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Infografische Analysen zu den M채rchen der

Gebr체der Grimm


s war einmal ein Fischer und seine Frau, die wohnten zusammen in einer kleinen Fischerhütte, dicht an der See, und der Fischer ging alle Tage hin und angelte: und angelte und angelte. So saß er auch einmal mit seiner Angel und sah immer in das klare Wasser hinein, und so saß er nun und saß. Da ging die Angel auf den Grund, tief hinunter, und als er sie heraufholte, da holte er einen großen Butt heraus. Da sagte der Butt zu ihm: „Hör mal, Fischer, ich bitte dich, lass mich leben, ich bin kein richtiger Butt, ich bin ein verwunschener Prinz. Was hilft’s dir

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denn, wenn du mich tötest? Ich würde dir doch nicht recht schmecken: Setz mich wieder ins Wasser und lass mich schwimmen.” - „Nun”, sagte der Mann, „du brauchst nicht so viele Worte zu machen: einen Butt, der sprechen kann, werde ich doch wohl schwimmen lassen.” Damit setzte er ihn wieder in das klare Wasser. Da ging der Butt auf Grund und ließ einen langen Streifen Blut hinter sich. Da stand der Fischer auf und ging zu seiner Frau in die kleine Hütte. „Mann”, sagte die Frau, „hast du heute nichts gefangen?” - „Nein”, sagte der Mann. „Ich fing einen Butt, der sagte, er wäre ein verwunschener Prinz, da hab ich ihn wieder schwimmen lassen.” - „Hast du dir denn nichts gewünscht?” sagte die Frau. „Nein”, sagte der Mann, „was sollte ich mir wünschen?” - „Ach”, sagte die Frau, „das ist doch übel, immer hier in der Hütte zu wohnen: die stinkt und ist so eklig; du hättest uns doch ein kleines Häuschen wünschen können. Geh noch einmal hin und ruf ihn. Sag ihm, wir wollen ein kleines


Häuschen haben, er tut das gewiss.” - „Ach”, sagte der Mann, „was soll ich da nochmal hingehen?” - „I”, sagte die Frau, „du hattest ihn doch gefangen und hast ihn wieder schwimmen lassen - er tut das gewiss. Geh gleich hin!” Der Mann wollte noch nicht recht, wollte aber auch seiner Frau nicht zuwiderhandeln und ging hin an die See. Als er dorthin kam, war die See ganz grün und gelb und gar nicht mehr so klar. So stellte er sich hin und sagte: „Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, meine Frau, die Ilsebill, will nicht so, wie ich wohl will.” Da kam der Butt angeschwommen und sagte: „Na, was will sie denn?” - „Ach”, sagte der Mann, „ich hatte dich doch gefangen; nun sagt meine Frau, ich hätt mir doch was wünschen sollen. Sie mag nicht mehr in der Hütte wohnen, sie will gern ein Häuschen.” - „Geh nur”, sagte der Butt, „sie hat es schon.”

Häuschen, und seine Frau saß vor der Türe auf einer Bank. Da nahm ihn seine Frau bei der Hand und sagte zu ihm: „Komm nur herein, sieh, nun ist doch das viel besser.” Da gingen sie hinein, und in dem Häuschen war ein kleiner Vorplatz und eine kleine reine Stube und Kammer, wo jedem sein Bett stand, und Küche und Speisekammer, alles aufs beste mit Gerätschaften versehen und aufs schönste aufgestellt, Zinnzeug und Messing, was eben so dazugehört. Dahinter war auch ein kleiner Hof mit Hühnern und Enten und ein kleiner Garten mit Grünzeug und Obst. „Sieh”, sagte die Frau, „ist das nicht nett?” - „Ja”, sagte der Mann, „so soll es bleiben; nun wollen wir recht vergnügt leben.” - „Das wollen wir uns bedenken”, sagte die Frau. Dann aßen sie etwas und gingen zu Bett.

So ging es wohl nun acht oder vierzehn Tage, da sagte die Frau: „Hör, Mann, das Häuschen ist auch gar zu eng, und der Da ging der Mann hin, und seine Frau Hof und der Garten ist so klein: der Butt saß nicht mehr in der kleinen Hütte, hätt uns auch wohl ein größeres Haus denn an ihrer Stelle stand jetzt ein schenken können. Ich möchte wohl in

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> Vom Fischer und seiner Frau

>> Die häufigsten Wiederholungen Ein nicht unbedeutender Teil der Märchenpoesie, die die Märchen der Gebrüder Grimm ausmacht ist das Stilmittel der Steigerung durch Wortwiederholungen. Durch die vielen Wiederholungen in Struktur und Inhalt werden selbst längere Märchentexte einprägsam und bilden einen schönen Spannungsbogen, der mit jedem mal gesteigert wird. Idealtypisch findet sich dieses Merkmal schon in dem Mustermärchen ‚Vom Fischer und seiner Frau‘ von Runge wieder. In diesem Schaubild sind nun die Sätze und Abschnitte aufgelistet, die rein sprachlich am öftesten wiederholt wurden. Nur selten wurde von Wiederholung zu Wiederholung etwas umformuliert um die starke Symmetrie der einzelnen Elemente nicht zu gefährden.

Anzahl der Wiederholungen

>> Infobox : die Mitschuld des Fischers

3 2 „Nein, Frau,” sagte der Mann

Das geht und geht nicht gut: „Ach ja,” sagte der Mann, „so soll es auch bleiben.“

„Nein, Frau,” sagte der Mann „Ja,” sagte der Mann, „so soll es bleiben“

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Da nahm ihn seine Frau bei der Hand und sagte zu ihm: “Komm nur herein, da nahm sie ihn bei der Hand und sagte: “Komm nur herein.”

Das ist und ist nicht recht, „Das ist nicht recht.”


9 „Ach,” sagte der Mann, „Ach”; sagte der Mann,

6 5 Da ging der Mann hin, Da ging der Mann hin, „Das will ich mir bedenken,” „Das wollen wir uns bedenken,” sagte die Frau. „Das wollen wir uns bedenken,” sagte die Frau,

Da ging der Mann hin, Da ging er hin, Da ging der Mann hin,

„Ach,” sagte der Mann, „Geh nur hin,” sagte der Butt, „sie ist es schon.”

„Na, was will sie denn?” sagte der Butt.

„Geh nur hin, sie ist es schon,” sagte der Butt.

„Na, was will sie denn?” sagte der Butt.

„Geh nur hin, sie ist es schon,” sagte der Butt.

„Na, was will sie denn?” sagte der Butt.

„Geh nur hin, sie steht vor der Tür,” sagte der Butt.

„Na, was will sie denn?” sagte der Butt.

„Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in der Fischerhütte.”

„Na, was will sie denn?” sagte der Butt.

„Geh nur,” sagte der Butt,

„Na, was will sie denn?”

„Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich wohl will.” „Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich wohl will.” „Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich wohl will.”

„Ach,” sagte der Mann, „Ach Frau,” sagte der Mann, „Ach Frau,” sagte der Mann „Ach Frau,” sagte der Mann, „Ach Frau,” sagte der Mann „Ach Frau,” sagte der Mann,

„Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich wohl will.” „Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich wohl will.” „Männlein, Männlein, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, Meine Frau, die Ilsebill, Will nicht so, wie ich wohl will.”

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> Vom Fischer und seiner Frau

> > Korrelation zwischen der Veränderung des Meeres und Ilsebills Forderungen Dieses Schaubild beschäftigt sich mit dem schönsten Stilelement des Märchens ‚Vom Fischer und seiner Frau‘, der Veränderung der See im Zusammenhang mit Ilsebills Wünschen an den Butt. Diese Ausformulierung und Beschreibung des Wassers und seiner Farbskala geht auf den Maler Philipp Otto Runge zurück. Außerdem lässt sich in dieser Grafik ablesen, wie lang es von einer Forderung der Frau bis zur nächsten dauert, damit wird die Steigerung durch immer kürzere Abstände deutlich gemacht. Weiterhin fällt auf, dass sie am Anfang noch von ‚wir‘ spricht, ‚wir wollen ein kleines Häuschen haben‘ und sogar ‚wir wollen König sein‘, mit fortschreitender Handlung am immer mehr auf sich fixiert wird und auch dem Mann mit seinen Bedenken immer vehementer widerspricht.

So saß er auch einmal mit seiner Angel und sah immer in das klare Wasser hinein

Als er dorthin kam, war die See ganz grün und gelb und gar nicht mehr so klar.

“Ach,” sagte die Frau, “das ist doch übel, immer hier in der Hütte zu wohnen: die stinkt und ist so eklig; du hättest uns doch ein kleines Häuschen wünschen können. Geh noch einmal hin und ruf ihn. Sag ihm, wir wollen ein kleines Häuschen haben, er tut das gewiß.”

So ging es wohl nun acht oder vierzehn Tage, da sagte die Frau: “Hör, Mann, das Häuschen ist auch gar zu eng, und der Hof und der Garten ist so klein: der Butt hätt uns auch wohl ein größeres Haus schenken können. Ich möchte wohl in einem großen steinernen Schloß wohnen. Geh hin zum Butt, er soll uns ein Schloß schenken.”

Als er an die See kam, war das Wasser ganz violett und dunkelblau und grau und dick, und gar nicht mehr so grün und gelb, doch war es noch still.

Am andern Morgen wachte die Frau als erste auf; es war gerade Tag geworden, und sah von ihrem Bett aus das herrliche Land vor sich liegen. Geh hin zum Butt, wir wollen König sein.”

Zeit bis zum nächsten Wunsch sofort

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8-14 Tage

nächster Morgen


Und als er an die See kam, war die See ganz schwarzgrau, und das Wasser drängte so von unten herauf und stank auch ganz faul.

Da war die See noch ganz schwarz und dick und fing an, so von unten herauf zu schäumen, dass sie Blasen warf; und es ging so ein Wirbelwind über die See hin, daß sie sich nur so drehte. Und den Mann ergriff ein Grauen.

“mir wird schon Zeit und Weile lang, ich kann das nicht mehr aushalten. Geh hin zum Butt: König bin ich, nun muß ich auch Kaiser werden.”

“Mann,” sagte sie, “was stehst du da? Ich bin nun Kaiser, nun will ich auch Papst werden; geh hin zum Butt.”

sofort

sofort

Und da strich so ein Wind über das Land, und die Wolken flogen, und es wurde so düster wie gegen den Abend zu: die Blätter wehten von den Bäumen, und das Wasser ging hoch und brauste so, als ob es kochte, und platschte an das Ufer, und in der Ferne sah er die Schiffe, die gaben Notschüsse ab und tanzten und sprangen auf den Wogen. Doch war der Himmel in der Mitte noch ein bißchen blau, aber an den Seiten, da zog es so recht rot auf wie ein schweres Gewitter.

die Frau aber konnte gar nicht einschlafen und warf sich die ganze Nacht von einer Seite auf die andere und dachte immer darüber nach, was sie wohl noch werden könnte, und konnte sich doch auf nichts mehr besinnen. Mann,” sagte sie und stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen; “wach auf, geh hin zum Butt, ich will werden wie der liebe Gott.”

Draußen aber ging der Sturm und brauste, daß er kaum auf den Füßen stehen konnte. Die Häuser und die Bäume wurden umgeweht, und die Berge bebten, und die Felsenstücke rollten in die See, und der Himmel war ganz pechschwarz, und es donnerte und blitzte, und die See ging in so hohen schwarzen Wogen wie Kirchtürme und Berge, und hatten oben alle eine weiße Schaumkrone auf.

“Geh nur hin, sie sitzt schon wieder in der Fischerhütte.”

Veränderung der See

Ilsebills Wunsch

am nächsten morgen

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n den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, des­sen Töchter waren alle schön; aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen; wenn nun der Tag recht heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

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Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hinein rollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: „Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.” Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. „Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher,” sagte sie, „ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinab gefallen ist.” - „Sei still und weine nicht,” antwortete der Frosch, „ich kann wohl Rat schaffen, aber was gibst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraufhole?” - „Was du haben willst, lieber Frosch,” sagte sie; „meine Kleider, meine Perlen und


Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.” Der Frosch antwortete: „Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht: aber wenn du mich liebhaben willst, und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder heraufholen.” - „Ach ja,” sagte sie, „ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.” Sie dachte aber: „Was der einfältige Frosch schwätzt! Der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann keines Menschen Geselle sein.“ Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder herauf gerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte,

hob es auf und sprang damit fort. „Warte, warte,” rief der Frosch, „nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!” Aber was half es ihm, dass er ihr sein Quak, Quak so laut nachschrie, als er konnte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste. Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe herauf gekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an die Tür und rief: „Königstochter, jüngste, mach mir auf!” Sie lief und wollte sehen, wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und es war ihr ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: „Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?” - „Ach nein,” antwortete sie,

Goldene Kugel: Möglichkeit zur Gestaltung ihres Lebens: sie hat es in der Hand eine Königin zu werden; doch sie spielt damit nur. Kein mütterliches Vorbild um zu lernen, deshalb langweilt sie sich und spielt; dabei verliert sie ihre wertvolle goldene Kugel, wie es jedem Menschen widerfahren kann, der einen hohen Wert nicht zu erkennen vermag, sondern nur spielerisch mit ihm umgeht. Besitzt dann zwar wieder das Symbol der Vollendung, doch hat dies keinen Einfluss auf ihr Verhalten, weil sie seinen wahren Wert überhaupt nicht erkennt. [7]

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Legende: > Der Froschkönig o

x

o

x

nicht eingehaltenes Versprechen/Drohung von o an x gerichtet

>> Aufstieg des Frosches mit Handlungsverlauf Der Aufstieg des Frosches über die einzelnen Ebenen sowohl wie die Handlungen und Ansprachen der einzelnen Figuren, die dazu beigetragen haben, sollen in diesem Schaubild verdeutlicht werden. Durch die Pfeile wird veranschaulicht, wer sich an wen wendet und wie groß der Entwicklungsabstand der in Interaktion getretenen Figuren zueinander ist. Mit kürzer werdenden Pfeilen zeigt sich also schon die innere Entwicklung des Frosches und die Annäherung an den Stand der Prinzessin. Außerdem lässt sich an den Figuren zugeordneten Symbolen auf einen Blick erkennen, wer am meisten in Aktion tritt und wann. Um zu erkennen wann der Frosch in seiner Entwicklung, versinnbildlicht durch das Vordringen in einen neuen Raum, in eine neue Ebene aufsteigt, ist die grüne Senkrechte von Bedeutung. An ihr lässt sich auch ablesen, wann dem Frosch der Aufstieg aus eigener Kraft und wann durch Fremde Hilfe gelingt.

