uns der Verein die zur Verfügung stehenden Personen und das Datum genannt. Die Treffen fanden in unserer Stammkneipe ›Stadt Hamburg‹ in Bad Bramstedt statt. Die Spieler waren immer pünktlich und sehr zuvorkommend. Sie haben wirklich alle Fragen beantwortet und waren meist allein vor Ort. So etwas wird heute, glaube ich, ohne Begleitung gar nicht mehr gemacht. Sie brachten manchmal auch Geschenke vom HSV mit und verteilten sie unter den Anwesenden. Es kam sogar häufig vor, dass die Spieler darauf bestanden, ihre Speisen und Getränke selbst zu bezahlen, obwohl sie natürlich von uns eingeladen waren. Die Besuche dauerten in der Regel zwei bis drei Stunden.« Geht es um die heutige Spielergeneration, fällt sein Urteil weit weniger positiv aus: »Ich bin leider der Meinung, dass der heutige Kontakt zu den Spielern – ich würde sie lieber Profis oder Söldner nennen – nicht mehr so herzlich, intensiv und vor allem ehrlich ist. Für die Spieler ist das eine Pflichtveranstaltung geworden.«


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Wer als HSV-Fan die Zeit der großen Erfolge miterleben durfte, kann sich glücklich schätzen. Besonders wertvoll sind die Erinnerungen an die goldenen Zeiten für all diejenigen, die sie nicht nur live im Stadion, sondern hautnah gemeinsam mit den Spielern feiern konnten. Wie zum Beispiel nach dem Europapokalsieg 1983 auf dem Rückflug von Athen: Wie üblich waren zahlreiche Fans zusammen mit der Mannschaft geflogen. Goalgetter Horst Hrubesch hatte bereits auf dem Hinflug angekündigt: »Wenn wir den Pokal wirklich gewinnen, darf auf dem Rückflug jeder im Flugzeug daraus trinken.« Das Versprechen wurde eingelöst. Hrubesch kam tatsächlich herum, jeder durfte den Pott ansetzen und einen kräftigen Siegerschluck nehmen. Sobald der Pokal leer war, wurde nachgeschenkt. Und zwar so lange, bis jeder an der Reihe gewesen ist. Ein Augenzeuge erzählt: »Und wenn du keinen richtigen Schluck genommen hattest, wurde nochmal neu angesetzt: ›Trink mal richtig hier!‹, hieß es, und platsch – lief alles über die Klamotten.« Während sich die Spieler heute selbst bei Saisonabschiedsfeiern nur für die obligatorischen fünf Minuten auf der Bühne blicken lassen und müde in die Menge winken, wurden selbst große Erfolge früher wie selbstverständlich gemeinsam mit den Fans gefeiert. Wie so eine Feier ablaufen konnte, kann Christian Reichert erzählen. Selbst 33 Jahre

Foto: Thomas Steitz

Auf dem Platz gekämpft, auf den Rängen mitgefiebert und zusammen gefeiert

Weltstar meets Gardinenkneipe: Günter Netzer 1982 im »Stadt Hamburg«

Mannschaft entgegen. Um kurz vor neun Uhr fuhr ein einzelner Streifenwagen vor, ein Polizist rief über Lautsprecher: ›Liebe HSV-Fans, wir freuen uns mit euch. Wir müssen euch allerdings leider mitteilen, dass die Mannschaft komplett ins aktuelle Sportstudio gefahren ist. Die werden heute Abend nicht mehr herkommen.‹ Alle waren enttäuscht und sind abgehauen. Ich habe mein Fahrrad genommen und mich auf den Rückweg gemacht. Als ich an der Ecke Ulzburger Straße und Ohechaussee war, kam aber von der Autobahn der Mannschaftsbus. Ich konnte sehen, dass der

waren dabei. Ich erinnere mich noch, dass die Frau von Manfred Kaltz eine Sektflasche aufgemacht, mir volles Rohr den Schampus in die Fresse gespritzt hat und ich minutenlang nichts sehen konnte. Auf mein rotes Trikot hat mir Hrubesch ein Autogramm gegeben. Es hat keiner gesagt, dass wir eingeladen sind, das hat sich einfach ergeben und war überhaupt kein Problem. Unglaublich. Solche Szenen sind heute unvorstellbar. Selbst wenn da nur zehn Fans stehen würden und die Spieler kämen als Meister zurück, würden die ja nicht einmal auf den Gedanken kommen, die Fans mit zu ihrer Fei-

