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[rückkehr] Özlem


Özlem


Özlem ist 46 Jahre alt und arbeitet im Jugendcafe Dieburg als Sozialpädagogin.


W  ie war es für dich nach so langer Zeit zurück in deinen alten Beruf einzusteigen und wieder mit Jugendlichen zu arbeiten ? Ich bin froh seit September meine Arbeit wieder zu haben und meine eigenen Projekte zu leiten, auch wenn ich am Anfang etwas Angst vor der Rückkehr hatte. In Istanbul habe ich ja mit ganz anderen Klienten gearbeitet. In einem Frauenhaus, mit Frauen die Opfer von Gewalt wurden, das war eine ganz andere Ebene. Aber vom ersten Arbeitstag nach meiner Rückkehr an, fühlte es sich an als sei ich nie weg gewesen. Meine Kollegen empfingen mich mit offenen Armen und alles war gar kein Problem. Natürlich kam ich noch immer mit den Ju»Das macht mir wahnsinnig viel Spaß, gendlichen zurecht und sie auch mit mir. Das macht mir weil ich weiß, dass ich meine Arbeit gut wahnsinnig viel Spaß, weil mache und sie mich auch jung hält.« ich weiß, dass ich meine Arbeit gut mache und sie mich auch jung hält. Ich fühle mich dort gebraucht und das ist eine innere Anerkennung die mit keinem Gehalt der Welt aufzuwiegen ist. Hast du trotz oder gerade wegen der Zusammenarbeit mit diesen Frauen etwas aus der Arbeit bei MorCatı mitgenommen in deine jetzige Arbeit ? Teils, teils. Ich mache hier in Deutschland auch geschlechterspezifische Jugendarbeit. Also mit Mädchengruppen im Alter von 10–14 und mit Jugendlichen im Alter von 14 oder älter. Die Arbeit in MorCatı war natürlich auf einer anderen Ebene, es war alles viel emotionaler und der Schwerpunkt meiner Arbeit lag in der Beratung. Ich habe gesehen und miterlebt wie Frauen und Mädchen in der Türkei für ihre Rechte kämpfen. Das ist für Manchen schwer nachvollziehbar, denn in Deutschland ist das selbstverständlich, oder zumindest denken wir das. Wir nehmen es hier nicht mehr wahr, denn in den 60er Jahren haben schon andere Frauen für uns die-


se Rechte erkämpft, und davon profitieren wir heute noch. Wir denken also, jetzt ist alles in Ordnung, aber das ist Quatsch. Wir müssen doch immer für unsere Rechte kämpfen. Und das habe ich in der Türkei gelernt. Dass man in unserer Gesellschaft als Frau immer für seine Rechte kämpfen muss. Immer und immer wieder.

»[…] das habe ich in der Türkei gelernt. Dass man in unserer Gesellschaft als Frau immer für seine Rechte kämpfen muss. Immer und immer wieder.«

Mir persönlich hat das sehr viel gebracht, ich habe dort so viel gelernt von den feministischen Frauen, dadurch habe ich mich sehr weiterentwickelt. Ich wurde gestärkt in meiner eigenen weiblichen Rolle, dafür bin ich sehr dankbar. Für meine Arbeit hier in Deutschland habe ich nicht so viel mitgenommen, denn hier mache ich ja mehr Präventivarbeit, Sucht- und Gewaltprävention. Aber vielleicht hat das jetzt einen anderen Stellen-