>> Infobox: die innere Entwicklung des Frosches

Handlung/Ansprache von o an x gerichtet

Aufsteig des Frosches in neue Ebene

handelnde Figuren:

„ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.”

Frosch

„Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause“

Bett Prinzessin

Zimmer

König

Tisch und Essen Stuhl

>> Infobox: die Entwicklung der Prinzessin Saal Marmortreppe Brunnen 48

“Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, daß sich ein Stein erbarmen möchte.”

„...hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras.“


„Was du versprochen hast, das musst du auch halten” „Sie ging und öffnete die Türe“

„Sie zauderte, bis es endlich der König befahl.“

„Das tat sie zwar, aber man sah wohl, daß sie’s nicht gerne tat.“

„Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, ...“ “Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.”

„Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch. Der König aber ward zornig und sprach: “Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.” Da packte sie ihn mit zwei Fingern und trug ihn hinauf.“

„nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht.“

„Als er aber herabfiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn“

„Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand.“ “Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sag‘s deinem Vater.”

“Heb mich herauf zu dir.” “Königs tochter, Jüngste, mach mir auf!”

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> Der Froschkönig

>> Verwandlung des Frosches zum Prinzen Der zündende Funken für die Verwandlung vom Frosch zum Prinz stellt ganz klar der Wurf gegen die Wand dar. Dabei stellt sich nun aber die Frage, wieso verwandelt sich der Frosch zu einem angezogenen Prinzen?

Größe 190 cm

In der Tat fällt der Prinz in älteren Fassungen, nachdem die Prinzessin den Frosch an die Wand geworfen hat, als nackter Mann in ihr Bett. In der alten Fassung des Märchens heißt es: »Und lag darin als ein junger schöner Prinz, da legte sich die Königstochter zu ihm.« Zu Beginn war das Märchenbuch gar nicht ausschließlich für Kinder gedacht. Aber je erfolgreicher es wurde, je mehr es in die Familien und Kinderstuben Einzug hielt, desto mehr wurde kritisiert, dass die Geschichten teilweise für Kinder gar nicht geeignet seien. Wilhelm Grimm verteidigte sich zwar, gab aber bald den Forderungen nach und schrieb in seinem Vorwort von 1819: »Wir haben jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht.« In der Tat reinigte Wilhelm die Geschichten von allzu erkennbarer Erotik und so wurde schließlich auch der Froschkönig angezogen.

125 cm

77 cm

43 cm

24 cm 11 cm 0 cm 50


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lauf nicht vom Wege ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiss nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in allen Ecken herum!” „Ich will schon alles richtig machen,” sagte Rotkäppchen zur Mutter, und s war einmal ein kleines süßes Mäd- gab ihr die Hand darauf. Die Großchen, das hatte jeder- mutter aber wohnte draußen im Wald, mann lieb, der sie eine halbe Stunde vom Dorf. Wie nun nur ansah, am aller- Rotkäppchen in den Wald kam, begegliebsten aber ihre nete ihm der Wolf. Rotkäppchen aber Großmutter, die wusste gar nicht, was wusste nicht, was das für ein böses Tier sie alles dem Kinde geben sollte. Ein- war, und fürchtete sich nicht vor ihm. mal schenkte sie ihm ein Käppchen „Guten Tag, Rotkäppchen!” sprach er. von rotem Samt, und weil ihm das so „Schönen Dank, Wolf!” - „Wo hinaus wohl stand, und es nichts anders mehr so früh, Rotkäppchen?” - „Zur Großtragen wollte, hieß es nur das Rotkäpp- mutter.” - „Was trägst du unter der Schürze?” - „Kuchen und Wein. Gechen. Eines Tages sprach seine Mutter stern haben wir gebacken, da soll sich zu ihm: „Komm, Rotkäppchen, da hast die kranke und schwache Großmutter du ein Stück Kuchen und eine Flasche Wein, bring das der Großmutter hinaus; etwas zugut tun und sich damit stärken.” - „Rotkäppchen, wo wohnt deine sie ist krank und schwach und wird Großmutter?” - „Noch eine gute Viersich daran laben. Mach dich auf, bevor telstunde weiter im Wald, unter den es heiß wird, und wenn du hinausdrei großen Eichbäumen, da steht ihr kommst, so geh hübsch sittsam und

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Haus, unten sind die Nußhecken, das wirst du ja wissen”, sagte Rotkäppchen. Der Wolf dachte bei sich: Das junge, zarte Ding, das ist ein fetter Bissen, der wird noch besser schmecken als die Alte. Du musst es listig anfangen, damit du beide schnappst. Da ging er ein Weilchen neben Rotkäppchen her, dann sprach er: „Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen. Warum guckst du dich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald.” Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, dass ich doch zu rechter Zeit ankomme, lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte,

meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief danach und geriet immer tiefer in den Wald hinein. Der Wolf aber ging geradewegs nach dem Haus der Großmutter und klopfte an die Türe. „Wer ist draußen?” - „Rotkäppchen, das bringt Kuchen und Wein, mach auf!” - „Drück nur auf die Klinke!” rief die Großmutter, „ich bin zu schwach und kann nicht aufstehen.” Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Die Mutter gibt dem Mädchen verschiedene Verhaltensmaßregeln: „Bleib auf dem Weg, damit du nicht den Weinbehälter zerbrichst, lauf nicht im Wald herum, vergiss nicht die Großmutter zu grüßen, komm bald wieder.“ Das erinnert an die Anweisungen in den Parallelgeschichten, was man auf dem Weg in die Unterwelt zu beachten und wie man sich dort zu benehmen hat. Vor dem Wolf warnt die Mutter nicht. Das Kind weiß nicht, was das für ein gefährliches Wesen ist. Der Wolf tut ganz freundlich, hat aber Böses im Sinn: Er will das Rotkäppchen fressen, verschlingt aber vorher noch die Großmutter. [10]

Rotkäppchen aber, war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, dass die Tür aufstand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, dass es dachte: Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir ‚s heute

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Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitgebracht!” Aber die Geißlein hörten an der rauhen Stimme, dass es der Wolf war. „Wir machen nicht auf”, riefen sie, „du bist unsere Mutter nicht, die s war einmal eine hat eine feine und liebliche Stimme, alte Geiß, die hatte aber deine Stimme aber ist rau; du bist sieben junge Geiß- der Wolf.” Da ging der Wolf fort zu lein, und hatte sie einem Krämer und kaufte sich ein lieb, wie eine Mut- großes Stück Kreide; er aß es auf und ter ihre Kinder lieb machte damit seine Stimme fein. Dann hat. Eines Tages wollte sie in den Wald kam er zurück, klopfte an die Haustür gehen und Futter holen, da rief sie alle und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, sieben herbei und sprach: „Liebe Kind- eure Mutter ist da und hat jedem von er, ich will hinaus in den Wald, seid auf euch etwas mitgebracht!” Aber der eurer Hut vor dem Wolf, wenn er herein- Wolf hatte seine schwarze Pfote in das kommt, so frisst er euch mit Haut und Fenster gelegt, das sahen die Kinder Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, und riefen: „Wir machen nicht auf, aber an seiner rauhen Stimme und an unsere Mutter hat keinen schwarzen seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn Fuß, wie du; du bist der Wolf!” Da lief gleich erkennen.” Die Geißlein sagten: der Wolf zu einem Bäcker und sprach: „Liebe Mutter, wir wollen uns schon in „Ich habe mich an den Fuß gestoßen, acht nehmen, Ihr könnt ohne Sorge streich mir Teig darüber.” Als ihm der fortgehen.” Da meckerte die Alte und Bäcker die Pfote bestrichen hatte, so machte sich getrost auf den Weg. lief er zum Müller und sprach: „Streu

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mir weißes Mehl auf meine Pfote.” Der Müller dachte: Der Wolf will einen betrügen, und weigerte sich; aber der Wolf sprach: „Wenn du es nicht tust, fresse ich dich!” Da fürchtete sich der Müller und machte ihm die Pfote weiß. Ja, so sind die Menschen. Nun ging der Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte an und sprach: „Macht auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heimgekommen und hat jedem von euch etwas aus dem Walde mitgebracht!” Die Geißlein riefen: „Zeig uns zuerst deine Pfote, damit wir wissen, dass du unser liebes Mütterchen bist.” Da legte der Wolf die Pfote ins Fenster, und als sie sahen, dass sie weiß war, so glaubten sie, es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf. Wer aber hereinkam, war der Wolf. Die Geißlein erschraken und wollten sich verstecken. Das eine sprang unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter die Waschschüssel, das siebente in den Kasten der Wanduhr. Aber der Wolf fand

sie alle und machte nicht langes Federlesen: eins nach dem andern schluckte er in seinen Rachen; nur das jüngste in dem Uhrkasten fand er nicht. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen. Nicht lange danach kam die alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Ach, was musste sie da erblicken! Die Haustür stand sperrweit auf, Tisch, Stühle und Bänke waren umgeworfen, die Waschschüssel lag in Scherben, Decke und Kissen waren aus dem Bett gezogen. Sie suchte ihre Kinder, aber nirgends waren sie zu finden. Sie rief sie nacheinander bei Namen, aber niemand antwortete. Endlich, als sie das jüngste rief, da rief eine feine Stimme: „Liebe Mutter, ich stecke im Uhrkasten.” Sie holte es heraus, und es erzählte ihr, dass der Wolf gekommen wäre und die anderen alle gefressen hätte. Da könnt ihr denken, wie sie über ihre armen Kinder geweint hat!

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Rotkäppchen Der Wolf und die sieben Geißlein Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge Geißlein, und hatte sie lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat.

„... seid auf eurer Hut vor dem Wolf, wenn er hereinkommt, so frißt er euch mit Haut und Haar. Der Bösewicht verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich erkennen.”

Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter

Ach, Gott, dachte sie, sollten meine armen Kinder, die er zum Nachtmahl hinuntergewürgt hat, noch am Leben sein?

„Mach dich auf, bevor es heiß wird, und wenn du hinauskommst, so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Wege ab, sonst fällst du und zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht guten Morgen zu sagen und guck nicht erst in allen Ecken herum!”

Dann schnitt sie dem Ungetüm den Wanst auf, und kaum hatte sie einen Schnitt getan, so streckte schon ein Geißlein den Kopf heraus,

Die Geißlein sagten: “Liebe Mutter, wir wollen uns schon in acht nehmen, “Ich will schon alles richtig machen,” Ihr könnt ohne Sorge fortgehen.” sagte Rotkäppchen zur Mutter...“ Da legte der Wolf die Pfote ins Fenster, Dann tat er ihre Kleider an, und als sie sahen, daß sie weiß war, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr so glaubten sie, es wäre alles wahr, Bett und zog die Vorhänge vor. was er sagte, und machten die Türe auf.

und waren noch alle am Leben, und hatten nicht einmal Schaden erlitten, denn das Ungetüm hatte sie in der Gier ganz hinuntergeschluckt. “Jetzt geht und sucht Wackersteine, damit wollen wir dem gottlosen Tier den Bauch füllen, solange es noch im Schlafe liegt.”

eins nach dem andern so tat er einen Satz aus dem Bette und schluckte er in seinen Rachen verschlang das arme Rotkäppchen. Als der Wolf seine Lust gebüßt hatte, trollte er sich fort, legte sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum und fing an zu schlafen. schnarchte, daß die Äste zitterten.

Wie der Wolf seinen Appetit gestillt hatte, legte er sich wieder ins Bett, schlief ein und fing an, überlaut zu schnarchen.

und er mußte jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig herbeigelaufen und riefen laut: “Der Wolf ist tot! Der Wolf ist tot!” und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

Textstellenvergleich zu „Rotkäppchen“ Vaters für ihre Kinder sorgt, und auch sie hat und „Der Wolf und die sieben Geißlein“ ihnen gegen die Bedrohung durch den alles Der Wolf verkörpert hier wie auch bei Rotkäppchen die personifizierte Gier. Diese beiden Märchen gehen mit ihren Übereinstimmungen in vielen Teilen zweifellos auf einen gemeinsamen Ursprung zurück. Auch hier wieder eine Mutter, die ohne Hilfe des

verschlingenden Wolf nichts als Ermahnungen zu bieten. Den sieben Geißlein gibt die Mutter zwar Hinweise und Verhaltensregeln, aber auch sie können sich auf Dauer nicht gegen das beharrliche Andrängen des Wolfs wehren, als die Mutter sie allein lässt. [7] Beiden Märchen ist gemeinsam, dass ein

da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten, schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden. Wie er ein paar Schnitte getan hatte, da sah er das rote Käppchen leuchten, und noch ein paar Schnitte, da sprang das Mädchen heraus. Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel. so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Da waren alle drei vergnügt.

Kind vom Wolf verschlungen wird, ohne dabei getötet zu werden, und dass es wieder ins Leben geholt wird. In beiden Märchen stirbt der Wolf nicht an diesem Schnitt, sondern an den in seinem Bauch gefüllten Steinen. Deshalb gehen wohl auch beide Märchen auf einen gemeinsamen Ursprung zurück, was der Vergleich signifikanter Textstellen der Märchen deutlich macht.


Fig. 1

Fig. 2 „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!” „Dass ich dich besser hören kann!”

„Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!” „Dass ich dich besser sehen kann!” „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!” „Daß ich dich besser fressen kann!”

„Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!” „Dass ich dich besser packen kann!” Fig. 3

Wieso erkennt Rotkäppchen den Wolf nicht als solchen? Rotkäppchen merkt zwar, dass etwas anders ist als sonst, hält den Wolf aber trotzdem für ihre Großmutter. Ihre Wahrnehmung ist so stark durch

ihre Erwartung beeinflusst, dass sie genau das sieht was sie erwartet und sehen will uns so ein Mischbild aus Realität und Vorstellung entsteht.

Fig. 1: Bild der Großmutter in der Erinnerung Fig. 2: Realität des verkleideten Wolfs Fig. 3: Mischbild von Erinnerung und Realität


> Rotkäppchen

>> Hintergründe zur Figur des Wolfs Der Wolf ist wohl eines der am häufigsten auftauchenden, wenn nicht das am meisten erwähnte Märchentier überhaupt. Schon allein deshalb lohnt es sich die Figur des Wolfs und seine Funktion im Märchen genauer unter die Lupe zu nehmen. Die bekanntesten Beispiele der Gebrüder Grimm sind wohl „Rotkäppchen“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“. Auch die Gestalt des Wolfs war, wie sich zeigt, schon immer symbolbeladen und deshalb kann davon ausgegangen werden, dass sie in den Märchen in denen sie auftaucht nie nur zufällig gewählt worden ist. Die Funktion des Wolfs im Märchen kann also durchaus symbolisch gedeutet werden. Welche weiteren Hintergründe sich bei Rotkäppchen finden und in welchem Zusammenhang die Symbole, die darin auftauchen, zu anderen Märchen stehen, zeigt das Mind-Map ebenso.