»Die Frau von Manfred Kaltz hat eine Sektflasche aufgemacht und mir volles Rohr den Schampus in die Fresse gespritzt!« später gerät er ins Schwärmen, wenn er an den Gewinn der Meisterschaft 1979 zurückdenkt: »Ich bin aus irgendeinem Grund am vorletzten Spieltag nicht nach Bielefeld gefahren. Wir sind durch das 0:0 vorzeitig Meister geworden, ich bin zu Hause total ausgerastet vor Freude und wollte den Titel feiern. Also bin ich mit dem Fahrrad nach Ochsenzoll gefahren, weil die Spieler da immer ihre Autos stehen hatten und ich davon ausgehen konnte, dass der Bus nach dem Spiel dorthin zurückfährt. Als ich ankam, standen auf dem Busparkplatz schon mehrere Hundert HSV-Fans. Alle zitterten und fieberten dem Empfang der

Bus voll war, es also eine Falschinformation der Polizei gewesen war. Ich bin in Windeseile umgedreht und die Ulzburger Straße hinter dem Bus her. Am Trainingsgelände habe ich mein Rad in den nächstbesten Knick geschmissen. Knapp 20 oder 30 HSV-Fans waren trotz Durchsage dort geblieben, und nochmal zehn hatten den Bus wie ich gesehen und waren umgekehrt. Dann haben uns die Spieler mit in den ›Lindenhof‹ genommen – besser gesagt: Die Fans haben die Spieler auf die Schultern genommen. Ich habe Rudi Kargus mit getragen. Dort haben wir zusammen gesoffen und gefeiert ohne Ende. Die Spielerfrauen

er zu nehmen. Wenn die heute überhaupt noch so feiern würden. Das wird es wohl leider niemals wieder geben, dass alle so eng zusammengehörten und ein einfacher Fan sich bei einem solchen Triumph als ein Teil des Ganzen fühlen konnte und durfte. Das sind Zeiten, denen ich wirklich total hinterher trauere. Als wir 1982 bei der WM in Spanien waren, kamen die deutschen Nationalspieler einfach an unseren Strand in Gijon. Da waren sicherlich ein paar Hundert deutsche Fans, und die Spieler legten sich einfach auf ihren Handtüchern dazu, schrieben ein paar Autogramme und bräunten sich.«


Foto: Hamburg Ultras

568 | Kulturgestein

Früher normal, heute skandalträchtig: Platzsturm nach dem letzten Heimspiel

Nie wieder Platzsturm?! Ein gewonnener Titel, ein glücklich verhinderter Abstieg oder das letzte Heimspiel der Saison endeten in den 1980er- und 1990erJahren häufig in einer riesigen Party und Massenekstase auf dem »heiligen Rasen«. Heute dagegen ist bereits das Besteigen der Zäune nahezu undenkbar. Nach zahlreichen Katastrophen berechtigte Sorge oder überzogene Paranoia? Unkontrollierbare Massen sind für die DFL und den deutschen Profi-Fußball ein

Horrorszenario, vor allem im Stadioninneren. Bereits in früheren Jahren haben HSV-Fans besondere Spiele im Stadioninneren gefeiert. Walter Koninski erzählt zum Beispiel von einem spontanen Platzsturm 1960 in Herne: Nach einem 4:3-Sieg seien die Hamburger euphorisch auf das Spielfeld gerannt und hätten sich nicht von den an die Vernunft appellierenden Lautsprecherdurchsagen abbringen lassen. Ein anderes Beispiel ist drei Jahre älter: Am 1. Dezember 1957 stürmten HSV-Anhänger das Spielfeld am Rothenbaum, nachdem Schiedsrichter Höfel Uwe Seeler, übrigens das erste und einzige Mal in seiner gesamten Karriere, des Feldes verwiesen hatte. Das Abendblatt schrieb seinerzeit: »Ein tobender, brodelnder Zuschauerkessel, in dem die Vernunft machtlos gegen den Fanatismus war. (…) Nur tropfenweise kamen die Spieler in die Kabinen, vorbei an einem eingerissenen Gitter und an einem umgestürzten Betonsockel.« Schiri Höfel wurde durch den Hinterausgang in Sicherheit gebracht, während die Zuschauer den wegen einer Tätlichkeit vom Platz gestellten Seeler mit Beifall verabschiedeten. 1961 spielte der HSV am 26. April vor 71.000 Zuschauern gegen den FC Barcelona im Halbfinale des Europapokals. Während des Spiels drangen sogenannte »Halbstarke«, bekleidet mit Schlafanzügen, in den Innenraum des

Fan-Urgestein »Töffel« hat es sich zum Leidwesen eines Polizisten auf dem Zaun gemütlich gemacht