wert, weil ich so viele Frauen kennengelernt habe, die leider schon Erfahrung mit Gewalt hatten und viele von ihnen erleben diese noch immer. Ich kann jetzt die Jugendlichen stärken, ihnen mehr Selbstbewusstsein mitgeben, um Gewalt, da wo es geht, zu vermeiden. Auch mit den Jungs. Ich will ihnen Zeigen, dass Frauen in unserer Gesellschaft gleichberechtigt sind, und genau die gleichen Lebenseinstellungen haben wie Jungen. Und das kein Mann das Recht hat einer Frau etwas anzutun. Ich erlebe das immer wieder mit den Jugendlichen in meiner Arbeit. Mit 15/16 Jahren führen sie die ersten Beziehungen und auch da ist schon Gewalt im Spiel. Nicht körperlich, aber auf der psychischen Ebene. »Du bist meine Freundin, du darfst keinen anderen Jungen angucken.« »Ich bin nur eifersüchtig, weil ich dich liebe !« Aber das ist doch Quatsch ! Und das in Deutschland, nicht nur in der Türkei. Aber das verdrängen wir Deutschen sehr häufig. Unter den Jugendlichen gilt : Wenn ein Junge schon zwei oder drei Freundinnen hatte dann ist er ein Hengst. Aber als Mädchen ist man sofort eine Schlampe. Diese Einstellung verbreitet sich immer schneller. Vor nur zehn Jahren waren die Mädchen sich ihrer Rechte noch viel bewusster. Heute hört man häufig, dass junge Mädchen sich für ihre Ehe aufbewahren wollen. Ich denke mir dann : »Ach Mädchen, wach auf, der Junge für den du dich aufbewahrst... Ob er sich für dich aufbewahrt hat ?« Im Moment habe ich das Gefühl wir bewegen uns rückwärts und da ist sehr viel Aufklärungsbedarf. Vielleicht hätte auch ich vor drei Jahren anders gedacht als jetzt. Meine eigene Tochter damals noch viel jünger, und hatte noch keinen Freund. Dennoch prägte auch ich ihr damals ein, sich für das »Erste Mal«, für den Richtigen aufzubewahren und nicht mit jedem zu schlafen und so weiter. Heute denke ich mir, dass es nicht mein Recht ist ihr das zu sagen. Es ist doch ihr Körper, sie kann selber entscheiden wo und mit wem sie schläft, so-


lange sie damit zurechtkommt. Ich versuche wirklich sie auf dieser Ebene zu stärken und ihr das Gefßhl zu geben weder ich, noch irgendjemand Anderes hat ein Recht dazu sie zu verurteilen. Es ist ihr Leben und sie kann machen was sie will. Und das so zu sehen habe ich von den MorCatĹ Frauen gelernt, zu Gunsten meiner Tochter und von mir.


Wie habt ihr die Entscheidung für die Rückkehr getroffen ? Das war eine gemeinsame Entscheidung von uns allen. Zunächst war ich ja nur für drei Jahre beurlaubt und hätte meine Arbeit hier in Deutschland kündigen müssen. Dazu kam, dass mein Mann Bungo nicht mehr zwangsweise vor Ort hat sein müssen. Sein Team war fertig eingearbeitet. und konnte nun selbstständig weiterarbeiten. Und natürlich hatte unsere Tochter Nora auch ihre Gründe. Sie wollte nicht auf der Deutschen Schule in Istanbul ihr Abitur machen, sondern in Deutschland. Dort hätte sie nicht, wie hier üblich, ihre eigenen Kurse zusammenstellen können, sondern wäre in einem festen Klassenverband von 14 Schülern geblieben. Also entschieden wir, zurück nach Darmstadt zu kommen, zu meinem sozialen Kreis. Ich habe hier meine Freunde und meine Arbeit. Wir wurden sofort mit offenen Armen empfangen. Alle unsere Freunde haben sich gefreut, dass wir zurück sind und uns bei allen organisatorischen Dingen geholfen. Dieses Haus zum Beispiel haben wir von Istanbul aus im Internet gefunden. Aber es musste stark renoviert werden. Natürlich war das nicht einfach von Istanbul aus, aber unsere Freunde sind immer wieder hergekommen und haben für uns die Baustelle betreut. Das hätten wir ohne sie nicht machen können. Aber ein bisschen komisch war es trotzdem zuerst. Ich war ja drei Jahre weg und hatte so viel erlebt. Aber hier ist die Zeit stehen geblieben. Nichts hat sich geändert, alles ist so wie es war, als ich gegangen bin. Aber das war auch ein schönes Gefühl, es gab mir Halt. Es war alles da, ich musste nur zugreifen und weitermachen.