Wolf

Nordische Mythologie: Die Wölfe Sköll und Hati fressen Sonne und Mond; Fenrir, der Fenriswolf befreit sich aus den Fesseln; Götter und Helden sammeln sich zum letzten Kampf, doch der Wolf verschlingt Odin, das ist das Ende, die Götterdämmerung. Jahrtausende vergehen, da taucht eine neue Sonne aus den Fluten empor und kein Wolf bedroht mehr die Schöpfung, denn Widar, Odins Sohn, hat mit einem Tritt Fenrir getötet. [3]

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Es hat wohl einen tieferen Sinn, wenn der Wolf im zweiten Teil der Erzählung bei Rotkäppchen und auch bei den sieben Geißlein in einem Brunnen ertrinkt: der Brunnen ist hier ein Bild für den Übergang in die Unterwelt. Der Wolf wird von der Unterwelt verschlungen, die Steine im Bauch ziehen ihn hinab und verhindern wohl auch, dass er wieder herauskommen kann. [10]

Unterwelt

Stein

Brunnen

vgl. Frau Holle: auch hier kann der Brunnen als Tor zur Unterwelt gedeutet werden

vgl. der Held in „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ besucht in der Hölle des Teufels Großmutter, die ihm hilft, eine schwere Aufgabe zu lösen [10] Die Mutter beauftragt das Mädchen, nach ihrer Großmutter zu sehen, die krank sei. Dort wartet der Wolf, der Großmutter und Enkelin frisst. Dass die Großmutter krank ist, kann man verstehen als ein Bild für den Tod: Sie ist gestorben und Rotkäppchen trifft sie auch gar nicht mehr lebend an. Rotkäppchen besucht also ihre Großmutter in der Unterwelt, wo es selbst vom Wolf verschlungen wird. [10]

antiker Mysterienkult: Neuling wurde symbolisch in den Hades geschickt, erlebt seinen symbolischen Tod und seine symbolische Auferstehung. [10]

Wiedergeburt

Mythologie

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am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.” - „Nein, Frau”, sagte der Mann, „das tue ich nicht; wie sollt ich ‚s übers Herz bringen, meine Kinder im Walde allein zu or einem großen Walde wohnte ein lassen! Die wilden Tiere würden bald armer Holzhacker kommen und sie zerreißen.” - „Oh, mit seiner Frau und du Narr”, sagte sie, „dann müssen wir seinen zwei Kindern; alle viere Hungers sterben, du kannst das Bübchen hieß nur die Bretter für die Särge hobeln”, Hänsel und das Mädchen Gretel. Er und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilhatte wenig zu beißen und zu brechen, ligte. „Aber die armen Kinder dauern und einmal, als große Teuerung ins mich doch”, sagte der Mann. Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun Die zwei Kinder hatten vor Hunger abends im Bette Gedanken machte und auch nicht einschlafen können und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte hatten gehört, was die Stiefmutter er und sprach zu seiner Frau: „Was soll zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte aus uns werden? Wie können wir unsere bittere Tränen und sprach zu Hänsel: armen Kinder ernähren da wir für uns „Nun ist ‚s um uns geschehen.” - „Still, selbst nichts mehr haben?” - „Weißt du Gretel”, sprach Hänsel, „gräme dich was, Mann,” antwortete die Frau, „wir nicht, ich will uns schon helfen.” Und wollen morgen in aller Frühe die Kin- als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte der hinaus in den Wald führen, wo er

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wieder. Der Vater sprach: „Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab acht und vergiss deine Beine nicht!” - „Ach, Vater”, sagte Hänsel, „ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.” Die Frau sprach: „Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.” Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen Als der Tag anbrach, noch ehe die Son- aus seiner Tasche auf den Weg geworfen. ne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder: Als sie mitten in den Wald gekommen „Steht auf, ihr Faulenzer, wir wollen in waren, sprach der Vater: „Nun sammelt den Wald gehen und Holz holen.” Dann Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer angab sie jedem ein Stückchen Brot und machen, damit ihr nicht friert.” Hänsel sprach: „Da habt ihr etwas für den Mit- und Gretel trugen Reisig zusammen, tag, aber esst ‚s nicht vorher auf, wei- einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ter kriegt ihr nichts.” Gretel nahm das ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau: Brot unter die Schürze, weil Hänsel „Nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder, die Steine in der Tasche hatte. Danach und ruht euch aus, wir gehen in den machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig Weilchen gegangen waren, stand Hän- sind, kommen wir wieder und holen euch ab.” sel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz hell, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viele in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: „Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen”, und legte sich wieder in sein Bett.

Seit der Fassung der Brüder Grimm von 1840 ist es nicht mehr die eigene Mutter, auf deren Betreiben die Kinder im Wald ausgesetzt werden, sondern eine Stiefmutter. [9]

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> Hänsel und Gretel

„Hänsel und Gretel saßen um das Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot.“

>> Zeitkarte der zurückgelegten Strecke Bei diesem Märchen sind die häufigen Zeitangaben besonders auffällig. Sie erlauben es einen Zeitplan zu erstellen, der zeigt wie lang Hänsel und Gretel zu den einzelnen Stationen unterwegs waren. Um so eine Karte zu erstellen, ist zunächst von Bedeutung in welcher Jahreszeit die Handlung überhaupt spielt. Die Jahreszeit ist wahrscheinlich Spätsommer/Herbst, da Hänsel und Gretel zwar noch Beeren pflücken können, aber schon ein Feuer gemacht werden muss, es also schon etwas kühler wird gegen abend. Daran habe ich mich mit den Sonnenauf- und untergangszeiten orientiert und daraus gefolgert wieviel Stunden für die Nachtzeit berechnet werden müssen. Betrachtet man die Karte im Ganzen, stechen einige Auffälligkeiten ins Auge.

„das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.“

~ 7 Uhr

~ 12 Uhr Weg bis zur Lagerstelle im Wald ~ 3-4 Stunden Nachhauseweg ~ 9 Stunden Aufenthalt ~ 10 Stunden

~ 22 Uhr „Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht.“

„... ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neugeschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg.“

„Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus.“

~ 7 Uhr „Die Frau führte die Kinder „das ist dein noch tiefer in den Wald, Täubchen nicht, wo sie ihr Lebtag das ist die Morgennoch nicht gewesonne, die auf den sen waren.“ Schornstein oben scheint.” en

nd

d al

>> Infobox: Auffälligkeiten in der Karte und ihre Bedeutung

zu Hause von Hänsel und Gretel

~

Feuerstelle im Wald

~

5

u St

„Als es Mittag war, teilte W im Gretel ihr Brot mit Hänle l e sel, der sein Stück st er auf den Weg geg a streut hatte.“ rL zu s bi „... aber sie faneg W den kein Bröcklein mehr, denn die viel 1200 tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt.“

Vögel verwischen die Spur zurück nach Hause und leiten damit den eigentlichen Entwicklungsverlauf ein

Hexenhaus

~ 22 Uhr

~ 7 Uhr

„Sie erwachten erst in der finstern Nacht...“

2. Morgen

See Erläuterungen zu den im Märchen auftauchenden Vögel von Hänsel und Gretel zurückgelegter Weg mit Zeitangaben Zitate aus dem Märchen als Beleg für Zeitangaben

~ 7 Uhr

Aufenthalt ~ 10 Stunden


START

auch hier ist wieder das Merkmal „weiß“ von Bedeutung; sie hilft den Kindern auf dem HeimW weg eg vo m Se e ~ 12 Uhr bi s na ch Ha „und als us e sie glücklich ~ 2 drüben waren St un und ein Weilchen de n fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus.“

„Nun war ‚s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatten.“

~ 7 Uhr

allerdings führt die Ente nicht von sich aus auf den Weg wie das Vögelchen zuvor, sondern sie wird erst von Gretel darum gebeten “aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.”

~ 10 Uhr „Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten W sie an ein großes Wasser.“ eg bi s zu m Se „Frühmorgens mußte e ~ Gretel heraus, den 3 St Kessel mit Wasser un de aufhängen und „Als es Mittag n Feuer anwar, sahen sie ein zünden.“ schönes, schneeweißes Vögelein auf einem Ast sitzen, ... schwang es seine ~ Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten ...“

7 Uhr

Herumirren im Wald, bis sie auf Vögelchen treffen ~ 38 Stunden

~ 12 Uhr das Vöglein lenkt die Kinder zum Hexenhaus; gehört aber nicht zur Hexe oder zum Bösen, ansonsten dürfte man das Verb „locken“ erwarten

das Vöglein treibt im Grunde die Entwicklung schneller voran „schönes, schneeweißes“, besonders zweiter Ausdruck wird in keinem Märchen als Symbol des Scheins, der Verlockung verwendet [3]

„Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten.“

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In dieser Infografik wird der Verzweiflungs- oder Erfolgsgrad sowie ob eine Figur gerade aktiv oder passiv ist, deutlich gemacht. Die Interaktion der beiden Hauptfiguren untereinander wird durch die Pfeile veranschaulicht. Betrachtet man die beiden Kurven, fällt als erstes auf, dass Hänsel, der den größten Teil der Geschichte der aktive Part ist, nie so tief in der Verzweiflung versinkt wie Gretel. Das kommt wohl daher, dass sobald sich die Figuren entscheiden zu handeln und auf die so märchentypische, zum Guten hin angelegte Weltordnung und ihre Naturklugheit vertrauen, ihre Handlung von vornerein schon auf Erfolg ausgelegt ist. Hänsel lässt sich von keiner Situation den Optimismus rauben und deshalb gelingt es ihm auch, das erste mal den Heimweg wieder zu finden und zuerst auch noch die Hexe auszutricksen. Aber das allein genügt nicht, so zeigt das Märchen. Gretel muss auch aktiv werden, hat sie sich bis jetzt doch nur an der Hand nehmen und auf einen bereits vorbereiteten Weg führen lassen.

“Still, Gretel,” sprach Hänsel, “gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.”

Erfolg

>> Aktiv- und Passivität sowie Verzweiflungs- und Erfolgs grad der beiden Hauptfiguren

H Hänsel G Gretel

Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel: “Sei getrost, liebes Schwesterchen, und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen,”

Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen. Hänsel aber tröstete sie: “Wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.”

Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach [...] Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus.

H

H

aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach: “Weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.”

H

H aktiv

G

passiv

Verzweiflung

> Hänsel und Gretel

G

G

Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hänsel: “Nun ist ‚s um uns geschehen.”

Gretel fing an zu weinen und sprach: “Wie sollen wir nun aus dem Wald kommen?”

G

Situation

>> Infobox: der Wendepunkt in der Aktivitätskurve

Plan 1

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Umsetzung 1

Heimweg finden gelingt

Plan 2


Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte: “Wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, [...], die zeigen uns den Weg nach Haus.” Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr [...]. Hänsel sagte zu Gretel: “Wir werden den Weg schon finden.”

“Da wollen wir uns dranmachen,” sprach Hänsel, “und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.”

H

H

Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte.

G

G

H

HG

und Gretel stellte sich an die Scheiben und knupperte daran.

Gretel fing an bitterlich zu weinen; aber es war alles vergeblich, sie mußte tun, was die böse Hexe verlangte.

Aber sie fanden ihn nicht.

Umsetzung 2

Heimweg finden gelingt nicht

G

Verlockung Hexenhaus

Aufenthalt im Hexenhaus

Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte [...]. [Die Hexe] steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor.

Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief: “Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.”

G

G

H

H

“Hier fährt auch kein Schiffchen,” antwortete Gretel, “aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.”

G

H “Wir können nicht hinüber,” sprach Hänsel, “ich seh keinen Steg und keine Brücke.” -

H G Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen,[...] und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter!

Beschluss Hänsel zu töten

Tod der Hexe

Befreiung von Hänsel

Hilfe von Ente auf Heimweg

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ine Witwe hatte zwei Töchter, da­von war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang. Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und

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erzählte ihr das Unglück. Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: „Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.” Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: „Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: ich bin schon längst ausgebacken.” Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.” Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen


zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: „Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir ‚s gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.” Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes. Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus,

so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: „Ich habe den Jammer nach Haus gekriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.” Die Frau Holle sagte: „Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.” Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. „Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist,” sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: „Kikeriki, Unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.”

Holle: abgeleitet von „hold“; zu diesem Adjektiv gibt es im Germanischen ein Abstraktum „huld“ (wie bei voll - Fülle), und dieses Wort trug damals zwei Bedeutungen: a) Dienstbarkeit, Ergebenheit, Treue des Lehensmannes seinem Herrn gegenüber b) Geneigtheit, Wohlwollen des Herrn gegenüber den Untergebenen; Bedeutung wurde schon früh auf das religiöse Gebiet übertragen und dabei in Zusammenhang gebracht mit Gunst und Gnade [3]

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> Frau Holle

Legende der Handlungsart: beabsichtigt/ gewünscht

>> Verlauf der Schicksale der beiden Mädchen

H

durch Frau Holle

Wiederholungen und Symmetrie im Handlungsablauf sind wesentliche Stilelemente des Märchens. Das erscheint auch nur konsequent, wenn man bedenkt, dass dies die Märchen um einiges einprägsamer und leichter wiederzugeben macht und so der mündlichen Erzähltradition zu Gute kommt. Auch das Märchen ‚Frau Holle‘ weist bei genauer Betrachtung in der Beschreibung der Schicksale der beiden Hauptfiguren Goldmarie und Pechmarie eine sehr starke Symmetrie auf. Unterteilt man den Handlungsverlauf in die wesentlichen Abschnitte und untersucht diese nach beabsichtigten oder gewünschten, unbeabsichtigten oder unerwünschten und fremdbeeinflussten Handlungen, fällt die starke Spiegelsymmetrie der Handlung auf. Alle drei Kategorien der Handlungsarten sind bei beiden Handlungssträngen, also sowohl bei Goldmarie als auch bei Pechmarie, gleich oft zu finden. Es wird also nicht eine Handlungsart prinzipiell als negativ gewichtet und deshalb bestraft oder eine Art als prinzipiell positiv gewichtet und deshalb belohnt, sondern die richtige Handlungsart zur richtigen Zeit ist entscheidend und kann so zu großem Glück oder ebenso großem Pech verhelfen.

unbeabsichtigt/ unerwünscht

M

durch Mutter

M “Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.” „...sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab.“

„Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus.“

M „Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen...“ „Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein.“

Pechmarie!!! 86

fremdbeeinflusst

“Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen,”


Goldmarie!!!

