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fade away


Booklet Christa Gรถrke MD 16 / 4. Semester Titel: fade away Thema: emotionale Taubheit


Dumpf hallten die Geräusche in ihren Ohren: Die Stimmen waren trüb und verschwommen geworden. Ein leichter Gefühlsnebel hatte sich in ihr erhoben. Der Nebel, der draussen emporstieg, schien langsam in sie einzudringen. Ihr Puls ging gleichmässig, ihre Füsse schienen über dem Boden zu schweben. Sie verspürte eine innere Leere, einen Schleier, der ihren gesamten Körper umhüllte. Sie fiel.Immer tiefer und konnte nichts dagegen tun.


Die meisten Menschen werden dem Begriff der Depersonalisation vorher noch nicht begegnet sein, da es sich um ein komplexes Krankheitsbild handelt, welches sich nur schwer in Worte fassen lässt. Dieses nahezu Unaussprechliche finde ich ungeheuer reizvoll, möchte jedoch nicht von einer Faszination sprechen, da es sich um eine psychische Krankheit handelt, unter der viele Menschen tagtäglich enorm leiden. Stumm leiden. Allein, verloren in einer Welt, zu der die Masse nicht durchdringen wird. Eingesperrt in einem Körper, der einem nicht zugehörig scheint. Meine Intention ist es in eine Ferne einzutauchen, eine Sphäre, die sich von allem bisher Gesehenen und Gefühlten abhebt. Es geht hierbei viel um ein Gefühlein unerklärliches, unausgesprochenes Gefühl, welches nur die Betroffenen selbst mit Hilfe von Bildern visualisieren können. Ich selbst hatte noch nie Depersonalisationserlebnisse, bediene mich daher Zitaten von Betroffenen um deren Gefühlswelt besser nachvollziehen zu können. Problematisch ist dabei, dass viele Betroffene ihr Leiden verschweigen, da es ihnen nicht möglich ist ihre Beschwerden zu versprachlichen oder aus Angst für verrückt erklärt zu werden.

Das Ineinander von einer Laehmung, dem Erlischen aller Lebensgeister, dem Schwinden aller anderen Emotionen, wie der Tiefpunkt einer Depression, die ueber Tage aufgebaut hat. Diese betroffene Person beschreibt den Zustand des Stillstands sowie eine emotionale Taubheit, die das Gefühl der Sinnlosigkeit auslösen. Depersonalisation umfasst zusätzlich sehr häufig das Verlassen des Körpers, welches an Betroffenenzitaten wie „Ich hatte das Gefühl, das die Augen der einzige Teil von mir waren, der existierte- der Rest von mir war nicht da“ oder „Ich fühle mich ohne Körper, ich bin nur ein Kopf“ deutlich wird. Sie erleben ein Gefühl von Unvollständigkeit und Fremdheit von Körperteilen, was zu einer enormen Irritation führen kann: Sie fühlen sich entfremdet, von sich selbst sowie von der Aussenwelt abgegrenzt, nicht mehr gesellschaftszugehörig. Das eigene Lebendigkeitsgefühl vermindert sich, wodurch sich viele Betroffene selbst verletzen um ein Empfinden für ihren Körper zurückzuerlangen. Hinzu kommt, dass die Betroffenen oft das Gefühl haben aus der Wirklichkeit auszutreten (Derealisation) und in eine Art Schwebezustand verfallen: In diesen Momenten fühlen sie nichts, sind wie eingefroren und zu keiner gesteuerten Handlung fähig.

Ich habe das Gefuehl, ich bin eine Marionette, ich haenge an Faeden - ich kann mich nicht selbst dazu bringen, ich selbst zu sein, so zu sein, wie ich sein will. Dieses Zitat beschreibt eine enorme Hilflosigkeit: Die Betroffenen sind sich selbst ausgeliefert und scheinen im eigenen Körper gefangen zu sein.

Depersonalis


sich

ation


"Ich bin nicht geschlagen worden. nichts zu sehen, nur innen, da gab Depersonalisation."

Wie kann es zu einer solchen seelischen Stoerung kommen?


Den neusten Studien zufolge tauchen derartige Symptome häufig aufgrund von emotionalem Missbrauch, Vernachlässigung sowie traumatischen Kindheitserlebnissen auf. Zu emotionalem Missbrauch gehören Überforderungen, Einschüchterungen, Bedrohungen, Beschimpfungen, Demütigungen sowie unzureichende elterliche Zuwendung und Fürsorge.

