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EINBLICK – NEUERUNTERNEHMERGEIST.DE

PLÖTZLICH GEHT ES SCHNELL UND EINFACH Ein Rostocker Startup bringt App auf den Markt, die Personalplanern die Arbeit erleichtert. Schicht- und Einsatzpläne entstehen nun wie von selbst.

sieht „Kunden bundesweit und in der EU“. Es sei klar gewesen, da ist ein großer Bedarf. „Die Firmen warten darauf, dass wir mit der App herrauskommen.“

Es geht auch einfacher. Bisher

Die Software wurde zwar für

mussten Personalplaner viel telefonieren, mailen und warten, um Einsatz- und Schichtpläne in Firmen zu erstellen. In großen Unternehmen funktionierte das nur mit einem zentralen Softwaresystem und war nicht wirklich flexibel. Ein Rostocker Startup, die MVCon Innovationlab GmbH, bringt nun mit KapaflexCy-Vote2Work eine cloudbasierte Software auf den Markt, die es für Firmen jeder Größe leichter macht, den Einsatz von Personal zu koordinieren. Mit dem neuen Tool lassen sich Schicht- und Einsatzpläne schneller und vor allem flexibler erstellen. Von einem sogenannten Meis-

ter-Cockpit können Planer Einsatzanfragen an Mitarbeiter und Dienstleister mit einem Klick schicken. Das in Frage kommende Personal wurde bereits von der Software vorausgewählt. Sie berücksichtigt Vorbedingungen wie die nötige Qualifikation, Urlaubszeiten, vom Mitarbeiter geblockte Tage, die Einhaltung der tariflich festgelegten Arbeitszeiten oder nötige Ruhezeiten. Die Mitarbeiter bekommen die Anfragen direkt auf ihre Smart Phones oder per Email auf ihre

„Neben Eigenkapital der beiden Gesellschafterinnen und privaten Investoren gab es finanzielle Unterstützung von Wirtschaftsförderern.“ Computer. Sie können dann entscheiden, ob sie zu- oder absagen und das ganz einfach per Tastendruck. So kann, wenn beispielsweise eine dringende Anfrage für eine Zusatzproduk-

Industriekunden entwickelt, aber auch für Unternehmen im Dienstleistungssektor, Gesundheitswesen, bei Pflegediensten, in Call-Centern und bei Personaldienstleistern ist das System attraktiv, steht im Business Plan der beiden Gründerinnen. Die Firmen können den Service von MVCon InnovationLab GmbH als Abo-Service buchen.

Katrin Pape (links), Expertin für Technische Kybernetik und Automatisierungstechnik und Julia Janning (rechts), Diplom Mathematikerin – Gründerinnen von KapaflexCy-Vote2Work.

tion oder Sonderschicht hereinkommt, sofort geklärt werden, ob Zusatzarbeit geleistet werden kann und mit welchem Personal sie erledigt werden kann. Die Antworten der Mitarbei-

ter können auf dem Meister-Cockpit auf einen Blick erfasst werden. Darin ähnelt das System dem Kalender-Tool Doodle. Sind die benötigten Zusagen erreicht, ist nur noch eine Schlussentscheidung, wer letztlich eingeteilt wird, zu treffen und eine Bestätigung zu schicken. Was Zeit, Kosten und Nerven spart. Das Programm wurde entwickelt,

um der immer flexibler werdenden Arbeitswelt gerecht zu werden. Ungeplantes im Arbeitsablauf ist mit dem Tool schneller in den Griff zu bekommen, egal ob krankheitsbedingte Ausfälle, Zusatzschichten, Vertretungen, Schichtverlängerungen oder -Verkürzungen. Lukrative und weniger lukrative

Arbeitseinsätze können unter Einbeziehung der Mitarbeiter an ihren mobilen Endgeräten gerechter verteilt werden.

Die Mitarbeiter haben selbst die

Möglichkeit, Anfragen zu stellen, sich für spezielle Wunschzeiten voranzumelden oder andere Arbeitszeiten zu blocken. Sie sehen in dem transparenten System ihre Zeit- und Urlaubskontenstände und ihre hinterlegten Qualifikationen. Für