H „Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir ‚s gut gehn.“ „Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war...“

„... so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.”

Goldmarie verlangt/ erwartet keine Belohnung, ihr einziger Wunsch ist nach Hause zu kommen

H „Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf.“ “Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen”

„...fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr.“

„Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen...“

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> Frau Holle

>> Hintergründe zur Figur „Frau Holle“ „Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm Angst, und es wollte fortlaufen.“ Das ist die Beschreibung, die das Märchen selber zu Frau Holle gibt. Recherchiert man aber genauer, stellt man fest, dass Frau Holle keineswegs nur eine Märchengestalt ist, sondern sie bereits schon sehr viel früher in Sagen und Mythologie auftaucht. Auch den Gebrüdern Grimm waren schon einige der Hintergründe und Sagen um die „Frau Holle“ Gestalt bekannt. Viele ihrer Eigenschaften, die ihr früher im Volksmund und in der Mythologie zugeschrieben wurden, werden heute kaum noch mit ihr assoziiert. Lediglich die Sage, dass es auf der Erde schneit, wenn sie ihre Betten ausschüttelt, erfreut sich auch heute noch einem großen Bekanntheitsgrad. Das auffälligste Merkmal des Frau Holle Charakters ist wohl die Zweiseitigkeit. Diese spiegelt sich sowohl in Frau Holles Bedeutung in der Mythologie als auch in der ihr zugeschriebenen Funktionen im Volksmund wider. Auch im Märchen selber ist Frau Holle für den größtmöglichen Kontrast beim Behandeln der beiden Mädchen verantwortlich.

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Die Germanistin Erika Timm geht davon aus, dass der Name Holle (in etwa: die Huldvolle) ursprünglich ein Beiname der germanischen Göttin Frigg war. (Sie ist die Schutzherrin der Ehe und Mutterschaft) Dieser hat sich nach der Christianisierung verselbständigt. [9]

Zahlreiche archaische Motive in den Sagen deuten nach Ansicht von der Matriarchatsforscherin Heide GöttnerAbendroth auf das hohe Alter dieser Gestalt hin, die ihrer Meinung nach auf eine große Muttergöttin der Jungsteinzeit zurückgeht. [9]

Häufig wird Frau Holle auch mit der germanischen Totengöttin Hel identifiziert. Des Weiteren scheinen Verbindungen zur germanischen Göttin Nehalennia zu bestehen (Göttin der Fruchtbarkeit und der Schifffahrt). [9]


Der Historiker Karl Kollmann kommt zu der Schlussfolgerung, dass sich schriftliche Spuren der Frau Holle mindestens 1000 Jahre zurückverfolgen lassen. Jedoch ist sie seiner Ansicht nach sehr viel älter: „Die Indizien sprechen jedenfalls stark für die Annahme, dass Frau Holle keine Spukgestalt und kein Vegetationsdämon ist, sondern die regionale Verkörperung einer uralten weiblichen Erdgottheit, wie man sie fast überall auf der Welt unter den verschiedensten Namen verehrt hat.“ [9]

alte Göttin und Symbol für Fruchtbarkeit

Im Volksmund ist Frau Holle für die Schneemenge im Winter verantwortlich, denn je gründlicher sie ihre Betten ausschüttelt, desto mehr schneit es auf der Erde. Nach anderen Sagen segnet Frau Holle die grünenden Fluren im Frühjahr, indem sie über Felder und Wiesen schreitet, wodurch der Saft in die Pflanzen schießt und die Natur erwacht. Frau Holle soll auch den Menschen zahlreiche Kulturtechniken wie Spinnen und Weben gelehrt haben. [9]

Wirkt in der Natur

„Von dieser Holle erzählt das Volk vielerlei, Gutes und Böses. Weiber, die zu ihr in den Brunnen steigen, macht sie gesund und fruchtbar; die neugeborenen Kinder stammen aus ihrem Brunnen, und sie trägt sie daraus hervor. Blumen, Obst, Kuchen, das sie unten im Teiche hat und was in ihrem unvergleichlichen Garten wächst, teilt sie denen aus, die ihr begegnen und zu gefallen wissen. Sie ist sehr ordentlich und hält auf guten Haushalt; wann es bei den Menschen schneit, klopft sie ihre Betten aus, davon die Flocken in der Luft fliegen. Jährlich geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit,

Zweiseitigkeit

Verbindung zur Anderswelt aber auch erschreckt sie Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze des wütenden Heeres“

Frau Holle wurde auf zahlreichen Bergen verehrt. Viele Sagen sind in der Region des Hohen Meißners in Osthessen über­liefert. Der Frau-Holle-Teich soll unendlich tief und der Eingang zu ihrer Anderswelt sein. [9]

Frau Holle ist eine mitteleuropäische Sagengestalt und Figur im gleichnamigen Märchen der Brüder Grimm. Mythologisch scheint das Märchen älteren Stoff zu verarbeiten. So ist zunächst einmal das Springen in den Brunnen mit der sich anschließenden Reise in die Anderswelt zu nennen. [9]

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und Bekannte, sondern auch die weisen Frauen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn in seinem Reiche, weil er aber nur zwölf goldene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben. or Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „ Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal im Bade saß, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“ Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, dass der König vor Freude sich nicht zu lassen wusste und ein großes Fest anstellte. Er lud nicht bloß seine Verwandte, Freunde

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Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein. Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüßen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken, da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen


Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“ Der König, der sein liebes Kind vor dem Unglück gern bewahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, dass alle Spindeln im ganzen Königreiche verbrannt werden. An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt, denn es war so schön, sittsam, freundlich und verständig, dass es jedermann, er es ansah, lieb haben musste. Es geschah, dass an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Haus waren, und das Mädchen ganz allein im Schloss zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf, und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem

kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs. „Guten Tag, du altes Mütterchen“, sprach die Königstochter, „was machst du da?“ „Ich spinne“, sagte die Alte und nickte mit dem Kopf .“Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt?“ sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf.

Turm als Zeichen der Neugier, da Aussichtspunkt; und Ziel der Neugier; indem das Mädchen im Turm emporsteigt, wird auch sein Aufstieg in eine höhere Stufe der Entwicklung dargestellt. Das Aufschließen ist auch die Erschließung neuer Lebensbereiche, und das Durchschreiten der engen Tür ist der Eintritt in eine neue, dem Mädchen bis dahin verschlossen gewesene Welt. Das Alter des Turmes und der Rost am Schlüssel zeigen uns, dass es sich um uralte Inhalte handelt, die hier dargestellt werden. [7]

Und dieser Schlaf verbreite sich über das ganze Schloss: der König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen und der ganze Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem

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> Dornröschen

>> Die Bedeutung der 13. Fee sowie der Zahlen 12 und 13 im Zusammenhang In diesem Mind-Map möchte ich verschiedene Hintergründe zur 13. Fee beleuchten. So ist sie im Märchen identisch mit der alten Frau im Turm. Diese Theorie wird vor allem durch den Bezug von der Tätigkeit des Spinnens als schicksalbestimmendes Handeln zur Nordischen Mythologie gestützt. Dort werden die Nornen, die den Schicksalfaden spinnen als Schicksalsmacht für die Menschheit angesehen. Außerdem wuchs ihnen die Aufgabe zu, dem Kind seine Lebensdauer anzusagen, auch hier findet sich also eine Verbindung zum Märchen Dornröschen. Des Weiteren wird in diesem MindMap auf die Bedeutung des Schlafzaubers eingegangen. In ihm wurde sowohl ein mythologischer Hintergrund vermutet, als auch wurde er von Bruno Bettelheim als ein entwicklungspsychologischer Vorgang gedeutet. Im Märchen Dornröschen ist bei dem Schlafzauber natürlich der Beitrag der 12. Fee nicht zu vergessen, die damit den Tod abwendet und zur Umwandlung in einen 100-jährigen Schlaf führt. Deshalb soll in diesem Schaubild auch die Bedeutung und der Zusammenhang der Zahlen 12 und 13 zueinander näher untersucht werden. Hierbei ist vor allem die Bedeutung der Zahlen in der Astrologie und im Volksglauben von Interesse.

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Wenn die dreizehnte Fee ausgeladen wird, reflektiert sich darin nach Meinung etlicher Forscher der Übergang vom Mondkalender (z.B. bei den Kelten üblich) zum Sonnenkalender (bei den Griechen, Römern und Christen üblich), verbunden mit einem Aufschwung des Patriarchats über das Matriarchat. [9]

Die Zahl 13 galt zu anderen Zeiten und bei anderen Völkern als Glückszahl, als Abrundung, Verbindung und Erhöhung der 12, z.B. ist Christus als der 13. beim Abendmahl zugegen, Karl der Große hat 12 Paladine und König Artus herrscht mit 12 Gralsrittern. [3]

Astrologie

Die Namen der Tierkreiszeichen sind aus 12 der 13 Sternbilder entstanden, in denen die Ekliptik liegt. Nach dem Schlangenträger ist kein Tierkreiszeichen benannt. Die Ekliptik ist die Projektion der scheinbaren Bahn der Sonne im Verlauf eines Jahres auf die Himmelskugel, das heißt den Fixsternhintergrund. Die Ekliptik ist ein imaginärer Großkreis am Himmel, das heißt, sie definiert eine Ebene, in der sowohl der Mittelpunkt der Erde als auch der Mittelpunkt der Sonne liegen. [9]

12

Es gibt 12 Tierkreiszeichen die ver­schiedenartige Kräfte darstellen. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Sonne auf ihrem scheinbaren Weg an verschiedenen Fixsternen vorüberzeiht, die so gruppiert sind, dass sie 12 verschiedene Bilder ergeben. Ihnen wird ein jeweils besonderer Einfluss zugeschrieben. Die Astrologie lehrt, dass der Mensch bei seiner Geburt durch die Stellung der Sterne geprägt und auch weiterhin beeinflusst, nicht aber determiniert würde. [3]


Die 13 ist im landläufigen Aberglauben die Zahl des Unglücks und der Gefahr.

Glück Unglück

13

Die Märchenforschung ist sich größtenteils einig darüber, dass die alte Frau im Turm identisch ist mit der 13. Fee.

13.Fee

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> Dornröschen

Abb. 1: Spiralbewegung des Schlafzaubers

>> Spiralförmige Ausbreitungen der Handlung in Dornröschen Die Märchenhandlung im Allgemeinen neigt dazu, sich in einem Zweier- und Dreierrhytmus auszufalten. Auch in diesem Märchen findet sich wieder die Dreizahl. Drei Prophezeiungen werden im Laufe der Handlung wirksam. Die erste Prophezeiung kündet von der Geburt Dornröschens und wird der Königin von einem Frosch überbracht; in der Urfassung ist es noch ein Krebs. Dies könnte einen Zusammenhang zur Astrologie bilden, dort ist nämlich dem Wasserzeichen Krebs Geburt, Mutterschaft und Mütterlichkeit zugeordnet. [3] Die zweite Prophezeiung wird am Geburtsfest Dornröschens ausgesprochen und umfasst alle Wünsche und Gaben der 11 weisen Frauen, die sich bis zu Dornröschens 15. Lebensjahr sämtlich erfüllen, wie es im Märchen heißt. Die dritte Prophezeiung wird auch am Geburtsfest ausgesprochen, bezieht sich aber schon auf den Zeitraum nach dem 15. Lebensjahr. Die 13. Fee aber wünscht Dornröschen den Tod, dieser Fluch kann noch von der 12. Fee in einen 100. Jährigen Schlaf umgewandelt werden. In der Wirkungsdauer der Prophezeiungen zeigt sich auch ein signifikantes Märchenmerkmal, nämlich dass das Extrem allen Mittel- und Zwischenzuständen vorgezogen wird. So umfasst die erste Prophezeiung einen Wirkungsraum von nicht ganz einem Jahr, die zweite von immerhin 15 Jahre und die dritte Prophezeiung von 100 Jahre; mit dieser Zeitspanne dringt sie in den Bereich des Phantastischen vor. Diese immensen Steigerungen breiten sich spiralförmig über die einzelnen Handlungsabschnitte aus [Abb. 1]. >> Infobox: die spiralförmige Ausbreitung an weiteren Stellen

Auslöser Zielobjekt Adel im Schloss Tiere im Schloss Kücheninterieur

Abb. 2: Spiralbewegung des Aufwachens

Auslöser Zielobjekt Adel im Schloss Tiere im Schloss Kücheninterieur Küchenpersonal


Abb. 3: Spiralförmige Ausbreitung der Wirkungsdauer der Prophezeiungen

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„Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn in das Land, und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es sollte ein Schloss dahinter stehen, in welchem eine wunderschöne Königstochter, 100 Dornröschen genannt, „Und schon seit hunda wurde dert Jahren die Hochzeit des schliefe“ Königssohns mit dem „Wie er es Dornröschen in aller mit dem Kuss Pracht gefeiert, und sie berührt hatte, schlug lebten vergnügt bis an 85 Dornröschen die Augen ihr Ende.“ auf, erwachte, und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit „... beschenkten grossen Augen an.“ die weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist.“

55

„Es ging aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also dass von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los­machen und starben eines jämmerlichen Todes.“

40

2. Prophezeiung 3. Prophezeiung

Anfang Prophezeiung Ende Prophezeiung

Zeitachse in Jahre Wachstumsdauer Dornenhecke gescheiterter Versuch Durchzukommen

„Die Königstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Spindel stechen und tot hinfallen.“

„Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königin gebar ein Mädchen, das war so schön, dass der König vor Freude sich nicht zu lassen wusste und ein grosses Fest anstellte.“ „Da trug sich zu, ..., dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden, ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“

Wirkungsdauer : 1. Prophezeiung

115 Jahre

0

„Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königstochter fällt.“

-1 15

„Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch 25 ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins.“

„An dem Mädchen aber wurden die Gaben der weisen Frauen sämtlich erfüllt ...“ „Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm.“ In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbrei te sich über das ganze Schloss:

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s war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt‘ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und

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ward darum Schneewittchen genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin. Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie: „Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ so antwortete der Spiegel: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“ Da war sie zufrieden, denn sie wusste, dass der Spiegel die Wahrheit sagte. Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als es sieben Jahre alt war, war es so schön, wie der klare Tag und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte:


„Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ so antwortete er: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.“ Da erschrak die Königin und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum - so hasste sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will ‚s nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.“ Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, und als er den Hirschfänger gezogen hatte und Schneewittchens unschuldiges Herz durchbohren wollte, fing es an zu weinen und sprach: „Ach, lieber Jäger, lass mir mein Leben! Ich will in den wilden Wald laufen und nimmermehr wieder heimkommen.“ Und weil es gar so schön war, hatte der

Jäger Mitleiden und sprach: „So lauf hin, du armes Kind!“ Die wilden Tiere werden dich bald gefressen haben, dachte er, und doch war‘ s ihm, als wäre ein Stein von seinem Herzen gewälzt, weil er es nicht zu töten brauchte. Und als gerade ein junger Frischling daher gesprungen kam, stach er ihn ab, nahm Lunge und Leber heraus und brachte sie als Wahrzeichen der Königin mit. Der Koch musste sie in Salz kochen, und das boshafte Weib aß sie auf und meinte, sie hätte Schneewittchens Lunge und Leber gegessen.