Denkst du die Zeit in Istanbul hat euch als Familie noch enger zusammengebracht? Auf jeden Fall, nicht nur meine Tochter und mich, auch meinen Mann und mich. Er arbeitete ja schon sehr lange viel im Ausland und war kaum zu Hause. Das ging so weit das Nora gar nicht mehr hinterher kam. »Ach jetzt ist er da«, »Ach jetzt ist er grade wieder weg« das führte dazu, dass in Noras Schule Viele dachten, dass Bungo nur auf dem Papier existiert, denn er nahm nie an den Veranstaltungen teil. Aber in Istanbul war das dann ganz anders, da war er da. Das hat uns als alle sehr zusammengebracht und das Gefühl konnten wir auch mit zurück nach Deutschland nehmen. Wie bist du damals nach Deutschland gekommen ? Meine Kindheit und meine Jugend waren sehr unbeschwert. Mein Vater war Arzt und meine Mutter Hebamme. Ich wuchs sehr liberal auf, weil mein Vater sehr fortschrittlich dachte. Ihm war sehr wichtig, dass wir auf eigenen Füßen stehen und nicht abhängig von unseren zukünftigen Ehepartnern sind. Er hielt uns immer den Rücken frei wenn es darum ging uns selbst zu entfalten, wir konnten eigentlich immer alles tun und lassen, was wir wollten.

»Deswegen ist für mich bis heute die Weihnachtszeit die schönste Zeit des Jahres, weil sie mich dann immer wieder an dieses Gefühl erinnert. Weihnachten ist Befreiung. Ich war angekommen.« Das hat sich etwas geändert als er starb, damals war ich 17. Meine Mutter war sehr auf den guten Namen der Familie und ihres Mannes bedacht und versuchte uns zu mäßigen. Aber dann bin ich sowieso weggegangen. Ich lernte einen türkischen Jungen aus Deutschland kennen und sah in ihm meine Chance endlich Erzurum verlassen zu können. Er bat mir an ihn zu heiraten und in Berlin zu studieren, das war sehr verlockend und obwohl meine Fami-


lie dagegen war, setzte ich mich durch und zog im Dezember 1986 nach Berlin. Das war genau in der Weihnachtszeit und alles glitzerte und leuchtete und ich fühlte mich so befreit. Deswegen ist für mich bis heute die Weihnachtszeit die schönste Zeit des Jahres, weil sie ich mich dann immer wieder an dieses Gefühl erinnert. Weihnachten ist Befreiung. Ich war angekommen. Leider verlief unsere Ehe nicht gut. Ich war zwei Jahre bei ihm und durfte gar nichts. Ich fand mich wieder in einer Familie, die nicht meine war, und hatte die Rolle einer Hausfrau. Das war eine so große Enttäuschung für mich und ich fühlte mich sehr kontrolliert von meiner Schwiegermutter. Auch mein damaliger Mann setzte sich nicht gegen sie durch. Das ging so weit, dass ich nicht das Haus verlassen durfte, nicht einmal die Deutsche Sprache durfte ich lernen. Ich bemerkte sehr schnell, dass ich dieses Leben so nicht wollte.

»Ich bemerkte sehr schnell, dass ich dieses Leben so nicht wollte.« Ich bekam dann einen Sohn, der aber nach neun Monaten verstarb. Nach diesem traumatischen Erlebnis lief ich weg. Heute denke ich : So traurig der Tod meines Sohnes war, auf eine Art hat er mich aus dieser Lebenssituation befreit. Weil diese Familie mich dann suchte und wollte, dass ich zurück in die Türkei gehe, zog ich in ein Frauenhaus. Aber das war für mich keine Option. Ich wollte bleiben. Eine Anwältin, die ich in dieser Zeit kennenlernte, half mir mit der Aufenthaltserlaubnis und schließlich begann mein eigenes, richtiges Leben in Berlin. Ich brach alle Kontakte zu Türken ab und lernte endlich Deutsch. Ich verdiente mein eigenes Geld mit verschiedenen Jobs. Das war eine sehr aufregende Zeit in der Stadt, die Wende kam und ich kostete alles aus was mir geboten wurde. 1993 habe ich dann Bungo kennengelernt.