Volksparkstadions ein – Ordner mussten sie wieder zurück auf die Tribüne drängen. Es gibt HSV-Fans, die noch immer ein Stück Rasen, des Tornetzes und der Torpfosten der Bielefelder Alm auf bewahren. Einer von ihnen ist »FEE«, der bei der sogenannten Hitzeschlacht am 02.06.1979 auf der Alm dabei war. Er erzählt: »Bielefeld machte gut Druck, aber Rudi Kargus parierte alle Bälle. Während des Spiels wurden Rufe von hinten laut wie ›Ey, nimm mal an – gib mal weiter runter‹. Meterlange Holzbalken wanderten auf diese Weise durch den Block. Eigentlich war das der Beginn des Stadionneubaus in Bielefeld. Es steht in den Geschichtsbüchern nur anders. Unglaublich und heute undenkbar. Das Spiel endete 0:0 und wir waren soweit zufrieden. Da es damals noch keine Mittel gab, die Ergebnisse von anderen Plätzen zu hören, mussten wir warten und dachten, auf dem Weg zum Auto oder unterwegs auf einem Rastplatz vielleicht das Stuttgart-Ergebnis zu erfahren. Da kam, es soll angeblich das erste Mal und mit 10.000 Mark Strafe für die Arminia verbunden gewesen sein, die Durchsage des Endergebnisses aus Stuttgart: Der VfB Stuttgart verliert sein Heimspiel gegen den 1. FC Köln mit 1:4! Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte atemloses Schweigen, bevor alle, aber auch alle Dämme brachen. Nie wieder in meinem Leben habe ich so vielen Leuten im Arm gelegen, man kugelte von einer Stufe zur anderen, taumelte vor Freude schreiend und nach Fassung ringend von einem Arm in den nächsten. Ein Tollhaus.« Unter »HI-HA-HO, Stuttgart ist K.O.«-Gesängen stürmten die 5.000 HSV-Fans auf das Spielfeld. Dort feierten sie ausgelassen die erste Meisterschaft seit 19 Jahren. Einige rissen sich Grassoden aus dem Fußballrasen, um sie später im heimischen Garten einzubuddeln und sich ewig an diesen Tag zu erinnern. Andere zerbrachen die Torpfosten und zerschnitten die Tornetze. Rasen und Netze sind heute noch Reliquien für diejenigen, die damals live vor Ort waren und ihr eigenes Wohl dem des HSV untergeordnet hatten. Rational zu erklären ist das nicht, dafür ist den Fans der Fußball einfach zu wichtig. Undenkbar, dass solche Stücke jemals auf der Müllkippe landen. »FEE« erzählt: »Jeder versuchte, auf den Platz zu kommen, und wer unten war, fing an, sich ein Stück vom Rasen, diesem heiligen HSV-Meisterschaftsrasen, herauszureißen. Mein Rasenstück wächst noch immer auf meinem Grundstück, es hat sich ein wenig mit dem Restrasen vermischt, aber irgendwie ist es immer noch da, und wenn der


Jahrestag kommt, denke ich immer noch gern an dieses Spiel zurück. Es war einfach grandios.«! Zu Beginn der Neunziger war es gang und gäbe, dass Fans den letzten Spieltag gemeinsam und ausgelassen mit den Spielern auf dem Rasen feierten. So war es auch am 12. Mai 1990, als der HSV am letzten Spieltag durch einen 1:0-Erfolg gegen Waldhof Mannheim den Klassenerhalt sichern konnte. Tausende Hamburger feierten friedlich im Innenraum. Im Jahr darauf war es in Köln, Wattenscheid und Gelsenkirchen genauso, nur nicht im Hamburger Volksparkstadion. Dort wollten die Fans das Erreichen des UEFA-Pokals feiern, wurden aber von aggressiven Polizeibeamten mit Schlagstöcken am Übersteigen der Zäune gehindert. Carsten Grab äußerte sich in der Spreebär-Kolummne »Auf ein Wort« sehr kritisch dazu: »Daher mein Aufruf an die verantwortlichen Herren des HSV: Der DFB ist nur so mächtig, wie die Vereine ihn machen. Wenn euch wirklich etwas an uns Fans liegen sollte, dann zeigt auch endlich mal etwas Engagement gegenüber dem DFB und gebt nicht ständig klein bei.« Carsten reagierte so säuerlich gegenüber dem DFB, weil der dem HSV nach dem Platzsturm im Mai 1990 eine Geldstrafe aufgebrummt hatte. Zudem sei ein Sachschaden von 8.000 DM entstanden, woraufhin der HSV in Rücksprache mit dem DFB und der Polizei ein Jahr später die Fluchttore nicht öffnen ließ. Dabei sollten nach den schrecklichen Vorfällen von Hillsborough und der Westkurvenkatastrophe 1979 alle Funktionäre und Sicherheitskräfte zu dieser Thematik sensibilisiert gewesen sein. Das letzte Spiel der Saison 1996/97 fand im