Schneewittchen: verkörpert Reinheit, Unschuld „-wittchen“, mittelhochdeutsch „wîz = weiß, glänzend“; ebenso „wizzen = wissen, verstehen“ [3]

Nun war das arme Kind in dem großen Wald mutterseelenallein, und ward ihm so Angst, dass es alle Blätter an den Bäumen ansah und nicht wusste, wie es sich helfen sollte. Da fing es an zu laufen und lief über die spitzen Steine und durch die Dornen, und die wilden Tiere sprangen an ihm vorbei, aber sie taten ihm nichts. Es lief, so lange nur die Füße noch fortkonnten, bis es bald Abend werden wollte. Da sah es ein kleines Häuschen und ging hinein, sich zu ruhen. In dem Häuschen

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> Schneewittchen Tag der Sonne - Sonntag lat. dies solis

>> Die Sonderstellung der Zahl Sieben Im Allgemeinen sind die märchentypischen Zahlen drei, vier, sieben oder auch zwölf. Die Märchenhandlung faltet sich meist in einem Zweier- und Dreierrhytmus aus. Ebenso wird das Geschehen fast immer in drei Zügen dargestellt. Ganz besondere Bedeutung kommt im Märchen aber der Zahl Sieben zu. Bekanntestes Beispiel ist Schneewittchen, im Märchen lebt sie mit sieben Zwergen hinter sieben Bergen. Wieso aber widerfährt der Sieben in so vielen verschiedenen Kulturen eine Sonderstellung und könnte der Sieben in dem Märchen Schneewittchen auch eine tiefere Bedeutung zu Grunde liegen? In diesem Schaubild sind einige Erklärungsversuche aufgelistet, die sich mit der besonderen Beziehung des Menschen zur Zahl Sieben beschäftigen.

Tag des Mondes - Montag lat. dies lunae

Fixsternsphäre

Tag des Mars - Dienstag lat. dies martis

Tag des Merkur - Mittwoch lat. dies Mercuri

Tag der Venus - Freitag lat. dies veneris

Tag des Jupiter - Donnerstag lat. dies Iovis

Tag des Saturn - Samstag lat. dies Saturni

astronomische Zeitordnung

Diese Schneewittchenmetaphorik der sieben Zwerge kann darüberhinaus hinweisen auf die antike Vorstellung der Koinzidenz von Sternordnung und Zeitordnung, also der Koinzidenz der sieben Himmelskörper und der sieben Wochentage: Schneewittchen und die sieben Zwerge würden damit zu einem verschlüsselten Bild für: die Erde begleitet von den sieben wochennamensgebenden Himmelskörpern: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn. [9]

Überlegung, dass die Siebenzahl der Zwerge auf eine Zeitordnung hindeutet, sieben Zwerge und sieben Berge werden so zu etwas Raum- und Zeitübergreifendem. [9]

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Erde

Einige Autoren gehen davon aus, dass die Sonderstellung der Sieben auf die Beobachtung astronomischer Besonderheiten beruht. Sieben ist die Anzahl der schon frühzeitig mit bloßem Auge sichtbaren, scheinbar beweglichen Himmelskörper: Sonne und Mond, dazu die Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn). In frühen Gesellschaften wurde das Himmelsgeschehen als göttlich verstanden, diese Wandelgestirne wurden mit den Göttern gleichgesetzt. [9]

Als eine andere astronomische Ursache für die Sonderstellung der Sieben werden die Mondphasen genannt. Jeder lunare Zyklus teilt sich in vier etwa siebentägige Wochen. In den orientalischen Gebieten war der Mond die höchste Gottheit. [9]


Ein anderer weit verbreiteter Erklärungsversuch für die Sonderstellung der Sieben in vielen Kulturen ist das Vorhandensein von den sieben Öffnungen der menschlichen Wahrnehmungsorgane im menschlichen Schädel: zwei Ohren, zwei Nasenlöcher, zwei Augen und ein Mund. Die volkstümliche Auffassung der sieben Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Orientierung und Gleichgewicht) korrespondiert damit. [9]

Objekte/Personen: Der Wolf und die sieben Geißlein, Die sieben Raben, Schneewittchen, Die zwei Brüder,...

weitere Märchen der Gebrüder Grimm mit der magischen zahl sieben (7 taucht meistens im Zusammenhang mit Jahren auf):

Eine weitere Erklärung könnte die Be­deutung der Sieben in der Wahrnehmung der Menschen sein und stammt aus dem Gebiet der Kognitionspsychologie und wird Millersche Zahl genannt. Schon vor über dreihundert Jahren entdeckte John Locke das sogenannte „seven phenomena“, als er das Auffassungsvermögen eines Erwachsenen untersuchte. Er stellte fest, dass Testpersonen, die eine größere Anzahl von Gegenständen einen kurzen Augenblick lang sehen, bis zu sieben Objekten eine Trefferquote von fast hundert Prozent haben. Bei mehr als sieben Gegenständen kommt es zu einem schlagartigen Abfall der Quote). Wir sind so in der Lage nach nur einmaligem kurzen Sehen bis zu sieben Ziffern kurze Zeit später zu wiederholen, aber nur äußerst selten mehr. Vielleicht liegt in solchen psychologischen Untersuchungen, wonach Menschen durchschnittlich über sieben Verarbeitungskanäle, sogenannte Chunks verfügen, die Erklärung. [9]

7

Jahre: Hans im Glück, Das Totenhemdchen, Der Teufel und seine Großmutter, Das singende, springende Löweneckerchen, Der Bärenhäuter, Jungfrau Maleen, Die zwölf Brüder

In der überkommenen christlichen Zahlensymbolik des Mittelalters steht die Drei für die nach dem Bild des dreifaltigen Gottes geschaffene Seele und alle geistigen Dinge. Die Vier ist die Zahl der Elemente und steht damit symbolisch für die materiellen Dinge, die nach antiker Anschauung alle aus der Kombination der vier Elemente hervorgehen. Die Sieben ist die Addition von drei und vier, von Geistseele und Körper, also das Menschliche. [9]

Psychologie

Experimente der Verhaltensforschung zeigen die Bevorzugung der Sieben: Die häufigste Antwort auf die Frage nach der Lieblingszahl oder bei der Frage nach einer beliebigen Zahl zwischen Eins und Neun ist die Zahl Sieben. Weil die Farbe „blau“ so häufig als Lieblingsfarbe genannt wird, wird dieses Phänomen „blue-seven“-Phänomen genannt. [9]

Eine Erklärung für die Sonderstellung liefert die Tiefenpsychologie. Nach Paneth ist die Sieben die Zahl des Tabus. Sie spiele in der Bibel eine so wichtige Rolle, weil kein Volk wie das des Alten Testaments in solchem Maße durch Tabus eingeschränkt wird. [9]

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> Schneewittchen

>> Psychologische Interpretation In diesem Schaubild wird eine psychologische Interpretation des Märchens Schneewittchen aufgeführt. Das Märchen Schneewittchen wie wir es heute kennen entstand, indem die Brüder Grimm mehrere Versionen des Märchens zusammengesucht, den Wortlaut verbunden und dadurch teilweise auch verkürzt haben. Ob nun Schneewittchen erwacht, als ihr, wie in einer alten Version, ein Diener des Prinzen einen Schlag in den Rücken versetzt, aus Ärger, dass er das tote Mädchen den ganzen Tag herumtragen muss oder durch die Erschütterung als die Sargträger über eine Wurzel stolpern, immer wirkt die Auferstehung Schneewittchens als reiner Zufall und ohne bewusstes Zutun. Gerade auch für diese Besonderheit des Märchens bietet die psychologische Interpretation einen Erklärungsversuch.

>> Infobox: Unterschiede zu älteren Märchenfassungen und die Bedeutung für die Interpretation

Betrachtung der einzelnen Stationen im Märchen Schneewittchen unter dem psychologischen Aspekt [7] Textstelle im Märchen

„Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.“

„Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig und konnte nicht leiden, dass sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden.“

Darstellung im Märchen

realer Tod der Mutter

Übergangszeit vom Tod der leiblichen Mutter bis zum Erscheinen der Stiefmutter

Tod der Mutter

erstes Lebens-

Ereignis jahr ohne Mutter

psychologische Deutung

symbolischer Tod; Mutter noch am Leben

Mutter hat Gefühl der Gleichgültigkeit in Schneewittchens erstem Lebensjahr; kümmert sich nicht um Schneewittchen

psychologische Erklärung

wollte mit Geschehen etwas Innerseelisches darstellen: die Mutter war für dieses Kind gestorben

Mädchen war für die Mutter schon immer tot, weil ihre Mütterlichkeit nie lebendig gewesen ist; Kälte das Gefühls

>> Infobox: Anregungen aus Tausendundeine Nacht

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„Von Stund an, wenn sie Schneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum - so hasste sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag und Nacht keine Ruhe mehr hatte.“

„Bring das Kind hinaus in den Wald, ich will ‚s nicht mehr vor meinen Augen sehen.“

„Da stand ein weißgedecktes Tischlein mit sieben kleinen Tellern, jedes Tellerlein mit seinem Löffelein, ferner sieben Messerlein und Gäblelein und sieben Becherlein.“

„Und als sie sich endlich etwas ausgedacht hatte, färbte sie sich das Gesicht und kleidete sich wie eine alte Krämerin und war ganz unkenntlich.“

„Da geschah es, daß sie über einen Strauch stolperten, und von dem Schüttern fuhr der giftige Apfelgrütz, den Schneewittchen abgebissen hatte, aus dem Hals. Und nicht lange, so öffnete es die Augen, hob den Deckel vom Sarg in die Höhe und richtete sich auf und war wieder lebendig.“

Auftauchen der Stiefmutter, die Schneewittchen ablehnt und ihr mit Hass begegnet

Hass steigert sich soweit, bis sie Schneewittchen nicht mehr ertragen kann und sie wegschaffen lassen will

gelangt in eine mythische Zwergenwelt, wo sie aufgenommen wird und sich sicher fühlt.

Stiefmutter macht sich durch die Verkleidung komplett unkenntlich

Auferstehung von Schneewittchen erscheint als ein Zufall

Ablehnung/Hass

Wald

Zwergenwelt

verkleidete Mutter

Tod und

Auferstehung

Mutter hat ein starkes Geltungsbedürfnis, ist völlig auf sich selbst bezogen; Ablehnung gegenüber aufmerksamkeitsforderndem Kleinkind

Schneewittchen wird einerseits der Mutter aus dem Blickfeld geschafft, andererseits aber auch selbst von ihr entlastet

Schneewittchen gelangt damit in einen Raum, den man nicht materiell sondern als psychischen Lebensraum verstehen muss, in dem eine Kleinkinderwelt fortbesteht, also eine Zwergenwelt

Schneewittchen versteht die Mutter nicht, die ihr nun gegenübertritt, denn bisher hat diese nur ihre eigenen Interessen gelebt; so muss sie ihrem Kind fremd erscheinen, als sie plötzlich spendend auftritt

Schneewittchen verlässt, dem Königssohn folgend, nun den Bereich der Zwerge und somit wird die Auferstehung eingeleitet

fängt an Tochter, zu der sie kein Verhältnis aufbauen konnte, als Rivalin zu sehen; Ablehnung steigert sich zum Hass, da sich Mutter durch Rivalität bedroht fühlt

Rückzug des Kindes in sein Unbewusstes, entlastet sich selber in dem es sich der Welt der Mutter entzieht

es kann nicht mehr weiter reifen, weil es sonst zu einer immer bedrohlicheren Rivalin der Mutter werden müsste

Menschen, die nicht in einer vertrauensvollen Umgebung aufgewachsen sind, verstehen es oft nicht zu unterscheiden, ob sie vertrauen können oder nicht; in ihrer infantilen Befangenheit ist Schneewittchen außerstande, fremde Einstellungen einzuschätzen

mit Verabschiedung aus der Zwergenwelt löst sich ihre seelische Starre und verlieren sich gleichzeitig die Wirkungen des mütterlichen Hasses; sie selbst hebt den Deckel des gläsernen Sarges empor

115


> Schneewittchen

>> der historische Hintergrund zur Märchenfigur Schneewittchen Niederlande

Der hessische Heimatforscher Eckhard Sander sieht als Grundlage für den Märchenstoff „Schneewittchen“ und als Vorlage für die junge Prinzessin das Schicksal der Waldecker Grafentochter Margaretha von Waldeck. Die Grafen von Schloss Alt-Wildungen lebten im 16. Jahrhundert, hoch oben über der Stadt Bad Wildungen in einer herrschaftlichen Residenz. Das Oberhaupt der Dynastie war Philipp IV., er heiratete Margarethe von Ostfriesland. Sie brachte elf Kinder zur Welt. Nach der Geburt des letzten starb die Gräfin am 22. Mai 1533 im Wochenbett. Zunächst zog eine Amme die kleine Margaretha auf. Als das Kind vier Jahre alt war, nahm sich der Vater eine neue Gemahlin. Sie wurde Margarethas Stiefmutter. Mit der Geburt einer Tochter und dem Tod der Mutter beginnt auch das Märchen von Schneewittchen. Doch es zeigen sich noch deutlich mehr Parallelen. Im Teenager Alter wird Margaretha an den Hof nach Brüssel geschickt. Als Ehrenjungfer bei Maria von Böhmen und Ungarn soll sie in der Residenz von Kaiser Karl V. in die Gesellschaft eingeführt werden. Doch ihr Schicksal nimmt dort eine verhängnisvolle Wendung. In dieser Karte wird der Weg von Margaretha von Waldeck und die Parallelen ihrer Geschichte zum Märchen „Schneewittchen“ sichtbar gemacht.