Planer, Mitarbeiter, Betriebsrat und Personalabteilung ist der gesamte Abstimmungsprozess einsehbar. Der Schichtplan erstellt sich auf diese Weise im Grunde von selbst. Lücken wegen Krankheit von Mitarbeitern können schneller geschlossen werden. Der Gründung ging das dreijährige Forschungsprojekt „KapflexCy“ unter Führung des Fraunhofer IAO voraus. Dabei wurden smarte Hilfsmittel für flexible Produktionsarbeit entwickelt und deutschlandweit bei mittelständischen Unternehmen, unter anderem aus der Automobilzulieferindustrie, getestet. Das Forschungsprojekt lief im Rahmen der Initiative „Industrie 4.0“ – und wurde von dem BMBF mit Fokus auf die Digitalisierung der Wirtschaft initiiert. Während der Laufzeit des Projek-

tes zeigte sich bereits das große Interesse an der kommerziellen Nutzung der Software. Vor allem Firmen, die zum Industriearbeitskreis des Forschungsprojekts gehören, drängten. Das ließen sich die Ingenieurin Katrin Pape, Expertin für Technische Kybernetik und Automatisierungstechnik und Julia Janning, Diplom Mathematikerin, nicht zweimal sagen und entwickelten ein tragfähiges Geschäftsmodell für eine Unternehmensgründung. Aus „KapaflexCy“ wurde „KapaflexCy-Vote2Work“. Pape, die zuvor schon acht Jahre ein eigenes Unternehmen leitete,

Zuerst wird eine Web-App auf den Markt kommen, welche in jedem Webbrowser, egal ob PC oder Smartphone läuft. Kurz darauf sollen native Smart Phone Apps folgen. Der dann folgende Schritt höre sich noch wie Zukunftsmusik an, aber es sei klar, wo es hingeht, so Pape: „Am Ende wird es eine Anbindung an SAP und Zeiterfassungssoftware geben.“ Der Markt für den Software-Service ist groß. Allein in Deutschland arbeiten 24 Millionen Menschen im Schichtbetrieb, sieben Millionen davon in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe. Und die Rostocker sind mit ihrem Produkt bereits in ganz Europa unterwegs. Ihr Unternehmen wurde, so

Janning, „mit einem bunten Blumenstrauß an Finanzierungsbausteinen“ gegründet. Neben Eigenkapital der beiden Gesellschafterinnen und privaten Investoren gab es finanzielle Unterstützung von Wirtschaftsförderern. Zurzeit programmieren noch externe Dienstleister für die Firma. Das könnte sich allerdings schnell ändern, wenn die App auf dem Markt erfolgreich startet. Dann entstehen bei MVCon InnovationLab in Rostock weitere Arbeitsplätze. Text: Christian Litz

FAKTEN Die Anforderungen an eine Schichtplanung haben sich in den vergangen Jahren stark verändert. Der Bedarf an flexiblem Einsatz von Arbeitskräften wächst wegen des stetig steigenden Anteils von Leiharbeitern, Teilzeitbeschäftigten und dem Aufkommen von maximal flexiblen Arbeitszeitmodellen und Arbeitszeitkonten.

FRAGEN AN

NILS THORALF JARCK

Nils Thoralf Jarck, Federführer Existenzgründung und Unternehmensförderung der IHK Schleswig-Holstein

Welche Fehler werden bei der Unternehmensnachfolge am häufigsten gemacht? Es wird zu spät mit dem Übergabeprozess begonnen. Man geht mit überzogenen Unternehmenswertsummen auf Nachfolgesuche. Es gibt keine professionelle Begleitung bei diesem Übergabeprozess bzw. kaum Informationsbeschaffung über Kammern oder ähnliches im Vorwege.

Was geschieht, wenn der Unternehmer bei Fragen der Übergabefähigkeit seines Unternehmens unzutreffende Angaben gemacht hat? Es wird wahrscheinlich zu einer langwierigen juristischen Auseinandersetzung zwischen Übernehmer und Übergeber kommen, die das übernommene Unternehmen unter Umständen an die Grenze der finanziellen Leistungsfähigkeit bringen kann. Dem Käufer empfehlen wir, nur testierte Steuerunterlagen des Verkäufers zu akzeptieren und eine Due Diligence, also eine mit „gebotener Sorgfalt“ durchgeführte Risikoprüfung, erstellen zu lassen.

Wie prüft der Unternehmer die Eignung eines möglichen Nachfolgers am besten? Dieser sollte Spaß am Unternehmersein haben und Branchenkenntnisse mitbringen. Ganz ohne Eigenkapital gelingt die Übernahme trotz guter Förderkulissen auch nicht. Auch die persönliche „Chemie“ zwischen den beiden sollte stimmen.

UNTERNEHMENSNACHFOLGEN IN DEUTSCHLAND

Deutschlandweit steht im Zeitraum 2014–2018 nach Schätzungen des IfM Bonn bei 135.000 Familienunternehmen die Nachfolge an. Rund die Hälfte davon entfallen auf familieninterne Nachfolgen. Handelt es sich um eine externe Nachfolge, kennt weder der Käufer das Unternehmen noch der Übergeber den Käufer gut. Die beim Verkauf typischen asymmetrisch verteilten Informationen stellen eine besondere Herausforderung dar. Ca. 80 % der Nachfolgen in Deutschland sind Schätzungen zufolge altersbedingt begründet. Findet sich für ein übergabereifes Unternehmen kein Nachfolger, muss es geschlossen werden.

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Neues Berlin #1  

Distributed with Die WELT 16th February 2016.

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