Foto: Hauke Neuendorf

Erinnerungsfoto aus Homburg

Foto: Oliver Drückler

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Platzsturm in Freiburg 1995

Rheinstadion in Düsseldorf statt und war ein ganz besonderes in der HSV-Historie. Neben Wasserbombenwürfen gegen die eigene Mannschaft musste erstmals eine Polizeikette durch den Gästeblock gezogen werden, um Übergriffe unter den HSV-Fans zu verhindern. Mit dem Schlusspfiff wurde mehrfach Rauchpulver gezündet, viele Fans erklommen den Zaun. Als die Mannschaft auf die Laufbahn vor dem Gästeblock kam, hielten Fans ein »DANKE FÜR NICHTS«-Banner hoch, und es flogen etwa 200 Wasserbomben auf die Spieler. Sie flüchteten außer Reichweite, und erste Fans überstiegen die Zäune, vor denen sich viel zu wenig Ordner postiert hatten. Mit der Zeit sprangen immer mehr Menschen in den Innenraum, eine größere Gruppe lief auf das Spielfeld und den

flüchtenden Spielern hinterher. Erst im Kabinentrakt waren die Fußballer in Sicherheit. Die Hamburger Medien überschlugen sich in den folgenden Tagen folgerichtig in Forderungen nach einer Bestrafung der Beteiligten. Mitglieder der Allesfahrer waren an jenem Tag federführend bei den Krawallen und wurden im Nachgang mit Stadionverboten belegt. Ein befürchteter Platzsturm sorgte im Oktober 2009 nach dem EL-Spiel im Celtic Park für Ärger. Als die Spieler den 1:0-Sieg mit den rund 3.000 mitgereisten Fans feiern wollten, kam es zum Eklat: Die Hamburger gerieten mit den schottischen Ordnungskräften aneinander. Nach dem Schlusspfiff machten sich die Spieler auf den Weg in die Gästekurve, um sich bei den mitgereisten Fans zu bedanken. Doch es stellten sich ihnen zahlreiche Ordner entgegen. Einige Spieler versuchten sogar vergeblich, sich durch die Ordnerkette zu ihren Anhängern durchzukämpfen. Als die Spieler keine Anstalten machten, sich aus der Kurve wegzubewegen und sich stattdessen auf den Rasen setzten – ein Ritual nach Siegen – kam die Polizei dazu. Torwart Frank Rost und Trainer Labbadia lieferten sich hitzige Wortgefechte mit den Beamten. »Das war schon sehr eigenartig. Wir wollten uns nur kurz bei den Zuschauern bedanken, die die weite Reise auf sich genommen und uns während des Spiels viel Kraft gegeben haben. Man wird sich ja wohl noch freuen dürfen«, sagte Labbadia damals. Ein Eklat, der völlig unnötig war, denn nach dem wichtigen 1:0-Auswärtssieg waren alle Hamburger in bester Feierlaune. Merkwürdig mutet daher die offizielle Begründung der Schotten an: Angeblich sei ein Platzsturm der Hamburger Fans befürchtet worden.


632 | Kulturgestein

1998 kam die Zeit des kommerziell erfolgreichsten Songs, der jemals durch die Boxen des Stadions klang: »HSV forever« von David Hanselmann (erschien bereits 1994). Zu jedem Einlaufen der Mannschaften zum Spielbeginn ertönt das Lied und verkauft sich in den HSVFanshops als CD bereits seit beinahe 20 Jahren. Jener Sänger wurde auch bekannt durch den Song zur WM 1990 in Italien: »Go, get the Cup«. »HSV-Forever« klingt teilweise erst nach Anpfiff des Spiels aus und wird von der überwiegenden Zahl der Fans auf der Nordtribüne mitgesungen. Kurios ist, dass es sowohl eine deutsche als auch eine englische Version gibt. Vor mehreren Jahren gab es bei einer Jahreshauptversammlung die Beschwerde, dass beim Einlaufen die englische Variante gespielt wurde. Seitdem gibt es nur noch die deutsche Version zu hören. Der Text selbst suggeriert dem Fan, dass der besungene Verein das Maß aller Dinge sei und sportlich kaum zu bezwingen. Und obwohl nur die wenigsten musikalischen Gefallen an dem Lied finden, gehört es mittlerweile für viele dazu und versprüht bis heute ein schaurig-schönes Flair der Neunziger. Angetan von diesem Erfolg. versuchte der HSV, weitere Künstler in der Szene zu