Doch in Brüssel kam es zu Schwierigkeiten, als sich mehrere hochrangige Persönlichkeiten wie Graf Egmont und der Thronfolger (später Philipp II.) um Margaretha bemühten.

E 4°15'

E 4°45'

† 13. März 1554

Brüssel

E 5°15'

E 5°45'

Von Anbeginn ging das Gerücht um, ihr Drang zu Höherem habe den Untergang der Grafentochter besiegelt. Margaretha von Waldeck starb am 13. März 1554 im Alter von 21 Jahren. In der Heimatchronik von Waldeck findet man den Vermerk, sie sei vergiftet worden. Eine, fürs Mittelalter typische und hier wahrscheinliche, Vergiftung durch Arsen würde auch die zittrige Schrift ihres Testaments erklären.

Belgien Heimatforscher Eckhard Sander über die Last der Schönheit: „Philipp II. von Spanien war verliebt in Margaretha. Das passte offensichtlich nicht in die stolze spanische Hofpolitik. Sie ist praktisch Opfer ihrer Schönheit geworden. Und nichts anderes klingt in dem Märchen Schneewittchen an. Schneewittchen ist so schön, die böse Stiefmutter entwickelt ihren Hass und ihren Neid und sie versucht, ihr nach dem Leben zu trachten.“

Quellen: ZDF online. de terra x; Sendung vom 09.10.2005

116

Luxemburg


N51°45' Heimatforscher Eckhard Sander über die Auswirkungen der Bergarbeit auf Kinder: „Kinder sind noch in der Entwicklungsphase. Wenn diese Kinder einen ganzen Tag oder wochenlang das Sonnenlicht nicht sehen, bleiben sie im Wachstum zurück, sie verwelken. Wenn man so will, haben diese Kinder weder eine Kindheit erlebt noch haben sie ein Erwachsenendasein erlebt. Sie sind praktisch im Bergwerk zum Greis geworden. Wenn die Kinder mit ihren Kappen ans Tageslicht kamen, sah es für den Vorbeigehenden so aus, als kämen Zwerge aus dem Berg.“

N51°15'

E 6°15'

E 6°45'

E 7°15'

E 7°45'

Margarethas Bruder Samuel eröffnete 1561 die Kupfermine Bergfreiheit nahe Waldeck. Der Einsatz von Kindern und Jugendlichen gehörte damals zum Alltag. Sie waren billige Tagelöhner, die ohne zu murren ihre Gesundheit aufs Spiel setzten.

Waldeck Bad Wildungen E 8°15'

E 8°45'

Nordrhein-Westfalen

N50°45'

Siebengebirge Margaretha reiste auf ihrem Weg an den kaiserlichen Hof von Brabant im heutigen Brüssel über das Siebengebirge.

Laut Dokumenten im Stadtarchiv Bad Wildungen war Margaretha von Waldeck wegen ihrer großen Schönheit weithin bekannt und hatte eine strenge Stiefmutter. Als sie etwa 16 Jahre alt war, schickte ihr Vater, Graf Philipp IV. von Waldeck, sie an den kaiserlichen Hof von Brabant ins heutige Brüssel. Auf diese Weise sollte sie mit einem Prinzen verheiratet werden.

N50°15'

Hessen

Rheinland-Pfalz

100 km

* 22. Mai 1533


andere Frau. Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiß von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. „Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!” sprachen sie, „wer Brot essen will, muss verdieinem reichen nen: hinaus mit der Küchenmagd!” Sie Manne, dem wurde nahmen ihm seine schönen Kleider seine Frau krank, weg, zogen ihm einen grauen, alten und als sie fühlte, Kittel an und gaben ihm hölzerne Schuhe. dass ihr Ende he- „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie rankam, rief sie sie geputzt ist!” riefen sie, lachten und ihr einziges Töchterlein zu sich ans führten es in die Küche. Da musste es Bett und sprach: „Liebes Kind, bleibe von Morgen bis Abend schwere Arbeit fromm und gut, so wird dir der liebe tun, früh vor Tag aufstehen, Wasser Gott immer beistehen, und ich will tragen, Feuer anmachen, kochen und vom Himmel auf dich herabblicken, waschen. Obendrein taten ihm die und will um dich sein.” Darauf tat sie Schwestern alles ersinnliche Herzeleid die Augen zu und verschied. Das Mäd- an, verspotteten es und schütteten ihm chen ging jeden Tag hinaus zu dem die Erbsen und Linsen in die Asche, so Grabe der Mutter und weinte, und dass es sitzen und sie wieder auslesen blieb fromm und gut. Als der Winter musste. Abends, wenn es sich müde kam, deckte der Schnee ein weißes gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, Tüchlein auf das Grab, und als die sondern musste sich neben den Herd Sonne im Frühjahr es wieder herabge- in die Asche legen. Und weil es darum zogen hatte, nahm sich der Mann eine immer staubig und schmutzig aussah,

120


nannten sie es Aschenputtel. Es trug sich zu, dass der Vater einmal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen sollte. „Schöne Kleider”, sagte die eine, „Perlen und Edelsteine”, die zweite. „Aber du, Aschenputtel”, sprach er, „was willst du haben?” - „Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stößt, das brecht für mich ab!” Er kaufte nun für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch einen grünen Busch ritt, streifte ihn ein Haselreis und stieß ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und dem Aschenputtel gab er das Reis von dem Haselbusch. Aschenputtel dankte ihm, ging zu seiner Mutter Grab und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, dass die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber und ward ein schöner Baum. Aschenputtel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den

Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab, was es sich gewünscht hatte. Es begab sich aber, dass der König ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, und wozu alle schönen Jungfrauen im Lande eingeladen wurden, damit sich sein Sohn eine Braut aussuchen möchte. Die zwei Stiefschwestern, als sie hörten, dass sie auch dabei erscheinen sollten, waren guter Dinge, riefen Aschenputtel und sprachen: „Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloss.” Aschenputtel gehorchte, weinte aber, weil es auch gern zum Tanz mitgegangen wäre, und bat die Stiefmutter, sie möchte es ihm erlauben. „Aschenputtel”, sprach sie, „bist voll Staub und Schmutz, und willst zur Hochzeit? Du hast keine Kleider und Schuhe, und willst tanzen!” Als es aber mit Bitten anhielt, sprach sie endlich: „Da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet, wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst

Die zentralen Bilder des Märchens sind die Tauben, die Schuhe und in den meisten Varianten auch die Haselnüsse oder der Haselnussbaum. Die Tauben sind seit der griechischen Antike die traditionellen Begleiterinnen Aphrodites. Das Bild der Nuss bzw. der geknackten Nuss gilt als Metapher vollendeter Erkenntnis, diese Bedeutung von dem Bild der Haselnuss wird in der holländischen Stilllebenmalerei mit diesem Erkenntnissinn verbunden. [9]

121


>> Im Märchen „Die weiße Hirschkuh“ wurde ursprünglich der Schwanz, ein Horn und ein Hof begraben. Das Geweih lässt schon den späteren Baum erahnen, der dann aus den Resten wächst. [10]

>> Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Aschenputtel Fassungen und Motive Dieses Schaubild beschäftigt sich auf der oberen Hälfte mit den Unterschieden der heute meistverbreiteten Aschenputtelversion von 1819 zu anderen Versionen, sowohl zu den älteren Fassungen von Grimm als auch zu der Bechstein Fassung „Aschenbrödel“. Auf der unteren Hälfte werden die Gemeinsamkeiten der Hauptmotive in Aschenputtel zu anderen Erzählungen aufgezeigt.

Unterschiede

> Aschenputtel

Bechstein: Das Aschenbrödel (Deutsches Märchenbuch 1857) Das Mädchen soll in der Bodenkammer schlafen, schläft bisweilen aber lieber in der Asche am Herd und bekommt daher den Spitznamen Aschenbrödelchen. [10]

>> Infobox: die lange Geschichte des Aschenputtel Motivs

Schikane durch Stiefmutter

Tod der Mutter

Gemeinsamkeiten 128

in anderen Fassungen zum Märchen Aschenputtel

Grimm: Frau Holle „Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich und faul. Sie hatte aber die häßliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere mußte alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein.“

der Motive in Aschenputtel mit anderen Erzählungen

Grimm: Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein Eine Frau hat ihre Töchter nach der Zahl ihrer Augen Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein genannt. Mutter und Schwestern können Zweiäuglein nicht leiden und stoßen es herum. Zweiäuglein kriegt wenig zu essen und muss die Ziege hüten. [10]

Die weiße Hirschkuh: Ein verwitweter Holzfäller hat zwei Töchter, das Annele und das Margretle. Die zweite Frau bevorzugt das Annele und kann das Margretle nicht leiden. Nach zwei gescheiterten Versuchen gelingt es Margretle im Wald auszusetzen. [10]

Die weiße Hirschkuh: Märchen aus Elsass & Lothringen. Das lothringische Märchen wurde 1990 aufgezeichnet und entspricht ziemlich genau dem elsässischen „Erdkühlein“, das schon 1559 von Martin Montanus veröffentlicht wurde.


Nach Grimm 1812 sagt die sterbende Mutter, dass das Mädchen den Baum pflanzen soll, es fehlen also die Reise zur Messe und die Mitbringsel. [10]

Nach Grimm 1812 Zu dem Fest werden die Stieftöchter ausdrücklich eingeladen. Sie fragen spöttisch, ob Aschenputtel auch hin will, und lehnen ab sie mitzunehmen, weil sie sich nicht mit ihr blamieren wollen. Die Schwestern geben ihr Linsen zum Auslesen, ohne Zeitangaben. Das ist hier keine sinnlose Arbeit, denn die schlechten Linsen müssen ausgelesen werden. [10]

Nach Grimm 1812 Zwei weiße Tauben kommen von selbst und fragen, ob sie helfen dürfen. Sie empfehlen dem Mädchen aufs Taubenhaus zu steigen und dem Fest zuzusehen. [10]

Seele wohnt im Baum

Hülsenfrüchte auslesen als Schikane

Tiere helfen beim Sortieren

Im Wald wird sie von einer weißen Hirschkuh aufgenommen, die ihr erlaubt von ihrer Milch zu trinken, und ihr feine Kleider schenkt. Sie darf aber niemand hereinlassen. Doch die Stiefmutter kommt dahinter und beschließt, die Kleider zu holen und die Hirschkuh zu schlachten. Das Tier weiß Bescheid und empfiehlt, das Herz zu begraben, das Geweih aufs Grab zu stellen und den linken Hinterhuf an die Geweihgabel zu hängen. Daraus wächst ein Kirschbaum, der am Schluss auch der vernachlässigten Tochter zum Prinzen verhilft. [10]

Eine weise Frau lehrt sie einen Zauberspruch, den sie der Ziege sagen soll und mit dem sie einen gedeckten Tisch herbeirufen kann. Doch als die Stiefmutter von der Ziege erfährt, tötet sie diese. Die weise Frau hilft ihr wieder. Zweiäuglein vergräbt die Eingeweide der Ziege vor der Haustür, daraus wächst ein Baum mit silbernen Blättern und goldenen Früchten, die nur Zweiäuglein pflücken kann. Auch dieser Wunderbaum verhilft dem Mädchen zu dem Prinzen. [10]

Im Grimm Märchen „Von dem Machandelboom“ lebt die Seele des toten Bruders in dem Vogel weiter, aber seine Knochen werden unter dem Baum begraben und auf ihm erscheint der Seelenvogel zum ersten Mal. [10]

Die Geschichte von Amor und Psyche ist ein antikes Märchen, das uns in dem Roman Der goldene Esel des Lucius Apuleius aus dem Jahre 170 n. Chr. überliefert ist. [9]

In Amor und Psyche macht sich Venus, voller Wut darüber, dass ihr Sohn ihre Befehle missachtet hat und stattdessen mit Psyche ein Kind gezeugt hat, auf die Suche nach dem Mädchen. Psyche muss darauf verschiedene Aufgaben für die Göttin erledigen. Dank der Hilfe von Ameisen, sprechenden Schilfrohren oder Türmen gelingt es ihr, sie zu lösen. Bei einer dieser Aufgaben schüttet Venus verschiedene Samen zusammen und befiehlt, Psyche solle sie bis zum Abend sortieren. Da kommen Ameisen und nehmen Psyche die Arbeit ab. [9]

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des Königs zur Frau haben.” Der König, der ein böses Herz hatte und über die Weissagung sich ärgerte, ging zu den Eltern, tat ganz freundlich und sagte: „Ihr armen Leute, überlasst mir euer Kind, ich will es versorgen.” Anfangs weigerten sie sich, da aber der fremde Mann schweres Gold dafür bot und sie s war einmal eine dachten: „Es ist ein Glückskind, es muss arme Frau, die ge- doch zu seinem Besten ausschlagen”, bar ein Söhnlein, so willigten sie endlich ein und gaben und weil es eine ihm das Kind. Glückshaut umhatte, als es zur Der König legte es in eine Schachtel Welt kam, so ward ihm geweissagt, es und ritt damit weiter, bis er zu einem werde im vierzehnten Jahr die Tochter tiefen Wasser kam; da warf er die Schachdes Königs zur Frau haben. tel hinein und dachte: „Von dem unerwarteten Freier habe ich meine Tochter Es trug sich zu, dass der König bald da- geholfen.” Die Schachtel aber ging nicht rauf ins Dorf kam, und niemand wuss- unter, sondern schwamm wie ein Schiffte, dass es der König war, und als er chen, und es drang auch kein Tröpfchen die Leute fragte, was es Neues gäbe, Wasser hinein. So schwamm sie bis zwei so antworteten sie: „Es ist in diesen Meilen von des Königs Hauptstadt, wo Tagen ein Kind mit einer Glückshaut eine Mühle war, an dessen Wehr sie geboren: was so einer unternimmt, hängen blieb. Ein Mahlbursche, der das schlägt ihm zum Glück aus. Es glücklicherweise da stand und sie beist ihm auch vorausgesagt, in seinem merkte, zog sie mit einem Haken hevierzehnten Jahre solle er die Tochter ran und meinte große Schätze zu finden,