Das heißt ja, dass du deine Arbeit im Frauenhaus in Istanbul auch aus Sicht der Klienten kennst. Ja. Ich lernte erneut, dass ich nicht allein mit meinem Schicksal gewesen bin, dass vielen Frauen so etwas passiert und dass es deswegen umso wichtiger ist, dass man zusammen hält. Manchmal dachte ich : »Ach hätte ich doch damals auf meine Mutter gehört !«. Dann wäre mir vielleicht viel erspart geblieben, aber aus dieser großen Lebenserfahrung habe ich auch so viel gelernt und letzten Endes hat es mich ja stärker gemacht. Vielleicht bin ich nur deswegen die Frau geworden die ich jetzt bin.

»Vielleicht bin ich nur deswegen die Frau geworden die ich jetzt bin. « Als wir in Istanbul miteinander sprachen, erzähltest du davon, dass du dort zu Beginn eures Aufenthaltes diese Rolle als Hausfrau sehr schlecht fandest und angst hattest, dich selbst zu verraten, und zu verlieren. Im ersten Jahr in Istanbul musste ich ja zu Hause bleiben und diese Rolle annehmen. Besonders für meine Tochter, sie war so jung und brauchte jemand der da war wenn sie aus der Schule kam und sie auffing. Sie konnte ja auch kein Türkisch und hatte auch keine anderen sozialen Kontakte. Häufig machte sie mir harte Vorwürfe, dass wir an ihrem Leid Schuld seien. Dass sie ihre Jugend in der Türkei verschwende und zurück nach Deutschland zu ihren Freunden wollte. Da musste ich für sie da sein. Aber wer fing mich auf ? Diese Rolle der Hausfrau versetzte mich zurück in meine erste Ehe. In diese Wohnung in Berlin, ohne soziales Netz und abhängig vom Geld meines Mannes. Das hat mich verunsichert und traurig gemacht, ich verlor langsam den Kontakt zu mir selbst und das ließ mich auch an meiner Beziehung zu meinem Mann zweifeln. Denn wenn man sich selber nicht liebt, wie kann man dann jemand anderen Lieben?


Auch wenn man das so natürlich nicht vergleichen kann. Bungo hat ja in all den Jahren die wir verheiratet sind niemals ein Wort darüber verloren oder gefragt was ich mit dem Geld mache und wofür ich es ausgebe. Ich kann machen was ich will, es ist unser gemeinsames Geld. Er geht arbeiten und ich habe unsere Tochter aufgezogen und mache den Haushalt und halte ihm den Rücken frei. Aber in Istanbul hatte ich plötzlich ein Problem damit. Das hat mich unglücklich gemacht. Ich glaube ich habe das leider in Deutschland gelernt : »Wenn du als Frau keinen Beruf hast und kein Geld verdienst dann bist du nichts«. Das hatte ich so im Kopf. Als ich dann nach einem Jahr beschloss wieder zu arbeiten und im Frauenhaus anfing, hat sich viel geändert. Abgesehen davon, dass ich wieder am Leben teilnahm, habe ich von den feministischen Frauen so viel gelernt. Zum Beispiel, dass die Arbeit im Haus und mit den Kindern genauso eine Leistung ist wie in ein Büro zu gehen, und dass mir das Geld in einer