etablieren: Studio-Produktionen, geschrieben von marktüblichen Musikproduzenten, entstanden und wurden unter Band-Namen wie »Nordboyz« oder »HSV-Fantastic« veröffentlicht. Der Erfolg blieb jedoch weitestgehend aus. Das ist unter anderem damit zu erklären, dass die Songs und vor allen Dingen ihre Künstler im Sinne einiger Teile der HSVFanszene als »seelenlos« und »nicht echt« abgestempelt wurden, und Vergleiche zum »Ivan-Ding-Dong-Song« nicht völlig haltlos scheinen. Im Jahr 2000 hatte ein Fanclub erstmalig eine neue Idee und erstellte in Zusammenarbeit mit einer Punkrock-Band ein HSV-Album, das gemeinsam mit dem HSV offiziell veröffentlicht wurde: Der HSV-Fanclub »Nordharz« schrieb mit der Band »Schlusspunkt« (heute »Die Gefahr«) HSV-Songs für ein ganzes Album, die sich textlich zwar eher in die Richtung einiger Bands aus den 1990erJahren begaben, musikalisch aber endlich einmal wieder für punk-angehauchten Sound sorgten. Am 13. September 2000 spielte der Hamburger SV nach erfolgreicher Qualifikation gegen Bröndby Kopenhagen sein erstes Spiel in der Champions-League. Gegner war kein

geringerer als die »Alte Dame« Juventus Turin. 17 Jahre nach dem Triumph von Athen sollte es wieder ein Spiel werden, von dem noch lange zu reden sein sollte. Schon mit 1:3 zurückliegend, schaffte die Mannschaft um Trainer Frank Pagelsdorf zwischenzeitlich sogar die 4:3-Führung, musste sich aber am Ende mit einem Punkt zufrieden geben. 4:4 der Endstand im Hexenkessel Volksparkstadion. »Radio Energy« aus Hamburg legte nach diesem Spiel einen Mix auf. Grundlage war der Radiokommentar zu den letzten drei Toren des HSV. Ein Reporter, völlig aus dem Häuschen, stellt eindrucksvoll die dramatischen Ereignisse im Spätsommer 2000 dar. Für damals Anwesende bedeutet der Mix beim Hören immer wieder Gänsehaut pur. Das Rückspiel in Turin gewann der HSV übrigens mit 3:1 und holte vier seiner sechs Punkte in der Gruppenphase gegen die Nord-Italiener. 2004 schmiss die bekannte Band »Klaus & Klaus« schließlich eine Hommage an Uwe Seeler auf den Markt: Zur allseits bekannten Melodie des Liedes »An der Nordseeküste« schunkelte man mit den Worten »Ja, der Uwe Seeler«. Zwei Jahre zuvor tat die Schweizer Punkrockband »Vanilla Muffins« Ähnliches, indem sie auf ihrem Album »The drug is football« 2002 mit dem Song »Uwe Seeler can’t play tonight« Hamburgs Fußball-Idol huldigten. Zwar sind die Schweizer seit Kindertagen Fans des FC Basel, doch hatten sie aber schon immer Sympathien für den HSV und seine Fanszene. Noch heute trifft man in unregelmäßigen Abständen ihren Sänger Colin bei Spielen des HSV. Auch typisch norddeutsches Musikmaterial im feinsten Plattdeutsch fand den Weg in die Öffentlichkeit: Die »Formation Gnadenlos Platt« sang ihr Lied »Spürst Du schon den Atem vom HSV« und veröffentlichten es mit Hilfe des Supporters Club auf CD. Ein Musiker des neuen Zeitgeists ist auch der Halb-Japaner Ken Steen mit seiner Combo »Space Kelly«. Eines seiner markantesten Lieder trifft für viele Anhänger den Nagel auf den Kopf: »Frauen kommen und gehen, doch was mir bleibt ist mein Verein …«, ebenfalls veröffentlicht auf dem Supporters-Sampler »Volkspark Calling«. Auch das sehr softe »Der HSV ist wieder da« wird von ihm gesungen. Und nach den kultigen Musikkassetten des Dachverbands der HSV-Fanclubs in den 1980er- und 1990er-Jahren machte sich der Elektro-Musiker und HSV-Fan Ken Steen in Kooperation mit HSV-Tausendsassa Axel


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Formeseyn schließlich an die Arbeit für eine neue Veröffentlichung: Die beiden entwickelten 2004 gemeinsam mit dem HSV den ersten Teil des CD-Samplers »Kult in Rothosen«, eine Doppel-CD mit vielen HSV-Songs aus den vergangenen Jahrzehnten, aktuellen Stücken sowie zahlreichen feinen Besonderheiten wie die Original-Radioreportage über das Endspiel 1983 aus Athen und Interviews mit HSV-Spielern aus vergangenen Zeiten. Ein zweiter Teil der »Kult in Rothosen«-Reihe erschien im Jahr 2005 – und erstmalig war auch ein Song der Punkrock-Band »Abschlach!« auf der Sampler-Serie zu hören: »1.000 Meilen für den HSV«.