Ich hatte nie blaue Flecken oder sowas. Von aussen war es blaue Flecken auf der Seele und dann entsteht haeufig

Die betroffene Person beschreibt sehr anschaulich, dass es sich bei Depersonalisation um ein stilles Leiden handelt: ein Krankheitsbild, das häufig keine sichtbaren Wurzeln hat und auch später nur von der Person selbst empfunden wird: Das soziale Umfeld bekommt nur in den seltensten Fällen etwas von der Seelenblindheit und den folgenden Entfremdungszuständen mit.

Weiterhin hängt Depersonalisation mit einem höheren Konfliktpotential in der Familie zusammen. Bei einem unharmonischen Familienklima ist es leicht verständlich, dass es zu solchen Entfremdungszuständen kommt, da den Kindern keine Chance zum sozialen Austausch geboten wird und somit alle negativen Gefühle unterdrückt werden müssen. Liebe und Zuneigung sind nicht erwünscht. Da Kinder meist nach Harmonie streben, passen sie sich den Eltern an ohne auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten. Psychologen sehen hier eine häufige Ursache für Depersonalisation, da die Kinder keine eigene Persönlichkeit entwickeln können, sondern lediglich das Verhalten ihrer Eltern kopieren und sich so immer weiter von sich selbst entfernen. Depersonalisation ist eine Art Depression, die individuell empfunden wird und wie alle psychischen Erkrankungen vielerlei Wurzeln haben kann. Daher möchte ich keine allgemeine Beschreibung geben.


Farb-/ Materialwelt


Wolle

Kunstleder

Kunstleder

Wollmix

Futterstoff

Jersey

Denim gebleicht

Denim

Futterstoff

Wollmix

Jersey

Futterstoff gebleicht

Denim

Samt

Wolle


Skizzen/ Final Outfits


Women


Men


Zielgruppe und Titel

Sein leerer Blick schweifte durch den Raum. Gedankenverloren hielt er die Zigarrette, den Blick abgewandt. Versunken in seine eigene Welt.

Meine Kollektion ist inspiriert von dem Gefühl der Körperlosigkeit ; das visualisierte Thema hat eine mysthische Anmutung und spricht die folgende Zielgruppe an: Melancholie, Tagträumerei, Reflektion. Meine Kollektion richtet sich an junge Menschen mit einer ausgeprägten Fantasie, deren Gedanken gelegentlich davonschweifen. Sie neigen dazu ihr eigenes Verhalten auf andere Menschen zu reflektieren, sind bedacht und beobachten gerne. Da sie sich oft in ihren Gedanken verlieren, distanzieren sie sich ungewollt von vielen Menschen. Gleichzeitig bevorzugen sie die Ruhe, geniessen es bei sich zu sein. Vielleicht sollte ich hinzufügen, dass ich mich sehr gut mit der beschriebenen Zielgruppe identifizieren kann. Ich neige zur Melancholie und träume oft vor mich hin, was leicht fremdartig wirken kann, mich aber gleichzeitig irgendwie ausmacht. Aufgrund des langsamen Entfremdungsprozesses von der eigenen Persönlichkeit habe ich den Titel „fade away“ ( Schwinden, Abklingen) gewählt. Er steht für mich stellvertretend für die mysthische Atmosphäre, die durch das Unaussprechliche dieses Krankheitsbildes entsteht. Die erkrankten Menschen scheinen aus dem Leben zu treiben oder am eigenen Leben vorbeizugehen. Als Hauptmetapher verwende ich das Bild des Nebels, der in vielen Betroffenenzitaten auftaucht: „Depersonalisation ist wie ein Nebel, der sich ueber die ganze emotionale Landschaft legt“, „Nebel im Kopf“, „Nebelwand“, „Nebelwelt“, „Der Nebel schien noch dichter als sonst“... ...umso dichter der Nebel, desto betäubter und gefangener sind die Menschen.

Was bleibt ist die Hoffnung, dass sich irgendwann der Nebel langsam lichtet um wieder ein normales Leben fuehren zu koennen.


Fotoshooting


Was bleibt ist die Hoffnung, dass sich irgendwann der Nebel langsam lichtet um wieder ein normales Leben fuehren zu koennen.


Design/Konzept: Christa Gรถrke Fotos/Clip: Julian Umbach Hair&Makeup: Sarah C. Modellle: Paula Z., Julia S., Lina B., Sandra V., Florian K., Rene T.


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