Ehe deswegen zusteht. Das ist wirklich in Deutschland gesellschaftlich anders angesehen. Bestimmt hängt das unter anderem damit zusammen, dass die Arbeit einer Hausfrau so undankbar ist. Sie wird als selbstverständlich angesehen, dafür kann man keinen Dank erwarten, aber warum eigentlich nicht ? Auf jeden fall konnte ich plötzlich die ganze Stadt und unsere Zeit in Istanbul genießen und alles in mich aufnehmen. Das war ein ganz neuer Anfang für uns alle glaube ich. Wie war dann der Abschied in Istanbul ? Das war schon etwas schmerzhaft. Nicht nur wegen meiner neuen Freundschaften, sondern besonders wegen meiner Familie. In den 26 Jahren in Deutschland haben sie mich aufgrund der schwierigen Visums-Verhältnisse und der Grenzen nie besucht, immer bin ich zu ihnen geflogen. Ich nahm dann an ihrem Leben teil, aber sie konnten nie Teil meines Lebens sein. Aber als wir dann in Istanbul waren fühlte ich mich plötzlich sehr nah zu ihnen. Alle konnten jederzeit zu Besuch kommen. Alle Nichten und Neffen und meine Geschwister konnten ein Flugticket kaufen und waren in wenigen Stunden bei mir. Und das hat mich beim Abschied sehr traurig gemacht. Auf einmal waren die Grenzen, die weiten Entfernungen wieder da.

»Auf einmal waren die Grenzen, die weiten Entfernungen wieder da.« Was die Freundschaften angeht, die sind alle geblieben. Ein halbes Jahr nach unserer Rückkehr habe ich mit meinen deutschen Freundinnen meine türkischen Freunde besucht und wurde sehr herzlich empfangen. Alle haben sich gefreut sich kennenzulernen. Ich hatte sofort das Gefühl immer bei ihnen willkommen zu sein, weil wir einen großen Lebensabschnitt miteinander teilten.


Gibt es auch Dinge aus Istanbul die dir wichtig geworden sind ? Ja, zum Beispiel dieses Sark Kösesi (Traditionelles Sofa), das haben wir aus Istanbul mitgenommen. Wir hatten es dort von einem Schreiner anfertigen lassen, genau auf der richtigen Höhe um vom Wohnzimmer auf den Bosporus schauen zu können. Die Kissen hat meine Mutter mir aus Erzurum geschickt und diese Decke auf der wir sitzen habe ich auch in der Türkei gekauft. Auf diese Ecke würden wir alle drei nicht mehr verzichten wollen. Und sonst habe ich auf jeden Fall das Lebensgefühl mitgenommen. Diese Lebensfreude, die habe ich dort kennengelernt. Es ist doch so, in Deutschland haben wir alles : Geld, Gold, Arbeit. Alles ist geregelt und geklärt. Aber die Menschen sind nicht so glücklich, zumindest lachen sie nicht. Das ist mir nach unserer Rückkehr sehr aufgefallen.


Gleich in der ersten Woche als ich vor der Haustüre gekehrt habe. Die Leute laufen an meiner Tür vorbei und sehen mich, aber kriegen den Mund nicht auf. Erst, wenn ich selber laut Guten Tag sage kommt vielleicht etwas zurück. Das ist in der Türkei anders.

»[…] die Deutschen arbeiten heute um morgen zu Leben. Aber die Türken wissen, dass man nie weiß was morgen ist, also leben sie gleich heute. Das vermisse ich« Sobald man das Haus verlässt ist man im Kontakt mit Anderen. Alle lächeln dich an und begegnen dir offen. Dieses Lächeln bedeutet : Dieser Tag ist schön, und ich lebe. Das können die Deutschen nicht, das ist so schade. Vielleicht könnte man das so erklären : Die Deutschen arbeiten heute um morgen zu Leben. Aber die Türken wissen, dass man nie weiß was morgen ist, also leben sie gleich heute. Das vermisse ich. Wie positionierst du dich nach dieser Zeit selber zwischen den zwei Ländern ? Das ist nicht so einfach zu sagen, und ich will mich auch gar nicht festlegen. Ich hatte vor meiner deutschen Staatsbürgerschaft die türkische, aber ich habe mich ja auch nie als Türkin gefühlt. Weil meine Eltern nicht türkisch sind. Wenn man also vom Begriff der Nationalität spricht so weiß ich nicht wohin ich gehöre. Ich identifiziere mich nicht über einen Pass. Auch, wenn es sicher einfacher ist im Leben mit einem Deutschen Pass. Wenn man nur von den beiden Ländern spricht, von Deutschland und der Türkei, dann nehme ich beides mit. Beide Kulturen sind schön. Zum Beispiel die deutsche Bürokratie, da kann man sagen was man will, das ist das Beste was man hier haben kann. Alles läuft einfach. Nicht wie in der Türkei. Aber ich liebe wirklich beides. Auch beide Mentalitäten. Manchmal sagt mein Mann ich sei deutscher als die Deutschen, das finde ich lustig.