Abschlach! Kurz zuvor hatte genau diese Musikgruppe ihren ersten Auftritt überhaupt gespielt: auf der Cap San Diego im Hamburger Hafen anlässlich des zehnjährigen Bestehens des HSV Supporters Clubs im Jahr 2003. Zwar gab es die Band bereits seit 1994 in unterschiedlichen Zusammensetzungen, doch bis zu ihrem ersten Auftritt behielten die Musiker ihr Repertoire im Proberaum für sich. Lediglich eine Kassette mit zwei Songs der Band kursierte in den Kreisen der HSVFanszene: »1.000 Meilen für den HSV« und »Hamburg Loyal Supporters«. Sie wurden auf besagter Kassette dutzendfach kopiert, was definitiv nicht zur besseren Qualität beitrug. Umso überraschter war letztlich nicht nur die Band selbst, als bei dem Kurzauftritt auf der Cap San Diego von der ersten Minute an der Großteil der anwesenden 3.000 Gäste begeistert pogte, tanzte und mitgrölte. An dem Abend spielte »Abschlach!« übrigens mit »Lotto King Karl«, den »Hamburger Jungz« und der Band »Schlusspunkt«. Bei »Abschlach!« war vieles anders als bei anderen Bands und Musikern zuvor in der HSV-Szene: Alle Bandmitglieder sind eng mit der aktiven Fanszene verwachsen, haben dort ihre Wurzeln und

Abschlach!, Musik + Text: Henning Trolsen. Im Original als CD auf WMP veröffentlicht (2003)

machten nie einen Hehl daraus. Zudem nehmen die Jungs von »Abschlach!« in den Texten ihrer harten und schnellen Rock-Songs selten ein Blatt vor den Mund und sind bis heute die nahezu einzige Band im HSV-Umfeld, die offen und direkt Strukturen des Vereins sowie die Kommerzialisierung des Fußballs mit viel Witz und Humor kritisiert. Der bisher bekannteste Song der Band ist ausgerechnet eine Ballade: »Mein Hamburg lieb ich sehr«. Der Song schaffte es mehrere Jahre in Folge bei »Radio

Mein Hambu rg lieb ich sehr Ich hatt nen harten Tag gehabt und musste noch mal raus. Mit der S-Bahn in die Innenstadt, und am Hafen steig ich aus. Ich hab noch ein paar Bier dabei und setz mich an die Pier. Die Schiffe und der Lichterglanz, und ich denke so bei mir. Mein Hamburg lieb ich sehr sind die Zeiten auch oft schwer, weiß ich doch, hier gehör ich her! Hier, wo ich geboren bin, wo ich spielte schon als Kind, in den Straßen die mein Zuhause sind! Vom Volkspa rk übern Alsterlauf bis zum Öjendor fer See. Von Norderstedt bis Rönneburg. Das ist mein Revier. Mein Wohnzimmer das ist der Kiez, die Neustadt mein Büro, die Elbterra sse mein Balkon, die Veddel is mein Klo. Mein Hamburg lieb ich sehr sind die Zeiten auch oft schwer, weiß ich doch, hier gehör ich her! Hier, wo ich geboren bin, wo ich spielte schon als Kind,

Hamburg« in die Playlist, der selbst gedrehte Videoclip lief einige Male auf der Leinwand im Stadion. Weiterhin war »Abschlach!« die erste Band, die an allen wichtigen, aber auch ungewöhnlichen Orten der HSV-Fanszene Konzerte spielte: im Fanhaus des HSV-Fanprojekts, in der Supporters-Kneipe »Tankstelle«, im Presseraum des Stadions, im »Thalia Theater« in der Gaußstraße, im Wettgebäude der Trabrennbahn Bahrenfeld, bei öffentlichen und privaten Fanclubfeiern in ganz Deutschland und bei

in den Straßen die mein Zuhause sind! Mein Hamburg lieb ich sehr sind die Zeiten auch oft schwer, weiß ich doch, hier gehör ich her! Hier, wo ich geboren bin, wo ich spielte schon als Kind, in den Straßen die mein Zuhause sind! In Glasgow hats mir gut gefallen, auch London war O.K. und Belfast war voll Herzlichkeit, der Abschied tat mir weh. Doch wenn ich von der Autobahn die Köhlbra ndbrücke seh, den Michel und den Fernsehturm, dann will ich nie mehr gehen. Mein Hamburg lieb ich sehr sind die Zeiten auch oft schwer, weiß ich doch, hier gehör ich her! Hier, wo ich geboren bin, wo ich spielte schon als Kind, in den Straßen die mein Zuhause sind! Mein Hamburg lieb ich sehr sind die Zeiten auch oft schwer, weiß ich doch, hier gehör ich her! Hier, wo ich geboren bin, wo ich spielte schon als Kind, in den Straßen die mein Zuhause sind!