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als er sie aber aufmachte, lag ein schöner Knabe darin, der ganz frisch und munter war. Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich und sprachen: „Gott hat es uns beschert.” Sie pflegten den Findling wohl, und er wuchs in allen Tugenden heran. Es trug sich zu, dass der König einmal bei einem Gewitter in die Mühle trat und die Müllersleute fragte, ob der große Junge ihr Sohn wäre. „Nein”, antworteten sie, „es ist ein Findling, er ist vor vierzehn Jahren in einer Schachtel ans Wehr geschwommen, und der Mahlbursche hat ihn aus dem Wasser gezogen.” Da merkte der König, dass es niemand anders als das Glückskind war, das er ins Wasser geworfen hatte, und sprach: „Ihr guten Leute, könnte der Junge nicht einen Brief an die Frau Königin bringen, ich will ihm zwei Goldstücke zum Lohn geben?” „Wie der Herr König gebietet”, antworteten die Leute, und hießen den Jungen sich bereit halten. Da schrieb der König einen Brief an die Königin,

worin stand: „Sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er getötet und begraben werden, und das alles soll geschehen sein, ehe ich zurückkomme.” Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verirrte sich aber und kam abends in einen großen Wald. In der Dunkelheit sah er ein kleines Licht, ging darauf zu und gelangte zu einem Häuschen. Als er hineintrat, saß eine alte Frau beim Feuer ganz allein. Sie erschrak, als sie den Knaben erblickte, und sprach: „Wo kommst du her und wo willst du hin?” „Ich komme von der Mühle”, antwortete er, „und will zur Frau Königin, der ich einen Brief bringen soll; weil ich mich aber in dem Walde verirrt habe, so wollte ich hier gerne übernachten.” „Du armer Junge”, sprach die Frau, „du bist in ein Räuberhaus geraten, und wenn sie heim kommen, so bringen sie dich um.” „Mag kommen, wer will”, sagte der Junge, „ich fürchte mich nicht; ich bin aber so müde, dass ich nicht weiter kann”, streckte sich auf eine

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> Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

>> Weg des Helden mit wiederkehrenden Motiven In diesem Schaubild wird der Weg des Helden dargestellt, mit all seinen Gefahren und glücklichen Verläufen, ob nun durch Zufall, Schicksal oder konkrete Hilfestellung. Außerdem wird in den entscheidenden Momenten , in denen es sich zu bewähren gilt, die Reaktion und das Verhalten des Helden durch die Kreise dargestellt, die die wachsenden Eigenschaften des Glückskindes verdeutlichen. Aber auch wiederkehrende Situationen werden durch Symbole hervorgehoben und damit deutlich gemacht. So tritt der König dreimal als Bedrohung auf, kann aber erst beim vierten Mal gänzlich überwunden werden. Zweimal findet sich ein Fluss im Handlungsverlauf, der den Übergang in einen neuen Abschnitt markeirt. Auch eine alte Frau erscheint zweimal in einer auswegslos erscheinenden Situation und bietet ihre Hilfe an.

Erfolgsaussichten für den Helden steigen

Vertrauen in die Weissagung

„Es ist ein Glückskind, es muss doch zu seinem Besten ausschlagen”, so willigten sie endlich ein und gaben ihm das Kind.

„Es war einmal eine arme Frau, die gebar ein Söhnlein, und weil es eine Glückshaut umhatte, als es zur Welt kam, so ward ihm geweissagt, es werde im vierzehnten Jahr die Tochter des Königs zur Frau haben.“ „Der König legte es in eine Schachtel und ritt damit weiter, bis er zu einem tiefen Wasser kam; da warf er die Schachtel hinein ...“

>> Infobox: Interpretation des Märchens

>> Infobox: Weshalb hilft die Großmutter des Teufels einem Unbekannten gegen die Interessen ihres eigenen Enkels?

Aussichtslosigkeit/Gefahr der Situation des Helden steigt

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„Die Schachtel aber ging nicht unter, sondern schwamm wie ein Schiffchen, ... So schwamm sie bis zwei Meilen von des Königs Hauptstadt, wo eine Mühle war, an dessen Wehr sie hängen blieb.“


„Nach einiger Zeit kam der König wieder in sein Schloss und sah, dass die Weissagung erfüllt und das Glückskind mit seiner Tochter vermählt war.“

Vertrauen in die Weissagung

Furchtlosigkeit

„Er brachte ihn zu den Müllersleuten, und weil diese keine Kinder hatten, freuten sie sich und sprachen: „Gott hat es uns beschert.” Sie pflegten den Findling wohl, und er wuchs in allen Tugenden heran.“

„Da empfanden die hartherzigen Räuber Mitleid, und der Anführer zerriss den Brief und schrieb einen andern, und es stand darin, sowie der Knabe ankäme, sollte er sogleich mit der Königstochter vermählt werden.“

„Mag kommen, wer will”, sagte der Junge, „ich fürchte mich nicht; ich bin aber so müde, dass ich nicht weiter kann”, streckte sich auf eine Bank und schlief ein.

„Bald hernach kamen die Räuber und fragten zornig, was da für ein fremder Knabe läge. „Ach”, sagte die Alte, „es ist ein unschuldiges Kind, es hat sich im Walde verirrt, und ich habe ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen ...“

„Da schrieb der König einen Brief an die Königin, worin stand: „Sobald der Knabe mit diesem Schreiben angelangt ist, soll er getötet und begraben werden...“

„Der Knabe machte sich mit diesem Briefe auf den Weg, verirrte sich aber und kam abends in einen großen Wald.„Du armer Junge”, sprach die Frau, „du bist in ein Räuberhaus geraten, und wenn sie heim kommen, so bringen sie dich um.”

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Wanderschaft, 3 Aufgaben werden gestellt, 3 mal wird Lösung versprochen

„Ich weiß alles”, antwortete das Glückskind. Bereitschaft seine Fähigkeiten zu teilen

„Das sollt ihr erfahren”, antwortete er, „wartet nur, bis ich wiederkomme.

Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten Furchtlosigkeit Vertrauen in die Weissagung

„So kannst du uns einen Gefallen tun”, sagte der Wächter, „wenn du uns sagst, warum unser Marktbrunnen, aus dem sonst Wein quoll, trocken geworden ist, und nicht einmal mehr Wasser gibt.”

Das Glückskind aber antwortete: „Die goldenen Haare will ich wohl holen, ich fürchte mich vor dem Teufel nicht.”

„So kannst du uns einen Gefallen tun und uns sagen, warum ein Baum in unserer Stadt, der sonst goldene Äpfel trug, jetzt nicht einmal Blätter hervortreibt.”

„So kannst du mir einen Gefallen tun”, sprach der Fährmann, „und nur sagen, warum ich immer hin- und herfahren muss und niemals abgelöst werde.”

Vertrauen in die Weissagung Furchtlosigkeit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten

„Voll Zorn sprach der König: „... wer meine Tochter haben will, der muss mir aus der Hölle drei goldene Haare von dem Haupt des Teufels holen; bringst du mir, was ich verlange, so sollst du meine Tochter behalten.“

„Was willst du?” sprach sie zu ihm, sah aber gar nicht so böse aus. „Ich wollte gerne drei goldene Haare von des Teufels Kopf”, antwortete er, „sonst kann ich meine Frau nicht behalten.”


„und wo der Wächter auch Antwort haben wollte. Da sagte er ihm, wie er vom Teufel gehört hatte, ... Der Wächter dankte und gab ihm ebenfalls zwei mit Gold beladene Esel.“ „Als der Teufel wieder fortgezogen war, holte die Alte die Ameise aus der Rockfalte, und gab dem Glückskind die menschliche Gestalt zurück. „Da hast du die drei goldenen Haare”, sprach sie ...“

„Sie verwandelte ihn in eine Ameise und sprach: „Kriech in meine Rockfalten, da bist du sicher.” „aber halte dich nur still und ruhig, und hab acht, was der Teufel spricht, wann ich ihm die drei goldenen Haare ausziehe.” „Das ist viel verlangt”, sagte sie, „wenn der Teufel heim kommt und findet dich, so geht dir’s an den Kragen; aber du dauerst mich, ich will sehen, ob ich dir helfen kann.”

„Er bedankte sich bei der Alten für die Hilfe in der Not, verließ die Hölle und war vergnügt, dass ihm alles so wohl geglückt war.“

„Als er zu dem Fährmann kam, sollte er ihm die versprochene Antwort geben. „Fahr mich erst hinüber”, sprach das Glückskind, ..., und als er auf dem jenseitigen Ufer angelangt war, gab er ihm des Teufels Rat“


> Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

>> Hintergründe zu den Motiven Wie viele andere Märchen, weist auch „der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ kulturgeschichtliche Motive auf, die am breiten Einfluss aus unterschiedlichsten Richtungen auf das Märchen keinen Zweifel lassen. Besonders auffällig ist etwa das Moses-Motiv, eines im Körbchen auf einem Fluss ausgesetzten Kindes. Dem Motiv des Flusses kommt in diesem Märchen besondere Bedeutung zu, deshalb taucht es auch im Hauptteil nocheinmal auf, diesmal verkörpert der Fluss aber nicht den Übergang an einen behüteten Ort der Sicherheit, sondern den Übergang in die Unterwelt. Auch hier werden schnell die Parallelen zur griechischen Mythologie und zum greisen Fährmann Charon deutlich, der die Toten über den Acheron bringt. Dies und weitere Motive soll im Folgenden erläutert werden.

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Der Erzählung in Ex 2,1-10 zufolge sei Mose nach seiner Geburt am Ufer des Nils ausgesetzt worden: Die Tochter des Pharao habe ihn gefunden und eine hebräische Frau – die leibliche Mutter des Kindes – als Amme bestellen lassen. Nach der Stillzeit habe die Tochter des Pharao das Kind als Sohn genommen und ihm den Namen Mose gegeben. In dem biblischen Bericht von der Geburt Mose ist das gleiche Motiv der Aussetzung und Errettung des „Heldenkindes“, „Königskindes“ oder jedenfalls „Schicksalkindes“ erkannt worden, das auch in allen Mythologien des Altertums mit je anderen Merkmalen vorkommt und dessen bekannteste Beispiele die Kindheitsgeschichten von Romulus und Remus, Oedipus, Sargon von Akkad und Kyros II. sind.

Verena Kast diagnostiziert einen positiven Narzissmus als Folge der einem solchen Kind entgegengebrachten Zuversicht. Dies weckt auch Neid, bis sich das Neue bewährt hat und genutzt wird. Das Glück fällt ihm zu, durch längere Leiden wächst erst das Bewusstsein dafür. Brunnen, Baum, Kröte und Maus sind mütterlich-erdhafte Symbole, die vom herrschenden Bewusstsein verdrängt und daher negativ werden (Brunnen als eingefasste Quelle), der Wein deutet dionysische Lebensfreude und Inspiration an (zu Dionysos passt auch der Esel).

Glückskind


griechische Mythologie

Charon war in der griechischen Mythologie der düstere greise Fährmann, welcher die Toten für einen Obolus (Münze) über den Totenfluss Acheron (häufig werden auch die Flüsse Lethe oder Styx genannt) setzte, damit sie ins Reich des Totengottes Hades gelangen konnten. Charon brachte die Toten über den Fluss Acheron zum Eingang des Hades. Auf die Fähre dieses unbestechlichen Fährmannes durfte nur, wer die Begräbnisriten empfangen hatte und dessen Überfahrt mit einer Geldmünze, dem sogenannten „Charonspfennig“ bezahlt worden war. Diese Münzen bekamen die Toten bei ihrem Begräbnis unter die Zunge gelegt. Die Lage der Münze im Mund stellte sicher, dass der Tote diese bei sich hatte. Jene Toten, die kein Begräbnis erhalten hatten und denen Charon deshalb den Zugang verwehrte, mussten auf ewig am Acheron warten und an seinem Ufer als Schatten umher irren.

Die Hesperiden hüteten in einem wunderschönen Garten einen Baum mit goldenen Äpfeln, den Gaia der Hera zu ihrer Hochzeit mit Zeus wachsen ließ. Die Äpfel verliehen den Göttern ewige Jugend. Der Baum wurde durch den hundertköpfigen Drachen Ladon bewacht. Nur Herakles war in der Lage, die Äpfel zu rauben. Durch eine List bewog er Atlas, den Vater der Hesperiden, für ihn die Äpfel zu pflücken, da er sie für die Erfüllung seiner zwölf Arbeiten benötige.

goldene Äpfel

Die drei goldenen Haare vom Kopf bedeuten Erkenntnis und spiegeln die himmlische Dreiheit auch in ihrer rotgoldenen Farbe, die wie das Gold sowohl Feuer als auch Licht bedeutet (vgl. Prometheus‘ Feuerraub). Besitz der Haare eines Feindes wandelt ihn zum Helfer (s. Lévy-Bruhl Seele der Primitiven, S. 253; vgl. Die drei Jäger, Russland Nr. 18).

3 goldene Haare

Der Fährmann (vgl. Charon) verkörpert Wirkung und Leiden des Bösen in einem. Das Hin und Her drückt eine ungelöste Gegensatzproblematik aus (vgl. Sisyphos, Danaiden).

Sisyphos ist ein Held der griechischen Mythologie. Vor allem ist er im Volksmund bekannt durch seine Bestrafung, die sogenannte Sisyphosarbeit. Sisyphos‘ Strafe in der Unterwelt bestand darin, einen Felsblock einen steilen Hang hinaufzurollen. Kurz bevor er das Ende des Hangs erreichte, entglitt ihm der Stein, und er musste wieder von vorne anfangen. Heute nennt man deshalb Aufgaben, die trotz großer Mühen so gut wie nie erledigt sein werden, Sisyphosarbeit.

