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ACHT „Sehen Sie mich bitte nicht so an. Ich bin kein Unschuldslamm. Ich habe alle Einbrüche koordiniert. Auch den bei Ihnen. Es war zu verlockend. Sie haben mir doch noch ausführlich erzählt, dass Sie übers Wochenende zu Ihren Eltern fahren. Erinnern Sie sich?“ Paula traute ihren Ohren nicht. So viel zu offenherzigen Gesprächen. „Wie konnten Sie nur eine Einbrecherbande auf mich hetzen?“, fragte Paula erbost. „Ich war sicher, dass Sie noch fleißiger recherchieren, wenn Sie selbst zum Opfer werden. Oder hätten Sie sich auch so ins Zeug gelegt, wenn nicht bei Ihnen eingebrochen worden wäre?“ Paula musste zugeben, dass Anna Maierls Argumente nicht einer gewissen Logik entbehrten. So abstrus auch alles klingen mochte. Wäre bei ihr nicht eingebrochen worden, hätte sie dem Kuvert sicher keine so große Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht umsonst war Anne Maierl das Logistik-Hirn dieser kriminellen Organisation gewesen. Welch ein Verlust für Kovas! „Wir hatten eine perfekte Arbeitsteilung: Eine Gruppe sammelte Informationen und forschte neue Wohnungen aus. Eine andere beging die Einbrüche und brachte die gestohlenen Gegenstände sofort ins Lager. Von dort wurden sie von einer dritten Gruppe abgeholt und an bereits vorgemerkte Kunden im In- und Ausland verscherbelt. Und wenn ich nicht draufgekommen wäre, dass dieser Mistkerl mich nur ausgenutzt hat, dann würde ich auch in Zukunft so weitermachen. DasGeschäft lief wie am Schnürchen. Alles nur eine Frage der Organisation.“ Paula war fassungslos. Da besaß diese Person auch noch die Kaltschnäuzigkeit, sie in ihre unternehmerischen Abläufe einzuweihen, ohne nur den Deut eines schlechten Gewissens zu haben. „Haben Sie noch nie darüber nachgedacht, was Sie den Leuten mit diesen Einbrüchen antun? Es geht doch nicht nur um Gegenstände, es geht um unwiederbringliche Werte. Und um den Verlust des Sicherheitsgefühls …“, ereiferte sich Paula. Anne Maierl lachte ihr ins Gesicht. „Liebe Frau Ender, nehmen Sie sich doch nicht so wichtig! Hier geht es nicht um Sie persönlich, sondern nur um ein paar Gegenstände, die Ihnen ohnehin die Versicherung ersetzen wird.“ Eigentlich hätte Paula ihr klarmachen wollen, dass sie mit ihrer Einstellung völlig falsch lag. Doch dann ließ sie es bleiben. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen. Maierl winkte den Kellner herbei und zahlte. „Nichts für ungut Frau Ender. Machen Sie das Beste aus den Unterlagen. Ich bin dann mal weg. Hier in Wien wird mir das Pflaster zu heiß.“ Damit verließ Anne Maierl das Kaffeehaus, ohne sich nochmals umzudrehen. Paula machte sich sogleich auf den Heimweg. Der Regen war stärker geworden. Die Unverfrorenheit von Anne Maierl beschäftigte sie. Dazu kroch die Angst wieder in ihr hoch. Kurzerhand stieg Paula in ein Taxi und ließ sich die wenigen Meter nach Hause fahren. Zurück in Alinas Wohnung schob Paula den Panzerriegel vor und fühlte sich endlich wieder sicher. Doch das gute Gefühl war nur von kurzer Dauer. Als sie die Vorhänge zuziehen wollte, fiel ihr Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort ging der Mann, der sie gestern verfolgt hatte, aufgeregt auf und ab und sprach in sein Handy. Auf einmal hörte Paula Geräusche an der Tür. Jemand hantierte am Schloss. Sie musste allen Mut zusammennehmen. Dann läutete es. Vivaldis freudiges Schwanzwedeln an der Tür ließ sie aufatmen. Eswar Alina. „Sorry, ich hab meine Schlüssel in der Kanzlei vergessen und der Reserveschlüssel sperrt nicht, der geht nicht mal ins Schloss rein. Ich weiß nicht, was da los ist. Wie gut, dass du da bist und mir aufmachen konntest. Ja, hallo Vivaldi, mein Schätzchen! Hattest du einen schönen Tag mit Paula?“ Als die beiden Freundinnen wenig später im Wohnzimmer zusammensaßen und Pizza und Wein genossen, erzählte Paula von ihren Erlebnissen. Alina kaute, staunte und schwieg. Als Paula schließlich von dem Beobachter berichtete, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf der Lauer gelegen war, schlich Alina ins Zimmer und lugte vorsichtig hinunter. Doch es war niemand mehr zu sehen, die Straße war wie leer gefegt. „Und wieder einmal befindest du dich mitten in einem kriminellen Schlamassel“, Alina schüttelte belustigt den Kopf.


„Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass diese Ganoven nochmals bei dir auftauchen werden. Und so, wie ich die einschätze, werden sie nicht zimperlich sein. Aber genau das soll sie Kopf und Kragen kosten.“ Der Schalk blitzte aus Alinas Augen. Paula sah sie fragend an. Und dann erzählte ihre seriöse Juristenfreundin, was ihr vorschwebte. Ob Alinas Plan klappen würde?


Schlüsselerlebnis SL Krimi Kapitel 8