650 | Politik & Rassismus

Die Hafenstraße Eine besondere Anziehungskraft auf rechte Skinheads und Hooligans übte Ende der 1980er-Jahre die Hamburger Hafenstraße aus. In den damals besetzten Häusern lebten Linksautonome, Antifaschisten und auch – das mag verwundern – HSV-Sympathisanten. Besonders in der Zeit zwischen 1984 und 1990 kam es oft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern und der Polizei, die versuchte, die Häuser zu räumen. Das Image der »uneinnehmbaren Häuser« und die linksextremistische Einstellung ihrer Bewohner zogen auch Hooligans und Rechtsradikale an: die einen aus Lust am Kräftevergleich, die anderen aus politischen Motiven. Ein ehemaliger Bewohner der besetzten Häuser sagte einmal rückblickend: »Wenn der HSV ein Heimspiel hatte, war für uns immer Großkampftag. Wir hatten unsere Späher draußen und waren auf alles vorbereitet.« Das

war auch nötig, denn ein ums andere Mal wurden die besetzten Häuser angegriffen. Der bekannteste Vorfall ist sicherlich der Angriff auf die Hafenstraße im Zuge des Halbfinalspiels Deutschland gegen die Niederlande bei der EM 1988. Die Niederländer hatten das Spiel mit 2:1 gewonnen, bereits am Stadion war es zu Ausschreitungen gekommen. Nachts griffen dann mehrere hundert Hooligans und Skinheads unter »Rotfront verrecke!«-Rufen die besetzten Häuser an, wobei sie Steine, Flaschen, Leuchtspur­munition, Molotowcocktails und Stahlkugeln einsetzten und zahlreiche Personen verletzten. Solche Vorfälle waren keine Seltenheit. Auch im September 1990 griffen etwa 60 Hooligans und Skinheads die Hausbesetzer am Hafen an – teilweise geschah das sogar unter Teilnahme auswärtiger Hooligans der jeweiligen Gastmannschaft.

Mit »Fahndungsplakaten« machten Linke Jagd auf bekannte Nazis

und Stickern neofaschistischer Organisationen gepflastert worden. Je näher der »FührerGeburtstag«, der 20. April 1989, rückte, desto mehr Skinheads taten ihre Meinung auch öffentlich kund, wie sich Thomas Schneider im »12. Mann« erinnert. An den Eingängen zur Westkurve und an der Buskehre wurde fleißig Propagandamaterial unters Volk gebracht. Auch die Medien wurden immer nervöser. Es war von 2.000 britischen Skinheads die Rede, die per Fähre in Hamburg einfallen würden, von großen Demonstrationen von Alt- und Neonazis sowie von Terroraktionen in Hamburg. Der Stadt, sollte man meinen, stand der Ausnahmezustand bevor. Tatsächlich passierte an diesem Tag aber nichts dergleichen. Zum Spiel des Hamburger SV gegen Borussia Mönchengladbach kam es in der Westkurve aber doch noch zu einer Art politischen »Demonstration«. Jedenfalls erinnerte das Auftreten von etwa 150 Neonazis – von denen viele bisher im Stadion noch nicht gesehen worden waren – sehr stark an das Verhalten bei politischen Aufzügen. Gestik, Gebärden und Sprechchöre der Neuen sorgten schließlich dafür, dass die Hooligans und Alt-Skins sich genötigt sahen, ihre Position als »Macht der Kurve« zu verteidigen und vor allem ihren Ruf zu retten, den sie durch den »ewiggestrigen Nazi-Scheiß« gefährdet sahen. Zwar hatten viele von ihnen noch vor dem Spiel – und vor allem zu vielen Gelegenheiten vorher – gemeinsam mit den Neonazis rechte Parolen gegrölt, doch oft aus reiner Provokation. Nun sahen sie ihr Image und die eigene Machtposition gefährdet. »Zu den schwärzesten Stunden im Leben eines Westkurvenbesuchers zählt sicherlich der 20. April 1989«, erinnert sich HSV-Fan »Hutzi«. »Ausgerechnet an diesem Abend setzte der DFB ein Bundesligaspiel gegen Mönchengladbach an. Wie immer wollten wir eine Stunde vor Anpfiff in den Block E gehen, als uns folgendes Trauerspiel vor Augen geführt wurde: In dem Block stand kein einziger HSV-Fan, sondern ungefähr 300 Skinheads mit Bomberjacken und Springerstiefeln. Viele waren wohl genauso erstaunt wie ich, und einigen wurde erklärt, dass heute ein großer Staatsmann seinen 100. Geburtstag feiert! Was, und das hier in unserem Stadion, in unserer Kurve und in unserem Block? Viele Fans wichen in die Blöcke D und F aus, andere fuhren sofort nach Hause, weil sich herumsprach, dass es nach dem Spiel rund gehen und man die Hafenstraße stürmen würde. Das Spiel wurde vor 14.000 Zuschauern 1:2 verloren, aber das war an diesem Abend wohl nur Nebensache. Ein ganz trauriges Kapitel der alten Westkurve.«