Fährmann

Die Danaiden sind in der griechischen Mythologie die fünfzig Töchter des Ahnherrn der Griechen, des Königs von Libyen, Danaos, die auf Befehl ihres Vaters alle – bis auf Hypermnestra – in der Brautnacht ihre jungen Ehemänner, die Söhne des Aigyptos, töteten. Als Strafe mussten sie im Tartaros Wasser in ein durchlöchertes Fass schöpfen, weshalb heute unter Danaidenarbeit nutzlose, mühsame Arbeit verstanden wird.


der alte Schneider, „hat die Ziege ihr gehöriges Futter?” - „Oh,” antwortete der Sohn, „die ist so satt, sie mag kein Blatt.” Der Vater aber wollte sich selbst überzeugen, ging hinab in den Stall streichelte das liebe Tier und fragte: „Ziege, bist du auch satt?” Die Ziege antwortete: „Wovon sollt ich satt sein? or Zeiten war ein Ich sprang nur über Gräbelein und fand Schneider, der drei kein einzig Blättelein, meh! meh!” „Was Söhne hatte und nur muss ich hören!” rief der Schneider, eine einzige Ziege. lief hinauf und sprach zu dem Jungen: Aber die Ziege, weil „Ei, du Lügner, sagst die Ziege wäre sie alle zusammen satt und hast sie hungern lassen?” Und mit ihrer Milch ernährte, musste ihr in seinem Zorne nahm er die Elle von gutes Futter haben und täglich hinaus der Wand und jagte ihn mit Schlägen auf die Weide geführt werden. Die Söhne hinaus. taten das auch nach der Reihe. Einmal brachte sie der älteste auf den Kirch- Am andern Tag war die Reihe am zweihof, wo die schönsten Kräuter standen, ten Sohn, der suchte an der Gartenließ sie da fressen und herumspringen. hecke einen Platz aus, wo lauter gute Abends, als es Zeit war heimzugehen, Kräuter standen, und die Ziege fraß sie fragte er: „Ziege, bist du satt?” Die rein ab. Abends, als er heim wollte, fragZiege antwortete: „Ich bin so satt, ich te er: „Ziege, bist du satt?” Die Ziege mag kein Blatt, meh! meh!” „So komm antwortete: „Ich bin so satt, ich mag nach Haus,” sprach der Junge, fasste kein Blatt, meh! meh!” „So komm sie am Strickchen, führte sie in den nach Haus,” sprach der Junge, zog Stall und band sie fest. „Nun,” sagte sie heim und band sie im Stall fest.

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„Nun,” sagte der alte Schneider, „hat die Ziege ihr gehöriges Futter?” „Oh,” antwortete der Sohn, ,die ist so satt, sie mag kein Blatt.” Der Schneider wollte sich darauf nicht verlassen, ging hinab in den Stall und fragte: „Ziege, bist du auch satt?” Die Ziege antwortete: „Wovon sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, meh! meh!” „Der gottlose Bösewicht!” schrie der Schneider, „so ein frommes Tier hungern zu lassen „Lief hinauf und schlug mit der Elle den Jungen zur Haustüre hinaus.

„Oh,” antwortete der Sohn, „die ist so satt, sie mag kein Blatt.” Der Schneider traute nicht, ging hinab und fragte: „Ziege, bist du auch satt?” Das boshafte Tier antwortete: „Wovon sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein Und fand kein einzig Blättelein, meh! meh!” „Oh, die Lügenbrut!” rief der Schneider, „einer so gottlos und pflichtvergessen wie der andere! Ihr sollt mich nicht länger zum Narren haben!” Und vor Zorn ganz außer sich sprang er hinauf und gerbte dem armen Jungen mit der Elle den Rücken so gewaltig, dass er zum Haus hinaussprang.

Die Reihe kam jetzt an den dritten Sohn, der wollte seine Sache gut machen, suchte Buschwerk mit dem schönsten Laube aus und ließ die Ziege daran fressen. Abends, als er heim wollte, fragte er: „Ziege, bist du auch satt?” Die Ziege antwortete: „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, meh! meh!” „So komm nach Haus,” sagte der Junge, führte sie in den Stall und band sie fest. „Nun,” sagte der alte Schneider, „hat die Ziege ihr gehöriges Futter?”

Der alte Schneider war nun mit seiner Ziege allein. Am andern Morgen ging er hinab in den Stall, liebkoste die Ziege und sprach: „Komm, mein liebes Tierlein, ich will dich selbst zur Weide führen.” Er nahm sie am Strick und brachte sie zu grünen Hecken und unter Schafrippe und was sonst die Ziegen gerne fressen. „Da kannst du dich einmal nach Herzenslust sättigen,” sprach er zu ihr und ließ sie weiden bis zum Abend. Da fragte er: „Ziege,

Herkunft „Tischlein deck dich“: Grimms Anmerkung notiert: aus Hessen (von Jeanette Hassenpflug nach der alten Mamsell Storch bei Henschel). Eine andere Erzählung (1811 von Dortchen Wild, ab Zweitauflage nur Anmerkung) beginnt so, dass der Vater die Söhne nacheinander mit Pfannkuchen und Heller wandern schickt. Sie hüten die Herde eines reichen Herrchens in einer Nussschale, lassen sich aber verbotenerweise von Tanzmusik in ein Haus locken (vgl. KHM 57). Tischleindeckdich und Goldesel werden unterwegs vertauscht, erst der Jüngste verstopft seine Ohren mit Baumwolle. Er holt mit dem Knüppel die Wunderdinge wieder. Der Vater freut sich, seine drei Heller an ihnen nicht verschwendet zu haben. Literarisches Vorbild war das erste Märchen aus Giambattista Basiles Pentamerone. [9]

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bist du satt?” Sie antwortete: „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt, meh! meh!” „So komm nach Haus,” sagte der Schneider, führte sie in den Stall und band sie fest. Als er wegging, kehrte er sich noch einmal um und sagte: „Nun bist du doch einmal satt!” Aber die Ziege machte es ihm nicht besser und rief: „Wie sollt ich satt sein? Ich sprang nur über Gräbelein und fand kein einzig Blättelein, meh! meh!” Als der Schneider das hörte, stutzte er und sah wohl, dass er seine drei Söhne ohne Ursache verstoßen hatte. „Wart,” rief er, „ Du undankbares Geschöpf, dich fortzujagen ist noch zu wenig, ich will dich zeichnen, dass du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr darfst sehen lassen.” In einer Hast sprang er hinauf, holte sein Bartmesser, seifte der Ziege den Kopf ein und schor sie so glatt wie seine flache Hand. Und weil die Elle zu ehrenvoll gewesen wäre, holte er die Peitsche und versetzte ihr solche Hiebe, dass sie in gewaltigen Sprüngen davonlief. Der Schneider, als er so ganz einsam in seinem Hause saß, verfiel in große

Traurigkeit und hätte seine Söhne gerne wieder gehabt, aber niemand wusste, wo sie hingeraten waren. Der älteste war zu einem Schreiner in die Lehre gegangen, da lernte er fleißig und unverdrossen, und als seine Zeit herum war, dass er wandern sollte, schenkte ihm der Meister ein Tischchen, das gar kein besonderes Ansehen hatte und von gewöhnlichem Holz war; aber es hatte eine gute Eigenschaft. Wenn man es hinstellte und sprach: „Tischchen, deck dich!” so war das gute Tischchen auf einmal mit einem sauberen Tüchlein bedeckt und stand da ein Teller, und Messer und Gabel daneben und Schüsseln mit Gesottenem und Gebratenem, so viel Platz hatten, und ein großes Glas mit rotem Wein leuchtete, dass einem das Herz lachte. Der junge Gesell dachte: Damit hast du genug für dein Lebtag, zog guter Dinge in der Welt umher und bekümmerte sich gar nicht darum, ob ein Wirtshaus gut oder schlecht und ob etwas darin zu finden war oder nicht. Wenn es ihm gefiel, so kehrte er gar nicht ein, sondern im Felde, im Wald, auf einer


Wiese, wo er Lust hatte, nahm er sein Tischchen vom Rücken, stellte es vor sich und sprach: „Deck dich!” so war alles da, was sein Herz begehrte. Endlich kam es ihm in den Sinn, er wollte zu seinem Vater zurückkehren, sein Zorn würde sich gelegt haben, und mit dem „Tischchen deck dich” würde er ihn gerne wieder aufnehmen. Es trug sich zu, dass er auf dem Heimweg abends in ein Wirtshaus kam, das mit Gästen angefüllt war. Sie hießen ihn willkommen und luden ihn ein, sich zu ihnen zu setzen und mit ihnen zu essen, sonst würde er schwerlich noch etwas bekommen. „Nein,” antwortete der Schreiner, „die paar Bissen will ich euch nicht von dem Munde nehmen, lieber sollt ihr meine Gäste sein.” Sie lachten und meinten, er triebe seinen Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein hölzernes Tischchen mitten in die Stube und sprach: „Tischchen, deck dich!” Augenblicklich war es mit Speisen besetzt, so gut, wie sie der Wirt nicht hätte herbeischaffen können und wovon der Geruch den Gästen lieblich in die Nase stieg. „Zugegriffen,

liebe Freunde!” sprach der Schreiner, und die Gäste, als sie sahen, wie es gemeint war, ließen sich nicht zweimal bitten, rückten heran, zogen ihre Messer und griffen tapfer zu. Und was sie am meisten verwunderte, wenn eine Schüssel leer geworden war, so stellte sich gleich von selbst eine volle an ihren Platz. Der Wirt stand in einer Ecke und sah dem Dinge zu; er wusste gar nicht, was er sagen sollte, dachte aber: Einen solchen Koch könntest du in deiner Wirtschaft wohl brauchen. Der Schreiner und seine Gesellschaft waren lustig bis in die späte Nacht, endlich legten sie sich schlafen, und der junge Geselle ging auch zu Bett und stellte sein Wunschtischchen an die Wand. Dem Wirte aber ließen seine Gedanken keine Ruhe, es fiel ihm ein, dass in seiner Rumpelkammer ein altes Tischchen stände, das geradeso aussah; das holte er ganz sachte herbei und vertauschte es mit dem Wünschtischchen. Am andern Morgen zahlte der Schreiner sein Schlafgeld, packte sein Tischchen auf, dachte gar nicht daran, dass er ein falsches hätte, und

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ging seiner Wege. Zu Mittag kam er bei seinem Vater an, der ihn mit großer Freude empfing. „Nun, mein lieber Sohn, was hast du gelernt?” sagte er zu ihm. „Vater, ich bin ein Schreiner geworden.” - „Ein gutes Handwerk,” erwiderte der Alte, „aber was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?” „Vater, das beste, was ich mitgebracht habe, ist das Tischchen.” Der Schneider betrachtete es von allen Seiten und sagte: „Daran hast du kein Meisterstück gemacht, das ist ein altes und schlechtes Tischchen.” „Aber es ist ein ›Tischchen deck dich‹,” antwortete der Sohn, „wenn ich es hinstelle und sage ihm, es solle sich decken, so stehen gleich die schönsten Gerichte darauf und ein Wein dabei, der das Herz erfreut. Ladet nur alle Verwandte und Freunde ein, die sollen sich einmal laben und erquicken, denn das Tischchen macht sie alle satt.” Als die Gesellschaft beisammen war, stellte er sein Tischchen mitten in die Stube und sprach: „Tischchen, deck dich!” Aber das Tischchen regte sich nicht und blieb so leer wie ein anderer Tisch,

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der die Sprache nicht versteht. Da merkte der arme Geselle, dass ihm das Tischchen vertauscht war, und schämte sich, dass er wie ein Lügner dastand. Die Verwandten aber lachten ihn aus und mussten ungetrunken und ungegessen wieder heimwandern. Der Vater holte seine Lappen wieder herbei und schneiderte fort, der Sohn aber ging bei einem Meister in die Arbeit. Der zweite Sohn war zu einem Müller gekommen und bei ihm in die Lehre gegangen. Als er seine Jahre herum hatte, sprach der Meister: „Weil du dich so wohl gehalten hast, so schenke ich dir einen Esel von einer besonderen Art, er zieht nicht am Wagen und trägt auch keine Säcke.” „Wozu ist er denn nütze?” fragte der junge Geselle. „Er speit Gold,” antwortete der Müller, „wenn du ihn auf ein Tuch stellst und sprichst: Bricklebrit! so speit dir das gute Tier Goldstücke aus, hinten und vorn.” „Das ist eine schöne Sache,” sprach der Geselle, dankte dem Meister und zog in die Welt. Wenn er Gold nötig hatte, brauchte er nur zu seinem Esel


„Bricklebrit!” zu sagen, so regnete es Goldstücke, und er hatte weiter keine Mühe, als sie von der Erde aufzuheben. Wo er hinkam, war ihm das Beste gut genug, und je teurer je lieber, denn er hatte immer einen vollen Beutel. Als er sich eine Zeitlang in der Welt umgesehen hatte, dachte er: Du musst deinen Vater aufsuchen, wenn du mit dem Goldesel kommst, so wird er seinen Zorn vergessen und dich gut aufnehmen. Es trug sich zu, dass er in dasselbe Wirtshaus geriet, in welchem seinem Bruder das Tischchen vertauscht war. Er führte seinen Esel an der Hand, und der Wirt wollte ihm das Tier abnehmen und anbinden, der junge Geselle aber sprach: „Gebt Euch keine Mühe, meinen Grauschimmel führe ich selbst in den Stall und binde ihn auch selbst an, denn ich muss wissen, wo er steht.” Dem Wirt kam das wunderlich vor, und er meinte, einer, der seinen Esel selbst besorgen müsste, hätte nicht viel zu verzehren; aber als der Fremde in die Tasche griff, zwei Goldstücke herausholte und sagte, er solle nur etwas Gutes für ihn einkaufen, so machte er große Augen, lief

und suchte das Beste, das er auftreiben konnte. Nach der Mahlzeit fragte der Gast, was er schuldig wäre, der Wirt wollte die doppelte Kreide nicht sparen und sagte, noch ein paar Goldstücke müsste er zulegen. Der Geselle griff in die Tasche, aber sein Geld war eben zu Ende. „Wartet einen Augenblick, Herr Wirt”, sprach er, „ich will nur gehen und Gold holen!” nahm aber das Tischtuch mit. Der Wirt wusste nicht, was das heißen sollte, war neugierig, schlich ihm nach, und da der Gast die Stalltüre zuriegelte, so guckte er durch ein Astloch. Der Fremde breitete unter dem Esel das Tuch aus, rief „Bricklebrit!” und augenblicklich fing das Tier an Gold zu speien von hinten und von vorne, dass es ordentlich auf die Erde herabregnete. „Ei, der Tausend!” sagte der Wirt, „da sind die Dukaten bald geprägt! So ein Geldbeutel ist nicht übel!” Der Gast bezahlte seine Zeche und legte sich schlafen, der Wirt aber schlich in der Nacht herab in den Stall, führte den Münzmeister weg und band einen andern Esel an seine Stelle. Den folgenden Morgen in der Frühe zog der

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Infografische Märchenanalysen  

Märchen analysiert und deren Hintergründe, Deutung und Inhalt als Infografik veranschaulicht. Ausschnitt aus meiner Bachelorarbeit im Fach K...

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