Meine Freunde hier und in der Türkei sehen das auch so, sie sehen Özlem, sie sehen keine Nationalität. Ich denke für viele meiner Freunde bin ich auch eine wichtige Brücke zwischen zwei Kulturen. Das gefällt mir. Meinen deutschen Freunden kann ich zeigen, dass die Frauen in der Türkei ganz normale Frauen sind und umgekehrt. Hattest du viel mit Vorurteilen gegenüber in Deutschland lebenden Türken zu tun ? Immer wieder musste ich mich mit diesen Vorurteilen auseinandersetzen. Auch in Deutschland. Die konnte ich aber abbauen, als meine Deutschen Freunde mich in Istanbul besucht haben. Sie haben gesehen, dass die Leute ganz normal sind und ihre Lebensfreude und Gastfreundschaft gerne teilen. Das ist ja etwas anders bei den Türken die in Deutschland leben. Da erwartet man ja, dass sie kein Deutsch sprechen und zurückgezogen leben. Da entstehen sehr einfach Vorurteile. Das löst sich ganz schnell auf, wenn man selber als Deutscher in die Türkei geht. Man lernt, was es bedeutet seine Kultur zurückzulassen und in einem fremden Land zu leben. Ich habe das auch bemerkt. Mein Freundeskreis bestand hauptsächlich aus Deutschen, einer kleinen deutschen Community. Die einzigen rein türkischen Freunde die ich hatte waren meine Kolleginnen von der Arbeit im Frauenhaus. Das man sich Deutsche sucht, das geschieht dadurch, dass man nach etwas vertrautem sucht, nach etwas was man kennt und mag. Und das ist natürlich bei den Türken die hier leben genauso.

»Ich denke so ein Landeswechsel und das kennenlernen anderer Kulturen und Menschen sehr jung hält. Man bleibt mental sehr fit auch wenn es körperlich sehr anstrengend ist.«


Wie fühlt sich die Vergangene Zeit gemessen in Lebenszeit an ? Das erste Jahr in der Türkei, als es mir nicht so gut ging, da fühlte sich ein Jahr an wie zehn Jahre. Aber als ich dann anfing wieder zu arbeiten, da fühlten sich die zwei Jahre sehr kurz an. Auch die Zeit nach der Rückkehr verging sehr schnell. Ich denke so ein Landeswechsel und das Kennenlernen anderer Kulturen und Menschen sehr jung hält. Man bleibt mental sehr fit, auch wenn es körperlich sehr anstrengend ist. Wo siehst du dich in deiner Zukunft ? In Deutschland ? Ja, ich möchte hier bleiben. Nicht nur aus beruflichen Gründen. Ich bin hier angekommen, hier habe ich meine Wurzeln geschlagen. Nicht nur in Darmstadt, auch in Berlin natürlich. Ich kann mir gut vorstellen später dorthin zurückzugehen, in diesem Kaff hier möchte ich nicht alt werden. Ich bleibe in Deutschland, und werde immer meine Kontakte in die Türkei haben, allein meiner Familie wegen, aber dorthin zurück möchte ich nicht. Hier bin ich angekommen.


[rückkehr] Vielen Dank an Nora und Özlem. Betreuung durch Prof. Wiebke Loeper, Fachbereich Fotografie der Fh Potsdam und Prof. Winfried Gerling, Europäische Medienwissenschaft der Fh Potsdam Eva Lechner 2013 www.evalechner.de mail@evalechner.de



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