Foto: Hamburg Skinheads

Foto: HSV Fanprojekt

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Old Glory Skinheads on Tour

Die Wände im Fanhaus waren mit Hakenkreuzen und antisemitischen Parolen beschmiert

So kam es, dass in der Halbzeitpause Alt-Skins und Hooligans die organisierten Rechten und Jungglatzen aus »ihrer« Kurve prügelten. Letztere mussten von einem großen Polizeiaufgebot in Richtung S-Bahnhof Stellingen gebracht werden, wo die sogenannten Härtegruppen des HSV nach Beobachtung der Fanprojektmitarbeiter »sich geradezu taumelartig in antifaschistischen, Hafenstraßen-Sympathie bekundenden Sprechchören suhlten, die Verwirrung der Sicherheitskräfte und Medienvertreter gierig registrierend«. Trotz der Aktion sollten sich die jungen Neonazis in der Westkurve etablieren und in den 1990er-Jahren sogar eine gewisse Machtposition innehaben. Das hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen zogen die

Hooligans und Alt-Skins zu Beginn des Jahrzehnts auf die S��dtribüne des Volksparkstadions um, wo sie sich erst im Block 34 und dann im Block 36 direkt neben der Ostkurve niederließen. Zum anderen gab es innerhalb der Fankurve keinerlei Abgrenzung oder offene Ablehnung gegen die Gruppe am Fuße der Blöcke E und F. Sacha, damals selbst Skinhead im Block E/F, bestätigt das: »Genau genommen war so gut wie das gesamte Fanvolk des HSV in diesen Jahren zwischen gemäßigt rechts bis hin zu rechtsradikal einzuordnen. […] Das Kuttenvolk war in der Masse rechts eingestellt. Der obligatorische Aufnäher ›Ich bin stolz, deutsch zu sein!‹ gehörte auf jede Kutte. Der Stamm der vorhandenen AltGlatzen war sicher auch rechts, jedoch nicht

so politisiert wie die nachwachsende zweite Generation von Skinheads, der ich dann angehörte. Auch die Hools, auf der damaligen Südtribüne angesiedelt, waren mehrheitlich als Rechte erkennbar. Aus meiner Sicht kochten wir damals in unserem E-Block unser eigenes Süppchen wie andere Gruppierungen auch. Wir standen in der Westkurve mit einem Stamm von etwa 50 ultrarechten Skinheads, bei Spielen gegen einen völlig unterklassigen und überbewerteten Stadtteilverein waren es auch gern mal über 200.« Nur wenige HSV-Fans wandten sich damals öffentlich gegen rassistische Äußerungen im Stadion. Einer von ihnen war Carsten Grab alias »Spreebär«, der auch das gleichnamige Fanzine produzierte und in seiner Rubrik »Auf ein Wort« des Öfteren die Missstände in dieser Hinsicht anprangerte und 1992 die Aktion »HSV-Fans gegen Rassismus im Stadion« anschob: eine Unterschriftenaktion, die allerdings nur sehr schleppend verlief. Weiterhin tauchten für kurze Zeit Aufkleber mit dem Wortlaut »Gib Rechts keine Chance« auf, die allerdings schnell wieder in der Versenkung verschwanden. Die auch von Sacha als »zweite Generation der Skins« bezeichnete Gruppe versuchte vor allem durch Furchteinflößung und rohes Auftreten Anerkennung zu verdienen. Allerdings immer unter den Argusaugen der Hooligans auf der Südtribüne, die im Zweifelsfall gar als Regulativ tätig wurden – zum Beispiel, als ein Kuttenträger, der wegen seiner


Kinder der Westkurve | Auszug